Wahrnehmung sexistischer Botschaften in Rap-Songs

Einfluss von Geschlecht und Darbietungsform


Bachelorarbeit, 2019

70 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

2 THEORETISCHER UND EMPIRISCHER HINTERGRUND
2.1 Sexismus
2.1.1 Begriffsbestimmung
2.1.2 Kleine Typologie sexistischer Einstellungen
2.1.3 Moderner Sexismus
2.1.4 Ambivalenter Sexismus
2.2 Rap
2.2.1 Geschichte des Rap
2.2.2 Deutschrap - eine glokalisierte Kultur
2.2.3 Geschlechterrollen im Rap
2.2.4 Rap als Rezeptionsgegenstand
2.3 Sexismus und Rap

3 FRAGESTELLUNG UND HYPOTHESEN

4 KONZEPTION DER EMPIRISCHEN STUDIE
4.1 Forschungsmethodik
4.2 Durchführung
4.3 Untersuchungsobjekt
4.4 Datenerhebungsinstrumente
4.4.1 Ambivalente Sexismus Skala (ASS) (Eckes & Six-Materna, 1999)
4.4.2 Moderne Sexismus Skala (MSS) (Swim et al., 1995)
4.4.3 Demographische Daten
4.4.4 Subjektive Evaluation des Songs
4.4.5 Subjektive Beziehung zur Musik
4.5 Stichprobenbeschreibung
4.6 Statistische Datenauswertung

5 ERGEBNISSE
5.1 ÜBERPRÜFUNG DER HYPOTHESEN
5.2 Weitere Befunde

6 DISKUSSION
6.1 Einordnung der Hypothesen
6.2 Einordnung weiterer Befunde
6.3 Kritische Reflexion

7 FAZIT UND FORSCHUNGSAUSBLICK

8 LITERATURVERZEICHNIS

9 ANHANG

Abstract

Die vorliegende Bachelorarbeit untersucht den Einfluss persönlicher und kontextueller Merkmale der Rezeption von Rap-Songs auf die Wahrnehmung darin geäußerter ambivalent sexistischer Einstellungen. Insbesondere das Geschlecht der Rezipienten, die Darbietungsform eines Rap-Songs (textlich oder musikalisch) und die subjektive Zuordnung eines Rap-Songs zu einem Gangsta-Rap-Lager (authentisch oder ironisch) werden untersucht. Für die empirische Studie wurden 134 Personen online befragt, darunter 70 Frauen und 64 Männer. Mittels einer hierarchischen Regressionsanalyse konnten die textliche Darbietungsform und die Zuordnung zum authentischen RapLager als Prädiktoren für einen geringfügigen, aber signifikanten Anstieg (< 0.5 von 55 Punkten) des wahrgenommenen hostilen Sexismus ausgemacht werden. Der Einfluss der textlichen Darbietungsform ist anschließend auch in einer multiplen Regression signifikant nachgewiesen worden. Das Geschlecht und die Darbietungsform konnten hier keinen signifikanten Beitrag zur Vorhersage leisten. Durch Mann-Whitney-U-Tests erwiesen sich, nur in Bezug auf den wahrgenommenen hostilen Sexismus signifikante Tendenzunterschiede zwischen den Geschlechtern, der Darbietungsform und dem zugeordneten Rap-Lager. Abschließend wird die Stichprobe mittels einer Clusteranalyse in drei natürliche Cluster geteilt und analysiert, die als „(männliche) Sympathisanten“, „Hardliner“ und „(weibliche) Realkeeper“ betitelt werden.

Tabellenverzeichnis

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Abbildungsverzeichnis

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1 Einleitung

„Deutschrap hat ein Sexismusproblem“ und „braucht dringend ein #metoo“ (JUICE, 2017; Marquart, 2019). So verlauten einige szeneinterne Beiträge beim Anblick der Normalität, mit der hochgradig frauenverachtende Inhalte in der Welt des Deutschrap kursieren. Es gibt aber auch Gegenpositionen, besonders unter den Zuhörern.

Zu sagen Deutschland hat ein Problem mit sexismus ist krass weit hergeholt! Lady Bitch Ray hat auch Männer gedisst soll ich jetzt auch rum heulen und eine Demo gegen [Frauen] auf die Beine stellen ? Nein anhören und drüber lachen fertig !

Kommentar des Users „Geht dich einen Scheiß an“ in (Marquart, 2019)

