Die Entwicklung der deutschen Orthographie im 19. Jahrhundert


Seminararbeit, 2000
9 Seiten

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Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Die Ausgangslage zu Beginn des 19. Jahrhunderts

2 Verschiedene Betrachtungsweisen über die Verwendung der deutschen Orthographie
2.1 Die historische Sichtweise
2.2 Geschichte der historischen Schule
2.3 Die phonetische Sichtweise

3 Die orthographische Situation Mitte des 19. Jahrhunderts

4 Versuche zur Vereinheitlichung der deutschen Orthographie
4.1 Innerschulische Einheitsversuche
4.2 Regelungsversuche in Einzelstaaten
4.3 Erste Konsequenz: Ministeriale Konferenz im Jahre 1869

5 Erste Normierungsbestrebungen auf Reichsebene

6 I. Orthographische Konferenz vom 4.-15. Januar 1876 in Berlin
6.1 Zum Ablauf der Konferenz
6.2 Öffentliche Diskussion

7 Die preußische Schulorthographie

8 Literaturangaben

0 Einleitung

Im Rahmen des Seminars 'Historische Aspekte der deutschen Rechtschreibung' im Sommersemester 2000 hielt ich ein Referat zum Thema 'Die Entwicklung der deutschen Orthographie im 18./19. Jahrhundert'. Dieses liegt nun in schriftlicher Form vor, um den Gedankengängen und Argumentationen folgen zu können. Im ersten Teil wird kurz auf die geschichtlichen Voraussetzungen der Orthographie zu Beginn des 19. Jahrhunderts eingegangen. Hierbei wird erläutert, warum es immer mehr Bestrebungen gab, eine Einheitsorthographie für den gesamten deutschen Sprachraum zu entwickeln. Im zweiten Teil werden die historische und die phonetische Sichtweise über die Orthographie gegenübergestellt. Der dritte Teil befasst sich mit der Situation zur Mitte des 19. Jahrhunderts, als sich in der Theorie die phonetische Sichtweise durchzusetzen begann. Kapitel vier beschreibt die Versuche von Schulen und Einzalstaaten, eine einheitliche Orthographie einzuführen, was schließlich nach dem deutsch-französischen Krieg und der damit verbundenen Reichsgründung zu ersten Normierungsversuchen (fünftes Kapitel) und letztendlich zur ersten orthographischen Konferenz 1876 führte (Kapitel sechs). Im Zuge deiser Konferenz bildete sich eine eigenständige preußische Schulorthographie heraus, die in Kapitel sieben beschrieben wird.

1 Die Ausgangslage zu Beginn des 19. Jahrhunderts

Im geltenden Schreibgebrauch des 19. Jahrhunderts herrscht eine weitgehende Übereinstimmung. Durch die Arbeiten Adelungs, Gottscheds und Freyers wurde die Orthographiegeschichte des 18. Jahrhunderts maßgeblich bestimmt. So erhob Adelung um 1750 den Schreibgebrauch der Schriftsteller zur Norm und tradierte diesen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. So wurde sein Hauptwerk bis 1835 aufgelegt (vgl. Bramann, 1987, S. 38). Adelungs Grundsatz war ,,schreib wie du sprichst, 1. der allgemeinen Besten Hochdeutschen Aussprache gemäß, und wo diese nicht entscheidend ist, 2. in gebogenen und abgeleiteten Wörtern nach der nächsten Abstammung, 3. in Stammwörtern aber nach dem allgemeinen Gebrauche." (Adelung, 1782, S. 40, nach: Jansen-Tang, 1988, S. 47). Dies bedeutet, dass neben dem phonetischen Prinzip auch Etymologie und usus scribendi Berücksichtigung finden.

Dennoch gab es auf dem Gebiet der deutschen Sprache zahlreiche Einzelwortgraphien. Dies soll die folgende Tabelle darstellen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Bramann, 1987, S. 40.

