Die SPD in der Novemberrevolution - Kontinuität und Wandel


Seminararbeit, 2000
12 Seiten, Note: 1

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Die Beteiligung der MSPD an der Regierung und Friedrich Eberts Rolle als Parteivorsitzender
2.2 Die Reaktion der MSPD auf die Anfänge der Revolution
2.3 Ausrufung der Republik durch Scheidemann und der Widerspruch Eberts
2.4 Die USPD in der ersten revolutionären Phase
2.5 Bildung des Rats der Volksbeauftragten
2.6 Die Arbeit im Rat der Volksbeauftragten

3. Schlussbetrachtung

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Kontinuität oder Wandel ? Diese Frage bezeichnet die zwei gegensätzlichen Aspekte der sozialdemokratischen Strategie der Eroberung von Machtpositionen in Staat und Gesellschaft in der Zeit vor und während der deutschen Revolution 1918/19.

Wie aber sah dieser Weg zur Erlangung der politischen Macht aus ? Und welche Auswirkungen hat das Verhältnis von Ideologie und politischer Praxis in der deutschen Vorkriegs- und Kriegssozialdemokratie auf das politische Agieren der MSPD1 nach dem Krieg und im Besonderen in der Novemberrevolution ?

Wichtig ist es hierbei, die Zustände am Ende des Krieges zu betrachten, diese in Bezug zu dem Verhalten der sozialdemokratischen Partei zu setzen und gleichzeitig zu beachten, welche Auswirkungen die politische Haltung des deutschen Volkes im November 1918 hatte, und wie es die Partei in ihrem Agieren behinderte oder auch stützte und förderte. Wie reagierte die MSPD auf die Verhältnisse in Deutschland im November 1918 ? Und welche Rolle spielte dabei die Abspaltung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei im Jahre 1917 ? War es unter den herrschenden Zuständen möglich, für oder gegen die aufkommende Revolutionsstimmung zu handeln, und worauf konzentrierte sich die Politik wirklich? Stützte sich die Partei auf eine große Anhängerschaft und wer waren die führenden Personen in der MSPD, deren politische Einstellungen ausschlaggebend waren für den Kurs der sozialdemokratischen Politik ?

Gleichzeitig ist es wichtig, herauszuarbeiten, auf welchen Gründen das Handeln der Partei basiert und inwiefern sich in ihrem Agieren die Rechtfertigung der Ereignisse in den folgenden Jahren finden lässt.

Die Ausgangsthese meiner Hausarbeit bildet ein Zitat des sozialdemokratischen Theoretikers Eduard Bernstein aus seinem im März 1921 erschienenen Buch ,,Die deutsche Revolution, ihr Ursprung, ihr Verlauf und ihr Werk". Er hatte damit versucht, sich und seinen Zeitgenossen zu erklären, warum die Staatsumwälzung in Deutschland viel weniger radikal abgelaufen ist als alle großen Revolutionen der Geschichte und welche Rolle dabei die Parteien gespielt haben.

Bernstein stellte die These auf, dass ,,je ausgebildeter eine Gesellschaft ist, desto schwerer lässt sie Maßnahmen zu, die auf ihre radikale Umwälzung abzielten" und beurteilte das Verhalten der Sozialdemokraten während der Revolution mit den folgenden Worten: ,,Gleichviel ob sie sich darüber theoretisch Rechenschaft ablegten oder nicht, haben die maßgebenden Führer der SPD dies aus Einsicht in die tatsächlichen Verhältnisse begriffen und ihre Praxis in der Revolution danach gerichtet". 2

Doch war das Verhalten der MSPD während der Revolution wirklich das Richtige und das den Umständen Angemessene ?

