Berlin = Westberlin + Ostberlin? Wirtschaftliche Entwicklung und aktuelle Struktur


Ausarbeitung, 2000

41 Seiten


Leseprobe

1. Einleitung

Das Thema der vorliegenden Arbeit im Rahmen des wirtschaftsgeographischen Hauptseminars „10 Jahre neue Bundesländer: Wirtschaftsräumliche Veränderungen“ lautet:

„Berlin = Westberlin + Ostberlin? Wirtschaftliche Entwicklung und aktuelle Struktur“

Ziel dieser Arbeit ist es, die wirtschaftliche Entwicklung seit der Wiedervereinigung in den beiden ehemaligen Teilen Berlins darzustellen und miteinander zu vergleichen. Dabei gilt es, die im Titel aufgeworfene Frage nach einem Zusammenwachsen der neuen Hauptstadt der BRD zu beantworten.

Dazu ist ein chronologisches Vorgehen unbedingt notwendig, um die Entwicklung verfolgen zu können. Daraus ergeben sich anschließend Erklärungen für die aktuelle räumliche Struktur.

Zu Beginn der Arbeit gehe ich kurz auf die naturräumliche Struktur der Region ein, um einen allgemeinen Überblick über die Lage Berlins und das Naturpotential zu ermöglichen. Um die Ausgangssituation unmittelbar nach der Wende erklären zu können, wird im dritten Kapitel die historische Entwicklung Berlins beschrieben.

Neben der wirtschaftsräumlichen Entwicklung Berlins in den neunziger Jahren, erschien es mir wichtig, auch auf die Bevölkerungs- und Stadtentwicklung sowie die Raumplanung einzugehen, da sich diese vier Punkte gegenseitig beeinflussen. Ein kurzer Überblick über den Wissenschaftssektor und dessen Verflechtungen mit der Wirtschaft rundet diesen Teil der Arbeit ab. Anschließend werde ich die wichtigsten Punkte noch einmal zusammenfassen, um dann im fünften Kapitel (Resümee) auf die Leitfrage (Westberlin + Ostberlin = Berlin?) einzugehen.

Ich habe hier bewußt auf die Beschreibung des Agrarsektors verzichtet, da er in diesem urbanen Raum nur eine untergeordnete Rolle spielt.

Zum Teil ist die von mir verwendete Literatur, insbesondere aus der ehemaligen DDR von ideologischen Einflüssen geprägt. Zum Teil habe ich aufgrund der Aktualität (z.B. aktueller Wirtschaftsbericht) auf Literatur aus dem Internet zurückgegriffen.

„Ein Beobachter klagte darüber, daß es Berlins Schicksal zu sein scheine, immer zu werden und nie zu sein“[1].

2. Naturraum - und Landschaftsstruktur von Berlin und Brandenburg

Die Landschaft der Region Berlin und Brandenburg wird durch das naturräumliche Mosaik glazialer Formen von Hochflächen und Niederungen bestimmt. Die Hochflächen werden durch weitflächige, auch als „Platten“ bezeichnete Grundmoränen geprägt. Die Platten werden durch ein dichtes Netz von Niederungen mit zahlreichen Seen unterschiedlicher Größe und Tiefe, deren Entstehung auf die Weichsel-Kaltzeit zurückgeht, und den Tieflandsflüssen Spree, Dahme und Havel zergliedert[2].

Berlin bildete sich an einer etwa 4 bis 4,5 km breiten Verengung des Spreetals. Heute bedeckt die Stadt mit einer Fläche von 889 km2 das Spreetal und weitere angrenzende Landschaften. Die ursprüngliche Oberflächengestalt mit geringer Reliefenergie ist mittlerweile fast vollständig durch die Bebauung bedeckt. Die Stadtlandschaft von Berlin läßt sich in die Teillandschaften „Teltower Platte“, „Spreeniederung“ und „Barnim“ gliedern (Vgl. Abb. 1). Bei der Teltower Platte handelt es sich um eine Grundmoränenfläche mit fruchtbarer

Parabraunerde, deren nördlicher Rand, an den sich die Spreeniederung anschließt, ins Stadtgebiet reicht. In der von Talsanden durchzogenen Spreeniederung (Urstromtal) liegen die großen, Berlin prägenden Seen. So zum Beispiel der wasserwirtschaftlich sehr bedeutende Müggelsee. An das Spreetal schließt sich in Ost-West-Richtung der Barnim mit Lehm­Parabraunerden und Sand-Podsolen an. Das große Vorkommen von Sanden im Großraum Berlin geht mit einer niedrigen Bodenfruchtbarkeit einher.

