Plinius, Brief 3,1. Die plinianische Vorstellung von otium im Alter am Beispiel des Spurinna


Hausarbeit, 2016

21 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Das Begriffspaar otium und negotium im Wandel

2. Interpretation des Briefes (Plin. epist. 3,1)
2.1 Inhaltlich-sprachliche Analyse
2.1.1 Spurinna als Plinius‘ Vorbild im Alter (§ 1)
2.1.2 Spurinnas Grundsatz: Ein wohlgeordnetes Leben (§§ 2-3)
2.1.3 Spurinnas Tagesablauf: Spaziergänge, Lektüre und Gespräche (§§ 4-5)
2.1.4 Spurinnas Tugendhaftigkeit und Tätigkeit als Dichter (§§ 6-7)
2.1.5 Spurinnas weiterer Tagesablauf: Ballspiel, Baden und leichte Lektüre (§ 8)
2.1.6 Spurinnas letzter Routinepunkt: Das Abendessen (§§ 9-10)
2.1.7 Spurinna als Vorbild und Trost für Plinius (§§ 11-12)
2.2 Zwischenfazit

3. Die plinianische Vorstellung von otium im Alter
3.1 Plinius‘ Aufwertung von otium
3.2 Plinius‘ Abwertung von negotium

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Das Begriffspaar otium und negotium im Wandel

Eine übergreifende Definition von otium und negotium zu finden, erweist sich als problematisch, denn die Begriffe sind je nach soziohistorischem Kontext mit unterschiedlichen Lebensentwürfen verbunden. Das Begriffspaar findet seine erste Erwähnung in Ennius‘ Iphigenie, wo sowohl otium als auch negotium Varianten der zivilen Beschäftigung darstellen. Als konkrete Gegensätze treten sie erstmals bei Cato dem Älteren auf, der negotium als politische Betätigung und otium als das Frei-Sein von öffentlichen Pflichten definiert.1 Dass otium jedoch eng mit negotium verbunden ist, zeigt sich später ebenfalls bei Cicero. Otium sollte nicht den Zweck des Müßiggangs erfüllen, sondern zum Wohle der Allgemeinheit gestaltet werden, denn die ideale Lebensweise in der Republik war das negotium. Mit dem Fortgang der Kaiserzeit lässt sich schließlich eine zunehmende Aufwertung und philosophische Legitimation von otium beobachten – wie etwa bei Seneca, der dem stoischen Weisen zur Kontemplation im otium rät.2

Auch Plinius beschäftigt sich in seinem Briefkorpus des Öfteren mit den Themen otium und negotium. Einer der Briefe, die Aufschluss über seine Deutung geben, ist der über den Tagesablauf eines gewissen Titus Vestricius Spurinna, der sich nach Abschluss seiner politischen Karriere ins otium zurückgezogen hat (Plin. epist. 3,1). Ziel dieser Arbeit ist es, anhand von Brief 3,1 die plinianische Vorstellung von otium im Alter und die von negotium aufzuzeigen.3 Dabei soll außerdem berücksichtigt werden, inwiefern Plinius bestehende Sichtweisen übernimmt, aber auch inwiefern er neue Perspektiven in seine Definition einbringt.

Im Wesentlichen wird die Arbeit in zwei Teile gegliedert: Zu Beginn erfolgt die grundlegende Interpretation des Briefes, die aufgrund ihrer vielen Facetten den Großteil der Arbeit ausmacht.4 Dem Zwischenfazit folgt dann der zweite Teil der Arbeit. Aufbauend auf den bisherigen Erkenntnissen soll zuerst das in Brief 3,1 dargelegte Verständnis von otium und anschließend das von negotium herausgearbeitet werden. Eine Zusammenfassung der wesentlichen Ergebnisse rundet die Arbeit schließlich ab.