2. Hauptteil

2.1 Die Beteiligung der MSPD an der Regierung und Friedrich Eberts Rolle als Parteivorsitzender

Da es in Deutschland vor und während des Krieges nur eine geringe politische Teilhabe der Parteien und des Volkes gab, konnte es 1918 nur um die Erweiterung dieser Demokratisierung gehen, nicht aber um eine Beschränkung. Erweiterung der politischen Teilhaberrechte bedeutete für die maßgeblichen Sozialdemokraten die Ersetzung des preußischen Dreiklassen-Wahlrechts durch das allgemeine, gleiche Wahlrecht, Frauenstimmrecht und vor allem die Parlamentarisierung des Reiches. Aber für die Umwandlung der konstitutionellen in eine parlamentarische Monarchie fehlte die wichtigste Voraussetzung : eine parlamentarische Mehrheit, die das wirklich wollte. .3 Nachdem sich die MSPD lange dagegen gesträubt hatte, unter Hertling in die Regierung zusammen mit den bürgerlichen Parteien einzutreten, stellte Ebert seine Parteifreunde im September 1918 vor eine Entscheidung:

,,Wollen wir jetzt keine Verständigung mit den bürgerlichen Parteien und der Regierung, dann müssen wir die Dinge laufen lassen, dann greifen wir zur revolutionären Taktik, stellen uns auf die eigenen Füße und überlassen das Schicksal der Partei der Revolution. Wer die Dinge in Russland erlebt hat, der kann im Interesse des Proletariats nicht wünschen, dass eine solche Entwicklung bei uns eintritt. Wir müssen uns im Gegenteil in die Bresche werfen, wir müssen sehen, ob wir genug Einfluss bekommen, unsere Forderungen durchzusetzen und, wenn es möglich ist, sie mit der Rettung des Landes zu verbinden, dann ist es unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit, das zu tun."4

Diese Änderung des politischen Kurses der MSPD wurde maßgeblich durch Ebert
entschieden und vorangetrieben, der die Zustände der russischen Revolution und das
Vorgehen der Bolschewiki nicht als Sozialisierung oder Demokratisierung sondern als
Anarchie ansah. Und trotz der Bekennung der Vorkriegssozialdemokratie zum Klassenkampf, erschien es den Mehrheitssozialdemokraten nach den vorangegangenen Ereignissen und der momentanen Zustände als eine der dringenden Aufgaben, Deutschland ein solches Schicksal wie in Russland zu ersparen.

Prinz Max von Baden, der weder als Befürworter des parlamentarischen Systems noch als Anhänger der Friedensresolution vom Juli 1917 galt, wurde im Oktober 1918 mit widerwilliger Zustimmung des Interfraktionellen Ausschusses gewählt, da keiner der übrigen Regierungsparteien einen Gegenkandidaten stellen konnte. Besonders der MSPD fiel diese Zustimmung schwer, da sie sich bewusst waren, dass so der große innenpolitische Umbruch nicht nach außen drang, da ja nun schon wieder ein Königlicher Prinz ernannt worden war. Dabei fragt man sich, ob nicht die durch einige Mitglieder der SPD geforderte Berufung Eberts zum Reichskanzler die verfassungspolitische Wende in Deutschland den Anhängern der SPD wie dem Bürgertum, aber auch dem Ausland viel deutlicher vor Augen geführt hätte. Auch hätten sich vielleicht die Chancen der Demokratisierung Deutschlands vergrößert, wenn die SPD ihrer Ideologie und den sozialdemokratischen Grundsätzen treu geblieben wäre, und nicht zugunsten eines aus Verlegenheit und Unfähigkeit, ihre bisher erreichte politische Führungskraft zu nutzen, gefassten Kompromisses, gegen diese verstoßen hätte. Es war Friedrich Ebert, der die Sozialdemokraten dazu brachte, die Zustimmung zu einer Regierung unter Prinz Max von Baden zu geben. Ebert hatte sich während des Krieges zum ,,Vernunftsmonarchisten" entwickelt und ,,er war sich dessen bewusst, dass nichts für das politische Bewusstseins des Bürgers gefährlicher ist als eine plötzliche, demonstrative Aufhebung der historischen Kontinuität".5

