Berufsorientierung. Entscheidungstheoretischer Ansatz, Berufswahlmodelle und praktische Umsetzung in der Schule


Hausarbeit, 2016

15 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Berufsorientierung und Berufswahltheorien

3. Der Entscheidungstheoretische Ansatz
3.1. Modelle des Entscheidungstheoretischen Ansatzes
3.2. Berufswahlmodell von Ries
3.3. Modelle zum Berufswahlverhalten von Lange

4. Vom theoretischen Ansatz zum praktischen Unterricht
4.1. Beispiel für den Unterricht
4.2. Hilfen für Lehrer/innen

5. Kritischer Blick und problematische Erkenntnisse

6. Fazit

7. Literatur

1. Einleitung

„Welche Fähigkeiten habe ich? Wie kann ich Beruf und Familie vereinbaren? Schule oder Beruf? Welche beruflichen Möglichkeiten habe ich?“

All diese Fragen und noch viele mehr stellen sich die meisten Schülerinnen und Schüler zum Ende ihrer Schullaufbahn. Eine Zeit steht an, an der viele wichtige Entscheidungen für den weiteren Lebensabschnitt getroffen werden müssen. So nimmt vor allem die Berufswahlorientierung des Faches Arbeitslehre eine entscheidende Rolle ein. Schülerinnen und Schüler sollten dabei unter anderem Hilfestellungen bezüglich der Berufsplanung erhalten, einen Einblick in das reale Berufs- und Arbeitsleben bekommen und viele unterschiedliche Berufsfelder kennenlernen. Außerdem sollten sie dazu animiert werden selbstständig Entscheidungen zu treffen, eigenverantwortlich zu Handeln, sowie ihre Fähigkeiten, Kenntnisse und Fertigkeiten weiter auszubauen und zu fördern.1 Die Orientierung der Berufswahl ist sehr komplex und umfasst ein breites Spektrum an Fragen, Vorgehensweisen und Maßnahmen. In dieser Arbeit möchte ich vor allem auf die theoretischen Aspekte der Berufswahlorientierung eingehen, wobei ich das Augenmerk speziell auf den Entscheidungstheoretischen Ansatz werfen werde. Als Ausgangslage möchte ich zunächst eine grobe Definition der Berufsorientierung aufzeigen und eine allgemeine Übersicht der wesentlichen Berufswahltheorien darlegen. Anschließend wird der Entscheidungstheoretische Ansatz näher betrachtet und passende Modelle hinzu gezogen, welche die Prozesse der Berufswahlentscheidung unterstreichen und diesbezüglich Erklärungsansätze bieten. Auch soll der isolierte Entscheidungstheoretische Ansatz in seiner Fortentwicklung betrachtet werden und somit eine erweiterte, ganzheitlichere Perspektive erhalten. Desweiteren möchte ich der Frage nachgehen, ob der Entscheidungstheoretische Ansatz eine Anwendung in der Schule finden kann, wie man ihn am sinnvollsten vermitteln könnte und inwiefern dieser einen wesentlichen Beitrag bei der Berufswahl der Schülerinnen und Schülern finden kann. Auch soll der Ansatz kritisch hinterfragt werden und letztendlich eine zusammenfassende Auskunft über Entscheidungsmaßnahmen und Entscheidungsverhalten bei Berufswahlfragen geben.