Während dieser User seine Meinung polemisch begründet, versuchen sich wiederum andere an einer systemischen Perspektive und blicken über den Tellerrand des Rap hinaus. Rap sei schließlich nur ein „Spiegel der Gesellschaft“, der „oft auch ein hässliches Spiegel Bild erzeugt“ (User „Archie“, ebd.). „Die gewaltbereite Einstellung gegenüber Frauen rührt nicht aus dem Konsum von Hip Hop oder Gangsterrap, sondern aus der Sozialisation und deshakb bleibe ich dabei eine ,#metoo‘ Debatte einfach nur kindisch zu finden“ (User „Timo“, ebd.). „DeineWütendeMutter“ kommentiert: „Dicker das Frauenbild im Rap [...] ist komplett im arsch. [...] Ich finde vor Allem interessant, dass es wiedermal nur Männer sind die hier kommentieren und meinen es [die #metoo-Debatte] sei überflüßig haha“ (ebd.). Wie es scheint, scheiden sich am Sexismus im Rap die Geister. Grundsätzlich besteht zwar Konsens über seine Verbreitung, wie damit jedoch umgegangen wird, variiert zwischen den Rezipienten. Diesem Phänomen nähert sich auch die Wissenschaft. Ein Blick auf die einschlägige Literatur offenbart eine Reihe verschiedener Einflussfaktoren, die in der Rezeption von Rap-Musik zum Tragen kommen. In der männlich konnotierten Hip-Hop-Szene ist das Geschlecht ein zentraler Bezugs- wie auch Separationspunkt. Männliche Jugendliche nutzen (Gangsta-)Rap vorwiegend zur Selbstinszenierung und Auseinandersetzung mit (Geschlechter-)Konflikten (M. Herschelmann, 2013, S. 60). Weibliche Jugendliche fühlen sich hingegen weniger zum Gangsta-Rap hingezogen und kritisieren insbesondere das in den Liedtexten inszenierte Frauenbild (D.-P. M. Herschelmann, 2006, S. 2; Sator, 2016, S. 77). „Die Unterschiede [in der Attribution von Rap-Songs] sind nicht nur auf Differenzen in der Wahrnehmung zurückzuführen, sondern auch auf unterschiedliche Hörgewohnheiten“, schreibt Markus Sator, der die Rezeption von Gangsta-Rap unter Schülerinnen und Schüler untersucht hat (2016, S. 80). Die hier geschilderten Perspektiven verleiten den Autor dazu, sich in der vorliegenden Arbeit mit der Diversität zu befassen, die die Wahrnehmung von Sexismus in Rap-Musik aufweist. Um sich diesem Thema zu nähern, wird zunächst das Konstrukt Sexismus aufgearbeitet, das sich in der modernen Gesellschaft zu einem facettenreichen Begriff entwickelt hat und vor dem Hintergrund der präsenten öffentlichen Debatte vor allem aus wissenschaftlichen Blickwinkeln zu beleuchten ist. In einem nachfolgenden Kapitel wird Rap als beliebtes Medium des Ausdrucks unterschiedlicher Gesinnungsströmungen charakterisiert und ein Einblick in die Kommunikation zwischen Kultur, Produkt und Rezipienten gewährt. An dieser Stelle treten unvermeidlich auch (sexistische) Geschlechtsbezüge auf. Im anschließenden Kapitel wird deutlich, dass Rap zugleich „die wohl populärste und einflussreichste Lyrikform der Gegenwart“ und auch eine identitätsbildende Plattform für Misogynie und Sexismus sein kann. Es befasst sich mit all den empirischen Schnittpunkten, die Sexismus und Rap aufweisen und lenkt den Fokus dabei besonders auf Rezeptionsqualitäten. Da das Ziel der vorliegenden Arbeit die Erkundung sowohl persönlicher als auch kontextueller Einflüsse auf die Wahrnehmung sexistischer Botschaften in Rap-Songs ist, wird eine empirische Studie zu diesem Zweck konzipiert und durchgeführt. Konkret soll sie aufdecken, ob das Geschlecht von Rap-Rezipienten, die textliche oder musikalische Form der Rezeption und das Ausmaß subjektiv empfundener Authentizität eines Rappers eine zuverlässige Vorhersage von wahrgenommenen sexistischen Einstellungen in einem Rap-Song zulässt. Die Erkenntnisse, die die gewonnenen Daten implizieren, werden schließlich diskutiert und in ihrer wissenschaftlichen Güte eingeordnet.

2 Theoretischer und empirischer Hintergrund

Das folgende Kapitel stellt Theorien und Konzepte zu den Themen Rap und Sexismus vor, die dem Leser ein Verständnis dieser beiden Schlüsselbegriffe vermitteln. Anschließend werden empirische Ergebnisse zusammengetragen, aus denen die Relevanz des Forschungsgegenstandes hervorgeht. Zuletzt werden aus dem somit gelegten Fundament die Fragestellungen und Hypothesen der vorliegenden Arbeit abgeleitet.

2.1 Sexismus

Die vorliegende Arbeit fokussiert spezielle Erscheinungsformen sexistischer Einstellungen. Da diese historisch sowie auch inhaltlich an ihren Oberbegriff Sexismus anknüpfen, ist ein vorangestellter Blick auf diesen sinnvoll. Sexismus und sexistische Einstellungen werden von hier an überwiegend synonym verwendet, wenngleich sexistische Einstellungen als ein Teil von Sexismus differenziert werden können.

2.1.1 Begriffsbestimmung

Seinen Ursprung findet der Begriff Sexismus in der amerikanischen Frauenbewegung der 60-er Jahre, wo er in Anlehnung an den Kontext und die Mechanismen des Rassismus etabliert wurde. An Stelle des Bezugs auf die „Rasse“ steht das Geschlecht im Zentrum, wie „Sex“, das Präfix dieses -ismus, bereits vorwegnimmt. Beide Begriffe bieten die Möglichkeit, auf bestehende ideologisch besetzte Systeme hinzuweisen und geben dem kritischen Umgang mit den sich dahinter verbergenden Einstellungen einen Namen. Von Beginn an ist Sexismus das zu Kritisierende, also negativ konnotiert. Etwa zehn Jahre später gilt der Diskurs auch in Deutschland als eröffnet (Thiele, 2013).