2. Interpretation des Briefes (Plin. epist. 3,1)

2.1 Inhaltlich-sprachliche Analyse

2.1.1 Spurinna als Plinius‘ Vorbild im Alter (§ 1)

Der Brief beginnt wie gewohnt mit der Grußformel, die den Namen des Adressaten verrät: C. Plinius Calvisio Rufo suo s5. Calvisius Rufus kann als ein „idealer Empfänger“6 bezeichnet werden, nicht nur weil er zu Plinius‘ Freunden zählt und an ihn weitere Schreiben gerichtet sind,7 sondern auch aufgrund der räumlichen Distanz zwischen Empfänger und Adressant – Rufus ist nämlich in Comum und Plinius in Rom. Damit wirkt der Adressat des Briefes genauso authentisch wie Plinius‘ Anlass zum Schreiben:8 Es geht um seinen Besuch „vor nicht langer Zeit“ (nuper) beim Dreifach-Konsular Titus Vestricius Spurinna, der sich im otium befindet.9 Dies wird zwar im ersten Paragraphen noch nicht explizit genannt, aber die adverbiale Bestimmung „im Alter“ (in senectute), verstärkt durch das Verb senescere („altern“), lässt die römische Tradition des „Alters- otium “ zumindest anklingen.10

Ferner wird Spurinnas unvergleichbare Vorbildfunktion für Plinius‘ Altersplanung deutlich.11 Das veranschaulichen einerseits die drei Verneinungen nescire, nemo und nihil, andererseits das Verb aemulari: Nescio an ullum iucundius tempus exegerim, quam quo nuper ad Spurinnam fui, adeo quidem ut neminem magis in senectute […] aemulari velim; nihil est enim illo vitae genere distinctius. 12 Gleich zu Beginn erhält der Brief zudem Wettstreit-Charakter, da Plinius Spurinnas Lebensweise im Alter nicht nur nachahmen, sondern sogar übertreffen möchte, was aemulari zum Ausdruck bringt.13 Anders als gewöhnlich scheint sich das imitatio-aemulatio -Prinzip also nicht vordergründig auf die literarische Tätigkeit eines anderen zu beziehen.14 Das Adjektiv distinctus wiederum erklärt, wieso Spurinnas vitae genus so erstrebenswert ist: Sie sei ,geordnet‘ und ,ausgeschmückt‘, wodurch die sich im ganzen Brief widerspiegelnde Ordnung sowie kunstvolle Variation der Alltagsaktivitäten bereits an dieser Stelle impliziert wird.15

2.1.2 Spurinnas Grundsatz: Ein wohlgeordnetes Leben (§§ 2-3)

In den nächsten beiden Paragraphen lassen sich weitere Begriffe finden, die Ordnung bzw. Unordnung ausdrücken: dispositus (§ 2), confusus (§ 2), turbatus (§ 2), placidus (§ 2), ordinatus (§ 2) und ordo (§ 3). Zu Beginn seiner „,Hymne an die Ordnung‘“16 (vgl. § 2) vergleicht Plinius den „unzweifelhaften Lauf der Gestirne“ (certus siderum cursus) chiastisch mit dem „wohlgeordneten Leben der Menschen“ (vita hominum disposita). Danach sei ein geregeltes Leben ein zyklischer Kreislauf, auf dem die Menschen ordnungsgemäß ihre Bahnen ziehen.17 Diese Vorstellung wird kurz darauf wieder aufgegriffen (vgl. § 3). Die Metapher des wie ein Himmelskörper immer in derselben Laufbahn kreisenden Spurinna bezieht sich dieses Mal allerdings auf einen ,wohlgeordneten‘ Tag (vgl. parva haec – parva, si non cotidie fiant – ordine quodam et velut orbe circumagit)18. So kennzeichnet Plinius sowohl ein Leben als auch einen Tag „that is properly or regulary arranged“19 durch Wiederholung sowie Kontinuität (vgl. cursus und orbis) und setzt sie in Verbindung mit der natürlichen Ordnung des Kosmos.20 Doch besonders die Lebensführung der alten Menschen sei mit dem kosmischen System vergleichbar (vgl. senum praesertim, § 2), was die Zweiteilung des Lebens nach den Altersstufen iuventus und senectus aufzeigt: nam iuvenes confusa adhuc quaedam et quasi turbata non indecent, senibus placida omnia et ordinata conveniunt 21. Während der Parallelismus diese Zweiteilung hervorhebt, verdeutlichen die Antithesen confusus - placidus und turbatus - ordinatus die gegensätzlichen Wesen beider Lebensabschnitte. Zwar wird die Möglichkeit von Ordnung für die Jugendjahre nicht ausdrücklich verneint, sondern der Zustand der Unordnung (vgl. turbatus) lediglich als „nicht unangebracht“ (vgl. non indecere)22 angesehen, für das hohe Alter gehören sich aber ausschließlich die genannten Kennzeichen der Ordnung (vgl. ordinatus). Zudem wird senectus als erstrebenswerter dargestellt, denn Plinius verbindet den Zustand der Ordnung mit Ruhe (vgl. placidus), den der Unordnung jedoch mit Verwirrung (vgl. confusus).23

