Vegetotherapie nach Wilhelm Reich


Seminararbeit, 2000

9 Seiten


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1.1. Vegetotherapie nach Reich

1.1.1. Wilhelm Reichs Leben

1897 geboren in Galizien, Spanien; aufgewachsen in der Bukowina, Weissrußland

1911 Mutter verübt Selbstmord nach der Entdeckung ihrer Affäre mit dem Hauslehrer (Reich ist 14)

1914 Vater stirbt an Tuberkulose (Reich ist 17)

Studium der Medizin (?) in Wien

Dort lernt er Freud kennen und wird sein Schüler und Anhänger

1919 eigene psychoanalytische Praxis in Wien

1930 - 1933 Tätigkeit in Berlin

1934 Ausschluß aus der Wiener Psychoanalytischen Gesellschaft, weil seine Ideen zu radikal waren (s. Reich vs. Freud)

1957 gestorben beim Verbüßen einer Haftstrafe wegen Kurpfuscherei im Gefängnis in den USA

1.1.2. Reichs Vorstellungen von Sexualität und Gesellschaft

- Hauptursache der Neurosen = gehemmte Sexualität

Gestaute sexuelle Erregung wird in Angst und somatische Störungen transformiert

- Kriterium seelischer Gesundheit = orgastische Potenz

- Reich beschreibt die orgastische Potenz bei gesunder Sexualität wie folgt:

Phasen des Erregungsablaufs: Vorspiel · Penetration · willkürliche + unwillkürliche Reaktionen · Entspannungsstadium

- Genauso detaillierte Beschreibung der Symptome orgastischer Impotenz in den einzelnen Erregungsphasen

- Konflikt mit Freud und der Psychoanalyse:

- Reich befürwortete die sexuelle Befreiung
- Freud meinte, die kulturellen Leistungen würden durch Triebverzicht und Sublimation erreicht werden (und beide haben irgendwie Recht)

- Kranke Formen der Sexualität:

Im Zuge der Enttabuisierung der Sexualität entstanden Formen der Sexualität (a + b), die auf Reichs Konto verbucht wurden, die er aber für genau so krank hielt wie ihre Vorgänger (c + d). Er sah beides als zwei Seiten derselben Münze an: Abwehr und die dadurch entstandenen Verzerrungen.

a) zunehmende Verbreitung der Pornografie
b) Brutalisierung der Sexualität
c) Viktorianische Zwangsmoral
d) Sexualfeindliche Systeme

1.1.3. Reichs Vorstellungen von Gesundheitsprophylaxe und Politik

- Der Grund für die vielen Neurosen = die viktorianische Zwangsmoral und die draus resultierende sexualfeindliche Gesellschaft
- Pathogen = sexuelle Unterdrückung in Kindheit und Jugend, sowie Zwangsehe
- Neurosenprophylaxe = eine Frage der Erziehung.
- Sexualfeindliche Gesellschaft = reformbedürftig

Reich wollte die politische Umsetzung seiner psychologischen Erkenntnisse:

- Reich war aktiver Kommunist

- Umsetzung seiner Kritik an der Gesellschaft:

1929 Gründung von Sexualberatungsstellen in Wien, Ziel: sexuelle Aufklärung 1931 Gründung der ,,Sex-Pol"-Bewegung in Berlin

Forderungen:

- Empfängnisverhütung für Jugendliche
- Kostenlose Schwangerschaftsunterbrechung
- Abschaffung rechtlicher Unterschiede von Verheirateten und Ledigen
- Schutz Minderjähriger vor Missbrauch
- Therapie von Sexualdelikten

- Familie = das Unterdrückungsinstrument des Patriarchats und damit Ausgangs-punkt einer Klassengesellschaft
- Repressive Sexualmoral, Sexualfeindlichkeit und Einheitsfamilie stärken die Macht autoritärer Systeme.

1.1.4. Reichs Theorie: Muskelpanzer und Charakteranalyse

1933 formulierte Reich eine umfassende Theorie der Charakterbildung

Leitsatz: Der Charakterpanzer stellt die erstarrte Lebensgeschichte des Individuums dar und bindet die konflikthaften Emotionen der unbewältigten Ausgangssituation.

(A) Drei Charakterschichten:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der pathologische Charakter besteht aus 3 Schichten:

a) Die Tertiäre Schicht:

Befindet sich an der Oberfläche und ist das nach außen präsentierte Gesicht der Konventionalität, des Anstandes, der Zurückhaltung, des Leidens usw.

b) Die Sekundäre Schicht:

Liegt unter der Tertiären Schicht. Hier befinden sich die durch Zurückdrängung pathologisierten Impulse, die pervers oder destruktiv sind.

c) Die Primäre Schicht:

Liegt unter der Sekundären Schicht und ist der Kern des Charakters.

