Psychosoziale Folgen für Eltern von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung


Studienarbeit, 2020

31 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.) Einleitung

2.) Hauptteil
2.1) Definition: Autismus-Spektrum-Störung
2.2) Psychosoziale Herausforderungen und Folgen für Eltern von Kindern mit einer Autismus-Spektrum-Störung
2.2.1) Psychische Folgen für Eltern von Kindern mit einer ASS:
2.2.2) Soziale Folgen für Eltern von Kindern mit einer ASS
2.3) Gesamtschau: Die psychosozialen Folgen für Eltern von Kindern mit einer ASS

3.) Diskussion

Anhang

Abstract

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Abstract

Die Erziehung eines Kindes ist für fast alle Eltern eine Erfahrung, die mit Freude und Erfolgen, aber zugleich auch mit Herausforderungen und Stress verbunden ist. Allerdings scheinen Eltern von Kindern mit einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) ein besonders hohes Maß an parental stress zu erleben. Eltern von Kindern mit ASS sind, aufgrund der Störung ihres Kindes, mit immensen Herausforderungen konfrontiert. Die Folgen, die sich für die Eltern daraus ergeben schlagen sich sowohl auf psychischer als auch auf sozialer Ebene nieder. In der Gesamtschau zeigt sich, dass Eltern von Kindern mit ASS höheres Stress- und Depressionslevel sowie eine geringere Lebensqualität aufweisen, als Eltern von Kindern mit einer anderen Entwicklungsstörung oder Eltern von Kindern, die sich typischweise entwickeln. Dieser Umstand ist auf einen erhöhten Betreuungsbedarf/-aufwand und challenging behaviors des Kindes, sowie daraus resultierende Einbußen sozialer Ressourcen zurückzuführen. Obwohl es umfangreiche Literatur hinsichtlich der starken psychischen und sozialen Belastungen von Eltern von Kindern mit ASS gibt, gibt es kaum Betreuungsangebote, die sich explizit an die Eltern und deren Belastungen richten. Für die Zukunft erscheint es daher von besonderer Bedeutung einen Praxistransfer des vorhandenen Wissens anzustreben und zu forcieren.

Abkürzungsverzeichnis

ASS = Autismus-Spektrum-Störungen

ICD-10 = Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision

DSM-V = Diagnostischer und statistischer Leitfaden psychischer Störungen, 5. Revision

