Industrie 4.0 im Mittelstand. Chancen und Risiken der digitalen Transformation


Bachelorarbeit, 2020

44 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung und Zielsetzung

2 Theoretischer Hintergrund
2.1 Begriffserklärungen
2.1.1 Industrie 4.0
2.1.2 Mittelstand
2.1.3 Digitale Transformation
2.2 Zentrale Technologiefelder der Industrie 4.0
2.3 Geschichtlicher Abriss der industriellen Entwicklung

3 Chancen in der Industrie 4.0
3.1 Wirtschaftliche Chancen
3.2 Ökologische Chancen
3.3 Gesellschaftliche Chancen

4 Risiken in der Industrie 4.0
4.1 Strategische Risiken
4.2 Sicherheitsrisiken
4.3 Ökonomische Risiken

5 Handlungsempfehlungen

6 Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Ehrenwörtliche Versicherung

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Die industriellen Entwicklungsstufen

Abbildung 2: Bruttowertschöpfung durch Industrie 4.0 bis 2025

Abbildung 3: Vorlage Business Model Canvas

Abkürzungsverzeichnis

BAföG Bundesausbildungsförderungsgesetz

BITKOM Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien

CEO Chief Executive Officer

CO2 Kohlenstoffdioxid

CPS Cyber-physisches System

CRM Customer-Relationship-Management

IT Informationstechnik

ITK Informations- und Telekommunikationstechnik

KMU kleines oder mittleres Unternehmen

MWh Megawattstunde

PWC PricewaterhouseCoopers

SMART Self-Monitoring, Analysis and Reporting Technology (System zur Selbstüberwachung, Analyse und Statusmeldung)

VDMA Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau

ZVEI Zentralverband Elektrotechnik- und Elektroindustrie

1 Einleitung und Zielsetzung

Die Industrie 4.0 wird, seit Schöpfung des Begriffs im Jahr 2011, zunehmend in der Wirtschaft und Politik diskutiert. Die digitale Transformation hat seitdem keinen signifikanten Einzug in den Alltag mittelständischer Unternehmen erhalten. So schätzen lediglich 24 Prozent der mittelständischen Unternehmen den Grad ihrer Digitalisierung als hoch oder sehr hoch ein. Dies kann an fehlendem Fachwissen über technische Möglichkeiten und wirtschaftlichem Potenzial liegen.1 Vier von fünf Digitalprojekten sind im Mittelstand nicht erfolgreich oder werden abgebrochen.2 Im April 2015 ergab eine Studie des BITKOM auf der Hannover Messe, dass jedem dritten deutschen Produktionsbetrieb der Begriff „Industrie 4.0“ nicht geläufig ist. Auch in der Automobilbranche, dem Maschinenbau, der chemischen Industrie und in der Elektronikbranche behaupten manche der befragten Führungskräfte, dass ihnen der Begriff völlig fremd sei.3 Im Vergleich zum Bereich der personenbezogenen Dienstleistungen zeigt die Industrie bessere Voraussetzungen im Bereich Digitalisierung. So verfügt sie über ein weitaus höheres Potenzial, Prozesse zu automatisieren. Eine große Rolle spielt dabei die Vernetzung von Mensch und Maschine sowie die Automatisierung der Produktionsprozesse.4

Während der fortschreitenden Digitalisierung müssen Unternehmen zur Kenntnis nehmen, dass eine etablierte Marke keine Garantie auf Umsatzsteigerung ist. Der wohl prägendste und bekannteste Fall unternehmerischen Misserfolgs, während der Digitalisierungswelle, war der Filmhersteller Kodak. Über einen längeren Zeitraum galt das Unternehmen als Marktführer für analoge Fotografie. In großen Laboratorien wurde ununterbrochen an der Verbesserung des chemischen Filmprozesses gearbeitet, was sich als signifikanter Kostenfaktor erwies. Wegen der verspäteten Reaktion der Unternehmensführung auf das Potenzial der Digitalfotografie, führte es dazu, dass Kodak im Jahr 2012 Insolvenz anmelden musste. Dieses Beispiel verdeutlicht, wie wichtig es ist, den Anschluss durch die ausgelöste Marktveränderungen der Digitalisierung nicht zu verpassen. Wird verspätet gehandelt, kann nicht gewährleistet werden, dass ein Unternehmen auf dem Markt überlebt.5