2. Berufsorientierung und Berufswahltheorien

Die Berufsvorbereitung nimmt einen zentralen Punkt der Arbeitslehre ein. Sie soll nicht bloß über berufliche Wege informieren, sondern vielmehr umfassende Perspektiven und Möglichkeiten darlegen, die bei der Berufsentscheidung von Nutzen sind. So sind Auskünfte über mögliche Entscheidungsprozesse, Handlungsmöglichkeiten, Vorgehensweisen, Kriterien bei der Berufswahl, Stützpunkte und Helfer bei Berufswahlfragen, sowie die Reflexion persönlicher Eigenschaften und Fähigkeiten unter anderem Thema eines umfassenden Unterrichts. Berufsvorbereitung steht im direkten Zusammenhang mit der Berufswahlorientierung. Darunter zu verstehen ist: „ der pädagogisch motivierte Versuch, Personen oder Personengruppen zu helfen, sich in Berufswahlsituationen zurechtzufinden.2 So kann man sagen, dass für die Lehrerinnen und Lehrer die Aufgabe beim berufsorientierten Unterricht darin besteht, den Schülerinnen und Schülern ausreichend Unterstützung und Informationen zu geben, um sich in ihrem neuen Lebensabschnitt nicht zu verlieren und den Anschluss in die Berufswelt gut zu überstehen. Um den Vorgang der Berufswahl zu verdeutlichen, wurden einige Theorien diesbezüglich aufgestellt. Sie alle betrachten die Berufswahl als Prozess, jedoch werden unterschiedliche Faktoren als Schwerpunkte verfolgt, die letztendlich zum „auserwählten“ Beruf führen. An dieser Stelle möchte ich in knapper Form die vier wesentlichen Erklärungsansätze kurz aufzeigen. Man unterscheidet den Allokationstheoretischen Ansatz, den Entwicklungstheoretischen Ansatz, den Entscheidungstheoretischen Ansatz und den Interaktionstheoretischen Ansatz. Die Allokation betrachtet die Berufswahl vorrangig als Zuweisungsprozess der Umwelt und der Gesellschaft. Der Entwicklungstheoretische Ansatz bezieht sich auf die gesamte Entwicklung eines Berufswählers, dabei fließen persönliche Eigenschaften ein, wie aber auch gesellschaftliche Faktoren. Die gesamten Einflüsse, die während der Entwicklung stattfinden werden hierbei hinzu gezogen. Der Interaktionstheoretische Ansatz verbindet ebenfalls individuelle Aspekte, sowie auch äußere Einflüsse. Hierbei tritt jedoch die vergangene Entwicklung in den Hintergrund und umfasst hauptsächlich gegenwärtige Prozesse. Der entscheidungstheoretische Ansatz hingegen stellt das Individuum in den Mittelpunkt und geht davon aus, dass die Berufswahl anhand von Entscheidungen des Individuums hervor geht.

Dazu jedoch mehr im folgenden Kapitel. Die Ausübung von unterschiedlichen beruflichen Tätigkeiten, die von den Menschen ergreift werden, lässt sich also im Wesentlichen anhand von Interaktionsprozesse zwischen Individuum und Umwelteinflüssen erklären.3 Auch verstehen die theoretischen Ansätze die Berufswahl nicht als einen einmaligen Akt, sondern versteht sich vielmehr „als ein längerfristiger - prinzipiell lebenslanger - komplexer und komplizierter Prozeß, mit dem auch der Berufstätige öfter konfrontiert ist.“4

Nachdem nun hoffentlich eine grobe Vorstellung von Berufswahlorientierung und den wesentlichen Berufswahltheorien ersichtlich geworden ist, möchte ich nun wie schon vorab erwähnt auf den wesentlichen Teil dieser Arbeit zu sprechen kommen und im Folgenden den Entscheidungstheoretischen Ansatz etwas ausführlicher thematisieren.