Es ist demnach eine Art „natürliche Bestimmung“24 der Menschen, insbesondere die der betagten, Ordnung im Leben zu bewahren. Die Begriffe indecere, convenire und turpis (vgl. § 2) verleihen dem Ganzen zugleich eine normative Bedeutung. Folglich benimmt sich Spurinna, der sich mit seiner geregelten Lebensführung ohne industria und ambitio (vgl. § 2)25 an „diesen Grundsatz“ (hanc regulam, § 3) hält, sowohl naturgemäß als auch sittlich.26 Damit wird, verstärkt durch das im Superlativ stehende Adverb constantissime („am standhaftesten“, § 3), dessen exemplarischer Status abermals unterstrichen.

2.1.3 Spurinnas Tagesablauf: Spaziergänge, Lektüre und Gespräche (§§ 4-5)

Die Schilderung des Tagesablaufs von „frühmorgens“ (mane, § 4) bis „nachts“ (nocte, § 9) beginnt erst im vierten Paragraphen und gleicht einem Erlebnisbericht, wobei sich die Charakterisierung bzw. Würdigung des Konsulars fortsetzt.27 Die Aufzählung wird stets durch Temporaladverbien (z.B. deinde, mox, § 5), weitere Zeitangaben (z.B. hora secunda, § 4; hieme nona, § 8) oder Partizipien (z.B. peractis septem milibus, § 7; lotus, § 8) strukturiert, die die Tagesabschnitte jeweils unterschiedlich genau bestimmen.28

Wirft man nun einen Blick auf Spurinnas Tag, so verläuft er laut Plinius wie folgt: Morgens vor dem Aufstehen meditiert Spurinna zuerst (vgl. mane lectulo continetur, § 4). „Zur zweiten Stunde“ (hora secunda) geht er drei Meilen spazieren (vgl. ambulat milia passuum tria, § 4).29 Wenn Freunde zu Besuch sein sollten, unterhält er sich beim Spaziergang mit ihnen (vgl. si adsunt amici, honestissimi sermones explicantur, § 4). Indem Plinius von honestissimi sermones spricht, macht er klar, dass nicht einfach belanglos geplaudert wird. Vielmehr zeichnen „serious purpose and a refined quality“30 die Unterhaltungen aus. Alternativ kann mit Zustimmung der Freunde (vgl. si tamen illi non gravantur, § 4) auch ein Buch von einem lector vorgetragen werden. Ist niemand da, wird ohnehin vorgelesen (vgl. si non, liber legitur, § 4). Nach Johnson deute das Verb gravare dabei auf einen anspruchsvollen Text hin.31 Nach der ambulatio liest oder unterhält sich Spurinna erneut;32 letzteres sei ihm allerdings „lieber als ein Buch“ (libro potior, § 5). Daraufhin unternimmt er eine Wagenfahrt (vgl. mox vehiculum ascendit, § 5), wobei ihn entweder seine Ehefrau Cottia oder einer seiner Freunde begleitet, so wie etwa Plinius neulich (vgl. ut me proxime, § 5). Mit diesem kurzen Einschub gelingt es Plinius auf seine Freundschaft mit Spurinna, einer „politischen Größe seiner Zeit“33, beiläufig hinzuweisen.34 Darüber hinaus charakterisiert er Cottia als uxor singularis exempli (vgl. § 5), als eine „Ehefrau von außerordentlichem Vorbild“. Durch eine solch positive Darstellung der Gattin erhält Spurinna ebenfalls besondere Würdigung.35