Der Autor gibt folgende drei Hinweise:

Zu 1: Der obersächsisch-meißnische Sprachtyp verlor seine Vormachtstellung, dadurch kamen verschiedene Buchstaben in einzelnen Wörtern vor.
Zu 2: Erste Vereinfachungen werden geltend gemacht.
Zu 3: In Fremdwörtern werden einzelne Buchstaben ersetzt.

Diese Diskrepanz gab den Anlaß zu verschiedenen Regelungs- und Verbesserungsversuchen.

2 Verschiedene Betrachtungsweisen über die Verwendung der deutschen Orthographie

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildeten sich zwei Betrachtungsweisen über die deutsche Orthographie heraus, die hier beleuchtet werden sollen.

21 Die historische Sichtweise

Gestützt auf die Arbeiten Jacob Grimms und dessen 'Deutscher Grammatik' von 1819 vertritt der konsequenteste Vertre dieser Sichtweise, Karl Weinhold, die These ,,Schreib wie es die geschichtliche Fortentwicklung des neuhochdeutschen verlangt." (Weinhold, 1852, S. 95, nach: Jansen-Tang, 1988, S. 48). Er sieht die einzige Möglichkeit zur Abschaffung bestehender Rechtschreibmängel in einer Schreibung, die auf die alten Grundgesetze der Schreibung verweist und gleichzeitig die neue Tendenzen in der Sprache berücksichtigt. Seine Forderungen seien hier kurz zusammengefasst :

⇒ Abschaffung sämtlicher Vokalverdoppelungen
⇒ Beseitigung des nicht-organischen Dehnungs-<h>
⇒ Tilgung des <ie> außer bei Brechung aus kurzem <i>
⇒ Ersetzung von <ä> durch <e>, wo ë aus Brechung von /i/ entstanden ist
⇒ Aufhebung der neuhochdeutschen Rundung, z.B. Hülfe
⇒ Beibehaltung von Doppelkonsonanten im Inlaut, aber nicht im Auslaut
⇒ historische /s/-Schreibung
⇒ Reduzierung des Majuskelgebrauchs: nur noch Eigennamen, Anredewörter und wirkliche Hauptwörter

Weinhold wird an dieser Stelle folgendermaßen zitiert: ,,Wen solche Aenderung zu gewaltsam dünkt, der erwäge, daß Krebßschäden nur durch Schnitt und brennen zu heilen sind; weichliche Behandlung ist ein Verbrechen gegen den kranken." (Weinhold, 1852, S. 102, nach: Jansen-Tang, 1988, S. 48).

Dies steht in engem Zusammenhang mit den Vorschlägen Jacob Grimms, der jedoch lediglich die Zurückführung der Schreibung auf frühere Sprachzustände durchsetzen wollte.

22 Geschichte der historischen Schule

Den Anfang der historischen Schule kann man mit den frühen Schriften Grimms in den 30er Jahren beziffern. Ab den 40er Jahren gewinnt diese Sichtweise viele Anhänger, unter anderem Ph. Wackernagel, O. Vilmar, Fr. Möller und K. Weinhold. Ab der Mitte der 60er Jahre wird sie durch gemäßigt-historische Grundsätze, wie sie vor allem durch L. Ruprecht vertreten werden, geschwächt. Seine Sichtweise geht davon aus, dass auch der herrschende Schriftgebrauch anzuerkennen sei. Das entgültige Scheitern der historischen Schule kann mit R. von Raumer gesehen werden. Jedoch werden künftige Vorschläge stets auch einer historischen Prüfung unterzogen (Beispiel: I. Orthographische Konferenz 1876)

23 Die phonetische Sichtweise

In der Zeit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es nur einen weitergreifenden Vorschlag auf phonetischer Ebene, die sog. Heysesche Regelung:

⇒ auslautendes 'ß' nur nach Vokallänge, nach Vokalkürze 'ss'
⇒ für 'ss' Graphemverbindung

Der bekannteste Vertreter der phonetischen Sichtweise ist Rudolf von Raumer. 1855 fordert er in seinem Zwölf-Punkte-Programm : ,,Wir haben eine in den meisten Punkten übereinstimmende Rechtschreibung und an diese Rechtschreibung haben wir uns zunächst zu halten" (von Raumer, 1855, S. 137, nach: Jansen-Tang, 1988, S. 50).