3. Der Entscheidungstheoretische Ansatz

Wie schon der Ansatz für sich selbst spricht, spielen im Entscheidungstheoretischen Ansatz vor allem Entscheidungen und Entscheidungsprozesse für die Berufswahl eine ausschlaggebende Rolle. In erster Linie wird davon ausgegangen, dass die Berufswahl das Ergebnis eines rationalen Verhaltens sei. „Berufswahl ist demnach ein nach logischen Regeln vollzogener Denkvorgang aufgrund von extern gesetzten Prämissen.“5 Kognitive Vorgänge stehen somit im Mittelpunkt. Man informiert sich ausgiebig über Berufe, mögliche Alternativen und bezieht persönliche Interessen, sowie Fähigkeiten usw. mit ein und fällt darauf hin seine individuelle Berufswahlentscheidung. Entscheidungen stehen demnach in unmittelbarem Zusammenhang mit Handlungen. Während der Entscheidungsprozesse treten zahlreiche Fragen auf, die unter anderem die Entwicklung der Entscheidungsprozesse Abfolgen von Entscheidungshandlungen, Entscheidungsprämissen, sowie Nachfrageverhalten nach Informationen und Motiven betreffen. Aufgrund nicht festgelegter berufsbezogener Vorschriften und Normen ergibt sich für den Berufswähler dementsprechend ein gewisser Entscheidungsspielraum. Da der Entscheidungstheoretische Ansatz als ein lebenslanger Prozess angesehen wird, möchte ich an dieser Stelle noch vier Handlung- und Entscheidungssituationen hinzufügen, die von HOPPE aufgestellt wurden. Sie sollen nochmals eine Struktur aller Entscheidungssituationen aufzeigen.

1. Die Entscheidung für eine (Erst-)Berufsausbildung bzw. für eine weitere Schulbildung;
2. Die Entscheidung für einen bestimmten (Ausbildungs-)Betrieb bzw. für eine bestimmte Schule;
3. Die Entscheidung für aktives Eintreten zur Gestaltung zur Arbeitswelt;
4. Die Entscheidung für mobiles und disponibles Verhalten im Erwerbsleben.6

Es wird wohl durchaus deutlich, dass es sich bei beruflichen Entscheidungen beziehungsweise Übergangen in neue Arbeitssituationen nicht um eine einmalige Angelegenheit handelt. Vielmehr müssen fortlaufend Entscheidungen getroffen werden, in diesem Sinne sollten die Entscheidungskompetenzen schon zeitig entwickelt werden.

3.1. Modelle des Entscheidungstheoretischen Ansatzes

Der Entscheidungstheoretische Erklärungsansatz unterscheidet zunächst zwei wesentliche Grundmodelle. Zum einen das geschlossene Entscheidungsmodell und zum anderen das offene Entscheidungsmodell. Das geschlossene Modell geht von einer klar vorliegenden Struktur aus, welche dem Berufswähler vorab seiner Entscheidungen bereit steht. Man geht davon aus, dass der Berufswähler über alle Kenntnisse von Berufsalternativen verfügt und sich vollständig rational in seinen Berufsentscheidungen verhält, da er nach konkreten Entscheidungsregeln bewertet.7 Dieses Modell findet aufgrund dieser zwei eher unrealistischen Annahmen etwas weniger Zuspruch, da umweltbedingte Einflüsse hier keinen Anteil finden, dieser Faktor jedoch für die Berufswahl durchaus entscheidend ist. Das offene Modell hingegen geht nicht von einer absolut strukturierten Situation aus, sondern setzt unvollkommene Informationen über Handlungsalternativen, Entscheidungsregeln etc. voraus.8 Diese Grundmodelle wurden von einigen Entscheidungstheoretikern weiterentwickelt. Ich habe mir hier nun zwei Modelle herausgesucht, die ich als interessant und erwähnenswert einstufen würde. Einerseits möchte ich das theoretische Berufswahlmodell von Ries beschreiben und dem gegenüberstellend das Modell von Lange erläutern.

3.2. Berufswahlmodell von Ries

Als Ausgangspunkt für sein Modell setzt Ries die Gesellschaft, welche gewisse Normen festlegt und dadurch bei den Jugendlichen zu einer Statusunvollkommenheit führt. Diese sogenannte Statusunvollkommenheit versucht der Jugendliche daraufhin zu beheben, indem er eine Berufsauswahl trifft und somit einen Erwachsenenstatus erhält. Der Jugendliche wählt zunächst einen Zielstatus und eine Rangreihe möglicher Berufsalternativen. Anschließend werden Informationen gesammelt, welche die Zugänglichkeit der Berufsrollen prüfen. Anschließend wird entschieden, ob die Rangreihe der alternativen Berufsrollen passt oder aber doch verändert werden muss. Wird die Berufswahl verändert, so erfolgt ein weiterer Informationsprozess. Findet jedoch eine Übereinstimmung von Informationen und der zu Beginn aufgestellten Rangreihe alternativen Berufsrollen statt, so versucht der Jugendliche diese Berufsrolle zu verfolgen und zu realisieren. Gelingt ihm dieses, so erhält der Jungendliche einen Status in der Gesellschaft und wird in die berufliche Sozialisation involviert. Dieses Modell spiegelt den typischen Entscheidungstheoretischen Ansatz wieder, da Ries die Berufswahl ausdrücklich als ein rationales Phänomen betrachtet.9