„Unter Sexismus [...] fallen geschlechtsbezogene Stereotype, Affekte und Verhaltensweisen, die einen ungleichen sozialen Status von Frauen und Männern zur Folge haben“ (Eckes, 2008, S. 183). Diese Definition des Sprach- und Genderforschers Thomas Eckes wird in der vom Verfasser gesichteten Literatur häufig aufgegriffen. Es fällt auf, dass Eckes eine direkte Formulierung wie „Sexismus ist ...“ vermeidet. Diese, wie auch die Formulierung, dass gewisse Phänomene unter den Begriff Sexismus fielen, (ihn aber nicht vollständig einzugrenzen vermögen) deuten auf die Schwierigkeit einer allgemeingültigen und allumfassenden Definition des Konstrukts hin. Ferner ist zu bemerken, dass Eckes relativ wertfrei bleibt. Eine wertende Alternative bieten Werner und von Collani: „Sexismus soll hier allgemein als eine Einstellung verstanden werden, die eine stereotype Einschätzung, Bewertung, Benachteiligung oder Bevorzugung einer Person allein auf Grund ihrer Geschlechtszugehörigkeit beinhaltet“ (2004, S. 1). Drei Aspekte, die nach Eckes und Six Materna (1998) Sexismus gegenüber Frauen grundlegend ausmachen sind die Betonung von Geschlechterunterschieden, der Glaube an die Minderwertigkeit des weiblichen Geschlechts und die Befürwortung herkömmlicher Geschlechterrollen (Eckes, 2008, S. 183). Diese drei Aspekte werden heute als traditioneller Sexismus bezeichnet. In ihnen ist die patriarchale Ideologie des Sexismus am deutlichsten zu erkennen. Sie begreift das Verhältnis der Geschlechter in der Gesellschaft als hierarchisch. Männern kommt eine privilegierte und Frauen eine untergeordnete Position zu. Damit einhergehende Stereotype unterscheiden die Geschlechter nach Attributen, wobei „männliche“ Attribute in Relation zu „weiblichen“ grundsätzlich als hochwertiger bewertet werden. Männer gelten als die Norm, während Nicht-Männer die Alternative darstellen. Die Formulierung „Nicht-Männer“ soll darauf hinweisen, dass neben Frauen bspw. auch Homosexuelle und andere männliche Individuen von der Norm exkludiert werden, die der gesellschaftlich erwarteten Männerrolle nicht gerecht werden (vgl. G. Klein & Friedrich, 2003, S. 206; zitiert nach Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM), 2016a, S. 34). „Sexismus ist kulturell bedingt und institutionell verankert“ (Thiele, 2013). Seine dualistischen Geschlechterstereotype können durch Medien weitergeführt werden, „indem sie etwa sexistische Inhalte produzieren, somit hegemoniale Strukturen stabilisieren und an der Norm der Männlichkeit orientierte Diskurse reproduzieren“ (Kornemann, 2018, S. 374; vgl. für Popmusik Funk-Hennigs, 2011, S. 97; für Rap Weitzer & Kubrin, 2009, S. 6).

2.1.2 Kleine Typologie sexistischer Einstellungen

Eckes und Six-Materna (1999, S. 211) merken an, dass sich Sexismus seither in mehrfacher Hinsicht gewandelt hat. Zum einen haben sich die Einstellungen gegenüber Männern und Frauen und ihren Rollen in der Gesellschaft gelockert - sie sind liberaler und egalitärer geworden (vgl. Mays, 2012, S. 280). „Dass [...] eher ,traditionelle‘ Einstellungen gegenüber Frauen heute bei weitem nicht mehr so offen geäußert werden, widerspricht ihrem Vorhandensein und ihrer weiterhin großen Verbreitung jedoch nicht [...]“ (Werner & von Collani, 2004, S. 1). Diese Beobachtung leitet zu Eckes & Six-Maternas zweiter Erkenntnis über, dass sich das ursprüngliche Verständnis von Sexismus ausdifferenziert hat. Benokraitis & Feagin (1986) identifizieren drei verschiedene Erscheinungs-Typen von Sexismus. Sie unterscheiden zwischen offenem, verdecktem und subtilem Sexismus. (Im Folgenden dient der Erläuterung der drei Typen eine Publikation von Swim & Cohen (1997) anstelle der Primärliteratur, da diese dem Verfasser nicht zur Verfügung steht.) Offener Sexismus ist charakterisiert durch eine „ungleiche und schädigende Behandlung von Frauen, die ohne Weiteres zu erkennen, beobachten und dokumentieren ist“ (Benokraitis & Feagin, 1986, S. 30; zitiert nach Swim & Cohen, 1997, S. 104). Zu diesem Typus zählt der traditionelle Sexismus. Bei verdecktem Sexismus bleibt die offene Befürwortung von ungleicher und schädigender Behandlung von Frauen aus, kommt aber nach wie vor verdeckt im Verhalten zum Ausdruck. Beispielsweise äußert jemand, dass er/sie für die Emanzipation der Geschlechter sei, verhält sich aber unfair gegenüber Frauen und hindert sie indirekt am Erfolg. Hier ist der moderne Sexismus einzuordnen (Kapitel 2.1.3 - Moderner Sexismus). Subtiler Sexismus ist zwar durch ungleiche und schädigende Behandlung von Frauen definiert, diese geschieht jedoch so subtil, dass sie nicht als solche wahrgenommen wird. Den Beteiligten ist nicht bewusst, dass das Verhalten eine asymmetrische Beurteilung der Geschlechter zur Folge (und auch zur Grundlage) hat, weil es nur auf subtile Weise sexistisch ist. Ein Beispiel für diesen Erscheinungs-Typ ist der benevolente Sexismus, der in Kapitel 2.1.4 - Ambivalenter Sexismus näher behandelt wird.