Ebert betrieb seit dem Januar 1918 keine kontinuierliche Politik, sondern vollzog ein politisches Taktieren, um nicht auf Ablehnung zu stoßen, die Zustimmung im Volk gänzlich zu verlieren und vor allem die Machtstellung seiner Partei in der Regierung nicht zu gefährden. Besonders deutlich wird dieser ständige Wechsel seines politischen Vorgehens, als Ebert sich bereit erklärte, sich mit einem Bündnis zu dem Generalleutnant Groener für die Erhaltung der parlamentarischen Monarchie auszusprechen. Ebert forderte hier lediglich die Abdankung einer Person, der des Kaisers, aber nicht die Änderung der Institution des Kaiserreichs. Auch wenn Ebert hier erneut gegen die sozialdemokratischen Grundsätze verstoßen hatte, war er sich trotzdem der Verantwortung seines Handelns bewusst, allerdings hatte er auch keine Gegenreaktion seiner Parteiangehörigen zu befürchten, da diese eine eher gleichgültige Haltung einnahmen und ihrem Parteivorsitzenden sämtliche Handlungsfreiheit einräumten.6 Widerspruch erfuhr Ebert allein von Phillip Scheidemann, Fraktionsführer der MSPD, der die Regierung unter dem Prinzen nicht tolerieren wollte und der die Verantwortung, die nun auf den Sozialdemokraten lastete, als höchst bedenklich einschätzte. Doch Ebert überzeugte ihn davon, dass eine Regierungsbeteiligung zur Zeit der einzige Weg sei, eine Militärdiktatur der OHL und die dadurch ausgelöste Revolution zu verhindern. Ebert legitimierte sein Verhalten als eine Politik ,,friedlicher Reformen". 7

Diese Regierungsbeteiligung brachte der MSPD zwar die nötige Machtstellung im deutschen Reich, gleichzeitig erhielt sie aber ,,die undankbare Rolle der Liquidatoren" der Niederlage des Weltkrieges. Die anderen Parteien zogen sich weitgehend aus der Regierungsverantwortung zurück und überließen es der MSPD für die Folgen des Krieges, die Revolutionsbewegung und die drängende aktuelle Tagespolitik politische Lösungen zu finden. Die Partei aber war ungeübt in der Rolle als Regierungspartei und bestimmt von ideologischen Parteigrundsätzen, und so wurde sie von den an sie gestellten Erwartungen und den Revolutionsereignissen ,,überrollt", vielleicht auch überfordert.8

2.2 Die Reaktion der MSPD auf die Anfänge der Revolution

Der MSPD war es im Oktober 1918 gelungen, ihr erstes Ziel zu erreichen, da durch die Verfassungsreform das Kaiserreich in eine parlamentarische Regierungsform umgewandelt worden wurde. Nun galt es, die Revolution in Deutschland zu bekämpfen. Den Sozialdemokraten war binnen weniger Tage fast ohne eigenes Zutun die Macht zugefallen, denn ,,die dreigeteilte SPD wurde von der Revolution überrollt, und mit der Erwartung konfrontiert, sie zu führen, endlich wahr zu machen, was sie in pathetischer Revolutionsrhetorik vor dem Weltkrieg verkündigt haben".9

Alle Parteien, und besonders die gespaltene Arbeiterschaft waren nun vor eine grundlegend neue Situation gestellt und die bisher betriebene Politik konnte nicht einfach so weiterlaufen, auch wenn ,,der in der SPD herrschende fatalistische Entwicklungsglaube, dass auch ohne revolutionären Aktionismus eines Tages der große <Kladderadatsch> das bestehende System zusammenbrechen lassen würde, sich durch den Ablauf der Dinge bestätigt sah".10 Es lässt sich aber feststellen, dass keine der Parteien der Situation gewachsen war und sich besonders die MSPD unter der Führung Eberts völlig unsensibel gegenüber der Massenstimmung verhielt. Die Partei versagte dabei, zu erkennen, dass man die Revolutionäre bremsen konnte, wenn man schnell reformistische Taten vorgenommen und aktive Schritte hin zu einer Demokratisierung eingeleitet hätte. Solch ein reformistisches Vorgehen wäre durchaus möglich gewesen, aber die MSPD verblieb dabei, lediglich ihre Politik des Oktobers 1918 weiterzutreiben, ohne über dieses ,,Minimalprogramm" hinauszugehen und damit jene Machtpositionen zu erlangen, die es ermöglicht hätten, die sozialdemokratischen Reformforderungen durchzusetzen. Die Unbeweglichkeit in der MSPD führte dazu, dass die Revolutionäre ihre Aktivitäten verstärkten und so zunehmend Resonanz in der Arbeiterschaft fanden. Diese linksradikale Tendenz hatte wiederum den Effekt, dass die MSPD-Führung sich ganz auf die Abwehr der Revolution konzentrierte und dabei immer enger mit den rechten, bürgerlichen Parteien und somit auch mit den alten Herrschaftsträgern zusammenarbeitete und dabei ihre Ideologie und ihre eigentliche politische Haltung immer mehr in den Hintergrund traten.11