Des Weiteren zeigt die genaue Betrachtung des Tagesablaufes, dass ein dauernder Ausgleich von geistigen und körperlichen Aktivitäten den Tag des Konsularen bestimmt, worauf sogar Plinius selbst aufmerksam macht: nec minus animum quam corpus exercet (§ 4).36 Aber nicht nur ein rotierender Wechsel ist zu beobachten, psychische und physische Beschäftigungen ergänzen sich z.T. gegenseitig. Nach der Meditation am Morgen beispielsweise (Trainieren des Geistes), erfolgt ein langer Spaziergang (Trainieren des Körpers), der mit Unterhaltungen oder einer Lektüre kombiniert wird.37 Obendrein wird durch die Einbeziehung von sozialen Aktivitäten in den Tagesablauf (vgl. die Rolle der amici) Spurinnas „elegant, indeed artful, integration of aristocratic behaviors“38 noch mehr hervorgehoben. Demzufolge bestimmt Plinius am Beispiel Spurinnas Lebensführung den zu Beginn des Briefes thematisierten Zusammenhang zwischen der vita disposita und der kosmischen Ordnung (vgl. § 2) näher: Erst Ausgleich, Rhythmisierung sowie Variation machen einen dies dispositus aus. Die tägliche Wiederholung eines solchen Tagesablaufes wiederum bewirkt geordnete Verhältnisse im Leben und somit eine Harmonie mit dem Kosmos.39

2.1.4 Spurinnas Tugendhaftigkeit und Tätigkeit als Dichter (§§ 6-7)

Dass Spurinna nicht allein aufgrund seiner Lebensweise als ein exemplum anzusehen ist, sondern ebenso aufgrund seiner Tugendhaftigkeit, legt Plinius im Folgenden (§ 6) dar.40 Diese Stelle hebt sich vom bisherigen Bericht ab, da sie fast nur aus Ausrufen der Bewunderung besteht: quam pulchrum illud, quam dulce secretum! quantum ibi antiquitatis! quae facta, quos viros audias! quibus praeceptis imbuare! (§ 6)41. Bewundert wird zum einen Spurinnas Leben in „Abgeschiedenheit“ (secretum), sprich auf seinem Landgut außerhalb Roms. Genauso wie der Begriff secessus impliziert auch secretum den Zustand des otium.42 Zum anderen bestaunt Plinius Spurinnas Wissen über die Taten (vgl. facta), Helden (vgl. viri) sowie Lehren (vgl. praecepta) der Vergangenheit (vgl. antiquitas).43 Dadurch wird Spurinna in die Rolle des Lehrers versetzt, nicht zuletzt weil sein hohes Alter ihm auch eine gewisse auctoritas verleiht.44 Und obwohl man von ihm viel lernen könne, sei er kein „Moralprediger“45 (vgl. ne praecipere videatur, § 6), denn er kenne aufgrund „seiner Besonnenheit“ (modestia sua, § 6) das „richtige Maß“ (temperamentum, § 6) an Belehrung.46 Die Entscheidungsfreiheit der Freunde (vgl. § 4) scheint dies zu beweisen. Indem Plinius also Spurinna mit den Tugenden prudentia 47 und modestia ausstattet, setzt er ihn in Verbindung mit der mos-maiorum -Tradition und macht ihn zu einem lebenden exemplum für seine Zeitgenossen. Der belehrende Charakter des Briefes wird somit hier besonders deutlich.48