2.1.3 Moderner Sexismus

Nachdem das mit Abstand am häufigsten verwendete Instrument zur Erhebung traditionell sexistischer Einstellungen, die Attitudes Towards Women Scale (AWS) (Spence & Helmreich, 1972), am Ende der 80er Jahre deutlich vermehrt Bodeneffekte am egalitären (nicht sexistischen) Ende der Skala hervorbringt, geht man davon aus, dass sich die Einstellungen gegenüber der Rolle von Frauen in der Gesellschaft mit der Zeit liberalisiert haben (Eckes, 2008, S. 183). Doch entgegen der Annahme, geschlechtsbezogene Diskriminierung gehöre bald der Vergangenheit an, kommen Benokraitis und Feagin zu dem Schluss, „sex discrimination has not diminished, it has only changed“ (1986, S. 11; zitiert nach Seyfrit, 1986, S. 369). Diese Entwicklung sexistischer Einstellungen geht einher mit der von rassistischen Einstellungen. Parallelen zwischen Sexismus und Rassismus beobachten Forscher schon länger (vgl. Swim, Aikin, Hall, & Hunter, 1995). Einige negative Merkmale des Frauenstereotyps überschneiden sich mit denen des afro-amerikanischen Stereotyps. Beide soziale Kategorien leiden unter einem ähnlich verringerten sozialen Status (Eckes & Six-Materna, 1999, S. 211f). Als in den 80ern moderne Rassismus-Konzepte ausgearbeitet werden, weisen einige Forscher auf deren Verbindung zu modernisiertem Sexismus hin (ebd., S. 199). So erscheinen Mitte der 90er die Konzepte des modernen Sexismus (Swim et al., 1995) und Neosexismus (Tougas, Brown, Beaton, & Joly, 1995), die den Veränderungen sexistischer Einstellungen entsprechen sollen. Beiden dieser Sexismus-Konzepte ist eine Skala zu ihrer Erhebung angehängt, die vor allem politische Einstellungen über geschlechtsbezogene Diskriminierung erheben (Campbell, Schellenberg, & Senn, 1997, S. 90). Ein Einblick in die Evaluation ebendieser Messinstrumente findet sich in Kapitel 4.4 - Datenerhebungsinstrumente. Der inhaltliche Wandel von traditionellem Sexismus, der vorwiegend in interpersonellen Beziehungen stattfindet, hin zu allgemeinen sexistischen sozio-politischen Einstellungen, ist, was den modernen Sexismus von anderen Sexismus-Formen abgrenzt. Aufgrund des ähnlichen Modernisierungsverlaufs rassistischer und sexistischer Einstellungen übertragen die Autoren Swim et al. die zentralen Charaktermerkmale des modernen Rassismus von Sears (1988) auf ihr Konzept des modernen Sexismus. Die Überzeugungen, die modernem Sexismus demnach zugrunde liegen sind (1) die Verleumdung andauernder geschlechtsbezogener Diskriminierung und (2) das Gefühl, Frauen forderten von der Politik mehr Vorteile als Ausgleich für erduldeten Sexismus ein, als es ihre tatsächliche Benachteiligung erlaube, was wiederum zu (3) Widerstand und Abneigung gegen die Forderungen der Frauen führe (Swim et al., 1995, S. 200).

2.1.4 Ambivalenter Sexismus

Sexismus wird häufig fälschlicherweise mit Frauenfeindlichkeit gleichgesetzt. In Folge dessen wird Sexismus nur als solcher wahrgenommen und betitelt, wenn er in Form von eindeutiger Abschätzigkeit gegenüber Frauen daherkommt. Diese Annahme übergeht jedoch eine entscheidende Form von Sexismus: auch positive Äußerungen über Frauen können mit abwertenden Einstellungen ihnen gegenüber einhergehen. Diese Perspektive auf Frauen beschreiben Peter Glick und Susan T. Fiske in ihrem Konzept des ambivalenten Sexismus (1996). Der Ursprung der Ambivalenz liegt laut Glick & Fiske in sozialen und biologischen Gegebenheiten, die die Beziehungen zwischen dem männlichen und weiblichen Geschlecht charakterisieren (1996, S. 493). Beiden Geschlechtern seien gewisse Mächte immanent, die sie auf das jeweils andere Geschlecht auswirken, während sie der Macht des anderen unterlegen sind. Glick & Fiske berufen sich hier auf die Unterscheidung struktureller und dyadischer Macht von Guttentag und Secord (1983). Die Männer sind „Herr“ der strukturellen Macht, die als „Kontrolle über zentrale wirtschaftliche, politische und soziale Institutionen“ zu verstehen ist (Eckes & Six-Materna, 1999, S. 212). Diese Machtform steht im Zentrum der Erzeugung und Aufrechterhaltung patriarchaler Gesellschaftssysteme. Ihr gegenüber steht die dyadische Macht, die sich in der Beziehung zwischen zwei Menschen finden lässt. „Die dyadische Macht ist umso größer, je mehr Ressourcen einer der Partner hat, um die Bedürfnisse des anderen zu befriedigen“ (Eckes & Six- Materna, 1999, S. 212f). Da Frauen einerseits zur sexuellen Fortpflanzung fähig sind und andererseits dem sozialen Bedürfnis nach Empfindung von Intimität der Männer weitaus besser entgegenkommen, als es Männer unter sich können (vgl. Glick & Fiske, 1996, S. 492), wird ihnen die dyadische Macht zugeschrieben. Transkulturelle und historische Beobachtungen von Guttentag und Secord (1983) haben gezeigt, dass patriarchale Gesellschaften die dyadische Macht der Frauen durch eine soziale Ideologie reflektieren, in der die Rollen von Ehefrauen und Müttern protektiv verehrt und Frauen als romantische Liebesobjekte idealisiert werden. Auf diese Weise werden Frauen erneut in einen untergeordneten Bezug zu Männern gestellt, die ihre Machtposition somit zurück erlangen (Glick & Fiske, 1996, S. 492; vgl. Meuser, 2006a, S. 162f). Aus der wohlwollenden Intention, bei gleichzeitig abschätzigen Stereotypen ergeben sich ambivalent sexistische Einstellungen. Auf dieser Grundlage betrachten Glick & Fiske Sexismus als ein multidimensionales Konstrukt, welches aus den beiden Formen hostiler Sexismus (HS) und benevolenter Sexismus (BS) besteht. „Beide Formen sexistischer Einstellungen haben die Funktion, patriarchale Sozialstrukturen zu rechtfertigen und aufrechtzuerhalten“ (Eckes & Six-Materna, 1999, S. 213). Hostiler (Feindseliger) Sexismus richtet sich in Form von abschätzigen Sichtweisen offensiv gegen Frauen. Die Kategorie des offenen Sexismus (Kapitel 2.1.2 - Kleine Typologie sexistischer Einstellungen) deckt die Charakteristika dieser Sexismus-Form ab. Benevolenter (Wohlwollender) Sexismus stützt sich ebenso auf sexistische Stereotype von Frauen, kommt jedoch in subjektiv positiv empfundener Form zum Ausdruck, wie z.B. durch pro-soziales Verhalten oder dem Bestreben nach Nähe (Glick & Fiske, 1996, S. 491). Als konkretes Beispiel bringen die Autoren eine Situation an, in der ein männlicher Mitarbeiter seiner weiblichen Kollegin sagt, er finde, sie sähe „niedlich“ aus. Eine solche Bemerkung fällt durch das Raster des offenen Sexismus, weil sie ein scheinbar positives Frauenbild vermittelt, nett gemeint ist und Nähe indiziert. Gleichzeitig suggeriert die Bemerkung jedoch, das Aussehen der Kollegin sei bedeutender oder zumindest erwähnenswerter als ihre Leistung, wodurch diese sich in ihrer Professionalität nicht ernst genommen fühlt (Glick & Fiske, 1996, S. 492). In einem solchen Fall erscheinen sexistische Machtverhältnisse in Form von sprachlicher Gewalt (Szekeres, 2005, S. 28), wozu auch eine Sorte von Rap-Texten gezählt werden kann (Kapitel 2.3 - Sexismus und Rap). Glick & Fiske fassen zusammen, dass sich solche Phänomene um soziale Macht, Geschlechtsidentität und Sexualität drehen, und schlagen deshalb drei Komponenten vor, die beiden Formen ambivalent sexistischer Einstellungen innewohnen. (a) Paternalismus handelt von sozialen Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern. (b) Geschlechterdifferenzierung meint die stereotypkonforme Betonung von Merkmalsunterschieden der Geschlechter. (c) Heterosexualität bezieht sich auf die sexuelle Dynamik zwischen Mann und Frau und damit einhergehenden Wünschen und Ängsten. In Tabelle 1 sind die drei Komponenten in ihren ambivalenten Ausprägungsformen der Übersicht halber tabellarisch dargestellt.

