Sprachliche Verhältnisse in Nordfriesland - Friesisch, Hochdeutsch, Niederdeutsch, Hochdänisch und Südjütisch


Seminararbeit, 2000

47 Seiten, Note: 2+


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Inhalt

1 EINLEITUNG

2 DIE GESCHICHTE NORDFRIESLANDS

3 DIE SPRACHEN IN NORDFRIESLAND
3.1 Friesisch
3.2 Hochdeutsch
3.3 Hochdänisch
3.3 Niederdeutsch
3.4 Südjütisch
3.5 Vergleich der Sprachen

4 ENTWICKLUNG DER SPRACHLICHEN VERHÄLTNISSE IN NORDFRIESLAND
4.1 Einstellung der Friesen zu ihrer Sprache
4.2 Einflüsse auf die Sprachentwicklung
4.3 Entwicklung der Sprecherzahlen
4.5 Der sprachliche Hintergrund der Lernenden

5 ENTWICKLUNGEN IN KULTURELLER HINSICHT
5.1 Entwicklung bis 1920
5.1.1 ENTWICKLUNGEN AUF SCHULISCHER EBENE
5.1.2 ALLGEMEINE ENTWICKLUNG DES FRIESISCHEN UND DER FRIESEN
5.1.3 ERSTE FRIESISCHE VEREINE
5.2 Entwicklung nach 1920
5.2.1 ENTWICKLUNGEN AUF SCHULISCHER EBENE
5.2.2 DIE ROLLE DER SCHULE

6 FRIESISCH HEUTE
6.1 Vereine und Institutionen
6.2 Tendenzen für die Zukunft

7 FÖRDERUNGSMÖGLICHKEITEN DER EINZELNEN SPRACHEN
7.1 Dänisch (auch Südjütisch)
7.2 Niederdeutsch
7.3 Friesisch

8 FORSCHUNG BEZÜGLICH DER SPRACHVERWENDUNG
8.1 Schülerbefragungen und Betrachtungen von Schulen
8.2 Die Aufgabe des Lehrers

9 INHALT DER MAPPE „VI BOR I SØNDERJYLLAND“ UND IHRE EINSATZMÖGLICHKEITEN IM FÄCHERÜBERGREIFEN- DEN UNTERRICHT

10 AUFBAU DER MAPPE „ VI BOR I SØNDERJYLLAND“
10.1 Fiktive Texte
10.2 Erzählungen, Gedichte und Lieder
10.3 Sagen
10.4 Reime und Abzählreime
10.5 Spiele
10.6 „Virkelighedens verden“
10.7 Gastlehrer in und außerhalb der Schule - oder im Landschulheim
10.8 Einsatz von Tonkassetten in der Spracharbeit

11 ANREGUNGEN FÜR DIE DIDAKTISCH UND METHODISCHE UMSETZUNG DER MAPPE „ VI BOR I SØNDERJYLLAND IM FÄCHERÜBERGREIFENDEN UNTERRICHT
11.1 Erzählungen, Gedichte und Lieder
11.2 Fiktive Texte
11.3 Sagen
11.4 Reime und Abzählreime
11.5 Spiele - Rollenspiele
11.6 „Virkelighedens verden“
11.7 Besuch von Gastlehrern
11.8 Südjütische Sitten und Traditionen
11.9 Tonkassetten in der Spracharbeit

12 SCHLUßWORT

13 LITERAURVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

In den vergangenen Semestern haben wir uns in einigen Seminaren ( WS ´97/´98 „sprachliche Verhältnisse im nördlichen Raum Schleswig-Holstein: Standarddeutsch, Niederdeutsch, Standard- dänisch, Sydjütisch, Friesisch“ und im SS `98 „Begegnung mit Sprachen - Sprachdidaktische Neuerungen in Kindergarten und Schule“ ) bereits mit der Thematik der verschieden Sprachen im Raum des nördlichen Schleswig - Holstein (Standarddeutsch, Niederdeutsch, Standard-dänisch, Südjütisch, Friesisch) und der Verwendung dieser Sprachen im alltäglichen Leben und auch im Schulalltag auseinandergesetzt. Diese Hausarbeit soll die fünf Sprachen beleuchten, welche im Kreis Nordfriesland gesprochen werden. Des weiteren soll die geschichtliche Entwicklung im Gebiet Nordfrieslands umrissen werden, um zu zeigen, inwieweit historische Gegebenheiten Einfluß auf die Entwicklung und den Gebrauch von Sprache haben. Es soll dargestellt werden, wie sich die Sprachen im Laufe der Zeit in Bezug auf ihre Verwendung (soziale Schichten, Sprecherkreis) und ihren Status hin verändert haben.

Explizit werden wir uns bei der geschichtlichen Betrachtung der Sprachen am Beispiel des Friesischen orientieren. Wir werden aufzeigen, wie sich das Friesische und die Verwendung dieser Sprache im Laufe der Zeit bis heute entwickelt hat. Auch Entwicklungen in Hinsicht auf den Sprecherkreis sollen beleuchtet werden.

Ebenfalls werden wir - auf die heutige Zeit bezogen - einige Beispiele für die didaktische Arbeit mit diesen Sprachen in der Schule (und im Kindergarten) darstellen. Dieses werden wir am Beispiel der Mappe „ Vi bor i Sønderjylland “ machen. Dieses Material ist speziell für den Sprachgebrauch des Südjütischen im dänischsprachigen Raum entwickelt, kann aber von den didaktischen Ansätzen her auch auf alle anderen Sprachen hin verwand werden.

2 DIE GESCHICHTE NORDFRIESLANDS

Die erste Erwähnung der Friesen läßt sich auf das Jahr 12 vor Christus datieren. Der römische Chronist Tacitus erwähnt den Stamm der „Frisi“ bei seiner Darstellung des Britannienfeldzuges des Drusus. Erst wesentlich später lassen sich wieder geschichtliche Zeugnisse der Friesen finden. Das ursprüngliche Siedlungsgebiet wird im Raum zwischen Ijsselmeer (Niederlande) und Weser vermutet. Die Friesen wanderten in zwei größeren Schüben in das Gebiet des heutigen Nordfriesland, des Ostseeraumes und Richtung Norwegen ein. Gründe für diese Wanderungen können nur vermutet werden, so zum einen das Aufkommen der Wikinger im 6. und 7. Jh., sowie ständige Auseinandersetzungen mit dem stark expandierenden Frankenreich. Diese erste Einwanderungswelle traf um das Jahr 700 auf die Nordfriesischen Inseln, wie durch archäologische Funde belegt werden kann. Die zweite Einwanderungswelle kam etwa 200 - 300 Jahre später, also um das Jahr 1000, und betraf die Gebiete des Festlandes und auch der heutigen Halligen.

Auch muß erwähnt werden, daß es niemals etwas wie einen friesischen Staat oder eine friesische Nation gab. Friesland unterstand staatsrechtlich und hoheitlich immer dem jeweiligen König bzw. Landesfürsten, sei er nun dänisch oder preußisch, welcher das Gebiet Nordfriesland jeweils beanspruchte.

Etwa bis 1215 unterstand Friesland dem dänischen König. Die Friesen wurden im Mittelalter immer häufiger in Konflikte mit dem Herzogtum Schleswig einbezogen, wobei sie allerdings niemals geschlossen auftraten. Etwa ab Anfang des 15. Jh. war Friesland staatsrechtlich geteilt. Die Inseln Amrum, Föhr und Sylt gehörten als Enklaven zum dänischen Königreich, der Rest zum Herzogtum Schleswig. Diese Aufteilung des friesischen Siedlungsraumes ging über die Landesteilungen von 1544 und 1581 bis ins Jahr 1721, wobei vormals Gebiete unter Gottorfer Kontrolle dem dänischen Königreich angegliedert wurde. Das Gebiet Nordfriesland war somit zum ersten Mal staatsrechtlich geeint, da der dänische König zugleich Herzog von Schleswig war. Nach dem preußisch-dänischen Krieg von 1864 gehörte Friesland das erste Mal zum deutschen Staatswesen und wurde 1867 zur preußischen Provinz. Später wurden diese Gebiete zu einem Teil des Deutschen Reiches und seit 1946 ist Friesland Teil des Bundeslandes Schleswig-Holstein.

3 DIE SPRACHEN IN NORDFRIESLAND

Das Gebiet Nordfriesland ist durch seine sprachliche Vielfalt interessant. Hier existieren auf geographisch sehr engem Raum fünf Sprachen nebeneinander. Neben den beiden Hochsprachen Deutsch und Dänisch gibt es das Niederdeutsche und das Südjütische sowie die Sprache der Friesen - das Friesische. Alle diese Sprachen werden heute aktiv gesprochen, wenn auch von unterschiedlich großen Teilen der Bevölkerung.

Alle fünf Sprachen gehören zu der Gruppe der westgermanischen Sprachen und besitzen dadurch eine recht starke Interferenz zueinander, jedoch ohne daß eine Verschmelzung stattgefunden hat oder einen Sprache die andere assimiliert hätte, wie es z.B. im Englischen stattfand, welches eine Mischung der Lokalidiome Friesisch, Jütisch und Sächsisch ist.1

Dialekt:

„Dialekt“ stammt aus dem Griechischen und meint die Unterredung, Redeweise. Der Dialekt ist eine örtlich oder landschaftlich begrenzte sprachliche Sonderform, eine regionale Variante einer Sprache, auf deren Entstehung und Entwicklung unterschiedliche soziale, kulturelle und geschichtliche Faktoren eingewirkt haben.

Die mundartliche Form unterscheidet sich von der Hochsprache durch die dürftige Besetzung aller grammatischen Ebenen und den reduzierten Wortschatz. Der Verwendungsbereich des Dialektes erstreckt sich meist auf den familiär - intimen Bereich, den örtlichen Raum, den Arbeitsplatz und auf das mündliche Sprechen.

Das Kriterium der räumlichen Erstreckung ist von allen genannten Entwicklungsprinzipien das am weitesten verbreitete, wenn von Mundart die Rede ist.

Eng verbunden mit dem unterscheidenden Merkmal der Orts- und Raumgebundenheit ist das der kommunikativen Reichweite. In der Dialektologie heißt es, daß sich der Dialekt gegenüber der Einheitssprache dadurch kennzeichnet, daß er einen geringeren, oft nur kleinsträumlichen, sprachlichen Verständigungsradius habe, während jeder Schritt weg vom Dialekt in Richtung Einheitssprache die kommunikative Reichweite vergrößert.