Die vorliegende literaturbasierte Arbeit beleuchtet die Chancen und Risiken der Industrie 4.0. Das Thema ist aktuell und bringt Veränderungen mit sich, die sich auf die Gesellschaft, die Arbeitswelt und die Produktionsprozesse auswirken. Häufig sind große Unternehmen die early adopters bei der Realisierung von Industrie-4.0-Technologien, während der Mittelstand meist etwas zögerlicher agiert.6 Auch in der Literatur und Forschung findet dieser weniger Beachtung und wird aus diesem Grund in der vorliegenden Arbeit in den Fokus gestellt. Anhand der Untersuchungsergebnisse wird eine Handlungsempfehlung für mittelständische Unternehmen formuliert, die eine erfolgreiche Integration von Industrie-4.0-Lösungen anstrebt.

Die Arbeit ist in insgesamt sechs Kapitel unterteilt. Nach der Einleitung folgt der theoretische Hintergrund, um für ein besseres Verständnis des Themas Industrie 4.0 zu sorgen. Es werden relevante Begriffe definiert und die wichtigsten Kerntechnologien der Industrie 4.0 behandelt. Anschließend folgt eine geschichtliche Einordnung im Hinblick auf die bisherigen vier industriellen Revolutionen. Im Hauptteil der Arbeit werden zunächst die Chancen für Unternehmen unter wirtschaftlichen, ökologischen und gesellschaftlichen Gesichtspunkten behandelt, um danach die damit einhergehenden Risiken aufzuzeigen. Diese sind in Sicherheits‑, strategische und finanzielle Risiken unterteilt. Auf der Grundlage der Chancen und Risiken der Industrie 4.0 wird im darauffolgenden Abschnitt eine Handlungsempfehlung für mittelständische Unternehmen ausgesprochen. Die Schlussbetrachtung stellt die Chancen und Risiken einander gegenüber und wägt sie gegenseitig ab.

In dieser Arbeit wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit die männliche Form verwendet. Weibliche und anderweitige Geschlechteridentitäten werden dabei ausdrücklich mitgemeint, soweit es für die Aussage erforderlich ist.

2 Theoretischer Hintergrund

2.1 Begriffserklärungen

Im folgenden Abschnitt werden grundlegende Informationen zur Industrie 4.0 dargestellt. Hierzu werden zunächst die Schlüsselbegriffe definiert, um den geschichtlichen Hintergrund der Industrie 4.0. zu erläutern. Den Beginn stellt dabei die erste industrielle Revolution dar.

Es gibt keine einheitliche Definition von „Industrie 4.0“, da der Begriff neu ist und weiterhin in der Entwicklung steht. Ziel der Industrie 4.0 ist es, mithilfe modernster, hoch entwickelter Technologien Dienstleistungen, Produktionsprozesse und Produkte stetig zu optimieren.7 Im Vordergrund der Vision von Industrie 4.0 steht die Vernetzung der industriellen Infrastruktur mit allen in der Wertschöpfungskette involvierten Akteuren.8 Diese Vision umfasst nicht nur technologische Aspekte, sondern auch gesellschaftliche Zukunftserwartungen.9

Im Jahr 2013 gründeten die Industrieverbände ZVEI, VDMA und BITKOM die Verbändeplattform „Industrie 4.0“, um branchenübergreifend einen Lösungsansatz für ihre Mitgliedsunternehmen zu entwickeln. Neben der technischen und wirtschaftlichen Dimension zeichnete sich auch die politische Relevanz für Deutschland ab. So wurde die Verbändeplattform unter Leitung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zur „Plattform Industrie 4.0“ erweitert.10 Diese Plattform definiert Industrie 4.0 als „intelligente Vernetzung von Maschinen und Abläufen in der Industrie mit Hilfe von Informations- und Kommunikationstechnologie.“11 Treiber dieser Entwicklung ist die ansteigende Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft, die nachhaltig die Produktion und Arbeitsweise in Deutschland verändert.

