Frisch, Max - Homo Faber - Die Rolle der Frauen


Referat / Aufsatz (Schule), 2000

12 Seiten, Note: 2


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Gliederung:

A.) Im Roman ,,Homo Faber" von Max Frisch wird das Verhältnis vom Hauptcharakter Walter Faber zu Frauen und der damit verbundenen körperlichen und geistigen Nähe durch verschiedene Erlebnisse und Ansichten beeinflusst.

B.) Analyse und Interpretation zum Verhältnis Walter Fabers zu Frauen.
I.) Faber verbindet die wissenschaftliche und technische Welt mit dem männlichen, im Gegensatz dazu aber die mystische und irrationale Welt und Natur mit dem weiblichen Geschlecht.
II.) Körperliche Nähe und Sexualität bedeuten für Walter Faber kaum etwas.
1.) Den sexuale Akt empfindet er seit seinem ersten körperlichen Verhältnis mit einer viel älteren Dame als absurd.
2.) Sein eigener Libido, einen unkontrollierbaren Drang nach körperliche Nähe, widerspricht seinem Bedürfnis jegliche Art von Gefühl unterdrücken zu können.
III.) Für Faber stellen engere Bindungen oder die Ehe einen unakzeptablen Zustand dar, da sie nicht mit seinem technischen Denken vereinbar sind.
IV.) Diese verschiedenen Ansichten und Erfahrungen beeinflussten und wurde auch durch das Verhältnis zu seinen verschiedenen Partnerinnen beeinflusst.
1.) Seine erste Bekanntschaft mit Hanna in Zürich
a.) Ihr sexuelles Verhältnis lösten in ihm keinen Ekel aus.
b.) Allerdings muss ihre Beziehung, bestehend aus Distanz und Nähe, scheitern.
I.) Beide sind unfähig das gegenseitige Weltbild zu akzeptieren.
II.) Wegen Hannas bevorstehenden Ausweisung entstehen Missverständnisse, die zu einem Streit führen.
III.) Beide können ihre Gefühle für das gemeinsame Kind nicht ausdrücken.
2.) Seine Bekanntschaft mit Ivy
a.) Die Beziehung zu Ivy besteht aus einem Minimum an Kontakt und Nähe.
I.) Er empfindet eine körperliche Abneigung gegen sie.
II.) Er empfindet eine geistige Abneigung gegen sie.
b.) Das Scheitern ihrer Beziehung bedeutet für Faber die ersehnte Freiheit.
3.) Seine Bekanntschaft mit Sabeth
a.) Bereits zu Beginn ihrer Freundschaft hofft Faber in Sabeth Hanna wieder zu finden. b.) Seine anfänglichen Bemühungen um Distanz weichen dem Wunsch nach Nähe. c.) Allerdings steht ihre Beziehung vor dem Unmöglichen.
I.) Er selbst empfindet den Altersunterschied als absurd.
II.) Er muss im Verlauf von mehreren Gesprächen feststellen, dass seine Vermutung, Sabeth sei Hannas und seine Tochter, wahr ist.
d.) Er weigert sich trotz dieser Einsicht die Beziehung zu ihr zu beenden.
I.) Prüft ob Sabeth wirklich seine Eigentum ist.
II.) Er stellt sich in seinem Kopf die Wirklichkeit verändert vor, um so sein Verhältnis zu Sabeth vor sich selber rechtfertigen zu können.
4.) Seine Bekanntschaft mit Hanna in Athen
a.) Beim Wiedersehen müssen beide erkennen, dass sie Sabeth benutzten, um die Leere in ihrem Leben auszufüllen.
b.) Die Begegnung bringt beide zur Erkenntnis, dass sie 20 Jahre lang nur auf der Flucht voreinander waren, die Vertrautheit zwischen ihnen allerdings noch ununterbrochen ist.

C.) Schluss

Ausführung:

A.) ,,Tu sais que la mort est femme! Ich blickte ihn an, et que la terre est femme! sagte er, und das letztere verstand ich, denn es sah so aus, genau so, ich lachte laut, ohne zu wollen, wie ü ber eine Zote - ." ¹ Homo Faber; S. 69;

Aus diesem Zitat aus dem Roman ,,Homo Faber" von Max Frisch erfährt man die prinzipielle Haltung des Hauptcharakters Walter Faber, einem Mann, dessen Gedankenwelt von der logisch-analysierbaren Technik beherrscht wird, gegenüber dem weiblichen Geschlecht. Viele Personen und Ereignisse in seinem Leben haben dazu beigetragen, dass sich sein Frauenbild zu dieser feindlichen Haltung veränderte.

B.) So will ich nun versuchen sein Frauenbild und die Ursachen für diese Meinungen näher zu analysieren und zu interpretieren.

