Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem anfänglichen Leseerwerb und der methodisch-didaktischen Umsetzung von Erstlesebüchern. Ziel war es, herauszufinden, welche Hindernisse auf Buchstaben-, Silben- und Wortebene Fibeln im Anfangsunterricht mit sich bringen können. Die Arbeit untersucht auch die Unterschiede zwischen Lehrwerken und bietet Kriterien für die Auswahl im Hinblick auf heterogene Schulklassen. Anhand qualitativer Datenaufbereitung werden zwei Fibeln miteinander verglichen, und Schlussfolgerungen werden gezogen, um aufzuzeigen, dass es bei der Wahl der Leselehrmethode keinen Königsweg geben kann.
Die Forschungsfrage konzentriert sich auf linguistische Schwierigkeiten und Herausforderungen, denen Erstklässlerinnen beim Lesenlernen mit Fibeln auf der Ebene des präsentierten Wortmaterials ausgesetzt sind. Die Arbeit richtet sich in erster Linie an Lehrerinnen und Studierende des Faches Deutsch, bietet jedoch auch Erkenntnisse für Dozierende mit pädagogischem Hintergrund.
Die strukturierte Herangehensweise umfasst zunächst theoretische Befunde zum Leseprozess, den Erwerbsstufen des Schriftspracherwerbs und dem analytisch-synthetischen Leselehransatz. Besondere Merkmale der deutschen Orthographie werden ebenfalls dargestellt. Die methodische Vorgehensweise zur Überprüfung der Hindernisse im Leseerwerb wird erläutert. Die erhobenen Daten werden ausgewertet und interpretiert, und Ergebnisse werden präsentiert, um Rückschlüsse auf die Forschungsfrage zu ziehen. Zwei Fibeln werden miteinander verglichen, und abschließend wird in einer Diskussion auf die Ergebnisse eingegangen. Ein Ausblick auf ein alternatives Leselehrprogramm rundet die Arbeit ab.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Forschungsstand
2.1 Lesen – ein Begriffsumriss
2.2 Besonderheiten der deutschen Orthographie
2.3 Das analytisch-synthetische Verfahren: eine traditionelle Fibel-Leselehrmethode
3 Methodik
3.1 Analysekriterien
3.2 Linguistische Fibelanalyse „Tobi“
3.3 Linguistische Fibelanalyse „Jo-Jo“
4 Vergleich und Auswertung
5 Diskussion und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den anfänglichen Leseerwerb mit Fibeln, um linguistische Hindernisse auf Buchstaben-, Silben- und Wortebene zu identifizieren und Unterschiede in der didaktischen Aufbereitung zweier Lehrwerke für heterogene Schulklassen aufzuzeigen.
- Analyse und Vergleich der Fibeln „Tobi“ und „Jo-Jo“ hinsichtlich ihrer linguistischen Anforderungen.
- Untersuchung von Graphem-Progression, Silbenstrukturen und Lauttreue im Anfangsunterricht.
- Bewertung der Differenzierungsangebote für verschiedene Leseniveaus.
- Diskussion der Eignung synthetisch-analytischer Lehrwerke für Kinder mit Leseschwierigkeiten.
Auszug aus dem Buch
2.1 Lesen – ein Begriffsumriss
In der Fachliteratur finden sich vielschichtige Definitionen zur Tätigkeit des Lesens. Gümbel bringt die Ambivalenz des Lesens jedoch präzise auf den Punkt. Für sie ist Lesen einerseits ein „äußerlich-technischer Vorgang: Assoziationen von grafischen (visuellen) und lautlichen (akustomotorischen) Elementen durch Bewegungen von Auge und Mund, also passives Reagieren auf Schriftbilder und schlichtes Nennen der Buchstaben, Wörter und Sätze“. Auf der anderen Seite beschreibt sie Lesen als einen „gedanklich verarbeitende[n] Vorgang: Entnahme eines Sinngehaltes, der durch Schriftzeichen fixiert ist, und die [aktiv] denkende Verarbeitung dieser Information“.
Auch Scheerer-Neumann ist der Meinung, dass „Lesen […] primär Sinnentnahme aus einem Text [bedeutet], wobei wir heute wissen, dass dies kein passiver Akt ist, sondern immer auch eine innere Konstruktion des Gelesenen beinhaltet“ und – wie Bredel et alt. es formulieren – „das lesende Gehirn […] die Bedeutung des Textes mithilfe der sprachlichen Inhalte nämlich überwiegend selbst [konstruiert]“.