Nach dieser kurzen Unterbrechung setzt der Bericht wieder wie gewohnt fort (ab § 7). Auf die sieben Meilen Wagenfahrt (vgl. peractis septem milibus passuum) folge ein kurzer Spaziergang von einer Meile. Danach ruhe Spurinna sich aus oder ziehe sich zum Schreiben von Gedichten in sein Zimmer zurück (vgl. se cubiculo ac stilo reddit). Mit den lyrica wird neben Literatur sowie Unterhaltungen ein weiterer Aspekt der studia in den Tagesablauf integriert. Dass es sich bei Spurinnas dichterischer Tätigkeit um eine gelegentliche Beschäftigung handelt, verdeutlicht dabei die Konjunktion vel. Doch auch wenn er nicht jeden Tag dichtet, so äußert Plinius dennoch seine Bewunderung für dessen schriftstellerische Fähigkeiten. Spurinna schreibe nicht nur Verse in griechischer und lateinischer Sprache (utraque lingua), sie seien obendrein noch doctissima („sehr geschickt“) verfasst. Insbesondere die Heiterkeit der Gedichte wird durch die Verwendung einer Synonymenhäufung, verstärkt durch eine Anapher, hervorgehoben: mira illis dulcedo, mira suavitas, mira hilaritas. In einem Nebensatz merkt Plinius schließlich an, dass die „Sittenreinheit“ (sanctitas) des hilaritas - Motivs Spurinnas Ansehen steigere.49 Alles in allem weckt Plinius den Eindruck, diesen ebenfalls als ein literarisches Vorbild darstellen zu wollen.

[...]


1 Vgl. Fechner / Scholz 2002, 124 f. und Wagner 2010, 89. Interessanterweise wird das negotium, entgegen seiner etymologischen Entwicklung, nicht aus der Verneinung von otium heraus definiert, sondern das otium lässt sich vielmehr als „Nicht- neg-otium “ (Geisthardt 2015, 159) auffassen. Etymologisch gesehen muss es otium allerdings schon vor seiner Verneinung neg-otium gegeben haben (vgl. Geisthardt 2015, 158 und s.v. negotium, OLD).

2 Vgl. Wagner 2010, 90 und Fechner / Scholz 2002, 134 /140 / 143 (für eine ausführlichere Darstellung der Entwicklung von otium und negotium nach verschiedenen römischen Autoren siehe ebd. 122-145).

3 Wie Wagner 2010, 92 f. anmerkt, unterscheidet Plinius zwischen zwei Varianten von otium: temporäre otia, während der politischen Berufstätigkeit, und dauerhafte otia, im Alter nach Ende der politischen Laufbahn. In Brief 3,1 spielt die erste Form keine Rolle, weshalb sich die Arbeit nur auf die plinianische Vorstellung von „Alters- otium “ konzentriert (vgl. ebd. 99 für den Begriff „Alters- otium “, der im Folgenden übernommen wird).

4 Zu nennen sind z.B. Plinius‘ Selbstdarstellungs-, aemulatio - sowie exemplum -Motiv. Um Wiederholungen zu vermeiden, bleiben zudem Aussagen zu otium und negotium im ersten Teil größtenteils unberücksichtigt.

5 „Gaius Plinius grüßt seinen Calvisius Rufus“. Plinius wird zitiert nach der Ausgabe von Mynors 1963.

6 Pausch 2004, 115.

7 Insgesamt sind sechs Briefe an Calvisius adressiert, vgl. Sherwin-White 1966, 202. Für mehr Informationen zur Person Calvisius Rufus‘ siehe RE, s.v. Calvisius (8), Sp.1411.

8 Die Frage, inwiefern es sich bei Plinius‘ epistulae um Kunst- oder Privatbriefe handelt, ist für die Beantwortung der Fragestellung nicht wesentlich und findet hier nicht weiter Berücksichtigung. Deshalb wird an dieser Stelle auf Haltenhoff 2011 (besonders 169-172) hingewiesen. Vgl. auch Pausch 2004, 114 f.

