Entstehung, Förderung und Aufrechterhaltung von Vertrauen in der digitalen Informationsgesellschaft


Seminararbeit, 2000

12 Seiten


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Inhalt

1 Vertrauensbildung durch Technologie
1.1 Dimensionen von Sicherheit
1.2 Expertenwissen und Expertensysteme

2 Vertrauensbildung durch kulturelle und institutionelle Faktoren
2.1 Institutionelle Vertrauensförderung
2.2 Vertrauen als Wissensfrage

3 Sicherheit und Vertrauen in der digitalen Kommunikationstechnik

Literatur

1 Vertrauensbildung durch Technologie

1.1 Dimensionen von Sicherheit

Um Zugang zu dem Begriff „Vertrauen“ in technischen Bereichen und im davon durchdrungenen Alltagsleben zu bekommen, ist der Begriff der „Sicherheit“ essentiell. Sicherheit wird neben den Funktionen „Verfügbarkeit“, „Integrität“, „Verbindlichkeit“ und „Vertraulichkeit“ auch charakterisiert durch die Begriffe „Verlässlichkeit“ und „Glaubwürdigkeit“.

Verlässlichkeit meint in diesem Zusammenhang eine meßbare Eigenschaft des auf Sicherheit zu prüfenden Objekts in Hinblick auf seine Funktionsfähigkeit, während man unter Glaubwür- digkeit die Summe der Merkmale eines Objekts versteht, die Vertrauen erzeugen. Sowohl Verlässlichkeit als auch der zusammenfassende Begriff der Glaubwürdigkeit sind dabei objektive Bewertungen, die meßbar und quantifizierbar sind. „Vertrauen“ ist dagegen ein sub- jektiver Begriff, der von jedem Anwender und Benutzer von Technologie anders definiert und ausgebildet wird. Dennoch ist unerlässlich, in der Diskussion darüber, welche Faktoren für das Entstehen von Vertrauen ausschlaggebend sind, wiederum verallgemeinernd auf objektivierba- re Kategorien wie die oben genannten zurückzugreifen - das heisst, auch Vertrauen wird letzt- endlich über Indikatoren, die in der Kategorie Glaubwürdigkeit gründen, nachgewiesen und de- finiert.

Vertrauen kann also unter dem technischen Gesichtspunkt vor allem dadurch gefördert werden, daß die mit einer Technologie verbundene Risiken erst identifiziert und dann weitestgehend minimiert werden.

Wesentlicher Faktor bei der Entstehung von Vertrauen ist allerdings neben den meßbaren Funktionen, die ein Objekt erfüllen muss, auch die Erfahrung, die der Anwender mit der zu bewertenden Technologie macht bzw. gemacht hat. Zunehmende Vertrautheit mit einer neuen Technlogie, die Fähigkeit, Stärken und Schwächen einzuschätzen und entsprechend reagieren zu können, führt zu Vertrauen in das eigene Wissen und damit auch zu Vertrauen in die Technologie, die dadurch immer weitergehend beherrschbar wird.

Man kann also sagen, daß Vertrauen sich nur im Rahmen umfassender Lernprozesse entwickeln kann. Auf der individuellen Ebene bedeutet dies die Erlangung einer weitestgehenden Kompetenz, auf der kollektiven Ebene bilden sich mit zunehmender Erfahrung Konventionen über den Umgang mit Technologien heraus. Die Bedeutung indirekt vermittelter Erfahrung (zum Beispiel über Medien) nimmt dabei in Anbetracht der Tatsache, daß der Einzelne in zunehmendem Maße nicht mehr in der Lage ist, die Funktionsweise und Anwendung von Technologie wirklich zu durchschauen, in immer stärkerem Maße zu.