1. Einleitung

Die Erziehung eines Kindes ist für fast alle Eltern eine Erfahrung, die mit Freude und Erfolgen, aber zugleich auch mit Herausforderungen und Stress verbunden ist (Deater-Deckard, 2005). Stress, der sich aus den Anforderungen, die mit der Rolle der Elternschaft einhergehen ergibt, wird als parental stress bezeichnet (Deater-Deckard, 1998). Dabei scheinen Eltern von Kindern mit einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) ein besonders hohes Maß an parental stress zu erleben (Bonis, 2016; Davis & Carter, 2008; Hayes & Watson, 2013; Gabriels, Cuccaro, Ivers & Goldson, 2005;). Autismus-Spektrum-Störungen sind eine Gruppe heterogener, meist angeborener, neurologischer Entwicklungsstörungen, deren Prävalenz in der Bevölkerung bei ca. 1% liegt (Brugha, McManus, Bankart, Scott, Purdon & Smith, 2011; Elsabbagh, Divan, Koh, Kim, Kauchali & Marcin, 2012). Autismus-Spektrum-Störungen sind durch unterschiedlich schwere Defizite in den Bereichen der sozialen Interaktion und Kommunikation, sowie durch eingeschränkte, repetitive und stereotype Verhaltensweisen und Interessen oder Aktivitäten charakterisiert (Tebartz van Elst, 2016). Aufgrund dieser Defizite benötigen Kinder mit ASS oftmals eine intensive Betreuung und Zuwendung im Alltag (Gabriels et al., 2005; Davis & Carter, 2008). Für Eltern bedeutet dies, dass sie ihr Leben umstellen und entsprechend der Betreuungsanforderungen ihres Kindes mit ASS ausrichten müssen (Gabriels et al., 2005; Davis & Carter, 2008). Dieser erhöhte Betreuungsbedarf wird von den Eltern als stark belastend erlebt (Gabriels et al., 2005; Davis & Carter, 2008) und geht, neben einem erhöhten Maß an parental stress, mit weitreichenden Folgen auf psychischer und sozialer Ebene einher (Bonis, 2016; Hayes & Watson, 2013). Trotz dessen sind Hilfsangebote für Eltern von Kindern mit ASS überwiegend auf die Förderung oder Therapie des Kindes mit ASS fokussiert und richten sich kaum an die Eltern an sich (Kogan, Strickland, Blumberg, Singh, James & van Dyk, 2008; Read & Schofield, 2010). Obwohl die Eltern von Kindern mit ASS mit Belastungen auf psychischer und sozialer Ebene zu kämpfen haben, werden die Betreuung und eine Entlastung der Eltern vernachlässigt (Kogan, Strickland, Blumberg, Singh, James & van Dyk, 2008; Read & Schofield, 2010). Vor diesem Hintergrund soll das Ziel dieser Arbeit darin bestehen, die psychosozialen Folgen für Eltern von Kindern mit ASS darzustellen und auf diese aufmerksam zu machen. Zunächst wird das Konstrukt Autismus-Spektrum-Störungen unter Berücksichtigung des ICD-10 sowie des DSM-5 definiert. Anschließend werden die Herausforderungen, mit denen sich Eltern von Kindern mit ASS konfrontiert sehen und deren Auswirkungen auf psychischer und sozialer Ebene, dargestellt. Es folgt eine Zusammenfassung und Diskussion der psychosozialen Folgen für Eltern von Kindern mit ASS vor dem Hintergrund der Literatur.

2.) Hauptteil

2.1) Definition: Autismus-Spektrum-Störung

Unter dem Begriff Autismus-Spektrum-Störung (ASS) wird eine Gruppe heterogener, meist angeborener, neurologischer Entwicklungsstörungen zusammengefasst, deren Prävalenz in der Bevölkerung bei ca. 1% liegt (Brugha et a., 2011; Elsabbagh et al., 2012) und steigt (Baio, 2014; Bonis, 2016). Sie zählen derzeit gemäß International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD-10) zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen und werden unter dem Schlüssel F84.x kodiert. Das ICD-10 unterscheidet zwischen:

a) Frühkindlichem Autismus (F84.0) : Die Diagnose des frühkindlichen Autismus beschreibt eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die durch Entwicklungsdefizite in den Bereichen der sozialen Interaktion, der Kommunikation und durch stereotyp repetitives Verhalten charakterisiert ist. Diese Form ist durch eine abnorme/beeinträchtigte Entwicklung gekennzeichnet und manifestiert sich noch vor dem dritten Lebensjahr. Häufig treten auch unspezifische diagnostische Merkmale, wie etwa Phobien oder Schlaf- und Essstörungen auf (ICD-10, 2019).
b) Atypischem Autismus (F84.1) : Die Diagnose Atypischer Autismus beschreibt eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die sich vom frühkindlichen Autismus nur dadurch unterscheidet, dass sie sich nach dem dritten Lebensjahr manifestiert oder dadurch, dass nicht alle für die Diagnose F84.0 geforderten Kriterien erfüllt sind (ICD-10, 2019).
c) Asperger-Syndrom (F84.5) : Die Diagnose Asperger-Syndrom beschreibt eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die ebenso wie die Diagnose F84.0 durch Beeinträchtigungen der zwischenmenschlichen sozialen Interaktionen und ein eingeschränktes, stereotypes Repertoire an Interessen Aktivitäten charakterisiert ist. Allerdings unterscheidet sich die Störung Asperger-Syndrom vom frühkindlichen Autismus durch das Fehlen einer allgemeinen Entwicklungsverzögerung. Im Gegensatz zum frühkindlichen Autismus liegt bei diesem Störungsbild kein Entwicklungsrückstand der Sprache und der kognitiven Entwicklung vor (ICD-10, 2019).

