Vergleich Bericht-Feature-Reportage


Seminararbeit, 2000

13 Seiten


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Inhalt:

1. Einleitung

2. Bericht Feature Reportage
2.1 Bericht
2.2 Feature
2.3 Reportage

3. Schlussbemerkung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Lokalchef redet von einer tollen Reportage über die Eiserne Hochzeit. Die Redakteure loben den angefietscherten Bericht ,,über die zwei süßen alten Leutchen." Und die Sekretärin versichert mit Verschwörermiene, dass man wirklich ein gutes Feature geschrieben habe. Der letzte Praktikant wäre auf dem Gebiet ja eine absolute Null gewesen und überhaupt. Bericht - Feature - Reportage, die Abgrenzung dieser Darstellungsformen scheint oftmals nicht so einfach.

An Definitionsversuchen fehlt es nicht. La Roche und Wolf Schneider haben sich versucht, ebenso das Autorenkollektiv der Sektion Journalistik an der Karl Marx Universität Leipzig. Trotzdem sind die Begriffe nicht prinzipiell geklärt. Das obige Beispiel erzählt eine erlebte Begebenheit. Es mag ein extremes sein, denn zumeist gibt es in den Redaktionen einen Konsens über das Definieren der Darstellungsformen. Die Arbeit für eine andere Zeitung oder einen anderen Sender bedeutet jedoch oft ein Umlernen. Auch gestaltet sich nicht nur das Abgrenzen von Bericht, Feature und Reportage untereinander in der journalistischen Praxis sehr oft schwierig.

Ebenso wollen die Begriffe an sich erst einmal definiert sein. Spricht man hier von einem Zweispalter, heißt es da Bericht.

Dabei liegt das, was Autoren wie Michael Haller, Walther von La Roche oder Claudia Mast über dieses Thema geschrieben haben oftmals gar nicht so weit auseinander. Das geht manchmal so weit, dass sie die Umschreibungen anderer für ihre eigenen Definitionen journalistischer Termini verwenden. Bestes Beispiel hierfür ist Claudia Mast, die sowohl Passagen von Heinz Pürer als auch von Michael Haller zitiert.

Oftmals scheuen sich die Verfasser der Definitionen auch eine Darstellungsform klar zu umschreiben. Das Feature wird zum Beispiel in einigen Fällen über seine Unterschiede zur Reportage definiert, statt den Begriff an sich klar zu umreißen.

In meiner Arbeit werde ich versuchen die relevanten Unterschiede in den Definitionen journalistischer Darstellungsformen herauszuarbeiten und die Gemeinsamkeiten zu nennen. Wissenschaftliche Literatur, die auch als Lehrmaterial an der Universität Leipzig benutzt wird, habe ich dazu ebenso herangezogen, wie die explizit für den Redaktionsgebrauch geschriebene. Dazu zählen die Bücher von Claudia Mast, Wolf Schneider und Paul Josef Raue und Hermann Sonderhüsken, die ich für meine Arbeit ausgewählt habe. Intermediäre Vergleiche werde ich nicht anstellen und mich auf die für gedruckte Medien definierten Darstellungsformen beschränken.

Spezialfälle und Mischformen von Bericht, Feature und Reportage, wie zum Beispiel

Hintergrundbericht, Magazingeschichte oder Report werde ich nicht in die Betrachtungen mit einbeziehen, da dies Umfang und Rahmen meiner Arbeit sprengen würde. Weiterhin kann der ideologische Journalismus, wie er sich in den Definitionen des Autorenkollektivs der Sektion Journalistik an der ehemaligen Karl - Marx Universität Leipzig widerspiegelt von mir nur äußerst begrenzt behandelt werden. Hier werde ich mich soweit möglich auf den Wortlaut der Definition zurückziehen und den ideologischen Hintergrund nur ausführen, wenn es mir dringend geboten scheint.

Bericht, Feature, Reportage - dies ist die nach Michael Haller logische Reihenfolge, nach welcher ich die Sichtweisen der Autoren auf diese Termini vergleichen werde, nämlich von der objektivsten zur subjektivsten Darstellungsform.

