100 Jahre Lombroso und kein Ende in Sicht?

Die Bedeutung Lombrosos biologistischer Ansätze in der Gegenwart am Beispiel der Monika Weimar


Seminararbeit, 2000

12 Seiten, Note: 1,4


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Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

B. Hauptteil
I. Das Weib als Verbrecherin - vor 100 Jahren Lombrosos Theorien
II. Das ,,Weib" als Verbrecherin - Jetzt Monika Weimar
1. Monika Weimar - der Fall
2. Eine Hexe wird konstruiert durch Presse und Justiz
3. Reinhard Weimar - ein Opfer wird konstruiert
4. Reaktionen der Ö ffentlichkeit
5. Interview mit Monika Weimar zu den Pressekonstruktionen
6. Die Wandlung
III. 100 Jahre Lombroso und kein Ende in Sicht !

C. Schlußbemerkungen

A. Einleitung

Wie der Titel meiner Arbeit bereits vermuten läßt, möchte ich auf die ,,moderne Art" der Anwendung von Lombrosos Theorien eingehen. Am Fall der Monika Weimar möchte ich darstellen, inwieweit das tradierte Rollenbild der Frau als Verbrecherin, bis in unsere heutige Zeit hineinreicht.

Monika Weimar wurde beschuldigt, ihre beiden Kinder wegen einer Liebesaffäre ermordet zu haben, später gab es ein Revisionsverfahren und sie wurde freigesprochen. Der Fall der M.Weimar ist in dieser Beziehung deshalb so interessant, weil er ein breites Spektrum von all den Klischeebildern bietet, die im Falle eines solchen ungewöhnlichen Verbrechens, wie Monika Weimar es angeblich begangen haben soll, nur vorkommen können: Das Bild der Frau/Täterin als sexgieriges Monstrum, die Meinung der Öffentlichkeit/Presse, Justizskandal, Sex and Crime, schließlich die Revision, die Wandlung vom Monster zum Engel, nichts kommt zu kurz.

Mein Untersuchungszeitraum bezieht sich auf die Berichterstattungen verschiedener Zeitungen von Entdeckung der Tat, August 1986, bis zur Verurteilung, 1988. Weiterhin die Wandlung des Bildes der M.Weimar in den Presseberichten während des Revisionsverfahrens in der Zeit vom Oktober 1993 bis zum Freispruch im Dezember 1997.

Um einen Bezug zwischen heute und gestern ziehen zu können bedarf es einer kurzen Exkursion in die Vergangenheit. Das Bild, das Lombroso von der Frau erstellte, und dem viele Kriminologen, Juristen, usw. folgten, wird in diesem Abschnitt meiner Arbeit behandelt. Die Fragen die sich dabei stellten, beziehen sich hauptsächlich darauf, warum sich die Theorien Lombrosos, bezüglich auf die Frau, so hartnäckig bis in unsere Zeit gehalten haben. Biologische und psychologische Merkmale, wie Lombroso sie zu erkennen vermeinte, und dem heutigen Bild, daß sich insbesonders von einer angenommenen Verbrecherin in den Vorstellungen manifestiert hat, ist in einem Zusammenhang zu sehen. Wie meine Untersuchung zeigen soll, gibt es Parallelitäten, die immer noch aktuell sind.