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Das Konstrukt des ambivalenten Sexismus ist geeignet für die Konzeption einer empirischen Studie. Im Kapitel 4.4.1 - Ambivalente Sexismus Skala wird erläutert, worin diese Betrachtung gründet.

2.2 Rap

Seit ihrer Entstehung durchlief Rap-Musik einige „Metamorphosen“ (Wimmer, 2008, S. 9). Um ein Verständnis für den Charakter des Rap zu fördern, folgt ein Überblick in seine Geschichte. Außerdem wird verdeutlicht, wie sich die Rap-Kultur in ständiger Wechselwirkung zwischen lokaler Praxis und globaler Kulturordnung selbst produziert. Anhand des Subgenres Gangsta-Rap lässt sich die Konstruktion von Identität im Rap aufzeigen, insbesondere der Geschlechteridentität, die in der Thematik der vorliegenden Arbeit eine zentrale Rolle spielt. Zuletzt wird auf die Funktionsweise von Rap als kommunikatives Medium eingegangen, die im Hinblick auf die Rezeption von Rap relevant ist.

2.2.1 Geschichte des Rap

Zunächst einmal ist Rap [r^p] als eine der vier Disziplinen des Hip-Hop einzuordnen. Hip-Hop ist in den 70-er Jahren die erste Straßenkultur der New Yorker Armenviertel (Hecke, 2015, S. 28). Während die erste Hip-Hop-Disziplin, Graffiti, größtenteils heimlich und fern der Augen der Polizei praktiziert wird, finden die anderen drei Disziplinen umso öffentlicher statt. Besonders bei sogenannten Blockparties, die zu dieser Zeit an ständig wechselnden Häuserblocks spontan organisiert werden, treten sie vereint in Erscheinung: Die Tanzenden zeigen ihre Breakdance-Moves, werden von den DJs musikalisch begleitet und von den Masters of Ceremony (MC) per Mikrofon angeheizt. Anfangs reihen die MCs lediglich motivierende Rufe rhythmisch aneinander. Zu Unterhaltungszwecken kommt es hierbei auch zu ersten sogenannten Battles, bei denen sich die MCs auf der Bühne mit teils im Voraus erdachten, teils improvisierten Sprüchen ein Wortgefecht liefern, was sich später als fester Bestandteil des Rap etabliert. Die MCs entdecken die Wirkung des Reimens, beginnen inhaltlich kohärente Strophen zu schreiben und kreieren letztlich ihren eigenen Stil der Poesie. Unter Vorbehalt noch früherer Vorläufer (siehe Wimmer, 2008, S. 20-32) liegt in dieser Praxis der Ursprung des Rap (vgl. M. S. Klein, 2011, S. 12; Hecke, 2015, S. 28). Während sich das Rappen aus dem Partykontext heraus zu einer eigenständigen Kultur entwickelt, zeichnen sich in den Rap-Texten der 80-er Jahre politische Schwerpunkte ab, die in der Szene immer mehr an Bedeutung gewinnen. Einen wichtigen Meilenstein legt der Song The Message von Grandmaster Flash & The Furious Five, der soziale Unverhältnismäßigkeiten thematisiert und zum Namensgeber der Strömung des Message- bzw. Conscious-Rap wird. Rap-Musik bietet in dieser Zeit das scheinbar geeignetste Sprachrohr der politisch benachteiligten Afro-Amerikaner und wird von allen, die am „sprechenden“ Ende stehen, entsprechend ernst genommen (vgl. Wimmer, 2008, S. 10f; M. S. Klein, 2011, S. 11, 13; Hecke, 2015, S. 31). Die Geschichte des Rap teilt Wimmer (2008, S. 10) in ihre vier wichtigsten Phasen:

1) Rap als Partymusik (1973 - 1982)
2) Rap als „Widerstandsmedium“ (1982 - 1989)
3) Gangsta-Rap (1989 - 2000)
4) Rap als hedonistische Selbstdarstellung (2000 - heute)

