"Das Gestern lügt und nur das Heut´ ist wahr". Lebensanschauung des Ästheten in Hofmannsthals Proverbe "Gestern"


Seminararbeit, 2000
14 Seiten, Note: 2+

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Inhalt

Hinführung

Aufbau

Andreas Lebensanschauung
Jung-Wiener Generationenproblem
Nietzsche
Ernst Mach
Andreas These
Leben als Kunstwerk

Die Wende

Fantasio als Gegenbeispiel

Resumé

Hinführung

Hugo von Hofmannsthal ist dafür bekannt, aktuelle Probleme seiner Zeit in literarischen Formen vergangener Epochen zu behandeln. Bedient er sich im ,,Schwierigen" der Komödie

Molières und im ,,Jedermann" der barocken Allegorie so ist es bei ,,Gestern" das von Alfred de Musset in der französichen Romantik entwickelte Genre des Proverbe dramatique. In dessen Stücken wird eine These anhand einer Versuchsanordnung einer Prüfung unterzogen. Das Resultat ist in der Regel die Widerlegung der ursprünglichen Aussage. Ist bei Alfred de Musset der Titel des Dramas gleich der zu widerlegenden These, erscheint diese bei Hofmannsthal im Titel elliptisch verkürzt1. So nennt de Musset sein berühmtestes Proverbe ,,On ne badine pas avec l´amour". Hofmannsthals Titel ,,Gestern" erfährt erst im Stück seine Ausformulierung zur These, wenn Andrea behauptet: ,,Das Gestern lügt und nur das Heut´ ist wahr."2

Aufbau

Die kurze ,,Dramatische Studie in einem Akt in Versen" ist in zehn Szenen unterteilt. Szene eins mit fünf dienen hauptsächlich der Darstellung der Lebensphilosophie des ,,Helden" Andrea. Gleichzeitig wird dem Leser die Versuchsanordnung mitgeteilt: Andreas These soll anhand Arlettes Untreue geprüft werden. Die aus Andreas Unwissenheit ob Arlettes Untreue entsehende dramatische Ironie ist das einzige dramatische Element des Stückes. In etwa in der Mitte der Studie, in den Szenen sechs und sieben, beginnt Andrea den Betrug zu realisieren. Die folgenden Szenen acht mit zehn beschreiben Andreas Reaktion auf diese Erschütterung seiner Philosophie.

Andreas Lebensanschauung

Jung-Wiener Generationenproblem

Das Stück beginnt mit einer ausführlichen Regieanweisung. Detailverliebt wird ein Gartensaal der untergehenden Renaissance beschrieben. Vor das geistige Auge des Lesers tritt jedoch nicht so sehr ein originaler Renaissancesaal als vielmehr die Imitation dessen im Wien des 19. Jahrhunderts3. Somit ist die Kulisse, vor der Andrea sich bewegt, dieselbe als die, vor der sich die Schriftstellergeneration der Jung-Wiener vorfand und für deren Eklektizismus und überbordenden Dekorationswahn die in der Gründerzeit erbaute Ringstraße mit ihren Kultur einseitig manifestierenden Monumentalbauten als Symbol gilt.4 Andrea ist die Personifizierung des Ästheten und lebt in exemplo die Grundbefindlichkeiten der jung-wiener Generation vor. Sein Reden dient nicht dem Fortgang einer dramatischen Handlung, sondern der Vorstellung einer ästhetischen Lebensphilosophie: Erdrückt von den Werken der Alten, aufgewachsen in einer Kultur der wahllosen, bildungsbürgerlich-spießigen Epochenmélange, flüchten sich die ,,Spätgeborenen"5 in die einzige Sphäre die ihnen bleibt, das innere Selbst. Ihnen bleiben zwei Wege aus der Malaise auf der Suche nach dem ,,Notwendigen" und ,,Unbedingten":,,die Analyse des Lebens und die Flucht aus dem Leben. Gering ist die Freude an Handlung, am Zusammenspiel der äußeren und inneren Lebensmächte, am Wilhelm- Meisterlichen Lebenlernen und am Shakespearischen Weltlauf. Man treibt Anatomie des eigenen Seelenlebens oder man träumt"6.