B. Hauptteil

I. Das Weib als Verbrecherin - vor 100 Jahren Lombrosos Theorien

Seit der Ära Lombrosos herrscht in unseren Köpfen immer noch die Vorstellung, daß es einen Zusammenhang zwischen Sexualität und Verbrechen gibt. Die Rolle der Frau in der Gesellschaft wurde stets durch Vorurteile über die Natur der Frau und ihren Lebensbereich begrenzt. Rechtlich legitimiert durch das Bürgerliche - und das Strafgesetzbuch.1 Ein kurzer Blick in die Vergangenheit, soll helfen, die andauernde Diskriminierung von Frauen, besonders im Strafvollzug nachvollziehen zu können. Beschäftigt man sich mit der Kriminologie stößt man unweigerlich auf den eingangs erwähnten Italiener Cesare Lombroso. Dieser gilt als der Begründer der Kriminalanthropologie. Sein Hauptwerk über die Frauen, Das Weib als Verbrecherin und Prostituierte, erschien 1893. In einer Zeit, in der großes Unbehagen über die Stellung der Frau in der Gesellschaft und eklatante Reaktionen auf die Frauenrechtsbewegungen herrschte.2 Lombroso fing an zu kategorisieren und eindeutige unveränderliche Merkmale erkennen zu wollen. Er unterschied die ,,normale Frau" von der ,,geborenen Verbrecherin". Lediglich drei Merkmale bestimmen Lombrosos Bild der Frau - Grausamkeit, Mitleid, Mutterschaft. Die Grausamkeit resultiert sich aus der Schwäche der Frau. Lombroso stellt dazu fest: ,, Das schwache Weib mu ß , da es seinen Gegner nicht vernichten kann, ihn mit allen kleinen Waffen der Grausamkeit qu ä len..." und: ,,Schwere Verbrecherinnen haben fast immer einen gesteigerten Gechlechtstrieb, der bei der verbrecherischen Entwicklung erheblich mitwirkt " 3 Lombroso stellte eine Unmenge von Untersuchungen an um seine Theorien betreffs der Verbrecherwelt zu beweisen. Körperliche Stigmata, Merkmale wie der stechende Blick, Hakennasen, kräftige Kinnladen u.ä. dienten als Beweismaterial.

Obwohl seine Arbeit keiner wissenschaftlichen Kritik mehr standhalten kann, war sein Werk überaus verdienstvoll: Auf Gebieten die bis dahin nur Gegenstand philosophischer Spekulationen gewesen waren, leistete er echte Forschung, so über Verbrechen und Genie. Er wies darauf hin, daß es notwendig sei, bei jeder psychischen Veränderung nach einer eventuellen organischen Ursache zu forschen. Das bedeutet, daß die Verbrecherpsychologie und die Verbrecherphysiognomie nicht zu trennen sind, wenn die kriminologische Veranlagung des/der TäterInnen unter dem G ä ngelband der Archaik des B ö sen erfolgt . 4

Außerdem hatte er den Titel Reformator des Strafrechts inne. Besonders wichtig ist jedoch, daß Lombroso der erste war, der Frauen nicht nur als Ehefrauen und Mütter gesehen hat, sondern auch als Mörderinnen, Verbrecherinnen und Prostituierte. Wesen mit einem bedrohlichem sexuellem Trieb. Die Tatsache, daß Frauen über eine Sexualität verfügen, wurde bis dahin ignoriert, bzw. nicht in Erwägung gezogen. Die beängstigenden Emanzipationsbemühungen der Frauen, spielten wahrscheinlich eine große Rolle weswegen Lombroso einen Typ Frau erfand, den es in Wirklichkeit nicht gibt, den man aber unter Kontrolle halten muß. Die Stellung der Frauen in der Gesellschaft befand sich in einer Periode tiefsten Unbehagens.5

Für Lombroso waren Frauen grundsätzlich geborene Verbrecherinnen.Die normale Frau konnte jedoch mühelos durch die ihnen vorgesetzten Institutionen (Gesetze, Ehemänner, sonstige männliche Vorgesetzte) gebändigt werden, ihr ständiger Hang zum Bösen - ihr wesentliches Charaktermerkmal war die Grausamkeit - wurde nur durch die aufgepropfte Mutterschaft gemildert. Für Lombroso galt die Formel: Frau gleich Natur und die Natur ist das ungebändigte Böse. Hier kommt der Mythos von der Natur als das Dämonische zum Tragen. Da die Frau dem bösen Urgrund der Natur am nächsten steht, allein durch die Tatsache das sie die Kinder gebärt, bedroht sie ständig durch ihre Triebhaftigkeit die Existenz und die Kultur des Mannes. Nur die normale Frau, die eine wahrhaftige Mutter sein kann, verfügt über das Privileg frigide zu sein. Privileg deshalb, weil es die Regel ist und damit ungefährlich. Das Gegenteil jedoch, das Bedrohliche findet sich nur bei den Verbrecherinnen von Geburt, die zugleich Prostituierte sind. Widersprüchlich ist die Tatsache, daß Lombroso Verbrecherinnen, die gleichzeitig Prostituierte sind, als Wesen mit einem übersteigertem Geschlechtstrieb darstellt. Andererseits wird die Prostituierte als geschlechtskalt dargestellt, als totes Fleisch, unfähig zu einem Muttergefühl. Die Mutter, obwohl auch geschlechtskalt, kann warmherzige Gefühle aufbringen. Die sexuelle Basis, die die Mutter innehat, beruht auf der Tatsache, daß beim Säugen des Kindes oft ein sexuelles Lustgefühl entstehen kann.6