2. Bericht - Reportage - Feature

2.1 Der Bericht

,,Eine Nachricht ist eine Nachricht - ob sie aus zwei Wörtern besteht (...) oder eine ganze Zeitungsseite füllt." Wolf Schneider und Paul Josef Raue gestehen dem Bericht in ihrem ,,Handbuch des Journalismus" nur eine Existenz als abgrenzende Bezeichnung zur einspaltigen Meldung zu. (Schneider/Raue 1996, S. 59) Eine innerredaktionelle Unterscheidung von Nachricht und Bericht sei zum besseren Verständnis zwar sinnvoll, jedoch anfechtbar, wenn damit auch Unterschiede in Inhalt und Form unterstellt würden. Weischenberg sieht dies ähnlich, auch für ihn ist der Bericht nur eine der zwei Formen von Nachrichten. Die andere ist die Meldung, die Kurz - Nachricht mit nicht mehr als 25 Zeilen. Berichte definieren sich demnach vorrangig über ihre Länge, sie sind die sogenannten Mehrspalter. Sie enthalten folgerichtig mehr Details, sind jedoch ebenso aufgebaut wie eine Nachricht. (Weischenberg 1990, S. 25) Herrmann Sonderhüsken setzt den Bericht mit einem Artikel gleich, der etwa 50 Zeilen hat. (Sonderhüsken 1991 S. 20) In der Länge sieht auch Claudia Mast eines der Hauptunterscheidungsmerkmale zwischen Bericht und Nachricht. (Claudia Mast 1991, S.165)

Für Walther von La Roche hingegen ist der ,,Bericht ein Bruder der Nachricht, aber größer und auch schon ein wenig reifer." (La Roche 1999, S. 129) Im Unterschied zu den bereits genannten Autoren geht für ihn die Eigenheit des Berichtes über die bloße Länge hinaus. Denn in dieser Darstellungsform können ,,Zusammenhänge, Vorgeschichte und andere wichtige Aspekte des Themas" berücksichtigt werden, sie ist ,,reifer". Im Aufbau ähnelt der Bericht durchaus der Nachricht, er sollte mit dem Wichtigsten anfangen und danach zum weniger Wichtigen überleiten. Die sogenannten ,,W" - Fragen muss auch der Bericht klären, also wer tat wann was und warum? Aus welcher Quelle habe ich die Information?

Dies geschieht bei einem Bericht in Absätzen und nicht in Sätzen, wie bei einer Nachricht. Der erste Absatz, in welchem die ,,W" - Fragen beantwortet werden, wäre demnach mit dem Lead der Nachricht vergleichbar. Auch für Heinz Pürer spielt die hierarchische Gliederung als Kennzeichen dieser Darstellungsform eine entscheidende Rolle. Dabei bringt er wiederum die Nähe zur Nachricht für seinen Definitionsversuch an: ,,Die Gliederung des Berichtes entspricht der Nachricht nach dem Prinzip des auf den Kopf gestellten Dreiecks." (Pürer 1990, S.75)

Weiterhin gesteht Pürer dem Autor eines Berichtes zu, sich selbst mehr in das Geschriebene einzubringen. ,,[Der Bericht] nimmt (...) manch Atmosphärisches in sich auf und verleugnet die persönliche Handschrift seines Autors auch nicht ganz." (Pürer 1990, S. 74) Dies ist, neben der Möglichkeit Zusammenhänge und Vorgeschichte mit einzubringen, ein Aspekt der größeren Reife, die La Roche dem Bericht gegenüber der Nachricht oder Meldung zuspricht. So soll, darf und muss der Journalist beim Schreiben eines Berichtes das Geschehene eben nicht ,,bis aufs Skelett" reduzieren, sondern seinen Artikel zum Beispiel mit längeren Zitaten auflockern, authentischer machen und beleben (La Roche 1999, S. 129). Für das Autorenkollektiv der Sektion Journalistik ,,lässt der Bericht das Bild des Geschehens aus dem Zusammenwirken seiner Details entstehen. Zugleich erweitert sich der Bereich der Objekte, die in einem Bericht behandelt werden können gegenüber der Nachricht." Nicht nur über aktuell Passiertes kann berichtet werden, sondern gleichsam über ein sich längere Zeit hinziehendes Geschehen oder derzeitige politische Situationen. (Autorenkollektiv Sektion Journalistik 1985, S. 116) Wie viele ihrer bundesdeutschen Kollegen stellt das Autorenkollektiv die Fähigkeit des Berichts heraus, ,,Tatsachenkomplexe", das heißt Zusammenhänge zu behandeln.