Nietzsche

Nietzsche beschreibt diesen Zustand der Befreiung in seinen ,,Unzeitgemäßen Betrachtungen"

,,Wen n ein Glück, wenn ein Haschen nach neuem Glück in irgend einem Sinne das ist, was den Lebenden im Leben festhält und zum Leben fortdrängt, so hat vielleicht kein Philosoph mehr Recht als der Zyniker: denn das Glück des Tieres, als des vollendeten Zynikers, ist der lebendige Beweis für das Recht des Zynismus. Das kleinste Glück, wenn es nur ununterbrochen da ist und glücklich macht, ist ohne Vergleich mehr Glück als das größte, das nur als Episode, gleichsam als Laune, als toller Einfall, zwischen lauter Unlust, Begierde und Entbehrung kommt. Bei dem kleinsten aber und bei dem größten Glücke ist es immer eins, wodurch Glück zum Glücke wird: das Vergessen - können oder, gelehrter ausgedrückt, das Vermögen, während seiner Dauer unhistorisch zu empfinden. Wer sich nicht auf der Schwelle des Augenblicks, alle Vergangenheiten vergessend, niederlassen kann, wer nicht auf einem Punkte wie eine Siegesgöttin ohne Schwindel und Furcht zu stehen vermag, der wird nie wissen, was Glück ist, und noch schlimmer: er wird nie etwas tun, was andere glücklich macht. Denkt euch das äußerste Beispiel eines Menschen, der die Kraft zu vergessen gar nicht besäße, der verurteilt wäre, überall ein Werden zu sehen: ein solcher glaubt nicht mehr an sein eigenes Sein, glaubt nicht mehr an sich, siegt alles in bewegte Punkte auseinander fließen und verliert sich in diesem Strome des Werdens: er wird wie der rechte Schüler Heraklits zuletzt kaum mehr wagen, den Finger zu heben. Zu allem Handeln gehört Vergessen: wie zum Leben alles Organischen nicht nur Licht, sondern auch Dunkel gehört. Ein Mensch, der durch und durch nur historisch empfinden wollte, wäre dem ähnlich, der sich des Schlafens zu enthalten gezwungen würde, oder dem Tiere, das nur vom Wiederkäuen und immer wiederholten Wiederkäuen fortleben sollte. Also: es ist möglich, fast ohne Erinnerung zu leben, ja glücklich zu leben, wie das Tier zeigt; es ist aber ganz und gar unmöglich, ohne Vergessen überhaupt zu leben. Oder, um mich noch einfacher über mein Thema zu erklären: es gibt einen Grad von Schlaflosigkeit, von Wiederk ä uen, von historischem Sinne, bei dem das Lebendige zu Schaden kommt und zuletzt zugrunde geht, sei es nun ein Mensch oder ein Volk oder eine Kultur."7

Innerer Eskapismus findet sich hier gepaart mit Negation von Zeitlichkeit , Vergangenheit wird mit Lüge, Gegenwart mit Wahrheit gleichgesetzt. Andrea sieht sein Heil in der Flucht in eine radikale Gegenwartsgläubigkeit, die ihn vor historischem Ballast und Handlungsunfähigkeit befreien soll. Das wahre Leben liegt für ihn im Ausleben des Augenblicks. Arlettes Einwände beachtet er nicht.

,,ARLETTE

Nimm dich in acht, der Glaube ist gefährich!

ANDREA

O nein, nur schön und kühn, berauschen ehrlich,

Er spület fort, was unsern Geist umklammert,

Als Rücksicht hemmt und als Gewissen jammert."8

Wichtig hierbei ist , dass er sich den Zustand, den er als Lösung seiner Identitäts - und Lebensprobleme anstrebt, immer wieder selbst auf eine redundante Weise vorpredigt.