Die zentrale Aussage seines Programms liegt darin, daß Änderungen an das Vorhandene anzuknüpfen haben, somit sind sie gemäß dem Grundcharakter der deutschen Sprache vorzunehmen.Er bezweckt damit ein möglichst ausgewogenes Verhältnis von LauTung und Schreibung.

Seine Devise lautet: ,,Bring deine Schrift und deine Aussprache in Uebereinstimmung. So heißt das Prinzip der phonetischen Schreibweise für alle Zeiträume einer Schriftsprache." (von Raumer, 1855, S. 113, nach: Jansen-Tang, 1988, S. 50)

Auch hier seien die Änderungsvorschläge nur stichwortartig genannt:

⇒ Befolgung der Heyseschen /s/-Regelung
⇒ Ersetzung von 'th' durch 't'

Diese gebrauchspragmatische Auffassung wurde richtungsweisend für fast alle weiteren Normierungsbestrebungen auf dem Gebiet der Orthographie.

3 Die orthographische Situation zur Mitte des 19. Jahrhunderts

Die orthographische Situation an preußischen Schulen kann an folgendem Zitat am anscheulichsten dargestellt werden:

,,Die in den Principien der deutschen Orthographie und Interpunktion noch herrschende Unsicherheit ist kein Grund, den Schülern darin Willkür oder Unachtsamkeit nachzusehen. Die Schule hat das auf diesem Gebiere durch das Herkommen Fixierte (!) in den unteren und mittleren Klassen zu sicherer Anwendung einzuüben, und es ist dem einzelnen Lehrer derselben Anstalt nicht zu gestatten, die Übereinstimmung der Verfahrens, zu welchem die Lehrer derselben Anstalt sich vereinigen müssen, um theoretischer Gründe willen zu stören" (Wilmans, 1887, S. 18, nach: Jansen-Tang, 1988, S. 51)

Aus der Tatsache, dass diese Verfügung im Jahre 1868 noch einmal wiederhot wird, können Rückschlüsse auf die Diskrepanz zwischen behördlicher anordnung und schulischer Umsetzung gezogen werden.

Uneinigkeit besteht aber auch im Druckgewerbe. So wird Duden folgendermaßen zitiert:

,,nicht zwei Lehrer derselben Schule und nicht zwei Korrektoren derselben Offizin waren in allen Stücken über die Rechtschreibung einig, und eine Autorität, die man hätte anrufen können, gab es nicht." (Duden, 1908, S. 331, nach: Jansen-Tang, 1988, S. 51) 1858 gibt es lediglich ein 'Orthographisches Hülfsbuch' für den Brockhaus-Verlag.

4 Versuche zur Vereinheitlichung der deutschen Orthographie

41 Innerschulische Einheitsversuche

Durch den Streit zwischen Historikern und Phonetikern werden verstärkt Versuche in Schulen, Städten und Ländern unternommen, die Orthographie einheitlich zu regeln. Hierbei werden allerdings vorwiegend historische Argumente angewendet. Somit hat eine Verschiebung der historischen Sichtweise von der Theorie auf die verwaltungsmäßige Ebene stattgefunden. Als Beispiele für die Umsetzung eines Regelwerks seien hier genannt: Schulen in Annaberg, Neiße und Realschule in Elberfeld, wo jedoch eingeführte die Schreibweise (Wackernagel) durch den Magistrat verboten wurde. Eine Wendung von historischer auf phonetische Sichtweise kann bei den Leipziger Bürger- und Realschulen festgestellt werden. Während die Regeln 1857 noch auf historischem Hintergrund beruhen, werden 1867 primär phonetische Regeln angewandt.