Dass der Bericht zu den ,,tatsachenbetonten Darstellungsformen des Journalismus" (Claudia Mast 1991, S.165) gehört, geht aus fast allen von mir gewählten Definitionen hervor. Einzig die Umschreibung im ,,Einführung in die journalistische Methodik" ist hier problematisch. Das Anstreben einer ,,operativen Wirkung" durch das Darstellen für die ,,Gesellschaft [und] für den sozialen Fortschritt wichtige Aspekte" (Autorenkollektiv Sektion Journalistik 1985, S. 116) zeigt, dass hier die Tatsachen nicht unbedingt manipuliert aber doch nach sehr zweifelhaften Kriterien ausgewählt werden. Der Journalist ist in erster Linie Dienstleister und ein Leser hat das Recht so wahrheitsgemäß, wie möglich informiert zu werden. Michael Haller schreibt dazu: Der Bericht soll unstrittige Informationen über Neuigkeiten geben. (Haller 1997, S. 93)

Erhebliche Unterschiede zwischen den Definitionen gibt es auch, wenn es um die verschiedenen Arten des Berichtes geht. So meint Weischenberg, es gäbe den Zitatenbericht, den Tatsachenbericht und den Handlungsbericht. Allen gemein sei, dass das Wichtigste am Anfang stehe. (Weischenberg 1990, S.26/27) Der Zitatenbericht bezieht sich auf wörtliche oder geschriebene Aussagen. Das Wesentliche des Gesagten oder Geschriebenen ist Kern des Artikels und Ausgangspunkt für die Ausführungen des Journalisten.

Der Tatsachenbericht ordnet die Fakten zu einem Thema, zieht Querverbindungen und macht so dem Leser Zusammenhänge deutlich.

Im Handlungsbericht hingegen steht der ,,Ablauf von Ereignissen zu einem konkreten Endpunkt hin" im Zentrum des Interesses. Dieser ,,Endpunkt" ist der Auftakt des Handlungsberichtes.

Das Autorenkollektiv der Sektion Journalistik kennt ebenfalls drei Berichtformen: den Ereignis-, den Prozess-, und den Situationsbericht. (Autorenkollektiv Sektion Journalistik 1985, S. 116 - 120) Als Beispiel für ersteres wird ein Bericht über den Besuch eines Staatsgastes angeführt. Der ,,Verlauf eines aktuellen Geschehens" ist wichtig. Die Einzelheiten können durchaus chronologisch dargestellt werden, jedoch müssen auch bei dieser Form die Fakten gewichtet werden. Details sind im ,,richtigen" Verhältnis zueinander darzustellen und zu verknüpfen. Wäre die Vorgeschichte des oben angeführten Staatsbesuches eine besonders komplizierte, hätte sich zum Beispiel Palästinenserpräsident Arafat in Israel angekündigt, um über die problematischen Beziehungen zwischen Juden und Arabern zu reden, würden die Leipziger Autoren wohl den Prozessbericht für die journalistische Berichterstattung empfehlen. In diesem Typ werden Entwicklungen berichtend abgehandelt, die Voraussetzungen für ein aktuelles Ereignis oder allgemeiner eine sich derzeit ergebende Konsequenz sind Thema. Warum sind die palästinisch - israelischen Beziehungen in diesen Tagen so schlecht? Diese Frage könnte der ,,rote Faden" eines Prozessberichtes sein. Darüber hinaus soll der Prozessbericht dem Leser helfen aus der Vergangenheit zu lernen und bereits passierte Fehler in Zukunft zu vermeiden. Diese Ansicht ist aus naheliegenden Gründen problematisch. Ein Bericht soll den Leser informieren und ihn nicht belehren. Die Meinung des Journalisten oder einer Staatsmacht hat in einem solchen Text nach heutigem publizistischem Berufsverständnis jedenfalls nichts verloren.

Dem Leser einen Überblick verschaffen, das ist die Aufgabe des Situationsberichtes.

Prozesse, Tatsachen und Ereignisse, die nebeneinander ablaufen, werden in ihm erfasst. Dabei soll gezeigt werden ob und wie sich diese Faktoren gegenseitig beeinflussen und welche

Folgen dies hat. Bedeutsam ist, dass der Journalist im Situationsbericht nicht analysiert sondern eben über die derzeitige Situation berichtet.

Ein Vergleich zwischen den vom Leipziger Autorenkollektiv und den von Weischenberg definierten Berichtformen gestaltet sich schwierig, da zum Beispiel Elemente sowohl des Ereignis- als auch des Prozessberichtes im Handlungsbericht wiederzufinden sind. Denn in diesem ist der Prozess der Handlung hin zum ,,Endpunkt" ebenso Bestandteil, wie das Ereignis an sich. Ferner sollen in jeder der drei Leipziger Berichtformen Tatsachen gewichtet und entsprechend der Absicht des Autors dargestellt werden. Das Ordnen von Fakten ist bei Weischenberg Aufgabe des Tatsachenberichtes. Dies geschieht jedoch nicht unter dem Gesichtspunkt einer ideologisch motivierten journalistischen Intention. Die Definitionsversuche bundesdeutscher Autoren und die der DDR - Journalisten gehen von völlig unterschiedlichen Prämissen aus, stellen an die Darstellungsform Bericht völlig andere Anforderungen.

