Sammelrezension zu Wagner-Egelhaaf (2014) und Krumrey (2014)

Autorschaft und Skandal


Rezension / Literaturbericht, 2020

11 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Autorschaft und das Verhältnis zwischen Autor und Text rücken seit mindestens zehn Jahren wieder vermehrt in den Fokus der Literaturforschung, sind jedoch auch Teil gesellschaftlicher, medienkultureller Diskussionen geworden.1 Der/die Autor*in hat, so zeigt es eine Vielzahl an Veröffentlichungen, ebenso wie dessen/deren Text eine bedeutungsschaffende Funktion inne, die nicht vom Text getrennt, sondern vielmehr als ihn ergänzend zu betrachten ist. Die Rolle, oder auch Figur, der/des Autor*in/s in den Medien kann hierbei zu einer wichtigen Instanz für die Rezeption und den Erfolg eines Buches werden. Abhandlungen wie Florian Hartlings Der digitale Autor von 20092 unterziehen das Thema Autorschaft und Medien im Kontext des digitalen Zeitalters einer genaueren Analyse. Christine Künzel und Jörg Schönert (Hg.) tragen in ihrem Sammelband Autorinszenierungen: Autorschaft und literarisches Werk im Kontext der Medien 3 Aufsätze zusammen, die unter anderem Inszenierungsstrategien, „wie die Selbststilisierung des Künstlers zum Priester […] und Messias“4, von Autor*innen seit Beginn des 20. Jahrhunderts untersuchen. Dieser Verschränkung von Autorschaft und Religion, zudem auch Politik, geht Martina Wagner-Egelhaaf in ihrem Aufsatz zu Autorschaft und Skandal. Eine Verhältnisbestimmung5 im Kontext des Skandals nach, in dem ihrer Auffassung nach die Medien eine wesentliche Rolle spielen. Ihr Aufsatz ist Teil des 2014 erschienenen doppelbändigen Werkes zu Skandalautoren. Zu repräsentativen Mustern literarischer Provokation und Aufsehen erregender Autorinszenierung von Andrea Bartl und Martin Kraus6. Die Literaturwissenschaftlerin Wagner-Egelhaaf, deren Forschungsschwerpunkt unter anderem auf ‚Literatur – Religion – Politik‘ liegt, erörtert vorrangig etymologisch die soziologisch geprägte Begriffsbestimmung des Skandals, diskutiert dessen Personalisierung durch den/die Autor*in und bindet eine religiöse Betrachtungsweise in ihre Ergebnisse ein.

Dem Untersuchungsgegenstand von Autorschaft schließt sich im selben Jahr der Sammelband Theorien und Praktiken der Autorschaft von Matthias Schaffrick und Marcus Willand7 an, der „[h]ermeneutische, poststrukturalistische, fiktionstheoretische, narratologische und inszenatorische“8 Konzepte und Analysen vorstellt. Brigitta Krumreys reiht sich mit ihrem Aufsatz zu Autorschaft in der fiktionalen Autobiographie der Gegenwart: Ein Spiel mit der Leserschaft9 in den praxisorientierten Analyseteil des Bandes ein, indem sie zwei literarische Beispiele dahingehend untersucht, wie die Autor*innen durch paratextuelle und diegetische Methoden autobiographischen Wahrheitsanspruch vortäuschen. Krumrey, die sich unter anderem dem Forschungsbereich des autofiktionalen Schreibens in der deutschen Gegenwartsliteratur widmet, zeigt in der Analyse von Charlotte Roches Feuchtgebiete und Schoßgebete sowie Klaus Modicks Bestseller, wie (vorgetäuschte) Authentizität als Marketingstrategie für ein ‚Spiel mit der Leserschaft‘ operationalisiert wird.