42 Regelungsversuche in Einzelstaaten

Als Gegenbewegung zu schulischen Versuchen sind einzelstaatliche Festsetzungen schulorthographischer Normen zu verstehen. 1855 wird in Hannover durch das königliche Oberschulkollegium eine Einheitsregel eingeführt, die noch eine starke Beeinflussung durch Historiker erfährt. Im Jahre 1858 folgt das Kurfürstentum Hessen, wo ein Erlaß zur Einführung der schreibgebrauchsbezogenen Regeln Bezzenbergers erfolgt. 1861 werden im Königreich Württemberg Regeln für den Schulgebrauch eingeführt, die am Schreibgebrauch festhalten. Gleichzeitig versucht die württembergische Regierung, eine Einheitsschreibung nach ihrem Vorbild für den gesamten deutschen Sprachraum durchzusetzen. Dieser Versuch scheiter jedoch. 1862 erstellt Müllenhoff im Königreich Preußen ein Regel- und Wörterverzeichnis, das noch eine Beeinflussung historischer Orthographie erfährt. 1868 folgt das Großherzogtum Oldenburg, wo Strackerjan für Neuauflagen des Gesang- und Lesebuchs eine übereinstimmende Konzeption entwickelt. Darüber hinaus werden in Österreich einige Versuche unternommen, die jedoch alle ohne Ergebnis bleiben.

43 Erste Konsequenz: Ministeriale Konferenz im Jahre 1869

Im Jahre 1869 wird durch das preußische Unterrichtsministerium eine Konferenz einberufen, auf welcher eine Einigung auf von Raumers Grundsätze erzielt wird. In Folge dieser Konferenz wird zwar eine gewisse Vereinheitlichung erreicht, doch entsteht ein Nebeneinander verschiedener Schulorthographien. Der Hauptgrund, warum diese noch nicht über Landesgrenzen hinaus wirken können ist, daß die Kleinstaaten mit eigener Kulturhoheit eine Vereinheitlichung nahezu unmöglich machen.

5 Erste Normierungsbestrebungen auf Reichsebene

Mit der Reichsgründung im Jahre 1871 tritt ein neues Stadium im Bemühen um eine einheitliche Schreibweise mit dem Ziel der deutschen Einheitsschreibung ein. 1872 wird in Dresden eine Konferenz über Fragen des höheren Schulwesens abgehalten. Hier beraten Delegierte der Bundesländer über die Einigung der Orthographie. Gemäß den Vorschlägen dieser Tagung beauftragt der preußische Unterrichtsminister, Falk, von Raumer mit der Ausarbeitung eines Regelentwurfs als Grundlage für weitere Verhandlungen.

1875 legt von Raumer sein ausgearbeitetes Regelwerk vor. Dieses Regelwerk stimmt weitgehend mit dem Berliner Regelbuch von 1871 überein, das bereits über die Grenzen Berlins hinaus Geltung besitzt. ,,Da ich in allem Wesentlichen mit dieser Schrift übereinstimme, habe ich meine eigenen Feststellungen an dieselbe angeschlossen." (Verhandlungen1, 1876, S. 53, nach: Jansen-Tang, 1988, S. 55)

6 I. Orthographische Konferenz vom 4.-15. Januar 1876 in Berlin

Maßgebliche Bedingungen bei der Auswahl der Konferenzteilnehmer sind Gründlichkeit der Sachkenntnis und praktische Erfahrung im Schulbereich. Es werden keine ,,Historiker" oder ,,Radikal-Phonetiker" eingeladen. Die Konferenz setzt sich aus folgenden vierzehn stimmberechtigten Mitgliedern zusammen:

⇒ Vertreter der Sprachwissenschaft und des Schulwesens: von Raumer, Wilmanns, Kuhn, Imelmann, Frommann, Duden, Sanders, Scherer, Schulräte Klix und Höpfner
⇒ Buchdruckerverein: Bertram
⇒ Buchhändler-Verband: Töche
⇒ Delegierte der anderen Bundesstaaten: Bartsch, Kraz
⇒ Leitung liegt bei Geh. Regierungsrat Dr. Bonitz

Von Raumer plädiert dafür, an der bisher üblichen Schreibweise festzuhalten und nur an einzelnen Stellen zu bessern. Zu den Änderungen gehören:

⇒ Beseitigung der Endung -iren zu Gunsten der Endung -ieren
⇒ Einschränkung von <th>
⇒ Wegfall von <dt> zu Gunsten von <t> in 'tot' und 'töten'
⇒ Ersetzung des <c> durch <k> oder<z> in eingebürgerten Fremdwörtern
⇒ Einschränkung von Dehnungszeichen
⇒ beim dunklen Vokal Dehnungszeichen völlig eliminieren

61 Zum Ablauf der Konferenz

Am ersten Tag gibt es bereits eine Spaltung der Konferenzteilnehmer in zwei Lager. Während v. Raumer, Scherer und Sanders für gemäßigte Änderungen eintreten, plädiert die Mehrheit für durchgreifende Reformierungen. In den weiteren elf Sitzungen kommt es zu einigen Beschlüssen, die teilweise mit nur sehr geringer Mehrheit durchgesetzt werden. Es kommt zur Billigung der Vorschläge bzgl. <th> / <t>, <c> / <k> / <z> und <dt> / <t>, während die Konferenz zugunsten -iren statt -ieren entscheidet.

Am heftigsten wird die Frage nach den Dehnungszeichen diskutiert. Schließlich wird mit einer Mehrheit von 11:3 Stimmen beschlossen, die Länge nur bei <e> und <i> zu bezeichnen, hingegen bei dunklen Vokalen zu beseitigen, es sei denn die Verdopplung oder das Dehnungs-<h> dienen zur Vermeidung von Homonymen (Wort, das ebenso wie ein anderes geschrieben u. Gesprochen wird, aber verschiedene Bedeutung hat und sich grammatisch von diesem unterscheidet, z.B. der/das Gehalt; die Banken/Bänke).

Scherer, Sanders und Töche sind gegen phonologische Reformen und beantragen, es bei der Raumerschen Regelfassung zu belassen. Als Gründegeben sie ,,Volksbewußtsein", ,,Treue gegen unsere Vergangenheit", Pflicht zu einer ,,maßvollen und vorsichtigen Behandlung", Schaffung neuer Ausnahmen sowie Befürchtung des Traditionsbruches. Ein weiterer Zusatzantrag durch von Raumer, Klix, Frommann, Bertram und Kraz wird angenommen:

,,Sollte die Ausführung der über die Beseitigung der Dehnungsbuchstaben gefaßten Beschlüsse auf unüberwindliche Hindernisse stoßen, so würde sich die Konferenz den in §§ 10-14 der Vorlage gegebenen Bestimmungen anschließen. Die zu diesen Paragraphen gefaßten Beschlüsse, welche sich nicht auf Beseitigung der Dehnungsbuchstaben beziehen, bleiben vorbehalten." (Verhandlungen, 1876, S. 108, nach: Jansen-Tang, 1988, S. 56)

Duden und andere lehnen diesen Beschluß ab, ,,weil sie fürchteten, daß er gegen den Willen der Antragsteller als eine Abschwächung der vorher gefaßten Beschlüsse werde aufgefaßt werden." (Duden, 1876, S. 95, nach: Jansen-Tang, 1988, S. 56)

62 Öffentliche Diskussion

Schon während der Konferenz wird in Presse und Öffentlichkeit heftig über deren Beschlüsse diskutiert. Große Meinungsverschiedenheit herrscht über den Wegfall der Dehnungslaute. Proteste kommen von allen Seiten. Befürworter einer Reform sind die Beschlüsse nicht radikal genug, doch unterstützen die ,,Radikal-Phonetiker" die Arbeit der Kommission. Sie würdigen den bereits erzielten Fortschritt:

,,Einige Regeln lassen Ausnahmen gelten, andere sind überhaupt unbestimmt und lassen der bisherigen Willkür freies Spiel. Im ganzen aber sind die Beschlüsse von wichtiger Bedeutung und vom höchsten Werthe, und es müsste einer nicht sehen oder blind am gewohnten Alten kleben bleiben wollen, der sich von ihrer praktischen Anwendung in Schule und Leben nicht die heilsamsten und günstigsten Erfolge verspräche." (Leineweber 1876, S. 16, nach: Jansen-Tang, 1988, S. 57)