I.) Zuerst wäre zu erklären, dass Walter Fabers Weltbild sich auf das Vertrauen auf die moderne Technik stützt. Er glaubt nur an Tatsachen, die sich wissenschaftlich und logisch erklären lassen. Gefühle wie Freude oder Angst, Sinn für Kunst oder Phantasie stellen für Faber nur unnötige Komplikationen im menschlichen Denkapperat dar. Sie rufen nur unbrauchbar Reaktionen vor, die das Gehirn und seine Leistung beeinträchtigen. Er allerdings, der Mann und Techniker, glaubt sich von diesem Unheil befreit, dadurch dass er seine Umwelt durch rationales Denken auf Fakten reduziert. (,,Ich habe mich schon oft gefragt, was Leute eigentlich meinen, wenn sie von Erlebnis reden. Ich bin Techniker und gewohnt, die Dinge so zu sehen, wie sie sind. Ich sehe alles, wovon sie reden, sehr genau; ich bin ja nicht blind Ich sehe die gezackten Felsen, schwarz vor dem Schein des Mondes; sie sehen aus wie die gezackten Rücken von urweltlichen Tieren, aber ich weiß: Es sind Felsen, Gestein, wahrscheinlich vulkanisch, das müßte man nachsehen und feststellen. Wozu soll ich mich fürchten ?" H.F.; S.24). Er hat gelernt sich Gefühlen und Emotionen nicht preiszugeben und sie zu ignorieren. Allerdings musste er in seinem Leben immer wieder feststellen, dass andere Menschen dazu nicht fähig waren, besonders Frauen. Sie sind seiner Meinung nach außerordentlich anfällig für Gefühle, Wunderglaube und Phantasie. So berichtet er, dass ganz im Gegenteil zu den Männern ,,alle Frauen einen Hang zum Aberglaube" haben (H.F.; S.142) und ,,dazu neigen, unglücklich zu werden" (H.F.; S.92). Er erkennt beispielsweise Sabeths Klugheit an (,,Sie war alles andere als dumm. Nicht viele Leute, denen ich den sogenannten Maxwell´schen Dämon erläuterte, begriffen so flink wie dieses junge Mädchen, ..." H.F.; S.74), allerdings zeigt sie die typischen Merkmale des weiblichen Geschlechts auf; anstatt die Ergebnisse der modernen Technik zu bewundern, beschäftigt sie sich mit ihrer Phantasie (,,Hinweise auf den beträchtlichen Wasserdruck, den diese Konstruktion auszuhalten hat, war schon wieder zuviel - ihre kindliche Fantasie schon draußen bei den Fischen, während ich auf die Konstruktion zeigte." H.F.; S.87).

II.) Sein Frauenbild wird allerdings nicht nur durch seine Vorurteile bestimmt. Auch durch sexuelle Beziehungen wurden seine Ansichten über das andere Geschlecht maßgeblich verändert.

1.) So fasst er körperliche Nähe nicht als normales Ergebnis einer zwischenmenschlichen

Beziehung auf; in seiner Jugend wurde das Natürlichste der Welt, der sexuelle Akt, durch eine unfreiwillige Beziehung zu der Frau seines Mathematiklehrers für ihn zu etwas Absurden und geradezu Perversen (,,Sie war die Gattin meines Lehrers, Seine Gattin war natürlich, von meinem damaligen Alter aus gesehen, eine gesetzte Dame, vierzig, glaube ich, lungenkrank, und wenn sie meinen Bubenkörper küsste, kam sie mir wie eine Irre vor oder wie eine Hündin; Das war absurd." H.F.; S.99). Zwar versucht er dieses Erlebnis zu verdrängen (,,Meine erste Erfahrung mit einer Frau, die altererste, habe ich eigentlich vergessen, das heißt, ich erinnere mich überhaupt nicht daran, wenn ich nicht will." H.F.; S.99), aber man findet mehrere Hinweise, dass diese Erfahrung ihn für sein restliches Leben prägte (,,Es ist absurd, ... geradezu pervers." H.F.; S.93; ,,Ich trank mein Bier und versuchte, mich zu erinnern, ob es mit Hanna (damals) auch absurd gewesen ist, ob es immer absurde gewesen ist." H.F.; S.94.). Dieses Geschehen führt dazu, dass die Frauen die Impulsgebenden im Bezug auf Sexualität sind. Dadurch, dass es die Aufgabe der Frau ist, ihn zu verführen, gibt er ihr die Macht über ihn zu herrschen und gerät so in eine unterwürfige Situation, in der sich unsicher fühlt.

