Rezension zu Heerdegen-Wessel (2019) "Barrierefreie Angebote des NDR und der ARD"


Rezension / Literaturbericht, 2020

7 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Kommunikation beziehungsweise Sprache im Allgemeinen ist für die gesellschaftliche Teilhabe, und somit auch für Gleichberechtigung und eine erfolgreiche Integration unabdingbar. Daher kann es aufgrund von individuellen Sprachschwierigkeiten und/oder der Komplexität von Texten dazu führen, dass bestimmte Personengruppen in ihrem Alltag Einschränkungen oder gar Exklusionen erfahren. Um diesem Problem entgegenzuwirken, widmet sich die Forschung in den letzten Jahrzenten vermehrt den „Aspekte[n] der Wahrnehmbarkeit und Verständlichkeit von Kommunikation“ (Maaß/Rink 2019b, S. 17). Als eigener Forschungszweig und Studiengang entwickelt sich so seit Kurzem die Barrierefreie Kommunikation, deren Ziel es unter anderem ist, Nicht-Muttersprachler*innen und Menschen mit Behinderung oder Lernschwierigkeiten den Zugang zu Bereichen des öffentlichen Lebens zu erleichtern beziehungsweise zu ermöglichen. „[D]as Angebot an Barrierefreier Kommunikation ist gegenwärtig umfangreicher als je zuvor“ (Maaß/Rink 2019b, S. 17) und beinhaltet neben Texten in Leichter beziehungsweise Einfacher Sprache auch Angebote mit Übersetzungen, Gebärdensprache oder Untertiteln. In den verschiedensten Lebensbereichen wie der Politik, Kunst oder Kultur sind bereits Barrierefreie Texte vorzufinden, wobei es noch an einheitlichen Regulierungen bezüglich der Qualität mangelt, da die unterschiedlichen Disziplinen und ihre Forschungsergebnisse noch unzureichend miteinander vernetzt sind. Christiane Maaß und Isabel Rink präsentieren in ihrem umfassenden Werk Handbuch Barrierefreie Kommunikation (2019a) Texte unterschiedlichster Disziplinen, um so einerseits über die aktuelle Forschung und vorhandene Desiderate aufzuklären. Andererseits fungieren praxisbezogene, empirisch angelegte Beiträge als „Grundlage für professionelles Handeln am Markt“ (ebd., S. 18). Zu den „Stimmen aus der Praxis“, so die Kapitelüberschrift für die anwendungsorientierten Texte im Handbuch, zählt Uschi Heerdegen-Wessels Aufsatz über „Barrierefreie Angebote des NDR und der ARD – Stand, Aufgaben, Ziele“ (2019). Darin berichtet Heerdegen-Wessel vor allem über die Entwicklung und verschiedenen Methoden der Barrierefreien Angebote, die die ARD und ihre neun Landesrundfunkanstalten bereitstellen. Nach Angaben auf NDR.de leitet Heerdegen-Wessel die Redaktion Barrierefreie Angebote und NDR Text und ist seit über 20 Jahren als Journalistin für den NDR tätig (NDR o.A.). Zu ihren Aufgabenbereichen zählen „neben der Audiodeskription auch die Bereiche Untertitelung, Gebärdenspracheprojekte sowie der Teletext“ (NDR o.A.). Somit wird der Text aus einer Perspektive geschildert, die maßgeblich am Ausbau von Barrierefreier Kommunikation beteiligt ist, wodurch Praxisbezüge gewährleistet und empirische Einsichten gegeben werden. Allerdings ist aufgrund von Heerdegen-Wessels langjähriger Anstellung beim NDR nicht ausgeschlossen, dass der Text im Sinne des NDR handelt und dementsprechend durch subjektive oder programmatische Prämissen vorbelastet ist. Aufgrund dessen soll zusätzlich zur textbezogenen Erörterung grob betrachtet werden, ob und wie der Aspekt der Leichten Sprache auf der Internetseite des NDR realisiert wird. Dabei rücken sowohl die konkreten, sprachlichen Realisierungen der Barrierefreien Varianten, als auch konzeptuelle Aspekte wie die Gestaltung (einschließlich der intuitiven Hinführung zu den jeweiligen Angeboten) in den Vordergrund, die allerdings auf subjektiver Wahrnehmung beruhen und sich nicht mit den Erfahrungen anderer decken müssen. Die anderen im Text besprochenen Angebote können in diesem Rahmen und aufgrund mangelnden Zugangs (zum Beispiel die fehlende Internetfähigkeit am Fernseher) nicht betrachtet werden.

