Psychosomatische Hilfen in Bielefeld


Seminararbeit, 1996
13 Seiten

Gratis online lesen

Gliederung

I Allgemeine Angaben zu Bethel

II Geschichtlicher Überblick

III Psychosomatische Hilfen in den Anstalten

IV Tageskliniken in Bielefeld

V Arbeitsmöglichkeiten für psychisch Erkrankte

VI Literatur

I Allgemeine Angaben zu Bethel

Bethel ist die Kurzbezeichnung und somit auch der geläufigere Name für die von- Bodelschwinghschen-Anstalten Bethel. Beth-El ist hebräisch und bedeutet ,,Haus Gottes". Dieser Name ist bezeichnend, denn im Namen Gottes wurde mit der diakonischen Arbeit in Bethel begonnen, in dieser Tradition wird sie auch weiter geführt.

Zu den von-Bodelschwinghschen-Anstalten gehören, neben den Häusern im Bielefelder Stadtteil Bethel, auch entferntere Anstalten, dieses wären Eckartsheim (Bielefeld-Sennestadt), Freistatt (zwischen Bremen und Bielefeld), Homborn (Nähe Hagen) und Lobetal (bei Berlin). Im Stadtgebiet von Bielefeld gibt es heute Wohnungen und Arbeitsplätze.

Der Ortsteil Bethel umfaßt heute ca. 3 qkm. Es gibt hier rund 140 Einrichtungen der von- Bodelschwinghschen-Anstalten Bethel, hierzu gehören unteranderen verschiedene Handwerksbetriebe (Tischlerei, Bäckerei, Wäscherei, Töpferei, etc.), Pflegehäuser, Wohngruppen, allgemein bildende und Sonderschulen, Kliniken, Werktherapien. Es wohnen 3.000 Mitarbeiter und 3.000 behinderte Menschen in Bethel, insgesamt arbeiten hier 11.000 Menschen.

Die von-Bodelschwinghschen-Anstalten Bethel finanzieren sich zum größten Teil über die Pflegesätze der behinderten und kranken Bewohner. Die restlichen 3-4 % werden durch die Gewinne der eigenen Betriebe und durch Spenden gedeckt. Pro Jahr gibt es in Bethel ein Spendenprojekt, dieses Jahr ist dieses der Neubau der Patmos- und Mamreschule in einem Gebäude. Zusätzlich gibt es für kleinere Projekte, im Umfang bis zu 2 Millionen DM, Sonderspendenprojekte. So ist beispielsweise der Bau der Reithalle für eine ganzjährige Reittherapie dadurch finanziert worden, daß nicht nur die ,,Freunde Bethels", sondern auch Reitsportvereine und Reitfreunde in ganz Deutschland angeschrieben wurden.

II Geschichtlicher Überblick

Mitte des 19. Jahrhunderts konnten viele anfallskranke Menschen aufgrund der Industrialisierung und der daraus folgenden Landflucht nicht mehr in ihren Familien bleiben. Angeregt durch einen Vortrag über eine Epilepsieanstalt in München von Pastor Balke kaufte die Vereinigung der Mindener Ravensberger auf Initiative evangelischer Christen einen Hof am damaligen Stadtrand von Bielefeld. Dieser bekam den Namen Ebenezer (Stein der Hoffnung) und nahm 1867 die ersten vier anfallskranken Jungen auf.

Zwei Jahre später (1869) eröffnete die Diakonissenanstalt Sarepta ihr Mutterhaus in unmittelbarer Nachbarschaft zum Hause Ebenezer. In Verbindung damit wurde 1877 von der Bruderschaft die diakonische Gemeinschaft Nazareth gegründet.

Schon 1872 wurde Pastor Friedrich von Bodelschwingh die Leitung der Anstalten übergeben. Auf seine Initiative hin bekamen die Anstalten den Namen Beth-El (Haus Gottes). Er sah es als seinen christlichen Auftrag an, den ,,Schwachen der Gesellschaft" zu helfen, sprich ihnen Möglichkeit zur Arbeit und zum Wohnen zu bieten. Während seiner Amtszeit wuchs Bethel zu einer Ortschaft heran. Es entstanden Handwerksbetriebe, Pastor Bodelschwinghs Leitsatz: ,,Fröhliche, nützliche Arbeit ist die beste Medizin." wurde so in die Realität übertragen.