Die Grundlage dafür bieten intelligente und digital vernetzte Systeme, welche eine weitestgehend selbstorganisierte Produktion ermöglichen. So werden zum Beispiel die Produktions- und Logistikabläufe zwischen den Unternehmen im selben Produktionsschritt intelligent miteinander verbunden, um die Produktion stetig effizienter und flexibler zu gestalten.12 Die Voraussetzung hierfür ist die Verfügbarkeit der benötigten Informationen in Echtzeit durch den Zusammenschluss aller an der Wertschöpfungskette mitwirkenden Einheiten. Außerdem haben diese Systeme die Fähigkeit, zum richtigen Zeitpunkt den optimalen Wertschöpfungsfluss abzuleiten. Aufgrund der Zusammenarbeit von Menschen, Maschinen und Systemen entstehen dynamische, echtzeitoptimierte, selbstorganisierte und unternehmensübergreifende Wertschöpfungsnetzwerke. Diese lassen sich nach verschiedenen Attributen, wie beispielsweise Kosten, Verfügbarkeit und Ressourcenverbrauch, anpassen und verbessern.13

2.1.1 Mittelstand

In der deutschen Volkswirtschaft wird ein Großteil der Wertschöpfung von mittelständischen Unternehmen erwirtschaftet.14 99,5 Prozent von rund 3,5 Millionen Unternehmen in Deutschland sind als „kleine und mittlere Unternehmen“ (KMU) einzustufen. Dieser Begriff wird in der Literatur häufig für den Mittelstand verwendet. Mittelständische Unternehmen zeichnen sich durch eine Mitarbeiterzahl von unter 250 Personen und einen Jahresumsatz von maximal 50 Millionen Euro oder eine Jahresbilanzsumme von höchstens 43 Millionen Euro aus. Weitere Merkmale sind die rechtliche und wirtschaftliche Selbstständigkeit des Unternehmens sowie die Verknüpfung von Leitung, Eigentum und Kontrolle.15 Der Mittelstand zeichnet sich außerdem durch die Diversität der Branchen aus.16

Bei der Bezeichnung „Mittelstand“ geht es nicht nur um ökonomische Aspekte und quantitative Merkmale. Ebenfalls eine Rolle spielen psychologische und soziale Elemente. Qualitative Parameter wie beispielsweise die Rolle der Eigentümer für die Unternehmensführung sollten bei der Betrachtung von mittelständischen Unternehmen in den Fokus gestellt werden.17 Trotz der erheblichen Anzahl von mittelständischen Unternehmen in Deutschland, konzentriert sich die Forschung auf Großunternehmen und der Mittelstand bleibt unterrepräsentiert.18

2.1.2 Digitale Transformation

Laut der Definition der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PWC) bedeutet digitale Transformation, dass durch die Etablierung neuer Technologien auf der Grundlage des Internets die Unternehmenswelt verändert wird. Dies hat Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft, wobei die Integration neuer Technologien dabei im Vordergrund steht.19 Die digitale Transformation verfolgt das Ziel, Technologien in Unternehmen anzuwenden und zu integrieren.20 Es können verschiedene Ziele formuliert werden. Mögliche Zielsetzungen der digitalen Transformation spielen sich auf der organisatorischen und gesellschaftlichen Ebene ab. Die Steigerung der Produktivität und Effektivität, die Implementierung neuer Geschäftsmodelle und die Verbesserung technischer Standards sind Beispiele für die organisationsbezogene Zielsetzungen. Gesellschaftliche Zielsetzungen betreffen beispielsweise die Beachtung von Datenschutz und Datensicherheit, die Förderung einer innovativen Unternehmenskultur oder die Veränderung des Bildungssystems, um bestehende und zukünftige Mitarbeiter auf die Nutzung der neuen Technologien vorzubereiten.21

