Formalisierter Kompetenzerwerb und -vermittlung beim Skaten


Hausarbeit, 2019

16 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Methodische Herangehensweise

4. Feldforschung
4.1. Training im Frauenskatekurs
4.2. Training im Hochschulsport (19. Mai)
4.3. Erwachsenenskatekurs (26. Mai)

5. Die Vermittlung körperlicher Praxis
5.1. Verbale Unterweisung
5.2. Demonstration
5.3. Feedback
5.4. Mimetisches Lernen

6. Fazit

7. Literatur

1. Einleitung

Zu einem Stadtraum wie Leipzig gehören Skateboards einfach dazu: schon von weitem kann man die Rollbretter hören, bevor man die Skateboardfahrerinnen sehen kann. Diese haben Skateboardfahren erst gelernt: der Kompetenzerwerb ist die Voraussetzung fürs Fahren. In diesem Feldforschungsbericht geht es um die Art und Weise der Kompetenzvermittlung. Dazu habe ich mehrere Kurse in Leipzig als teilnehmende Beobachterin besucht.

In Leipzig gibt es ein Angebot des Vereins Urban Souls e.V., der als freier Träger der Jugendhilfe vor allem Individualsportarten anbietet wie z. B. Skateboard, BMX, Breakdance, usw. (http://www.urban-souls.de/). Seit 2009 gibt es im Stadtteil Grünau das Jugendkulturzentrum HEIZHAUS, in dem der Verein Skatekurse für Alle anbietet. Ehrenamtliche Trainerinnen und Trainer bieten feste Kurse an: damit ist ein institutioneller Rahmen für den Kompetenzerwerb des Skateboardens gegeben. Der Sportwissenschaftler Christian Peters hat in seiner Ethnographie im Mai 2012 die Kölner „North Brigade“ beobachtet. Diese Kurse sind - wie auch die im Leipziger Heizhaus - eine „deklariert didaktische Situation“ (Peters 2016 S. 247). Dieser formaler Bildungsrahmen steht für viele Skater im Gegensatz zu ihrem Selbstverständnis. Peters zitiert aus einem Skatemagazin:

Für mich war es nur immer so, dass Skateboarding etwas ist, was du irgendwo aufschnappst und dass du dann für dich selbst machst und selbst lernst. Nicht direkt DIY, aber ich meine, du nimmst dein Board und gehst skaten. (Peters 2016, S.52)

Diese Koexistenz von ideologischer Aufrechterhaltung einer Subkultur und den formalen Bildungsrahmen ist der Ausgangspunkt dieser Hausarbeit.

In der vorliegenden Arbeit werden kommunikative Prozesse untersucht, in denen die Kompetenzaneignung und der Erwerb von „Körperwissen“ vermittelt werden. Beim Kompetenzerwerb des Skatens ist das Ziel, geschult und sozialisiert zu werden, um einen ausgebildeten und kompetenten „Bewegungsapparat“ und den entsprechenden „Habitus“ zu entwickeln (Bourdieu 1982; Wacquant 2003). Das Training beim Skaten und des Sports lässt sich an folgenden Kriterien festmachen.

Training im Sport beschreibt zunächst sehr allgemein einen sozialen, räumlichen und zeitlichen Handlungskontext, der durch spezifische, auf ein Ziel ausgerichtete kommunikative Handlungen des körperlichen Trainierens hervorgebracht wird. (Singh 2019 S. 13)

Ich wollte herausfinden, wie SkaterInnen aufeinander Bezug nehmen und im Lernprozess mit einander kommunizieren und wie das TrainerIn-SchülerIn-Verhältnis ausgestaltet wird. Skaten ist ein Einzelsport, der in der Gruppe ausgeübt wird. Schlägt sich diese Struktur auch in den Trainingsmethoden nieder? Ich möchte die didaktischen Mittel zum Kompetenzerwerb untersuchen.

2. Methodische Herangehensweise

Für meine Feldforschung habe ich mich für die teilnehmende Beobachtung entschieden, angelehnt an Wacquant (2003). Loic Wacquant trainierte während seines Promotionsstudiums in einem lokalen Boxclub in der South Side von Chicago und beschreibt das Boxtraining und die sozialen Zusammenhänge im schwarzen Ghetto. Für seine Arbeit nimmt Wacquant jahrelang am Boxtraining teil, um diese Praxis zu beschreiben. Wacquant ist ein Schüler Bourdieus und führt dessen Tradition des „Sens Practique“ (1980) weiter, wonach sich das Wissen und die Bedeutung einer Praktik vor allem durch die Praxis selbst erschließen. Der Kulturwissenschaftler Ajid Singh plädiert ausdrücklich für die Methode der teilnehmenden Beobachtung, wenn es um die Vermittlung von Körperwissen geht:

Über die mimetische Aneignung einer Körperbewegung wird schließlich ihr eigentlicher Sinn verstehbar und inkorporiert sich auf diese Weise als Körperwissen. Hierin offenbaren sich nicht nur theoretische Anschlüsse für die bereits angesprochenen Praxistheorien, sondern gleichermaßen methodische Implikationen, wie der eigene Forscherleib so ins Feld versetzt wird, dass er die konstitutiven Praktiken am eigenen Leib erfährt. (Singh 2019 S. 55)

Mir ist bewusst, dass ich das Feld mit Vorverständnissen und Vor-Annahmen betreten habe. Ich kann sicher auf dem Brett stehen und fahren, doch beherrsche noch keine Tricks. Die Fachausdrücke und der Slang waren mir vor der Beobachtungsphase geläufig. Als Frau habe ich das Skaten bisher vor allem in der passiven Rolle als Zuschauerin erlebt. Ich empfinde einen Gender-Bias, da ich vor meiner Feldforschung nur männlichen Skatern begegnet bin.

Ich habe nach dem Training Stichworte notiert, einzelne Dialoge aus dem Gedächtnis protokolliert und bei meiner Rückkehr überarbeitet. Die Personen habe ich anonymisiert. Ich habe keine Forschungsinterviews mit den Beteiligten durchgeführt, sondern beziehe mich in den Feldnotizen ausschließlich auf Dialoge, die während des Skatekurses stattgefunden haben. Dass ich Daten für eine Feldforschung erhebe, habe ich sowohl den TrainerInnen als auch Feldteilnehmerinnen mitgeteilt.

3. Sportliches Training als Voraussetzung für Skateboarding

Skateboarding gilt als eine relativ neue Sportart, die erst in den Neunzigern richtig populär wurde undan Aufmerksamkeit gewann (Brooke 1999). Das Skaten erlebt seither eine Art Inkorporierung in den Mainstream des Sports. Das bedeutet, dass Normen aus dem Sport auf das Skaten übertragen werden, „that is, as a legitimate sport, one which promotes competition, win-at-all-costs attitude, an extrinsic rewards“ (Beal 1995, S.256). Der Konkurrenzgedanke wie zum Beispiel in Form von Skatecontests oder auch die Anerkennung als olympisch (2020 in Tokyo) machen Skateboarding zum Teil des Mainstreamsports. Der Kompetenzerwerb findet jedoch weiterhin zumeist in informellen Kontexten statt. SkaterInnen treffen sich an skatetauglichen Orten (Spots) oder auf eingerichteten Skateparks.

Skateboarding ist kein Mannschaftssport, jedoch wird es nur selten allein betrieben. Die Vermittlung der Tricks geschieht nicht durch ausgebildete Trainer, denn jedeR ist dazu befähigt, den anderen SkaterInnen Tipps und Ratschläge zu geben. In Deutschland jedoch, darauf weist Peters (2016) hin, scheint die „Tradierung von Skateboarding-Kompetenzen in verschulter Form“ Konjunktur zu haben (S. 253). Im formalen Skateboardtraining vermittelt einE TrainerIn das Wissen über Tricks und wie man diese ausführt. Die Kurse verweisen auf einen sportlichen Kontext, in dem die Anleitung körperlicher Fähigkeiten und dessen Training im Vordergrund stehen.

Der französische Soziologe Marcel Mauss (1973) spricht in diesem Zusammenhang von Körpertechniken: er meint damit gesellschaftliche und kulturelle Mechanismen, die sich in den Körper einschreiben. Sportliches Training ist die kommunikativ erzeugte Konstruktion von Wissen (Singh 2019).

Die gemeinsame Herstellung von Körperwissen ereignet sich sowohl durch die praktische Aneignung von Athleten, als auch durch die kommunikative Vermittlung durch einen Trainer bzw. eine Trainerin. [...] Während Trainer durch verbale und körperliche Modalitäten instruieren und korrigieren, um das entsprechende Wissen am und im Körper des Athleten auszubilden, obliegt es den Lernenden, dieses Wissen durch die wiederholten Bewegungsausführungen performativ einzuüben und körperlich sichtbar zu machen. (Singh 2019 S.52)

In meiner Feldforschung habe ich besonders darauf geachtet, wie die TrainerInnen körperliche Praxis kommunizieren.

4. Feldforschung

Für meine Feldforschung habe ich an insgesamt fünf Skatekursen im Sommer 2019 im Heizhaus in Grünau, Leipzig teilgenommen. Die Kurse fanden im Rahmen als Frauen- und Erwachsenenskatekurs der Vereins Urban Soul statt oder im Rahmen des Hochschulsports. Die Kurse dauerten jeweils etwa drei Stunden.

4.1. Training im Frauenskatekurs

Das Heizhaus liegt in der Grünauer Allee direkt bei der gleichnamigen S-Bahn Station. Das Heizhaus ist eine Skatehalle, was unter anderem an den Rampen erkennbar ist, die unmittelbar vor dem Eingang dauerhaft installiert sind. Als Besucherin betrete ich die Halle durch den Haupteingang. Hinter dem Eingangsbereich hat die Halle keine Zwischendecke. Mehrere Skaterampen aus Beton sind jeweils in verschiedenen Höhen gebaut.

Ich besuche einen Skate-Anfängerinnenkurs, an dem mit mir 21 Frauen teilnehmen. Die Anmeldung zeigt den formalen Charakter des Kurses: sie erfolgte per Mail und die Anwesenheit wird im Eingang schriftlich bestätigt. Die Kursgebühren werden direkt beim Trainer bezahlt, in Höhe von 8 Euro. Kurse im Heizhaus finden sonntags statt.

Erster Kurs (5. Mai)

In der Skatehalle lehnen Skateboards mit unterschiedlicher Breite an der Wand. Die Boards sind mit Zahlen beschriftet und das hintere Ende mit Streifen versehen. Die Kursteilnehmerinnen tragen T-Shirts und lange Hosen; durchweg Sporthosen. Der Kurs wird von zwei Trainern angeleitet, die sich zu Kursbeginn namentlich vorstellen; und zwar mit ihren Vornamen. Nach diesem Vorbild duzen sich durchgängig auch die Teilnehmerinnen im Laufe des Kurses1.

Die beiden Trainer beginnen jede Kurseinheit damit, dass sie alle Teilnehmerinnen in einen Kreis aufstellen. Danach werden die Muskeln mit Übungen erwärmt: auf der Stelle laufen, Dehnübungen für Arme, Beine und Hüfte. Die Trainer kommentieren jede Übung, um den Nutzen für das spätere Skaten zu erklären. T2: „Wichtig sind die Fußgelenke, die werden besonders in Anspruch genommen. Ihr müsst auch daran denken, dass eure Gelenke und Muskeln sich erst an die Bewegungen gewöhnen müssen.“

Nach der Aufwärmphase, die ca. 10 Minuten dauert2, wird die Gruppe geteilt in diejenigen, die noch die Grundlagen des Skatens lernen müssen wie Stehen auf dem Board, Fahren, Pushen, Bremsen und Wenden. Die anderen üben an der Rampe. Dort wird der Drop-In geübt. Das heißt das Eintreten von der oberen Kante der Rampe. Ich entscheide mich, zu den Anfängerinnen zu gehen und die Grundlagen zu wiederholen. Die Frauen in der Gruppe stehen zum ersten Mal auf dem Skateboard. Bei der ersten Übung sollen wir mit einem Fuß vom Skateboard gehen und ihn wieder auf das Brett stellen. Das ist die Aufwärmung für das Pushen, dem eigentlichen Antrieb beim Skaten. Der Trainer macht die Übung vor. Wir stellen uns hintereinander, fahren bis zum anderen Ende der Halle, und dann wieder zurück. Der Trainer unserer Gruppe gibt direkt Feedback, wie die Übung ausgeführt wird. Die anderen Teilnehmerinnen kommentieren die Übungen, während sie warten, dass sie selbst an die Reihe kommen.

Diese Reihenfolge zeigt sich bei allen anschließenden Übungen: Vorstellung der Übung durch den Trainer, Beschreibung des Bewegungsablaufes, Demonstration der Übung und Kommentierung der Ausführung durch Trainer und Teilnehmerinnen. Dabei tauschen Teilnehmerinnen Tipps aus; geben also ihre Erfahrungen an die Anderen weiter.

Zweite Übungseinheit (23. Juni)

Bei der zweiten Einheit, an der ich teilnehme und die ich beobachte, betragen die Außentemperaturen 30 Grad. In der Halle leiten uns drei Menschen an: zwei Trainer und eine Trainerin. Die Gruppe umfasst zehn Frauen, von denen drei das erste Mal dabei sind. Die anderen kenne ich von den Kursen davor.