Neben den Anfallskranken wurden bald auch psychisch kranke Menschen aufgenommen. Mit der Rezession 1880 stieg die Zahl der Arbeitslosen, welchen nun oft nichts anderes übrig blieb, als auf Wanderschaft zu gehen. Da Pastor Bodelschwingh sich auch für diese Menschen verantwortlich fühlte, entstand etwa acht Kilometer von Bethel entfernt, die erste Arbeiterkolonie Deutschlands, das Eckardtsheim. Um den Arbeitsuchenden diese Möglichkeit auch in anderen Gebieten zu geben kamen noch zwei weitere Arbeiterkolonien, eine in Freistatt (zwischen Bielefeld und Bremen) und eine in Lobetal (bei Berlin), hinzu. Durch die Arbeit von Pastor von Bodelschwingh ist Bethel stark gewachsen, es zählt nun 1.000 behinderte und nicht behinderte Einwohner. Mit der Zionskirche erhielten sie 1884 ihr erstes Gemeindehaus um nun dem religiösen Anliegen gerechter zu werden..

Nach dem Tode Pastors Friedrich von Bodelschwinghs (1910) übernahm sein gleichnamiger Sohn die Leitung der Anstalten Bethels. Bekannt als Pastor Fritz wurde unter seiner Leitung noch vor dem Beginn des 1. Weltkrieges ein allgemeines Krankenhaus, ein Gymnasium für Mädchen und eines für Knaben, eine Volksschule und eine theologische Schule (heute Deutschlands kleinste theologische Hochschule) gegründet. Während des Krieges wurden mehrere Häuser in Bethel zu Kriegslazaretten umfunktioniert. Nach Kriegsende bekamen alle Häuser ihre ursprüngliche Funktion zurück, nur noch in einem Haus fanden Kriegsgeschädigte eine Herberge. In den 20er Jahren übernahmen die Anstalten Bethels zusätzlich die Fürsorge von entwicklungsgestörten Jugendlichen.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten und der daraus resultierende Weltkrieg warfen ihren Schatten auch auf die Anstalten Bethels. Ab 1939 trat das von Hitler angeordnete Gesetz zur ,,Vernichtung nicht lebenswerten Lebens" in Kraft. Im christlichen Glauben wird der Wert eines menschlichen Lebens nicht an dem Maßstab seiner Arbeitskraft gemessen, daher wurden die kranken und behinderten Menschen Bethels nicht in die verordneten Listen eingetragen. Somit konnte der Befehl zur geheimen Krankentötung umgangen werden. Ausgenommen hiervon waren die Kranken, die staatliche Pflegegelder erhielten und sieben Juden. Sie wurden in andere Krankenanstalten verlegt, ihr Schicksal ist weitestgehend unbekannt. Sicher weiß man nur, daß die Juden umgebracht worden sind. Durch die, im angrenzenden Stadtteil Brackwede liegende Munitionsfabrik lag Bethel in einer ungünstigen geographischen Lage. Ein großer Teil Bethels wurde durch die dadurch bedingten Bombenangriffe zerstört. Mit 2.000 Betten hatte Bethel während des Krieges das größte Militärlazarett in Deutschland. Nach Beendigung des Krieges waren viele Familien getrennt. Die Anstalten versuchten diesen Menschen zu helfen und gründeten einen Suchdienst. Dieser sammelte Namen und Adressen von über 3 Millionen Menschen, bei 375.000 Menschen konnte der Suchdienst helfen.