Allen Einteilungsprinzipien ist gemeinsam, daß Dialekt nie aus sich selbst definiert wird. Eine Merkmalsbeschreibung von Dialekt ist immer nur als eine Abgrenzung von Nicht - Dialekt möglich.

3.1 FRIESISCH

Friesisch (bzw. die verschiedenen Varianten des Friesischen) ist, genau wie Hochdeutsch und Reichsdänisch eine eigene Sprache, wenngleich sie dialektalen Charakter, was die Verwendung und den Verbreitungsraum betrifft, besitzt. Es gibt im Friesischen zwei Hauptdialektgruppen. Zum einen das Festlandfriesisch, welches sich wiederum in sechs Dialekte teilt, die nach den Harden (ursprünglich Verwaltungsgebiete mit eigener Gerichtsbarkeit) in denen sie gesprochen werden, benannt sind: Karrharde, Böckingharde, Wiedingharde, Norder-, Mittel- und Südergoesharde, und das Inselfriesisch, das sich in die drei Dialekte Halunder (Helgoland), Sölring (Syltring) und Öömrang (Amring) teilt. Diese verschiedenen Dialekte entstanden durch die relative Abgeschlossenheit der ursprünglichen Siedlungs- und damit auch Sprachgebiete. Durch die Isolation auf den Inseln und die Abgeschiedenheit auf dem Festland (z.B. durch Moore isoliert) haben sich die verschiedenen Dialekte des Friesischen weitgehend unabhängig voneinander entwickelt. Grundsätzlich lassen sich die beiden Hauptdialekte ebenfalls durch die beiden großen Einwanderungswellen im 7. und 10. Jh. erklären.

Als Beispiel dafür, wie weit sich die Dialekte der friesischen Sprache unterscheiden, sei hier eine Textstelle aus „Max und Moritz“ von Wilhelm Busch angeführt2:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

An diesen Textbeispielen kann man sehr gut sehen, wie weit die verschiedenen Dialekte voneinander abweichen.

3.2 HOCHDEUTSCH

Hochdeutsch wird im Gebiet der Bundesrepublik Deutschland, also auch in Nordfriesland, heute als Amts- und Schulsprache verwand. Sie ist die überdachende Sprache für alle Dialekte im deutsch- sprachigen Raum. Entwickelt hat sich das Hochdeutsche aus dem Mittelhochdeutschen, so wie sich das Niederdeutsche aus dem Mittelniederdeutschen entwickelte.

Hochdeutsch wird ebenfalls von der deutschen Minderheit in Dänemark als Muttersprache verwand.

3.3 HOCHDÄNISCH

Hochdänisch ist die Amts- und Schulsprache des Königreiches Dänemark. Das Hochdänische wird im Norden Schleswig-Holsteins, also auch in Nordfriesland von der dänischen Minderheit gesprochen. Hochdänisch ist auch die Schulsprache der dänischen Schulen in Schleswig-Holstein.

3.3 NIEDERDEUTSCH

Nieder- oder Plattdeutsch ist eine Sprache, welche sich aus dem Mittelniederdeutschen entwickelt hat, und die beherrschende Sprache des Mittelalters im Nord- und Ostseeraum war. So war Niederdeutsch beispielsweise offizielle Handelssprache der Hanse (etwa bis 1500). Niederdeutsch besitzt viele verschiedene Dialekte, so z.B. Holsteiner Platt, Dithmarscher Platt, Eiderstedter Platt, Mecklenburger Platt etc. Faktisch wird im ganzen Raum Norddeutschlands Niederdeutsch gesprochen, wobei es jedoch lokale Unterschiede, was Semantik und Syntax anbelangt, gibt.

3.4 SÜDJÜTISCH

Südjütisch ist ein Dialekt des Hochdänischen und wird im nördlichen Schleswig-Holstein von einem Teil der dänischen Sprachgruppe gesprochen. Heute ist das Grenzgebiet in erster Linie mehrsprachig, weil sowohl die Mehrheitsbevölkerung als auch die traditionelle Minderheit beiderseits der Grenze mehrere Sprachen oder mehrere Varianten einer Sprache sprechen. In Südjütland wird sowohl der dänische Dialekt Südjütisch als auch Hochdänisch, und von der deutschen Minderheit zugleich Deutsch gesprochen.

Auch wenn der sprachliche Unterschied zwischen südjütischer Umgangssprache und dem Hochdänischen nicht so groß ist, liegt doch ein Bewußtsein darüber vor, daß Südjütisch eine regionale Zugehörigkeit ausdrückt, auf die man stolz ist.

Das Festhalten an diesem Dialekt kommt aus der Zeit 1864 - 1920, als sich dieser Landesteil unter deutscher Regierung befand. Die damalige Institutionssprache war Deutsch. Die dänisch gesinnte Bevölkerung sprach Südjütisch, um ihre nationale Zugehörigkeit zu demonstrieren.3

Mit zunehmender Industrialisierung kamen Dänen aus allen Landesteilen Dänemarks nach Südjütland. Somit wurde immer häufiger Hochdänisch gesprochen, und das Südjütische erlitt so einen herben Prestigeverlust.

3.5 VERGLEICH DER SPRACHEN

Um noch einmal die vier Sprachen Niederdeutsch, Hochdeutsch, Hochdänisch und Südjütisch gegenüberzustellen, sei an dieser Stelle noch einmal ein Textbeispiel angeführt, welches die Unterschiede darstellt:

Hochdeutsch: Ich bin auf einer Insel in einer Au.

Niederdeutsch: Ick bün op een Insel in een Au.

Hochdänisch: Jeg er på enøude i en å.

Südjüisch: A æ å æøu i æ å.

Aus diesem Beispiel lassen sich die Unterschiede, welche zum einen Deutsch und Dänisch trennen, aber auch die Unterschiede zwischen der jeweiligen Hochsprache und dem Dialekt (bzw. dem Niederdeutschen) aufzeigen. Es lassen sich zwischen Hoch- und Niederdeutsch und Hochdänisch und Südjütisch gewisse Ähnlichkeiten innerhalb der Wörter und des Satzbaues feststellen. Größter Unterschied zwischen dem Hochdeutschen und dem Niederdeutschen ist allerdings das Fehlen jeglicher Orthographie im Niederdeutschen. Dieser Unterschied ist aus dem vorliegenden Beispiel nicht ersichtlich, ließe sich aber durch Verschriftung eines vorgegebenen Textes durch Sprecher verschiedener niederdeutscher Varianten darlegen. Um nun Hochdänisch und Südjütisch gegenüberzustellen, seien hier folgende Beispiele angeführt:

Konsonanten:

In dem vorliegenden Beispiel fallen in der südjütischen Übersetzung sämtliche Konsonanten heraus.

Vokalunterschiede:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zusatz:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„ Da die Variation eine natürliche Eigenschaft jeder natürlichen Sprache ist und sich nicht nur in der Phonetik-Phonologie, sondern auch im Wortschatz (Einschlie ß lich Semantik) und in der Morphologie nachweisen l äß t, ist das Problem der Abstrahierung von der Variation, der Beschreibung einer Sprache, ein grundsätzliches-

methodologisches und theoretisches - Problem der Sprachwissenschaft. “ 4

4 ENTWICKLUNG DER SPRACHLICHEN VERHÄLTNISSE IN NORDFRIESLAND

Die geschichtlichen Entwicklungen der Region Nordfriesland haben natürlich auch Einfluß auf die Sprachen und ihre Verwendung gehabt. Wie bereits in Abschnitt 2 erwähnt, gab es niemals eine eigenständige friesische Nation. Die Friesen lebten immer unter Fremdherrschaft, mußten sich also immer mit den Sprachen der Landesherren bzw. der Majoritäten arrangieren.

4.1 EINSTELLUNG DER FRIESEN ZU IHRER SPRACHE

Die Friesen sind eine ethnolinguistische Minderheit. Die friesische Sprache wurde und wird von den Friesen in ihren Familien und untereinander in den Harden gesprochen. Im Handel, in offiziellen Angelegenheiten und in der Schule und Kirche hingegen dominierten aber jeweils die Sprachen der Landesherren, sei diese nun im Mittelalter Niederdeutsch oder später Dänisch oder Hochdeutsch gewesen.

Ernsthafte Bestrebungen hinsichtlich eines eigenen Staates oder einer eigenen Nation, wie z.B. die Bestrebungen der Basken in Spanien oder der Kurden in der Türkei, hat es in Friesland nie gegeben (bis auf zwei kleinere Versuche, siehe Abschnitt 5). Die nationale Identifikation richtete sich zumeist auf die eigene Harde, jedoch niemals auf den gesamten friesischsprachigen Raum.

Es gab auch niemals eine eigene Schriftsprache der Friesen. Alle Niederschriften, die in irgendeiner Art nötig waren, wie z.B. Verträge, wurden in der jeweiligen Amtssprache getätigt (im Mittelalter, bis zur Reformation, vornehmlich Niederdeutsch, danach Hochdeutsch).

Selbst die Niederschrift der, bis dahin lediglich mündlich überlieferten, friesischen Rechte, fand 1426in Niederdeutsch statt.

Heutzutage hingegen wird versucht, so etwas wie eine Einheitlichkeit in die Verschriftlichung des Friesischen zu bringen. Es muß versucht werden, eine allen friesischen Dialekten gleichkommende Schriftsprache zu finden. Da jedoch jeder Friese seinen Dialekt für den besten hält, ist es schwierig einen Standard für das Friesische zu finden, welcher auf überdialektaler Ebene faßt. Statt dessen werden heute Veröffentlichungen in friesischer Sprache zumeist in dem Dialekt, welcher im Sprachraum vorherrscht, unternommen.

4.2 EINFLÜSSE AUF DIE SPRACHENTWICKLUNG

Das Friesische war - und ist bis heute - eine regionale

Minderheitensprache. Die Gebiete, in denen Friesisch gesprochen wird, waren und sind regional abgegrenzt und von anderen Sprachgebieten umlagert (Niederdeutsch, Dänisch, Hochdeutsch). Mit der Verbesserung der Infrastruktur, welche die Agrarreform im 18. und 19. Jh. mit sich brachte, wurde der Sprachraum noch weiter eingeschränkt, gleichzeitig aber auch die Grenzen zu anderen Sprachräumen geöffnet. Diese Entwicklung und die Tatsache, daß das Friesische nie eine „offizielle“ Sprache war, haben das Friesische noch weiter zurückgedrängt.