Wagner-Egelhaaf kontextualisiert und exemplifiziert auf den ersten Seiten das Verständnis von Skandal und Skandalpotenzial. Sie beschreibt anhand ihrer auf literarischen Merkmalen beruhenden Beispiele die Rolle der/des Akteur*in/s innerhalb des Skandals als notwendigen Faktor für dessen Entstehung. Dennoch distanziert sie sich vom Begriff der ‚Skandalautoren‘, da dieser eine Bewertbarkeit nahelege. Auf dem theoretischen Gerüst von Michel Foucaults Qu’est-ce qu’un auteur? und Roland Barthes‘ Was ist ein Autor? Beruhend, versucht ihre Abhandlung, Autorschafts- und Skandaltheorie miteinander zu verbinden, „indem [sie] den Skandal als Medium der Autorschaft und Autorschaft als Medium des Skandals […] zu fassen sucht“10. Bevor sich Wagner-Egelhaaf der Untersuchung des Skandalbegriffs nähert, unternimmt sie eine Kontextualisierung der Rolle der/des Autor*in/s in der Literaturwissenschaft und den Medien. Durch einen knappen, präzisen Vergleich von Autorschaftstheorien, die vor allem seit der Toterklärung der/des Autor*in/s Ende der 1960er Jahre an Präsenz gewannen (ebd.), definiert Wagner-Egelhaaf die/den ‚wiederauferstande/n‘ Autor*in nach den 1990er Jahren als „Werk seiner[/ihrer] selbst“11. Dies bedeutet, so Wagner-Egelhaaf, dass sich Autor*innen und ihre Texte gegenseitig bedingen, da eine „relationale[…] Wechselbeziehung zwischen Text und auktorialer Instanz“12 besteht. Von diesem Aspekt der primär textbezogenen Analyse entfernt sich die Literaturwissenschaftlerin weitestgehend, setzt sie ihren Fokus vielmehr auf die Funktion der/des Autor*in/s als ‚Figur‘ in der Öffentlichkeit, somit auch den Medien, im Kontext des Skandals. Dem Skandal weist Wagner-Egelhaaf eine besonders öffentlichkeitswirksame Rolle zu, die sie in ihrer Forschungsthese zusammenfasst. Ihre These, dass „im Skandal um Autorinnen und Autoren politische und religiöse Dimensionen von Autorschaft aufbrechen, die in der säkularisierten Moderne üblicherweise kaum mehr ins Bewusstsein treten“13, eröffnet die weitere Analyse.

Beginnend mit einem exemplarischen, international relevanten Skandal, dessen Ursprung in einer angeblichen Beleidigung des Propheten Mohammeds durch den britisch-indischen Autor Salman Rushdie liegt, veranschaulicht Wagner-Egelhaaf ausführlich, wie Autorschaft, Religion und Politik ineinander verwoben sein können. Sie stellt heraus, wie „das doppelte Licht politischer und religiöser Kodierung“14 dem Autor Rushdie eine doppelte Rolle, oder auch Funktion, in der öffentlichen Wahrnehmung zugeschrieben wird, da er sowohl als Opfer als auch als Symbol für Kunstfreiheit fungiere. Wagner-Egelhaaf spannt daraufhin nachvollziehbar den Bogen zum wachsenden Interesse am Thema ‚Religion‘, das durch diesen Skandal und nach dem 11. September 2001 sowohl eine „Wiederkehr der Götter“ als auch eine „Wiederkehr des Autors“15 markiere. In nachvollziehbarer und logischer Weise zieht Wagner-Egelhaaf die alteuropäische, religiös geprägte Autorschafssemantik unter einem Auszug von Platons Ion heran, der in dem/der Dichter*in die Stimme Gottes sieht. Auf diesem Zitat aufbauend, stellt ihr Aufsatz Verbindungen zum kulturell und religiös geprägten Bild eine*r/s Autor*in/s des 18. Jahrhunderts als „Seher“ und „Genie“16 her. Dieser Sakralisierung von Autorschaft setzt der Text Foucaults und Barthes‘ Versuch der ‚Entsakralisierung‘ entgegen und gelangt zu der trivial erscheinenden, aber doch tiefgründigen Frage nach der Besonderheit von Lesungen und Signaturen von Autor*innen. Wagner-Egelhaaf verknüpft diese Besonderheit, oder „Aura“17, mit dem Begriff der ‚Autorität‘, den sie etymologisch und auf Hannah Arendts Ausarbeitungen beruhend definiert.