Es wird klar, daß es Lombroso nicht gelungen ist, ein pauschales Erklärungsmodell für die Frau und ihre Handlungsmotivation zu konstruieren. Der Zusammenhang zwischen Sexualität und Verbrechen, den Lombroso versucht mit allen Mitteln zu beweisen, ist in Wirklichkeit ein vor Widersprüchlichkeiten strotzender Erklärungsapparat, der das Bild der Frau negiert und dämonisiert. Für Lombroso blieb die Frau ein bedrohlicher, undurchschaubarer Mythos.Die phantastischen Mutter - und Verbrecherinnengestalten, die Lombroso erfand, können dieses Bild nur unterstützen.

Durch Lombrosos Werk wurden neue Diskussions - und Kritikgrundlagen geschaffen, es wurde immerhin zu neuen Diskursen angeregt. Zum ersten Mal wurde überhaupt von abnormen Sachen geredet, endlich wurden die Mängel der Emanzipation überhaupt wahrgenommem.

II.Das ,,Weib" als Verbrecherin - Jetzt Monika Weimar

Kriminologen halten es immer noch für unumgänglich, Verbrecher zu katalogisieren und die Kriminalität der Frauen an ihrem Sexualverhalten zu bemessen. Allerneuste Untersuchungen wollen immer noch beweisen, daß Verbrecherinnen maskulin, psychisch unangepaßt oder diabolisch zwielichtig seien. Mit rechtlicher Billigung wurden und werden Frauen um ihre Bildung, Berufsausbildung und Ausübung ihrer Rechte betrogen.

Manche Frauen wurden darüber verrückt, manche passten sich an, einige wurden Feministinnen, und manche begangen einen Mord.

Es ist nicht überraschend, daß Feministinnen und Mörderinnen von der Gesellschaft gleichsam gefürchtet werden, weil jede, auf ihre eigene Art, die Grenzen der etablierten Gesellschaft in Frage stellt.Obwohl sich die Gesetze geändert haben, sind es immer noch dieselben sozialen und rechtlichen Versagungen die Frauen zu Vertreterinnen des Feminismus werden lassen oder die Frauen zu einem Mord treiben können.7

Frauen, die eine schwere kriminelle Handlung begehen, oder unter Verdacht stehen eine begangen zu haben, entsprechen nicht dem Bild, das mann/frau sich von diesem passiven, agressionslosem Wesen gemacht hat. Agressivität und Gewalttätigkeit werden dem Mann zugeschrieben und in der Presse als ,,unfaßbare Tat" u.ä. beschrieben. Begehen Frauen sogenannte männliche Gewalttaten, erfolgt ein unglaubliches Quantum an Erklärungen und Analysen, mit dem Ergebnis, daß meistens doch nur Klischeebilder erzeugt werden. Ob eine Frau straffällig wird oder nicht, wird meistens mit ihren biologischen Eigenschaften erklärt und hat immer irgendetwas mit ihrer Sexualität zu tun. Während über die Sexualität von Männern bei Prozessen oder Pressebeerichten nicht geredet wird, außer bei Vergewaltigungsprozessen, spielt das Sexualleben der Frau eine große Rolle. Bevor der Prozeß stattfindet, hat meistens gleich nach Bekanntwerden der Tat, schon eine Vorverurteilung durch die Presse stattgefunden. Sensationelles über das Sexualleben der Frau, findet sich in fast jedem Artikel. Gewalt-und Tötungstaten werden bei Frauen nämlich fast immer mit Sexualität in Verbindung gebracht. Die Frauen werden als Unfrauen dargestellt und als Hexen, Ehebrecherinnen, Lügnerinnen hingestellt.

Sie gelten als frigide, hörig, triebhaft, sexgierig und pervers.8

1. Monika Weimar - der Fall

Monika Weimar, verheiratet mit Reinhard Weimar, wird verdächtigt, ihre beiden Töchter, 7 u. 5 Jahre alt, im August 1986 ermordet zu haben. Im Oktober 1986 wird sie in Untersuchungshaft genommen. Aufgrund von Indizien wird sie 1988 zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt. Die Presse, die das Meinungsbild maßgeblich beeinflußt hat, tat das ihrige um Monika Weimar als mögliche Täterin darzustellen. Ihr Mann, Reinhard Weimar, wird von Anfang an als Opfer gesehen und ihm wird völlige Unfähigkeit zu solch einer Tat unterstellt. Nach dreijährigem zähen Kampf um ein Revisionsverfahren wird M. Weimar am 4. Dezember 1995 freigelassen und am 24. 04.1997 vom Mordvorwurf an ihren Töchtern freigesprochen. Inzwischen gibt es ein Wiederaufnahmeverfahren, indem nocheinmal Schuld oder Unschuld der M.Weimar geklärt werden soll.

2. Die Konstruktion einer Hexe durch Presse und Justiz

Fr. Weimar bewegt sich außerhalb der Norm; sie geht als einzige der Frauen im Dorf arbeiten, sie will sich scheiden lassen, sie hat einen Geliebten. Sie entspricht in ihrem bisherigem Leben zwar der Vorstellung einer sorgenden Mutter, aber ihr Verhalten nach dem Mord an ihren Kindern ist sehr problematisch, und gilt als Schuldbekenntnis, da unglaubwürdig. Die außereheliche Beziehung verstärkt den Verdacht auf ihre Schuld., für die Anklageschrift ist ihre sexuelle Abhängigkeit das Mordmotiv. Obwohl die Gutachterin Prof. Müller- Luckmann die sexuelle Hörigkeit der M. Weimar als psychologische Alltagsphantasie diagnostiziert, möchte die Presse nicht auf sex and crime verzichten.9 Der Staatsanwalt Sauter, der auch Reinhard Weimar für schuldig hält, wird zusammen mit M. Weimar sexuell denunziert. Eine Fotomontage der ,,Hersfelder Zeitung"(10/86) , Grundlage ist das Werbeplakat für den Film ,,Staatsanwälte küßt man nicht", zeigt Raimund Sauters Gesicht. Die Akteure der ,,explosiven Kriminalkomödie" sind ,,Monika Weimar und Raimund Sauter". Die ,,Quick" veröffentlicht ein ganzseitiges Porträt von Sauter mit der Überschrift. ,,Die Frau - Ihr Richter - Ihr Liebhaber" (19/87). Damit wird absichtlich ein Zusammenhang zwischen Richter Sauter und Liebhaber hergestellt. Die ,,Quick" urteilt: ,, Sauter ist von Monika Weimar wochenlang wie ein tölpelhafter Tanzbär vorgeführt worden".(50/86)

Die Presse, die Monika Weimar von Anfang an gezielt als Lügnerin und Ehebrecherin darstellt, trägt gehörig dazu bei, daß Frau Weimar vorverurteilt wird. Die ,,Quick" schreibt: ,,Am schwersten wiegt bei den Leuten die Lüge mit der heimlichen Liebe. Ein Jahr lang hat M.W. ihren braven, aber etwas langweiligen Ehemann Reinhard mit dem hünenhaften Kevin Pratt, 23, erst heimlich, dann offen betrogen."(40/86)

Sauter wird schließlich abgesetzt, und Oberstaatsanwalt Matzke wird eingesetzt. Es wird nur noch gegen Monika Weimar ermittelt.10

Auch das Aussehen der Verdächtigten spielt eine große Rolle. In fast allen Artikeln wird sie als ,,eiskalt", mit ,,stechendem Blick",und ,,schmallippig" beschrieben. Die ,,FAZ" malt das Bild einer Hexe - ,,die blasse, überschlanke, schmallippige Frau...mit einer Stimme,gepreßt, fast krächzend"(24.03.87)

Wichtig ist ihre Frisur und ihre Augenfarbe ,,stechend blau", ,,eisblau", oder ,,knallblau und kalt", sind einige Attribute. ,,Hat eine Mörderin diesen Blick ? " ,, Ihr Gesicht ist nicht nur starr und leer, sondern in diesem angespannten Gesicht hat Weichheit keinen Platz. Es ist eine Maske".

3. Reinhard Weimar - ein Opfer wird konstruiert durch Presse und Justiz

Nach einigen Ermittlungen stellt sich heraus, daß Frau Weimar, was ihr Wissen über den Tathergang betrifft, gelogen hat. Sie verstrickt sich in Widersprüche, sie deckt ihren Mann. Sie hält sich für schuldig, die Kinder in die Arme ihres Mörders getrieben zu haben. Die Spurensicherung verläuft von Anfang an einseitig, es werden lediglich drei frisch gewaschene Kleidungsstücke von Reinhard Weimar beschlagnahmt. Von M.Weimar dagegen 27. Erst Wochen nach dem Tod der Kinder wird die Bettwäsche auf Spuren untersucht. Bei Verhören wird Frau W. nicht einmal gefragt, ob sie sich ihren Mann als Täter vorstellen könne. Sie wird von den vernehmenden Beamten geduzt ,,Komm Mädchen gibs zu, dann können wir dir helfen! Es wirsd schon nicht so schlimm für dich". Während der Ermittlungen stand M.Weimar unter Valium und unterschrieb wahllos ihre Vernehmungsprotokolle. Es waren darin Redewendungen enthalten, die sie lt eigenen Angaben nie gemacht habe und es wurde der Eindruck vermittelt, daß es eine rege Frage- und Antwortkette gegeben habe. Die Verhöre dauerten trotz ihres desolaten Zustandes teilweise bis zu 13 Stunden. Auf ihre Hinweise, das die Aussagen teilweise sinnentstellend seien und sie deshalb geändert werden müßten, reagierten die Beamten ablehnend. Sie mußte entwürdigende Verhörmethoden über sich ergehen lassen. Sie war zur Zeit der ersten Verhöre ohne Anwalt und Beistand11. Am 27.Okt. 86 wurde sie verhaftet, die Polizei umstellte das Haus und M.Weimar wurde in Handschellen abgeführt. Zur Erinnerung , Staatsanwalt Sauter wurde am 20.Okt.86 von dem Fall abgezogen.

R. W. schafft es, sich in der Öffentlickeit zum Opfer zu machen. Die ,,Quick" titelt ,,Sie versucht, ihren Mann vor Gericht unglaubwürdig zu machen" .(16/87) Der Spiegelkommentator Mauz beobachtet ,, der Zeuge Weimar ist keiner der handelt".

,,Spiegel"(19/87) Er gilt als unschuldig und wird nicht besonders behelligt. Bei Befragung sagte er, er könne sich nicht an eine solche Tat erinnern, wenn, dann müsse er ein Black Out gehabt haben.12 Polizeibeamte entschuldigten sich bei R.Weimar für die langen Vernehmungen: ,,Du warst so fertig,du hättest mir jeden ungeklärten Mord in Deutschland gestanden. Ich hätte lieber meine Schreibmaschine aus dem Fenster geworfen, als weiterzumachen."Polizeibeamte und Presse feierten in einer Kneipe gemeinsam mit ihm die Verurteilung seiner inzwischen geschiedenen Frau zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe.

4. Reaktionen der Öffentlichkeit auf die Pressekonstrukte

Der schon oben erwähnte, von Lombroso proklamierte vermeintliche Zusammenhang zwischen Frauenstraffälligkeit und Sexualität ist nicht mehr aus den Köpfen herauszukriegen. In der Öffentlichkeit ist das wichtigste Indiz für die Schuld ihre außereheliche Beziehung. Die Denunzierungspraktiken durch die Presse äußern sich in manchen Briefen, besonders von Frauen, die Frau Weimar erhält, als sie in Untersuchungshaft sitzt. ,,...denn die Hure hat die Kinder am Gewissen... und jetzt soll die Mörderin büssen dafür...denn wir Frauen...können auch keins umbringen, mußten unsere Kinder großziehen und so eine Rumtreiberin die macht zwei schöne Kinder kalt durch ihr vieles umher Saufen und Huren." Oder eine Zuschauerin schreit während des Plädoyers der Verteidiger: ,,Wenn die freigesprochen wird, na dann hau´ ich eben auch ein Kind platt."13

Monika Weimar wird dafür bestraft, daß sie nicht dem gewünschtem Bild einer Ehefrau entspricht. In einer Zeit, in der Frauen zunehmend selbstständig werden, und auch ohne Männer leben können, ist die Verunsicherung in der Gesellschaft groß. Die Geschlechterverhältnisse lassen sich nicht mehr in einfache Beziehungsmuster pressen. Die Presse bedient die Sehnsucht nach klaren Verhältnissen und zeigt was passiert, wenn ,,frau" aus der Rolle fällt.14

5. Interview mit Monika Weimar zu den Pressedenunziationen

Welche Auswirkungen hatten die Pressekampagnen auf Monika Weimar, wie fühlt sich eine Frau die in die Rolle einer Kindsmörderin und Ehebrecherin gepreßt wird ?

Auszüge aus dem Interview von Petra Henschel mit Monika Weimar sollen ihre Empfindungen widergeben.