Ernst Mach

,, Leiser

Es ist ja Leben stummes Weiterwandern

Von Millionen, die sich nicht verstehn,

Und wenn sich jemals zwei ins Auge sehn,

So sieht ein jeder sich nur in dem andern."9

Es besteht keine Möglichkeit der Kommunikation zwischen Menschen, es existiert keineKontinuität in ihren Beziehungen untereinander, ein jeder ist einsam. Durch dieSubjektivierung alles Objektiven, der Hereinnahme der Welt in das Ich, lebt jeder auf seiner eigenen Isolationswelt, gezwungen zur ewigen Selbstanalyse, denn es existiert ja nichts außer dem Selbst. Dieses ist eine negativ-pessimistische Interpretation des Phänomens der Ausweitung des Ichs in die Welt, die Ernst Mach in seinen ,,Antimetaphysichen Vorbemerkungen" beschreibt. ,,Verbindung von Positivismus und Impressionismus"10 könnte als Überschrift über das Werk Machs gestellt werden. Machs ,,Antimetaphysische Vorbemerkungen" sind hierbei nicht das theoretisches Fundament für die Ideen Hofmannsthals. Mach bot vielmehr eine erste greifbare Formulierung an für ein Phänomen, das in der Luft lag und alle Vertreter Jung-Wiens beschäftigte: Die Dekomposition des Ich sowohl in Zeit als auch in Raum. Das Verschwinden der Einheit und Begrenzbarkeit des Ichs.

Das Infragestellen des wollenden, einheitlichen, eingegrenzten, zeitlich kontinuierlichen Subjekts ist das Thema der Literatur der Wiener Moderne wie auch der wissenschaftlichen Schriften dieser Zeit. Ernst Mach gab diesem Empfinden als erster ein theoretisches Gerüst.Indem er sowohl die innere als auch die äußere Welt aus gleichartigen Elementen derEmpfindung und Wahrnehmung aufgebaut sieht deren verschiedene Kombinationen sowohl die innere wie auch die äußere Wirklichkeit konstituieren, beschreibt er als erster das Ich als ,,keine unveränderliche, bestimmte scharf begrenzte Einheit"11. Das Ich zerfällt, ähnlich wie die wahrgenommene Welt, in einzelne Wahrnehmungspartikel und ist nunmehr lediglich ein ,,Bündel von Empfindungen", denn: ,,Nicht das Ich ist das Primäre, sondern die Elemente (Empfindungen)"

,,Es gibt nichts als Verbindungen von Farben, Tönen, Wärmen, Drücken, Räumen, Zeiten, und an all diese Verknüpfungen sind Stimmungen, Gefühle und Willen gebunden. Alles ist in ewiger Veränderung".12

Andreas These

Sowohl die Gegenwartsorientierung Nietzsches Lebensbegriffes als Werkzeug zur Überwindung alles historischen Ballasts, als auch Machs Konzept der Realität als pures, nicht zeitlich kontinuitliches Zusammentreffen von Sinneswahrnehmungen und Reizen führen zu Andreas These hin: "Das Gestern lügt und nur das Heut ist wahr." Hofmannsthals ,,Held" Andrea hat Mach und Nietzsche gelesen, aber er mag sie nicht, er will sie mögen. Denn ,,gerade die scheinbare Leichtigkeit dieser Existenz offenbart ihre Problematik, denn worin, in all dem Vorüberziehen einander gleichwertiger und damit auch gleichgültiger Erscheinungen, kann sich das >eigentliche Leben< auf Dauer manifestieren?13

,,...Es gärt in mit ein ungestümes Wollen,

Nach einem Ritt, nach einem wilden, tollen...

So werde ich nach meinem Pferde rufen:

Es keucht, die Funken sprühen von den Hufen,

Was kümmerts mich, die Laune ist gestillt!

Ein andermal durch meine Seele quillt

Ein unbestimmtes, schmelzendes Verlangen

Nach Tönen, die mich bebend leis umfangen...

So wird ich aus der Geige strömen lassen

Ihr Weinen, ihres Sehnens dunkle Fluten,

Ekstatisch tiefstes Stöhnen, heißes Girren,

Der Geigenseele rätselhaftes Bluten

...Ein andermal werd ich den Degen fassen,

Weils mich verlangt nach einer Klinge Schwirren:

Das Roß das Geigenspiel, die Degenklinge,

Lebendig nur durch unsrer Laune Leben,

Des Lebens wert, solang sie uns es geben,

Sie sind im Grunde tote leere Dinge!