Dazu schrieb Eberhard Kolb 1993: ,,Die Führer der Mehrheitssozialdemokratie hatten sich mit der Oktoberreform am Ziel ihrer Wünsche gesehen. In ihren Augen war der Novemberumsturz ebenso überflüssig wie schädlich, erschwerte er doch die Lösung all der schwierigen Probleme, die durch das Kriegsende und die Niederlage entstanden waren."12 Diese Aufgaben mussten in der revolutionären Atmosphäre gelöst werden und die MSPD war überzeugt, dass sie dafür einen gut funktionierenden Verwaltungsapparat benötigten und Störungen der öffentlichen Ruhe und Ordnung verhindert werden müssten. Diese Einstellung verband die Partei immer mehr mit den alten Führungseliten, der Bürokratie und der Unternehmerschaft des Kaiserreichs.

Ein weiterer Grund hierfür war, dass die MSPD bis in den November 1918 hinein davon überzeugt war, dass ein Großteil der Bevölkerung die Monarchie bevorzugten, und man dachte diese Tatsache respektieren zu müssen.13 Doch als die radikalen Linken immer heftiger versuchten die Massen in eine revolutionäre Bewegung umzuwandeln, befürchteten die Sozialdemokraten, sie könne die Unterstützung der Arbeiterschaft verlieren und obwohl sie sich bis zum 7. November nie direkt gegen eine Monarchie ausgesprochen hatten, forderten sie nun öffentlich die Abdankung des Kaisers als den entscheidenden Schritt zur Beruhigung der Lage.14 Das Ultimatum an den Kaiser, er solle sofort abdanken, blieb zunächst erfolglos, unterdessen versuchte die MSPD die Massen durch Flugblätter zu beruhigen und die Revolutionsbewegung rasch ,,in das ruhigere Fahrwasser einer Wahlbewegung überzuleiten."15

2.3 Ausrufung der Republik durch Scheidemann und der Widerspruch Eberts

Als Philipp Scheidemann, Fraktionsführer der MSPD am 9. November 1918 die Republik proklamierte, zeigte sich deutlich der Unterschied zwischen seiner und Eberts Einstellung zum weiteren Verlauf der Sozialdemokratischen Politik. Scheidemann hatte versucht, den revolutionären Massen zu verkünden, dass ein neues Regierungssystem das alte Kaiserreich abgelöst hatte, und er wollte gleichzeitig der Ausrufung Liebknechts zur sozialistischen Räterepublik den Wind aus den Segeln nehmen. Scheidemann war von Ebert, dem durch den Prinzen neu ernannten Reichskanzler16, nicht zu seiner Handlung autorisiert gewesen und griff damit dessen Entscheidung vor, die Nationalversammlung über die künftige Staatsform Deutschlands bestimmen zu lassen.17 Scheidemann verband sein Vorgehen mit dem Appell ans Volk, Ruhe und Ordnung zu bewahren. Er hatte, im Gegenteil zu Ebert, verstanden, dass die revoltierenden Massen von den Sozialdemokraten einen demonstrativen Bruch mit dem ,,verhassten preußischen Militarismus" forderten und die Republik diese Forderung erfüllte. Die Politik, die Scheidemann am 9. November betrieb, ergab sich aus der Aussage, die er Tage vorher schon erwähnt hatte: ,, Jetzt heißt´s sich an die Spitze stellen, sonst gibt´s doch anarchische Zustände im Reich."18 Die MSPD hatte sich nicht in eine Revolutionsbewegung verwandelt, sondern sie wurde weiterhin als Regierungspartei davon geleitet, wie es gelingen könnte, trotz der Revolution das Reich und deren Ordnung und Wirtschaft aufrecht zu erhalten. Da die Revolution nicht mehr aufzuhalten war, galt es nun sie ,,zu bändigen"19, damit sie nicht in Bürgerkrieg umschlug, wie in Russland.