1.2 Expertenwissen und Expertensysteme

Die Beherrschbarkeit von Technologie nimmt für den Einzelnen mit zunehmender Komplexität immer weiter ab. Auch sogenannte Fachleute müssen sich, um als Experten angesehen zu werden und die Funktionsfülle nur eines sehr eingegrenzten Technikbereichs zu beherrschen, immer weiter spezialisieren. Dennoch reicht heutzutage das Wissen eines Einzelnen oft nicht mehr aus, um zu der bestmöglichen Entscheidung zu kommen oder die adäquateste Anwen- dung einer Technologie zu finden. Aus diesem Grund ist inzwischen eine neue Computergene- ration entwickelt worden, die sich unter dem Begriff „Expertensysteme“ zusammenfassen lässt. Im Unterschied zum herkömmlichen PC, der einfach nur Daten verwaltet, ohne sie zu bewerten oder zu selektieren, handelt es sich hier um „wissensbasierte Systeme“, also um eine Form der Datenverarbeitung, die den menschlichen Umgang mit Wissen simulieren soll. Es geht also nicht nur um die Speicherung und Verwaltung von Daten, sondern um die Verknüpfung dieser Daten mit dem Ziel, eine Problemlösung zu erstellen. Der menschliche Experte (z.B. Arzt) wird durch dieses System allerdings nicht ersetzt, sondern seine Kompetenz soll ergänzt und unter- stützt werden, so daß dessen Zwang zur Spezialisierung durchbrochen wird und er einen eher ganzheitlichen Blick für ausgewählte Problemstellungen entwickeln kann.

Entwickelt in Zusammenarbeit von Programmierern, Spezialisten des entsprechenden Fachge- biets und den späteren Anwendern, sind solche Programme in der Lage, auch mit vagen Aus- sagen, Vermutungen und Widersprüchen zu operieren, wie sie bei komplexen Problemstellun- gen wie z.B. der Erstellung einer patientenorientierten Krankheitsdiagnose durchaus auftreten können. In diesem Fall ist ein Expertensystem z.B. in der Lage, mit Hilfe eines komplexen Re- gelsystems die lückenlose „Wissensbasis“ mit aktuell hinzugefügten fallspezifischen Daten und variablen Parametern zu verknüpfen. Auf diese Weise können auch Ausnahmen und Abwei- chungen von einem „typischen“ Krankheitsbild mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten be- wertet werden. So kann die Diagnose des Arztes verifiziert oder verbessert und adäquate The- rapiemöglichkeiten ausgewählt werden.

Expertensysteme können in allen Bereichen angewendet werden, in denen der Umfang des benötigten Wissens inzwischen die Kapazität eines einzelnen Menschen übersteigt. Neben der Medizin gehören dazu z.B. Beratungs- und Verkaufssysteme aller Art (Versicherungen, Reisen etc.), Konstruktionssysteme oder Umweltprüfungen.

Auch diese birgt natürlich wie jede Technologie bestimmte Risiken, die bei der Bewertung nicht ausser Acht gelassen werden dürfen. So besteht unter anderem die Gefahr, daß das Handeln von Menschen dadurch in einer Art und Weise reglementiert wird, die die scheinbar gewonnene Flexibilität und Objektivität wieder ausser Kraft setzt. Auch ist es möglich, durch die Vergabe von Zugangsbeschränkungen bzw. -berechtigungen auf Daten soziale Machtstrukturen zu etab- lieren, die den menschlichen Experten wiederum eine Elitestellung aufgrund von Wissen zubilligen, die eigentlich hatte vermieden werden sollen.

Drittens ist der menschliche Umgang mit Daten bzw. Wissen immer wertend und in einen s ozia- len Kontext eingebunden, der den Expertensystemen trotz aller technischen Kompetenz und Komplexität nicht zur Verfügung steht. So muss ein menschlicher Experte immer wieder ent- scheiden, was z.B. auf seinem Gebiet zum allgemein anerkannten Grundwissen gehört, wann eine Annahme durch Belege oder Indizien als abgesichert gilt oder wann ausrechend Alternativ- lösungen geprüft wurden, um die gewählte zur besten zu erklären. Dies sind Kriterien nicht der letztendlichen Entscheidung, sondern des Entscheidungsprozesses, die ein menschlicher Ex- perte durchaus in die Bewertung seiner Entscheidung mit einbeziehen kann. Dies ist bei der Hinzuziehung eines Expertensystems allerdings nicht möglich, die Entscheidungsfindung ist im Nachhinein kaum mehr nachzuvollziehen.

Ein Beispiel für die vertrauensfördernde Wirkung von Expertensystemen ist der elektronische Zahlungsverkehr. 1999 hatten in einer Umfrage 60% der Befragten kein Vertrauen in die Si- cherheit von elektronischen Transaktionen1. Die Tatsache, daß es sich dabei um eine völlig veränderte Form des geschäftlichen und damit sozialen Umgangs miteinander handelt, der auf ein sichtbares Gegenüber, sichtbares Geld und die Möglichkeit, den genauen Verlauf der Transaktion nachzuvollziehen verzichtet, erscheint vielen Nutzern anscheinend suspekt. Dabei wird einem Expertensystem, das einerseits den Schein einer individuellen Bearbeitung des jeweiligen Anliegens wahrt und Flexibilität bei Abweichungen zeigt und andererseits eine grössere Sicherheit verspricht als ein menschlicher Experte, zunehmend mehr Vertrauen entgegengebracht als der blossen Kommunikation mit einer Datenbank.