Die Freunde so, ihr Leben ist ein Schein,

Ich lebe, der sie brauche, ich allein!

In jedem schläft ein Funken, der mir frommt,

Der früher, später doch zu Tage kommt:

Vielleicht ein Scherz, der meine Laune streichelt,

Ein Wort vielleicht, das mir im Träume schmeichelt

Ein neuer Rausch vielleicht, ein neu Genießen,

Vielleicht auch Qualen, die mir viel erschließen,

Vielleicht... was weiß ich noch.. ich kann sich brauchen,

Weil sie für mich nach tausend Perlen tauchen,

Weil eine Angst nur ist in meiner Seele:

Daß ich das Höchste, Tiefste doch verfehle14 !

Wenn Andrea in diesen Versen beschreibt, wie er sich, nur von seiner Laune getrieben, in eine bacchantische Ausbeutung seiner Umwelt stürzt so schwingt doch immer die Traurigkeit der oben zitierten Verse mit, die Unsicherheit, auf das falsche Pferd gesetzt zu haben und das ,,Höchste, Tiefste doch" zu ,,verfehlen". Nichts von alledem ist real, alles Leben sind nur Sensationen seiner Sinnesorgane. Wenn Mach als Resultat des Abschieds vom Ich ein stärkeres Menschheitsgeschlecht heraufdämmern sieht, fühlt sich Andrea desolat, isoliert, gierig um narzisstische Befriedigungen ringen. Indem er die obigen Verse äußert, macht er auch klar, dass er selbst nicht zufrieden damit ist , sich von Launen passiv leiten zu lassen. Er ist mit seinen Theorien nicht glücklich.

Leben als Kunstwerk

Alles was der ästhetische Mensch in seiner oben beschriebenen Isolation tun kann, ist reflektieren, da ja nur er ist, Realität nur Produkt seiner Sinne. Das Paradoxon, reflektierend einen Zustand der unreflektiert-spontanen, natürlich-naiven Ursprünglichkeit, ja einer genialen Künstlerschaft erreichen zu wollen, ist der Kern des Scheiterns Andreas , es ist dies die ästhetizistische Sackgasse aus der es einen Ausweg zu suchen gilt. Die Mach´schen Eindrücke sollen als Kunstwerke geformt werden und so das Leben in die narzisstische Isolation hinüberzuretten:

,,Erst wenn zum Kranz sich jede Blume flicht,

wenn jede Lust die rechte Frucht sich bricht,

Ein jedes Fühlen mit harmonisch spricht,

Dann ist das Leben Leben, früher nicht.15

Peter Szondi fasst den Ästhetizismus auf ,,...als letzten verzweifelten Versuch, den auf die Gedanken der Stürmer und Dränger und der Romantiker zurückgehenden Lebensbegriff in einer Welt zu verteidigen, deren zunehmende Verdinglichung ihn immer mehr zur Illusion macht. Man kann darin zugleich die Antwort sehen auf den Zusammenbruch des deutschen Idealismus, der den Begriff des Lebens noch durchaus politisch, mit dem Ziel politischer Realisierung gedacht hatte Es ist...der paradoxe Rückzug des Lebens aus dem Leben, die Verklärung des Lebens zum Kunstwerk, der Wille, die Realität nur noch als ästhetische zu berücksichtigen, unter Verzicht auf die übrigen Bindungen des Ich an die Wirklichkeit, unter verzicht also auf das Handeln und auf die Prinzipien des Handelns, auf die Ethik"16 Dieser Versuch scheitert an der Negation des Objektiven. Die Reduktion des Lebens auf den Moment ohne Zeitlichkeit macht durch Mangel an Geschichte einsam. Viel einsamer macht jedoch die Situation, das einzige lebende Wesen im Kosmos zu sein. Wenn Realität nur aus Eindrücken besteht, also das Subjektive das Objektive völlig übernimmt, dann kann man lange versuchen, durch komplizierte Verkünstelungsverfahren dieser Realität etwas Neues, Berauschendes, Wirkliches abzudestillieren. Es wird nicht gelingen, da jeglicher Input fehlt. Wie ist es nun aber dem ästhetisch Isolierten möglich, aus seinem Solipsismus auszubrechen? Gar nicht, er kann nur befreit werden, eben durch ein Schlüsselerlebnis, einen künstlerisch anmutenden Augenblick der objektiven Erkenntnis, der ihn aus seiner Einsamkeit reißt. Dies setzt jedoch voraus, den Zufall zuzulassen. Entgegen seinen Behauptungen tut Andrea dies nicht, alle Erlebnisse die er hat entspringen seiner Absicht, seinem Geiste, er lässt sich nur von seinen Launen tragen anstatt sich auf etwas neues, fremdes einzulassen.