Für die digitale Transformation eines Unternehmens sind neben einer erfolgreichen Digitalisierungsstrategie zwei wesentliche Faktoren entscheidend. Damit der Transformationspfad erfolgreich beschritten werden kann, ist zum einen die digitale Entwicklung der Prozesse, Geschäftsmodelle und Produkte essenziell und zum anderen braucht es transformationale Fähigkeiten, um Veränderungen im Unternehmen zu etablieren.22 Die digitale Transformation ist dabei nicht als Option anzusehen, die gewählt oder ignoriert werden kann. Um als Wirtschaftsstandort attraktiv zu bleiben, darf nicht passiv zugesehen werden, wie andere Länder durch eine fortschreitende Digitalisierung an Wettbewerbsvorteilen gewinnen.23

2.2 Zentrale Technologiefelder der Industrie 4.0

Im Allgemeinen lässt sich die Industrie 4.0 in fünf relevante Technologiebereiche unterteilen: Cloud Computing, Cyber-physische Systeme, Big Data, Smart Factory und das Internet der Dinge.24

Cloud Computing stellt eine Form der Nutzung von IT-Leistungen dar, wobei ein besonderer Fokus auf die bedarfsgerechte und flexible Nutzung gelegt wird. Diese werden in Echtzeit über das Internet als Service zur Verfügung gestellt. Die Abrechnung der Leistung erfolgt nach der Nutzung. Damit bietet Cloud Computing die Möglichkeit, eine Umverteilung von Investitionen und Betriebsaufwand vorzunehmen. Die Voraussetzung für eine fachliche Vertiefung mit Cloud Computing ist, dass eine Vernetzung zu den Ebenen von Cloud Services (Bereitstellung von Serviceleistungen über das Internet, welche keine spezielle Infrastruktur oder Hardware voraussetzen), den Organisationsformen von Clouds und zur entsprechenden Nutzergruppe hergestellt wird. Die Unterteilung in die Bereiche Infrastrucutre as a Service, Platform as a Service und Software as a Service hat sich weitestgehend durchgesetzt. Global werden mit Cloud Computing derzeit Umsätze im zweistelligen Milliarden-Dollar-Be­reich erzielt. In den kommenden Jahren wird ein Wachstum für die Nutzung von Cloud Computing von bis zu 30 Prozent erwartet. Der Mittelstand profitiert dabei von der Geschwindigkeit und Effizienz im Marktzugang.25

Ein Cyber-physisches System (CPS) bezeichnet eine Kombination aus einer physischen Produkteinrichtung und einem digitalen System.26 Für den zukünftigen Informationsaustausch, der beiden oben beschriebenen Einheiten, stellt die cloudbasierte Steuerung die Grundlage für die Vernetzung und Bereitstellung von Infrastruktur und Rechenleistung. CPS nehmen einen hohen Stellenwert angesichts der Mensch-Maschinen-Schnittstelle ein. Daten, Abläufe, Dienste und Funktionen erfolgen nicht mehr über die klassische Automatisierungsebene, sondern auf der operativen Stufe über Dienste in einer Cloud. In welchem Umfang diese Funktionen genutzt werden, ist abhängig von einem definierten Anwendungsfall.27 Die Einführung der cyber-physischen Systeme hat Auswirkungen auf Märkte, Geschäftsmodelle und Unternehmensstrukturen.28

Big Data bezeichnet die Sammlung, Analyse und Aufbereitung von diversen und vorerst strukturlosen Informationen, die als Entscheidungsgrundlage herangezogen werden können. Dabei werden verschiedene Aspekte der Administration zur Nutzung großer Datenmengen miteinander vereint. Die daraus gewonnenen Informationen können sowohl für die Verbesserung von Wertschöpfungsprozessen als auch für die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, Dienstleistungen und Services verwendet werden. Die Analyse und Entscheidungsfindung auf der Grundlage der Daten bilden die Basis für ein optimales und allumfassendes Management des Produktlebenszyklus, beginnend mit der Entwicklung über die Inbetriebnahme und Produktion bis hin zur Demontage und Recycling.29