Es erscheint aufgrund seiner umfangreichen Stufen möglicherweise als ziemlich komplexes System. Es handelt sich um ein gut durchdachtes, ausgeklügeltes Modell, mit den wesentlichen Teilschritten, die für den Berufswähler von Bedeutung sein sollten. Ries schließt mit seinem Modell allerdings hauptsächlich an das geschlossene Entscheidungsmodell an und vernachlässigt deswegen auch wichtige soziale Einflüsse, wie beispielsweise Ratschläge und Meinungen von Eltern, Freunden, die für die Berufswahl nicht bedeutungslos sind. Und so möchte ich nun auch ein weiteres Modell im Gegenzug oder auch als Erweiterung dieses Modells aufzeigen.

3.3. Modelle zum Berufswahlverhalten von Lange

Im Gegensatz zu Ries fügt Lange dem Entscheidungsprozess die sozio-ökonomischen Faktoren hinzu. Es beschreibt die Berufswahl nicht ausschließlich als einen rationalen Vorgang, sondern unterscheidet nach drei Entscheidungssituationen: Zum einen das Modell der „rationalen Wahl“, wobei der Berufswähler eine optimale, rationale und gut durchdachte Berufswahl trifft. Das zweite Modell bezeichnet er als das Modell des „Durchwurschtelns“. Dabei findet keine kontinuierliche Anpassung zwischen beruflicher Wunschvorstellung und beruflichen Anforderungen statt. Das dritte Modell beschreibt die Berufswahl als ein Ergebnis des Zufalls, deshalb auch das Modell der „Zufallswahl“ genannt. Entscheidungen werden hierbei anhand von spontanen Ereignissen und/oder situativen Kriterien festgelegt.10 Lange hat somit das einseitige Denken, welches ausschließlich vom Individuum und vom rationalen Denken ausgeht fortgeführt und erweitert. Der Entscheidungsprozess wird von Lange nicht mehr als isolierter kognitiver, rationaler Denkprozess betrachtet, sondern wird vielmehr als ein interaktiver Entscheidungsprozess verstanden.11 Um diese Vorstellung der wechselseitigen Interaktion nochmals zu verdeutlichen, möchte ich hier eine kleine Veranschaulichung seines Modells hinzufügen.

Abb. Berufswahlmodell von Lange (Quelle: Bußhoff, 2000, S.46)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 Duffert, 1997, S. 14

2 Bußhoff L., 1989, S. 64

3 Bußhoff, 1989, S. 12

4 Dedering, 2000, S. 300

5 Buddensiek, 1979, S. 44

6 Dedering, 200, S. 301/302

7 Beinke, 2006, S. 34

8 Bußhoff, 1989, S. 40

9 Bußhoff, 1989, S. 41

10 Dedering, 2000, S. 303

11 Bußhoff, 1989, S. 46

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Berufsorientierung. Entscheidungstheoretischer Ansatz, Berufswahlmodelle und praktische Umsetzung in der Schule
Hochschule
Universität Kassel
Note
2
Autor
Jahr
2016
Seiten
15
Katalognummer
V977572
ISBN (eBook)
9783346328724
ISBN (Buch)
9783346328731
Sprache
Deutsch
Schlagworte
berufsorientierung, entscheidungstheoretischer, ansatz, berufswahlmodelle, umsetzung, schule
Arbeit zitieren
David Kotula (Autor), 2016, Berufsorientierung. Entscheidungstheoretischer Ansatz, Berufswahlmodelle und praktische Umsetzung in der Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/977572

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