Die Oberfläche Brandenburgs ist überwiegend dem Elbe-Einzugsgebiet zugeordnet und entwässert über das Havel-System[3] (24 Tsd. Km2) in die Nordsee. Die Flüsse verdanken ihre Entstehung der Oberflächengestalt der glazialen Landschaft. Trotz des weitverzweigten Gewässernetzes (mit vielen Kanälen) ist dieses Gebiet abflußarm, und kann dem kontinentalen Abflußtyp zugeordnet werden[4]. Die geologischen Voraussetzungen für Grundwasserneubildung und das Grundwasserentsorgungspotential sind in Brandenburg günstig. Bei den 3087 Standgewässem handelt es sich um verschiedene Seentypen (z.B. Grundmoränen-, Rinnensee) mit nur mittlerer Gewässerqualität.

Die Klimaverhältnisse und Witterungsabläufe in der Hauptstadt werden durch die geographische Breite (51°20' N und 53°34' N), die geringe Höhenlage (1m bis 201m über NN), eine relativ geringe Meeresentfernung und ganzjähriges Auftreten von Großwettertypen atlantischen Ursprungs bestimmt. Da das Stadtklima nicht mehr von den ursprünglichen naturräumlichen Bedingungen bestimmt wird, treten deutliche räumliche Temperatur- und Feuchtigkeitsunterschiede (bis zu +2K) auf. Das Temperaturmittel liegt im Januar zwischen -0,5°C und -1,4°C und im Juli zwischen 17,1°C und 17,5°C. Die Niederschlagsmengen (zwischen 450 mm/a und 650 mm/a), die im Sommer ihr Maximum erreichen, unterliegen beträchtlichen jahreszeitlichen Schwankungen. Trotzdem ist die Vegetationszeit ausreichend, um eine vielfältige Flora in den zahlreichen Biotopen zu gewährleisten. Wälder und Forsten nehmen 35% der gesamten Fläche Brandenburgs ein, und mit 1012 Mio. ha Wald-/ Forstfläche stellen sie 9,4% des gesamtdeutschen Waldes dar. Obwohl die ursprünglichen Laubmischwälder nur noch an wenigen Stellen zu finden sind und weitestgehend durch Fichtenwälder substituiert wurden, ist der Wald ein bedeutender Faktor der Region. Dies zeigt sich auch anhand der reichen Fauna (Fisch-, Seeadler, Schwarzstorch).[5]

3. Berlin von seiner Entstehung bis 1990

3.1 Historischer Rückblick vom 12. Jahrhundert bis 1941

Berlin, dessen Namensgebung nie eindeutig geklärt werden konnte[6], ist für europäische Verhältnisse recht jung. Seine Ursprünge liegen am Ende des 12. Jahrhunderts. Die Stadt entwickelte sich aus zwei wendischen Kaufmannssiedlungen, Berlin (1244) und Cölln (1237), zu beiden Seiten der Spree im heutigen Bezirk Mitte[7]. Günstig am Schnittpunkt mittelalterlicher Handelsstraßen gelegen, nahmen die beiden Städte einen schnellen wirtschaftlichen Aufschwung (Stapelrecht, Mitglied der Hanse) und vereinigten sich 1307 zu einer Union (Doppelstadt). Im 15 Jhdt. wurde der von der geistlichen Seite vernachlässigte Handelsplatz Berlin, zur Hauptstadt der Mark Brandenburg. Denn die Hohenzollem, seit Beginn des Jahrhunderts Herrschergeschlecht in der Mark, bauten Berlin zu ihrer Residenzstadt aus. Diese hatten, ähnlich den Hugenottenflüchtlingen, die infolge des Dreißigjährigen Krieges hier eine neue Heimat gefunden hatten, einen starken Einfluß (holländischer und französischer Stil) auf die Architektur und Wirtschaftsstruktur. Vierhundert Jahre lang entwickelte sich die Union, u.a. besonders im Bereich der Verkehrswege, bevor es 1709 zur Gründung einer Einheitsgemeinde Berlin kam. Es wurden Landwege und die natürlichen Wasserwege ausgebaut und miteinander verbunden (z.B. Havel-Oder-Kanal 1620). In dieser Zeit wurde mit der „Akademie der Künste“ auch der Grundstein für ein reges geistiges Leben in Kunst und Wissenschaft gelegt. Unter der Regentschaft Friedrichs II (1740-1786), erreichte der Einfluß des Militärs auf die Hauptstadt von Brandenburg-Preußen seinen Höhepunkt. „Das Leben Berlins war durch Hof, Militär und Beamtenschaft bestimmt, das Stadtbild durch Schlösser und Palais, durch Kasernen, Ministerien und andere staatliche Bauten geprägt.“[8]