Jedoch lässt sich sagen, dass die Sektion Journalistik eine Berichtform ähnlich dem

Zitatenbericht nicht kennt. Daneben ist der Aufbau eines Berichtes für das Autorenkollektiv nicht so streng geregelt, wie für Weischenberg: ,,Der Bericht ist nicht an bestimmte (...) Strukturen gebunden. Der Autor hat hier entsprechend seinem Grundanliegen (...) die vielfältigsten (...) Möglichkeiten: nachrichtlicher Beginn, (...), rein chronologisches Verfahren, bewusster Aspektwechsel, Rückblenden..." (Autorenkollektiv Sektion Journalistik 1985, S. 125)

Abschließend ist zu bemerken, dass viele Autoren den Bericht vor allem durch seine Unterschiede zur Nachricht definieren. Während die hauptsächlich für den redaktionellen Gebrauch geschrieben Bücher, zum Beispiel von Schneider und Raue oder Sonderhüsken ihn dabei überwiegend durch seine Länge von der Nachricht abgrenzen, gestehen ihm Walter von La Roche, Heinz Pürer und andere auch eine etwas lockerere Schreibe und belebende Elemente zu. Allen gemein ist die Ansicht, das der Bericht Tatsachen möglichst objektiv darstellt.

Die Definitionen des Autorenkollektivs von der Karl Marx - Universität bilden hierbei zwangsläufig eine Ausnahme. Ihrem Selbstverständnis nach waren Journalisten in der DDR zuerst Agitatoren und danach erst Informierende. Wirklich meinungsfreie Berichterstattung konnte es deshalb nicht geben.

Selbst der ,,dominant informatorische Charakter" (Autorenkollektiv Sektion Journalistik 1985 S.120)eines Berichtes wurde dazu genutzt, die Bürger mit der sozialistischen Ideologie vertraut zu machen und diese unmittelbar in ihren Köpfen zu verankern. Der Vorschlag den

Situationsbericht als Mittel zu nutzen, die ,,menschenfeindlichen Zustände in kapitalistischen

Ländern" (Autorenkollektiv Sektion Journalistik 1985 S. 119) zu entlarven, zeigt, dass es den Schreibenden hier vorrangig um Kampf ging und nicht zwangsläufig um Information.

2.2 Das Feature

Situationen und Zusammenhänge exemplarisch zeigen - dies fordert Michael Haller in seinem Schaubild der berichtenden Darstellungsformen von einem Feature. (Haller 1997, S.93) Am Beispiel soll das Allgemeine deutlich gemacht werden, die ,,Details dienen dazu den Blick auf das Wesentliche zu öffnen"(Claudia Mast 1991, S. 173) Ein solcher Text macht es beispielsweise möglich mit einer Vielzahl szenischer Mittel zu arbeiten. So beschreibt auch Sonderhüsken das Feature als einen ,,sehr lebhaft geschriebenen Text"(Sonderhüsken 1991, S. 44).

Deshalb halten einige Autoren das Abgrenzen zur Reportage für besonders notwendig. ,,Die Reportage hält sich an den tatsächlichen Vorgang, an den Augenschein, das Feature analysiert das Dahinter - und dies möglichst illuster" (Pürer 1990, S. 82). Reportage oder Feature fragt Walther von La Roche in ,,Einführung in den praktischen Journalismus". Er unterscheidet folgendermaßen: ,,Ein Feature - Schreiber ist (...) mehr als nur Reporter; er schildert zwar, ergänzt aber die Beschreibung durch sein Wissen." (La Roche 1999, S. 139) Die Ähnlichkeiten von Feature und Reportage sind offensichtlich. Beide Darstellungsformen nutzen die subjektive Wahrnehmung einer Person um etwas anschaulich zu machen oder zu zeigen. Im nächsten Kapitel werde ich dies für die Reportage noch deutlich machen. Natürlich sollen die vermittelten Informationen in einem Feature intersubjektiv überprüfbar, eben allgemein sein. Das Wesen dieser Textart vermittelt dem Leser jedoch das Gefühl durch die Augen eines anderen Menschen zu sehen. Dies würde ihm beim Lesen eines Berichtes nicht passieren, weil hier nur Tatsachen geschildert werden, die ,,von mehreren Zeugen bestätigt wurden" (Haller 1997, S. 90).