9 Über Titus Vestricius Spurinnas (*24 / 25 n.Chr.) familiären Hintergrund ist nicht viel bekannt, doch es wird nicht ausgeschlossen, dass Spurinna ein homo novus etruskischer Herkunft und ein Nachfahre des berühmten Opferbeschauers Spurinna war (vgl. RE, s.v. Vestricius Spurinna, Sp.1791). Zusammen mit seiner Ehefrau Cottia hatte er einen Sohn namens Cottius, der allerdings früh verstarb (vgl. Plin. epist. 2,7,3 / 2,7,6 und 3,10,2 sowie DNP, s.v. Vestricius, Sp. 135). Was Spurinnas politische Karriere anbelangt, war er Kommandeur im Kampf gegen Vitellius, Statthalter von Untergermanien sowie mindestens zweimal Konsul (vgl. RE, s.v. Vestricius Spurinna, Sp.1791-1795; Pausch geht von drei Konsulaten aus, vgl. Pausch 2004, 114 Anm. 352). Spurinna war womöglich einer von Plinius‘ Förderern oder übernahm sogar eine Art Mentoren-Rolle nach dem Tod seines Onkels Plinius dem Älteren (vgl. Gibson / Morello 2012, 107).

10 Vgl. Fechner / Scholz 2002, 134 / 141 und Wagner 2010, 90. Zur römischen Tradition des „Alters- otium “ bei Plinius siehe 3.1. und 3.2. Auf Spurinnas politisch-militärische Tätigkeiten und auf dessen Rückzug ins otium kommt Plinius am Ende des Schreibens (vgl. §§ 11-12) zu sprechen (siehe Gliederungspunkt 2.1.7).

11 Ausdrücklich als exemplum wird Spurinna erst in § 11 bezeichnet. Damit wird er von Plinius als ein besseres Vorbild als sein Onkel dargestellt (vgl. Gibson / Morello 2012, 117). Für dessen Tagesablauf (Plin. epist. 3,5) – auch im Vergleich zu 3,1 – siehe z.B. Gibson / Morello 2012, 115-123, Haltenhoff 2011, 200-204, Henderson 2002 (Kapitel 2) und Kroh 2015, 86-92.

12 „Ich weiß nicht, ob ich je irgendeine angenehmere Zeit durchlebt habe als die, als ich neulich bei Spurinna war, und zwar so sehr angenehm, dass ich niemandem im Alter […] mehr nacheifern möchte; denn nichts ist wohlgeordneter als jene Lebensweise“. Falls nicht anders angemerkt, handelt es sich bei den in dieser Arbeit angeführten Übersetzungen stets um eigene.

13 Vgl. s.v. aemulari, OLD. Plinius‘ Absicht, Spurinna zu übertreffen, wird nochmals in §§ 11-12 deutlich. Zu den an dieser Stelle nur angerissenen Parallelen zwischen Auftakt und Schluss des Briefes siehe genauer Gliederungspunkt 2.1.7.

14 Vgl. Tamás 2015, 59 (Anm. 32). Tamás spricht außerdem von einer „ intertextuelle [ n ] bzw. intervitale [ n ] Beziehung“ (ebd. 60. Hervorhebungen im Original) von Plin. epist. 3,1 zu Plin. epist. 9,36 und 9,40, die von Plinius‘ Tagesordnung im temporären otium berichten und der des Spurinnas auffallend ähneln. Siehe dazu z.B. Gibson / Morello 2012, 115-123, Henderson 2002 (Kapitel 2), Leach 2003, 161 / 164 f., Lefèvre 2009, 242-245 und Tamás 2015, 65-69.

15 Vgl. s.v. distinctus1 und distinguere (2) , OLD sowie Tamás 2015, 60.

16 Tamás 2015, 58.

17 Durch den Chiasmus wird der Vergleich verstärkt (vgl. die syntaktische Stellung cursus ita vita, die wie eine Gleichung (cursus = vita) wirkt). Das Bild vom Leben als (ewiger) Kreislauf ist eine stoische Vorstellung und „in der römischen Literatur bereits vorgeprägt“ (Kroh 2015, 77). Siehe z.B. Seneca (Seneca wird hier und im Folgenden nach der Ausgabe von Reynolds 1965 zitiert. Für die folgenden Übersetzungen vgl. Fink 2007, 61): Tota aetas partibus constat et orbes habet circumductos maiores minoribus („Die ganze Lebenszeit besteht aus einzelnen Teilen und hat Kreise, wobei die größeren kleinere [Kreise] umschließen.“) (Sen. epist. 12,6). Der größte Kreis sei die gesamte Lebensspanne von der Geburt bis zum Tod, der kleinste sei der Tag, der ebenfalls von der Entstehung bis zum Niedergang verlaufe (vgl. Sen. epist. 12,6). Deswegen müsse jeder Tag so geregelt werden, wie wenn er den Kreis des Lebens vollende (vgl. itaque sic ordinandus est dies omnis tamquam cogat agmen et consummet atque expleat vitam, ebd. 8) („Darum muss man jeden Tag so regeln, als beschließe er die Reihe und vollende, erfülle das Leben.“). Vgl. Kroh 2015, 77 f. Berührungspunkte mit Seneca herrschen ebenso beim Thema ,effektives Zeitmanagement‘ vor, worauf aus Platzgründen nicht näher eingegangen werden kann. Siehe dazu Gibson / Morello 2012, 104 (mit weiteren Literaturangaben) / 170 ff.