Die Wende

In der siebten Szene dämmert Andrea, dass Arlette ihn mit Lorenzo betrügt. Dies widerfährt ihm auf eine für ihn schwer verständliche Weise. In einer plötzlichen Eingebung sieht er eine vergangene Situation in völlig neuem Licht.

,,ANDREA sehr laut Das war Lorenzo nicht!

Mi ß trauisch auf sie zugehend

Ich saß am Steuer.

Sehr leise Ich... ich war wohl bleich...

Ich, ich war dir so fern... so fremd... so gleich...

Und als ich uns gerettet in den Hafen,

Warst in Lorenzos Arm du eingeschlafe.

Ganz nahe

Weißt du das nicht? Hast du das nie gewusst?"17

Verwunderlich hier sind drei Dinge:

Erstens, dass es überhaupt möglich ist, Andrea zu betrügen, hatte er doch in der ersten Szene beteuert:

,,Und wenn du mich betrögest und mein Lieben,

du wärst für mich dieselbe doch geblieben!"18

Andrea ist jedoch offensichtlich verletzt das heißt , es ist möglich, ihn zu betrügen.

Zweitens lebt Arlette offensichtlich den Imperativ, den Andrea für sich postuliert. Problemlos liebt sie in einem Moment den einen, dann im nächsten den anderen. Dabei hat sie nichts Flittchenhaftes an sich, sie hat ein reines Gewissen, war ihre Liebe doch jeweils ehrlich. Auch scheint sie sich nicht um das Gewesene zu kümmern, sie hat es bereits vergessen. Sie lebt tatsächlich im Augenblick, allerdings auf eine naive, unbewusste Art, die dem absichtsvoll handelnden Andrea verschlossen bleibt.

Andrea hatte in obigen Versen Betrug ja nicht ausgeschlossen. Er spricht von ihm allerdings nur als ästhetisch-distanziertem Phänomen. Was Andrea hier erlebt ist aber gleichzeitig die erste reale Emotion die er bis jetzt im Stück empfindet und gleichzeitig der Einbruch von Vergangenheit in sein mühsam konstruiertes Theoriegebäude.

Fantasio als Gegenbeispiel

Nach obiger Erkenntnis ist Andrea zutiefst erschüttert. Sein Monologisieren endet abrupt. Er ist unschlüssig ob der Bedeutung des gerade Erlebten, dessen was nicht sein darf. Fantasio, der Dichter, ist fähig dieses Erleben, diese Art von Erkenntnis in Worte zu fassen. Fantasio ist das, was Andrea sein will, ein Künstler. Er lässt es zu, in Alltagssituationen das Erhabene zu entdecken, so in Szene acht, als er eine Alltagsszene aus seiner künstlerischen Sicht beschreibt:

,,Gedanken weckts in mir, erkenntnisschwer. Mir ist, als hätt ich Heiliges erlebt.

Grad wie wenn Worte, die wir täglich sprechen,

In unsre Seele plötzlich leuchtend brechen,

Wenn sich von ihnen das Gemeine hebt

Und uns ihr Sinn lebendig, ganz erwacht!"19

Fantasio lässt das Objektive zu, steuern kann er es natürlich nicht. Anders als die unbewußt treibende Arlette kann er dies jedoch in Worte fassen. Im Folgenden illustriert er sein Warten auf die künstlerischen Momente und seine implizite Kritik an Andreas Lebensweise:

,,Um uns ist immer halbe Nacht.

Wir wandeln stets auf Perlen, staubbedeckt,

Bis ihres Glanz des Zufalls Strahl erweckt,

Die meisten sind durchs Leben hingegangen,

Ein blutleer Volk von Gegenwartsverächtern,

Gespenstisch wandelnd zwischen den Geschlechtern

Durch aller Farben glühend starkes Prangen,

Durch aller Stürme heilig großes Grauen,

In taubem Hören und in blindem Schauen,

In einem Leben ohne Sinn verloren:

Und selten nahet, was sie Gnade nennen,

das heilige, das wirkliche Erkennen,

Das wir erstreben als die höchste Gunst

Des größten Wissens und der höchsten Kunst.

Denn ihnen ist die Heiligkeit und Reinheit

Das gleiche Heil, was uns die Lebenseinheit."20

Es findet hier eine Neubewertung des Zufalls statt. Der Zufall, das heißt das Unkontrollierte, unerwartet Einbrechende, vor dem sich Andrea so sehr fürchtet,

,,Das andere, das Große, Ungelebte,

Das nicht der Zufall schnöd zusammenklebte.

Darum, Arlette, bangt mir im Genusse,"21

ist in Wahrheit der Träger der künstlerischen Erkenntnis. Diese blieb Andrea in seinem Kontrollwahn bis zu dem Zeitpunkt verschlossen, als die Emotion, das Äußere, zu stark wurden, und er Betrug empfinden musste. Andrea sucht Beistand und Erklärung für sein Erlebnis bei Fantasio.

,,Fantasio, bleib, mein Freund: du sollst mir sagen

Getreu, was ich versuchen will zu fragen.

Du sagst, du hasts in deiner Kunst erlebt,

Langsam, suchend

Daß manchmal Worte, die wir täglich sprechen,

In unsre Seele plötzlich, leuchten brechen,

Daß sich von ihnen das Gemeine hebt

Und daß ihr Sinn lebendig, ganz erwacht?"22

Fantasios Antwort ist deutlich:

,,Wir sollen uns dem Zufall überlassen,

weil wir ja doch die Gründe nie erfassen!

Und weil der Zufall, was uns nützt und nährt, ist

Und Zufall, Zufall all, was uns gewährt ist!"23

Resumé

Andrea bleibt mit seiner Erkenntnis auf halbem Wege stehen. Er erkennt das Potenzial seiner Entdeckung nicht. Er trauert nur um den Verlust des Ahistorischen durch Arlettes Betrug.

,,Wir werden ruhig auseinandergehen

Und ruhig etwa auch uns wiedersehen.

Und daß du mich betrogen und mein Lieben

Davon ist kaum ein Schmerz zuückgeblieben...

Doch eines werd ich niemals dir verzeihn:

Daß du zerstört den warmen, lichten Schein,

Der für mich lag auf der entschwundnen Zeit."24

Dabei liegt genau hier der Schlüssel zur Überwindung der Isolation des Ästheten. Ist er fähig, Betrug in Zeitlichkeit zu empfinden, so ist es reziprok auch möglich, dauerhaft zu lieben. Im Du, in der Treue, wird das Objektive, der Zufall kontrollierbar, der Solipsismus aufgelöst. Versucht Andrea noch in der letzten Szene die Erfahrung als ästhetische Sensation abzuhaken, so lässt sich Hans-Karl Bühl, der ,,Schwierige" auf das Wagnis der ,,allomatischen Verwandlung" mit Helene ein, und überwindet so seine Lähmung.

[...]


1 Szondi, Peter: Das lyrische Drama des Fin de siècle. Frankfurt am Main : Suhrkamp 1975. S. 161.

2 Hofmannsthal, Hugo von: Gestern. Dramatische Studie in einem Akt in Versen. In: Hugo von Hofmannsthal: Gesammelte Werke. Gedichte Dramen I. Frankfurt am Main: Fischer 1979. S. 218 )

3 Szondi, Peter: Das lyrische Drama des Fin de siècle. Frankfurt am Main : Suhrkamp 1975. S. 162

4 Bahr, Hermann: Die Ringsraße. In: Gotthard Wunberg (ed.): Die Wiener Moderne. Literatur, Kunst und Musik zwischen1890 und 1910. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1981. S. 106 ff.