Die Ansicht von Schneider und Raue, ein Feature habe ,,frei von subjektivem Schmus" zu sein, widerspricht den Meinungen der anderen Autoren nicht (Schneider/Raue 1996, S. 101). Denn die Meinung des Journalisten hat auch in einem Feature keinen Platz , es stützt sich wie bereits angeführt auf Tatsachen.

Ein weiterer Aspekt des Features ist, dass es ein Thema ,,profilieren, ja herausstellen soll." (La Roche 1999, S.139) Das Charakteristische eines Sachverhaltes soll in einem solchen Artikel zum Vorschein kommen. Daher ist ein ,,ständiger Wechsel zwischen Anschauung und Abstraktion, Schilderung und Schlussfolgerung" kennzeichnend. Dabei verwendet der

Schreiber ,,alle journalistischen Stilmittel". Schließlich soll das Thema möglichst ,,anschaulich, bildhaft und facettenreich vermittelt" werden (Claudia Mast 1991, S.173). Hierin liegt eine weitere Gemeinsamkeit mit der Reportage. Wie diese kann das Feature zum Beispiel das Nennen vieler Details nutzen, um das Geschriebene authentischer wirken zu lassen. Auch dazu mehr im nächsten Kapitel.

Nicht- tagesaktuelle Medien verwenden häufig Features, um Informationen zu verarbeiten und zu vermitteln. Der Grund dafür liegt im Wesen dieser Darstellungsform begründet : Zwar braucht das Feature - Thema meist einen aktuellen Aufhänger. Der ist jedoch nur ,,Anlass für eine ausführlichere und gründlichere Darstellung des Themas". (Weischenberg 1990, S. 162). Denn ein wöchentlich erscheinendes Nachrichtenmagazin wie der ,,Spiegel" wird es Aktualität kaum mit einer Tageszeitung aufnehmen können. Daher konzentriert es sich auf das Darstellen von Hintergründen, auf das Analysieren. Hierfür ist das Feature geradezu prädestiniert. Und das ist ein weiteres Charakteristikum, welches es mit der Reportage teilt. Auch diese ist eine häufige Textform in Medien wie ,,Zeit", ,,Focus", ,,Stern" und ,,Spiegel, weil sie keine Tagesaktualität fordert.

Wie in einem Bericht müssen in einem Feature die sieben ,,W" - Fragen beantwortet werden. Zusätzlich sollte ein solcher Text aber klären, welche Perspektive eröffnet oder welche Schlussfolgerung gezogen werden kann (Weischenberg 1990, S. 161). Schreibt der Journalist ein Feature über Fahrradversicherungen, dann möchte der Leser erfahren, welche die billigste ist. Das Feature weist also nicht nur Ähnlichkeiten zur Reportage sondern auch zum Bericht auf. Neben dem Anspruch die ,,W" -Fragen zu beantworten, auch die bereits angerissene unbedingte Faktentreue. Nach Haller ist das Feature sogar eher mit dem Bericht als mit der Reportage verwandt, denn das Feature setzt ,,trockenen Nachrichtenstoff um in lockere und interessante Beschreibung. " (Haller 1997, S. 80)

,,Wenn überhaupt nichts los ist, darf man sogar das Wesen der Feuerwehr definieren", schreiben Schneider und Raue (Schneider/Raue 1996, S. 101) So beliebig wie die Themen eines Features sind, so beliebig sind oftmals auch die Textformen, die in deutschen Redaktionen als Feature bezeichnet werden. Davor warnt Michael Haller besonders , weil die Gefahr besteht, dass sich ,,funktionsdefinierte Formen und Techniken" auflösen (Haller 1997, S. 77). Doch selbst den hier angeführten Autoren gelingt es nicht das Feature klar zu definieren, die Grenzen zum objektiveren Bericht und zur subjektiveren Reportage sind einfach zu oft fließend. ,,Eine genaue Definition des Begriffes Feature fällt (...) schwer", gesteht sich Heinz Pürer in ,,Praktischer Journalismus" selbst ein (Pürer 1990, S. 166). Im ,,Einführung in die journalistische Methodik" ist dagegen keine Feature - Definition vorzufinden. Möglicherweise ist einer der Gründe für das Fehlen dieser Darstellungsformen der, dass sich nach sozialistischem publizistischem Selbstverständnis ,,Gesetzmäßiges der sozialistischen Gesellschaft" (Autorenkollektiv Sektion Journalistik 1985 S. 178) zum Beispiel auch in der Reportage widerspiegelt. Zudem war der Bedarf an anschaulich gemachten Service - Informationen vergleichsweise gering. Konkurrierende Unternehmen gab es nicht, ein Gegenüberstellen der Tarife verschiedener Fahrradversicherungen zum Beispiel wäre weder möglich noch sinnvoll gewesen.