Allerdings hat sich die diagnostische Abgrenzung dieser Störungsbilder in der Praxis als schwierig erwiesen (Cederlund, Hagberg, Billstedt, Gillberg & Gillberg, 2008; Kamp-Becker, Smidt, Ghahreman, Heinzel-Guntenbrunner, Becker & Rem-Schmidt, 2010a; Lord, 2012), was unter anderem darauf zurückzuführen ist, dass zunehmend auch weniger schwere Formen der einzelnen Störungsbilder diagnostiziert werden (Tebartz van Elst, 2016). Generell kann zwischen ASS und nicht-autistischen Störungen eine kategoriale Differenzierung erfolgen (Coghill & Sonuga-Barke, 2012; Frazier, Youngstrom, Speer, Embacher, Law & Constantino, 2012; McPartland, Reichow & Volkmar, 2012). Demgegenüber ist eine kategoriale Unterscheidung innerhalb der ASS nicht möglich (Coghill & Sonuga-Barke, 2012; Frazier et al., 2012; McPartland,et al., 2012). Aus diesem Grund wurde der Begriff Autismus-Spektrum-Störung eingeführt, der das Störungsbild Autismus dimensional abbildet (Frazier et al., 2012).

Obwohl die Symptome von ASS variieren und von Kind zu Kind unterschiedlich sind, können die Symptome im Allgemeinen in drei Bereichen abgebildet werden (Tebartz van Elst, 2016):

1.) Soziale Interaktion : Viele Kinder mit ASS weisen Defizite im Bereich der sozialen Interaktion auf (Tebartz van Elst, 2016). Dabei sind sie in ihren täglichen sozialen Interaktionen stark eingeschränkt (Tebartz van Elst, 2016). So fällt es Kindern mit ASS beispielsweise häufig schwer Augenkontakt aufzubauen bzw. diesen zu halten, auf sie umgebende Menschen zu achten bzw. zu reagieren oder mit Gleichaltrigen Spielzeug oder Aktivitäten zu teilen (Tebartz van Elst, 2016). Darüber hinaus ist bei Kindern mit ASS die Fähigkeit zum Perspektivwechsel beeinträchtigt, was es ihnen erschwert den Standpunkt anderer Personen zu verstehen und die sozialen Interaktionen dahingehend anzupassen (Tebartz van Elst, 2016). Dadurch fällt es Kindern mit ASS häufig schwer soziale Beziehungen aufzubauen oder diese aufrecht zu erhalten (Tebartz van Elst, 2016). Auch die Unfähigkeit Mimik, Körperhaltung und Gestik zur Regulation von sozialen Interaktionen verwenden zu können ist für Kinder mit ASS typisch und erschwert ihnen die Gestaltung sozialer Interaktionen (Tebartz van Elst, 2016). Die Störungen der sozialen Interaktion beziehen sich letztlich auf die Initiierung, Aufrechterhaltung und Gestaltung interpersoneller Beziehungen (Tebartz van Elst, 2016).
2.) Kommunikation : Die Defizite im Bereich der Kommunikation beziehen sich einerseits auf die Sprachentwicklung und andererseits auf die nonverbale Kommunikation (Tebartz van Elst, 2016). Auch in diesem Bereich wird die Symptomvielfalt und die Dimensionalität der ASS deutlich: Während einige Kinder eine vollständige Störung der Entwicklung der gesprochenen Sprache aufweisen und die Lautsprache mitunter gänzlich ausbleibt, entwickelt sie sich bei anderen verzögert (Tebartz van Elst, 2016). Einige Kinder mit ASS reagieren überhaupt nicht auf ihren Namen oder verbale Kontaktaufnahmen und andere Kinder etwas verzögert (Tebartz van Elst, 2016). Ungeachtet dessen, wie stark die Sprachfähigkeiten beeinträchtigt sind, haben Kinder mit ASS oft Schwierigkeiten mit der Reziprozität von Kommunikation (Tebartz van Elst, 2016). Darüber hinaus bestehen auch in Hinblick auf Andeutungen oder Sprichwörter Verständnisschwierigkeiten (Tebartz van Elst, 2016). Ferner haben Kinder mit ASS häufig Probleme nonverbale Kommunikation, wie etwa Gesten oder Mimik, zu erkennen und zu interpretieren oder diese gar anzuwenden (Tebartz van Elst, 2016).
3.) Wiederholendes und stereotypes Verhalten : Neben Beeinträchtigungen in der sozialen Interaktion und der Kommunikation, zeigen Kinder mit ASS oftmals eingeschränkte, repetitive und stereotype Verhaltensweisen, Interessen oder Aktivitäten (Tebartz van Elst, 2016). Spezialinteressen, ritualisierte Tagesabläufe, stereotype und repetitive Bewegungen, wie z.B. mehrmaliges Flattern mit den Armen und eine ausgeprägte Aversion gegenüber Veränderungen sind typisch (Tebartz van Elst, 2016). Die Inflexibilität von Kindern mit ASS ist oft die Ursache für ernsthafte Schwierigkeiten (Tebartz van Elst, 2016). So beharren beispielsweise manche Kinder mit ASS darauf, jeden Tag dasselbe zu tun, zu essen oder immer den gleichen Schulweg zu nehmen (Tebartz van Elst, 2016). Bereits leichte Veränderungen im Alltag können bei Kindern mit ASS zu emotionalen (Wut-) Ausbrüchen oder starker Aufregung führen (Tebartz van Elst, 2016).