Die Häufigkeit der Verwendung des Friesischen läßt sich auf Gebiete mit relativ niedrigem Lebensstandard und größerer räumlicher Abgelegenheit bzw. auf Gebiete mit relativer materieller Unabhängigkeit (wie z.B. die nordfriesischen Inseln; Seefahrt, eigene Landwirtschaft und Walfang) begrenzen. Soll heißen, in Gebieten in denen die Friesen mehr oder weniger unter sich blieben, wurde und wird Friesisch in höherem Maße gesprochen, als in Gebieten, die ursprünglich zum friesischen Sprachraum gehören, aber aufgrund verschiedener Umstände von anderen Sprechergruppen mitbesiedelt wurden. Als Beispiele hierfür seien der aufkommende Badetourismus an der Nordseeküste Ende des 19. Jh. und Anfang des 20. Jh. sowie die Einführung der Wehrpflicht genannt. Auch die Aufsiedlung Nordfrieslands nach dem 2. Weltkrieg hatte eine Einwirkung auf die Sprache. Durch den Zuzug von Flüchtlingen brachten diese ihre eigenen Dialekte mit, welche aber dem Hochdeutschen oder Niederdeutschen, was ihre Verwendung im Sprachgebrauch anbelangt, anheimfielen.

Statt den Sprecherkreis zu vergrößern, wurde dieser auf diese Art und Weise eher kleiner, da die Gesamtzahl der Bewohner der Region anstieg, die Anzahl der Friesisch sprechenden Bevölkerung hingegen gleich blieb bzw. sogar noch abnahm.

Generell läßt sich abschließend sagen, daß das Niederdeutsche wohl den größten Einfluß auf das Friesische hatte. Es beeinflußte die Sprache einerseits, drängte sie aber andererseits auch zurück. Mitte des 19. Jh., mit der preußischen Annektierung Schleswigs, löst Hochdeutsch das Niederdeutsche als Amts- und Schulsprache ab. Die Region wurde infrastrukurell erschlossen und es kamen Hochdeutsch sprechende Beamte, Lehrer und Kaufleute in das Gebiet Nordfriesland.

Das Dänische hingegen hatte wenig Einfluß auf das Friesische. Im Gegensatz zum Niederdeutschen bestand beim Dänischen nie die Gefahr einer Ersetzung oder Verdrängung, obwohl es hier zur Übernahme syntaktischer Eigentümlichkeiten, bis hin zu Lautent- wicklungen, von Wörtern und Redewendungen gekommen ist. Die Friesen selbst empfanden ihre Sprache aber der dänischen überlegen.5

4.3 ENTWICKLUNG DER SPRECHERZAHLEN

Nach Schätzungen sprechen heute noch ungefähr 8 - 10 Tausend Bewohner Nordfrieslands aktiv Friesisch, während insgesamt etwa 20 Tausend Menschen noch Friesisch verstehen können.

Ebenfalls nur Schätzungen gibt es für die Sprecherzahlen des Niederdeutschen und des Südjütischen. So wird Südjütisch schätzungsweise von 1500 Menschen gesprochen. noch 1965 sprachen 79% der Bevölkerung Nordfrieslands Niederdeutsch.

Beide Sprachen verlieren jedoch immer mehr Sprecher an die Hochsprachen Dänisch und vor allem an das Hochdeutsche.6

Ähnlich, wie vor etwa 200 Jahren ein Sprachwechsel vom Friesischen ins Niederdeutsche stattfand, so findet heute ein Sprachwechsel beider Sprachen - des Friesischen und des Niederdeutschen - ins Hochdeutsche statt.

Erhebung zur Entwicklung der friesischen Sprache in Nordfriesland7

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

An diesen Zahlen läßt sich sehr deutlich der Verlust an Sprechern für die friesische Sprache ablesen. Die Gründe hierfür sind vielfältig, der wichtigste aber ist der Prestigeverlust der Sprache bzw. die Ansicht, Dialekt oder eine Minderheitensprache zu sprechen, würde dem sozialen und gesellschaftlichen Standpunkt des Sprechers abwerten.

So wie bereits im Mittelalter und im der Hansezeit ein Sprachwechsel zum Mittelniederdeutschen und Niederdeutschen stattfand, so hat in der Neuzeit ein Wechsel der Friesisch sprechenden Bevölkerung hin zum Hochdeutschen stattgefunden. Friesisch wurde nie als eine Institutionssprache verwendet, nicht in der Kirche oder der Schule gesprochen, und Norm war die Verwendung der niederdeutschen bzw. hochdeutschen Sprache. Wurde eine höhere Schulbildung angestrebt, so war dies nicht mit der friesischen Sprache zu erreichen, es mußte immer eine andere Sprache verwand werden, und dies war stets die Sprache der vorherrschenden Majorität.

Dies läßt sich natürlich auch auf Niederdeutsch im Vergleich mit dem Hochdeutschen und auf Südjütisch im Vergleich mit dem Reichsdänisch anwenden. Die Minderheitensprache, der Dialekt oder die Varietät, geht durch die Verwendung einer von einer Majorität gesprochenen Sprache zurück, wird zurückgedrängt oder verliert an Einfluß auf das Zusammenleben der einzelnen Sprechergruppen. Es vollzieht sich eine Anpassung der Minorität an die Majorität. Die eigentliche Muttersprache wird, wenn überhaupt, nur noch zu Hause in der Familie gesprochen und hat bei sozialen und kulturellen Interaktionen mit anderen (nicht zum Sprecherkreis gehörenden Personen) so gut wie keinen Stellenwert mehr.

So ist zu beobachten, daß die Sprecherzahlen im Friesischen vor allem innerhalb der Generationen stark am sinken sind. Während heute die Großelterngeneration, also die über 60-jährigen, oftmals noch Friesisch sprechen, so sprechen deren Kinder oftmals in einem wesentlich geringeren Prozentsatz diese Sprache. Sie haben Friesisch zumeist nie erlernt, weil in ihrer Kindergarten- und Schulzeit die Meinung über die Verwendung von Dialekten und Minderheitensprachen vorherrschte, wie sie bereits weiter oben ausgeführt wurde. Da sie auf diese Art aufwuchsen und nichts anderes gelernt haben, verfahren sie mit ihren eigenen Kindern oftmals ebenso. Die Kinder lernen Hochdeutsch als Muttersprache und sprechen vielleicht mit ihren Großeltern Friesisch. In Kindergarten und Schule hingegen benutzen sie das Hochdeutsche, da dies nun einmal Schul- und Amtssprache ist. Wichtig ist hier also die Schaffung eines Bewußtseins für die friesische Sprache.

4.5 DER SPRACHLICHE HINTERGRUND DER LERNENDEN

„Der sprachliche Hintergrund kann anhand des angewandelten Habermas-Modells (cf. Engsnap 1984:6ff) illustriert werden.“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dieses zeigt, wie unterschiedlich und breitgefächert die Voraussetzungen der Lernenden sind, und macht sichtbar, daß die Minderheitensprachen in der Schule als eine Art „Sprach-Insel“ zu betrachten sind, die mehr oder weniger von der Sprache des Elternhauses unterstützt werden, und daß für einen Teil der Lernenden die Minderheitensprachen „Institutionssprachen“ bleiben (Vgl. Hattesen).

Identifikationsbeispiele für Nordfriesland und das „Friesische“ gibt es genug. Da sind zum einen die typischen Friesenhäuser, die Haubarge auf der Insel Eiderstedt, die Bauern- und Seefahrerhäuser mit ihren typischen Türen und Fenstern auf den Nordfriesischen Inseln, die Vielfalt friesischer Trachten und nicht zuletzt die friesischen Fliesen in Küchen und an den Kaminöfen (welche - die Fliesen, nicht die Öfen - ursprünglich eigentlich aus Holland kommen).

5 ENTWICKLUNGEN IN KULTURELLER HINSICHT

5.1 ENTWICKLUNG BIS 1920

5.1.1 ENTWICKLUNGEN AUF SCHULISCHER EBENE

Nach der Reformation waren Kirche und Schule eng verbunden. Ziel des Unterrichts war es, den christlich-protestantischen Glauben zu festigen.8

In der Zeit der Aufklärung (Rousseau, Pestalozzi) kam „das Recht auf Menschenbildung und naturgemäße Entwicklung aller Kräfte im Menschen“ dazu. Trotz dieser Bestrebungen änderte sich für die Lernenden 9 nichts. Bis 1788 waren die Lehrer überwiegend Handwerker oder Knechte, die die Lernenden in ihrer Muttersprache (= Friesisch, Niederdeutsch und Sønderjysk) unterrichteten, obgleich die offiziellen Schulbücher in hochdeutscher Sprache verfaßt waren.

Danach gab es Dank Probst Balthasar Petersen eine geordnete Lehrerausbildung. Damit war es um den muttersprachlichen Unterricht geschehen.

Nach der Einführung der allgemeinen Schulordnung im Jahre 1814 blieb die Religion immer noch der wichtigste Gegenstand der Bildung, daneben wurde aber auch Wert auf die intellektuelle Bildung gelegt, welche dem beruflichen Fortkommen der jungen Menschen zuträglich sein sollte.

Seit 1872 wurde das Realienbuch eingeführt. Dessen Inhalte Weltgeschichte, Landeskunde, Erdkunde und Naturkunde waren. Dazu wurden Zeichnen, Turnen und (für die Mädchen) Handarbeit eingeführt. Ziel war es, die Bildung des Volkes zu verbessern. Bereits hier wurde das Hochdeutsche über Friesisch und die Dialekte gestellt. Die Muttersprachen wurden unterdrückt.

5.1.2 ALLGEMEINE ENTWICKLUNG DES FRIESISCHEN UND DER FRIESEN

Erste verschriftlichte Zeugnisse der Friesischen Sprache lassen sich aus der Zeit um 1600 finden. Eines der ersten Werke in Friesisch war die Übersetzung des „Katechismus“ von Martin Luther. Später, um 1800 traten vermehrt Veröffentlichungen, vor allem von Gedichten und Prosatexten, auf. Erste friesische Wörterbücher entstanden.