2.4 Die USPD in der ersten revolutionären Phase

Die Unabhängige Sozialdemokratie, die sich im April 1917 von der SPD abgesondert hatte, ging gespalten in die Revolution, da der linke Flügel mit dem radikalsozialistischem Programm von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sympathisierte, das sich gegen die Nationalversammlung und für ein Rätesystem nach russischem Vorbild aussprach, und der rechte USPD-Flügel hingegen für die Einberufung der Nationalversammlung war. Der rechte Flügel übernahm zwar zunächst die Führung der USPD, aber deren Konzeption konnte nur realisiert werden, wenn eine Zusammenarbeit mit der MSPD gelang. Mit der Bildung des Rates der Volksbeauftragten am 10.11.1918 schien sich diese Bedingung zu erfüllen.20

2.5 Bildung des Rats der Volksbeauftragten

Im Hinblick auf das Ziel, einen Bürgerkrieg und bolschewistische Zustände zu verhindern waren sich die Führer der MSPD einig, dass es nur gelingen würde, dieses Ziel zu verwirklichen, wenn man sich mit der USPD einigte. Außerdem reichte der Rückhalt der MSPD im Volk nicht aus, um die Revolution ,,vor einer Entgleisung zu bewahren". Am 9. November hatten die Führer beider Flügel der SPD erstmals Verhandlungen über eine gemeinsame Regierung geführt, als Ebert der USPD vorschlug, ,,es solle ein zu gleichen Teilen aus Mehrheiten und Unabhängigen zusammengesetztes Kabinett gebildet werden, dem Mitglieder der Bürgerlichen Parteien der Linken als Fachminister zur Seite stehen könnten."

21 Dies bedeutete, dass die bürgerlichen Parteien eine Beteiligung an der Regierung erhielten, aber keine Gleichberechtigung mit den Sozialdemokraten. Die MSPD entsandte Ebert, Scheidemann und Otto Landsberg, was auf starken Widerspruch der USPD stieß. Dennoch kam es am 10. November zu einer Einigung. Der MSPD bereitete es zunächst die größten Probleme, dass die politische Gewalt in Deutschland in den Händen der Arbeiter- und Soldatenräte lag und diese eine Vollversammlung aus dem ganzen Reich einberufen wollte. Allerdings konnten die Mehrheitssozialdemokraten hoffen, dass sie bei einer Wahl dieser Räteversammlung über die Mehrheit verfügen würden. Entscheidend hierfür war allerdings, dass sie die Forderungen und Ziele der Unabhängigen Sozialdemokraten nicht mehr gänzlich ablehnten. Die MSPD einigte sich also mit dem linken Flügel und konnte am Ende der Verhandlungen zufrieden sein, da sie sicher waren, dass sie mit dem Rat der Vollzugsbeauftragten, ihre Ziele mit denen der Revolutionäre zusammengebracht hatten und im Zweifelsfalle dennoch über eine bestimmte Machtposition im Staat bis zur Wahl der Nationalversammlung verfügten.

2.6 Die Arbeit im Rat der Volksbeauftragten

Der Rat der Volksbeauftragten begann am 11. November seine Arbeit. Die Haltung, mit der die MSPD an ihre Aufgabe ging, beurteilte Ebert im Februar 1919 rückblickend mit den folgenden Worten:

,, Wir waren im eigentlichen Sinne die Konkursverwalter des alten Regimes [...] Wir haben [...] unsere beste Kraft eingesetzt, die Gefahren und das Elend der Übergangszeit zu bekämpfen. Wir haben der Nationalversammlung nicht vorgegriffen.[...] Wir (haben) die dringlichsten Forderungen der Arbeiter zu erfüllen versucht. [...]."22

Die Sozialdemokraten sahen sich also selbst als Konkursverwalter des alten Kaiserreichs und fühlten sich nicht dazu ermächtigt, ohne vom Volk demokratisch legitimiert zu sein, im Staat grundlegende Erneuerungen zu veranlassen. In dieser Übergangszeit erschien es ihnen auch nicht möglich, den Sozialismus zu realisieren. Daher konzentrierten sie sich zunächst darauf, die Wirtschaft in Gang zu bringen und die Einheit im Reich zu wahren. Aus Sicht der MSPD waren dies vorab die wichtigsten Aufgaben des Rats der Volksbeauftragten, gleichzeitig drängte die Partei aber darauf, die Wahl der Nationalversammlung schnellstmöglichst festzulegen und auszuführen, denn nur so erschien es ihnen möglich, das deutsche Reich endgültig in eine Republik mit einem demokratischen Regierungssystem umzuwandeln.