2.) Aber nicht nur seine körperlichen Erfahrungen beeinflussen sein Verhältnis zum sexuellen Akt und damit sein Verhältnis zu Frauen. Auch wird es ihm durch sein rationales Denken erschwert, sich dem körperlichen Trieb hinzugeben. Er versucht zwar, seine Gefühle zu unterdrücken, doch muss er erkennen, dass er in dieser Hinsicht keine Gewalt über seinen Körper und seine unterbewussten Instinkte hat. Diese Tatsache bewirkt, dass Gedanken an Sex in ihm ein Ekelgefühl (,,Wieso eigentlich mit dem Unterleib ? Man hält es, wenn man so sitzt und die Tanzenden sieht und es sich in aller Sachlichkeit vorstellt, nicht für menschenmöglich. Warum gerade so ? Es ist absurd, wenn man nicht selber durch den Trieb dazu genötigt ist, man kommt sich verrückt vor, auch nur eine solche Idee zu haben, geradezu pervers." H.F.; S.93) und Hilflosigkeit hervorrufen (,,Ich wusste genau, was ich denke. Es gibt keine Wörter dafür. Ich schwenkte mein Glas, um zu riechen, und wollte nicht daran denken, wie Mann und Weib sich paaren, trotzdem die plötzliche Vorstellung davon, unwillkürlich, Verwunderung, Schreck wie im Halbschlaf." H.F.; S.93).

III.) Wie eben schon beschrieben ist Walter Faber ein gefühlsscheuer Mensch. Eine engere

Beziehung stellt für ihn etwas Unmögliches dar, da sie vernunftgemäß nicht akzeptabel ist. So erklärt sich, dass er es vorzieht, alleine zu leben, da er in einer dauerhaften Freundschaft ununterbrochen den Gefühlen einer Frau ausgeliefert wäre und selber noch welche beisteuern müsste, um die Beziehung aufrechtzuerhalten (,,Zärtlichkeiten am Abend, ja, aber Zärtlichkeiten am Morgen sind mir unerträglich, und mehr als drei oder vier Tage zusammen mit einer Frau waren für mich, offen gestanden, stets der Anfang der Heulerei, Gefühle am Morgen, das erträgt kein Mann Frühstücken mit Frauen, ja, ausnahmsweise in den Ferien, Frühstück auf einem Balkon, aber länger als drei Wochen habe ich es nie ertragen, ..., aber nach drei Wochen (spätestens) sehne ich mich nach Turbinen; die Muße der Frauen am Morgen, ..., dazu Gespräche über Liebe und Ehe, das erträgt kein Mann, glaub ich, oder er heuchelt." H.F.; S.91).

IV.) Da wir nun Walter Fabers verschiedene Ansichten in bezug auf Frauen, Liebe, Sexualität und Beziehung geklärt haben, halte ich es für notwendig, die Bedeutungen und Einflüsse verschiedener Frauen in seinem Leben zu analysieren.

1.) Seine Jugend als Student verbrachte er zusammen mit Hanna Landsberg in Zürich. Die Halbjüdin wird im Roman als menschliche und natürliche Frau beschrieben. a.) Erinnerungen an diese Verbindung rufen Faber die wenigen Momente seines Lebens ins Gedächtnis, in denen er mit einer Frau eine annähernd glückliche Beziehung führte. Beispielsweise kann er sich an den Geschlechtsverkehr mit Ivy, generell an sexuelle Beziehung nur mit Ekel erinnern. Hanna stellt eine Ausnahme dar: sie war die einzige Frau, bei der es ihm gelang, sein rationales und technisches Denken abzulegen. Mit ihr konnte er ohne dem Gefühl der Unterlegenheit, Hilflosigkeit oder Abscheu seine Triebe ausleben (,,Nur mit Hanna war es nie absurd gewesen" H.F; S.100).

b.) Aber außer diesen intimen Augenblicken erleben Hanna und Walter auch viele Momenten der Zurückhaltung. Ihre Beziehung kann nur aufgrund der Abwechslung von Nähe und Distanz aufrecht erhalten werden. Allerdings schaffen sie es aus verschiedenen Gründen nicht, das Gleichgewicht zwischen feindseligen Abstand und allzu intimer Vertrautheit zu halten.

I.) Diese Distanz zeigt sich in dem Kontrast ihrer Weltanschauungen. Fabers Denken richtet sich an der sachlichen Vernunft und Logik, an überprüfbaren Tatsachen und Ordnung, Hannas Denken dagegen eher an Gefühlen und Phantasie aus. Während er sich selber als ,,Typ[en], der mit beiden Füßen auf der Erde steht" bezeichnet, nennt er Hanna eine ,,Schwärmerin und Kunstfee" (beide H.F.; S.47). Sie akzeptiert den Tod als Teil des Lebens, wogegen Faber ihn durch mathematische Gleichungen zu vergessen versucht (,,Mein Irrtum: dass wir Techniker versuchen, ohne den Tod zu leben. Wörtlich: Du behandelst das Leben nicht als Gestalt, sondern als bloße Addition, daher kein Verhältnis zur Zeit, weil kein Verhältnis zum Tod.