Mit dem Aufkommen des Gangsta-Rap nimmt die im Rap geäußerte Gesellschaftskritik eine neue Form an. Rap wird radikaler, provoziert nicht mehr durch das Aufzeigen sozial-politischer Missstände, sondern macht es sich zur Aufgabe gesellschaftliche Tabus zu brechen. Zu diesem Zweck kommt besonders die übermäßige und verherrlichende Darstellung von Drogen, Kriminalität, Gewalt und Sexismus zum Einsatz. Die damit generierte Aufmerksamkeit bringt Gangsta-Rap neben großer Kontroversen vor allem großen kommerziellen Erfolg ein (Wimmer, 2008, S. 47; Hecke, 2015, S. 37; Wolbring, 2015, S. 20). Sogar in der (jungen) weißen amerikanischen Mittelstands-Bevölkerung gelangt er zu Popularität. „Zu den Fans zählen gerade jene Käuferschichten, die noch nie ein Ghetto betreten haben, aber in dieser Musik ihr aggressives Potential kanalisieren können“ (G. Klein & Friedrich, 2003, S. 28; zitiert nach Hecke, 2015, S. 37). Viele Rapper, die ihr Image ohnehin schon mit der Rolle des tüchtigen Geschäftsmannes ausgestattet haben, nutzen das wirtschaftliche Potential ihrer Szene, um sich in weiteren Marktsektoren zu positionieren und eröffnen bspw. Mode- oder Schmuck-Unternehmen. Das Hip-Hop- Magazin „The Source“ verkaufte 1997 durchschnittlich doppelt so viele Exemplare einer Ausgabe wie der „Rolling Stone“. „Hip-Hop [ist] nun endgültig zum Global Player und zu einer riesigen Geldmaschine innerhalb der Musikindustrie geworden“ (Wimmer, 2008, S. 53). Wolbring legt nahe, dass sich mittlerweile vielfältige Mischformen der Rap-Genres ausgebildet haben, die eher durch Attitüden, Sprechverhaltensweisen und Inhalte zu charakterisieren seien, als durch einfache Labels mit epochalem Bezug, wie z.B. „Gangsta-Rap“ (2015, S. 25). Dennoch wird Gangsta-Rap in der vorliegenden Arbeit als symbolischer Prototyp für sexistischen Rap gehandelt, da er die erste RapStilrichtung darstellt, in der die hegemonial dominante Position der männlichen Rolle ein unumgängliches sexistisches Stilmittel ist.

2.2.2 Deutschrap - eine glokalisierte Kultur

Nach Deutschland kommt „Hip-Hop und damit auch Rap zunächst als rein medienvermittelter US-Import. Der erste Kontakt entstand durch [...] Hip-Hop-Filme wie Wild Style, Beat Street oder Breakin“ (Wolbring, 2015, S. 21). Hier zeigt sich exemplarisch, dass Hip-Hop eine glokale Kulturform ist (Androutsopoulos, 2003, S. 10f). „Der Begriff Glokalisierung bezeichnet die weltweit sich vollziehende Dynamik der Ausbreitung zunächst lokaler Muster oder Praktiken. Diese gelangen beispielsweise über die globale Medienrotation, in andere Kontexte und Kulturen und werden dort vor dem Hintergrund dortiger lokaler Gegebenheiten aufgegriffen. Sie werden zwar adaptiert, aber in diesem Zuge mit neuer Bedeutung oder anderen Strukturelementen aufgeladen. Man könnte sagen: Das ursprüngliche lokale Grundmuster des Produkts bleibt in dem neuen Adaptionszusammenhang erhalten, wird aber neu interpretiert oder umstrukturiert (vgl. Robertson, 1998; für Rap: G. Klein & Friedrich, 2003) “ (Dietrich & Seeliger, 2013, S. 121). Als weiteres Beispiel der glokalen Kulturentwicklung zählt die gesellschaftskritische Perspektive des Hip-Hop, die sich, aus der amerikanischen Praxis stammend, global durchsetzt (M. S. Klein, 2011, S. 13) und sich dann an die Perspektiven der jeweils lokalen (ethnischen) Minderheiten adaptiert (Wolbring, 2015, S. 59). Konkret veranschaulicht der Song Fremd im eigenen Land von Advanced Chemistry (1992) diese Dynamik. Sein in Erscheinung treten weist bemerkenswerte Parallelen zum zuvor erwähnten The Message auf, denn er ist ein hochpolitischer Fingerzeig ungerecht behandelter Minoritäten, ist ein stilgerechter Song des Conscious-Rap und zählt aufgrund seiner pionierhaften, wenn auch nicht mit dem amerikanischen Pendant vergleichbaren Reichweite zum Fundament der hiesigen Rap-Geschichte (Wolbring, 2015, S. 59; Sator, 2016, S. 13).

In „Die Deutschen und die Musik“, einer Studie des Allensbacher Instituts für Demoskopie im Jahre 1980, wird Rap bzw. Hip-Hop noch nicht als Genre aufgezählt (Hesse, 2013, S. 7). Doch seit seiner „Geburt“ nimmt das Genre stets an Zuhörern zu. „Ab dem Jahr 2000 bis heute treten vermehrt Battle-Rap - besonders Gangster-Rap - in den deutschen Charts auf“ (M. S. Klein, 2011, S. 21). In 2007 geben in einer repräsentativen Studie des oben genannten Instituts 24.1% der circa 20.000 Befragten über 14 Jahren an, sehr gerne oder gerne Hip-Hop, Rap oder Dance zu hören. Zehn Jahre später sind es bereits 32.8% (Deutsches Musikinformationszentrum (MIZ), 2018a). Im Gegensatz zu den Ergebnissen einer Umfrage unter 219 Hauptschülern, bei der 31% der befragten Jungen (n = 109), aber nur 5% der befragten Mädchen (n = 110) angaben, Gangsta-Rap sei ihre Lieblingsmusik (D.-P. M. Herschelmann, 2006, S. 3), gibt es in der groß angelegten Studie kaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern. 34,3% der Männer und 31,4% der Frauen tun darin kund, sie hörten gerne oder sehr gerne Dance, Hip-Hop oder Rap (MIZ, 2018b). Wie in Abbildung 1 zu sehen, liegt die Beliebtheit der Kategorie Dance, Hip-Hop, Rap eindeutig am jungen Ende der Altersspanne. Ein Teil des Zuwachses in den mittleren Alterskohorten ergibt sich vermutlich aus Rap-Hörern der Anfangszeit, die ihrem Genre treu geblieben sind und im Laufe der zehn Jahre eine Kohorte höher gewandert sind.