Im weiteren Verlauf konzentriert sich der Text auf den Begriff des Skandals und zieht vor allem soziologische Theorieansätze heran. Die soziologischen Überlegungen kann Wagner-Egelhaaf eindringlich mit der literaturwissenschaftlichen Perspektive verbinden, indem sie „die theatrale Dimension des Skandalgeschehens unterstreicht“18. Folgerichtig verweist sie auf die „[K]onzeptualisier[ung] de[s] Skandal[s] als politisches Theater“19 von Käsler und Co., die aufgrund des Wortursprungs von ‚Skandal‘ den Theater-, und somit auch Unterhaltungscharakter hervorheben. Das ‚Beinstellen‘ der ‚scandalistés‘, das den Akt und Begriff ‚Falle‘ oder ‚Anstoß‘ mit sich bringt, fungiert für den weiteren Verlauf des Aufsatzes als Grundlage der Argumentationskette. Wagner-Egelhaaf gelingt es einerseits, die verschiedenen Dimensionen des Skandals, wie etwa die dramatisch-theatrale, die narrative und die sprachlich-rhetorische Dimension, auf eine literaturwissenschaftliche Perspektive anzuwenden. Andererseits verknüpft sie plausibel die etymologische Semantik des Begriffs ‚Skandal‘ mit den literaturwissenschaftlich orientierten Ausführungen. Wagner-Egelhaaf versäumt es dabei nicht, die Rolle der Medien und der Ambiguität für das Zustandekommen und den Verlauf eines Skandals zu beschreiben und diese nachvollziehbar in die Argumentation einzubauen. Hierbei betont sie, dass die Medien allein durch die Äußerung ‚Skandal‘ – hier führt sie noch weitere semantisch verwandte Beispiele heran – einen Skandal hervorrufen können.

Aufbauend auf den Begriffs- und Dimensionsbestimmungen des Skandals zieht Wagner-Egelhaaf weitere literarische, auf (angeblich) Blasphemie basierende Beispiele aus der Skandalgeschichte heran und stellt die gesellschaftliche Komponente des Brechens von Tabus und Normen durch den Skandal dar. Die Rolle der Medien im Skandal und die Ambiguität eines Textes werden anhand der herangezogenen Beispiele deutlich, sodass auch Wagner-Egelhaafs These „Blasphemie ist immer gut für einen Skandal“20 plausibel erscheint. Die Beispiele, deren skandalisiertes Subjekt letztlich immer der/die Autor*in war, definiert sie schließlich folgerichtig als ‚Autorschaftsakte‘, wodurch eine explizite Verhältnisbestimmung zwischen Skandal und Autorschaft hergestellt wird.

Den primär sozialwissenschaftlichen und lexikalischen Definitionen des Skandalbegriffs fügt Wagner-Egelhaaf die „biblische Konnotierung“21 hinzu, wodurch sie ihre vorangehenden Ausführungen zu den Dimensionen des Skandals und etymologischen Definitionen untermauert. Auch ihre Überlegungen zu den religiösen und gesellschaftlichen Komponenten, wie etwa der Blasphemie und des Tabu-Brechens sowie der Rolle der/des Akteur*in/s innerhalb eines Skandals, werden hier implizit bekräftigt. Wagner-Egelhaafs später folgende These verbindet schließlich die untersuchten Aspekte miteinander und verdeutlicht das Verhältnis zwischen Autorschaft und Skandal im Sinne einer literaturwissenschaftlichen Analyse.

Am Ende ihres Aufsatzes eröffnet Wagner-Egelhaaf eine weitere Interpretationsebene der Figur der/des Autor*in/s um die der Geste. Indem sie sich an Giorgio Agambens Aufsatz Der Autor als Geste von 2005 orientiert und sein Bild der ‚Schlinge‘ etymologisch reflektiert, kann sie zum einen Parallelen zum Begriff ‚Skandal‘, also auch den ‚Beinstellern‘, ziehen. Zum anderen ermöglicht die Heranziehung seines Textes die These, dass das Verhältnis von Autor*in und Text selbst eine „skandalöse Ambiguität“22 innehabe, da der/die Autor*in selbst als Beinsteller*in, zugleich auch „durch Abwesenheit und Anwesenheit […] gekennzeichnete, geheimnisvolle Instanz“23 im Text fungiere. Wagner-Egelhaaf schließt ihren Aufsatz ab, indem sie zum einen mit einer Diskussionsfrage zur Ambiguität der/des Autor*in/s neue Denkanstöße gibt. Zum anderen realisiert sie auf rhetorische Weise thematische Textkohärenz, indem sie das Motiv des ‚Stolperns‘ erneut aufgreift und es auf die Rolle der/des Autor*in/s in der Gesellschaft anwendet.