Leben sei Gestalt in der Zeit. Hanna gibt zu, dass sie nicht erklären kann, was sie meint.

Leben ist nicht Stoff, nicht mit Technik zu bewältigen." H.F.; S.170). Diesen innerlichen Konflikt zwischen beiden bemerkt er zwar, erkennt ihn aber nicht als Problem oder Trennungsgrund an (,,Hanna hatte einerseits einen Hang zum Kommunistischen, und andererseits zum Mystischen, um nicht zu sagen: zum Hysterischen Nichtsdestoweniger waren wir sehr glücklich zusammen, scheint mir, und eigentlich weiß ich wirklich nicht, warum es damals nicht zur Heirat kam. Es kam einfach nicht dazu." H.F.; S.47). II.) Auch kommt es zu Mißverständnissen und Streit, als beide bemerken müssen, dass ihre einerseits distanzierte und anonyme, andererseits nahe und intime Beziehung nicht weiter bestehen kann. Der Grund dafür ist die drohende Abschiebung Hannas in das nationalsozialistische Deutschland im Jahre 1936. Durch diese Tatsache gerät das Gleichgewicht aus ihrer Beziehung, da nur noch eine schnelle Heirat mit dem Schweizer Walter Faber diese Ausbürgerung verhindern könnte. Zwar bietet er ihr diese an, sie lehnt aber eine Ehe mit Faber ab; sie ist fest davon überzeugt, dass er ihr diesen ,,Gefallen" nicht der Liebe willen entgegenbringt, sondern nur um zu beweisen, dass er ,,selbst kein Antisemit sei" (H.F.; S.57). In den folgenden 20 Jahren lernt er es nicht zu akzeptiert, dass sowohl er als auch Hanna am Bruch der Beziehung Schuld hatten, sondern sucht nach äußeren Gründen und Rechtfertigungen für ihr Verhalten (,,Was Hanna betrifft: Ich hätte Hanna gar nicht heiraten können, ich war damals, 1933 bis 1935, Assistent an der Eidgenössischen Technischen Hochschule, Zürich, arbeitete an meiner Dissertation (...) und verdiente dreihundert Franken im Monat, eine Heirat kam damals nicht in Frage, wirtschaftlich betrachtet, abgesehen von allem andren. Hanna hat mir auch nie einen Vorwurf gemacht, dass es damals nicht zur Hochzeit kam. Ich war bereit dazu. Im Grunde war es Hanna selbst, die damals nicht heiraten wollte." H.F:; S.33).

III.) Aber der wohl entscheidendste Trennungsgrund stellt das Unvermögen beider dar, ihr Kind als etwas Gemeinsames zu betrachten. Dieses Ergebnis ihrer Liebe führt dazu, dass die Ausgewogenheit ihrer Beziehung die Balance verliert. Faber versucht sich von dem Problem, das durch die intime Nähe beider entstanden ist, zu distanzieren, ihre gemeinsame Angelegenheit zu der von Hanna zu machen. Zwar bietet er ihr des Kindes wegen die Heirat an, allerdings gibt er sich dabei wie ein Bekannter, der ihr aus der Not helfen will; dass ihn dieser Vorfall genauso betrifft, erkennt er nicht (,,Wenn du dein Kind haben willst, dann müssen wir natürlich heiraten." H.F.; S.48).

2.) Im Gegensatz zu der Beziehung zu Hanna, an die er sich trotz einiger Schwierigkeiten noch gerne zurückerinnert, trägt Ivy, eine 26jährige Amerikanerin, wohl am meisten zu seinem negativen Frauenbild bei.

a.) Bereits bei seiner Rückkehr aus Guatemala erkennt man ihre Interesselosigkeit zueinander. Sie sind sich zwei fremde Menschen, die, anderes wie Hanna und Faber, im Grunde genommen nichts miteinander zu tun haben (,,Wenn ich Ivy umarme und dabei denke: Ich sollte meine Filme entwickeln lassen, Williams anrufen!" H.F.; S.94). Die Beziehung beschränkt sich auf das Sexuelle, denn Faber legt keinen Wert darauf, Ivy in irgendeiner Weise näher kennenzulernen.