Unter Smart Factory wird eine dezentrale, selbstorganisierte Produktion verstanden. Die Maschinen kommunizieren und lernen ohne menschliche Einwirkung voneinander. Aufgrund des modularen Aufbaus lassen sich einzelne Teile einfach vernetzen oder austauschen. Die daraus resultierenden reduzierten Durchlaufzeiten und Lagerbestände optimieren den Einsatz von Ressourcen.30

Das Internet der Dinge verschmilzt physische Produkte und digitale Services zu hybriden Lösungen. Die Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnik ermöglicht, dass nicht nur Menschen, sondern auch Gegenstände und Services miteinander kommunizieren. Durch das Internet der Dinge entwickeln sich traditionelle Wertschöpfungsketten zu komplexen Wertschöpfungsnetzwerken. Dies birgt enorme Potenziale für die Wirtschaft beispielsweise, von der Entwicklung individualisierter Produkte bis hin zu einer flexibleren Arbeitswelt.31 Hierüber hinaus gibt es weitere technische Industrie-4.0-Lösungen, die aber nicht im Fokus dieser Arbeit stehen und auf die daher an dieser Stelle nicht weiter erläutert werden.

2.3 Geschichtlicher Abriss der industriellen Entwicklung

Die erste industrielle Revolution begann im Jahr 1784 mit der Erfindung des mechanischen Webstuhls und der damit einhergehenden Einführung mechanischer Produktionsanlagen. Dies führte zu einem einflussreichen Wandel in der Wirtschaft und Gesellschaft.32 Der Feudalismus wurde vom Kapitalismus abgelöst, da die feudale Betriebsweise die immer größer werdende Nachfrage des Marktes nicht mehr decken konnte. Ebenso hängt der Einsatz der Dampfmaschine mit der ersten industriellen Revolution zusammen. Waren konnten nun schneller und in höherer Standardisierung produziert werden. Auch der Transport wurde durch den Einsatz der Dampfmaschine schneller und zuverlässiger.33

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Die industriellen Entwicklungsstufen

Quelle: DFKI 2011

Die Erfindung des Fließbandes läutete die zweite industrielle Revolution ein. Zu Beginn waren Fließbänder in einigen Schlachthöfen der USA im Einsatz.34 Datieren lässt sich dies auf das Jahr 1870 und bedeutete den Durchbruch der arbeitsteiligen Massenproduktion mithilfe von elektrischer Energie.35 Aufgrund der zunehmenden Zuwanderung von Arbeitskräften, die für die Reservearmee der industriellen Produktion benötigt wurde, musste eine schnellere Bereitstellung von Fleisch geschaffen werden. Ein weiterer Fortschritt der zweiten industriellen Revolution war die Aufteilung der Fertigungsschritte in der Produktion, was unter dem Begriff Taylorismus verstanden wird. Bis heute ist die Fließbandfertigung präsent, besonders bei der Herstellung von Kleidung, Elektrogeräten etc.36

Zu Beginn der 1970er-Jahre wurde die Produktion durch die elektronische Datenverarbeitung optimiert, daher wird die dritte industrielle Revolution auch als „wissenschaftlich-technische Revolution“ bezeichnet.37 Es erfolgte die Transformation von einer Industrie- zu einer Informationsgesellschaft aufgrund der Verbreitung des Computers.38 In den Fertigungshallen wurden verschiedene digitale Systeme und Programme eingeführt. Dazu zählen austauschbare Datenträger zur Bewegung und flexiblen Steuerung von Werkstücken und Werkzeugen (sogenannte NC-gesteuerte Automaten), Computer Aided Development und Produktionsplanungs- und Steuerungssysteme, wie die computergesteuerte Vorbereitung und Überwachung der Produktion durch die Integration von rechnergestützten Konstruktionssystemen. Im späteren Verlauf entwickelten sich daraus dann Enterprise-Ressource-Management-Systeme. Der Ausbau der Hochschulen besonders im technischen Sektor ermöglichte die dritte industrielle Revolution. Öffentliche Gelder wie etwa BAföG, erleichterten die Aufnahme eines Studiums, das nun nicht mehr allein der Oberschicht vorbehalten war.39