Pastor Rudolf Hardt wurde 1946, nach dem Ableben Pastor Fritz, mit der Leitung der Anstalten Bethels beauftragt, da sie ein inniges freundschaftliches Verhältnis pflegten. Er hatte die schwierige Aufgabe, den Wiederaufbau der Anstalten in Angriff zu nehmen. Als das Hauptproblem erwies sich dabei die Finanzierung, der Pflegesatz für Epileptiker lag beispielsweise 1948 bei nur 1,90 DM pro Tag. Mehr noch als bei der Gründung war die Anstalt hierbei auf Spenden angewiesen. In dieser Zeit erweiterte sich Bethel um die Beckhofsiedlung (1953), in welcher heimatlose Osteuropäer eine neues Zuhause und auch eine neue Arbeitsstelle fanden. Um die Epilepsie besser behandeln zu können, wurde die Klinik Mara eröffnet. Ihr Hauptanliegen war, und ist es auch noch immer, die medizinischen Hintergründe dieser Krankheit zu erforschen und bestmöglich zu therapieren. Da es in Deutschland bis dahin nur wenige Möglichkeiten für die Behandlung von Epilepsie gab, wurde 1959 die Teilanstalt Homborn erworben. Heute bietet Homborn einen Aufenthaltsort für 300 Menschen mit Epilepsie oder sozialen Schwierigkeiten.

Die Nachfolge von Pastor Hardt trat 1959 ein weiterer Friedrich von Bodelschwingh an. Da er seiner Aufgabe nicht gewachsen war, löste ihn 1968 Pastor Alex Funke ab. Um den Bedürfnissen der behinderten Menschen in Bethel gerecht zu werden, nahm er neue Erkenntnisse aus den Bereichen Forschung, Therapie und Pädagogik in das Konzept der Anstalten mit auf. So wurden nicht nur die Wohngruppen verkleinert, sondern auch Freizeitangebote, wie Tanznachmittage, Kulturveranstaltungen und Reisen eingeführt. es gab desweiteren nun auch gemischt geschlechtliche Gruppen in allen Bereichen. Für schwerstmehrfachbehinderte und stark körperbehinderte Kinder und Jugendliche wurden die Sonderschulen Patmos und Mamre gegründet.

Seit 1980 leitet Pastor Johannes Busch die Anstalt, welche nun zu Ehren der Familie Bodelschwingh den Namen von-Bodelschwinghsche-Anstalten Bethel trägt. Heute gibt es in der Ortschaft Bethels diversen Einrichtungen für die Therapie, Betreuung und Pflege behinderter und kranker Menschen. Diese jedoch alle einzeln aufzuzählen würde den Rahmen meiner Arbeit sprengen. Bethel kann und darf nicht mehr wachsen, so daß dies auch ein Grund ist, warum die von-Bodelschwinghschen-Anstalten Bethel heute eine Dezentralisierung an streben. Bis zum Jahre 2030 soll die Ortschaft nicht mehr als ,,Anstalt" existieren, sondern über das gesamte Stadtgebiet von Bielefeld verteilt sein. Bereits heute gibt es einige weitgehendst eigenständige Wohngruppen und Arbeitsplätze im Stadtgebiet.

III Psychosoziale Hilfen in den Anstalten

Da schon in der frühen Geschichte der von-Bodelschwinghschen-Anstalten psychisch kranke Menschen aufgenommen wurden, ist das Angebot an Hilfe und Betreuung sehr umfangreich. Bei Menschen mit psychischen Erkrankungen kann jedoch nicht von dem Kranken gesprochen werden. Psychisch krank lautet die Diagnose, das Krankheitsbild ist so unterschiedlich, wie ein Mensch dem anderen. Dies ist einer der Gründe, warum Bethel für psychisch Kranke verschiedene Hilfen anbietet, die auf ihre individuellen Bedürfnisse und auf ihre individuelles Krankheitsbild zu geschnitten sind.