18 „Diese Kleinigkeiten – Kleinigkeiten, wenn sie nicht alltäglich stattfänden – umkreist er [sc. Spurinna] in derselben Ordnung wie in einem Kreislauf“.

19 S.v. dispositus, OLD. Zur semantischen Unterscheidung von distinctus und dispositus siehe Kroh 2015, 1 / 79 und Tamás 2015, 60-64, wobei letzterer den Zweck von Plinius‘ Briefen in der Übertragung von rhetorischen Prinzipien in das Alltagsleben sieht und daher den Begriff dispositus sehr im Kontext der Rhetorik betrachtet (vgl. ebd. 51-57).

20 Vgl. Kroh 2015, 71 f. und Tamás 2015, 62 / 65.

21 „Denn jungen Männern sind gewisse Ungeordnetheiten und sozusagen stürmische Dinge noch nicht unschicklich, für alte Männer gehört sich alles Ruhige und Geordnete“.

22 Bei indecere handelt es sich um ein Hapax legomenon (vgl. Kroh 2015, 72 Anm. 6). Für die Übersetzung vgl. s.v. indecere 1, OLD.

23 Vgl. Kroh 2015, 71 f.

24 Ebd. 77.

25 Diese beiden Elemente seien im Alter „zu spät“ und „schändlich“ (vgl. § 2: senibus […], quibus industria sera, turpis ambitio est), da sie für Unordnung im Leben sorgen (vgl. Kroh 2015, 72). Vor allem das Nomen ambitio verweist dabei auf die Ausübung eines öffentlichen Amtes hin (vgl. s.v. ambitio (2), OLD). Für die Parallelen zu §§ 11-12 siehe Gliederungspunkt 2.1.7.

26 Vgl. Kroh 2015, 72 / 77 und Tamás 2015, 65.

27 Vgl. Kroh 2015, 78 und Pausch 2004, 118.

28 Für Plinius‘ Umgang mit Raum und Zeit im Allgemeinen siehe Riggsby 2003.

29 Spaziert wird um die hauseigene gestatio (vgl. Sherwin-White 1966, 207).

30 Johnson 2000, 621.

31 Vgl. Sherwin-White 1966, 207 und Johnson 2000, 621 f. Vgl. zudem die passende Übersetzung von gravare als „[to] show reluctance“ (s.v. gravare (4), OLD).

32 Diesmal findet aber die Lesung bzw. Unterhaltung im Sitzen statt, vgl. § 5: deinde considit („dann setzt er sich hin“).

33 Pausch 2004, 114.

34 Mehr zur positiven Selbstdarstellung Plinius‘ siehe 2.1.7 und 3.2 im Zusammenhang mit seiner Definition von negotium.

35 Vgl. nämlich Sherwin-White 1966, 207: „Worthy wives were a feature of the times“. Zu vorbildhaften Frauengestalten bei Plinius siehe Bütler 1970, 90.

36 „Er [sc. Spurinna] trainiert seinen Geist genauso wie seinen Körper“.

37 Dies merkt auch Bütler an, vgl. Bütler 1970, 47.

38 Johnson 2000, 621. Für eine nach den Kategorien physische, literarische und soziale Aktivitäten eingeteilte tabellarische Darstellung von Spurinnas Tagesablauf siehe ebd. 622. Auf den von Johnson angesprochenen ästhetischen Wert von Spurinnas Lebensführung wurde bereits im Gliederungspunkt 2.1.1 hingewiesen.