Die erste Seite des Aufsatzes kann als Vorwort verstanden werden, das die gesellschaftliche Verantwortung der ARD für die Bereitstellung und den Ausbau von Barrierefreien Angeboten beschreibt. Hierfür findet laut Heerdegen-Wessel ein „regelmäßige[r] Austausch mit den Vertreterinnen und Vertretern der Behindertenverbände“ (2019, S. 725) statt, der mit dem Voranschreiten dieser Angebote verknüpft ist. Besonders betont wird mehrfach das Ziel der ARD, allen Menschen die Mittel zu bieten, „sich zu informieren und sich eine eigene Meinung zu bilden, um sich am gesellschaftlichen Diskurs beteiligen zu können“ (Heerdegen-Wessel 2019, S. 725). Dieses Ziel stimmt mit dem überein, was auf der Internetseite der ARD als „Gesellschaftlicher Auftrag“ definiert wird. Daraus lässt sich schließen, dass Barrierefreie Kommunikation eng mit dem Selbstverständnis der ARD verwoben ist. Untermauert wird dies durch den 2011 beschlossenen „Maßnahmenkatalog zum Ausbau der barrierefreien Angebote“, der von „alle[n] Landesrundfunkanstalten seitdem konsequent umgesetzt“ (Heerdegen-Wessel 2019, S. 725) würde. Nach der kurzen Einführung behandelt das erste Kapitel des Textes die „Untertitelung von Fernsehsendungen“. Heerdegen-Wessel geht zunächst auf die verschiedenen Formen, Funktionen und Zielgruppen beziehungsweise Einsatzmöglichkeiten von Untertiteln ein, um anschließend die sukzessive Entwicklung von Untertiteln des NDR und der ARD zu schildern. So gehören Heerdegen-Wessel zufolge „Untertitel […] inzwischen zum Programmauftrag und sind fester Bestandteil der Programmpräsentation“ (2019, S. 727), wodurch vor allem hörgeschädigten und gehörlosen Menschen, aber auch Menschen mit Migrationshintergrund geholfen wird. Der Verlauf der Untertitelquote seit 2007 wird zudem durch zweidimensionale Koordinatensysteme in Form von Balkendiagrammen visualisiert, wodurch die Aufwärtsentwicklung unmittelbar rezipiert wird und der Text statistischer wirkt. Des Weiteren wird über die Bedienung von Untertiteln im Fernsehen informiert, wobei für internetfähige Fernseher mittlerweile individuelle, den persönlichen Präferenzen entsprechende Änderungen der Untertitel vorgenommen werden können. Das zweite Kapitel thematisiert die Audiodeskription von Fernsehsendungen, die sich insbesondere an Menschen mit einer Sehbehinderung richtet. Diese sei bei einigen Sendungen des NDR über einen gesonderten Tonkanal via Fernbedienung zu aktivieren. Für die Erstellung von Audiodeskriptionen richtet sich der NDR laut Heerdegen-Wessel nach den „Grundsätzen für die Erstellung von Audiodeskriptionen im deutschsprachigen Raum“ (2019, S. 729), auf die sich 2015 die neun Landesrundfunkanstalten geeinigt haben. Damit soll ein de*r/m Sehenden äquivalentes Rezeptionserlebnis geschaffen werden. Auf den folgenden Seiten wird wie im vorherigen Kapitel der stetige Ausbau dieses Barrierefreien Verfahrens insbesondere im NDR- und ARD-Fernsehen ab 2007 beschrieben und grafisch untermauert. Heerdegen-Wessel führt diesbezüglich konkrete Fernseh- und Filmformate auf, bei denen eine Audiodeskription angeboten wird. Das Kapitel schließt mit einer kurzen Beschreibung verschiedener Verfahrensmöglichkeiten zur Erstellung von Audiodeskriptionen ab. Hierbei werden der Ablauf und die Vorteile desjenigen Verfahrens, das beim NDR seit einigen Jahren genutzt wird, besonders betont. Die nächsten Kapitel behandeln weniger umfassend weitere Barrierefreie Angebote der ARD und des NDR, die weiteren Zielgruppen den Zugang zu den Inhalten ermöglichen beziehungsweise erleichtern sollen. Diese umfassen die Gebärdensprache, Texte in Leichter Sprache, Onlineangebote sowie den Hörfunk. Zudem wird eine Vielzahl von Formaten und Programmen aufgeführt, bei denen die entsprechenden Angebote bereits umgesetzt werden. Bezüglich der Gebärdensprache ist noch hervorzuheben, dass laut Heerdegen-Wessel „mit den Verbänden der Menschen mit Behinderungen […] regelmäßige Treffen“ (2019, S. 735) seitens des NDR, aber auch anderer Sender stattfinden. Durch etwaige Dialoge mit Betroffenen kann die Barrierefreie Kommunikation vorangetrieben und optimiert werden, weshalb solche Partnerschaften auch für andere Bereiche des öffentlichen Lebens wünschenswert sind. Heerdegen-Wessel weist in diesem Kapitel außerdem auf die beschränkten finanziellen Mittel hin, „die der ARD für die Erstellung der barrierefreien Angebote zur Verfügung stehen“ (2019, S. 736). Dadurch wird de*r/m Rezipierenden die notwendige Selektion und Favorisierung des Ausbaus von bestimmten Barrierefreien Angeboten bewusst gemacht. Es wird gewissermaßen Nachsichtigkeit (oder auch ein Verständnis) für die Entscheidungen der ARD evoziert. Der Text schließt mit einem Ausblick, der über noch bestehende Defizite als auch über die insgesamt positiven Zukunftsaussichten aufklärt, ab.