Die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit ist fließend. Jeder hat mal Hochgefühle und mal Stimmungstiefs, jeder hat mal Angstträume und Angstgefühle, Phantasien und Träume. Die Krankheit setzt aber erst dann ein, wenn diese Gefühle das Leben dominieren. In schlimmeren Fälle hat der Betroffene keine Kontrolle mehr über seine Gefühle, er kann sie nicht mehr beeinflussen, sondern er wird von ihnen beherrscht. Um hier helfen zu können muß als erstes die körperliche Vorgeschichte untersucht werden, liegt eine Hirnschädigung vor oder hat der Betroffene eventuell eine Veranlagung. Es muß auch das soziale Umfeld des Kranken untersucht werden, also seine Vorgeschichte, die Familienverhältnisse, der Freundeskreis und erlittene Schicksalsschläge. Wenn der Mensch nun an dem Punkt angelangt ist, an dem er den Anforderungen nicht mehr gewachsen ist, seine Fähigkeit, die Dinge zu verarbeiten gestört ist und er mit der äußeren Wirklichkeit nicht mehr zurecht kommt, spricht man von Psychosen. Hierzu gehören Depressionen, Manie und Schizophrenie in ihren unterschiedlichsten Formen. Über die Ursachen und über den Verlauf dieser Krankheiten ist nur wenig bekannt, die Namen beschreiben nur die Auswirkungen. Depression beschreibt das Gefühl niedergeschlagen, traurig und wie gelähmt zu sein. Der psychisch kranke Mensch hat jegliches Interesse an seiner Umwelt verloren. Die Manie kann das Gegenteil des Depression sein. Der Betroffene befindet sich ständig in einer Hochstimmung, er sprudelt mit vielen tollen Ideen über, verausgabt sich dabei aber völlig. Häufig tritt die Manie mit einer Depression gekoppelt auf. Die Stimmungen wechseln in relativ kurzer Zeit von einem Extrem zum anderen. Die dritte große Gruppe der Psychosen ist die Schizophrenie. Schizophrene haben Wahnideen und Halluzinationen. Für den Ausstehenden weisen die Kranken ein irritierendes Verhalten auf. Die Neurose ist eine leichtere Form der psychischen Störung, da die Betroffenen den Kontakt zur Realität nicht verlieren. Dasgleiche gilt für psychosomatische Erkrankungen. Zu diesem Krankheitsbild zählen unter anderem Zwänge, wie beispielsweise der Putzfimmel, der Wasch- und Kaufzwang, aber auch Ängste, wie zum Beispiel Platzangst und die Klaustrophobie. Ein Drittel der Betroffenen kann nach einer Therapie wieder völlig symptomfrei leben oder hat selten Rückfälle. Ein Drittel muß mit häufigeren Rückfällen leben und ein Drittel wird chronisch-psychisch krank oder behindert. Für diese Menschen hat Bethel verschiedene Einrichtung geschaffen.

Die von-Bodelschwinghschen-Anstalten richten sich in ihrer psychiatrischen Versorgung nach den Grundsätzen der Psychatrie-Enquéte (1975). In diesem Rahmen nehmen sie mit stationären und nachstationsnären Einrichtungen den Versorgungsauftrag der Stadt Bielefeld wahr. Die psychiatrische Klinik umfaßt die Bereiche allgemeine Psychiatrie, Suchtkrankenhilfe und Gerontopsychiatire. Es gibt des weiteren zwei Tageskliniken, eine Rehabilitationsklinik, eine psychische Ambulanz und eine gerontopsychiatrische Tagesstätte.

Als Bethel mit der Behandlung und Versorgung psychisch kranker Menschen begonnen hat, unterschieden sich nicht nur die äußeren Umstände, sondern auch die Stellung des Kranken in der Gesellschaft von denen, wie sie heute herrschen. Es gab große Schlafsäle, mit bis zu 40 Betten. Die Heime waren von der Außenwelt abgeschlossen und es gab sie nur in den größeren Städten, also sehr vereinzelt in Deutschland. Die Kranken waren daher weit von ihren Familien entfernt. Der Weg wieder zurück nach Hause war in der Regel unmöglich. Die Psychatrie-Enquéte ist der Bericht über die Lage der Psychiatrie, er stellt gleichermaßen den IST-Zustand wie den SOLL-Zustand dar. Beide wurden analysiert und gegenübergestellt. Die Mißstände wurden hierbei besonders deutlich. Die Hauptforderungen waren:

- Gleichstellung des psychisch Kranken mit den körperlich Kranken
- Gemeindenahe Versorgung des psychisch Kranken
- Schaffung einer Kontinuität in der Versorgungskette
- Errichtung von Übergangseinrichtungen, insbesondere Tages- und Nachtkliniken, Wohnheimen und Übergangsheimen
- Verringerung der Kapazitäten in den psychiatrischen Großkrankenhäusern und Schaffung kleinerer Behandlungseinheiten

Die Auswirkungen der Enquéte waren unterschiedlich. In manchen Kliniken, besonders in Italien, wurden die Reformen sofort umgesetzt, während in anderen Kliniken auch heute noch desolate Zustände herrschen. Im allgemeinen wurde jedoch versucht, allen Forderungen gerecht zu werden. So kam es zu Neubauten und zu internen Umstrukturierungen nach therapeutischen Gesichtspunkten. Es entstanden neue Berufsgruppen, wie beispielsweise Psychologen, Sozialarbeiter und Bewegungstherapeuten, teilweise wurden diese Stellen aber mit Schulmedizinern besetzt. In den von-Bodelschwinghschen Anstalten hatte die Enquéte die Auswirkung, daß sie sich verpflichtet haben nur noch Menschen aus Bielefeld aufzunehmen. Um dieses in Zukunft noch besser zu realisieren ist eine weitere Klinik im Stadtteil Eckhardtsheim geplant, sie soll den Bereich Bielefeld-Süd versorgen. Jeweils zwei Stationen der Abteilung "allgemeine Psychiatrie" sind für einen Stadtteil von 100.000 Einwohner zuständig. Diese Aufteilung erfordert eine verstärkte Zusammenarbeit mit den ambulanten und nachsorgenden Diensten. Hierzu gehören die psychiatrische Hauskrankenpflege, der sozialpsychiatrische Dienst und das betreute Wohnen. Es gibt zwei Kontaktstellen, eine in Bielefeld-West und eine in Bielefeld-Süd, im Stadtteil Ost wird mit der Kontaktstelle Grille e.V. durch Freizeitangebote Kontakt zu psychisch kranken Menschen gehalten um bei einer neuen Krise schnell Hilfe anbieten zu können. Die Rehabilitationsklinik Pniel bietet in Kooperation mit dem Arbeitsamt und zwei Ausbildungsinstituten Lehrgänge zur beruflichen Eingliederung an. Mit Hilfe der Hauptfürsorgestelle sind zwei Sozialarbeiterinnen beschäftigt, um psychisch kranken Menschen die Rückkehr in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu bahnen. So ist Pniel zur zentralen Rehabilitationseinrichtung für psychisch Kranke geworden. Leider profitieren abhängigkeitskranke Patienten, die zu Rückfällen neigen, zu wenig davon.

IV Tageskliniken in Bielefeld

In Bielefeld gibt es zwei Tageskliniken, eine liegt in Bielefeld-Sennestadt und deckt den Versorgungsraum Bielefeld-Süd ab, die andere deckt den Bielefelder Norden ab und liegt in Gadderbaum. Beide Kliniken gehören zu den von-Bodelschwinghschen Anstalten Bethel und sind dem Fachbereich Psychiatrie unterstellt. Sie arbeiten beide nach dem gleichen Konzept und unterscheiden sich nur in ihren baulichen Gegebenheiten.

Insgesamt haben beide Tageskliniken vierundvierzig Plätze, davon zwanzig in Sennestadt und vierundzwanzig in Gadderbaum. Geöffnet sind beide Einrichtungen Montags bis Freitags jeweils von 8.00 Uhr bis 16.00 Uhr.