Im Jahre 1844 fand das erste friesische Volksfest statt. Hierbei wurde das erste Mal die friesische Fahne gehißt. Sie enthielt die Symbole der Krone, des Grütztopfes und den Adler. Aus diesem ersten Volksfest gingen einige Ideen hervor. 1845 wird dem Pastor, Schriftsteller und Friesen Harro Harring der Ausspruch „ h ö rt nicht auf Friesen zu sein “ zugesprochen. Zu diesem Zeitpunkt war vielleicht die Idee eines eigenen friesischen Nationalstaates am entstehen, sie wurde jedoch niemals verwirklicht oder ausgeführt. Die Schleswig-Holsteinische Erhebung von 1848, der preußisch-dänische Krieg und die sich daraus ergebenden Verwirrungen taten ein ihres um diese Idee zu beenden.

Im Rahmen des Aufbruchs des jungen Deutschlands Mitte des letzten Jh. gab es auch bei den Friesen einige Unruhen. Die „Eiderdänen“ verlangen den Anschluß an Dänemark trotz der Realunion der Herzogtümer Schleswig und Holstein aus dem Jahre 1460 („up ewich ungedeelt“). Diese Angliederung Schleswigs an Dänemark im März 1848 erfolgte, worauf es zu dem preußischen Feldzug gegen Dänemark im Mai desselben Jahres kam. In den politischen Wirren dieser Zeit kommt es zum ersten Mal in Friesland zu nationalen Gedanken.

Erst 1919/20 gab es wieder eine Bestrebung zu einem friesischen Staat. Der Friese und „Bauernpolitiker“ Cornelius Petersen versucht die Grundidee von Harro Harring wiederaufzunehmen, scheitert aber, (wie Harring zuvor auch) an fehlendem Rückhalt seitens der Bevölkerung.

Mit der Niederlage Deutschlands im ersten Weltkrieg und dem damit verbundenen Gebietsverlust kommt es auch im Norden Schleswig- Holsteins zu Aufruhr. Die dänische Minderheit beruft sich hierbei auf den preußisch-österreichischen „Prager Friedensvertrag“ von 1866, in welchem der dänischen Minderheit in Artikel 5 ein Abstimmungsrecht unter gewissen Umständen zugesprochen wird. Auch die von Preußen während des Krieges 1870/71 eingeführte Wehrpflicht, und der Umgang mit den Minderheiten, zur Durchsetzung der Wehrpflicht,, führte zu Unstimmigkeiten. So wurde 1920 der Landesteil Nordschleswig nach dem Votum der Bevölkerung an Dänemark abgetreten. Die Abstimmung wurde in zwei Zonen vorgenommen. In der nördlichen Zone, in der man dänischerseits eine En-Bloc- Abstimmung durchsetzte, wurden rund 75000 Stimmen für Dänemark und rund 25000 Stimmen für Deutschland abgegeben. Der Grenzverlauf verschob sich somit von der Königsau nach Flensburg10

5.1.3 ERSTE FRIESISCHE VEREINE

Bereits im Jahre 1879 wird in Niebüll - Deezbüll der erste nordfriesische Verein gegründet. Bereits dieser versucht, eine Einheitlichkeit in der Orthographie des Friesischen herzustellen, scheitert aber. Trotz allem wird eine erste Friesische Zeitschrift verlegt.

Mit der Zeit bilden sich jedoch mehr solcher Vereine, welchen allen gemein ist, das friesische Kulturgut und die friesische Sprache schützen und pflegen zu wollen. So wird 1902 der „Nordfriesische Verein der Heimatkunde und Heimatliebe“ gegründet, der erste Heimatverein Nordfrieslands. Diese Heimatvereine wurden besonders auf kultureller Ebene aktiv. Durch den aufkommenden Badetourismus sah man das friesische Volksgut und die Sprache gefährdet. So wurden von dem Sylter Karl Mungard drei Friesenfeste organisiert. Diese fanden 1907 auf Amrum, 1909 auf Sylt und 1913 auf Föhr statt. Auf Sylt entstanden die wichtigsten friesischen Veröffentlichungen dieser Zeit.

5.2 ENTWICKLUNG NACH 1920

5.2.1 ENTWICKLUNGEN AUF SCHULISCHER EBENE

Anfang der 20‘er Jahre wurden Stimmen laut, die unter anderem den muttersprachlichen Unterricht in Nordfriesland forderten. In der breiten Öffentlichkeit wurden diese Forderungen jedoch nicht wirklich ernst genommen. Friesische Vereine bedrängten die Regierung und Aufgrund dessen folgte der Spracherlaß 1925. Errungenschaften des Spracherlasses waren folgende:

- Im Fach Lesen durften friesische Poesie und Prosa auf Friesisch behandelt werden.
- In den Sprachstunden durfte Friesisch als Vergleich zur deutschen Grammatik herangezogen werden.
- Im Heimatkundeunterricht konnten friesische Sagen und Erzählungen behandelt werden.
- In den oberen Klassen durften friesische Geschichte auf Friesisch unterrichte werden.
- Im Religionsunterricht durfte auf Friesisch gebetet, gesungen und aus der Bibel erzählt werden.
- Im Musikunterricht wurde friesisches Liedgut berücksichtigt.

Im friesischen Sprachgebiet sollten nach Möglichkeit Friesisch sprechende Lehrer angestellt oder dorthin versetzt werden. Diese hohen Maßstäbe konnten jedoch u. a. aus falscher Scham nicht erreicht werden.

Nach dem 2. Weltkrieg wurde man selbstbewußter. Es wurden Wörterbücher erarbeitet. Es gab Bestrebungen, Friesisch an der Pädagogischen Hochschule zu etablieren.

Seit den 80‘er Jahren wurde die Mehrsprachigkeit als Bereicherung angesehen. Man suchte das Besondere, das Eigentümliche, das Gewachsene. Das bedeutete Aufwind für die ethnischen Minderheiten. Im Sommer 1986 gab es immerhin 26 Schulen mit Friesischunterricht, während es noch 1975 nur drei gab11.

5.2.2 DIE ROLLE DER SCHULE

Für die Sprecher einer Minderheitensprache, sei es Friesisch, Niederdeutsch, Sønderjysk oder Dänisch, ist es ein wichtiges Anliegen, ihre Mutter- oder Regionalsprache zu erhalten und zu pflegen.

Es gibt Untersuchungen, laut denen Bilingualismus die kognitive Flexibilität und differenziertes Denken fördert (vgl. WALKER). Darüber hinaus erfährt das Kind eine emotionale Bindung zu den Muttersprachen, da es diese sind, mit denen es aufwächst.

Die Schule ist nach der Familie die zweite Sozialinstitution. Hier erlebt das Kind eine Erweiterung seines Sozialraumes. „In einer monokulturellen Gesellschaft vertritt die Schule die gemeinsamen herrschenden Wertvorstellungen aller Glieder der Gesellschaft. Das Kind erlebt einen harmonischen Übergang von der ersten Sozialisationsstufe zur zweiten. Es erlebt eine harmonische Weiterbildung der kulturellen Identität. Wo das Kind aber gegensätzliche Werte antrifft, erlebt es [...] eine problematische Situation, wo es in zwei unharmonische Richtungen gezogen wird. Wo diese beiden Einflüsse auch noch mit der Autorität der Sozialinstitution Schule verbunden sind, wird die Situation noch problematischer. Manchmal vertritt die Schule andere Werte als die Familie, was oft für Immigrantenkinder der Fall ist. Manchmal gibt es zwei gegensätzliche Richtungen innerhalb der Schule, was man normalerweise in bilingualen oder Minderheitsschulen findet.“

Für die Sprecher einer Minderheitensprache, sei es Friesisch, Niederdeutsch, Sønderjysk oder Dänisch, ist es ein wichtiges Anliegen, ihre Mutter- oder Regionalsprache zu erhalten und zu pflegen.

Es gibt Untersuchungen, laut denen Bilingualismus die kognitive Flexibilität und differenziertes Denken fördert (vgl. WALKER). Darüber hinaus erfährt das Kind eine emotionale Bindung zu den Muttersprachen, da es diese sind, mit denen es aufwächst.

Die Schule ist nach der Familie die zweite Sozialinstitution. Hier erlebt das Kind eine Erweiterung seines Sozialraumes. „In einer monokulturellen Gesellschaft vertritt die Schule die gemeinsamen herrschenden Wertvorstellungen aller Glieder der Gesellschaft. Das Kind erlebt einen harmonischen Übergang von der ersten Sozialisationsstufe zur zweiten. Es erlebt eine harmonische Weiterbildung der kulturellen Identität. Wo das Kind aber gegensätzliche Werte antrifft, erlebt es [...] eine problematische Situation, wo es in zwei unharmonische Richtungen gezogen wird. Wo diese beiden Einflüsse auch noch mit der Autorität der Sozialinstitution Schule verbunden sind, wird die Situation noch problematischer. Manchmal vertritt die Schule andere Werte als die Familie, was oft für Immigrantenkinder der Fall ist. Manchmal gibt es zwei gegensätzliche Richtungen innerhalb der Schule, was man normalerweise in bilingualen oder Minderheitsschulen findet.“

Um diesem Problemen gerecht zu werden, hat man besonders in den Grenzregionen wo Sprachen und Kulturen aufeinandertreffen, verschiedene Versuche in Schulen durchgeführt.

Dieses wollen wir explizit an einem Model in Nordfriesland betrachten. An der Schule in Risum wurde 1961 der Versuch gestartet, friesisch sprechende Kinder in ihrer Muttersprache zu empfangen. Sie wurden mit den Grundbegriffen in Mathematik, Lesen und den üblichen Fertigkeiten vertraut gemacht. Nach ca. 1 ½ Jahren wurde auf Deutsch übergewechselt, nach dem 3. Schuljahr kam Dänisch als Unterrichtssprache hinzu und nach dem 5. Schuljahr war man auf dem Stand angekommen, den deutsche oder dänische Schulen in ihrem Lernziel einnehmen sollten. Friesisch spielte fortlaufend in 2 Wochenstunden eine Rolle. Dieser an sich gelungene Versuch - der hier sehr gerafft geschildert wurde, der Kindern, Eltern und Lehrern viel Freude bereitete, mußte nach elf Jahren aufgegeben werden, weil keine friesischen Muttersprachler in die erste Klasse kamen. Sonnst wären sie ihrem Prinzip untreu geworden.

Der zweite Versuch war die Arbeit mit Kindern im Vorschulalter. Man traf sich zwei Jahre lang mit Kindern und Eltern zu Spielnachmittagen, wo gesungen, gespielt und erzählt wurde. Liedgut und Geschichten wurden gesammelt und den Kindern / Eltern mitgegeben.