Zwar hatte die MSPD eingelenkt, als es um die Bildung des Rates der Volksbeauftragten ging, denn sie sind bereit gewesen, ihre vordringlichsten Ziele zu vernachlässigen, um zunächst die Revolutionsbewegung einzudämmen und die Arbeiterschaft zusammenzuführen. Es war ihnen aber von vornherein bewusst, dass die Bildung dieser ,,Übergangsregierung" während der Revolution nicht als eine legitimierte Regierung gelten konnte, da sie nur von einem Teil des deutschen Volkes gewählt worden war. Die MSPD machte deutlich, dass für sie stets der demokratische Gedanke im Vordergrund stehe und sie nicht bereit wären, den Rat der Vollzugsbeauftragten als neue deutsche Regierung anzusehen. Daher war die Wahl zur deutschen Nationalversammlung für sie von so großer Bedeutsamkeit.

3. Schlussbetrachtung

Die Rolle der Mehrheitssozialdemokraten während der Revolution 1918 wird von der Forschung bis heute sehr unterschiedlich - teilweise widersprüchlich bewertet. Um aber eine vollständige Beurteilung geben zu können, ist es wichtig zwischen theoretischen Grundsätzen und der tatsächlich ausgeführten Politik der MSPD zu unterscheiden.

Während dieser wenigen, aber entscheidenden Monaten der Revolution hatte die MSPD erkannt, dass es ihr nicht gelingen würde, ihre politischen Grundsätze und ihr ideologisches Konzept unverändert beizubehalten.

Es bestand natürlich die Gefahr, dass sie in breiten Teilen der Arbeiterschaft ihre Zustimmung verlieren könnte, auf der anderen Seite war es aber klar, dass ohne eine Veränderung ein Eingreifen als politische Kraft nicht möglich gewesen wäre.

In dieser Situation des Hin- und Hergerissensein - nämlich zwischen Festhalten an den ideologischen Leitgedanken und einer teilweisen Anpassung an die politische Notwendigkeiten der Realität: in solch einer Situation verlangt es nach einer politisch entscheidenden Persönlichkeit. In diesen Tagen des Novembers 1918 besaß die MSPD eine solche Persönlichkeit in Friedrich Ebert. In seiner Hinwendung zu den bürgerlichen Parteien gelang es ihm, die Position der MSPD und auch die der Arbeiterschaft im Staat zu festigen und zu sichern. Außerdem konnte die MSPD nun erstmals ein parlamentarisches Regierungssystem verfassungsmäßig verankern.

Zusammengefasst möchte ich sagen, dass man der anfangs genannten Aussage des Sozialdemokraten Bernsteins folgen kann und dass die MSPD nur auf dem von ihnen vollzogenen Wege, den zentralen Leitgedanken -die Errichtung einer demokratischen Republik- verwirklichen konnte.

Literaturverzeichnis

Graf Kielmannsegg, Peter: Deutschland und der Erste Weltkrieg. 1980.

Kluge, Ulrich: Die deutsche Revolution 1918/1919. Staat, Politik und Gesellschaft zwischen Weltkrieg und Kapp-Putsch. Frankfurt a.M.1985.

Kolb, Eberhard: Die Weimarer Republik. 3. Auflage., München 1993 (Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Band 16).

Kolb, Eberhard: Umbrüche deutscher Geschichte 1866/71-1918/19-1929/33. In: Langewiesche, Dieter und Klaus Schönhoven (Hrsg.): Ausgewählte Aufsätze. München 1993.

Niedhart, Gottfried: Deutsche Geschichte 1918-1933. Politik in der Weimarer Republik und der Sieg der Rechten. Stuttgart 1994.

Prinz Max von Baden: Erinnerungen und Dokumente. Stuttgart 1927.

Ritter, Gerhard A./Susanne Miller (Hrsg.), Die deutsche Revolution 1918- 1933.Dokumente, Frankfurt a.M. 1983.