I.) Diese Fremdheit zueinander zeigt sich beispielsweise in seiner Abscheu vor ihrer

körperlichen Beziehung. Ihre Zärtlichkeiten und Verführungsversuche ekeln ihn an (,,Ich

hatte Hunger, aber der Hummer ekelte mich. Ivy fand ihn himmlisch, und es ekelt mich ihre Zärtlichkeit, ihre Hand auf meinem Knie, ihre Hand auf meiner Hand, ihr Arm auf meiner Schulter, ihre Schulter an meiner Brust, ihr Kuss, wenn ich Wein einschenkte, es war unerträglich - ich sagte rundheraus, dass ich sie hasse." H.F.; S.62). Er fasst ihr Verhalten als boshaftes Bedürfnis auf, ihn zu verführen. Seiner Meinung nach benutzte sie seine Verführbarkeit, um ihn zu demonstrieren, wie wenig er sich unter Kontrolle hat, es ihm, dem logisch- und rationaldenkenden Techniker, nicht möglich ist, sich von Gefühlen und Emotionen abzuschirmen. ,,Ihr Katz und Mausspiel" (H.F.; S.62) empfindet er als Bedrängung; so übersetzt er ihren Namen ,,Ivy" mit ,,Efeu", ,,meint damit eine Existenz, angewiesen auf etwas Festes, an dem es emporrangeln kann, als auch in der Bedeutung des Umschlingenden"² (Reclam; S.50), um so seinem Gefühl der Einengung und Beklemmung einen passenden Vergleich zu geben.

II.) Neben dieser körperlichen Abneigung hegt Faber auch eine tiefe geistige Feindseligkeit gegen Ivy. Er interessiert sich kaum für sie (,, Sie stammte aus der Bronx, sonst wußte ich nicht von Ivy, ..." H.F.; S.68) und beschreibt sie verachtend als Personifikation des American Way of Life, dem ,,Versuch das Leben zu kosmetisieren"² (Reclam; S.34); er lehnt diesen Lebensstil und alles damit verbundene kategorisch ab (,,The American Way of Life: Schon was sie essen und trinken, diese Bleichlinge, die nicht wissen, was Wein ist, diese Vitamin Fresser, die kalten Tee trinken und Watte kauen und nicht wissen, was Brot ist, dieses Coca- Cola-Volk, das ich nicht mehr ausstehen kann -" H.F.; S.175). Ivy vergleicht er mit einer ,,Kleiderpuppe" (H.F.; S.65) und findet an ihr die gängigsten Klischees wieder. b.) Diese Gegensätze und Abneigungen gegenüber Ivy führen letztendlich dazu, dass er der Beziehung ein Ende setzt, um ,,ein neues Leben zu beginnen" (H.F.; S.64). So versucht er mit allen möglichen Mitteln ihr letztes Treffen hinauszuzögern (,,Ivy wartete in der Wohnung. Leider musste ich zurück, ich musste ja noch packen, aber es eilte nicht. Ich aß einen zweiten Hamburger." H.F.; S.64). Der Moment der Trennung enthält eine Anspielung auf das 12.Buch von Homers ,,Odyssee". ,,Der verlockende Gesang der Sirenen stünde dann in Parallele zu Ivys verführerischen Gaben. Auf Odysseus, den ,,Vielgewanderten", verweisen Fabers Alter und seine zwanzigjährige Trennung von Hanna (Penelope) und der Vaterstadt"² (Reclam; S.38). Nach ihrem Abschied verspürt er ein Gefühl der Ungebundenheit und eine Befreiung von den Fesseln Ivys (,,... obschon ich froh war, als sie die schweren Taue lösten. Wir hatten einen wolkenlosen Tag. Ich war froh, dass alles noch geklappt hatte." H.F.; S.68). Allerdings nimmt Faber im Verlaufe des Romans mehrmals auf indirektem Wege die Schuld auf sich, dass diese Beziehung scheitern musste (,,Ein lieber Kerl! dachte ich, obschon ich Ivy nie verstanden habe; ich stand auf dem Sockel eines Krans, als die schwarzen Schlepper uns rückwärts hinauszogen, dazu nochmals Sirenen, ich filmte (...) die winkende Ivy, bis man von bloßen Auge schon keiner Gesichter mehr unterscheiden konnte. Ich filmte die ganze Ausfahrt, solange man Manhattan sah, dann die Möwen, die uns begleiteten." H.F.; S.68). Hier zeigt sich, dass er trotz seiner Freude über den Abschied, Ivy nicht einfach zurücklassen kann. Während er Ivy beim Verlassen des Hafen filmt, nimmt er nochmals von ihr Abschied, allerdings diesmal im Guten.