In Anbetracht dessen verwundert es nicht, daß sich hier das Luxusgewerbe (z.B. KPM, die Kgl. Porzellanmanufaktur), Produktionszweige für den Armeebedarf und das Druckereigewerbe ansammelten. Ebenfalls in die Regierungszeit Friedrichs II fallen die immensen Investitionen in Bildung und Wissenschaft[9].

1806 wurde Berlin von Napoleon besetzt, was der Entwicklung der preußischen Hauptstadt allerdings nicht schadete, denn in den folgenden Jahren wurden beispielsweise die Friedrich- Wilhelms-Universität (1810) und die Eisenbahnlinie Berlin-Potsdam (1838) erbaut. Nach der gescheiterten März-Revolution dehnte sich Berlin durch den Ausbau des Eisenbahnnetzes zum europäischen Verkehrsknotenpunkt und (Handels-) Zentrum (durch Neuregelungen der Zollgrenzen) aus. In dem Zeitraum bis zum ersten Weltkrieg nahm die Entwicklung Berlins einen rasanten Verlauf. Bis 1910 verfünfachte sich die Berliner Bevölkerung. In derselben Zeit wuchs das Stadtgebiet trotz einiger Eingemeindungen (z.B. 1860: u.a. Moabit, Wedding), nur auf 6572 ha an. Durch die Gründung des Deutschen Reiches zur Hauptstadt geworden, avancierte Berlin zur bedeutendsten Industriestadt des Reiches. Insbesondere die Bereiche Elektroindustrie (Siemens: 1903 erste U-Bahn) und Maschinenbau (Borsig) vollzogen ein enormes Wachstum und mußten sich infolge dessen auf die Vororte (z.B. Moabit) ausdehnen (^ „Industriegürtel“, der sich bis auf den Südwesten um die Stadt legte).

Nach dem ersten Weltkrieg kam es 1920 aufgrund erheblicher räumlicher Probleme[10] zum „Gesetz über die Bildung einer neuen Stadtgemeinde Berlin“. Die Fläche der Stadt wuchs mit einem Mal auf das dreizehnfache an, und die Bevölkerung zählte 3,8 Mio. Einwohner. Durch diese Gebietsreform wurde die Stadt ein geistiges und kulturelles Zentrum sowie die größte Industriestadt des Kontinents und Deutschlands Zeitungsmetropole. Bis 1933 stieg Berlin zur Weltstadt auf, in der u.a. Messehallen (Automobilausstellung), das Olympiastadion und der für damalige Verhältnisse riesige Flughafen Tempelhof auf dem ehemaligen Übungsplatz der Berliner Garnison errichtet wurden. Die Finanz- und Handelsmetropole beherbergte zahlreiche Konzernspitzen[11], Großhandelshäuser und andere industriebezogene Zentralfunktionen, dank denen z.B. das Fernsehen seine Weltpremiere in Berlin feierte.[12] Mit Hitlers Machtergreifung im Januar 1933 änderte sich das Leben in Berlin wie in ganz Deutschland nachhaltig. Die 170.000 Juden in der Stadt sahen sich immer stärker werdenden Repressalien ausgesetzt, bis hin zur Verfolgung. Auch das Stadtbild sollte nach Plänen der Nationalsozialisten ihrer Weltanschauung angepaßt werden („Germania“).