Diese Symptomtriade wurde bereits im DSM-5 unter der Diagnose Autismus-Spektrums-Störungen aufgenommen und zu zwei Symptomkomplexen zusammengefasst (American Psychiatric Association, 2013). Demnach werden die Defizite in der sozialen Interaktion und Kommunikation als A-Kriterium zusammengefasst (American Psychiatric Association, 2013). Davon wird das B-Kriterium, in dem Routinen, eingeengte Interessen und Hyper- oder Hyporeagibilität gegenüber sensorischen Reizen beschrieben werden, abzugrenzen (American Psychiatric Association, 2013). Mit in Kraft treten des ICD-11 wird auch hier die bisherige syndromale Aufteilung der autistischen Störungen in einen frühkindlichen Autismus, das Asperger-Syndrom und den atypischen Autismus, aufgegeben und stattdessen die Autismus-Spektrums-Störungen eingeführt (Tebartz van Elst, 2016). Die Diagnose ASS wird sich im ICD-11 wahrscheinlich an den diagnostischen Kriterien des DSM-5 orientieren und diese weitestgehend übernehmen (Tebartz van Elst, 2016).

Zusammenfassend bleibt also festzuhalten, dass Autismus-Spektrums-Störungen über Defizite in den Bereichen der sozialen Interaktion und Kommunikation sowie das Vorhandensein von restriktiven, repetitiven Verhaltens-, Interessens- oder Aktivitätsmustern operationalisiert werden (Tebartz van Elst, 2016).

2.2) Psychosoziale Herausforderungen und Folgen für Eltern von Kindern mit einer Autismus-Spektrum-Störung