Der dritte Versuch ging von einer Schule aus, der in einer neuen, untraditionellen Weise die Großeltern, beziehungsweise friesische Schulpaten, mit den Schulkindern der 3. und 4. Klasse zusammenführen wollte. Das geschah manchmal innerhalb des Unterrichts und manchmal außerhalb der Schule.

Die beiden Generationen erlebten einander in neuen Situationen. Die ältere Generation war hier vor allem der Träger der Sprache, denn die Eltern der Kinder hatten kein Friesisch gelernt und wollten die Kinder nun mit Hilfe der Schule und der Großeltern ins friesische hineinführen.

Wie schon erwähnt sind diese Versuche sehr komprimiert dargestellt worden.

6 FRIESISCH HEUTE

6.1 VEREINE UND INSTITUTIONEN

Auf regionaler und überregionaler Ebene gibt es heute eine Vielzahl friesischer Vereine. Diese Vereine setzen sich - wie die ersten dieser Vereine auch schon - für die Belange und Interessen der Friesen ein und betreiben aktiv die Pflege des friesischen Sprach- und Kulturgutes. Neben den Vereinen gibt es aber heute noch andere Institutionen, wie beispielsweise das Nordfriisk Instituut in Bredsted oder die Foriining for nationale Friiske. Das erklärte Ziel dieser Institutionen, seien es nun ein Heimatverein oder das Bredsteder Institut, ist es, die friesische Sprache wiederzubeleben oder vielmehr dem Status einer „Haus- und Familiensprache“ zu entreißen.

Mittel, um dieses durchzusetzen, gibt es viele. So werden Kalender und Literatur in friesischer Sprache verfaßt, so wurden im Landkreis Nordfriesland Bestrebungen angestellt, Ortsschilder zweisprachig (Hochdeutsch und Friesisch) zu beschriften.

In einigen Kindergärten und Schule wird heute wieder Friesisch gesprochen, und an den Volkshochschulen werden Friesischkurse für Erwachsene angeboten. Auch in die Kirchen ist das Friesische mittlerweile eingezogen. So gibt es heute Predigten und Gottesdienste auf Friesisch. Ebenfalls die größeren regionalen Tageszeitungen haben das Friesische aufgenommen.

So erscheinen regelmäßig im Husumer Tageblatt Artikel, welche in Friesisch verfaßt sind. Zudem ist das Angebot auch auf kultureller Ebene vorhanden. Theaterstücke in Friesisch werden gespielt und finden Anklang bei der Bevölkerung.

Neben diesen Aktivitäten gibt es noch die nordfriesische Wörterbuchstelle, welche seit 1950 an der Christian Albrecht Universität in Kiel besteht, und an derselben den Lehrstuhl für friesische Philologie sowie das Seminar für Friesisch an der Universität Flensburg.

In diesen Institutionen soll der Bevölkerung, den nachfolgenden Generationen und vor allem den Lehrern, die friesische Sprache näher gebracht und vermittelt werden.

6.2 TENDENZEN FÜR DIE ZUKUNFT

Seit dem Januar diesen Jahres ist die Charta für Regional- und Minderheitensprachen des Europarates in Kraft.

Diese Charta wurde von der Bundesregierung am 5. November 1992 unterzeichnet. Diese gilt für alle Minderheitensprachen Europas, also auch für das Friesische, als Hoffnungsträger. Schon früh beteiligten sich die Friesen an der Arbeit des Europäischen Büros für weniger verbreitete Sprachen in Dublin. Seit 1950 ist die Foriining for nationale Friisk Gründungsmitglied der FUEV (der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen). Der Nordfriesische Verein ist seit 1973 Vollmitglied, assoziiert wurden sie bereits 1962.

Ebenfalls wichtig für die Friesen ist der Artikel 5 der Landesverfassung Schleswig-Holsteins, welche am 1. August 1990 in Kraft trat. In diesem heißt es:

1. Das Bekenntnis zu einer nationalen Minderheit ist frei; es entbindet nicht von den allgemeinen staatsbürgerlichen Pflichten.
2. Die kulturelle Eigenständigkeit und die politische Mitwirkung nationaler Minderheiten und Volksgruppen stehen unter dem Schutz des Landes, der Gemeinde und Gemeindeverbände. Die nationale dänische Minderheit und die friesische Volksgruppe haben Anspruch auf Schutz und Förderung.

Alles in allem scheint es heute für das Friesische besser auszusehen als jemals sonst in den letzten Jahrhunderten. Als Mitglieder der FUEV und der Charta für Minderheitensprachen stehen die Friesen unter einem besonderen Schutz und haben Möglichkeiten ihre Sprache zu pflegen. Des weiteren gibt es heute in der Bevölkerung eine immer stärker werdenden Akzeptanz gegenüber Sprechern die eine Minderheitensprache verwenden. Es ist zwar noch nicht abzusehen, daß Friesisch den Status einer Amts- oder Schulsprache erreicht, aber der Weg dahin kann beschritten werden.

7 FÖRDERUNGSMÖGLICHKEITEN DER EINZELNEN SPRACHEN

Jede der drei „Minderheitensprachen“ in Schleswig-Holstein hat eigene Mittel und Wege der Förderung. Diese sollen im Folgenden kurz angerissen werden.

7.1 DÄNISCH (AUCH SÜDJÜTISCH)

Die Sprachpflege und Kulturarbeit der dänisch sprechenden Bevölkerungsgruppe unterscheidet sich grundsätzlich von der der anderen Sprachen. Die dänische Minderheit wird zu etwa gleichen Teilen aus dänischen und deutschen Mitteln finanziert. Der SSF (Sydslesvigsk Forening) ist das kulturelle Organ der dänischen Minderheit im Landesteil Schleswig. Daneben existieren eine eigene Schul- und Kindergartenversorgung (Dansk Skoleforening for Sydslesvig = dän. Schulverein), aber auch Kirchen (Dansk Kirke i Sydslesvig), ein eigener Gesundheitsdienst (Dansk Sundheds- tjeneste), von verschiedenen Organisationen getragene Freizeitangebote für die Kinder (u. a. SdU - Träger der dänischen Freizeitheime- und Dansk Spejderkorps for Sydslesvig). Nicht zuletzt hat die Minderheit ein eigenes politisches Forum, den SSV (Sydslesvigsk Vælgerforening), welcher ungeachtet der 5% Klausel mit mindestens einem Sitz im schleswig-holsteinischen Landtag vertreten ist und die Interessen der Minderheit auf politischer Ebene vertritt. Der SSV vertritt im Landtag auch die Interessen der friesischen Minderheit, da diese kein eigenes politisches Organ besitzt.

Offiziell wird das Südjütische nicht gefördert. Diese Minorität wird in den Satzungen der einzelnen Institutionen nicht berücksichtigt.

7.2 NIEDERDEUTSCH

Im Gegensatz zum Dänischen und Friesischen ist das Niederdeutsche keine regionale Minderheitensprache. Statt dessen wird Niederdeutsch im gesamten Raum Norddeutschlands - wenn auch in verschiedenen Variationen - gesprochen.

Auch für Niederdeutsch gibt es Einrichtungen und Institute, Vereine und Theatergruppen, welche sich mit der Pflege und dem Erhalt der Sprache befassen. So ist die niederdeutsche Sprache beispielsweise in den Lehrplan der Schulen in Schleswig-Holstein eingebunden. Ein Beispiel hierfür ist der Vorlesewettbewerb „Schüler lesen Platt / Schöler lest Platt“, welcher einmal jährlich an den Grundschulen des Landes veranstaltet wird.

Da das Niederdeutsche eine hohe Sprecherzahl hat, ist es auch für die Medien interessant. So gibt es eine hohe Anzahl niederdeutscher Literatur, Radioprogramme und in niederdeutscher Sprache ausgestrahlter Fernsehsendungen von den Regionalsendern des NDR (N3 sendet auch einmal im Monat eine deutsch-dänische Sendung).

7.3 FRIESISCH

Förderungsmöglichkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten der Sprache für die Zukunft lassen sich aus den bereits in Abschnitt 6 erläuterten Gegebenheiten absehen und müssen aus diesem Grund an dieser Stelle nicht nochmals angeführt werden

Weiteres hierzu im folgenden Abschnitt.

8 FORSCHUNG BEZÜGLICH DER SPRACHVERWENDUNG

8.1 SCHÜLERBEFRAGUNGEN UND BETRACHTUNGEN VON SCHULEN

Hierzu hatte Orlov H. Tångeberg in seinen Studien und Materialien Nr.

11 in „Mehrsprachigkeit und Schulunterricht“ folgendes untersucht : Die Schülerbefragung in Risum-Lindholm

Ausgangssituation dieser Untersuchung waren zwei Schulen in Risum-Lindholm, wo der Autor 1971 sein Hauptpraktikum absolvierte. Es standen ihm dort, zu dieser Zeit, je eine Doppelstunde zur Verfügung, um eine Befragung über die örtlichen Sprachverhältnisse durchführen zu können. Das Einzugsgebiet der beiden Schulen, in denen seine Studie stattfand war:

1. Die ehem. Gemeinde Risum mit den Ortsteilen Christian-Albrechts- Kroog-Süd, Maasbüll, Risum, Risumfeld, Herrenkoog;
2. Die ehem. Gemeinde Lindholm mit den Ortsteilen Broweg, Klockries, Lindholm, Lindholmfeld;
3. Die von 1970 außergemeindlichen Ortsteilen Störtewerker Koog und Stedesand.

In den für die Untersuchung aktuellen Klassen fielen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese Tabelle zeigt die geographische Schrägverteilung Friesisch sprechender Kinder der Klassen des 8./9. Jahrgangs der Gemeinde- Volksschule in Lindholm und der Friesischen Privatschule in Risum 1970.

Folgende Tabelle belegt, daß in den oben genannten Klassen, der Hochdeutsch sprechenden Anteile in Relation zu den Niederdeutsch und Friesisch sprechenden, gering ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Weiter ist hier zu bemerken, daß 75% der Kinder sich außerhalb der Schule einer anderen Sprache als der der Hochdeutschen (Schulsprache) bedienen.

Selbst die „Pausensprache“ in der Lindholm- und der Risumschule ist überwiegend Niederdeutsch und Friesisch.12

Daraus läßt sich schließen, daß gerade in dieser Region ein Bedarf an Einbeziehung der jeweiligen Muttersprachen in den Schulunterricht besteht.