Mit dem 8. Mai 1945 begann für die ehemaligen Hauptstadt des Deutschen Reiches eine neue Epoche.

3.2 Die (Wirtschafts-) räumliche Entwicklung in Ost- und West-Berlin bis 1989

Mit dem Ende des zweiten Weltkrieges kam es zur Unterteilung Groß-Berlins in vier Besatzungs-Sektoren(Vgl. Abb. 2). Wegen zunehmenden Unstimmigkeiten zwischen den Besatzungsmächten entwickelte sich eine Separierung der Westsektoren, insbesondere durch die sowjetische Blockade (1948-1949) aller Versorgungswege aus Westdeutschland. Der sowjetische Sektor und die Westsektoren wurden fortan getrennt verwaltet. Der Westteil der Stadt wurde vom Großberliner Versorgungs- und Verkehrsnetz fast völlig abgeschnitten. Nach der Besiegelung der Trennung Deutschlands (und auch Berlins) verstärkte sich der Trend divergierender Entwicklung in beiden Teilen Berlins. Im Westteil wurde mittels Bundeshilfen und Anwendung marktwirtschaftlicher Prinzipien eine schnellere Beseitigung der Kriegsschäden und wirtschaftliches Wachstum gefördert. Der Ostteil litt hingegen unter schleppender Entwicklung, was eine Bevölkerungswanderung von Ost nach West zur Folge hatte. Der starke Flüchtlingsstrom, der für die DDR ökonomische Verluste von mehreren Milliarden (Ost-) Mark zur Folge hatte, veranlaßte die SED-Führung im August 1969 zum Bau einer Sperrmauer um Westberlin.[13] Dies hatte gleichermaßen schwerwiegende Konsequenzen für die Bürger in Ost und West. Unter anderem wurde das Betreten von DDR- Territorium für Westdeutsche erheblich erschwert sowie die Einreise von DDR-Bürgern in die Hauptstadt (Ostberlin) nur unter Auflagen genehmigt. Die über zehn Jahre angespannte politische Situation sollte sich erst mit dem Viermächteabkommen im September 1971 verbessern. Es beinhaltete eine Anzahl von Verbesserungen für BRD-Bürger, insbesondere für Westberliner, wie zum Beispiel im Besucher- und Transitverkehr. Ebenfalls folgten dem Abkommen Veränderungen in den Funktionen der Stadt sowie nochmaliges Umdenken in der Stadtplanung in bezug auf viele Flächennutzungsfragen (siehe unten).[14] In den anschließenden knapp zwei Jahrzehnten bis zum „Mauerfall“ kam es zu einer fortschreitenden Annäherung zwischen den beiden Staaten, die schließlich in der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 endete.

Die oben erwähnte gegensätzliche Entwicklung zeigte sich besonders deutlich im Funktionswandel der beiden Stadtteile. Berlin (Ost) übernahm die Hauptstadtfunktionen der DDR und wurde zum Verwaltungs-, Wirtschafts-, Kultur- und Verkehrszentrum des neu gegründeten Staates. Der Westteil hingegen erlebte durch den Abzug ehemaliger Hauptstadtfunktionen, Einrichtungen der Wirtschaft als auch durch die Insellage einen erheblichen Bedeutungsverlust. Die besondere Situation der Stadt als Ballungsgebiet ohne Umland („Insellage“) erforderte vor allem, bestehende Freiräume im Stadtgebiet zu schonen. Diese Tatsache beeinflußte die Stadtplanung zu einem nicht unerheblichen Teil. Auch gab es Ideen und Vorgaben, durch entsprechende Maßnahmen beispielsweise die Grundstruktur des geteilten Berlins als Doppelstadt zu erhalten.[15] In Ost-Berlin resultierten die Stadtplanung, Bodenordnung und Wohnungspolitik unmittelbar aus der sozialistischen Gesellschaftsordnung und unterlagen den Prinzipien der Zentralverwltungswirtschaft. Trotz der Gegensätze kam es unter anderem im Bereich der Abwasserwirschaft zu einer Koordination zwischen der BRD und der DDR. Denn aufgrund der sich aus der Insellage ergebenen hohen Bevölkerungsdichte (1984: 3850 Einwohner pro km2) und der fehlenden Möglichkeit zu entwässern, wurde ein Teil des West-Berliner Abwassers im Umland, auf DDR-Territorium entwässert.[16]