Aufgrund der Defizite von Kindern mit ASS in den Bereichen der sozialen Interaktion und Kommunikation, sowie der restriktiven und repetitiven Verhaltens- und Interessensmuster, ergeben sich für deren Eltern besondere Herausforderungen in Hinblick auf die Erziehung und den Betreuungsbedarf (Bloch & Weinstein, 2009; Estes, Munson, Dwason, Koehler, Zhou & Abbott, 2013; Sikora, Moran, Orlich, Hall, Kovacs & Delahaye, 2013). Kinder mit ASS benötigen in Folge der, oben aufgeführten, Defizite oftmals eine besonders (zeit-)intensive Betreuung und Zuwendung im Alltag (Gabriels et al., 2005; Davis & Carter, 2008). Für Eltern bedeutet dies, dass sie ihr Leben umstellen und entsprechend der Betreuungsanforderungen ihres Kindes mit ASS ausrichten müssen (Altiere & von Kluge, 2009a; Davis & Carter, 2008; Gabriels et al., 2005). Dieser erhöhte Betreuungsbedarf wird von den Eltern als stark belastend erlebt (Gabriels et al., 2005; Davis & Carter, 2008) und geht, neben einem erhöhten Maß an parental stress, mit weitreichenden Folgen auf psychischer und sozialer Ebene einher (Bonis, 2016). Parental Stress meint dabei Stress, der sich aus den Anforderungen, die mit der Rolle der Elternschaft einhergehen ergibt (Deater-Deckard, 1998). Im Folgenden werden eben diese psychosozialen Folgen für Eltern von Kindern mit ASS dargestellt.

2.2.1) Psychische Folgen für Eltern von Kindern mit einer ASS:

Es besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass Eltern von Kindern mit ASS ein höheres Maß an parental stress erleben (Bonis, 2016; Dunn, Burbine, Bowers & Tantleff-Dunn, 2001; Estes, Munson, Dawson, Koehler, Zhou & Abbott, 2009; Griffith, Hastings, Nash & Hill, 2010, Hamlyn-Wright, Draghi-Lorenz & Ellis, 2007; Hayes & Watson, 2013; McStay, Dissanayake, Scheeren, Koot & Begeer, 2013). Die primäre Quelle scheint dabei in den challenging behaviors der Kinder mit ASS zu bestehen (Bearss, Johnson, Handen, Smith & Scahill, 2013; Fodstad, Rojahn & Matson, 2012;; McStay et al., 2013; Myers, Mackintosh & Goin-Kochel, 2009; Ludlow, Skelly & Rohleder, 2011; Ooi, Ong, Jacob & Khan, 2016). Challenging behaviors sind Verhaltensweisen, die sozial nicht akzeptabel bzw. unerwünscht sind, andere oder der eigenen Person Schaden zufügen (Matson, Wilkins & Macken, 2008). Zu diesen challenging behaviors, die mit einem erhöhten Erleben von parental stress assoziiert werden konnten, zählen körperliche und emotionale Aggressionen und Selbstverletzung (Fodstad et al., 2012, Ooi et al., 2016), Wutanfälle und Zusammenbrüche (Ludlow et al., 2011; Myers et al., 2009), aufsässiges Verhalten (Bearss et al., 2013) und ritualisierte, repetitive Verhaltensweisen (Shepherd, Landon, Taylor & Goedeke, 2018) sowie unangemessene oder unangebrachte verbale Äußerungen in der Öffentlichkeit oder Gegenwart anderer (Bonis, 2016). In diesem Kontext konnten einige Studien zeigen, dass das Ausmaß der challenging behaviors bzw. der Schweregrad dieser Verhaltensweisen mit dem Maß an erlebten Stress assoziiert ist (Lecavalier, Leone & Wiltz, 2006; Phetrasuwan & Miles, 2009; Stuart & McGrew, 2009). So konnte gezeigt werden, dass ein signifikanter Zusammenhang zwischen ausgeprägten challenging behaviors und einem höheren parental stress besteht (Lecavalier et al., 2006; Phetrasuwan & Miles, 2009; Stuart & McGrew, 2009). Aus diesen challenging behaviors resultiert nicht nur ein erhöhter parental stress, sondern auch die Notwendigkeit von konstanter, durchgehender Aufmerksamkeit und Betreuung durch die Eltern (Giallo, Wood, Jellet & Porter, 2013; Moss & Howlin, 2009, Silva & Schalock, 2012). Weitere Probleme finden sich auch in Hinblick auf das Schlafverhalten von Kindern mit ASS (Cohen, Conduit, Lockley, Rajarantnam & Cornish, 2014; Bonis, 2016). So haben zwischen 40-80 % der Kinder mit ASS Schlafstörungen und Probleme damit durchzuschlafen (Meltzer & Mindell, 2008; Reynolds & Malow, 2011). Die Schlafstörungen haben unmittelbare Folgen auf das Tages-Verhalten des Kindes und ziehen etwa eine chronische Erschöpfung oder eine Verschärfung der oben aufgeführten challenging behaviors (Park, Cho, Cho, Kim, Kim, Shin, Chung, Park, Son & Yoo, 2012; Tudor, Hoffman & Sweeney, 2012; Cohen et al., 2014; Bonis, 2016), ebenso wie eine Verschlechterung der ASS Symptomatik, wie etwa repetitive Verhaltensweisen, nach sich (Goldman, McGrew, Johnson, Richdale, Clemons & Malow, 2011; Henderson, Barry, Bader & Jordan, 2011). Dies schlägt sich letztendlich auf das psychische Wohlbefinden und in einem erhöhten Grad an parental stress nieder (Ludlow et al., 2011; Myers et al., 2009). Eltern von Kindern mit ASS beschreiben die challenging behaviors ihrer Kinder als nicht-endend wollend und außerordentlich erschöpfend (Ludlow et al., 2011; Myers et al., 2009; Gaillo et al., 2013). Aufgrund des hohen Maß an Stress, welches Eltern durch die challenging behaviors ihrer Kinder mit ASS erfahren, kommt es zu Einbußen in der Betreuungs- und Erziehungsqualität und damit einhergehend auch zu einem weniger effizienten bzw. zielführenden Umgang mit den Verhaltensweisen des Kindes (Bonis, 2016). Die chronische Belastung und das dauerhaft erhöhte Stressniveau verhindern so den Aufbau bzw. das Erlernen effektiver Coping- und Erziehungsstrategien für den Umgang mit den challenging behvaiors der Kinder mit ASS, obwohl diese die dadurch erlebte Belastung und Stress reduzieren könnten (Ekas & Whitman, 2010; Ekas & Whitman, 2011; Sikora et al., 2013; Bonis, 2016).