Sie zeigt sich nur wenn es gelingt, die mit starken negativen Affekten und Ängsten besetzte Sekundäre Schicht zu durchdringen.

Sie enthält die sozial gutartige und spontane Emotionalität, die Liebesfähigkeit und Produktivität ermöglicht.

Die Schichten sind undurchlässig und es kommt zu Muskelverspannungen durch

- leugnen von Gefühlen
- Projektion
- Misstrauen
- Rationalisierung

Diese Abwehr ist sehr stabil und das Aufbrechen ist schwierig. In der Therapie wird versucht, die hinter der Körperhaltung steckenden Schmerzen zu aktivieren.

- Behandlungsansatz:

Ziel der Therapie ist die Durcharbeitung der negativen Emotionalität um eine kathartische Entladung herbeizuführen.

Der Therapeut muss dazu eine aktiv-konfrontative und stützende Haltung einnehmen. Dies ist mit der emotionalen Abstinenz der traditionellen Psychoanalyse nicht möglich.

(B) Charaktertypologie:

a) 6 Haupttypen:

- phallisch-narzisstischer Charakter: Wirkt: selbstsicher, elastisch, arrogant

Genese: Frühe Zurückweisung des Sohnes durch eine maskuline Mutter erzeugt Rachegefühle, Imponierbedürfnis und geringschätziges Verhalten gegenüber Frauen.

- männlich-aggressiver Charakter - bei Frauen Wirkt: tüchtig, spröde und klar

Genese: Wenn die Annäherung zum gegengeschlechtlichen Elternteil (Vater) von diesem durch eine strenge und prüde Haltung verhindert wird, führt dies bei der Frau zur Verleugnung ihrer weiblichen Geschlechtsrolle.

- passiv-femininer Charakter - bei Männern

Wirkt: kooperativ, schleichend, überfreundlich

Genese: Übermäßige Strenge von Seiten des Vaters führt beim Mann zur

Aufgabe der Geschlechtsrolle.

- masochistischer Charakter

Wirkt: leidend, ungeschickt, hilflos, neigt zum Klagen

Genese: Die Lustfähigkeit ist soweit gestört, dass bei jeder Erregung sich starke Angst entwickelt; durch erlittenen Schmerz wird die Spannung abgeführt, ohne dass dabei entstehende Lust zu vermehrter Angst führt.

- zwanghafter Charakter

Wirkt: gehemmt, korrekt, depressiv

Genese: Das sexuelle Interesse wird soweit durch Impulskontrolle (übertriebene Reinlichkeitskontrolle) unterdrückt, dass es zu einer Transformation in sadistische Impulse kommt.

- hysterischer Charakter

Wirkt: nervös, agil, ängstlich-sprunghaft

Genese: Wenn das Interesse am gegengeschlechtlichen Elternteil vom gleichgeschlechtlichen Elternteil moralisierend zurückgewiesen wird, entsteht ein Appetenz-Aversions-Konflikt, der zunächst Annäherung an das Gegengeschlecht entstehen lässt (Koketterie), die mit zunehmender Nähe Angst erzeugt und zurückgenommen wird.

b) Ätiologie/ Genese:

Welcher Charaktertyp im einzelnen Fall entsteht hängt ab von den Umständen der ursprünglichen Impulsfrustration:

- früher oder später Zeitpunkt der Impulsfrustration in der Entwicklung des Kindes
- Intensität des Leidens während der Entstehung (kurzfristiges/ einmaliges sehr intensives Trauma vs. langfristige unterschwellige Traumatisierung)
- Art des frustrierten Impulses (narzisstisch, oral, anal, phallisch)
- Konsequenz der Frustration
- Geschlecht
- Verhältnis von Gewährung und Versagung

c) Ziel der Charakter-Bildung:

Charaktertyp = Schutz nach außen und Bindung von Energie nach innen oder sichere Form der Entladung der Restenergie

Unterdrückt werden sollen:

- Emotionen: Wut, Panik, Weinen, Missbrauch
- Affektive Verhaltensweisen: lautes Schreien, heulen, brüllen, koitale Bewegung, schlagen, treten

d) Ziel der Charakter-Bildung:

· Äußerer Ausdruck der Charakterpanzerung

- Bewegungs- und Haltungsanomalien
- Mimik
- Sprache
- Stimme

Muskelpanzer kann man in allen Körpersegmenten beobachten, Beispiele:

- Angehobene Augenbrauen, gerunzelte Stirn, versteifter Nacken
- Zugeschnürter Hals, gepresste Stimme, geringes Stimmvolumen
- Eingezogener Hals, verkürzte Schultern
- Beschränkung der Atmung auf Brustatmung, Unbeweglichkeit des Zwerchfells, verschobenes Verhältnis von Ein- und Ausatmen
- Steifheit des Beckens
- Unbeweglichkeit oder holprige Bewegungen der Extremitäten

- Innere Erkennungsmerkmale:

- Alle Verspannungen erzeugen bei Chronifizierung muskuläre Hyper- oder Hypotrophien (Organvergrößerungen/ -kleinerungen)
- Behinderte Blutzirkulation führt zu Blutstau, Folge: gerötete Augenpartien usw.

e) Ungepanzerter, gesunder Charakter:

- Freie Zirkulation von Energie und Blut
- Uneingeschränkte Beweglichkeit aller Skeletteile
- Ungehemmte vegetative Abläufe in den Drüsen und der glatten Muskulatur
- Schwellfähigkeit verschiedener Gewebepartien
- Subjektives Gefühl des Strömens

f) Reichs Erklärung für das Gefühl des Strömens:

Elektrische Spannungsverschiebungen (psycho-galvanischer Reflex)

+ Diffusionsvorgänge von Körperflüssigkeiten

+ Ionenströme (Kalium u.a.)

= freier Fluss der Bioenergie

Freier Fluss der Bioenergie ist am vollkommendsten im Orgasmus realisiert.

4 Orgasmus-Phasen:

- Anschwellen (Flüssigkeitsbewegung)

- Bioelektrische Aufladung (erhöhter psycho-galvanischer Reflex)

- Entladung durch klonisch-unwillkürliche Muskelbewegungen

- Erschlaffung und Entspannung

= natürliche Pulsation = ,,Orgasmus-Reflex"

Reich misst dieser natürlichen Pulsation (Orgasmus-Reflex) allgemeine Bedeutung als Muster für gesundes und lustvolles Erleben bei.

1.1.5. Reichs Interventionsmethoden bei pathologischem Charakter

Geht weit über die PA hinaus

Erkennen: Aus der genauen Beobachtung der äußeren Erscheinung des Individuums (Bewegung, Atmung, Haltung, Panzerung) liest der Therapeut die charakterlich chronifizierten Energie-Blockaden ab.

Auflösen: entgegengesetzte Atmung, lösen von Verkrampfungen, Massage und Druck auf Verspannungen weicht den Schutzwall momentan auf

Folge: Die sekundäre Charakterschicht wird freigelegt. Es kommt zu kathartischen Entladungen ängstlicher, wütender und trauriger Natur. Wenn diese zugelassen werden, wird zugleich viel Energie frei, welche die Blockade aufrecht erhielt und der Mensch kann an dieser Stelle wieder frei über seinen Bewegungsapparat verfügen und sich lebenswichtigen Vorgängen (Pulsationen) hingeben.

1.1.6. Reich vs. Freud

- Rolle der Sexualität

- Reich befürwortete die sexuelle Befreiung
- Freud meinte, die kulturellen Leistungen würden durch Triebverzicht und Sublimation erreicht werden (und beide haben irgendwie Recht)

- Grundlage der Psychopathologie

- Reich: Sexualfeindlichkeit, körperliche Konversions-Syptome, muskulärer Charakterpanzer
- Freud hatte das gleiche früher auch geglaubt, dann wurde er philosophischer und postulierte den Todestrieb (Tanatos) um die Widerständigkeit mancher Patienten gegen die Therapie, Krieg und Verbrechen erklären zu können
- Reich wollte sich mit den Widerständen in der Therapie als unabänderliches Resultat einer angeblich angeborenen Leidenstendenz nicht zufrieden geben. Er sah Therapieresistenz als Verfestigung libidinöser Energie, die als Schutzschild eingesetzt wird gegen die Angst, welche die in der Therapie frei werdenden Impulse auslösen. Anzeichen von Therapieresistenz:

- übergroße Freundlichkeit
- Konventionalität
- Emotionslosigkeit
- Unechtheit des Ausdrucks

- Sekundäre Schicht mit den perversen oder destruktiven Impulsen, besetzt mit starken negativen Affekten und Ängsten