,,Wie haben Sie denn die schnelle Bestimmung Ihrer angeblichen

Motive für die Tat in der Presse empfunden? Da wurden z.B. genannt: Eifersucht, Verlustangst (des Geliebten) und sexuelle Hörigkeit."

,,Dieser Vorwurf der sexuellen H ö rigkeit war ganz besonders schlimm f ü r mich, weil, ... ich kann nicht sagen, da ß ich da irgendwie abh ä ngig von war, denn ich konnte trotzdem noch frei entscheiden. Ü ber die sexuelle H ö rigkeit hat der Gutachter au ß erdem berichtet, von daher wu ß te es die Presse auch, da ß es nicht so sein konnte. Ich habe auch versucht, es dem Gericht zu erkl ä ren. Sexuelle H ö rigkeit stelle ich mir so vor, da ß man nicht mehr vom Partner lassen kann ... aber es war ja nicht so."

,,Im Mittelpunkt stand Ihre Liebesbeziehung. Dafür wurden Sie besonders beschimpft. Z.B. mit: ,,Sie ist eine Ami-Hure, und sie bleibt es." Vor allem für die Frauen in Ihrer Nachbarschaft und beim Prozeß schien dies beinahe schlimmer zu sein als der Vorwurf der Tötung der Kinder."

,,Ja, das stimmt ... Ich habe Briefe ..., in denen jemand aus Fulda schreibt, da ß sie glaubt, da ß ich unschuldig bin, aber daf ü r, da ß ich fremd gegangen bin, daf ü r geh ö re ich bestraft."

,,Werden nach Ihrer Erfahrung, Vorurteile von der Presse nur aufgegriffen, oder werden auch neue Vorurteile geschaffen?"

,, Es wurden auch neue geschaffen, z.B. wie die mich hinstellten, als Hexe, als Monster, als die Kalte. Ich habe mich so gesch ä mt, auch die erste Zeit hier in Haft."

,,Was wurde in der Presse immer wieder angesprochen?"

,,Mein Verhalten und wie ich angezogen war. Das waren die Hauptpunkte."

,,Glauben Sie, daß die Berichterstattung Einfluß auf ein Gericht haben kann?"

,,Ja, das glaube ich schon, weil Richter, Staatsanw ä lte, alle, die da beteiligt sind, die lesen auch die Zeitung. Und wenn jetzt eine Zeitung schreibt, z.B. ü ber ,,Vorverurteilung" und ,,Es wird schon so gewesen sein", dann bleibt das in deren K ö pfen, denke ich, schon drin."

Wie recht Monika Weimar mit ihrer Vermutung hatte, kann am Schuldspruch, der Lebenslänglich hieß, ermessen werden..

6. Die Wandlung

Am 4. Dez. 1995 wurde Frau Weimar auf freien Fuß gesetzt. Sie hatte Zeit ihr Tagebuch zu schreiben und sich auf den neuen Prozeß im Jahre 1997, der mit einem Freispruch endete, vorzubereiten.

Die Sicherheit, mit der im ersten Verfahren fast alle Zeitungen die Schuld Frau Weimars begründeten ist nun einer zurückhaltenden Beurteilung gewichen. Da der Ausgang des Verfahrens höchst unsicher ist, müssen die Redaktionen in einem evtl. Freispruch vorbauen, um sich nicht lächerlich zu machen. Nach wie vor überzeugt von ihrer Schuld ist der ,,Spiegel": ,,Es gibt Mütter, die können nicht loslassen, nicht hergeben. Das einzige, daß sie noch haben, das Liebste lassen sie sich nicht wegnehmen. Nicht vom Gericht, nicht von einer Behörde, nicht vom Ehemann. Eher töten sie!" (8.2.1993)

Als sich ein möglicher Freispruch anbahnt erscheint das Bild der Monika Weimar in einem anderen Licht

,,Das Teuflische ist von ihr gewichen, sie hat nichts Teuflisches". ,,Bild am Sonntag" (10.12.1995). ,,Sie wirkt jünger und weicher"urteilt ,,Stern"(9.3.95)und ,,Die blauen Augen funkeln lebensfroh" titelt ,,Bild am Sonntag", ebd. ,,Ihr Haar trägt sie schulterlang und blond."ebd. Die ,,Süddeutsche Zeitung" berichtet über: ,,Blonde, weichfallende Haare." (11.12.95) ,,Die Hamburger Morgenpost" macht aus ihr ,,eine schmale, blonde Frau". Die Beschreibung des Aussehens zeichnet durch die gewählten Attribute ein sehr unterschiedliches Bild und beeinflußt den Leser positiv oder negativ und wirkt entscheidend auf Sympathie oder Antipathie. (Die gleichen Augen können eisblau stechend oder lebensfroh funkelnd sein.) Die burschikose Fönfrisur wandelt sich in blonde, weichfallende Haare. Die überschlanke, blasse, schmallippige Frau ist zu einer schmalen, blonden Frau geworden.