Bei der Abwägung dieser Risiken gegen die Vorteile, die die Anwendung von Expertensyste- men mit sich bringt, muss allerdings bedacht werden, daß es hier darum geht, die Entschei- dungsfindung einem kompetenteren Experten zu übertragen. Wenn der laienhafte Patient die Diagnose und Therapie einer Krankheit einem Facharzt überlässt, ist dessen Entscheidung letztendlich für ihn genausowenig nachvollziehbar wie die Entscheidung eines Expertensystems für den Mediziner. Beide Formen der Konsultation setzen von Anfang an ein gewisses Grund- vertrauen voraus, das erst im Laufe der Zeit durch Erfahrung abgeschwächt oder verstärkt wer- den kann.

2 Vertrauensbildung durch kulturelle und institutionelle Faktoren

2.1 Institutionelle Vertrauensförderung

Die moderne Gesellschaft kann als soziotechnisches System dahingehend bezeichnet werden, daß durch den alltäglichen Umgang mit einer Vielzahl von Techniken, die rational kaum mehr durchschaut und begriffen werden können, Vertrauen in diese Technologien als Grundlage und Voraussetzung für das Funktionieren dieser Gesellschaft unabdingbar ist. Dabei hat Vertrauen die Funktion, gesellschaftliche Komplexität zu reduzieren und Technik damit anwendbar zu ma- chen. Allerdings ist es neben dem Vertrauen in die konkrete Funktionsfähigkeit einer Technolo- gie ebenfalls nötig, daß sich Vertrauen in den sozialen Kontext ihrer Anwendung entwickelt.

Innerhalb solcher konkreter Nutzungskontexte wird Vertrauen dabei in der Regel anhand des Vergleichs mit in Funktion oder Anwendungsweise ähnlichen Techniken hergestellt. Dabei kann eine hohe, rein funktional bestimmte Sicherheit zwar einerseits das Vertrauen allgemein stei- gern, andererseits aber auch die Unwissenheit um die zu beachtenden Risiken oder überstei- gertes Vertrauen entweder in die Technik an sich oder die eigene Kompetenz als Anwender zu leichtsinnigem Umgang führen. Dessen Folgen können bewirken, daß das gewonnene Vertrau- en schlagartig wieder verloren geht oder auch, selbst wenn diese Bewertung irrational ist, daß Ängste ausgelöst werden, die eine Wiedergewinnung dieses Vertrauens unmöglich machen.

Innerhalb der Gesellschaft gibt es eine Vielzahl von Institutionen, die diese individuelle Vertrauensbildung formen und lenken und dadurch versuchen, Fehlentwicklungen zu verhindern. Dabei handelt es sich in der Regel um Institutionen, die die Funktionsweise und Anwendung von Technologie kontrollieren und ihr damit sozusagen ein institutionalisiertes Mißtrauen entgegenbringen. Es handelt sich also um Mißtrauen als vertrauensfördernde Maßnahme.

Diese Institutionen sind folgendermaßen gegliedert:

1. Handlungs- und Zugangsregulierung

Hiermit wird versucht, den Mißbrauch soziotechnischer Systeme zu verhindern. Unter einer Handlungsregulierung versteht man dabei eine Bestimmung, welche Institutionen bzw. Personen welche Funktionen ausführen dürfen bzw. müssen. Zugangsregulierung meint in Ergänzung dazu eine Bestimmung, welche Institutionen bzw. Personen gewisse Dienste anbieten oder nutzen dürfen und welche Voraussetzungen dafür erfüllt sein müssen. Vertrauensbildung geschieht dabei über die Annahme, daß die Mitglieder einer Gesellschaft diese Regeln akzeptieren werden, da ansonsten Sanktionen drohen.

2. Konfliktregulierung

Diese Institution tritt in den Fällen in Aktion, wenn es keine von vornherein gültigen Regeln bezüglich der Handlungsmöglichkeiten der Akteure gibt und infolge dessen unterschiedliche Interessen und Erwartungen aufeinandertreffen.

Ausführende Organe sind Gerichte und sonstige Schiedsinstanzen.

Vertrauensbildung geschieht hier über die Annahme, daß eine gerechte und legitime Entscheidung getroffen werden wird.

3. Versicherungen und Bürgschaften

Diese greifen in dem Fall, daß Erwartungen entgegen aller Erfahrung nicht erfüllt werden. Sie werden z.B. vertreten durch Händlergarantien oder Zertifizierungsinstanzen. Vertrauensbildung geschieht durch die Garantie, daß aus enttäuschten Erwartungen kein oder nur ein geringer materieller Schaden entsteht

4. Stellvertreterfunktion

In diesem Fall geht es um die Vertretung von Interessen, die vom Vertretenen gar nicht oder nicht dauerhaft selbst wahrgenommen werden können. Dabei werden Probleme in der Regel im Zuge von Lobbyarbeit behandelt.

Vertreten wird diese Funktion z.B. durch Verbraucherverbände, Interessenvertretungen oder Hotlines.

Die Vertrauensbildung geschieht durch Beratung und Hilfe. 5. Kontroll- und Prüfinstitutionen

Hier geht es um Ausübung von Kontrolle bzw. Erzeugung von Wissen, die ihrerseits wieder- um durch Gesetze und Richtlinien reglementiert bzw. kontrolliert wird. Bsp.: TÜV

Vertrauensbildung geschieht über das Prinzip der Verteilung von Kompetenzen und Kontrolle auf mehrere Institutionen, um Mißbrauch zu erschweren.

Die Zielsetzung dieser Institutionen ist ein rationalisiertes soziotechnisches Sicherheitsmana- gement, um Bedrohungen frühzeitig zu identifizieren und sie auf der Basis von gesellschaftli- chen Konventionen durch geeignete Maßnahmen so weit wie möglich zu entschärfen. Natürlich ist eine vollständige Ausschaltung von Risiken weder im rein funktionalen, auf die Anwendung bezogenen Bereich noch im gesellschaftlichen, auf den Anwender bezogenen Bereich möglich. Mit der Wirksamkeit dieser Institutionen, die durch Informationsaustausch und Medien ins öf- fentliche und individuelle subjektive Bewusstsein transportiert wird, kann das Vertrauen gesteigert werden.

In Ergänzung zu dieser institutionalisierten Vertrauensförderung kann aber auch das nichtinsti- tutionalisierte Mißtrauen, das sich in ständiger Infragestellung von und Diskussion über Sicher- heit von Technologie äussert, Einfluß auf die Bildung von Vertrauen haben. Sofern diese Dis- kussion konstruktiv verläuft, können durchaus Mißstände und Mängel aufgedeckt und in der Folge behoben werden. Allerdings besteht in diesem Fall die Gefahr, daß durch Vermischung von sozialen und technischen Aspekten sowie gewollte oder ungewollte Halb- und Falschinfor- mationen Fehleinschätzungen oder sogar eine gesellschaftliche Hysterie aufgebaut und geför- dert wird.

2.2 Vertrauen als Wissensfrage

Vertrauen in soziotechnische Systeme kann durch den Glauben charakterisiert werden, daß eine einzelne Technik oder ein technisches System zufriedenstellend und vorhersagbar funktio- nieren wird, ohne daß der einzelne Anwender genau sagen kann, auf welche Weise dies ge- schieht.

Es handelt sich also um eine „riskante Vorleistung“ dahingehend, daß Erwartungen gestellt werden und man sich darauf verlässt, daß diese Erwartungen auch erfüllt werden. Dabei ist der „Normaluser“ in der Regel nicht in der Lage, die Risiken der Anwendung einzuschätzen, und zwar einerseits aus mangelndem Wissen und andererseits aus der Unmöglichkeit, Defizite zu erfahren.

Diese „riskante Vorleistung“ kann allerdings nur auf einer mittleren Ebene zwischen Expertenwissen und absolutem Unwissen geleistet werden. Wer alles weiß, braucht wegen seiner völligen Objektivität und der Möglichkeit, alle Eventualitäten vorherzubestimmen und entsprechend reagieren zu können, nicht in Vertrauen zu investieren. Wer allerdings gar nichts weiß, hat keinerlei rationale Grundlage, auf der er Vertrauen schenken könnte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Formen des Nichtwissens und Vertrauen2

Der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Formen des Nichtwissens liegt in dem Bewusstsein über das mögliche Vorhandensein von Risiken und Gefahren, die aber als solche nicht genau identifiziert werden können.

Das Risiko, sich in der Einschätzung von Sicherheit zu irren, ist bei der in der obigen Abbildung genannten Kategorie „nichtgewusstes Nichtwissen“ besonders hoch. Wenn einem Anwender gar nicht bewusst ist, daß bei der Anwendung einer Technologie ein Risiko besteht, hat er auch keinerlei Grund, Vertrauen aufzubauen. Dafür kann das „böse Erwachen“ dann um so heftiger ausfallen. Bei Fehlern und Irrtümern ist dem Anwender zwar das mit der Anwendung verbunde- ne Risiko bewusst, aber er meint, sein eigenes Wissen sei groß genug, um es zu kontrollieren bzw. auszuschalten.

Vertrauen wird nach Barthel/Braczyk/Fuchs dadurch gebildet, daß der Anwender sich darüber im Klaren ist, daß er die Anwendung nicht vollständig durchschaut, das damit verbundene Risi- ko willentlich und wissentlich eingeht und versucht, es durch gezielte Wissensselektion kalku- lierbar zu machen. Dies ist ein Charakteristikum moderner Gesellschaften. Nichtwissen-Können ist dabei das Eingeständnis sich selbst gegenüber, der Komplexität der Materie nicht gewach- sen zu sein, während Nichtwissen-Wollen die Reduktion von Wissen und Komplexität in dem Bewusstsein, daß nicht alles erfaßt werden kann, bedeutet. In beiden Fällen ist vorrangiges Ziel der Wissensreduktion, die eigene Handlungsfähigkeit nicht durch als überflüssig und belastend empfundenen Informationsballast in Frage zu stellen. Statt dessen wird die Bewertung dieses „überflüssigen“ Wissens anderen, Experten oder Institutionen, überlassen in der Hoffnung, daß Ergebnisse dieser Wertung, die das eigene Handeln beeinflussen werden, auch umgesetzt werden können.

Das Vertrauen des Einzelnen ist dabei in der Regel von Vertrauensmaßstäben geprägt, die von der Allgemeinheit gesetzt werden, wenn sie auch nicht immer deckungsgleich mit individuellen Gründen für Vertrauensvergabe sind. Allerdings ist zu beachten, daß auch die gesellschaftli- chen Institutionen, die vertrauensbildend wirken sollen, mit einem Vertrauensvorschuß von Sei- ten des Einzelnen bedacht werden müssen. Auch in diesem Fall ist in der Regel erkennbar, daß auch hier Fehlfunktionen oder Mißbrauch nicht per se ausgeschlossen werden können, und zwar aus äquivalenten Gründen wie bei rein technischen Systemen. Somit bleibt Vertrauen, obwohl bei der Analyse und Bewertung immer wieder auf quantifizierbare Kategorien und Fak- toren zurückgegriffen werden kann, dennoch ein irrationales System, das auf dem blossen Glauben daran beruht, daß am Anfang der „Vertrauenskette“ die Sicherheit schlechthin zu fin- den ist mit der völligen Unmöglichkeit der Fehlfunktion, des Irrtums oder des Mißbrauchs.

3 Sicherheit und Vertrauen in der digitalen Kommunikationstechnik

Alle oben geschilderten Aspekte und Funktionsweisen von Vertrauen und Sicherheit gelten im Prinzip für alle modernen Technologien, die in Funktions- und Wirkungsweise für den Einzelnen nicht mehr in Gänze überschaubar sind. Besonders prekär wird aber die Vertrauensfrage in Bezug auf das Medium Internet und die damit verbundenen Möglichkeiten der Kommunikation und des Datentransfers.

In diesem speziellen Fall machen zwei Gesichtspunkte die Förderung von Vertrauen besonders schwer:

Das Internet wird von vielen, sowohl Fachleuten als auch Laien, ein neues „Reich der unbe- grenzten Möglichkeiten“ angesehen. Einerseits werden täglich neue interessante und nutzbringende Anwendungsfelder entdeckt, die Benutzung und Erforschung ist für jeden relativ einfach und kostengünstig zu handhaben, und die Möglichkeiten, die die im Internet übliche Anonymität bietet, machen es vielen Anwendern leicht, sich dort nach Herzenslust „auszutoben“ und sich trotzdem relativ sicher zu fühlen.

Auf der anderen Seite des Spektrums der unendlichen Möglichkeiten liegen illegale Aktivitäten verschiedenster Art, die erkennbar machen, daß es durchaus in der Macht von sogenannten fachkundigen Straftätern liegt, erheblichen materiellen und immateriellen Schaden anzurichten. Sei es Betrug durch das Knacken von Zugangsberechtigungen, der Diebstahl geistigen Eigen- tums oder einfach nur die Sabotage an technischen Anlagen - die Besorgnis, die dadurch bei Nutzern, Politikern und Managern ausgelöst wird, wird immer wieder mehr oder weniger plaka- tiv zum Ausdruck gebracht. Daß innerhalb dieser Diskussion Begriffe wie „Blitzkrieg“ oder „Cy- berterrorismus“ benutzt werden, zeigt vor allem das Bewußtsein der Hilflosigkeit den Tätern gegenüber. Es ist in der Regel nicht vorhersagbar, über welche Technologien diese Hacker verfügen und gegen wen und in welcher Form der nächste Angriff gerichtet sein wird.

Das Internet ist bisher zumindest ein relativ freies und unreglementiertes Medium. Diese Freiheit und die Unmöglichkeit, die zukünftige Entwicklung und den Einfluß auf die menschliche Gesellschaft vorherzusagen, fördert aber auch positive und negative Utopien.

Stanislaw Lem sagte bereits 1998 dazu:

„ Da haben wir einerseits eine Art ANARCHIE: eine totale Ausbreitung potentieller Verbindungen „ aller mit allen" und in ihren „ Innereien" die Ausbildung, die Ö konomie, das Gesundheitswesen mitsamt dem „ Zusammenprall der Werte", der den Charakter des von Samuel Huntington prog- nostizierten „ Clash of Civilizations" annehmen könnte. Diese Gleichstellung „ aller Gleichen" dank der Interkommunikation kann bis zur Liquidierung jeglicher Zentralmächte und Regierun- gen führen und eine Erosion der Mono- oder Oligopolen sowie eine „ Verschmierung" der Kon zentration der Staats- oder Wirtschaftsmächte mit sich bringen, so daßschließlich ein vollständig „ vernetzter" und computerisierter Planet in Erscheinung tritt.

Während dieser Weg „ superliberal" bis hin zum Anarchismus ist, scheint der entgegengesetzte Ausweg aus der entstandenen Alternative völlig anders zu sein. Statt zur Gleichstellung sollen wir, wieder kurz gesagt, zu einem hierachischen Zentralismus gelangen, statt einer Zerstreuung in einer globalen Anarchie begeben wir uns in einen „ INFOMOLOCH", der zur Herrschaft kommt, weil er die die Verbindungen aller mit allen kontrollieren kann - nicht nur informativ als ein Ultrapostmann oder Bote und All-Sinnen-Medium, denn er wird letztlich nicht nur der Herrscher, sondern auch der Demiurg sein. “ 3

Diese Zeilen machen machen die Ambivalenz deutlich, die in der Diskussion über die Zukunft des Internets und seiner Auswirkungen auf die menschliche Gesellschaft als Ganzes vor- herrscht. In den Medien und gerade im Internet selbst prallen Fronten aufeinander, die nicht miteinander vereinbar scheinen. Einerseits wird die Freiheit gepriesen, unabhängig von Natio- nalstaaten und Rechtsprechungen ein weltumspannendes Medium zu besitzen, das absolute Meinungsfreiheit und Kommunikation ermöglicht, und jegliche Form von Regulation wird als Eingriff in die Freiheit des Einzelnen und der Beginn eines globalen Polizeistaats dargestellt. Andererseits wird ausdauernd vor den Folgen zügellosen Datenklaus, Verletzung von Urheber- rechten und Sabotage gewarnt, die das Ende des Rechtsstaats bedeuten würden, wenn ihnen nicht Einhalt geboten wird. Allzu häufig wird diese Diskussion auch von sogenannten Fachleu- ten der verschiedensten Couleur interessenbedingt überzogen dargestellt, es werden Hysterien geschürt und Theorien aufgestellt, die eine weltumspannende Verschwörung vorstellbar ma- chen.

Meiner Einschätzung nach sind allerdings beide angedeuteten Szenarien unrealistisch, und zwar aus zwei Gründen:

Erstens ist die Menschheit weit davon entfernt, eine ideologische oder politische Weltgemein- schaft zu sein. Auch der Druck der weltweiten und schwer zu lokalisierenden Internetkriminalität wird daran in absehbarer Zeit vermutlich nichts ändern. Auch wenn einzelne Regionen wie z.B. die EU gemeinsame Anstrengungen der Bekämpfung unternehmen, wird das Nationalstaats- prinzip in den allermeisten Gegenden der Welt nicht ernsthaft in Frage gestellt. Zweitens beschränkt sich die Sphäre des Internets bisher auf die modernen und entwickelten Regionen der Erde. Die dritte Welt hat bisher keinen oder nur sehr eingeschränkten Zugang zu diesem Medium, und auf der Prioritätenliste der betroffenen Staaten stehen sicherlich andere Aufgaben als die Teilhabe an diesem Kommunikationsnetzwerkes ganz oben. Dadurch können sie weder von den Vorteilen profitieren noch sind sie den damit verbundenen Risiken ausgesetzt. Allerdings ist es durch diesen Ausschluß auch unmöglich, sie in eine wie auch immer geartete globale Machtstruktur mit einzubinden. Eher im Gegenteil, durch diese Selektion des Zugangs wird die Aufteilung der Welt in erste und dritte Welt, arm und reich, fortschrittliche und stagnative Gesellschaften eher noch zementiert.

Letztendlich handelt es sich bei der Frage, ob und inwieweit das Internet, seine Inhalte und die Zugangsmöglichkeiten reglementiert werden sollen, um eine Frage, die jeden einzelnen Nutzer betrifft. Jeder Einzelne muss sich darüber klarwerden, wem er sich im schlimmsten Fall auslie- fern will: Kriminellen, die seine Daten ausspionieren oder manipulieren und dadurch materiellen und geistigen Schaden anrichten können, oder staatlichen Regulierungs- und Kontrollbehörden, die den „gläsernen User“ erzeugen und unter deren Oberhoheit jegliche Form von Persönlich- keits- und Datenschutz zur Disposition steht. Es geht also - wieder einmal - um die Erzeugung von Vertrauen; entweder in die eigenen Fähigkeiten, sich gegen Kriminelle zu schützen, oder in die Integrität staatlicher Behörden, die es möglich machen sollen, einen regellosen Raum wie das Internet in einen funktionierenden Rechtsstaat mit einzubeziehen.

Literatur

- H.-J- Braczyk, J. Bartel, G. Fuchs, K. Konrad: Vertrauensbildung aus soziologischer Sicht - das Beispiel Sicherheit in der Kommunikationstechnik. in: G. Müller, K. Stapf (Hrsg.): Mehr- seitige Sicherheit in der Kommunikationstechnik. Band 2: Erwartungen, Akzeptanz und Nut- zung, Bonn 1998
- J. Barthel, H.-J. Braczyk, G. Fuchs: Vertrauen in soziotechnische Systeme. in: H. Kubicek u.a. (Hrsg.): Multimedia und Verwaltung. Jahrbuch Telekommunikation und Gesellschaft 1999, Heidelberg 1999
- O. Winkel: Die Förderung von Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit in der digitali- sierten Informationsgesellschaft. in: P. Rössler, W. Wirth (Hrsg.): Glaubwürdigkeit im Inter- net, Medienskripten Band 32, München 1999
- Dr. E. Jelden: Homo Faber? Experten oder Expertensysteme? in: C. Hubig, J. Albers (Hrsg.): Technikbewertung, Berlin 1995
- U. Beck: Risikogesellschaft - Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt a. M. 1986
- http://www.heise.de/tp/deutsch/inhalt/te/5785/1.html
- http://www.heise.de/tp/deutsch/special/krypto/6244/1.html

[...]


1 Barthel, Braczyk, Fuchs 1999, S. 116

2 aus: Barthel, Braczyk, Fuchs 1999, S. 112

3 http://www.heise.de/tp/deutsch/special/krypto/6244/1.html

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Entstehung, Förderung und Aufrechterhaltung von Vertrauen in der digitalen Informationsgesellschaft
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Veranstaltung
Sicherheit in der digitalen Informationstechnik
Autor
Jahr
2000
Seiten
12
Katalognummer
V97818
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entstehung, Förderung, Aufrechterhaltung, Vertrauen, Informationsgesellschaft, Sicherheit, Informationstechnik
Arbeit zitieren
Nantke Griess (Autor), 2000, Entstehung, Förderung und Aufrechterhaltung von Vertrauen in der digitalen Informationsgesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97818

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