Um den Patienten den Übergang aus dem Krankenhaus in der Gesellschaft zu erleichtern, bieten beide Kliniken ein vielfältiges psychiatrisches, psycho- und sozialtherapeutisches Behandlungsprogramm an. Dieses soll vor allem eine vollstationäre Behandlung ersetzen, jedoch gleichzeitig auch eine größere Hilfe darstellen als eine ambulante Versorgung. Die Tagesklinik bezieht Alltagserfahrungen und die jeweilige Lebensstituation des Patienten in die Behandlung mit ein. Sie geschieht zum größten

Teil dadurch, daß die Betreuung der Patienten durch Mitarbeiter verschiedener Berufsgruppen erfolgt. So gehören dem Mitarbeiterteam Ärzte für Psychiatrie, Neurologie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapeuten, Beschäftigungstherapeuten, Bewegungstherapeuten, Krankenschwestern und -pfleger, Psychologen, Seelsorger, Sozialarbeiter, Sozial- und Milieupädagogen an. Durch diese multidisziplinäre Zusammensetzung wird gewährleistet, daß möglichst alle therapeutischen Aspekte berücksichtigt werden.

Frauen und Männer im Alter von ungefähr 18 bis 65 Jahren, die aufgrund ihrer seelischen Schwierigkeiten in ihrer momentanen Lebenssituation nicht mehr alleine oder mit ambulanter Hilfe zurecht kommen, werden in den Tageskliniken aufgenommen. Sie müssen desweiteren im Einzugsgebiet der Klinik, also in Bielefeld, wohnen. Die Hauptgruppe bilden Patienten mit Schizophrenie und affektiven Psychosen, mit Neurosen, psychoreaktiven und psychosomatischen Erkrankungen und Patienten mit Persönlichkeitsstörungen. In Ausnahmefällen werden auch Patienten mit psychotischen Störungen und leichten hirnorganischen Veränderungen oder mit Anfallsleiden behandelt. Es ist jedoch auch möglich andere oder unklare Diagnosegruppen die Möglichkeit zur Aufnahmen zu geben, dieses wird im Einzelfall entschieden. Die Aufnahme wird in einem persönlichem Gespräch mit dem Kranken, eventuell auch mit den Familienangehörigen, besprochen. Nicht aufgenommen werden können Patienten, die die Behandlung in einer geschlossenen Abteilung brauchen, also akut suizidgefährdet sind oder unter einer hochgradigen Erregtheit leiden, desweiteren geistig behinderte Erwachsene, altersverwirrte Menschen und Suchtkranke. Die Aufnahme erfolgt nachdem der Patient von einem niedergelassenen Arzt arbeitsunfähig geschrieben wurde. Der Arzt weißt ihn in die Tagesklinik ein. Anschließend wird ein Termin für das erste Kontaktgespäch mit der Klinik vereinbart. Hier informiert sich der Patient näher über die Behandlungsmethoden, es werden Für und Wider besprochen und gegebenenfalls der Aufnahmetermin abgesprochen. Patienten, die sich in Krisensituationen befinden oder eine angehende Psychose haben, werden möglichst unmittelbar nach dem Gespräch aufgenommen, die übrigen Patienten haben momentan eine kurze Wartezeit, sie beträgt zwischen 4 Tagen und 3 Wochen. Oft besuchen die Patienten die Tagesklinik auch direkt nach einer stationären Behandlung in einer Psychiatrischen Klinik.

Ziel der Tagesklinik ist es dem Patienten ein ,,normales" Leben zu ermöglichen. Dieses geschieht, wie in einem psychiatrischem Krankenhaus, durch Diagnostik und Therapie. Der Therapieansatz in den von-Bodelschwinghschen Anstalten Bethel geht davon aus, daß die Schwierigkeiten, die bei einen Patienten zur Aufnahme führen, verschiedene Seiten haben. Hierzu gehören beispielsweise aktuelle Konflikte, Leiden an der eigenen Entwicklung, genetische-konstitutionelle Faktoren, Probleme im sozialem Umfeld, um nur einige zu nennen. Um diese individuellen Krankheitsgründe zu behandeln, werden auf den einzelnen Patienten abgestimmte Behandlungsmethoden angewandt, wie zu Beispiel Psycho- und Soziotherapie, Einzel- und Gruppengespräche, handlungsorientierte Gruppen und körperorientiete Therapie. Die sozialarbeiterische Betreuung, Angehörigengespräche und Familientherapie werden in die Behandlung mit eingeschlossen. Falls es dem Arzt notwendig erscheint, wird in Absprache mit dem Patienten eine medikamentöse Behandlung angewandt. Den individuellen Thearieplan stimmt jeder Patient mit seinem Bezugsmitarbeiter persönlich ab, dieser Mitarbeiter bleibt während der gesamten Behandlungsdauer kontinuierlicher Ansprechpartner.