Eine weitere Belastung auf psychischer Ebene stellen die Schuldgefühle dar, von denen viele Eltern von Kindern mit ASS berichten (Dunn et al., 2001; Nealy, O’Hare, Powers & Swick, 2012; Neely-Barnes, Hall, Roberts & Graff, 2011). Viele Eltern von Kindern mit ASS haben das Gefühl nicht genügend zu machen, um ihrem Kind zu helfen (Lutz, Patterson & Klein, 2012) oder Schuldgefühle, weil sie nicht in der Lage sind das Problem, also die Störung des Kindes, lösen zu können (Dunn et al., 2001; Nealy et al., 2012; Neely-Barnes et al., 2011). Manche Eltern leiden auch unter dem Gefühl für die Störung ihres Kindes verantwortlich zu sein oder machen den Partner dafür verantwortlich (Fernández-Alcántara, Garciá-Caro, Pérez-Marfil, Hueso-Montoro, Laynez-Rubio & Cruz-Quintana, 2016; Mercer. Creighton, Holden & Lewis, 2006). Diese Schuldgefühle werden von Trauer und insbesondere kurz nach der Diagnose mit einem Verlustgefühl begleitet (Fernández-Alcántara et al., 2016). Das Verlustgefühl bezieht sich dabei auf den Verlust des eigenen Kindes, wie man es bisher hatte, also das Bild des eigenen Kindes bis zum Zeitpunkt der Diagnose (Fernández-Alcántara et al., 2016). Zusätzlich zu einem erhöhten Stresslevel (Bonis, 2016; Dunn et al., 2001; Estes et al., 2009; Griffith et al., 2010, Hamlyn-Wright et al., 2007; Hayes & Watson, 2013; McStay et al., 2013) haben mehrere Studien gezeigt, dass Eltern von Kindern mit ASS, eine allgemein geringere Lebensqualität berichten (Abbeduto, Seltzer, Shattuck, Krauss, Orsmond & Murphy, 2004; Gaillo et al., 2013; Khanna, Suresh Madhavan, Smith, Patrick, Tworek & Becker-Cottrill, 2011; Mugno, Ruta, D*Arrigo & Mazzone, 2007; Olsson & Hwang, 2001). In dieser Linie steht auch das systematische Review von Vasilopoulou und Nisbet (2016). Vasilopoulou und Nisbet (2016) bezogen insgesamt zwölf Studien (n = 1529) bezüglich der subjektiven Lebensqualität von Eltern von Kindern mit ASS in ihr Review mit ein. Den Autoren zu Folge konnte in allen Studien gezeigt werden, dass Eltern von Kindern mit ASS eine niedrigere Lebensqualität berichteten, als jene von Kindern, die sich typischerweise entwickeln (Vasilopoulou & Nisbet, 2016). Darüber hinaus hielten Vasilopoulou & Nisbet (2016) fest, dass die meisten Eltern von Kindern mit ASS im Gegensatz zu Eltern von Kindern mit typischer Entwicklung, über eine subjektiv schlechtere psychische Verfassung und weniger Zufriedenheit berichteten (Vasilopoulou & Nisbet, 2016).

