Unterworfensein oder Unterlegenheit. Das Frauenbild von Kant und Hippel im Vergleich


Hausarbeit, 2019

14 Seiten, Note: 2,3

Lana Karim (Autor)


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Mann, Frau und Mensch - die Anthropologie Immanuel Kants
2.1 Kants Anthropologie im Allgemeinen
2.2 Die Frau bei Kant als eingeschränktes “animal rationabile”
2.3 Kritische Einordnung

3. Unterworfensein statt Unterlegenheit - das Frauenbild Hippels
3.1 Zu Hippels “Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber”
3.2 Hippel und Kant im Vergleich

4. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Das Denken Immanuel Kants prägt unser Welt- und Menschenbild bis heute. Dies gilt im Übrigen auch für sein Bild der Frau und seine Ansicht des Geschlechterverhältnisses. Das Klischee der gefühlsbetonten, emotionalen Frau im Gegensatz zum sie schützenden Mann ist auch heute noch geläufig und hat seine Wurzeln auch in der Kant’schen Anthropologie: “Nahezu allen Erörterungen um Natur, Wesen und Psyche der Frau [liegt] das Denkschema Kants zugrunde.” (vgl. Nolte 1963: S. 347). Dabei ist ein grundzug des Kant’schen Denkens über Geschlechterverhältnisse nicht nur die Unterschiedlichkeit von Mann und Frau, sondern eine aus heutiger Sicht nicht mehr vertretbare Behauptung von der Unterlegenheit der Frau gegenüber dem Mann.

Der Anspruch dieser Arbeit ist daher eine dezidiert kritische Auseinandersetzung mit dem Frauenbild Kants. Hierbei sollen Kants Ansichten allerdings nicht am heutigen, liberalen Geschlechterbild gemessen werden oder dem heutigen Stand der philosophischen Auseinandersetzung mit dem Thema. Sinn und Zweck einer Kritik des Kant’schen Frauenbildes kann nicht sein, sie vollkommen ihrer historischen und systematischen Zusammenhänge zu entheben. So muss beispielsweise beachtet werden, dass die heute geläufige Unterscheidung von sex und gender, also zwischen biologischem und sozialem Geschlecht, zu Zeiten Kants noch unbekannt war (vgl. Löchel 2006: S. 52).

Eine Kritik des Frauenbildes aus der Kant’schen Philosophie selbst heraus wiederum ist im Rahmen dieser Arbeit schlichtweg nicht leistbar. Daher soll Kants Frauenbild im Kontext seiner Zeit betrachtet werden, konkreter: in einen Vergleich mit einem Zeitgenossen gestellt werden. Hierfür hat sich die Autorin für Theodor Gottlieb von Hippel entschieden, der von manchen Autoren als ein Wegbereiter der Frauenbewegung in Deutschland gesehen wird.

Leitend für die vorliegende Arbeit soll dabei die folgende Forschungsfrage sein: Ist Kants Frauenbild, wie ihm wohlwollende Interpreten zugutehalten würden, schlichtweg als Phänomen seiner Zeit, als bloße Randerscheinung seines Denkens zu sehen? Oder ergibt es sich systematisch aus seinem Denken und seiner Philosophie?

Um diese Frage zu beantworten soll zunächst das Bild der Frau in Kants Anthropologie kritisch reflektiert (Kap. 2.) und anschließend daran nach einer Darstellung der Position Hippels mit dieser verglichen werden (Kap. 3).

2. Mann, Frau und Mensch - die Anthropologie Immanuel Kants

Um die Grundlage für die weitere Auseinandersetzung mit Kants Frauenbild zu legen, sollen im Folgenden zunächst Kants Anthropologie im Allgemeinen und die Stellung der Frau in dieser beleuchtet werden (Kap. 2.1. & Kap. 2.2.). Anschließnd daran sollen die bis zu diesem Punkt gesammelten Erkenntnisse kritisch reflektiert werden.

2.1 Kants Anthropologie im Allgemeinen

Kant umreißt die Zielsetzung seiner gesamten Philosophie in den berühmten folgenden vier Fragen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? (vgl. Schnädelbach 2018: S: 147). Die Beantwortung der letzten Frage und somit auch das Feld der Anthropologie haben eine herausragende Stellung im Schaffen Kants eingenommen, so lehrte er seit dem Wintersemester 1772/73 Anthropologie, eine seiner beliebtesten Vorlesungen, die auch in schriftlicher Form als “Anthropologie in pragmatischer Hinsicht” 1798 veröffentlicht worden sind. Der Einschränkung “in pragmatischer Hinsicht” grenzt Kants anthropologisches Interesse von einer rein physiologischen Anthropologie ab, Kant hingegen untersucht den Menschen als autonomes Wesen (vgl. ebd.: S. 148).