3.) Während die Beziehung Walter Fabers zu Hanna aus einer kontrastreichen Mischung intimer Nähe und unverträglicher Distanz bestand, der Kontakt zu Ivy stattdessen von Fremdheit und Unverständnis geprägt war, wird seine Beziehung zu Elisabeth Piper, seiner Tochter, von einnehmender Nähe beherrscht.

a.) In Erinnerungen an Ivy und Hanna schwelgend lernt Faber auf der Schifffahrt das junge

Mädchen Sabeth kennen. Während ihre Beziehung anfangs etwas distanziert erscheint, lernen sie sich dennoch rasch kennen und entwickeln Sympathien für einander; trotzdem leugnet Faber anfangs seine Gefühle. Er schwärmt unentwegt für sie, beteuert aber, dass ,,er in keiner Weise mit ihr flirte" (H.F.; S.74) oder dass ,,er nicht in das Mädchen verliebt sei; sie wäre ihm nur aufgefallen." (H.F.; S.72). Faber findet einerseits an ihrem Aussehen Gefallen, wie man aus seiner detaillierten Schilderung ihres Äußeren erkennen kann (,,... -vor mir: ein junges Mädchen in schwarzer Cowboy-Hose, kaum kleiner als ich, Engländerin oder Skandinavierin, ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, nur ihren blonden oder rötlichen Roßschwanz, der bei jeder Bewegung ihres Kopfes baumelte Sie trug (ich erinnere mich genau) einen schwarzen Pullover mit Rollkragen, existenzialistsich, dazu Halskette aus gewöhnlichem Holz, Espadrilles, alles ziemlich billig. Sie rauchte, ein dickes Buch unter dem Arm, und in der hinteren Tasche ihrer Cowboy-Hose steckte ein grüner Kamm." H.F.; S.70), andererseits an ihrer Jugendlichkeit (,,; sie mußte sehr jung sein: ihr Flaum auf dem Hals, ihre Bewegungen, ihre kleinen Ohren, die erröteten, als der Steward einen Spaß machte - " H.F.; S.70). Aber der ausschlaggebende Grund für sein Interesse an ihr stellt ihre Ähnlichkeit mit Hanna dar. So berichtet er fasziniert von ihrem ,,Hanna-Mädchen-Gesicht!" (H.F.; S.94) oder dass ,,Sabeth jung sei, wie Hanna damals jung gewesen [war], und zudem rede[t] sie das gleiche Hochdeutsch, " (H.F.; S.79). Nach seiner enttäuschenden Beziehung zu Ivy sucht Faber einen Menschen, mit dem er eine ebenso glückliche Zeit verbringen kann wie mit Hanna. Er hofft in Sabeth Hanna selbst zu finden, und gleichzeitig auch die Liebe, die vor 20 Jahren verloren ging. Er fragt Sabeth statt Hanna, ob sie ihn heiraten wolle, zeigt ihr die Gefühle, die er Hanna nie von Herzen machen konnte.

b.) Glücklich über seine neue Liebe muss Faber aber bald bemerken, dass durch diese

Zuneigungen großen Problemen entstehen, die die Beziehung vor das Unmöglichen stellen. I.) So empfindet Faber ihren Altersunterschied als etwas Absurdes. Zwar gibt ihm die Tatsache, dass Sabeth ihre Zeit mit einem fast 30 Jahre älteren Mann verbringt, eine gewisse Art von Selbstvertrauen. Allerdings entmutigen ihn Aussagen von Sabeth wie ,,Du tust wie ein Papa!" (H.F.; S.115). Hier wird ihm vor Augen geführt, dass zwischen ihren Weltverständissen 30 Jahre liegen, dass er im Gegensatz zu Sabeth sein jugendliches Gemüt abgelegt hat. So versucht er in Sabeth die junge Hanna zu sehen und sich in seine eigene Jugend zu versetzen. Allerdings muss er sich selber, trotz seiner Lebensfreude (,,... - ich kann nur sagen, dass ich glücklich gewesen bin, weil auch das Mädchen, glaube ich, glücklich gewesen ist, trotz des Altersunterschiedes." H.F.; S.107), eingestehen, dass es unmöglich ist, die Zeit zurückzudrehen (,,Vielleicht hatte ich (wieder einmal) daran gedacht, dass ich für Sabeth, wenn sie sich auf meine Brust stützt und mein Gesicht mustert, eigentlich bin ich ein alter Mann." H.F.; S.116).