Daran anschließend konnte in weiteren Studien zudem gezeigt werden, dass Eltern von Kindern mit ASS höhere Angst- und Depressionswerte aufweisen, als Eltern von Kindern mit typischer Entwicklung (Bitsika & Sharpley, 2004; Benson, 2006; Benson & Karlof, 2009; Ingersoll & Hambrick, 2011; Sawyer, Bittman, Greca, Crettenden, Harchak & Martin, 2010; Totsika, Hastings, Emerson, Berridge & Lancaster, 2011; Zablotsky, Bradshaw & Stuart, 2013). So konnten etwa Ingersoll und Hambrick (2011) in ihrer Studie zeigen, dass Eltern von Kindern mit ASS (n = 149) signifikant höhere Depressionswerte aufwiesen, als die Normstichprobe und eine signifikanter Zusammenhang zwischen dem Schweregrad der ASS Symptome des Kindes und der Depressionswerte der Eltern besteht (r = 0.36, p < 0.01). Darüber hinaus konnten Ingersoll und Hambrick (2011) in einer Pfadanalyse zeigen, dass der Schweregrad der ASS Symptome des Kindes einen direkten Einfluss auf die Depressionswerte der Eltern hat (r = 0.18). Ein Zusammenhang zwischen dem Schweregrad der ASS Symptomatik des Kindes und der Depressionswerte konnte auch in anderen Studien gezeigt und auch repliziert werden (Benson, 2006; Benson & Karlof, 2009). Auch die Ergebnisse einer Studie von Bitsika und Sharpley (2004) reihen sich hier ein und zeigten, dass 60 % der befragten Eltern von Kindern mit ASS eine klinisch relevante Depression aufwiesen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Psychosoziale Folgen für Eltern von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung
Hochschule
Medical School Hamburg
Veranstaltung
Klinische Psychologie: Interventionen im Kindes- und Jugendalter I
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
31
Katalognummer
V978252
ISBN (eBook)
9783346334794
ISBN (Buch)
9783346334800
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kinder, Jugendliche, Autismus, Autismus-Spektrum-Störung, ASS, Klinische Psychologie, Kinder- und Jugendpsychologie, Jugendtherapie, Kindertherapie, Psychologie, Eltern, Folgen, Psychosozial, Autistisch, Autistisches Kind, Kind mit Autismus, Problemverhalten, challenging behaviours, challenging behavior, challenging behaviour, challenging behaviors, Kjp, Autist
Arbeit zitieren
Maximilian Schießl (Autor), 2020, Psychosoziale Folgen für Eltern von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/978252

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