Vielen Patienten ermöglicht die Tagesklinik eine intensive Betreuung ohne das das sozial Umfeld stark beeinträchtigt wird. Die Patienten gehen in die Klinik, während ihre Bekannten zur Arbeit gehen. Auch der gewohnte Tagesrhythmus wird bei dem einzelnen nicht stark geändert. Die beiden Kliniken in Bielefeld haben in der Gesellschaft ein Umdenken erreicht, hier wird mit psychisch kranke Menschen weitestgehend ,,normal" umgegangen.

V Arbeitsmöglichkeiten für psychisch kranke Menschen

KOMEGA und MCH Elektronik sind zwei Betriebe, in denen Menschen mit psychischen Erkrankungen, die zur Zeit oder auf Dauer weder auf dem allgemeinem Arbeitsmarkt noch in einer Werkstatt für Behinderte eine für sie geeignete Arbeits- und Qualifizierungsmöglichkeit gefunden haben, einen Teilzeitarbeitsplatz finden. MCH Elektronik entstand aus dem Ausbildungsprojekt des Matthias-Claudius-Hauses der evangelischen Kirchengemeinde Bielefeld-Sennestadt.

Das Unternehmen wurde 1994 gegründet und nimmt Auftragsarbeiten von Unternehmen aus der Region an. So werden von den Mitarbeitern beispielsweise Leiterplatten bestückt, Industriemontagen und Lötarbeiten durchgeführt.

Die Mitarbeiter sind stundenweise von einer bis zu fünfzehn Stunden wöchentlich beschäftigt. Die Entlohnung erfolgt Stückzahl bezogen. Das Unternehmen bietet drei verschiedene Möglichkeiten in dem Betrieb beschäftigt zu sein. Diese sind:

- Teilzeitarbeit
- medizinische Belastungserprobung
- ambulante Arbeitstherapien

In der Teilzeitarbeit werden hauptsächlich Menschen beschäftigt, welche auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt keinen Arbeitsplatz gefunden haben. Auch die Werkstatt für Behindert konnte ihnen keine Beschäftigungsmöglichkeit bieten. Diese Arbeitsplätze sind unbefristet, jedoch sozialversicherungsfrei, sogenannte "geringfügige Be- schäftigungsverhältnisse". Die medizinische Belastungsprobe bedeutet, daß Patienten von Kliniken oder Tageskliniken während ihres Aufenthaltes in der betrieblichen Atmosphäre testen in wieweit sie trotz ihrer Krankheit in die Arbeitswelt integrierbar sind. Die Arbeitszeit kann zwischen einer und sieben Stunden liegen. Auch nach der Klinikentlassung kann, falls eine entsprechende Arbeitsstelle frei ist und Interesse besteht, der Arbeitnehmer in einem Teilzeitarbeitsverhältnis angestellt werden. Im Anschluß an einen Klinikaufenthalt kann auch eine ambulanten Arbeitstherapie ärztlich verordnet werden. Diese Maßnahme dient der Wiederherstellung, Verbesserung oder Kompensation eingeschränkter Funktionen und Fähigkeiten die durch die Krankheit entstanden sind. Für alle Beschäftigten werden Schulungen zu arbeitsbezogenen Themen veranstaltet. Bei Bedarf werden weitere Qualifizierungsangebote angeboten.

Durch diese Arbeitsmöglichkeiten erhalten die Betroffenen einen Zuverdienst, ebenso können sie soziale Kontakte knüpfen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist eine regelmäßige Strukturierung ihres Tagesablaufes. Durch die Arbeit wird das Selbstvertrauen, die Kommunikationsfähigkeit und berufliche Fertigkeiten gefördert. Eine weitere Aufgabe ist die Vorbereitung auf einen Arbeitsplatz des allgemeinen Arbeitsmarktes.