Zur Untermauerung dieser Aussage ein Beispiel:

Dies gilt aus unserer Erfahrung z. B. für Kinder aus der dänischen Minderheit, die nicht bilingual aufwachsen, sondern nur in der Schule oder außerschulischen Einrichtungen Dänisch sprechen. Diese Kinder sprechen untereinander ihre gemeinsame Muttersprache. Dänisch bleibt für sie eine Institutionssprache.

8.2 DIE AUFGABE DES LEHRERS

Der Lehrende muß sich darüber im Klaren sein, daß er sich in ein mehrsprachiges Gebiet vorwagt. Hier wird er im Klassenzimmer nicht nur Hochdeutsch sprechende Kinder, sondern auch Lernenden mit unterschiedlichen Sprachhintergründen begegnen. Die Lehrkräfte sollten selbst empfindsam sein für sprachliche Phänomene, um sie an die Lernenden weiterzugeben. Auch sollten sie über einen Gesamtüberblick verfügen, der es ermöglicht, die Einzelaufgaben in ihrer Beziehung zum Ganzen zu betrachten und ihren Stellenwert zu beurteilen.

Um diesen Anforderungen gewachsen zu sein, muß eine entsprechende Ausbildung vorangehen. Hier mangelt es allerdings noch an ausreichender Lehrer Aus- und Weiterbildung.

Die Aufgabe des Lehrenden ist es nun, diese Mannigfaltigkeit an Sprachen in seinen Unterricht einzubinden. So ist im Lehrplan für das Fach Deutsch explizit der Umgang mit niederdeutschen Texten aufgeführt.

Der Lehrende könnte es sich einfach machen, indem er ein niederdeutsches Gedicht behandelt. Laut Lehrplan wäre er damit seinen Pflichten nachgekommen. Allerdings ist dieses Vorgehen keinesfalls ausreichend, da er damit die Herkunftssprache einiger Lernender nicht ausreichend berücksichtigt. Denn wie bereits erwähnt ist jeder Lernende emotional sowie kulturell eng mit seiner Muttersprache - und das im engsten Sinne des Wortes - verbunden.

“Ein Kind mit niederdeutscher Muttersprache im 9. Schuljahr der Lindholmer Gemeindeschule schreibt: “ Niederdeutsch ist meine Elternsprache, meine Kinder soll ( ! ) es auch lernen, weil es meine Sprache ist. “13

Positive Einstellung seitens der Lehrkraft ist die Grundvoraussetzung dafür, daß er mehrere Sprachen (Dänisch, Niederdeutsch, Sønderjysk und Friesisch) in seinen Unterricht einbezieht. Es kann nicht davon ausgegangen werden, daß er die einzelnen Sprachen beherrscht. Er muß also nach Wegen und Möglichkeiten suchen, um Sprachen im Unterricht aufleben lassen zu können.

Zum einen gibt es den Einsatz von Tonkassetten in der Spracharbeit, diese bieten den Kindern und Lehrenden die Möglichkeit, sich rein sprachlich den entsprechenden Sprachen zu nähern. Hier kann insbesondere auf Sprachtempus, Tonfall, Phonetik und Grammatik eingegangen werden. Primär sollte aber im Vordergrund der Tonkassettenarbeit, bei Nichtbeherrschung der Sprache seitens der Lehrkraft, stehen, sich der Sprache rein akustisch zu nähern. Der Einsatz von Tonkassetten im Unterricht sensibilisiert die Lernenden für die Begegnung mit u.a. Dialekten ( Sønderjysk) und Sprachen (Dänisch, Friesisch, Niederdeutsch) und macht ihnen die Sprachliche Differenzierung bewußt. Für die Kinder, die an das Zuhören und Verstehen wollen gewöhnt werden, gibt es auch im auditiven Bereich die Möglichkeit der Differenzierung und Individualisierung.

Die Vorteile gegenüber einem Lehrervortrag liegen auf der Hand: die Lernenden hören native Sprecher . Die Motivation dürfte in fast allen Fällen größer sein, als wenn die Lehrkraft selbst den Text vorträgt. Auch ein Konzentriertes Zuhören ist dadurch meist gewährleistet.

Dies hat auch noch einen weiteren Aspekt. Kinder, die der zu hörenden Sprache mächtig sind, werden hier ein Erfolgserlebnis zu verzeichnen haben, denn sie erfahren, daß ihre Herkunftssprache keine „sozial schwache“ Sprache ist, sondern innerhalb des Unterrichts einen hohen Stellenwert erhält.14 Voraussetzung für den Umgang mit Tonkassetten ist, daß das entsprechende Unterrichtsmaterial existent und verfügbar ist. Ist das Material nicht verfügbar, muß festgestellt werden, wo es erhältlich ist, und falls es (noch) nicht existiert, sollte eine Produktion durch Sprach- und Sachkundige angeregt werden.

In Fällen wo der Lehrer des Lokalidioms nicht mächtig ist, diesen aber in seinen Unterricht mit einbeziehen will, beschreibt Karen Margrethe Pedersen in ihrer Mappe “ Vi bor i Sønderjylland “ in dem Kapitel : “ Besuch von Gastlehren “ die Möglichkeiten einen lokalen Gastlehrer hinzuzuziehen.

In diesem Abschnitt beschreibt die Autorin, wie der Sprachgebrauch der Gastlehrer die Lernenden, die diesen Dialekt oder Sprache beherrschen, animieren, diesen in Gesprächen mit den Gästen zu gebrauchen.

Unterrichtsinhalte können sein: frühere Arbeitstechniken im Haus und auf dem Hof, Vorratshaltung, Festbräuche und alte Handwerkstechniken.

So wird den Kindern der Zusammenhang zwischen Sprache und Kultur bewußt. Jedoch ist das unmittelbare Erlebnis der sprachlichen Verschiedenheit nicht ausreichend. Es müssen auch sprachliche Analysen und Diskussionen über Sprachhaltung erfolgen um das sprachliche Bewußtsein zu erweitern. Eine solche Arbeit kann von Seiten der Lehrkraft in die Vorbereitung und Nachbehandlung des Gastlehrerbesuches aufgenommen werden.15

Weiterhin können Erzählungen, Gedichte und Lieder in den Unterricht mit einbezogen werden. Da das Erzählen Gefühle und Einstellungen, Phantasien und Tagträume aktiviert, wären die Kinder angeregt sich über freies sprechen mitzuteilen. Es kann durch eine ausgewählte und vorgetragene Geschichte das soziale Lernen der Kinder gefördert werden. Zwischenmenschliche Konflikte werden direkt thematisiert und Lob oder Kritik in eine Geschichte eingekleidet.

Das Auswendiglernen von traditionellen Gedichten und das Singen von Liedern bringt dem Lernenden auf spielerische Art und Weise die Sprachen Dänisch, Niederdeutsch, Friesisch und Sønderjysk näher. Hier würden Kinder ohne Zwang und mit Lust lernen.

Sagen aus der Region sind ein vorzügliches Medium um die jeweiligen Lokalidiome zu thematisieren. Diese Textsorte ist sehr beliebt bei Kindern und kann in den Herkunftssprache erzählt werden.

Diese Methode kann die Kinder anregen, eigene Sagen zu erdichten und diese in Form eines Schau- oder Hörspiels wiederzugeben. Auch könnten die sagenumwobenen Stätten in der näheren Umgebung besucht werden.

Genauer wird auf diese Thematik in Abschnitt 9 eingegangen

9 INHALT DER MAPPE „VI BOR I SØNDERJYLLAND“ UND IHRE EINSATZMÖGLICHKEITEN IM FÄCHERÜBERGREIFENDEN UNTERRICHT

Es ist eine Sammlung von Ideen und Materialien für den Unterricht, der auf die traditionelle, sprachliche und kulturelle Vielfalt in Südjütland eingeht. Solch ein Unterricht könnte der Beginn für künftige Lehrveranstaltungen mit interkultureller Dimension sein.Toleranz gegenüber der Verschiedenheit der Menschen wird angestrebt.

Die in der Mappe vorgestellten Unterrichtsmaterialien sind den dänischen und den deutschen Traditionen entsprungen und werden in Südjütland genutzt. Dieses bedeutet nicht, daß die südjütische Sprache und Kultur einer anderen vorzuziehen ist. Ganz im Gegenteil. Die Mappe soll dazu dienen ein Verständnis für die regionale und globale Vielfalt innerhalb der Sprache und Kultur zu schaffen. Einen Teil dieser Mannigfaltigkeit trifft man auch innerhalb des südjütischen Sprachgebiets an, repräsentiert von Einwanderern aus verschiedenen Kulturen.

Ein Miteinander ohne Vorurteile soll hier gefördert werden. In Südjütland gibt es außer den kulturellen auch die sprachlichen Unterschiede. Es gibt eine Differenzierung zwischen dem Südjütischen und dem Hochdänischen, zwischen den Dialekten im Westen, Osten, Norden und Süden, zwischen Dänisch und Deutsch und ob Hochdänisch als Erst- oder Zweitsprache erlernt wird. Es ist nicht neu, daß Hochdänisch als Zweitsprache gesprochen wird. Ein Teil der Familien, die der deutschen Minderheit angehören und seit Generationen in Südjütland leben, erlernen zuerst die deutsche Sprache. Auch die Kinder von Einwanderern, Flüchtlingen oder anderen Ausländern sprechen größtenteils dänisch als Zweitsprache. Die erlernte Sprache in Südjütland kann Südjütisch, Hochdänisch oder Regionalsprache sein .

Die Mappe „ Vi bor i Sønderjylland“ bietet Unterrichtsmaterial im Dialekt und in der Regionalsprache an. So ist die Einsatzmöglichkeit des Ordners nicht örtlich begrenzt.

Der kulturelle Teil des Lehrstoffes weist auf die noch immer lebendigen Traditionen in Südjütland hin. Einige sind nur im südjütischen Landesteil bekannt. Der größte Teil jedoch ist auch in den übrigen Regionen Dänemarks wiederzufinden.

Diese historischen Vorlagen sind den SchülerInnen meist schon vom Elternhaus vertraut. So ist ihnen oft der Dialekt geläufig und daraus ergibt sich ein zwangloses Lernen und Sprechen. Weiterhin bietet es den Kindern die Möglichkeitihren Dialekt, ihre Lebensweise, und ihre Traditionen mit anderen Kulturen zu vergleichen.