Auch die Reformgegner (Scherer, Sanders, Töche) werfen den Reformern Halbheiten vor. Ihr Hauptargument ist die Brechung mit der Tradition, indem sie eine Einigung für Deutschland nur durch den

,,Anschluß an das Bestehende, nicht durch einen Bruch mit demselben und das Aufreißen einer Kluft zwischen dem von nun ab in den Schulen zu Lernenden und der Sitte, wie sie sich in unserer neuhochdeutschen Literatur und in den schriftlichen Aufzeichnungen bis auf die heutige Zeit allmählich fortentwickelt und festgesetzt hat." (Sanders, Nach: Öffentliche Urteileüber die Ergebnisse der Orthographischen Conferenz in kurzen Auszügen zusammengestellt, 1876, S. 20, nach: Jansen-Tang, 1988, S. 57)

für möglich halten.

Noch im selben Jahr verteidigt Duden in der ,,Zukunftsorthographie" die Beschlüsse der Konferenz. Er geht sogar darüber hinaus und plädiert für die Nicht-Bezeichnung der Länge bei <e> und <i>, um im Vokalbereich eine ,,grammatische Regel ohne Ausnahmen" durchzusetzen.

Auf die radikale Neuregelung, die Längenbezeichnung beim dunklen Vokal zu eliminieren und dem dadurch hervorgerufenen Echo in der Öffentlichkeit, ist es zurück zu führen, dass die Konferenzbeschlüsse nicht sanktioniert werden.

Unterrichtsminister Falk begründet mit einem Schreiben vom 8. März 1876 die Nicht- Durchführung, obwohl er die Vorschläge als geeignete Grundlage für eine Vereinfachung hält, in dem zu lesen ist: ,,Denn es würde dem Zwecke der Einigung geradezu widersprechen, wenn in den Schulunterricht dine Rechtschreibung eingeführt würde, welche, sei sie auch noch so zweckmäßig und theoretisch wohl begründet, in dem Schreib- und Druckgebrauche außerhalb der Schule kaum oder nur sehr beschränkte Aufnahme fände." (Grebe, 1963, S. 15, nach: Jansen-Tang, 1988, S. 58). Somit ist der erste Versuch einer Einigung auf schulischer Ebene gescheitert.

7 Die preußische Schulorthographie

Nach der gescheiterten Einigung entschließen sich einige Länder dazu, wieder eigene Wörterbücher herzustellen.

1879 Österreich: Verordnung für die Schulbücher nach den Regeln des k.k. Schulbücherverlags

1879 auch Bayern unter ausdrücklicher Zustimmung Preußens Beiden gemeinsam ist die Anlehnung an die Berliner Regeln von 1871.

1879 Preußen: Zunächst entwickelt die Firma Breitkopf & Härtl eine private Initiative, in dem Sanders den Auftrag zur Abfassung eines Wörterbuchs für das Druckgewerbe erhält. Der Nachfolger Falks, von Puttkamer, wird gebeten, neue Schulbuchdrucke nach diesem Regelwerk zu genehmigen. Von Puttkamer möchte aber an die Vorschläge von Raumers anschließen (Gleichwertigkeit mit Bayern und Österreich). Darauf hin wird Wilmanns durch von Puttkamer beauftragt, ein Regelwerk für Preußen, möglichst identisch dem bayerischen, anzufertigen. Anfang 1880 wird dieses zum Gebrauch an preußischen Schulen verordnet. Im Anschluß daran folgen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Duden stellt 1886 bei seiner Untersuchung der amtlichen Regelbücher fest:

,,Demnach können wir unsre Betrachtung der verschiedenen 'partikularistischen Orthographieen' (!) getrost mit der Behauptung abschließen, daß es eigentlich schon jetzt eine 'Orthographie für das Deutsche Reich' gibt, und daß man über die geringen Differenzpunkte ohne erhebliche Schwierigkeiten sich würde verständigen können.", (Duden, 1886, S. 57, nach: Jansen-Tang, 1988, S. 60)

Im Gegensatz zu den Schulen werden die Neuregelungen im öffentlichen Schriftverkehr nicht angewendet. Bismarck ordnet 1880 die Reichsbehörden sogar an, die bisherige Schreibung beizubehalten, bis es zu einer Gesetzesänderung komme. Abweichungen werden verboten und gegebenenfalls bestraft. Durch diese Verordnung gibt es seit nun in Preußen zwei nebeneinander gültige Orthographien.