Bei einer Betrachtung der Bevölkerungsentwicklung in den beiden Teilen der Stadt lassen sich Parallelen finden. In West-Berlin stieg die Bevölkerung bis zum Mauerbau 1961 auf über 2,2 Mio. an, um dann bis 1984 auf 1,85 Mio. abzusinken. „Die Anwerbung erst westdeutscher, dann ausländischer Arbeitnehmer nach dem Mauerbau hatte die ausbleibende Zuwanderung von Flüchtlingen nur zeitweise kompensieren können.“[17] 1989 wurde wieder ein Stand von etwa 2,1 Mio. Einwohnern erreicht.

Die Entwicklung der Bevölkerung in der Hauptstadt der DDR, die die einzige Millionenstadt in der Republik war, nahm bis zum Ende der vierziger Jahre zu[18] und sank dann infolge zunehmender Westwanderungen bis 1961 um fast 150.000. Seitdem ist sie wieder auf über 1,2 Mio. angewachsen (Vgl. Abb. 16, Anhang). Ein signifikanter Unterschied ergibt sich allerdings bei der Betrachtung der Bevölkerungsstruktur. Da für einen großen Teil der Westberliner Bevölkerung keine Siedlungsmöglichkeiten in einem Umland existierten, kam es zu nicht unerheblichen Abwanderungsströmen in die BRD. Die selektiven Folgen sind an dem hohen Anteil älterer Bevölkerung und einer geringen Jugendlichenquote ablesbar. Umgekehrte Verhältnisse herrschten im Ostteil der Stadt.

Eine weitere Besonderheit von Berlin (West) ist die hohe Ausländerzahl. Hier werden die höchsten in der BRD erreicht (1987: 223.569 Ausländer). Den mit Abstand größten Anteil an der ausländischen Bevölkerung haben die türkischen Bürger mit 45% in 1987.[19] Dies hatte und hat einen erheblichen Einfluß auf die Sozialraum- und Stadtstruktur Berlins.[20]

Während der Verlust traditioneller Bezugs- und Absatzmärkte im Westteil der Stadt zu einer deutlichen Abschwächung der Industriewirtschaft führte, wurde Ost-Berlin zum größten Industriestandort der DDR mit rd. 169.800 Industriebeschäftigten ausgebaut. Besonderes Gewicht lag auf der Wahrung des Rufes der Hauptstadt als traditionelles Zentrum der Elektroindustrie. Weiterhin treten in der Industriebereichsstruktur der Stadt, bezogen auf ihren Anteil an der DDR-Bruttoproduktion, die Leichtindustrie, die Chemische Industrie, die Lebensmittelindustrie sowie der Maschinen- und Fahrzeugbau hervor (Vgl. Abb. 3). Um der zunehmenden Zersplitterung der Standorte entgegen zu wirken, wurden diese untereinander stärker kombiniert, und Großindustrie und Wohnstandorte miteinander verknüpft. Die Aufgabe der hauptstädtischen Industrie war es, führend bei der Beschleunigung und weiteren Durchsetzung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts in der Volkswirtschaft der DDR mitzuwirken. [21]

Der Rückgang des industriellen Gewerbes in Berlin (West)[22] hing vor allem mit den Demontagemaßnahmen der UdSSR und den Auslagerungen der Firmenspitzen einiger Großunternehmen (Siemens und AEG) zusammen. Von diesem Prozeß waren besonders die Elektro- und Bekleidungsindustrie und der Maschinenbau betroffen. Insbesondere in diesen Branchen haben in den fünfziger und sechziger Jahren die flächenintensiven Unternehmen eine Randwanderung vollzogen, während die kleineren, eng verbunden mit den Wohnstandorten, in den zentraleren Bezirken geblieben sind. Zwar konnte durch gezielte Wirtschaftsförderungspolitik[23] und der damit verbundenen Ansiedlung einiger Fertigungsbetriebe im Mikroelektronik- und Telekommunikationsbereich, sowie der Gründung der Technologieparks BIG (Berliner Innovations- und Gründerzentrum) und TIP (Technologie- und Innovationspark)[24] ein leichter Anstieg der Industriebeschäftigten erreicht werden, doch der Senat sah die Zukunft der Stadt im Dienstleistungssektor. Dieser erfuhr auch aufgrund des geringeren Flächenbedarfs einen enormen Aufschwung. So stellte beispielsweise zum Beginn der achtziger Jahre der öffentliche Dienst den wichtigsten Wirtschaftsbereich mit knapp einem viertel der Erwerbstätigen dar. Das Augenmerk ab der Mitte der achtziger Jahre hat sich ganz besonders auf Unternehmen auf dem Gebiet des Wagniskapitals gerichtet, denn West-Berlin sollte vor allem Finanzdienstleistungszentrum werden.[25]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Bruttoinlandsprodukt nach Industriebranchen in Berlin (Ost)