Vogt, Martin, Parteien in der Weimarer Republik. In: Bracher, Karl-Dietrich / Funke, Manfred / Jakobsen, Hans-Adolph (Hrsg.): Die Weimarer Republik, PolitikWirtschaft-Gesellschaft. Bonn 1998, S. 134-158.

Winkler, Heinrich August: Weimar 1918-1933. Die Geschichte der ersten deutschen Demokratie. München 1982.

Witt, Peter-Christian: Friedrich Ebert. Parteiführer-Reichskanzler-Volksbeauftragter- Reichspräsident. Bonn 1987.

Zarusky, Jürgen: Die deutschen Sozialdemokraten und das sowjetische Modell. Ideologische Auseinandersetzung und außenpolitische Konzeptionen 1917-1933. München 1992.

[...]


[1] Anmerkung: In der Sekundärliteratur wird sowohl der Begriff SPD als auch MSPD verwendet, da es aber seit dem April 1917 keine einheitliche SPD mehr gab, verwende ich in dieser Hausarbeit nur den Begriff MSPD.

[2] Bernstein, Eduard: Die deutsche Revolution, ihr Ursprung, ihr Verlauf und ihr Werk. 1921.

[3] Winkler, Heinrich August: Weimar 1918 - 1933. München 1993,S. 16.

[4] Witt, Christian-Peter, Friedrich Ebert, Bonn.1987.

[5] Ritter, Gerhard A. / Miller, Susanne (Hrsg), Die deutsche Revolution 1918-1919, Dokumente, Frankfurt/M. 1983, S.87.

[6] Kluge, Ulrich: Die deutsche Revolution 1918/19, Staat, Politik und Gesellschaft zwischen Weltkrieg und Kapp-Putsch., Darmstadt 1997, S.54-59.

[7] Siehe 2, S. 22.

[8] Niess, Wolfgang: Die vergessene Revolution. In: DAMALS, 12 (1993), S. 32-36.

[9] Siehe 7, S. 33.

[10] Kolb, Eberhard: Die deutsche Arbeiterbewegung vor der Frage: Reform oder Revolution, 1914-1918, in: Langewiesche, Dietmar / Schönhoven, Klaus (Hrsg.): Umbrüche deutscher Geschichte 1866/71-1918/19-1929/33, Ausgewählte Aufsätze, München 1993, S.218-220.

[11] Kolb, Eberhard: Umbrüche deutscher Geschichte, S. 219.

[12] Kolb, Eberhard: Die Weimarer Republik , 3. Auflage, München 1993 (Oldenbourg Grundriss der Geschichte, Band 16), S. 11.

[13] Kielmannsegg, Peter Graf: Deutschland und der Erste Weltkrieg,1980, S. 684.

[14] Kielmannsegg, Peter Graf: Deutschland und der Erste Weltkrieg, S. 690.

[15] Siehe 10, S.11.

[16] Witt, Christian:Friedrich Ebert. S. 75.

[17] Zarusky, Jürgen: Die deutschen Sozialdemokraten und das sowjetische Modell, München 1992 (R. Oldenbourg Verlag, Studien zur Zeitgeschichte, Band 39), S.66.

[18] Siehe 2.S. 32.

[19] Siehe 2, S. 32.

[20] Siehe 10, S. 11-12.

[21] Siehe 2, S. 35.

[22] Siehe 2, S. 39.

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Die SPD in der Novemberrevolution - Kontinuität und Wandel
Note
1
Autor
Jahr
2000
Seiten
12
Katalognummer
V97868
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Novemberrevolution, Kontinuität, Wandel
Arbeit zitieren
Alke Eilers (Autor), 2000, Die SPD in der Novemberrevolution - Kontinuität und Wandel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97868

Kommentare

  • Gast am 30.11.2000

    super!.

    Toll, einfach eine klasse Hausarbeit. Ich bin echt begeistert gewesen. Der Ausdruck ist toll und die Darstellung trifft genau den Punkt. Einfach klasse!!

  • Gast am 13.3.2001

    Ist den Speicherplatz wert!.

    Ziemlich ausführlicher Überblick, gute Diskussion. Mit dieser Arbeit kann man sich locker aufs Examen vorbereiten.

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