Die (Teil-)Prozesse, die beim Lesen zumeist parallel und in Wechselwirkung zueinander ablaufen, sind vielschichtig und hochkomplex. Lenhard (2013) unternimmt den Versuch, dies in seinem Situationsmodell zusammenzufassen, in dem er zwischen hierarchieniederen und hierarchiehohen Prozessen unterscheidet. Aufgrund der begrenzten Arbeitsgedächtniskapazität des Einzelnen liegt es nahe, dass basale und vergleichsweise „banale“ Prozesse wie Rekodieren und Dekodieren automatisiert sein müssen (was in aller Regel bis zum Ende des ersten Schuljahres geschieht), um beispielsweise genug Kapazität für die globale Kohärenzbildung, also die tiefenstrukturelle Erfassung des Gelesenen und „Lesen zwischen den Zeilen“, frei zu haben. Ist dies (noch) nicht der Fall oder das vorgelegte Textmaterial zu anspruchsvoll und hürdenreich, so kann es schnell zu Leseschwierigkeiten und Verständnisproblemen kommen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung des Lesenkönnens ein, problematisiert aktuelle Lesedefizite und formuliert die Forschungsfrage bezüglich der linguistischen Anforderungen von Erstlesebüchern.
2 Forschungsstand: Hier werden theoretische Grundlagen zum Leseprozess, zur deutschen Orthographie und zum analytisch-synthetischen Leselehransatz dargelegt.
3 Methodik: Dieser Abschnitt beschreibt das qualitative Untersuchungsdesign und die Analysekriterien für den Vergleich der beiden gewählten Fibeln.
4 Vergleich und Auswertung: In diesem Kapitel werden die erhobenen Daten der beiden Fibeln gegenübergestellt und hinsichtlich ihrer Progression und Schwierigkeitsgrade analysiert.
5 Diskussion und Ausblick: Diese Diskussion reflektiert die Ergebnisse kritisch vor dem Hintergrund unterschiedlicher didaktischer Ansätze und skizziert Alternativen wie das silbenanalytische Konzept.
Schlüsselwörter
Lesenlernen, Fibeln, Anfangsunterricht, Linguistische Analyse, Graphem-Phonem-Korrespondenz, Lauttreue, Silbenstruktur, Schriftspracherwerb, Leseschwierigkeiten, Didaktik, Analytisch-synthetisches Verfahren, Differenzierung, Tobi, Jo-Jo, Leselehrgang.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Masterarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Erstlesebücher methodisch-didaktisch aufgebaut sind und welche linguistischen Herausforderungen sie für Kinder im Anfangsunterricht bereithalten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen der Leseerwerb, die Besonderheiten der deutschen Orthographie sowie der Vergleich verschiedener Leselehransätze innerhalb von Erstlesebüchern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzudecken, welche Hindernisse auf Buchstaben-, Silben- und Wortebene in Fibeln existieren und wie diese mit der Eignung für heterogene Schulklassen zusammenhängen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es wurde ein qualitatives Untersuchungsdesign gewählt, bei dem die ersten 20 Seiten zweier Fibeln mittels eines Kriterienkatalogs manuell-interpretativ ausgewertet wurden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil beinhaltet die theoretische Einbettung, die methodische Analyse der Fibeln „Tobi“ und „Jo-Jo“ sowie den detaillierten Vergleich der erhobenen linguistischen Daten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Zentrale Begriffe sind Erstlesebücher, Silbenstruktur, Lauttreue, Schriftspracherwerb und Differenzierung im Anfangsunterricht.
Warum schneidet die Fibel „Tobi“ in der Analyse kritischer ab als „Jo-Jo“?
„Tobi“ zeigt eine steilere Progression und konfrontiert Schülerinnen bereits früh mit komplexeren linguistischen Strukturen, was für leistungsschwächere Kinder eine größere Hürde darstellen kann.
Welche Bedeutung haben die „Reduktionssilben“ in der Analyse?
Reduktionssilben mit Schwa-Laut stellen eine besondere Schwierigkeit für Leseanfänger dar; die Analyse zeigt, dass diese in „Tobi“ häufiger vorkommen als in „Jo-Jo“.
Was ist das „Häusermodell“ und wie wird es im Ausblick eingeordnet?
Es handelt sich um ein Konzept der silbenanalytischen Methode, das als didaktische Alternative zu den untersuchten traditionellen Fibeln vorgestellt wird, um Kindern einen kognitiven Zugang zur Schrift zu erleichtern.
- Arbeit zitieren
- Tobias Heiß (Autor:in), 2020, Lesen lernen mit Fibeln. Leseschwierigkeiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/978259