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Abbildung 1: „Bevorzugte Musikrichtungen nach Altersgruppen“ (MIZ, 2018a)

Auch der Jugendkulturforscher Klaus Farin schreibt über Hip-Hop, den er als die „weltweit [...] mit Abstand größte Jugendkultur“ bezeichnet, dass mit „keinem anderen Musikgenre [.] so viel Umsatz bei Unter-Zwanzigjährigen gemacht [würde]“ (2011, S. 16). Der Bundesverband für Musikindustrie (BVMI) stellt auch im vergangenen Jahr noch fest, dass „die wirtschaftliche Bedeutung von Hip-Hop [weiter] wächst“ (2019, S. 41f). Das äußert sich unter anderem in den drei Deutschrap-Alben, die es in die Jahres-Top-10 2018 geschafft haben, sowie in den fünf Deutschrap-Songs, die es in die Top-10 Single-Streaming-Charts des Jahres 2018 schafften (ebd.).

Trotz dieser Zahlen weist Wolbring darauf hin, dass die tatsächliche Popularität des deutschsprachigen Rap statistisch kaum befriedigend zu erfassen ist (2015, S. 42). Der Grund dafür sei, dass die in der Musikforschung üblicherweise herangezogenen Zahlen der Tonträgerverkäufe im Rap kein zuverlässiger Indikator für die Popularität sind. Einerseits, weil es im Rap mehrere Dimensionen von Popularität zu berücksichtigen gibt, die zu durchaus unterschiedlichen Perspektiven führen können: Die Popularität der Rezeption von Rap, der Szene-Partizipation und des „Rapschaffens“ (S. 43). Andererseits, weil sich die Rezeption im Zuge der Digitalisierung insofern verändert hat, als dass beachtlich viel Musik von den Rezipienten illegal heruntergeladen wird (S. 46f). Gerade unter Jugendlichen sei „Kaufen [...] die seltene Ausnahme - Downloading, Kopieren und Brennen die alltägliche Regel“ (zitiert nach Wolbring, 2015, S. 46). Im legalen Bereich hat sich auch die Umsatzentwicklung digitaler Musikprodukte von 13 Mio. € in 2004 bis hin zu 897 Mio. € in 2018 um ein Vielfaches gesteigert (MIZ, 2019a). Erfolge, die der Rap innerhalb dieses genreübergreifenden Volumens erzielt, werden ebenso nicht in den Zahlen verkaufter Tonträger berücksichtigt. Stefan Makowiak arbeitet in seiner Bachelorarbeit im Fach der angewandten Medien außerdem heraus, inwiefern soziale Netzwerke und Videoportale, wie z.B. Youtube, entscheidend für den Erfolg von Rappern sein können (2015a; vgl. Wolbring, 2015, S. 47f). Sechs der zehn deutschsprachigen Künstler mit den meisten „Gefällt Mir“-Angaben bei Facebook sind Rapper (Makowiak, 2015a, S. 16). Die fünf meistabonnierten Youtube-Kanäle deutschsprachiger Musiker sind allesamt dem Genre Deutschrap zuzuschreiben (S. 18). „Insgesamt ist die Rezeption von deutschsprachigem Rap daher wesentlich populärer einzuschätzen, als es die Verkaufszahlen vermuten lassen“ (Wolbring, 2015, S. 47).

2.2.3 Geschlechterrollen im Rap

Wie beim US-amerikanischen Vorbild agglomerieren sich auch die Wesenszüge deutscher Rap-Figuren um die Bezugspunkte Ethnizität, Klasse, Authentizität und Geschlecht (Seeliger, 2018). Mit dem Geschlecht wird hier also ein Thema aufgegriffen, das die Identitätsbildung der Produzenten, wie auch der Rezipienten in der ganzen Hip-Hop-Kultur grundsätzlich mitbestimmt.

Rap has become a forum for debating the nature of gender relations among [...] youth. (Lusane, 1993, S. 53)

Hip-Hop ist eine „patriarchal organisierte, männlich dominierte und sexistische Kulturpraxis gekennzeichnet dadurch, dass primär zwischen Mann und Nicht-Mann unterschieden und Weiblichkeit als Projektionsfläche für männliche Phantasien begriffen wird“ (G. Klein & Friedrich, 2003, S. 203; zitiert nach Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM), 2016b, S. 34; vgl. Funk-Hennigs, 2011, S. 97; Reger, 2015, S. 19; Süß, 2018, S. 3). Geschlechterstereotype werden seit jeher thematisiert und in vielen Rap-Texten plakativ in Szene gesetzt. Nicht nur, weil ein Großteil der Protagonisten männlich ist, sondern auch, weil diese nicht müde werden, ihre Männlichkeit zu predigen. Für den Rahmen der vorliegenden Arbeit wird nun einmal die Rolle des Mannes und einmal die der Frau im Rap stark abstrahiert skizziert. Es wird keinerlei Anspruch darauf erhoben, dass eine derart radikale Simplifizierung von Geschlechterrollen der tatsächlichen Diversität im Rap gerecht werden kann.

Die männliche Rolle im Rap folgt dem hegemonialen Machtprinzip (siehe Reger, 2015, S. 28f). Rap ist daher in „homosoziale Männergemeinschaften“ strukturiert. Orte, an denen die männlichen Beteiligten „unter Ausschluss von Frauen“ grundlegende Elemente von Männlichkeit konstruieren, erlernen, sich gegenseitig beweisen und bestätigen können (Reger, 2015, S. 35). Sie bestärken sich in ihrer hegemonialen Machtposition, indem sie sowohl den Wettkampf um den Platz des „Rudelführers“ , als auch die generelle kulturelle Sinnstiftung für sich beanspruchen, ohne je in Frage zu stellen, dass das Gestaltungsrecht in der Natur der Männer läge. „Insbesondere beim männlichen Habitus führt so die ,Invisibilisierung des Geschlechtlichen im Handeln‘ letztlich zur Herstellung einer ,objektiven Gesetzlichkeit; männliche Herrschaft wird zur Norm erklärt und erscheint als natürlich“ (Meuser, 2006b, S. 122; zitiert nach Reger, 2015, S. 34f).