,,Wieviel schlimmer muß aber die Verwirrung in den Köpfen derjenigen jungen Leute werden, die die Schule verlassen und in den Staats- oder Gemeindedienst eintreten (...). Müssen sie nicht alle die mühsam erworbene, verhältnimäßige Sicherheit in der Schulorthographie schnell mit der Erlernung der alten deutschen Rechtschreibung vertauschen?" (Schmolling, 1893, S. 529f, nach: Jansen-Tang, 1988, S. 60).

Hier übernimmt Duden durch sein 'Vollständiges Orthographisches Wörterbuch' eine wichtige Rolle zur Sicherung der schulischen Regeln im außerschulischen Bereich.. Die Wirkung ist so groß, daß dieses 1892 in der Schweiz sanktioniert wird.

Bereits 1895 verwendet die Mehrzahl der populären Wochen- und Monatsblätter die Schulorthographie. Im Jahre 1900 wenden von 613 Verlagshandlungen 406 die Rechtschreibung von 1880 an. Da dies die bedeutenderen Verlagsfirmen sind, werden bereits 5 von 6 Büchern und 3 Viertel der Zeitschriften in der Puttkammerschen Orthographie gedruckt. Darauf hin kommt es zur orthographischen Konferenz von 1901.

8 Literaturangaben

Bramann, Klaus-Wilhelm: Der Weg zur heutigen Rechtschreibnorm: Abbau orthographischer und lexikalischer Doppelformen im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt am Main; Bern; New York: Lang, 1987. - (Theorie und Vermittlung der Sprache; Bd. 6).

Jansen-Tang, Doris: Ziele und M ö glichkeiten einer Reform der deutschen Orthographie sei 1901: historische Entwicklung. Frankfurt am Main; Bern; New York; Paris: Lang, 1988. - (Europäische Hochschulschriften: Reihe 1, Deutsche Sprache und Literatur; Bd. 1033).

[...]


1 der vollständige Titel lautet 'Verhandlungen der zur Herstellung größerer Einigung in der deutschen Rechtschreibung berufenen Konferenz, ich folge hier der Zitierweise von Frau Jansen-Tang.

9 von 9 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung der deutschen Orthographie im 19. Jahrhundert
Veranstaltung
Historische Aspekte der deutschen Rechtschreibung
Autor
Jahr
2000
Seiten
9
Katalognummer
V97915
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklung, Orthographie, Jahrhundert, Historische, Aspekte, Rechtschreibung
Arbeit zitieren
Alex Kranz (Autor), 2000, Die Entwicklung der deutschen Orthographie im 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97915

Kommentare

  • Gast am 17.8.2004

    Vergangenheit und Aktualität.

    Beeindruckend an dieser ausgezeichneten Übersicht der orthographischen Entwicklung und Diskussion im 19. Jh. ist, wieviel zur Vereinheitlichung der Rechtschreibung zu leisten war, wieviele Fachleute der verschiedenen Richtungen und wieviele Kommissionen sich dieses Themas annahmen, für wie wichtig der Schreibusus gehalten wurde und als 1876 die h-Schreibung für die dunklen Vokale eleminiert werden sollte, sich ein solcher öffentlicher Widerstand formierte, daß dieses orthographische Vorhaben zurückgezogen wurde. Dem Verfasser sei Dank, daß er seine Arbeit dem Internet zur Verfügung stellte.

    Armin Rieble

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Titel: Die Entwicklung der deutschen Orthographie im 19. Jahrhundert


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