III. 100 Jahre Lombroso und kein Ende in Sicht !

Nach wie vor spielt die weibliche Sexualität im Zusammenhang mit einem Verbrechen von einer Frau begangen immer noch eine bedeutende Rolle für eine evtl. Schuldzuweisung. Schwere Verbrecherinnen haben fast immer einen gesteigerten Geschlechtstrieb, der bei der verbrecherischen Entwicklung erheblich mitwirkt, diagnostizierte seinerzeit Lombroso. Heute erfahren wir aus den vorangestellten Presseberichten, daß in diesem Falle Monika Weimar, ein schweres Verbrechen wegen ihrer sexuellen Hörigkeit begangen haben soll. Ebenso die von Lombroso erfundenen Stigmata, wie z.B. der stechende Blick wird auch heute noch von der Presse/Öffentlichkeit im Zusammenhang mit einer schuldverdächtigen Frau beschreibend verwendet.

Vor hundert Jahren drang dank Lombrosos Theorien die gesellschaftliche Stellung der Frau und damit die Mängel der Emanzipation zum ersten Mal in das Bewußtsein; erste Befreiungsversuche der Frauen, z.B. Sufragettenbewegung, Wahlrechtsbemühungen, Bemühungen auf politische Einflußnahme.

Gesellschaftliche Umbrüche in Form von Frauen, die immer unabhängiger und selbständiger werden (z.B. Scheidungswelle in den 80igern) führten damals wie heute zu Verunsicherungen und Versuchen, die Frauen in ihren angestammten Rollen zu binden. Hausfrauenrolle, Mutterrolle, treusorgende Ehefrau, keine freie Sexualität. Frauen müssen bei jeder Interaktion ihren untadeligen sexuellen Ruf zumindest vortäuschen; die meisten Kontrollorgane sind berechtigt, die sexuelle Geschichte von Frauen zu überwachen. Dies bedeutet, ein Festnageln von Frauen auf ihre natürliche (d.h. biologische) Ausstattung mit Körper und Gefühlen.15

Bricht die Frau aus ihren angestammten Rollen, so wird versucht, sie als Unfrau, Hexe, Monster, als Gesellschaftsfeindin darzustellen.

Wahrend in dem Bereich der männlichen Kriminalität seit vielen Jahren soziologische Erklärungstheorien Einzug gehalten haben, werden Theorien zur weiblichen Tötungsdeliquenz bis heute noch maßgeblich von frühen biologisch orientierten Arbeiten beeinflußt. Erst in jüngster Zeit ist in der wissenschaftlichen Diskussion die eigenständige Behandlung von Frauenfragen verstärkt aufgenommen worden. Insgesamt muß aber gesagt werden, daß es bis heute keine umfassende und wissenschaftlich begründete Grundlagenforschung zur weiblichen Delinquenz gibt.16

C. Schlußbemerkungen

Es ist schockierend zu lesen, wie das Schicksal der Monika Weimar von der Presse und der Öffentlichkeit dargestellt wurde. Meiner Meinung nach entbehrt die Vorgehensweise jeglicher Objektivität. Die ungeheure Wichtigkeit der Kleidung und des Aussehens, die gelebte Sexualität in Verbindung mit dem angeblichen Verbrechen, kann einem das Fürchten lernen. Nachdem Monika Weimar fast zehn Jahre im Gefängnis verbracht hatte, ist es mehr als erstaunlich, daß eine Wandlung , wie sie ihr unterstellt wurde, überhaupt möglich ist. Sie wurde von einer eiskalten Mörderin mit stechendem Blick zu einer lebensbejahenden, sensiblen Frau mit weichen, blonden Haaren. Deutlich ist zu erkennen, daß auch hier ein Bild von einer Frau konstruiert wird, die es so nicht geben kann. Ist es so, daß die Äußerlichkeiten zu einer eindeutigen Identifizierung und Einordnung beitragen müssen? Wie Lombroso seinerzeit mit seinen Stigmati-sierungen zwischen gut und böse trennte? Die ehemals als eiskalte Mörderin, als unkontrollierbar aus der Rolle Fallende, wird nun zu einem weichen, beschützungsbedürftigen und damit kontrollierbarem Wesen.