2.2 Die Reportage

,,Der Journalist muss sich zu den Betroffenen in den Rollstuhl setzen." (Pürer 1990, S. 140) Dabei soll der Leser das Gefühl haben, er hätte dem Journalisten über die Schulter geschaut. (Pürer 1990, S. 138) Die Reportage berichtet demnach aus einem deutlich subjektiveren Blickwinkel als Bericht und Feature, sie ist für das Leipziger Autorenkollektiv ,,immer ein Augenzeugenbericht(Autorenkollektiv Sektion Journalistik 1985 S. 177), Haller ordnet die Reportage in seinem Schema der berichtenden Darstellungsformen dort an, wo der höchste Grad an Subjektivität erreicht ist. ( Haller 1997, S. 93) Jeder, der von mir verglichenen Autoren teilt im Grundsatz diese Meinung; um eine Reportage schreiben zu können, ist es nötig, dass der Journalist ,,seine Sinne gebraucht; (...), er muss Sprachklischees beiseite schieben, den kräftigen Bildern vertrauen, den Zitaten." ( Schneider/Raue 1996, S. 104) Doch damit ist für Michael Haller keine wirkliche Definition geleistet. ,,Je nach Thema gilt das alles doch auch für jeden ausführlichen Bericht", zitiert er zustimmend Teilnehmer zu einer ähnlichen Umschreibung von Walther von La Roche . (Haller 1997, S. 68) Er kritisiert die Versuche eine ,,geradezu nominalistische Definition" aufzustellen und bietet statt dessen einen funktionalen Erklärungsansatz. Von den besonderen Eigenheiten des Mediums, vom Thema, von der journalistischen Absicht und auch von den Erwartungen der Leserschaft hänge es ab, ob die Reportage in einem speziellen Fall funktioniert oder ob der Journalist nicht besser eine andere Darstellungsform verwenden sollte. (Haller 1997, S. 69-71) Dieser funktionale Ansatz scheint den Thesen sozialistischer Journalisten ähnlich zu sein. In welchem oder in wessen Sinn soll die Reportage funktionieren? Hat die Absicht des Journalisten in der von Haller selbst als berichtenden Darstellungsform (Haller 1997, S. 93) gekennzeichneten Reportage etwas zu suchen? Und auch der letzte Punkt seiner ,,vier ,,Hauptfragen"" (Haller 1997, S. 71) könnte einem Leipziger Kriterium ähneln: Hier die Erwartungen der Leser dort die Erwartungen der Partei. Hier das Unterwerfen unter ideologische Zwänge, dort unter den Verkaufszwang?

Das soll der Reporter gerade nicht. ,,Keinesfalls Zielgruppenschreibe" fordert Haller. (Haller 1997, S. 70) sondern, das der Leser eine Reportage vorfindet, wenn ein Text als solche tituliert ist und keinen Bericht (,,...Reflexion über die von Lesererwartungen geprägte Vermittlungsleistung." Haller 1997, S. 70) Ebenso steht die journalistische Intention in Hallers ,,Die Reportage" ausschließlich im Dienste des Vermittelns. Der Autor soll mit seinem Artikel nicht beweisen, ,,dass alle Probleme so gelöst werden, wie es dem Wesen des Sozialismus [oder irgendeiner anderen Ideologie, Anm. D. S.] entspricht." (Autorenkollektiv Sektion Journalistik 1985, S. 182) Vielmehr soll er genauestens überlegen und abwägen, wie er mit gewonnenen Eindrücken, mit dem Gesehenen umgeht. Schließlich können Werte und Einstellungen geschilderter Personen und Gruppen bewusst verletzt werden, gerade wenn der Journalist selbst einer Ideologie Ausdruck gibt. Die Reportage funktioniert in dem Sinne, als das sie den Leser am Geschehen teilhaben lässt. (Haller 1997, S. 63)