- Reich = ursprüngliche Impulse, die durch Unterdrückung deformiert wurden Das wahre menschliche Gesicht ist sozial gutartig und verfügt über spontane Emotionalität, die Liebesfähigkeit und Produktivität ermöglicht (s. Primäre Schicht).
- Freud = das wahre menschliche Gesicht

- Haltung des Therapeuten:

- Reich: Therapeut muss aktiv-konfrontative und stützende Haltung einnehmen
- Freud: Therapeut muss emotional abstinent und von gleichschwebender Aufmerksamkeit sein

- Interventionen

9 von 9 Seiten

Details

Titel
Vegetotherapie nach Wilhelm Reich
Autor
Jahr
2000
Seiten
9
Katalognummer
V97825
Dateigröße
401 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
stichwortartige Übersicht über Reichs Theorie der Psychopathologie, seine Therapiemethode, seine Charakterologie, seine Vorstellungen von Sexualität und Politik sowie seine umstritteneren Theorien gehört zu einer umfangreicheren Hausarbeit, ist aber in sich abgeschlossen und auch alleine gut verständlich
Schlagworte
Vegetotherapie, Wilhelm, Reich
Arbeit zitieren
Dipl.-Psych. Adelheid Kühn (Autor), 2000, Vegetotherapie nach Wilhelm Reich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97825

Kommentare

  • Gast am 9.2.2001

    Anmerkungen zum Wilhelm-Reich-Referat.

    Sehr geehrte Frau Kuhn,

    Durch Zufall bin ich im Internet auf Ihr
    Referat über die Arbeiten von Wilhelm Reich gestoßen.

    Was machen Sie so, und wie sind Sie auf
    das Thema gekommen?

    Ihren Beitrag fand ich (im Vergleich zu
    vielem, was man sonst so über Wilhelm Reich publiziert findet) angenehm
    sachlich. Zu 90 % würde ich den Inhalt
    als gelungene Einführung bewerten, nur einige kleinere sachliche Korrekturen hätte ich.

    Fall Sie (oder andere Leser) sich
    für mehr Details der Reichschen Theorie
    und Praxis interessieren, möchte ich
    auf meine medizinische Doktorarbeit
    zu diesem Thema verweisen, die im
    Buchhandel unter der ISBN 3-922906-54-0
    erhältlich ist:

    Stefan Müschenich: "Der Gesundheitsbegriff im Werk des Arztes
    Wilhelm Reich (1897-1957)", Verlag
    Görich & Weiershäuser, Marburg 1995,
    425 Seiten.

    Herzliche Grüße,

    Dr. med. Stefan Müschenich
    Arzt und Diplom-Psychologe

  • Tilman Kluge am 19.9.2008

    Schwangerschaftsunterbrechung.

    Leider sind in der Arbeit stellenweise Aussagen weder zwingend Reich noch konkreten Literatur-/Fundstellen zuzuordnen.

    findet man unter 1.1.3 die Textpassage

    "Forderungen:
    - Empfängnisverhütung für Jugendliche
    - Kostenlose Schwangerschaftsunterbrechung
    - Abschaffung rechtlicher Unterschiede von Verheirateten und Ledigen
    - Schutz Minderjähriger vor Missbrauch
    - Therapie von Sexualdelikten"

    Es wäre hier wichtig, daß Klarheit darüber besteht, ob die Verwendung des (fachlich unsinnigen*) Begriffs "Schwangerschaftsunterbrechung" (sttt richtig "Schwangerschaftsabbruch") von Reich oder der Autorin zu verantworten ist.

    vgl. auch http://www.tilmankluge.de/SchwU12fw.htm

    Tilman Kluge

  • Gast am 11.11.2008

    Mit welcher Methode kam Reich zu diesen Erkenntnissen?.

    Die Arbeit von Frau Dipl.-Psych. Kühn ist für mein pers. Empfinden äusserst gelungen und in ihrer Kürze und Klarheit sehr hilfreich. Einen Punkt möchte ich hinzufügen: was war die Methode, mit der Reich zu seiner neuen Einheit aus Theorie und Praxis gelangen konnte? Es war die "Dialektische Methode" von Karl Marx (und Friedrich Engels) oder, in meinen eigenen Worten, die dynamisch- materialistische Methode. Siehe u.a. auch Klaus Holzkamp, "Grundlegung der Psychologie". Mit freundlich- revolutionärem Gruss Carsten Messerschmidt, 30167 Hannover.

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