Wagner-Egelhaaf gelingt es, durch die verschiedenen Analyseebenen, vor allem die der Etymologie, einen stimmigen und gut lesbaren Beitrag zur Autorschafts- und Skandalforschung zu leisten. Ihre Argumentationsketten sind nachvollziehbar und verständlich strukturiert und orientieren sich fortlaufend an ihrer Kernthese, während sie die politischen und religiösen Dimensionen des Skandals ausgewogen in Verbindung bringt. In ihrer literaturwissenschaftlichen Perspektive reflektiert sie fundiert die soziologische Begriffsbedeutung von Skandal und setzt religiös konnotierte Merkmale von Autorschaft und Skandal ins Verhältnis. Kernbegriffe wie ‚Autorität‘ werden nicht undefiniert aufgegriffen, sondern auf ihre Bedeutungsherkunft hin ausführlich diskutiert. Auch die Rolle der Medien im Kontext des Skandals erfährt ausreichend Berücksichtigung. Allerdings versäumt es Wagner-Egelhaaf den Begriff ‚Medien‘ zu konkretisieren. So ist es unklar, ob sie sich im Kontext des Skandals ausschließlich auf ‚herkömmliche‘ Medien des Print-, Funk- und Fernsehbereichs bezieht oder die neueren Formen der sozialen Medien impliziert sind, was für das Zustandekommen und den Verlauf eines Skandals relevant sein könnte. Letzteres liegt zwar nahe, da sie durch das Indefinitpronomen jemand in „[…] dass jemand Skandal ruft“24 einen weiten Interpretationsraum zulässt, doch explizit erläutert wird dies im Text nicht.

[...]


1 Vgl. z.B. Matthias Schaffrick/Marcus Willand: Autorschaft im 21. Jahrundert. In: Theorien und Praktiken der Autorschaft, hgg. von dies., Berlin/Boston 2014, S. 3.

2 Florian Hartling: Der digitale Autor. Autorschaft im Zeitalter des Internets, Bielefeld 2009.

3 Christine Künzel/Jörg Schönert (Hgg.): Autorinszenierungen. Autorschaft und literarisches Werk im Kontext der Medien, Würzburg 2007.

4 Ebd., S. 14.

5 Martina Wagner-Egelhaaf: Autorschaft und Skandal. Eine Verhältnisbestimmung. In: Skandalautoren. Zu repräsentativen Mustern literarischer Provokation und Aufsehen erregender Autorinszenierung, Bd. 1, hgg. von Andrea Bartl/Martin Kraus, Würzburg 2014, S. 27-46.

6 Andrea Bartl/Martin Kraus (Hgg.): Skandalautoren.

7 Matthias Schaffrick/Marcus Willand (Hgg.): Theorien und Praktiken der Autorschaft.

8 Ebd., S. 120.

9 Brigitta Krumrey: Autorschaft in der fiktionalen Autobiographie der Gegenwart: Ein Spiel mit der Leserschaft. Charlotte Roches Feuchtgebiete und Klaus Modicks Bestseller. In: Theorien und Praktiken der Autorschaft, hgg. von Matthias Schaffrick/Marcus Willand.

10 Wagner Egelhaaf: Autorschaft, S. 29.

11 Ebd.

12 Ebd.

13 Ebd., S. 30.

14 Ebd., S. 31.

15 Ebd.

16 Ebd., S. 33.

17 Ebd.

18 Ebd., S. 35.

19 Ebd.

20 Ebd., S. 38.

21 Ebd., S. 41.

22 Ebd., S. 45.

23 Ebd.

24 Ebd., S. 36.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Sammelrezension zu Wagner-Egelhaaf (2014) und Krumrey (2014)
Untertitel
Autorschaft und Skandal
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
11
Katalognummer
V978538
ISBN (eBook)
9783346331267
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Autorschaft, Skandal, Autobiographie, Wagner-Egelhaaf, Krumrey, Autorinszenierung, Leserschaft
Arbeit zitieren
Alexander Bärtl (Autor:in), 2020, Sammelrezension zu Wagner-Egelhaaf (2014) und Krumrey (2014), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/978538

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