II.) Ein anderes Problem stellt seine Erkenntnis dar, dass Sabeth seine eigene leibliche

Tochter ist. Anfangs hofft er in Sabeth seine Jugendliebe wiederzufinden. Später wandelt sich diese Hoffnung in die Vermutung, dass Sabeth Hannas Tochter ist. Aber erst am Ende ihrer Reise durch Italien und Griechenland erhält er die Bestätigung für diesen dieser Verdacht. So erfährt er nur was er bereits ahnte (,,Eine Überraschung war es ja nicht, nur Gewißheit." H.F.; S.118). Ihm wird klar, dass er als Vater seine Tochter dabei unterstützen sollte ihr eigens Leben zu leben. Er muss sich von ihr loslassen, aber nicht in der Weise wie ein Vater, dessen Kind von daheim auszieht, sondern muss seine Liebe zu ihr beenden.

c.) Aber anstatt der Beziehung ein Ende zu setzen und die Gründe die gegen ihre Liebe

sprechen zu akzeptieren, versucht Faber diese zu ignorieren, um die Liebe aufrechtzuerhalten. I.) Diese Angst, Sabeth entbehren zu müssen, äußert sich darin, dass er sie in völligen Anspruch nimmt. Seine Stellung wandelt sich vom Liebhaber zum Vater und Aufpasser. Er entwickelt eine ausgeprägte Eifersucht: jeder Kontakt eines anderen Mannes zu Sabeth könnte zur Folge haben, dass er sie verliert. So achtet er stets auf die Blicke und Flirtversuche anderer Männern, die ihm seine Sabeth entreißen könnten (,,Was mich aufregt, sind keineswegs seine blöden Witze über die Ingenieure, sondern seine Flirterei mit dem jungen Mädchen, das nicht seinetwegen an unseren Tisch gekommen ist, seine Hand, die er auf ihren Arm legt, dann auf ihre Schulter, dann wieder auf ihren Arm, seine fleischige Hand. Wozu faßt er das Mädchen immer an!" H.F.; S.77; ,,Ich bemerkte, wie sie gafften, wenn das Mädchen (das sie offensichtlich für meine Tochter hielten) von Eisenleiter zu Eisenleiter kletterte Ihre Männer-Grimassen waren unverschämt, fand ich, aber Sabeth bemerkte überhaupt nichts von alledem ... " H.F.; S.86). Doch am meisten zeigt sich seine Angst um Sabeth, als er erfährt, dass Hanna Sabeths Mutter ist.. ,,Ich hielt den Kopf so, dass sie sich nicht rühren konnte, mit beiden Händen, wie man beispielsweise den Kopf eines Hundes hält. Ich spürte ihre Kraft, die ihr aber nichts nützte, die Kraft ihres Nackens; meine Hände wie ein Schraubstock. Sie schloß die Augen. Ich küßte nicht. Ich hielt bloß ihren Kopf. Wie eine Vase, leicht und zerbrechlich, dann immer schwerer." (H.F.; S.120). Hier sieht man seinen verzweifelten Versuch, Sabeth festzuhalten, sie nicht mehr gehen zu lassen, um ihre Liebe für immer unverändert zu erhalten. In diesem Moment, an dem ihre romantische Reise durch diese Erkenntnis unterbrochen wird, muss er die Unmöglichkeit dieser Beziehung einsehen. Aber anstatt zu akzeptieren, dass diese Fügung unausweichlich ist, versucht er sich zu beweisen, dass er Sabeth für immer bei sich halten kann.

II.) So weigert sich Faber der Wirklichkeit ins Auge zu blicken; ganz im Gegensatz zu seinem logischen Denken versucht er nun die Realität so zu verändern, dass nicht mehr er, sondern Joachim der Vater ist (,,Vielleicht bin ich ein Feigling. Ich wagte nichts mehr zu sagen, Joachim betreffend, oder zu fragen. Ich rechnete im stillen (während ich redete, mehr als sonst, glaube ich) pausenlos, bis die Rechnung aufging, wie ich sie wollte: Sie konnte nur das Kind von Joachim sein! Wie ich's rechnete, weiß ich nicht; ich legte mir die Daten zurecht, bis die Rechnung wirklich stimmte, die Rechnung als solche." H.F.; S.121). Dieses Zitat zeigt die Bedeutung der Beziehung für Faber: er gibt freiwillig sein logisch-rationales Denken auf, um so die Wirklichkeit durch gewünschte Phantasien zu ersetzten.