Die Industrie 4.0 wird häufig als vierte industrielle Revolution bezeichnet, seitdem der Begriff erstmals auf der Hannover Messe im Jahr 2011 der Öffentlichkeit präsentiert wurde.40 Die Unterscheidung zwischen den vorherigen industriellen Revolutionen und der vierten industriellen Revolution ist nicht allein auf die Weiterentwicklung und Technisierung der produzierenden Unternehmen zurückzuführen. Die letzten industriellen Revolutionen sind aus dem Markt heraus entstanden, während die Industrie 4.0 von der Bundesregierung als strategisches Zukunftsprojekt benannt wurde. Hatten sich zunächst die meisten Unternehmen nicht intensiv mit dieser Thematik beschäftigt, erfährt die Industrie 4.0 zwischenzeitlich besonders im produzierenden Gewerbe zunehmend Aufmerksamkeit. Rund 80 Prozent aller deutschen produzierenden Unternehmen schätzen die Industrie 4.0 als strategisch relevant ein, und 89 Prozent gehen davon aus, dass ihre strategische Bedeutung weiter ansteigen wird. Allerdings setzen erst 45 Prozent der Unternehmen Industrie-4.0-Lösungen ein. Dies zeigt, dass die vierte industrielle Revolution zwar begonnen hat, aber noch nicht vollständig implementiert wurde.41

3 Chancen in der Industrie 4.0

3.1 Wirtschaftliche Chancen

Aufgrund der flexiblen Strukturen und der schnellen Reaktionsfähigkeit im Mittelstand hat dieser die Chance, die Entwicklungen der Digitalisierung schnell aufzugreifen und voranzutreiben.42 Aktuelle Studien zum Thema Industrie 4.0 schätzen ein zusätzliches Wachstumspotenzial der Bruttowertschöpfung von 200 bis 425 Milliarden Euro bis zum Jahr 2025.43

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Bruttowertschöpfung durch Industrie 4.0 bis 2025

Quelle: Fraunhofer IAO/BITKOM

Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (Fraunhofer IAO) hat in Zusammenarbeit mit der BITKOM eine Prognose erstellt. Wie in Abbildung 2 dargestellt ist, ist aufgrund der Industrie 4.0 ein jährliches Wachstum in der gesamtwirtschaftlichen Bruttowertschöpfung von 1,7 Prozent bis zum Jahr 2025 zu erwarten. Dies entspricht einem Anstieg von insgesamt 78 Milliarden Euro bezogen auf das Jahr 2013. Es wurden verschiedene Branchen miteinander verglichen. Viele von ihnen werden von mittelständischen Unternehmen geprägt.44

Die wirtschaftlichen Potenziale einer vernetzten Produktion sind bereits an den aktuell vorhandenen Basistechnologien der Industrie 4.0 zu erkennen. Es ist absehbar, dass die technologischen Weiterentwicklungen durch Produktivitätsfortschritte auch für viele kleinere Mittelständler herbeiführen. Um diese umzusetzen, benötigen mittelständische Unternehmen flexible Organisationsstrukturen, weil Unternehmensbereiche, die heute noch deutlich voneinander getrennt sind, zunehmend durchlässiger und transparenter werden.45

Die Echtzeitvernetzung von industriellen Prozessen führt dazu, dass die Produktion günstiger, ressourcenschonender und effizienter wird. Die digitale Vernetzung zwischen Mensch und Maschine ermöglicht die direkte Einbeziehung von Kundenwünschen und die kostengünstige Individualisierung von Dienstleistungen und Produkten.46 Aufgrund eines intelligenten Monitorings und transparenter Abläufe behalten Unternehmen jederzeit den Überblick. Dies impliziert, dass sie schnell auf Marktveränderungen reagieren können. Fällt beispielsweise ein Zulieferer aus oder wird ein Rohstoff knapp, können Produktion und Liefermenge unmittelbar angepasst werden. Moderne IT-Techniken und Maschinen können sich schnell auf neue Begebenheiten einrichten. Im Vergleich zu vorherigen Systemen sind diese Prozesse automatisiert. Ein umständliches Programmieren ist somit nicht mehr erforderlich. Einzelne Teile der Maschinen sind so programmiert, dass sie wissen, wer sie sind, wie sie bearbeitet werden sollen und wo sie hingehören. Die Produktionsanlagen können untereinander kommunizieren und sich abstimmen. Die intelligenten Maschinen entscheiden eigenständig die Prioritäten und was in welchem Zeitraum zu erledigen ist. Dies stellt eine Erleichterung im Produktionsalltag dar.47 Die Unternehmen profitieren von der digitalen Erhebung und Aktualisierung von Kundenwünschen. Dadurch erfolgt eine Refokussierung auf den Anfang des Wertschöpfungsprozesses. Durch Benchmarking können die Kundendaten mit anderen Wettbewerbern am Markt verglichen werden, um das Angebot zu verbessern oder zu individualisieren.48