Im Amirap himmeln halbnackte Frauen ihr Rapidol an wie Dumpfbacken. Außer bei Mutti, da werden die Rapper herzensweiche Bubis.

Kommentar des Users „Harry ohne Wagen“ in (Marquart, 2019)

Die Konstruktion der weiblichen Rolle orientiert sich ebenso an den Vorstellungen der Männer. „Laut Seeliger ,lassen sich bei der Darstellung von Frauen [durch Männer] in Hip-Hop-kulturellen Formen [...] starke Ambivalenzen ausmachen‘ (Seeliger, 2013, S. 112). Weller zufolge gebe es ,im Gegensatz zu den verachteten Huren [...] auch angebetete Heilige, die Diva, Lady, Queen‘ (Weller, 2010, S. 214)“ (zitiert nach Reger, 2015, S. 15; vgl. Heinisch, 2018). Die Perspektive der Männer erfolgt also in keinem Fall auf Augenhöhe, sondern stets in sexistischer Ungleichheit. Wendet sich der Blick nach unten, findet sich dort das Frauenbild der „Hure“, das ein ständiger Dorn im Auge von Rap-Kritikern ist. Beispielhaft für diese Herabwürdigung ist der Begriff der „bitch“ (englisch für „Schlampe“, „Zicke“ oder auch „Hündin“), der im Gangsta-Rap fast schon als Synonym für „Frau“ verwendet wird (BPjM, 2016a, S. 34). Wendet sich der Blick nach oben, so stehen dort idealisierte Frauenbilder, zumeist in Rolle der Mutter oder Ehefrau. Sie sind auserwählte „Heilige“ (z.B. der „Engel unter 1000 Huren“ (Bushido, 2007)), denen die Männer ihre Liebe bedingungslos verpflichten und um deren Anerkennung sie sich mühen (vgl. Reger, 2015, S. 109ff). „Heilig“ werden auch Eigenschaften sexueller Partnerinnen gesprochen, die den Männern „den Kopf verdrehen“. Hier kommt besonders die dyadische Macht von Frauen zum Vorschein. Einhergehend mit der zuvor erläuterten Theorie des benevolenten Sexismus (Kapitel 2.1.4 - Ambivalenter Sexismus), geht auch Reger davon aus, dass diese erhöhten Einordnungen von Frauen „nur auf den ersten Blick Anerkennung vermitteln“ (2015, S. 15).

Heidi Süß wirft auf, dass besonders in den jüngeren Generationen von Rappern eine Neuverhandlung, sogar eine „Reformation“ dieser Geschlechterrollen stattfindet (2017, S. 6, 9). „Aber auch an etablierten Rappern, die ein eher klassisches Männlichkeitsmodell repräsentieren und die sich mitunter durchaus der hegemonialen Gangsta-Männlichkeit zurechnen ließen, geht die Liberalisierung innerhalb der Szene im Hinblick auf Geschlecht und Männlichkeit nicht spurlos vorüber. Es scheint als ließen sich alternative Momente von Männlichkeit durchaus legitim in den Rahmen von Hypermaskulinität integrieren“ (Süß, 2017, S. 6). Vermutlich gewinnt die „Reformation“ jedoch so lange nicht die Überhand, so lange es Abnehmer für konservativ sexistischen Rap gibt. Und diese schwinden erst, wenn sie ihren Bezug zu derart Musik verlieren, denn „Rezipienten der Musik werden nicht nur durch überhöhte Männlichkeits- oder Weiblichkeitsphantasien angesprochen, sondern finden Erzählungen vor, die sich in Erfahrungen der eigenen Lebenswelt gut integrieren lassen“ (Reger, 2015, S. 121).

2.2.4 Rap als Rezeptionsgegenstand

Da Raps stets musikbegleitet realisiert und damit auch rezipiert werden, gilt die Rezeption eines Rap gemeinhin als Musikhören, das insgesamt als die beliebteste Freizeitaktivität von Jugendlichen angesehen wird. (Wolbring, 2015, S. 43)

Im Folgenden wird aufgezeigt, welche Komponenten Rap als Gegenstand des Musikhörens ausmachen und in welchem Verhältnis sie zueinander stehen. Außerdem wird auf Besonderheiten der Rezeption von Rap-Songs eingegangen, die sich aus dem Verhältnis zwischen Kunstfigur und Realperson von Rappern ergeben.

[...]

Ende der Leseprobe aus 70 Seiten

Details

Titel
Wahrnehmung sexistischer Botschaften in Rap-Songs
Untertitel
Einfluss von Geschlecht und Darbietungsform
Hochschule
Medical School Hamburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
70
Katalognummer
V978167
ISBN (eBook)
9783346334459
ISBN (Buch)
9783346334466
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rap, Musik, Wahrnehmung, Sexismus, Geschlecht, Hip-Hop, Persönlichkeit, Sozialpsychologie, Kultur, SSIO, Ambivalenter Sexismus, Moderner Sexismus, Benevolenter Sexismus, Hostiler Sexismus, Genre, Musikgenre, Raptext, Songtext, Lyrics, sexistische Texte, Regressionsanalyse, Deutschrap, Gangstarap, Gangsterrap, Misogynie, Frauenfeindlichkeit, Rapgeschichte, Experimentalpsychologie, Online-Studie, Musikrezeption, Authentizität
Arbeit zitieren
Georg Meyer-Hoeven (Autor), 2019, Wahrnehmung sexistischer Botschaften in Rap-Songs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/978167

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