39 Vgl. Johnson 2000, 622 f. und Kroh 2015, 78 f. Siehe auch nochmal die Berührungspunkte mit Senecas Bild vom Leben als Kreislauf (Gliederungspunkt 2.1.2 Anm. 17).

40 Für den weiteren Zusammenhang zwischen Ordnung und exemplum siehe Kroh 2015, 79 f. Die Vorstellung, eine geordnete Lebensführung sei auch ein Zeichen von Tugendhaftigkeit, wurde bereits im Gliederungspunkt 2.1.2 angeführt.

41 „Welch jene schöne, welch süße Abgeschiedenheit! Wie viel dort an alter Zeit! Was für Taten, was für Männer hörst du da wohl! Mit welchen Lehren wirst du wohl vertraut gemacht!“ (für imbuare vgl. die Übersetzung von Kasten 2014, 127). Doch selbst der letzte Satz lässt einen Ausruf anklingen (vgl. quam vis, § 6).

42 Vgl. s.v. secretum (1A) und secessus, OLD sowie Bütler 1970, 43 f. Siehe für secretum als otium z.B. auch Plin. epist. 1,9,6, für das häufigere Nomen secessus siehe z.B. Plin. epist. 1,3,3 oder 3,5,14.

43 Vgl. Henderson 2000, 63, Kroh 2015, 84 f. Während Sherwin-White antiquitas als „outlook and manners of the Italian provincial“ (Sherwin-White 1966, 207) interpretiert, vertritt Lefèvre die in der Forschung häufigere Meinung, dass antiquitas für die Republik oder –unabhängig von einer Epoche – überhaupt für die „,gute alte Zeit‘“ (Lefèvre 2009, 274) an sich stehe und Plinius‘ „,Republikanermentalität‘“ (ebd. 277) wiedergebe.

44 Vgl. Bütler 1970, 88, Henderson 2000, 63 und Kroh 2015, 84 f.

45 Kasten 2014, 127.

46 Dadurch, dass modestia und temperamentum beide gleich mit „Mäßigung“ übersetzt werden können (vgl. s.v. modestia (1) und s.v. temperamentum (4) , OLD), wird diese Tugend besonders hervorgehoben.

47 Spurinnas Wissen kann man als Zeichen seiner Weisheit sehen. In der Tat wird später im Brief von prudentia gesprochen (vgl. § 10). Insgesamt erscheint Spurinna hier als der Idealtyp eines stoischen Weisen.

48 Vgl. Bradley 2010, 394 / 396 (auch für Plinius‘ Umgang mit exempla im Allgemeinen), Kroh 2015, 81 und Pausch 2004, 118 / 122 / 127 f.

49 Spurinnas Gedichte seien anständig, anders als die lascivia -Gedichte mancher seiner Standesgenossen. Vgl. Sherwin-White 1966, 208 und RE, s.v. Vestricius Spurinna, Sp.1796 f.

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Details

Titel
Plinius, Brief 3,1. Die plinianische Vorstellung von otium im Alter am Beispiel des Spurinna
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,0
Jahr
2016
Seiten
21
Katalognummer
V978281
ISBN (eBook)
9783346334435
ISBN (Buch)
9783346334442
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Plinius der Jüngere, Briefe, 3, 1, otium, negotium, Alter, Tagesablauf, Spurinna, Plinius der Ältere, Tugend, Literatur, Routine, Cato, Cicero, imitatio, aemulatio, Kaiserzeit, Republik, res publica, Korpus, Defintion, Philosophie, Lebenslauf, Aristokratie, Selbstdarstellung, Unsterblichkeit, industria, labor, ambitio, luxuria, studia, exempla, Stoa, Epikureismus, vita activa, vita contemplativa, Vorbild, Intertextualität
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Plinius, Brief 3,1. Die plinianische Vorstellung von otium im Alter am Beispiel des Spurinna, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/978281

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