Quelle: Leupolt, B., 1990 (Grunddaten)

Auf Ost-Berlin laufen zahlreiche national wie international bedeutende Verkehrsstrecken sternförmig zu. Die Hauptstadt ist Quell- und Zielgebiet des regionalen, nationalen und internationalen Luft-, Schiffs-, Schienen- und Straßenverkehrs. Der innerstädtische Personennahverkehr ist eher dezentral auf das „Ostkreuz“ (Lichtenberg) ausgerichtet. Gänzlich anders verhält es sich mit der Verkehrslinien-Ausrichtung auf Berlin (West). Diese verlaufen fast ausschließlich westlich, da der existenzielle Liefer- und Bezugsmarkt die BRD und die westeuropäischen Staaten sind. Daher war auch das Viermächte-Abkommen (s.o.) für die Versorgung Berlins von enormer Wichtigkeit. Der Westberliner Personennahverkehr konzentriert sich auf den zentralen Bereich „Zoologischer Garten“.[26] Dieses Gebiet zwischen Charlottenburg, Tiergarten und Schöneberg wird oft als „City“ bezeichnet, jedoch wird er diesem Begriff nicht ganz gerecht, denn es fehlen zahlreiche Cityfunktionen wie zum Beispiel eine typische Fußgängerzone oder Passagen.

[...]


[1] Vgl. Hofmeister, B.(1990): Bundesrepublik Deutschland und Berlin (West). In: Storkebaum, W. (HRSG): Wissenschaftliche Länderkunden, Bd. 8, 2.Auflage, Darmstadt 1990, S.21.

[2] Vgl. Marcinek, J.(1990): Die natürlichen Bedingungen der hauptstädtischen Stadt-Umland-Region. In: Zimm, A. (HRSG.): Berlin (Ost) und sein Umland, Ergänzungsheft zu Petermanns Geographischen Mitteilungen, Nr. 286, Darmstadt 1990, S.224f.

[3] Dazu gehören Spree, Dahme, Nuthe und Dosse.

[4] D.h. die jährliche Verteilung der Abflußmenge ist regelmäßig.

[5] Vgl. Schrader, F.(1995): Naturraum- und Landschaftsstruktur. In: Scherf, K., Viehrig, H. (HRSG): Berlin und Brandenburg, Auf dem Weg in die gemeinsame Zukunft, Perthes Länderprofile, Gotha 1995, S.39-90.

[6] Es existieren verschiedene Theorien; zum einen, daß der Name aus dem slawischen, bzw. aus dem allemannischen stammt. Andererseits wird die Meinung vertreten, daß es sich hierbei um ein Patronymikon handelt.

[7] Vgl. Hofmeister: Bundesrepublik und Berlin (West), a.a.O., S.4f.

[8] Vgl. Ebd., S.11.

[9] Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften, Deutsche National Theater, Anatomische Theater, etc.

[10] 88,7% der Stadtfläche waren überbaut.

[11] AEG, Schering, Sarotti, u.v.a..

[12] Vgl. Stratenschulte, E., Ulrich, H.(1993): Berlin kurzgefaßt, Presse- und Informationsamt des Landes Berlin (HRSG), Berlin 1993, S.1-9.

[13] Vgl. Marcinek: Die natürlichen Bedingungen der hauptstädtischen Stadt-Umland-Region, a.a.O., S.224.