Schnädelbach weist allerdings darauf hin, dass die Anthropologie bzw. das Wesen des Menschen ein wichtiges Thema, allerdings nicht der wesentliche Bezugspunkt der Kant’schen Philosophie sei, dieser ist und bleibt die menschliche Vernunft. Vielmehr werde Kants Lehre durch eine rein anthropologische Deutung “entstellt”: Kants Philosophie sei “primär und vor allem anderen Philosophie der Vernunft und nur am Rande und im Medium unentbehrlicher Ergänzungen des Systems Lehre vom Menschen.” (vgl. Schnädelbach 2018 S. 150). Konkret bedeutet das, dass es sich bei der Anthropologie, anders als bei Kants Ausführungen zur Kritik der reinen vernunft beispielsweise, weniger um theoretische Transzendentalphilosophie handelt als um eine Form der praktischen Philosophie, in der logische Argumente mit reinem Vernunftbezug und empirische Beobachtungen miteinander vermischt werden:

“Eine so verstandene angewandte Philosophie benutzt empirische Quellen, besser: Hilfsmittel, also Erkenntnisse aus gegebenen Tatsachen, stützt sich jedoch zugleich auf die reine Geltung” (Krijnen 2008: S. 260).

Doch welche Anthropologie, welches Bild des Menschen vertritt Kant nun in seiner Philosophie?

Den Menschen denkt Kant ebenfalls in Hinblick auf die Vernunft: Der Mensch, so Kant, sei ein “animal rationabile”, d.h. ein mit der Fähigkeit zur Vernunft ausgestattetes Tier, welches das Potential hat, zu einem vernünftigen Tier, einem “animal rationale” zu werden, und zwar durch eine bewusste und mitunter auch anstrengende Auseinandersetzung mit sich selbst (vgl. APH B 313). Der Mensch befindet sich folglich “im Spannungsfeld zwischen Animalität und Rationalität” (vgl. Schnädelbach 2018: S. 153). Aufgabe des Menschen sei es daher, in Richtung Vernunft zu streben und somit seinen “tierischen Hang” zu überwinden (vgl. APH B 319). Der Mensch ist also zusammenfassend betrachtet, so zu charakterisieren, dass “ er einen Charakter hat, den er sich selbst schafft; indem er vermögend ist, sich nach seinen von ihm selbst genommenen Zwecken zu perfektionieren, wodurch er, als mit Vernunftfähigkeit begabtes Tier (animal rationabile), aus sich selbst ein vernünftiges Tier (animal rationale) machen kann [...]” (APH B 314).

Bemerkenswert ist hierbei, dass Kant zur Grundlegung seiner Charakterisierung des Menschen, was für ihn und seine Philosophie eher untypisch ist, auch empirische Belege heranzieht. Beispielsweise sieht er als Beleg für seine Charakterisierung des Menschen als vernünftiges Tier die “Gestalt und Organisation seiner Hand”, wodurch “die Natur” ihn befähigt habe, nicht nur eine, sondern eine Vielzahl an Tätigkeiten auch unter Zuhilfenahme von Werkzeug auszuführen (vgl. ebd.: 316).

2.2 Die Frau bei Kant als eingeschränktes “animal rationabile”

Eine der wesentlichen Auseinandersetzungen mit dem Frauenbild Kants stammt von Löchel (2006), er fasst die Kant’sche Position zugespitzt wie folgt zusammen: “Frauen sind ängstlich, Männer sollen mutig sein.” (Löchel 2006: S. 50). Seine Analyse, die den Weg zu dieser Position ebnet, soll hier im Folgenden rekonstruiert werden. Löchel bezieht sich hierbei im Wesentlichen auf Kants nicht von ihm veröffentlichte Notizen (die Reflexionen) und Vorlesungsmitschriften seiner Studierenden.

Kant unterscheide Löchels Untersuchungen zufolge in seiner Theoretisierung der Gefühle zwischen “Affekten”, “Leidenschaften”, “Begierden” und “Neigungen” (vgl. Löchel 2006: S. 54ff). Die Leidenschaft ist nach Kant eine Neigung oder Begierde, bei ihm negativ konnotiert und der praktischen Vernunft entgegengesetzt. Grundsätzlich rücke Kant das ‘Weibliche’ näher an den emotionalen Seelenteil, während er den vernünftigen Teil der menschlichen Seele eher männlich konnotiert (vgl. ebd.: S. 51). Darüber hinaus sind Frauen ihren Emotionen auch mehr ausgeliefert als Männer, so Löchel über Kant: “Frauen sind ihren Gefühlen und Affekten hilflos ausgeliefert und werden von ihnen schneller und leichter affiziert” (ebd.: S: 58). Dies ist angesichts der Kant’schen Anthropologie ein ganz entscheidender Umstand:

“Wie wir gesehen haben, besteht Kant zufolge also ein hierarchisches Verhältnis zwischen Gefühl und Verstand. Menschen, die sich durch ihre Gefühle – gleichgültig, ob durch Affekte oder durch die noch negativer bewerteten Leidenschaften – bestimmen lassen, sind denjenigen unterlegen, die es verstehen, sich ihres Verstandes zu bedienen. “ (ebd.: S. 57)

Entscheidend ist darüber hinaus, dass Löchel bei Kant eine “Geschlechterspezifik der Emotionen” sieht. Er vertritt die These, dass:

“[...] Kant nicht nur Emotionalität als solche dem weiblichen Geschlecht zuordnet, den höher bewerteten verstand hingegen dem Mann, sondern darüber hinaus - explizit oder implizit - passiv und negativ konnotierte Emotionen in der Regel weiblich, aktiv und positiv konnotierte Emotionen hingegen männlich codiert.” (ebd.: S. 53)

Als spezifisch weibliche Emotionen bei Kant macht Löchel “Scham, Verlegenheit und Angst” aus, während dem Mann umgekehrt der Mut zugesprochen wird (vgl. ebd.: S. 75). Die Emotionen der Frau dienen hierbei ihrem “Naturzweck”, nämlich dem Gebären von Kindern sowie des Ausgleichs ihrer mangelnden Fähigkeit, nach rationalen Grundsätzen zu handeln:

“Während die Ängstlichkeit der Frauen vor körperlicher Versehrtheit einem Naturzweck dient, indem sie den Fortbestand der menschlichen Gattung garantiert, kompensiert das Mitleid die spezifisch weibliche Unfähigkeit zu Grundsätzen. “ (ebd.: S. 60).

Zusammenfassend lässt sich auf Basis der Arbeit von Löchel zum Frauenbild Kant also das Folgende sagen: Aufgrund ihres Naturzwecks, der Arterhaltung durch Gebärung, sind Frauen den starken Emotionen der Angst, Scham und Verlegenheit ausgesetzt - dies dient dem Schutz ihres Körpers, genauer gesagt: ihrer Gebärmutter. Gleichzeitig, dies ist die zweite Funktion der Emotionalität der Frauen, gleicht diese einen weiteren Mangel aus: Frauen, so Kant, seien nicht fähig, auf Basis (rationaler) Grundsätze zu handeln. Ihre Emotionalität befähigt sie zu Mitleid, was dies in gewissem Maße kompensiert. Die Frau, das Weibliche ist bei Kant also nicht dem Verstand zugeordnet, sondern der Emotion. Gemäß des hierarchischen Kant’schen Welt- und Menschenbildes, in dem die Vernunft dem tierischen Begehrungsvermögen d.h. der Emotionalität überlegen ist, sind auch die Frauen den Männern unterlegen. In diesem Sinne ist die Frau bei Kant, auch wenn er es wortwörtlich nicht so sagt, nur in eingeschränktem Maße “animal rationabile”.

2.3 Kritische Einordnung

Obgleich eine stichfeste Kritik des Kant’schen Frauenbildes auf Basis seiner eigenen philosophischen Untersuchungen eine genauere Lektüre von und Auseinandersetzung mit dem Gesamtwerk Kants voraussetzen würde, als im Rahmen dieser Arbeit zu leisten ist, soll im Folgenden dennoch auf einige kritikwürdige Aspekte der Kant’schen Argumentation eingegangen werden.

An dieser Stelle sei angemerkt, dass sich hier Möglichkeiten einer Kant-immanenten Kritik seines Frauenbildes aufzeigen. So ließe sich Kants Position m.E. auch folgendermaßen paraphrasieren: Frauen sind aufgrund ihrer Emotionalität und ihres Ausgeliefertseins an die der Vernunft entgegenstehenden Leidenschaften (F(e)) nicht zum Handeln nach rationalen Grundsätzen fähig (¬F(g)). Um diesen Mangel auszugleichen, sind sie so emotional. Insofern diese Zuspitzung der Kant’schen Position richtig ist, liegt hier ein Zirkelschluss vor:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine solche Kritik der Kant’schen Position bedürfte allerdings einer tiefergehenden Auseinandersetzung mit seiner Anthropologie und seinem Geschlechterbild, als die vorliegende Arbeit in ihrem eng umgrenzten Rahmen zu leisten vermag. Geklärt werden müsste nämlich zunächst die Frage, ob Kant u.U. an anderer Stelle Gründe für die Unfähigkeit der Frauen, nach Grundsätzen zu handeln, anführt. Wäre dem so, würde es sich hier auch nicht um einen Zirkelschluss handeln.

Zudem könnte man Kant überdies einen naturalistischen Fehlschluss unterstellen: Weil Frauen tatsächlich die Natürliche Fähigkeit zum Gebären haben, sollen sie auch Gebären, mehr noch, es wird zu ihrer naturgemäßen Pflicht, ihrem Naturzweck.

Eine Kritik Kants aus sich selbst heraus war allerdings nicht die Zielsetzung dieser Arbeit. Im Folgenden soll stattdessen geklärt werden, ob sich Kants Frauenbild auch aus der perspektive seiner Zeit heraus als rückständig bezeichnen lässt. Hierfür soll seine Position zur Weiblichkeit mit der eines Zeitgenossen verglichen werden, namentlich mit Theodor Gottlieb von Hippel.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Unterworfensein oder Unterlegenheit. Das Frauenbild von Kant und Hippel im Vergleich
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
14
Katalognummer
V977582
ISBN (eBook)
9783346326034
ISBN (Buch)
9783346326041
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Philosophie, Aufklärung, Idealismus, Immanuel Kant
Arbeit zitieren
Lana Karim (Autor), 2019, Unterworfensein oder Unterlegenheit. Das Frauenbild von Kant und Hippel im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/977582

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