10 AUFBAU DER MAPPE „ VI BOR I SØNDERJYLLAND“

Die Mappe „ Vi bor i Sønderjylland“ ist in zwei Abschnitte unterteilt.

Im ersten Teil „ Lokalsamfundets sprog og kultur“ wird eine Einführung zur Arbeit mit der sprachlichen Vielfältigkeit im Unterricht und ein Einblick zur sprachlichen Situation gegeben . Es wird beschrieben, warum mit der ortsgeprägten sprachlichen Variation in der Lokalgesellschaft gearbeitet wird. Weiterhin wird ein Zusammenhang zwischen Sprache Kultur und Identität dargestellt . Die Verfasserin stellt eine Reihe von Unterrichtsmethoden vor .

Einige sind generell und können dort angewandt werden, wo die Schüler weder ein persönliches Verhältnis zum südjütischen Dialekt haben oder es in ihrem Umfeld bekommen können. Andere Vorschläge zur Unterrichtsgestaltung sind spezifischer und finden ihren Einsatz in Schulen, in denen der Dialekt , die Regional- und Hochsprache aktiv einbezogen werden. Im zweiten Kapitel „ Sønderjyske skikke og traditioner“ gibt es umfangreiches Material zur Kulturgeschichte und dem Alltagsleben in Sønderjylland. Diese Auswahl ist getroffen worden, um die Einfallswinkel, die im ersten Hauptabschnitt über Sprache und Kultur in der Lokalgesellschaft beschrieben sind, zu beleuchten. Dieser Teil beinhaltet sowohl Texte für die SchülerInnen als auch Hintergrundstoff und Literaturhinweise für die Lehrkraft.

Die folgenden Beispiele sollen Inspirationen zum Unterricht geben :

10.1 FIKTIVE TEXTE

In diesem Abschnitt wird das Buch „Pelle Jansson“ von Hans Peterson vorgestellt. Diese Geschichte dient der Bewußtseinswerdung der sozialsprachlichen Probleme. Weitere Buchtitel in Hochdänisch oder Dialekt :

„Gadekær og grillbar“ von Birte Sørensen und „ Fremmed i Lunderskov“ von Bang werden vorgestellt. Die Verfasser haben hierzu eine Literaturangabe angegeben .

10.2 ERZÄHLUNGEN, GEDICHTE UND LIEDER

Dieses Kapitel ist unter „ Sønderjyske skikke og traditioner“ abgedruckt.

10.3 SAGEN

Die Rubrik“ Sagen “ bestimmt einen großen Teil der vorgestellten Unterrichtsmethoden. Eine Literaturliste über lokale Sagen findet der Leser im Anhang. Der Absatz

„Sagn i undervisningsmateriale til dansk“ ist in Klassenstufen unterteilt. Weiterhin findet man unter der Überschrift „ Et undervisningsforløb med et lokalt sagn i Sønderjylland“ einen Unterrichtsverlauf.

Es werden auch Vorschläge gemacht, wie der Lehrende mit den SchülerInnen zusammen Sagen erfinden und weiter verarbeiten kann.

Am Beispiel „ Sønderborg Slots historie fremført i dukkespil“ ist sogar eine Bezugsquelle angegeben.

10.4 REIME UND ABZÄHLREIME

Auch hierzu gibt es eine Literaturangabe unter„ Sønderjyske skikke og traditioner“.

10.5 SPIELE

Zu diesem Bereich findet man in der Mappe „ Vi bor i Sønderjylland“ Literaturangaben und den Hinweis auf eine Spielesammlung im Sonderburger Schloß.

Außerdem hat die Verfasserin die Fernsehsendung „ Bamse og Kylling“ als ein weiteres Unterrichtsmittel eingebracht. In dieser Serie wird der südjütische Dialekt gesprochen.

10.6 „VIRKELIGHEDENS VERDEN“

Unter diesem Kapitel findet die Lehrkraft Beispiele und Anregungen wie und wo den SchülerInnen der südjütische Dialekt im Alltag begegnet.

10.7 GASTLEHRER IN UND AUßERHALB DER SCHULE - ODER IM LANDSCHULHEIM

Hierzu gibt es eine umfangreiche Sammlung von Themen aus den Bereichen wiehistorische Arbeitstechniken im Hause und auf dem Land , das Feiern von Festen, andere Bräuche und Sitten, die den SchülerInnen im Alltag begegnen .Am Ende des ersten Abschnittes der Mappe werden Texte und Aufgaben für das Medium Tonkassetten mit jütischen Dialekten, Regionalsprache und Hochdänisch vorgestellt.

10.8 EINSATZ VON TONKASSETTEN IN DER SPRACHARBEIT

Zur Vertiefung der Spracharbeit können folgende Vorschläge mit eingebracht werden. Diese bieten den SchülerInnen und Lehrern die Möglichkeit, sich rein sprachlich dem entsprechenden Dialekt zu nähern.

Das Kapitel „ Hvem - Hvad - Hvor“ beinhaltet eine Textauswahl in dänischen Dialekten für die Lehrkraft.Außerdem gibt es Erläuterungen zu den Besonderheiten der jeweiligen mundartlichen Form. Diese Texte werden den SchülerInnen vorgespielt. Auf den Tonkassetten sind folgende Dialekte den Regionen zuzuordnen.

1. Nord- eller sydsønderjysk?
2. Alsisk eller sønderjysk på fastlandet?
3. Vestjysk eller sønderjysk?
4. Vestjysk eller østjysk?
5.Vendsysselsk eller sønderjysk?
6. Østjysk eller fynsk?
7. Alsisk eller sjællandsk?
8. Vestjysk eller lollandsk?
9. Sjællandsk eller bornholmsk?

Zu dem Abschnitt „ Südjütische Dialekte“ werden den Kindern kleine Geschichten in diesen Dialekten von Tonkassetten vorgespielt. Die Aufgabe besteht darin, herauszufinden, welcher Dialekt in welchem Sprachgebiet gesprochen wird.

Zur Unterscheidung der Mundartformen werden lautliche und grammatische Besonderheiten angezeigt. Im folgenden Abschnitt wird wieder auf akustische Weise der Unterschied zwischen Hochdänisch und gebietsspezifischer Regionalsprache dargestellt.

1. Hochdänisch
2. Regionalsprache ( Seeland, Ringstedt)
3. Regionalsprache ( Westfünen)
4. Regionalsprache ( Ålborg)
5. Regionalsprache ( Århus)
6. Regionalsprache ( Esbjerg)
7. Regionalsprache ( Südjütland)
8. Regionalsprache ( Odense)

Dieser Teil besteht aus einer Sammlung von Erzählungen. Dazu erläuternd wird auf die Beachtung des Sprechtempos, des Tonfalls, der Phonetik und der Grammatik hingewiesen.

Ein weiteres Angebot an Materialien besteht aus Aufgaben, Tonkassettenaufnahmen,die von südjütische Kinder besprochen wurden, Texten für die SchülerInnen und kommentierten Texten für die Lehrer. Eine Literaturliste ist im Anhang zu finden.

11 ANREGUNGEN FÜR DIE DIDAKTISCH UND METHODISCHE UMSETZUNG DER MAPPE „ VI BOR I SØNDERJYLLAND IM FÄCHERÜBERGREIFENDEN UNTERRICHT

11.1 ERZÄHLUNGEN, GEDICHTE UND LIEDER

Das Erzählen aktiviert Gefühle und Einstellungen, Phantasien und Tagträume, aber auch Ängste der SchülerInnen. Diese können angeregt werden, sich durch freies Sprechen mitzuteilen. Es kann durch eine ausgewählte und vorgetragene Geschichte das soziale Lernen der Kinder gefördert werden. Zwischenmenschliche Konflikte werden direkt thematisiert und Lob oder Kritik in eine Geschichte eingekleidet. Das Auswendiglernen von traditionellen Gedichten und das Singen von Liedern ( z.B. das Rummelpottlied ) bringt dem Lernenden auf spielerische Art und Weise den dänischen Dialekt Südjütisch näher. Hier lernen Kinder ohne Zwang und mit Lust.Für die Kinder, die mit einer anderen Muttersprache als der Schulsprache eingeschult wurden, trägt es zur Steigerung ihres Selbstwertgefühls bei, wenn sie diese traditionellen Erzählungen, Gedichte und Lieder den hochdänischsprechenden Klassenkameraden vortragen.

11.2 FIKTIVE TEXTE

Diese Form der Unterrichtsgestaltung bietet den SchülerInnen Möglichkeiten sich der sprachlichen Probleme bewußt zu werden. Sie können sich zum Teil mit den Texten identifizieren. Diese fiktiven Texte sollen die Lernenden zum Nachdenken anregen. Daraus könnten als mögliche Reaktion kritische Diskussionen über die Berücksichtigung der Herkunftssprache, Leistungsfähigkeit und das soziale Umfeld hervorgehen.

11.3 SAGEN

Eine Sage ist eine von der Volksphantasie erschaffene, überlieferte Schilderung, die ein fixiertes motivisches Muster aufweist. Da diese Textsorte sehr beliebt ist bei Kindern, eignet sie sich sehr gut zum Erzählen im jeweiligen Dialekt. Diese Methode kann die SchülerInnen anregen, eigene Sagen zu erdichten und diese in Form eines Schauoder Hörspiels wiederzugeben. Auch die sagenumwobenen Stätten in der näheren Umgebung können besucht werden.

11.4 REIME UND ABZÄHLREIME

Diese haben oft keinen sinnvollen Inhalt, sind reine Wortspiele. Das wesentliche ist der Rhythmus und die lautliche Harmonie. Die Reime und Abzählreime sind auf spielerische Art die Vorstufe des Lesenlernens. Vom Laut zur Silbe zum Wort zum Satz.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

11.5 SPIELE - ROLLENSPIELE

Spiele erziehen zum sozialen Lernen, die an einem Spiel Beteiligten müssen im Regelfall die Balance halten zwischen Egoismus und Solidarität. SchülerInnen lernen so mehr als nur die bloße Beherrschung des Stoffes. Muße und Konzentration, Spannung und Lösung, Spaß und Ärger sind die Pole, die man anderen Lehrmethoden positiv entgegensetzen kann. So können den Kindern auch historische Spiele nähergebracht werden. Im Unterschied zu konventionellen Lernverfahren, die vor allem die intellektuelle Einsicht ansprechen, beziehen Rollenspiele den ganzen Lernenden ein, seine Gedanken, seine Gefühle, seine Kenntnisse und seine Neugier, insbesondere auch seinen Spieltrieb.16

Sie fördern die Kinder in ihrer Sozialisation und Persönlichkeitsentwicklung und geben ihnen die Möglichkeit, verschiedene bereits vorhandene Einsichten, Fähigkeiten und Fertigkeiten zu testen, weiterzuentwickeln und zu integrieren.