[...]


1 Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (2015), S. 17.

2 Vgl. Handelsblatt (2019).

3 Vgl. Cole (2015), S. 141.

4 Vgl. Auer (2018), S. 1.

5 Vgl. Management Circle (2019).

6 Vgl. Bertschek et al. (2015), S. 4.

7 Vgl. Schuh et al. (2018), S. 6.

8 Vgl. Obermaier (2019), S. 3.

9 Vgl. Hirsch-Kreinsen et al. (2019), S. 15 f.

10 Vgl. Wegener (2019), S. 77.

11 Plattform Industrie 4.0 (2020b).

12 Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (2015), S. 9–12.

13 Vgl. BITKOM (2020).

14 Vgl. Becker et al. (2017), S. 16.

15 Vgl. von Koppenfels et al. (2018), S. 6.

16 Vgl. Heyse & Ortmann (2018), S. 23.

17 Vgl. Becker (2008), S. 5.

18 Vgl. Ihlau & Duscha (2019), S. 3

19 Vgl. Schallmo (2019), S. 5.

20 Vgl. Harwardt (2020), S. 19.

21 Vgl. Harwardt (2020), S. 19 f.

22 Vgl. Obermaier (2019), S. 8.

23 Vgl. Cole (2015), S.192.

24 Vgl. Franken et al. (2019), S. 2.

25 Vgl. Münzl et al. (2009), S. 9 f.

26 Vgl. Wegener (2019), S. 73 f.

27 Vgl. Roy (2017), S. 47 f.

28 Vgl. Lachenmaier et al. (2019), S. 317.

29 Vgl. Franken et al. (2019), S. 2.

30 Vgl. Bauer & Horváth (2015), S. 515-517.

31 Vgl. Kempf (2018) S. 177 f.

32 Vgl. Harwardt (2020), S. 19.

33 Vgl. Kühner (2020), S. 10 f.

34 Vgl. Kühner (2020), S. 10 f.

35 Vgl. Harwardt (2020), S. 20.

36 Vgl. Kühner (2020), S. 11 f.

37 Vgl. Kühner (2020), S. 11 f.

38 Vgl. Wolter et al. (2015), S. 9.

39 Vgl. Kühner (2020), S. 11 f.

40 Vgl. Bertschek et al. (2015), S. 15.

41 Vgl. Schuh et al. (2018), S. 6.

42 Vgl. Werning (2017), S. 90.

43 Vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (2015), S. 4.

44 Vgl. Dorst & Heyer (2015), S. 2.

45 Vgl. Schröder (2016), S. 19.

46 Vgl. Bertschek et al. (2015), S. 11

47 Vgl. Plattform Industrie 4.0 (2020a).

48 Vgl. Heyse & Ortmann (2018), S. 24.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Industrie 4.0 im Mittelstand. Chancen und Risiken der digitalen Transformation
Hochschule
Universität Hamburg  (Sozialökonomie)
Note
1,0
Jahr
2020
Seiten
44
Katalognummer
V978245
ISBN (eBook)
9783346333384
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Industrie 4.0, Mittelstand, Digitale Transformation, Chancen, Risiken, BWL
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Industrie 4.0 im Mittelstand. Chancen und Risiken der digitalen Transformation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/978245

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