5 Hugo von Hofmannsthal: Gabriele d´Annunzio. In: Die Wiener Moderne. Literatur, Kunst und Musik zwischen 1890 und 1910. Stuttgart. Philipp Reclam jun. 1981.S.340.

6 Ebd. S.342.

7 Nietzsche, Friedrich: Unzeitgemäße Betrachtungen. In: Friedrich Nietzsche. Sämtliche Werke in 12 Bänden. Band II. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag 1964. S. 102-104

8 Hofmannsthal, Hugo von: Gestern. Dramatische Studie in einem Akt in Versen. In: Hugo von Hofmannsthal: Gesammelte Werke. Gedichte Dramen I. Frankfurt am Main: Fischer 1979. S. 216

9 Hofmannsthal, Hugo von: Gestern. Dramatische Studie in einem Akt in Versen. In: Hugo von Hofmannsthal: Gesammelte Werke. Gedichte Dramen I. Frankfurt am Main: Fischer 1979. S. 216

10 Johnston, William M.: Österreichische Kultur-und Geistesgeschichte. Gesellschaft und Ideen im Donauraum 1848-1938. Aus dem Amerikanischnen von Otto Grohma. Wien:1974

11 Mach, Ernst: Antimetaphysische Vorbemerkungen. In: Gotthard Wunberg (ed.): Die Wiener Moderne. Literatur, Kunst und Musik zwischen1890 und 1910. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 1981. S. 137 ff

12 Hermann Bahr:Das Unrettbare Ich.In: Die Wiener Moderne.Literatur, Kunst und Musik zwischen 1890 und 1910. Stuttgart. Reclam, 1981.S.147

13 Lorenz, Dagmar: Wiener Moderne.Stuttgart. Metzler, 1995. S.63.

14 Hugo von Hofmannsthal: Gestern. In: Hugo von Hofmannsthal.Gesammelte Werke. Gedichte und Dramen I. Frankfurt am Main. Fischer ,1979 S. 216 ff.

15 Hugo von Hofmannsthal: Gestern. In: Hugo von Hofmannsthal.Gesammelte Werke. Gedichte und Dramen I. Frankfurt am Main. Fischer ,1979 S. 217.

16 Szondi, Peter: Das lyrische Drama des Fin de siècle. Frankfurt am Main : Suhrkamp 1975. S.177 f.

17 Hugo von Hofmannsthal: Gestern. In: Hugo von Hofmannsthal.Gesammelte Werke. Gedichte und Dramen I. Frankfurt am Main. Fischer ,1979 S. 233.

18 Ebd. S 215.

19 Hugo von Hofmannsthal: Gestern. In: Hugo von Hofmannsthal.Gesammelte Werke. Gedichte und Dramen I. Frankfurt am Main. Fischer ,1979 S. 235.

20 Ebd. S 235.

21 Ebd. S.217.

22 Ebd. S.237.

23 Ebd. S.237.

24 Ebd. S. 243.

14 von 14 Seiten

Details

Titel
"Das Gestern lügt und nur das Heut´ ist wahr". Lebensanschauung des Ästheten in Hofmannsthals Proverbe "Gestern"
Note
2+
Autor
Jahr
2000
Seiten
14
Katalognummer
V97756
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gestern, Heut´, Lebensanschauung, Hofmannsthals, Proverbe
Arbeit zitieren
Christian Dünisch (Autor), 2000, "Das Gestern lügt und nur das Heut´ ist wahr". Lebensanschauung des Ästheten in Hofmannsthals Proverbe "Gestern", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97756

Kommentare

  • Gast am 20.7.2001

    gute interpretation.

    ein bisschen viel Zitate, ein bißchen wenig Text, unübersichtlich, aber gut.

Im eBook lesen
Titel: "Das Gestern lügt und nur das Heut´ ist wahr". Lebensanschauung des Ästheten in Hofmannsthals Proverbe "Gestern"


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