Laut Heerdegen-Wessel würden (unter anderem) auf der Internetseite des NDR verschiedenste Nachrichtenformate zusätzlich in Leichter Sprache bereitgestellt werden, was nun einem kurzen Praxistest unterzogen wird. Nach dem Öffnen der Startseite „www.ndr.de“ lässt sich zunächst kein Reiter für Leichte Sprache vorfinden. Auch das Anklicken mehrerer, willkürlich gewählter Nachrichtenartikel zeigt keine (zumindest offensichtliche) Verlinkung zum entsprechenden Alternativtext. Wird im Browser allerdings eine Suche zu „Leichte Sprache NDR“ gestartet, führen gleich mehrere Ergebnisse zu den entsprechenden (Unter-)Sektionen auf der Internetseite des NDR. Diese beinhalten neben umformulierten Nachrichten auch Informationen zu Leichter Sprache selbst sowie Märchen in Leichter Sprache. Zudem stellt der NDR in Leichter Sprache verfasste Artikel bereit, die für Menschen mit sprachlichen Beeinträchtigungen mögliche Beratungs- und Hilfestellen anbieten. Bei Betrachtung des Internetlinks, der zur Hauptseite von Leichter Sprache auf ndr.de führt, ist zu erkennen, wie eine manuelle Navigation über die Seite des NDR zu den Angeboten in Leichter Sprache möglich ist. Dies geschieht über das Klicken von mindestens zwei Reitern, weshalb der Zugang über eine entsprechende Suchmaschinenabfrage wohl attraktiver erscheint. Die Umsetzung der Leichten Sprache in den jeweiligen Artikeln kann hier nicht ausführlich diskutiert werden. Allerdings lassen sich in den Kurzbeschreibungen unter den Artikelbildern einige grammatikalische Phänomene feststellen: kurze Sätze ohne Nebensätze im Indikativ und meist im Präsens; die Vermeidung von Passivkonstruktionen; direkte, höfliche Anreden („Sie“, „Ihnen“); die häufige Nutzung des (jeweils konjugierten) Demonstrativpronomens „diese“; eine überwiegende Vermeidung von Komposita und Abkürzungen; bei Nutzung von Komposita werden diese mit Bindestrichen oder sogenannten „Mediopunkten“ markiert. Die genannten Phänomene entsprechen den Kriterien im Duden-Regelwerk zu Leichter Sprache (vgl. Bredel/Maass 2016, S. 82–89; Bredel/Maaß 2019, S. 253). Auch die von Heerdegen-Wessel genannten Audiodateien, die den Text unterstützend vorlesen, sind bereits auf den Nachrichtenbildern zu erkennen und lassen sich durch Anklicken wiedergeben. Wie die anderen von Heerdegen-Wessel beschriebenen Angebote von den Rundfunkanstalten realisiert werden, könnte als Teil einer umfangreicheren, qualitativen Analyse fungieren – zum Beispiel beim Vergleich der praktischen Umsetzung von Barrierefreier Kommunikation verschiedener Akteur*innen.

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Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Rezension zu Heerdegen-Wessel (2019) "Barrierefreie Angebote des NDR und der ARD"
Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
7
Katalognummer
V978864
ISBN (eBook)
9783346331274
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Barrierefreie Kommunikation, ARD, ZDF, Leichte Sprache, Einfache Sprache
Arbeit zitieren
Alexander Bärtl (Autor:in), 2020, Rezension zu Heerdegen-Wessel (2019) "Barrierefreie Angebote des NDR und der ARD", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/978864

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