Bevor die Trainer kommen, macht K einen Trick: den Pop-Shove-it. K führt den Trick aus und erläutert die einzelne Bewegungseinheiten. „Ich stehe ihn noch nicht.“ Das ist eine Formulierung der SkaterInnen und bedeutet, dass die Ausführung noch unsauber ist. Der Trainer T1 kommt dazu, sieht, was K macht und macht den Trick selbst vor. Den Eindruck, dass er der Lehrer ist, wird verstärkt durch eine anschließende Fragerunde. Vor der obligatorischen Aufwärmphase stellt T1 Fragen zum Skaten: „Wie viele Arten von Ollies gibt es?“ Es dauert eine Weile, bis sich jemand meldet: „Vier.“ Der Trainer fragt weiter: „Korrekt, welche?“ So werden auch andere Techniken abgefragt, bis T2 zur Gruppe kommt und die letzte Antwort korrigiert.

T2 fordert uns auf, die Bewegungsabläufe einzelner Tricks zu vertiefen. Eine Gruppe, zu der ich auch gehöre, übt den Ollie, den Sprung mit einem Skateboard. Nachdem ich einige Minuten allein geübt habe, spricht mich Teilnehmerin M an: „Ich übe die Schritte immer einzeln, das hilft mir ganz gut. Weißt du, also, erst die Bewegung mit dem rechten und dann der linke Fuß.“ Sie zeigt mir die Einzelbewegungen, die zusammen den Ollie ergeben. S macht einen perfekten Ollie und lobt sich selbst: „Boah, der war geil, oder? Das war mein bester Ollie bisher“. Ich lobe sie für den gelungenen Trick. Im weiteren Verlauf des Kurses ermutigen sich die Frauen gegenseitig und geben sich Feedback. Ich empfinde das als motivierend.

Ich frage die Trainerin, wie man einen Ollie macht. Sie sagt, dass es auf die Bewegung der Hüfte ankommt und zeigt die Bewegung. Sie bittet mich, einen Ollie zu machen, damit Sie mir direktes Feedback geben kann. Der Trainer T1 kommt zu uns an die Rampe: „Es ist doch ganz einfach, es geht um zwei Bewegungen, die du beide schon kannst. Du hüpfst mit den Füßen von der Tail zu den Boalts. Das kannst du schon. Vorher ist der erste Schritt der Pop, den kannst du auch schon. Du fügst einfach beides zusammen.“ Während seiner Erklärung führt er die entsprechenden Bewegungen aus. Worte und Bewegungen machen den Bewegungsablauf nachvollziehbar.

T1 schaut mir zu, wie ich den Trick im Stehen probiere. Mit meinem letzten Versuch bin ich zufrieden und er fordert mich auf, den Trick im Rollen zu probieren. „Du rollst einfach ganz langsam und dann machst du den Trick, es geht ja darum, dass du später über etwas drüber hüpfen kannst." Ich mache den Trick sehr langsam, fast im Stehen, und bleibe skeptisch. T1 sagt: „Das war gut. Es geht um den Prozess. Du wirst dich immer mehr trauen und herausfinden, dass du auch mal stärker abspringen kannst, um Höhe zu gewinnen und dann wirst du langsam wirklich springen. Ich sage dir, du hast heute einen Ollie geschafft. Ich habe gesehen, wie du das am Anfang gemacht hast und man kann jetzt sagen, du hast heute einen Ollie gemacht.“

Bei den Tricks gibt es unterschiedliche Ausführungen. Durch den Kommentar von T1 wird der Anfängerin quasi verbrieft, dass der Trick gelungen ist. Offenbar geht es nicht um die reine Nachahmung, sondern auch um eine individuelle Interpretation des Tricks.

Vier Teilnehmerinnen üben den Ollie, wir beobachten uns gegenseitig und geben uns Feedback, das ausschließlich positiv ist.

[...]


1 Duzen beobachtete ich in allen Kursen.

2 Die Form der Aufwärmung steht am Beginn jedes Kurses und wird nachfolgend nicht mehr beschrieben.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Formalisierter Kompetenzerwerb und -vermittlung beim Skaten
Hochschule
Universität Leipzig  (Ethnologie)
Veranstaltung
Methoden der Ethnologie
Note
1.0
Autor
Jahr
2019
Seiten
16
Katalognummer
V978566
ISBN (eBook)
9783346335869
ISBN (Buch)
9783346335876
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Skaten, Habitus, Bourdieu, Embodiment, Skatehalle, Ollie, Ethnographie, Skatekurs, Skater, Skaterinnen, Feldforschungsbericht
Arbeit zitieren
Henriette Boysen (Autor), 2019, Formalisierter Kompetenzerwerb und -vermittlung beim Skaten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/978566

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