[14] Vgl. Hofmeister: Bundesrepublik und Berlin (West), a.a.O., S.51-54.

[15] Vgl. Wuthe, K.-H. (1985): Berlin, Von der Doppelstadt zur geteilten Stadt, eine historisch-geographische Betrachtung. In: Geographische Rundschau, Jg. 37, Nr.9, S.426f.

[16] Vgl. Bader, F. (1987): Berlin - Geteilte Stadt, doppelte Stadt?. In: Die Erde, Jg. 118, S.254.

[17] Vgl. Kluczka, G. (1985): Berlin (West) - Grundlagen und Entwicklung. In: Geographische Rundschau, Jg. 37, Nr. 9, S.431.

[18] Höchststand im Jahr der Blockade 1948/49 mit 1,2 Mio.

[19] Vgl. Hofmeister: Bundesrepublik und Berlin (West), a.a.O., S.73-79.

[20] Durch die Segregationsneigung bildeten sich „Türkenviertel“ - Kreuzberg, Wedding, Tiergarten - in denen, bedingt durch die hohen Geburtenzahlen z.T. der Anteil türkischer Schüler mehr als 50% beträgt.

[21] Vgl. Leupolt, B. (1990): Die Industriestruktur. In: Zimm, A. (HRSG.): Berlin (Ost) und sein Umland, Ergänzungsheft zu Petermanns Geographischen Mitteilungen, Nr. 286, Darmstadt 1990, S.257-262.

[22] Das Verarbeitende Gewerbe verlor von 1970 bis 1984 mit rd. 134 Tsd. Arbeitsplätzen c.a. 42% des Bestandes.

[23] Z.B.: Wirtschaftsförderung Berlin GmbH (WFG) 1977; Wirtschaftskonferenz 1982.

[24] Diese entstanden auf dem ehemaligen Gelände der AEG in Wedding und sind somit ein Beispiel für die Bemühungen der Stadt um sinnvolles Flächenrecycling.

[25] Vgl. Hofmeister: Bundesrepublik und Berlin (West), a.a.O., S.91-137.

[26] Vgl. Kluczka: Berlin (West) - Grundlagen und Entwicklung, a.a.O., S.431-435.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Berlin = Westberlin + Ostberlin? Wirtschaftliche Entwicklung und aktuelle Struktur
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Autor
Jahr
2000
Seiten
41
Katalognummer
V97815
ISBN (eBook)
9783638962667
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Berlin, Westberlin, Ostberlin, Wirtschaftliche, Entwicklung, Struktur
Arbeit zitieren
Sven Müller (Autor), 2000, Berlin = Westberlin + Ostberlin? Wirtschaftliche Entwicklung und aktuelle Struktur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97815

Kommentare

  • Gast am 7.11.2000

    Supie.

    danke dem Verfasser für den Teil Stadtenteicklung und Raumplanung, allein das reicht schon für ein Referat aus. Weiter so.

  • Gast am 22.1.2001

    Gelungen.

    Mein lieber Mann,
    da hat sich aber jemand Arbeit gemacht. Eine sehr detailierte und umfangreiche Arbeit, mit vielen guten Statistiken, guter Gliederung und sauberem Inhalt!

    Gruß
    Olli

  • Gast am 20.4.2001

    oh grosser meister wir danken dir.

    wir finden das referat echt krass.du hast uns damit unseren faulen arsch gerettet.nicht das wir das nicht selbst gekonnt hätten(wenn nicht sogar besser, :) ).
    danke

  • Gast am 26.4.2001

    Nun ja!.

    Echt gut! Aber ziemlich umfangreich! Aber sonst echt gut!

  • Gast am 24.10.2001

    SAU GEIL!!!!.

    Wirklich sau geil, der Hammer, zwar zu lang für mich aber ich werds wichtigste rausholen
    thx

  • Gast am 8.12.2001

    hamma.

    was soll man dazu sagen, ist phantastisch gelungen und super herausgearbeitet.umfasst die wichtigsten ereignisse die berlin als wirtschaftsstandort betreffen.

    sehr gelungen,danke

  • Gast am 24.4.2005

    Bau der Mauer....

    ...war 1961, nicht 1969...(siehe Pkt. 3.2)
    aber nichts für ungut...

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