Wie Bericht und Feature muss auch die Reportage das Kriterium der Wahrhaftigkeit erfüllen. ,,Ein derart superpersönlicher Erlebnis bericht ist die subjektivste aller Berichtformen. Ist er deshalb weniger wahr?" (Haller 1997, S. 91) Auch Weischenberg, der in der Reportage die ,,klassische Unterhaltungsdarstellungsform" sieht, meint damit nicht, dass der Reporter das Recht hat, seine Meinung zu verkünden. (Weischenberg 1990, S. 29) Vielmehr tragen das Verwenden vieler erzählender Stilmittel, die Fülle an Einzelheiten und das Wechseln der Beobachterperspektive zu größerer Leselust, zur Unterhaltung bei. Schneider und Raue illustrieren die Lust an der Reportage mit einem Satz des Chefs von AP - Deutschland, Peter

M. Gehrig: ,,Die reine Nachricht liest doch keiner mehr!" (Schneider/Raue 1996, S. 107) Zur Beliebtheit von Reportagen tragen, wie geschrieben, viele journalistische Stilmittel, Detailfülle und anderes bei - Parallelen zum Feature sind offensichtlich. Eine weitere Gemeinsamkeit ist die des Wechsels. Bei der Reportage geschieht dies jedoch nicht zwischen ,,Schilderung und Schlussfolgerung" (Claudia Mast 1991, S.173) sondern zum Beispiel zwischen verschiedenen Perspektiven, Naheinstellung und Gesamtsicht, Zeitformen und zwischen formalen Mitteln. (Pürer 1990, S. 141) Schneider und Raue heben das Ändern der Perspektive als besonders bedeutsam hervor. Dies soll ,,Spannung, wie in einem elektrischen Feld erzeugen." (Schneider/ Raue 1996, S. 112) Sie stellen ein Beispiel des Journalisten Gerhard Krug als mustergültig vor, welcher 1980 über die Krönung von Beatrix zur Königin der Niederlande berichtete. Der Zeremonie stellte er zum selben Zeitpunkt in Amsterdam erlebte Straßenschlachten gegenüber. Ein Wechsel zwischen verschiedenen Zeitebenen hält das Leipziger Autorenkollektiv für eine gute Möglichkeit, Entwicklungen darzustellen. (Autorenkollektiv Sektion Journalistik 1985 S. 181)

Zu einer guten Reportage reicht es trotzdem noch nicht. ,,Dramatik" soll sie haben, so Sonderhüsken, (Sonderhüsken 1991, S. 108) Bewegung nennen dies Schneider und Raue; ,,ich muss den Leser von A nach B mitnehmen". Um dies zu erreichen gebe es verschiedene Möglichkeiten. ,,Erzähle ich ein Ereignis, das in der Zeit abläuft, einen Hergang, so ist dies das simpelste und dankbarste Rezept..." (Schneider/Raue 1996, S. 111) Es sei auch möglich den Text mit einer überraschenden Feststellung ( Arm zu sein ist lustig! Anm. D. S.) zu eröffnen und den Leser Schritt um Schritt dorthin zu führen. Der Journalist könne sich aber auch zu einer ,,populären Meinung" bekennen, dies jedoch sofort mit dem Hinweis er Habe umlernen müssen, widerrufen. Dann kann er den Leser wie auf einer Reise mitnehmen, ihn seinen Erkenntnisprozess erleben lassen. Auch für La Roche ist es ein wichtiges Merkmal der Reportage, das sie im Gegensatz zum Bericht nicht hierarchisch, sonder dramaturgisch gestaltet ist. (La Roche 1999, S. 137)

Wie bei den Definition von Bericht und Feature, fällt auch eine konkrete Umschreibung der Darstellungsform Reportage schwer. ,,Die meisten der Lehrbuch - Autoren (...)brechen sich die Finger ab..." schreibt Haller dazu.(Haller 1997, S. 69) Ihr Fehler sei es, zu versuchen die Reportage in Grenzen zu zwängen, die es in der Realität nun einmal nicht gebe. Folgerichtig bezeichnet er seinen Versuch als Annäherungen, als ein Einkreisen. (Haller 1997, S. 61) ,,So in etwa könne man journalistisch der Reportage näher kommen", heißt es in ,,Die Reportage". (Haller 1997, S. 72) Auch La Roche stellt die Frage: Feature oder Reportage? (La Roche 1999, S. 139)und zitiert auch gleich einen Grenzfall.