4.) Nach seinen gescheiterten Beziehungen begegnet Faber nach 20 Jahren Hanna in einem

Krankenhaus wieder, in dem beide um das Leben ihr Tochter Sabeth bangen, die bei einem

Unfall schwer verletzt wurde . Er trifft allerdings nicht mehr die ,,Schwärmerin und Kunstfee" (H.F.; S.47), die er einst kannte. Er begegnet nunmehr Dr. phil. Hanna Piper, die sich im Laufe der Jahre zu einer berufstätigen und selbständigen Frau entwickelt hat.

a.) Nach ihrem ersten Zusammentreffen im Krankenhaus gelangen Hanna und Faber zu der Erkenntnis, dass sie seit dem Ende ihrer Freundschaft unfähig waren, eine neuen Partner zu finden, mit dem sie ihre Weltanschauungen teilen konnten, sie nicht aufgeben oder unfreiwillig ändern mußten. Sie überstanden diese Jahre nur, indem sie distanzierte Kontakte ohne geistige Nähe eingingen. In Sabeth fanden beide einen Empfänger für ihre Liebe und Zuneigung, allerdings hatte das zur Folge, dass sie, abhängig von Sabeth, sich nicht von ihr loslassen konnten, da sie sie als Füllmaterial für die Leere in ihrem Leben benötigten. Während Faber wie bereits geschildert nicht freiwillig bereit ist, Sabeth ihr eigenes Leben führen zu lassen, hat Hanna bereits ihre Selbständigkeit akzeptiert, sieht aber deshalb den Rest ihres eigenen Leben als ,,verpfuscht" an (,, ,,Das Leben geht mit den Kindern", sagt sie - Ich hatte mich nach ihrer Arbeit erkundigt. ,,Das ist nun einmal so", sagt sie, ,, wir können uns nicht mit unseren Kinder nochmals verheiraten." H.F.; S.139).

b.) Während Sabeths Aufenthalt im Krankenhaus haben Walter Faber und Hanna endlich die Gelegenheit ihre Vergangenheit zu besprechen. Er muss feststellen, dass Hanna sich sehr verändert hat. Sie hat es geschafft, ebenso wie er, ihr Denken, der Glaube an mystische Geschehnissen und Phantasie, zum Beruf zu machen. So hat sie es geschafft aus dem Stand der Frauen aufzusteigen und zu einer ihm ebenbürtigen Person zu werden. Sie war fähig sich als alleinerziehende Mutter zu behaupten, in einer von Männern dominierten Welt, wofür er ihr reichlich Anerkennung zugestand (,,Dabei hat Hanna immer getan, was ihr das Richtige schien, und das ist für eine Frau, finde ich, schon allerhand." H.F.; S.139). Hier erkennt er wieder deutlich, warum er Hanna immer liebte und ewig auf der Suche nach ihr war. So hilft ihm ihre ungebrochene Verbundenheit über den Gedanken des baldigen Todes hinweg, da er sich sicher ist, wieder den Menschen an seiner Seite zu haben, den er sein ganzes Leben liebte (,,Aber ich bin nicht allein, Hanna ist mein Freund, und ich bin nicht allein." H.F.; S.198).

D.) In anbetracht all dieser Ereignisse im Leben Fabers kann man von zwei Frauenbildern reden: einerseits das negative Bild verkörpert durch Ivy, einer unselbstständigen Frau, unter deren Einfluss Faber leiden muss, die ihn dazu zwingt, sich in seiner logisch rationalen Welt zu verkriechen, und das positive Bild verkörpert durch Hanna, einer ihm ebenbürtigen und selbstständigen Frau, die es ihm ermöglicht, seine menschliche Seite zu zeigen.

Quellenangabe:

Primärliteratur

¹ Frisch, Max: Homo Faber, erschienen im Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1977;

Sekundärliteratur

² Klaus Müller-Salget: Erläuterungen und Dokumente, Max Frisch, Homo faber, erschienen im Reclam Verlag, Stuttgart 1987;

³ Hildegard Hain: Lektüre - Durchblick, erschienen im Mentor Verlag, München 1996;

Erläuterungen der Abkürzungen:

H.F. - Frisch, Max: Homo Faber, erschienen im Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 1977; Reclam - Klaus Müller-Salget: Erläuterungen und Dokumente, Max Frisch, Homo faber, erschienen im Reclam Verlag, Stuttgart 1987;

Die Seitenangaben nach Zitaten beziehen sich auf das jeweilige Buch, zur Unterscheidung durch die verschiedenen Fußnoten kenntlich gemacht.

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Frisch, Max - Homo Faber - Die Rolle der Frauen
Note
2
Autor
Jahr
2000
Seiten
12
Katalognummer
V97778
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Homo, faber, Max, Frisch
Arbeit zitieren
Alexander Stelz (Autor), 2000, Frisch, Max - Homo Faber - Die Rolle der Frauen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97778

Kommentare

  • Gast am 18.3.2001

    Frau.

    Unübersichtlich und missverständlich

  • Gast am 17.9.2001

    Danke.

    Hey du

    Ich schreibe morgen eine Arbeit über "Homo faber" (Deusch LK 13)Ich hab mir deine Arbeit durchgelesen und fand es sehr verständlich.Ich hoffe es hilft mir morgen bei der Arbeit.

    Danke

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