Wie Schuld oder Unschuld von der Presse dargestellt werden und dementsprechend das Bild der Frau gezeichnet wird, ist nicht allein mit der Sensationslüsternheit des Publikums zu erklären. Meiner Ansicht nach spielen alt hergebrachte Klischees und damit verbundene Ängste eine große Rolle. Historisch gesehen ist der Kindsmord und die Hexerei das Vergehen von Frauen, auf dem die Todesstrafe stand. Diese Tat galt als die schlimmste Form christlicher Vergehen. Kinds-tötungen von Vätern/Männern begangen, lösen nicht die gleichen Urängste aus, wie Tötungsdelikte von Müttern begangen. Hier spielt die Angst der Wiederkehr der Hexen eine Rolle. Das Motiv, daß in jeder Frau eine Hexe schlummert, durchzieht Literatur und Wissen-schaft von Männern, die hier ihr Angstsyndrom vor der alles ver-schlingenden Mutter, vor der Kastration, bearbeiten. Die Hexe und die Heilige, die Prostituierte und die Mutter sind zwei Seiten ein und derselben Münze. Aus der Heiligen, der Maria, wurde die Hausfrau und Mutter - idolisiert -, aus der Hexe wurde die Prostituierte - dämonisiert. Die Angst besteht darin, daß das Idol Mutter, den Kontakt zu den dämonischen Mächten aufnimmt.17 Diese Definition trifft genau den Kern, um dem sich bereits Lombrosos Theorien rankten. Sie entsprechen immer noch denselben Urängsten , in denen die Männerwelt gefangen ist. Dabei ist nicht zu vergessen, daß gerade auch die Frauen mit zur Aufrechterhaltung der angestammten Rollen beitragen. Sie wollen ,,gute" Frauen und Mütter sein, und auf keinen Fall in die Nähe von Unfrauen gebracht werden. Diese Theorie bestätigen mir die deformierenden Briefe, die Frauen an Monika Weimar geschrieben haben. Ich hoffe, daß die ,, Hexen"- Elemente, die in uns Frauen schlummern, eines Tages von uns gelebt werden können, ohne daß wir gleich verbrannt oder denunziert werden.

[...]


1 Vgl. Ann Jones, 1986, Frauen, die töten, S.29.

2 Vgl. Ebd.. S.21-23

3 Vgl., Cesare Lombroso ,1910,

4 Vgl. Peter Strasser, Verbrechermenschen,1989, S.72-ff.

5 Vgl. Anne Jones, 1986, Frauen, die töten

6 Vgl. Cesare Lombroso,1910, S.39- 45ff.

7 Vgl. Ann Jones, Frauen die töten, 1986, S.29-31.

8 Hexenjagd,1998, S.41-47.

9 Hexenjagd, 1998, S.40-55.

10 Ebd.S. 48.

11 M. Böttcher, 1997, S. 142 -149.

12 Vgl.Hexenjagd.1998, S.41.

13 Heide Platen.Kindsmord.Der Fall Weimar, Berlin 1988, in Hexenjagd.

14 Vgl. Hexenjagd, 1998, S.52.

15 Gerlinda Smaus, Das Strafrecht und die Frauenkriminalität, 1990.

16 Regina Sternal, Frauen die töten, 1996.

17 Vgl. Hexenjagd, 1989, S. 43.

12 von 12 Seiten

Details

Titel
100 Jahre Lombroso und kein Ende in Sicht?
Untertitel
Die Bedeutung Lombrosos biologistischer Ansätze in der Gegenwart am Beispiel der Monika Weimar
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Veranstaltung
Seminar Sexualität und Verbrechen
Note
1,4
Autor
Jahr
2000
Seiten
12
Katalognummer
V97921
Dateigröße
465 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Ein Vergleich zwischen gestern und heute bezüglich der öffentlichen Berichterstattung über Frauen, die eines Verbrechens beschuldigt werden.
Schlagworte
Jahre, Lombroso, Ende, Sicht, Seminar, Sexualität, Verbrechen
Arbeit zitieren
Carolin Beinl (Autor), 2000, 100 Jahre Lombroso und kein Ende in Sicht?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97921

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