Das szenische Spiel motiviert auf intrinische Weise zum Lernen. Es weckt das Interesse des Kindes und seine Freude am erfahrungsbezogenen Lernen überhaupt. Auch kann es zu einem Ausgleich zwischen dominanten und weniger aktiven Kindern führen, indem es die Beteiligung ursprünglich passiver Kinder anregt.

Die Durchführung des freien darstellenden Spiels gestattet der Lehrkraft ein breites Spektrum von Lernzielen im psychosozialen Bereich unter Berücksichtigung der kognitiven und affektiven Dimensionen wirksamer zu realisieren, als das bei den meisten Lehrtechniken der Fall ist.

Diese Methode fördert vor allem die Sprachentwicklung der Kinder.

11.6 „VIRKELIGHEDENS VERDEN“

Der südjütische Dialekt wird vorzugsweise in der Werbung, in privaten Anzeigen, bei Überschriften und Zitaten in den regionalen dänischen Zeitungen verwendet. Einige Straßen- und Geschäftsschilder werden auch im Dialekt beschriftet.

Wenn der Dialekt im Wirtschaftsleben, in Anzeigen und auf Schildern gebraucht wird, erfüllt er eine zweifache Funktion. Er apelliert an eine Zusammengehörigkeit und eine Loyalität gegenüber der Gegend. In diesem Kapitel wird den SchülerInnen gezeigt, daß der klassische südjütische Dialekt eine lebende und dominierende Sprache ist.

11.7 BESUCH VON GASTLEHRERN

Wenn mit landschaftsgeprägten Sprachen gearbeitet wird, ist es zweckmäßig, dialektsprechende Gäste in den Unterricht einzubeziehen. So kann der Sprachgebrauch der Gastlehrer die SchülerInnen, die diesen Dialekt beherrschen, animieren, diesen in Gesprächen mit den Gästen zu gebrauchen.

Unterrichtsinhalte können sein: frühere Arbeitstechniken im Haus und auf dem Hof, Vorratshaltung, Festbräuche und alte Handwerkstechniken.

So wird den SchülerInnen der Zusammenhang zwischen Sprache und Kultur bewußt.

Jedoch ist das unmittelbare Erlebnis der sprachlichen Verschiedenheit nicht ausreichend. Es müssen auch sprachliche Analysen und Diskussionen über Sprachhaltung erfolgen um das sprachliche Bewußtsein zu erweitern. Eine solche Arbeit kann von Seiten der Lehrkraft in die Vorbereitung und Nachbehandlung des Gastlehrerbesuches aufgenommen werden.

11.8 SÜDJÜTISCHE SITTEN UND TRADITIONEN

Dieser Bereich kann in hervorragender Weise dazu beitragen, in den SchülerInnen Aufgeschlossenheit und Verständnis für Vergangenheit, Kultur und Sprache ihrer heimatlichen Umgebung zu wecken. Kinder wollen nicht nur mit den Augen und dem Gehör aufnehmen, sondern mit allen Sinnen. Sie bekommen eher einen Bezug zu Neuem und Unbekanntem durch eigene Erfahrungen, durch Erleben und Tätig sein. So können sie nach Vorstellung durch den Gastlehrer oder der Lehrkraft die südjütischen Bräuche und Feste wie das Sønderjyske Kaffebord ( südjütische Kaffetafel ), spezielle Gerichte ( Grønlangkål / Grünkohl, Snysk med flæsk / Schnüsch mit Speck, Hvidkålsbyttel / Weißkohlpudding, Vinsuppe med skinke / Weinsuppe mit Schinken ), traditionelle Feste ( Fastelavn / Fasching, Påske / Ostern und Jul / Weihnachten, Nytåraften og rummpelpot / Neujahrsabend und Rummelpott), Ringridning / Ringreiten, Markeder / Märkte ( z.B. derHoyer Pferdemarkt ) kennenlernen und feiern.

11.9 TONKASSETTEN IN DER SPRACHARBEIT

Der Einsatz von Tonkassetten im Unterricht sensibilisiert die SchülerInnen für die Begegnung mit Dialekten und Regionalsprachen und macht ihnen die sprachliche Differenzierung bewußt. Für SchülerInnen, die an das Zuhören und Verstehenwollen gewöhnt werden, gibt es auch im auditiven Bereich die Möglichkeit der Differenzierung und Individualisierung.

Die Vorteile gegenüber einem Lehrvortrag liegen auf der Hand: die SchülerInnen hören native Sprecher. Die Motivation dürfte in fast allen Fällen größer sein, als wenn die Lehrkraft selbst den Text vorträgt. Auch ein konzentriertes Zuhören ist dadurch meist gewährleistet.

12 SCHLUßWORT

Abschließend läßt sich sagen, daß die Situation der Minderheiten- sprachen in Nordfriesland heute positiver zu bewerten ist als jemals zuvor. In der Vergangenheit gab es speziell in Hinsicht auf Verwendung und Gebrauch der Sprachen Vorurteile (Prestige, Status, soziale Stellung des Sprechers). Heute hat sich das Selbstverständnis der Sprecher gewandelt. Minderheitensprachen werden nicht mehr mit dem negativen Aspekt der Verwendung der Sprache in Bezug gebracht. Vielmehr ist der Begriff der Bilingualität heute in einem positiveren Licht zu sehen.

Wir stellten uns weiterhin die Frage, ob es überhaupt sinnvoll erscheint andere Sprachen zum Unterrichtsinhalt werden zu lassen. Heute findet man in den Klassen immer öfter multinationale Lerngruppen vor. Hier (in der Schule) findet die alltägliche Begegnung mit Sprache statt. Und genau aus diesem Grunde erscheint es uns sinnvoll, mehrere Sprachen in der Schule zu thematisieren. Durch die Einbeziehung von Minderheitensprachen in den Schulalltag kommt es nicht zu einem Bruch der Sprachentwicklung, sondern vielmehr zur Fortsetzung und zu einer Unterstützung der natürlichen Entwicklung der Sprachkompetenz.

Voraussetzung für diese Unterrichtsform ist eine qualifizierte Lehrkraft. Die Grundanforderung an den Lehrer ist eine hohe Sensibilisierung für Sprache, nur wer sich darüber bewußt ist, kann andere darauf aufmerksam machen und ihnen die Sprachen näher bringen.

13 LITERAURVERZEICHNIS

Clèment, Danièle: Linguistisches Grundwissen. Eine Einführung

für zukünftige Deutschlehrer. Opladen:

Westdeutscher Verlag 1996 (=WV-Sudium; Bd. 173: Linguistik)

Kööp. Karl-Peter (Hrsg): Quellen und Materialien zur nordfriesischen

Geschichte. IPTS. Bredstedt: Nordfriisk Instituut

Kööp, Karl-Peter: Sprachentwicklung und Sprachsituation in der

Nordergoesharde Bredstedt: Nordfriisk Instituut 1991

Nickelsen, Hans Chr.: Studien und Materialien Nr. 16: Das

Sprachbewußtsein der Nordfriesen vom 16. bis

ins 19. Jh.. Bredstedt: Nordfriisk Instituut 1982

Pedersen, Karen Margrethe: Sprache und Unterricht in der deutschen,

dänischen und friesischen Minderheit.

Aabenraa: Institut für regionale Forschung und

Information 1990

Scharff, Alexander: Geschichte Schleswig-Holsteins.1984 (5.,

aktual. und überarb. Neuaufl.) Freiburg /

Würzburg: Verlag Ploetz 1991 (=Territorien-

Ploetz: Sonderausgaben)

Steensen, Thomas: Streifzüge durch die Geschichte Nordfries-

lands. Nordfriesische Sprache und friesische Bewegung. Husum 1989

Tångberg, Olov H.: Mehrsprachigkeit und Schulunterricht.

Bredstedt: Nordfriisk Instituut 1978

Vopel, Klaus : Interaktionsspiele für Kinder. Affektives Lernen

für 8-12-jährige. In: Lebendiges Lernen und Lehren. Hamburg 1985. Bd. 10.

Kinder, Hermann,

Hilgemann, Werner (Hrsg.): dtv-Atlas zur Weltgeschichte. Karten und

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Kinder, Hermann,

Hilgemann, Werner (Hrsg.): dtv-Atlas zur Weltgeschichte. Karten und

chronologischer Abriß. Von der Französischen

Revolution bis zur Gegenwart.1966 (24. Aufl.) München: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG 1991. Bd. II

[...]


1 Olov H. Tångeberg (1978)

2 Thomas Steensen (1989)

3 Bent Søndergaard (1981)

4 Clément, Danièle (1996) S. 223

5 Dr. Hans Christian Nickelsen (1982)

6 Karl-Peter Kööp (1992)

7 Karl-Peter Kööp (1991)

8 Pedersen (1989)

9 Aus Gründen der Lesbarkeit wird auf eine Geschlechterdifferenzierung verzichtet. Es wird der Begriff „Lernende“ oder „Kinder“ verwendet.

10 Scharff, Alexander (1991)

11 Walker (1986); Martinen (1986)

12 Tångeberg,Olov H. (1978)

13 Tångeberg, Olov H.(1978)

14 Pedersen, Karen Margrethe

15 Pedersen, Karen Margrethe, „Vi bor i Sønderjylland“

16 Vopel, Klaus ( 1985)

47 von 47 Seiten

Details

Titel
Sprachliche Verhältnisse in Nordfriesland - Friesisch, Hochdeutsch, Niederdeutsch, Hochdänisch und Südjütisch
Veranstaltung
Seminar für deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik
Note
2+
Autor
Jahr
2000
Seiten
47
Katalognummer
V97777
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachliche, Verhältnisse, Nordfriesland, Friesisch, Hochdeutsch, Niederdeutsch, Hochdänisch, Südjütisch, Seminar, Sprache, Literatur, Didaktik
Arbeit zitieren
Sven Schütz (Autor), 2000, Sprachliche Verhältnisse in Nordfriesland - Friesisch, Hochdeutsch, Niederdeutsch, Hochdänisch und Südjütisch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97777

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