Viele unterschiedliche Herangehensweisen an das Umschreiben und vor allem das Definieren der Reportage gibt es. La Roche fasst sie unter anderem mit dem Bericht unter ,,Weitere informierende Darstellungsformen"(La Roche 1999, S. 129) , während sie für Haller zu den beschreibenden zählt.

Letztendlich geht es jedoch allen darum zu erzählen und den Leser mitzunehmen hinter Barrieren, hinter die er normalerweise kaum schaut.(Haller 1997, S. 33) ,,Der Journalist entdeckt für den Leser Tätigkeiten, die dieser häufig aus einer derartigen Sicht nicht kennt..." (Autorenkollektiv Sektion Journalistik , S. 185). Dabei gilt jedoch die Regel: ,,Für offene Augen, konkrete Sprache und die Wahrheit gibt es keinen Ersatz." (Schneider/Raue 1996, S.113)

Das die Arbeitsweise sozialistischer Journalisten mit dieser Ansicht kollidieren musste, ist allzu offensichtlich und soll an dieser Stelle nur der Vollständigkeit halber erwähnt werden. Sie waren angewiesen, ,, die Bedeutung von Handlungen, Prozessen und Zusammenhängen parteilich zu bewerten." (Autorenkollektiv Sektion Journalistik 1985 S. 178)

3. Schlussbemerkung

Würden Lokalchef, Redakteure und Sekretärin nach dem Lesen dieser Arbeit einer Meinung über den von mir geschriebenen Artikel sein? Schwer zu sagen, wahrscheinlich nicht. Die Abgrenzung zwischen den einzelnen Darstellungsformen ist einfach zu schwierig und wäre auch praxisfern. Darin sind sich die Lehrbuch - Autoren einig, zumindest scheint es so, wenn sie zur Definition des Features häufig die Abgrenzung zur Reportage suchen, statt es selbst eindeutig zu umschreiben.

Ein wirkliches Problem stellte das Vergleichen westlicher und sozialistischer Definitionsversuche dar. Nach dem kritisch-dialektischen Ansatz des Wissenschaftstheoretikers Thomas Kuhn ist das Diskutieren unterschiedlicher Wissenschaftsauffassungen meist sinnlos, weil sie von zu unterschiedlichen Voraussetzungen und Grundnormen ausgehen. Trotzdem lässt sich sagen: Man kann die formalen Mittel vergleichen, die sind oft die gleichen oder zumindest ähnlich. Und: Dem Anspruch auf Wahrhaftigkeit oder gar Wahrheit, wie es die SED gern verkündete, kann ein Journalist nicht nachkommen, wenn er sich dafür die Ereignisse zurechtbiegen muss. Nicht aus der Lust an Selbstdarstellung aber schon gar nicht durch das Akzeptieren einer nicht nachgewiesenen, ominösen ,,höheren" Wahrheit.

4. Literaturverzeichnis

Autorenkollektiv der Sektion Journalistik der Karl Marx - Universität Leipzig: Einführung in die journalistische Methodik. Leipzig: VEB Bibliographisches Institut, 1985

Haller, Michael: Die Reportage. Ein Handbuch für Journalisten. 4., überarbeitete Auflage. Konstanz: UVK Medien, 1997

von La Roche, Walter: Einführung in den praktischen Journalismus. 15. Auflage. München: List Verlag, 1999

Mast, Claudia (Hrsg.): Journalismus für die Praxis. Ein Leitfaden für die Redaktionsarbeit. Hohenheim: Universität Hohenheim, Fachgebiet KMW/Journalistik, 1991

Pürer, Heinz: Praktischer Journalismus. 3. Auflage. Salzburg, 1990

Schneider, Wolf; Raue, Paul - Josef: Handbuch des Journalismus. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag GmbH, 1996

Sonderhüsken, Hermann: Kleines Journalisten - Lexikon. Fachbegriffe und Berufsjargon. München: Verlag Ölschläger GmbH, 1991

Weischenberg, Siegfried: Nachrichtenschreiben. 2. Auflage. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1990

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Vergleich Bericht-Feature-Reportage
Hochschule
Universität Leipzig
Veranstaltung
Seminar: Journalistische Darstellungsformen
Autor
Jahr
2000
Seiten
13
Katalognummer
V97702
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vergleich, Bericht-Feature-Reportage, Seminar, Journalistische, Darstellungsformen
Arbeit zitieren
Daniel Schulz (Autor), 2000, Vergleich Bericht-Feature-Reportage, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97702

Kommentare

  • Gast am 13.4.2002

    Ganz okay.

    Okay, das Ganze

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Titel: Vergleich Bericht-Feature-Reportage



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