Der Betrieb KOMEGA (Kooperations- und Montagegruppe auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt) gehört ebenso wie MCH-Elektronik zu den Gemeinschafts-Werkstätten Bethel. An den vierundzwanzig Arbeitsplätzen sind Menschen beschäftigt, die an einer psychischen Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis leiden oder manisch-depressiv sind. Aber auch Menschen mit Mehrfachdiagnosen, bei denen das Hauptmerkmal die psychische Behinderung ist, finden hier eine Anstellung. Suchtkranke werden nicht beschäftigt, ebenso finden Rollstuhlfahrer keine Anstellung, da die bautechnischen Voraussetzungen nicht gegeben sind.

Um ein großes Stück Normalität zu gewinnen befindet sich die Abteilung auf einem Gewerbeparkgelände in einem Vorort Bielefelds. Da sich KOMEGA bewußt von den üblichen Rahmenbedingungen einer Werkstatt für Behinderte lösen möchte, wird von den Mitarbeitern ein hohes Maß an Selbständigkeit gefordert. Das heißt unter anderem, daß die behinderten Mitarbeiter mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit kommen müssen, wobei die Anbindung an das Verkehrsnetz sehr gut ist. Ein weiterer Punkt sind die dem allgemeinen Arbeitsmarkt angepaßten Arbeitsbedingungen. Somit werden soziale Maßnahmen auf ein Minimum reduziert, weil die Produktion im Vordergrund steht.

Die unterschiedlichen Aufgaben der Abteilung KOMEGA sind:

- Kleinmontagearbeiten

zum Beispiel Montieren von Zubehörteilen von Aquarien, Laufrollen, Rollwagen, etc. und Teil- und Komplettmontagen

- Verpackungsarbeiten

zum Beispiel Abwiegen und Verpacken von Kleinteilen aller Art und Zusammenstellen und Verpacken von Montage-Zubehörsätzen

- Maschinelle Bohrarbeiten

zum Beispiel Bohrarbeiten bis 12 mm Durchmesser, Gewinndeschneiden von

M 1,6 bis M 12 und Senk- und Entgratungsarbeiten,

Die Arbeit ist abwechslungsreich und fordert daher von den Mitarbeitern eine gewisse Flexibilität. Es kann, wie auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt, zu einem Leistungsdruck kommen, da es vorkommt, daß Aufträge schnell erledigt werden müssen. Bei den zwei Gruppenleitern finden die Mitarbeiter Unterstützung und Anleitung.

Die Entlohnung der Beschäftigten liegt über dem Sozialhilfesatz, da nicht nach den Bedingungen einer Werkstatt für Behinderte gewirtschaftet wird. Je nach persönlichem Leistungsvermögen werden Entgelte bis zu 1.200 DM gezahlt. Ziel dieser Einrichtung ist es. den stärker belastbaren behinderten Menschen den Weg auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu erleichtern.

VI Literatur

- Informationsbroschüren der von-Bodelschwinghschen Anstalten Bethel Hrsg. Dankort, Bielefeld 1984 bis 1994

- Bock/Weigand (Hrsg.) Hand-werks-buch Psychiatrie Psychiatrie Verlag, 1991

- Helbig, Norbert Psychiatriereform und politisch-ökonomische Strukturkrise in der BRD VA&G, 1986

12 von 13 Seiten

Details

Titel
Psychosomatische Hilfen in Bielefeld
Veranstaltung
Seminar: Rehabilitationspsychologie
Autor
Jahr
1996
Seiten
13
Katalognummer
V97821
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychosomatische, Hilfen, Bielefeld, Seminar, Rehabilitationspsychologie
Arbeit zitieren
Kerstin Holtz (Autor), 1996, Psychosomatische Hilfen in Bielefeld, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97821

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Psychosomatische Hilfen in Bielefeld


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden