Analyse des Buches "Lady Punk" von Dagmar Chidolue, Ein typisches Mädchenbuch?


Hausarbeit (Hauptseminar), 1992

19 Seiten, Note: 2


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Inhaltsverzeichnis

1. Einordnung des Mädchenbuches als Literaturform
1.1 Definition: Mädchenbuch
1.1.2 Der Nutzen der Differenzierung: Mädchenbuch
1.1.3 Äußere Differenzierung von Lady Punk

2. Innere Differenzierung
2.1 Innere Differenzierung: Lady Punk
2.2 Das Erwachsenwerden
2.2.1 Kommentar
2.2.2 Das Erwachsenwerden: Lady Punk
2.3 Die Familie im Mädchenbuch
2.3.1 Familie: Lady Punk
2.4 Das Tochter-Vater-Verhältnis
2.4.1 Tochter-Vater-Verhältnis: Lady Punk
2.5 Mutter-Tochter-Beziehung: Lady Punk

3. Schlusswort

Literaturverzeichnis

,,Lady Punk" - ein typisches Mädchenbuch?

1. Einordnung des Mädchenbuches als Literaturform

1.1 Definition Mädchenbuch:

Um die eingangs gestellte Frage ,, ist Lady Punk ein typisches Mädchenbuch?" zu erläutern, bedarf es zuerst einer Definition von Mädchenbuch. Malte Dahrendorf gibt in ihrem Buch ,,Mädchenbuch und ihre Leserin" einige Ansätze dazu. Sie stellt fest, dass diese Literaturform den Hauptadressaten in Mädchen oder jungen Frauen findet. Ein Grund, weshalb zumeist (oder ausschließlich) Mädchen Mädchenbücher lesen, liegt schon in der Aufmachung des Buches selbst. Sie nennt dies die ä ußere Differenzierung. Auf dem Titelbild findet man oft Mädchen, Mädchenköpfe, geschlechtsspezifische Gruppierungen, wobei eines der Mädchen hervorgehoben wird. Aber auch darüber hinaus sind Mädchenbücher durch den Titel gekennzeichnet. Gerne werden Mädchennamen verwendet, wie zum Beispiel, ,,Hanni und Nanni" oder ,,Das doppelte Lottchen" . Falls sich die Leserin über diese Werbestrategie nicht angesprochen fühlt, verwendet die Buchindustrie auch typisch weibliche Eigenschaften, die sie im Titel einsetzt. So kann hier auf Eigenschaften von Mädchen verwiesen werden, zum Beispiel Mutter, Tante, Herz, mein Baby und Ich etc.

Manfred Marquardt stellt hierzu einige Stichpunkte über Malte Dahrendorfs Argumentation zusammen:

- Als Mädchenbuch im engeren Sinne können alle literarischen Produkte bezeichnet werden, die als Instrumente zur Sozialisation des Mädchens zum `Mädchen' interpretierbar sind.
- Als Mädchenbuch im weiteren Sinne allerdings auch alle diejenigen Produkte, die dem Mädchen helfen wollen, sich seiner Situation bewußt zu werden, um ihm die Chance zur Emanzipation zu geben. (...)"1

1.1.2 Der Nutzen der Differenzierung: Mädchenbuch

Fragt man sich , weshalb es überhaupt diese spezielle Literaturform Mädchenbuch gibt (gekennzeichnet durch oben genannte Strategien oder durch die bekannten Buchstaben auf den Büchern für Kinder und Jugendliche M oder J, d.h. für Mädchen oder Jungen zum Lesen geeignet), stößt man auf folgende Antworten:

Malte Dahrendorf sieht die Gründe für die Entwicklung des Mädchenbuches in der Gesellschaft. Die Gesellschaft - hier vertreten durch die Buchindustrie - hat ein bestimmtes Rollenbild der Frau und des Mädchens. Eicke2 führt hier von A-Z Eigenschaften von Mädchen an. zum Beispiel A, wie artig; E, wie edelmütig, ehrlich, ergeben; N, wie natürlich, nachgiebig, nicht neugierig; S, wie sanft, sauber, selbstlos, sparsam, sittsam; U, wie sich unterordnend, unschuldig und so weiter. Damit sich ein Mädchen in seine Rolle einfinden kann, wird schon früh angefangen, das Mädchen durch die Literatur in seine Rolle zu sozialisieren bzw. zu konditionieren. Denn Mädchen lesen im Erstlesealter mehr als Jungen.3 Der damit verbundene Effekt liegt somit nahe. Findet das Mädchen durch das Lesen eine Identifikationsmöglichkeit mit ihrer zukünftigen gesellschaftlichen Rolle als Frau, kann es hervorragend geprägt werden. Denn was passiert beim Lesen? Man zieht sich in sich selbst zurück, ist beschäftigt mit sich und seiner Phantasie. Einer Phantasie, die durch die Geschichte und ihre Hauptfigur bestimmt wird. Beginnt ein Mädchen mit zehn Jahren, diese Literaturform zu lesen und findet Gefallen daran, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es auch im fortgeschritteneren Alter diese spezielle Literatur lesen wird. Ergo scheint die Buchindustrie ihre Existenz durch das fortlaufende Bestehen der Mädchen-und Frauenliteratur gesichert zu haben.

1.1.3 Äußere Differenzierung von Lady Punk

Das Titelblatt des Buches weißt nicht die typischen Merkmale des Mädchenbuches auf. Es zeigt weder Mädchen noch Mädchenkopf oder eine Mädchengruppe. Das Titelblatt stellt einen Briefumschlag für Luftpost dar, der mit Briefmarken der USA freigemacht und an ,,Burger in Germany" adressiert ist. Die Umrahmung ist feuerrot. Der Titel des Buches ist in bunten Lettern geschrieben. Der Titel ,,Lady Punk" macht zwar auf eine weibliche Hauptfigur aufmerksam, jedoch lässt er sicher nicht auf ein konventionelles Mädchenbuch schließen. Im Gegenteil, mit Punk wird gemeinhin ein aggressiver Mensch, der immer ANTI eingestellt ist, verbunden. Das Fremdwörterbuch schreibt folgendes: ,,amerikan. Abfall, Mist - 1. Ende der 70er Jahre aufkommende Bewegung von Jugendlichen, die sich der bürgerlichen Normen verweigern. 2. Anhänger des Punk, der durch bewusst auffallende Aufmachung u. bewusst exaltiertes Verhalten seine antibürgerliche Einstellung zum Ausdruck bringen will. (...)"4 Das Wort Lady steht im völligen Gegensatz zu Punk. Lady wird zumeist im Sinne von ,,die perfekte Frau" verwendet. Ein Blick ins Lexikon5 verrät, dass mit Lady unter anderem der ,, Titel für Königinnen und Prinzessinnen" gemeint ist. Von der äußeren Aufmachung des Buches, lässt sich Lady Punk nicht dem traditionellen Mädchenbuch zuordnen. Es lässt zwar erahnen, dass es sich hier um eine Mädchenhauptfigur handelt, die allerdings wohl nicht den übrigen Klischees entspricht.

2. Die innere Differenzierung

Die im Mädchenbuch dargestellte Hauptfigur Mädchen, entspricht weitgehend dem aktuellen Gesellschaftsleitbild des Mädchens bzw. der Frau. So dient das Mädchenbuch der Leserin als Spiegel, wie sie ist, wie sie sein sollte und vor allem wie sie nicht sein sollte. Man könnte es schon fast als eine, wie Malte Dahrendorf selber sagt, ,, manipulierende Lesestimulanz" 6 ausdrücken. Doch welche Idealbilder werden der Leserin vorgeführt? Das Mädchen soll allen Tugenden entsprechen. Falls es diese Tugenden noch nicht besitzt, werden sie im Laufe der Geschichte durch einen großen Erkenntnisprozess entwickelt. Es kann aber auch eine Figur im Mädchenbuch erscheinen, die sie schon besitzt, und das Mädchen dann umerzieht. In der neueren Mädchenliteratur wird zu einem Teil von diesen recht engelhaft anmutenden Tugenden Abstand genommen. Hier wird betont, dass ein Mädchen einen eigenen Kopf zum Denken besitzt, Rechte hat und diese wahrnehmen sollte, dass sie sich emanzipieren soll und muss, um ihren Weg zu finden. Doch leider sind dies oft Worthülsen, wenn das Mädchen am Schluss in die ihm vorgeschriebene Rolle schlüpft bzw. hineinwächst und sich dann angeblich darin auch noch wohl fühlt. Die in den 70er Jahren herausgekommenen Mädchenbücher zeichnen sich darüber hinaus noch durch das am Ende der Geschichte stehende Happy End aus. Gemeint ist dabei, dass sich immer alles zum Guten wendet oder dass dem Mädchen eine Lösung angeboten wird. Diese Lösung wird entweder durch eine der guten Figuren der Geschichte vorgegeben, oder es setzt der Erkenntnisprozess ein, wie das Leben eines richtigen Mädchen auszusehen hat. Kurz, die Geschichten sind immer ,,rund", nach dem Motto: ,, ... und wenn sie nicht gestorben ist, dann ist sie immer noch wahnsinnig glücklich in ihrer neuen (alten) Haut!"

Erst neuere Mädchenbücher geben der Leserin keine vorgefertigten Lösungen an die Hand. Sie lassen die Zukunft offen. Die Leserin soll ihrer Phantasie freien Lauf lassen und selbst nachdenken, wie die Geschichte weitergehen könnte, was sie anstelle der Hauptfigur aus ihrem Leben bzw. aus jener Lebenssituation machen würde. Es ist die Frage nach dem eigenen Ich, die sich die Leserin nun selbst beantworten muss.

2.1 Innere Differenzierung: Lady Punk

Als typisches Mädchenbuch lässt sich Lady Punk nicht einstufen, denn die Hauptfigur Terry entspricht nach außen hin nicht im mindesten dem, wie ein Mädchen sein sollte. Terrys Situation entspricht auch nicht den üblichen Themen, die sonst in Mädchenbüchern angesprochen werden. So geht es nicht darum, den Mann fürs Leben zu finden oder den Traumberuf zu verwirklichen. Lady Punk lässt sich, wenn überhaupt zu den neueren Mädchenbüchern zählen, denn es handelt sich bei der Hauptfigur um eine junge Teenagerin, die als ,,Großstadtgöre" in Berlin ihr Unwesen treibt. Sie verhält sich mit ihren fünfzehn Jahren, wie es den Berlinern im allgemeinen zugeschrieben wird: ,,Kodderschnauzig", frech und sehr direkt.

Terry kann als Anti-Mädchenfigur gewertet werden, die dennoch dieselben Probleme anderer Jugendlicher hat. Sie gibt nach außen ein Bild von Stärke und Selbstbewusstsein ab, die sie im Grunde ihres Herzens eigentlich gar nicht besitzt. Sie trägt zwar schrille Farben, und versucht sich stets durch ihr Aussehen von den anderen Jugendlichen abzugrenzen, aber diese augenscheinliche Anti-Haltung ist nur eine Verwirrungstaktik, damit niemand ihr verletzliches noch unsicheres Ich durchblicken kann. ,,Terry war bekannt dafür, daß sie keine Hemmungen hatte. Es war alles nur eine Schutzhaut. So dick wie ein Nilpferdleder."7 Sie hat, wie in diesem Alter gerade bei Mädchen häufig zu beobachten ist, größte Probleme mit ihrem Körper. Sie mag sich nicht. Den Erwachsenen gegenüber benimmt sie sich meistens sehr rebellisch. Sie ist dabei auch an listiger Kreativität kaum zu überbieten. Terry kann man als Figur mit einem (modernen) ,,Trotzkopf" 8 vergleichen, denn sie versucht mit allen Kräften, ,,gegen den Strom zu schwimmen". Wobei der Trotzkopf aus Gedankenlosigkeit handelt.

Terry weiß, was Manieren sind und deshalb vergisst sie sie absichtlich. Sicher tut sie dieses, um aufzufallen und den Erwachsenen einen Grund zur Empörung zu geben. Vornehmlich richtet sich ihr schlechtes Benehmen gegen die Mutter, die sehr viel wert auf Etikette legt. Sie versucht, sie stets aufs Neue zu schockieren und zu blamieren. Als die Mutter mit ihrem Freund, einem bekannten Paar und der Großmutter bei Tisch sitzen passiert folgendes: ,, Terry trank die Dose leer. Sie drückte sie mit einer Hand zusammen. (...)Schließlich ließ Terry die Dose auf den Boden fallen und trat sie platt. (...) Dann stellte sie sich hinter Onkel Hugo, Sie holte tief Luft und bäuerte ausgiebig. Es war, als ob alle plötzlich gelähmt waren."9

Die Hauptfigur tut das, was sich manches Mädchen in dem Alter wünscht. Sie lehnt sich gegen alles und jeden mit brutaler Durchsetzungskraft, Mut und ,,Schnodderigkeit" auf. Hier wird vor allem die Mutter-Kind-Beziehung angesprochen, die während der Pubertät häufigst auf die Probe gestellt wird.

Terry ist auch deshalb die Anti-Mädchenfigur, da sie die dem Mädchenbuch zuzuordnenden Tugenden nicht hat und im Laufe der Geschichte auch nicht erlangt. Sie bleibt die Oppositionistin, allerdings mit ein bisschen mehr Lebenserfahrung und Reife.

2.2 Das Erwachsenwerden

Mädchenbücher versuchen den Leserinnen in ihrer Sozialisation zu helfen. Sie bemühen sich, der Leserin eine Stütze zu bieten, die ihr das Erwachsenwerden erleichtert bzw. ihre Fragen zu erläutern, als eine helfende Hand gesehen zu werden, die ihre Probleme kennt und sie dabei versteht. Malte Dahrendorf bemerkt hierzu, dass zwei Festlegungen getroffen werden:

,,1. Durchweg ist bei den Büchern (...) erkennbar, dass das Erwachsenwerden als fester, endgültiger Status hingestellt wird, (...) der Ängsten und Sorgen ein Ende bereitet.
2. Daraus geht hervor, dass das Erwachsenwerden in jedem Fall als ein lohnendes Ziel erkennbar wird. (...) Es werden vor allem die Vorteile, die sich aus dem Status der Erwachsenen ergeben, herausgestellt. Sie ergeben einen Kontrast zum gegenwärtigen Status des Übergangs, (...) die lebenslange Aufgabe, erwachsen zu sein."10

Viele Mädchenbücher stellen häufig dar, dass die Zeit des Erwachsenwerdens zwar hart und steinig ist, aber wenn das Erwachsenwerden einmal erreicht wurde, sich sämtliche ,,Knoten" plötzlich lösen. Der endlich erreichte Zustand wird als eine Art ,,Nirwana" 11 dargestellt. So, als gäbe es keine Probleme mehr, als würde alles erreicht werden und nichts mehr unmöglich sei. Die Berufswahl ist auch ein Teil des Erwachsenwerdens. Diese wird in Mädchenbüchern gerne so dargestellt, dass ein Mädchen den Traumberuf verwirklichen kann, indem sie entdeckt wird oder sie selbst ihre genialen Neigungen entdeckt.

Die vorgestellten Berufe entsprechen häufig den Rollenerwartungen der Gesellschaft. Aber zumeist enden sie nicht in dem Realisieren eines Berufswunsches, sondern in der vermeintlich ausfüllenden Aufgabe als Mutter und Hausfrau (-hälterin). Laut Dahrendorf wird gerne die gewonnene Unabhängigkeit als Erwachsene gleich wieder gegen ein Sicherheitsstreben in der eigens gegründeten Familie eingetauscht.

Einige Mädchenbücher distanzieren sich davon. Sie lassen die Hauptfigur am Ende erkennen, dass das Erwachsenwerden allein nicht ,,die große Freiheit" bedeutet. Sie stellen das Erwachsenwerden als einen Erkenntnisprozess dar, an dessen Ende man dann auch nicht verbindlich weiß, was man will. Wie es in Goethes Faust schon treffend heißt:

,, Nun steh ich hier, ich armer Tor und bin nicht klüger als zuvor..."

Trotzdem ist das Ziel des Erwachsenwerdens die Überwindung der kindlichen Lebenseinstellungen, nämlich ,, (...) - Sichselberfinden, kindliche Haltungenüberwinden, Verantwortungübernehmen - sind zusammenfassend zu beschreiben als Ü berwindung einer passiven, abwartenden Einstellung zum Leben (...)." 12 Also die Überwindung der Pubertät! Wie Dahrendorf bemerkt, werden gerade die sich mit der Pubertät und deren Probleme beschäftigenden Mädchenbücher häufig gerade von jenen Mädchen gelesen, die keine wunderbare Kindheit hatten und nicht einmal die Zeit, ihre Pubertät zu erleben. Sie flüchten sich in die vorgegaukelte Scheinwelt, an deren Ende das erlangte Glück durch das Finden des idealen Partners, des Traumberufs und der perfekten Familie steht.

Neuere Mädchenbücher lassen diese geschlossenen Ausklänge der Geschichten weg. Sie überlassen es der Phantasie der Leserin, wie das Leben der Hauptfigur weitergehen könnte. Diese Mädchenbücher erklären die Gründung der eigenen Familie, das Aufgeben des gerade erreichten Traumberufes Zugunsten der Kinder und der Karriere des Ehemannes nicht zum Ziel des Erwachsenwerden.

2.2.1 Kommentar:

Mit einem offenen Ende, das gedankliche Anregungen bietet, helfen Mädchenbücher der Leserin wesentlich mehr, denn Teenager wollen, trotz dessen sie noch nicht volljährig sind, ernst genommen werden. Sie wollen als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft akzeptiert und respektiert werden. Diese Akzeptanz schließt mit ein, dass ein junger Mensch anfangen muss, selber nachzudenken und Lösungen für seine Probleme zu finden.

Die Mithilfe bei der Lösung eines Problems sollte zwar angeboten werden, doch nicht das Gefühl aufkommen lassen, dass man etwas abgenommen bekommen hat oder bevormundet wird.

2.2.2 Das Erwachsenwerden: Lady Punk

Dagmar Chidolue zeigt mit Lady Punk eindrucksvoll, wie ein junges Mädchen empfindet. Sie lässt Terry als starke Persönlichkeit auftreten, die aber im Inneren ihres jungen Herzens doch noch gar nicht recht weiß, wohin sie will. Chidolue zeigt die facettenreichen Probleme einer Teenagerin, angefangen vom Konflikt mit dem sich verändernden Körper, das Abgrenzen gegen andere durch Keckheit und durch das provokante Verändern des äußeren Erscheinungsbildes.

Terry benimmt sich am Anfang der Geschichte überzeugend frech. Sie hat von allem und alles DIE AHNUNG. Sie kennt sich mit der Liebe hervorragend aus, sie ist der Star und wird dafür in der Schule bewundert. ,, Also, wortwörtlich hat er gesagt, daß du so cool bist, daß du Eiswürfel pinkelst."13 Klar, Terry hat auch Probleme, aber diese lösen sich spätestens mit achtzehn, dann will sie nämlich ausziehen. Die natürlichen Probleme der Pubertät werden bei Lady Punk auf eine lustige Art beschrieben, die aber gleichsam Tiefgang besitzt. Der Konflikt mit dem eigenen Ich stellt sich bei Terry sehr bald dar. Die Leserin erkennt, dass Terry wesentlich verwirrter und sensibler ist, als vermutet. Sie muss sich selber eingestehen, dass sie eben keine Ahnung hat. ,, Denn obwohl Terry über alles bescheid wusste: wenn sie ganz, ganz ehrlich war, hatte sie von gar nichts eine Ahnung."14 Die erste Festlegung15 von Malte Dahrendorf greift bei Lady Punk mit folgender Einschränkung: Einerseits wünscht sich Terry immer wieder endlich erwachsen zu werden. Sie sehnt ihren achtzehnten Geburtstag herbei. Hier wird der Gedanke der Wartehaltung aufgegriffen. Mit dem achtzehnten Geburtstag soll die ,,große Veränderung" eintreten. Aber die Autorin geht noch einen Schritt weiter. Sie lässt Terry am Ende des Buches erkennen, dass Volljährigkeit nicht gleichzusetzen ist, mit dem Erlangen des Status, sondern sie eventuell sogar länger als bis zum achtzehnten Geburtstag (vgl. Fußnote 9).

Auch der Aspekt, dass mit dem Erwachsenwerden nicht das ,,Nirwana" erreicht wird, setzt Chidolue in Lady Punk um. Die schlechten Attribute der Erwachsenen, repräsentiert durch die Mutter und deren jeweiligen Freund, lassen Terry erkennen, dass es mit dem herbeigesehnten Status allein nicht getan ist. Sie sieht nämlich in der Mutter nur eine Person, die nicht gelernt hat, ihr Leben selber und die Hand zu nehmen. Ihre Mutter braucht ständig einen Partner an ihrer Seite, der ihr alles abnimmt und sie in ihrer Unmündigkeit noch unterstützt. So schafft sie es nicht, mit dem eigenen Wagen nach Hause zu fahren und nimmt dies zum Anlass, sich einen neuen Mann zu suchen. Er wäre nur da, um sie nach Hause zu kutschieren (vgl. S. 129, Lady Punk). Dahrendorfs zweite Festlegung, das Erwachsenwerden als lohnendes Ziel zu betrachten und eine lebenslange Aufgabe ist, realisiert die Autorin indem es für Terry dann erstrebenswert ist, wenn es bedeutet, respektiert zu werden, unabhängig zu sein und ihr Leben selber in die Hand zu nehmen, eben genau das Gegenteil der Mutter.

So sehnlich der Wunsch des Erwachsenwerdens für Terry auch ist, findet sie trotzdem Gefallen am Status der Jugendlichen. Als sie sich zum Beispiel einmal übers Ohr hauen lässt, bestellt sie Bücher, die Tausende von Mark kosten. Davon erfährt die Mutter und ist fassungslos. Terry stellt sich unmündig und schon wird das Problem durch die Großmutter gelöst. Sie bezahlt den Batzen und damit ist die Sache bereinigt. Doch Terry wird während der Geschichte verantwortungsvoller und erwachsener, denn als sie sich eine Wohnung sucht und sie schließlich nicht mehr für notwendig hält, denkt sie an die Möglichkeit, auch hier in gewohnter Manier zu handeln, der Großmutter davon zu erzählen und sie die Sache aus der Welt schaffen zu lassen. Aber Terry versucht, eine andere Lösung zu finden. Sie schiebt zwar hier Leute vor, die den Vermietern erzählen, dass Terry gestorben sei, aber immerhin agiert Terry selber und löst ihr Problem allein.

Auch innerlich verändert sich Terry. Sie entwickelt Vertrauen und öffnet sich ihrer Urlaubsliebe. Sie berichtet zum Beispiel als größten Vertrauensbeweis, dass sie so gerne Kontakt zu ihrem Vater hätte. An dieser Stelle zeigt sich, dass Terry noch lange nicht ihre kindliche Haltung bzw. den Wunsch nach Geborgenheit durch die Familie als Hort überwunden hat. Die Intention des Briefes ist, dass der Vater endlich ihre Probleme lösen könnte oder durch den Kontakt zu ihm sich die Probleme von selber lösen. Doch sie wird enttäuscht. Der Vater reagiert zwar nicht mit Ablehnung, aber gibt schon zu erkennen, dass er eine eigene Familie hat, die er sehr liebt und die ihm wichtig ist. Terry sieht er als Teil seiner Vergangenheit und misst ihr nicht den erhofften Stellenwert zu. Für Terry bedeutet dies, wieder in ihre alte Rolle der allseits bekannten Terry zu flüchten. Sie erscheint zum Schluss wieder wie zu Beginn der Geschichte, als die Außenseiterin, die stolz darauf ist. Nur ein Fünkchen Hoffnung gibt es: Sie selbst hat die Hoffnung, eines Tages mit sich selber zurecht zu kommen. ,,Es war alles nur auszuhalten, wenn keiner zu ihr durchkam und alle an ihrem Äußeren hängenblieben. Vielleicht, dachte sie, vielleicht halte ich mich eines Tages selber aus, mich selber ohne alles."16

2.3 Die Familie im Mädchenbuch

Die in den fünfziger und sechziger Jahren geschriebenen Mädchenbücher thematisieren die Familie entweder als den Ort der Geborgenheit und des Schutzes oder sie zeigen familiäre Schwierigkeiten auf, wie Konflikte zwischen Vater und Mutter, oder das Finden eines neuen Partners für einen Elternteil. Wichtig ist aber immer, dass die Familienharmonie erhalten bleibt oder herzustellen ist. Die Schwächen der Eltern werden zwar aufgezeigt, sind aber immer behebbare Schwächen oder schlicht liebenswerte Macken. Wie Malte Dahrendorf feststellt, wird in den Mädchenbüchern auch stets versucht, die alten Rollenklischees aufrecht zu erhalten. Die Mutter ist für die Kinder und das Heim verantwortlich und der Vater ist der Geldgeber, der die Karriereleiter hochsteigen muss, will oder soll. ,, So werden immer wieder Versuche von Frauen, in die Domäne des Mannes einzubrechen diskriminiert, und Frauen unnachsichtig an ihre Verpflichtungen erinnert, die einöffentliches Wirken verbieten." 17 Tritt laut Dahrendorf das Thema ,,zerrüttete Familie" in Erscheinung, wird dies Phänomen doch so hingebogen, dass die Kinder plötzlich Verständnis für ihre Eltern entwickeln. Sie sind dann für die Eltern da. Die Rollen werden einfach kurzfristig getauscht.

2.3.1 Familie: Lady Punk

Die Familie von Terry entspricht nicht einer intakten Familie. Wenn auch heutzutage geschiedene Familien keine exotische Sache mehr sind, sticht Terrys Familie trotzdem heraus. Die Mutter wohnt mit ihrem jeweiligen Freund und Terry zusammen. Lieschen, die Großmutter, wohnt mit im Haus und ist oft bei ihnen zu Besuch. Jedoch geht sich die ganze Familie zumeist aus dem Weg oder erklärt familieninterne Probleme zum Tabuthema. ,,Das war die Masche der Mutter: über alles Schweigen zu legen, so existierten die Dinge gar nicht für sie. Und wenn nicht Terry wäre, (...), so würde es auch ewigen Frieden im Haus geben."18 Die Mutter wird als eine unselbständige ,, Lebefrau" mit großem finanziellen Hintergrund dargestellt. Sie lebt ihr Leben sehr egoistisch, und sie hat es aufgegeben Terry zu erziehen. Sie stört es nicht, Terry ständig Geld zu geben, damit sie sich etwas zu Essen kaufen kann. Denn Terry lehnt es ab, mit ihrer Familie die Mahlzeiten einzunehmen. (Die Mutter interessiert sich vornehmlich für ihren jeweiligen Geliebten, den sie zu halten versucht.) Auch für die Großmutter ist dieser Zustand nicht verwerflich. Sie hat schließlich ihre Tochter erzogen und als Wegbereiterin das Geld zum probaten Mittel erkoren, Probleme zu lösen. Das Rollenklischee, welches Dahrendorf anspricht, trifft in Terrys Familie nicht zu. Die Mutter kümmert sich weder um Terry - also um das Kind - noch um das Heim.

Sie ist zum Beispiel zu faul oder unmündig, sich nach der Ankunft aus dem Urlaub um sowohl um die Wäsche, als auch um das Aufräumen der Wohnung zu kümmern. Die Wäsche wird kurzer Hand in eine Wäscherei gebracht. In der Wohnung allerdings herrscht solange Chaos, bis die Haushälterin (nach einer Erkrankung) kommt und Ordnung schafft. Terry findet selbst hier nicht alltägliche Normen vor. Die Haushälterin um sich zu haben, ist für Terry doch wichtig: ,,Es war ein gutes Gefühl, daß sich jemand wieder kümmerte und wenigstens das Haus in Ordnung brachte."19

Terry respektiert in der Familie nur zwei Menschen wirklich: Erstens den leiblichen Vater (C.W. Burger), der von der Familie getrennt ist und durch Terrys Erinnerungen idealisiert wird. Terry war vier Jahre alt, als sich die Eltern haben scheiden lassen und sie hat nur ein altes Foto von ihm. Alle anderen Erinnerungen wurden von der Mutter zerstört. Er ist ihr Gott,,, C.W. Burger war wie eine große, wunderbare Idee. C.W. Burger war für Terry heilig."20 Zweitens respektiert Terry die Großmutter, da sie die einzige ist, die in Terrys Augen ein respektierbares Verhalten an den Tag legt. Außerdem wird sie nur von der Großmutter akzeptiert und durchschaut. Die Großmutter gibt Terry das Gefühl etwas Wertvolles zu sein. ,,Sie war überrascht, aber es gab diesen Funken Wärme in Lieschens Augen, auf den Terry immer wartete, den sie auch brauchte und ohne den sie das Leben total beschissen finden würde. (...) ,Meine Enkelin', sagte sie, und es hörte sich an, als ob sie stolz darauf wäre."21 Bei der Mutter stößt sie hingegen nur auf Ablehnung.

Schutz findet Terry in ihrer Familie nicht. Sie ist kein Ort der Geborgenheit, denn Terry hat offensichtlich nie erfahren, was Liebe in der Familie bedeutet. Allein das Funkeln in den Augen der Großmutter wird hier schon als wertvoll empfunden. Während der ganzen Geschichte klingt immer wieder an, dass körperliche Nähe nicht nur für Terry fremd ist, sondern auch für alle Familienmitglieder befremdend wirkt. (Terry) ,, (...) nahm Lieschens Hand, sie konnte gar nicht anders, sie drückte einen Kuß auf Lieschens leicht geballte Faust. Lieschen wiederholte die Worte, die sie vorher schon an die Mutter gerichtet hatte. (...) Nur jetzt klang es etwas anders. `Beherrsch dich, Terry', (...)."22

Terrys Familiensituation ändert sich auch im Laufe der Geschichte nicht. Der ständige Konflikt zwischen der Mutter und Terry löst sich nicht. Sie sind sich weiterhin ,,spinnefeind" auch als die Großmutter einen Erklärungsversuch über die Trennung der Eltern macht und Terry mitteilt, dass viele Differenzen zwischen Mutter und Tochter darin begründet sind, weil sie sich sehr ähneln. Chidolue thematisiert die ,,Zerrüttete Familie", doch sie bringt Terry - im Gegensatz zum nach Dahrendorf defininiertem Mädchenbuch - kein Verständnis für die Eltern auf. Der Vater ist für sie, nach dem Antwortbrief, gestorben und die Mutter sieht sie nur als Objekt, welches zu tyrannisieren ist.

2.4 Das Tochter-Vater-Verhältnis:

Der Vater erhält im Mädchenbuch immer eine dominante Rolle. Er ist bei Konflikten in der Familie meist derjenige, der sich von der Familie distanziert und auch die Schuld an der Trennung von Mutter und Vater hat. So ist das Wiederherstellen der Familienidylle, gleichsam mit dem Rückgewinn des Vaters verbunden. Der Rückgewinn ist deshalb so immens wichtig, weil er die Personifizierung von Geborgenheit und Schutz darstellt. Er ist der Prinz, der die Prinzessin mit seinem Leben verteidigt. (Der Vater als Wegbereiter.)

Sind die Mädchen in den Büchern älter, wird die Vaterrolle vom Geschlechtspartner übernommen. Die Überwindung des Erwachsenwerdens, das Lösen von der Familie und das Selbständig werden, wird im Grunde nur durch eine Ersatz-Vaterrolle in Form des neuen Partners übernommen. Er gibt der jungen Frau den Schutz, wie sie ihn beim Vater schon vorgefunden hat. Selten wird der Partner als echter Partner dargestellt. ,, H.J. Gamm weist in seiner Arbeit _Anthropologische Untersuchungen zur Vaterrolle', Essen 1965, auf die Notwendigkeit hin, durch die Überwindung des Vaters sich selber und seinen Ort in der Gesellschaft zu finden. Damit das Kind sein eigenes Leben gewinne, sei das Zurücktreten des Vaters unumgänglich (vgl. S.14 und 50)."23

2.4.1 Tochter-Vater-Verhältnis: Lady Punk

Terrys Vater hat die Familie verlassen, weil sich die Mutter von ihm trennen wollte. Das oben beschriebene Bild passt also hier. Der Vater wird auch wieder zurückgesehnt, kommt aber letztlich nicht zurück. Terry stellt den Kontakt zum Vater her, indem sie ihm schreibt, aber der ist mehr amüsiert, denn wachgerüttelt davon, dass Terry ernsthafte Probleme hat. Er lädt sie zu sich in die USA ein. So könnte sie seine eigene Familie kennenlernen, die er mit Stolz auf einem Foto seinem Antwortbrief beifügt.24 Terrys Idealbild des Vaters zerplatzt wie eine Seifenblase.

Die Hoffnung, dass der Vater Terry aus ihrer Situation herausholen könnte ist zunichte gemacht. Vielleicht steckt aber auch ein verborgener Wunsch dahinter, dass sich die Mutter durch seine Anwesenheit ändern könnte. Terry will ihren Vater zurück haben, wobei dieser Wunsch nur dem Bild des Vaters entspringt. Sie hat ihn im Laufe der Jahre so idealisiert, dass er das Vorbild , quasi den Retter für sie darstellt! Hier sein nochmals an die Beschreibung des Vaters erinnert:

,, C.W. Burger war wie eine große, wunderbare Idee. C.W. Burger war für Terry heilig." 25

Terry erlangt ihr Vaterbild durch ihre Phantasie und durch das alte Foto, welches ihn zeigt. ,, Ja, sie fand ihren Vater bildschön. Er war groß und kräftig und sah sehr glücklich aus. Er trug ein T-Shirt mit halbem Arm. (...) Mit diesen starken Armen mußte er Terry doch mal gehalten haben. Immerhin waren sie vier Jahre lang zusammen gewesen, und dann hatte die Mutter alles kaputt gemacht."26 Das Bild, welches der Vater in seinem Antwortschreiben beilegt, zeigt ihr einen fremden Mann. Er hat nichts mit der Vaterfigur von ihrem Foto zu tun. Im Gegenteil, er sieht den verhassten Partnern von Terrys Mutter sehr ähnlich. ,,Es war unglaublich, aber es war nicht Terrys Vater, den sie von dem alten Foto kannte und der in ihrer Erinnerung war, es war jemand ganz anderes, und dieser C.W. Burger sah verdammt noch mal fast so aus wie Onkel Bernd."27 Danach kann sie auch den Vater nur noch verachten. Für Terry bricht eine Welt zusammen. Alle Hoffnung versiegt. Sie erlebt ein richtiges Trauma und beschließt sich in die Terry zurückzuverwandeln, die sie noch vor kurzer Zeit war. ,, Und in dem Moment wußte Terry genau, daß es sich um eine Illusion gehandelt hatte, und sie war nur froh, daß sie ihrem Ruf alle Ehre machte und tatsächlich hart war, hart und gefühllos, so eiskalt, daß sie Eiswürfel pinkeln könnte. (...) und Terry wußte, dass es sehr schwer sein würde, an sie heranzukommen und endgültig zu vernichten."28

Diese Enttäuschung trägt schließlich auch dazu bei, dass sie merkt, dass Erwachsenwerden nichts mit dem Festhalten an Idealen (in Person des Vaters) zu tun hat. Der Ü berwindungsgedanke, wie Dahrendorf ihn versteht, (vgl. Kapitel 2.2 Das Erwachsenwerden) greift hier aber nur bedingt. Terry erkennt das Erwachsenwerden nicht mehr als nur positiv zu wertenden Status. Aber der Ü berwindungsgedanke beinhaltet über die Abnabelung der Eltern und das Übernehmen von Eigenverantwortung auch, dass es nur dann zu einer rechten Überwindung kommen kann, wenn anstelle der Eltern, andere Bezugspunkte oder Bezugspersonen vorhanden sind. Freunde haben in dem Alter eine große Rolle, wie Lotte Schenk-Danziger in ihrem Buch ,, Entwicklungspsychologie", (Österreichischer Bundesverlag, Wien, 1980) im Kapitel: Die Ablösung von der Familie und die Tiefenbindungen, anspricht. Terry hat aber keine Freunde, zumindest keine richtigen Freunde. Eine Überwindung der Pubertät kann damit scheinbar nicht normal verlaufen. Dagmar Chidolue wandelt hier den Überwindungsgedanken, in Form der Loslösung vom Vater, dadurch um, indem indirekt andeutet wird, dass Terry durch die Entidealisierung des Vaters und das plötzliche Aufgeben der gewünschten Vater(-Retter-)rolle, ein Trauma zu erleben hat.

2.5 Mutter-Tochter-Beziehung: Lady Punk

Dass Terry ihre Mutter bewusst liebt, kann man nicht behaupten. Sie hegt gegen sie einen lang genährten Hass. Da Terry die Mutter für verantwortlich für die zerbrochene Beziehung zu ihrem Vater macht, hat sie eines Tages damit begonnen, ihre Mutter tagtäglich dafür büßen zu lassen.

Die Mutter ist die erste Bezugsperson im Leben eines Kindes,

,, Sie vermittelt und initiiert wichtige Erfahrungen, Spieltätigkeiten, schafft Grundlage für ein Vertrauensverhältnis zu anderen Menschen und für soziale Kontakte." 29

Es zeigt sich, dass in der Mutter-Kind-Beziehung in Lady Punk wohl vieles falsch gemacht wurde. Man kann hier wohl nicht mehr nur von einem nicht überwundenen Extrakomplex 30 reden. Es handelt sich vermutlich um tiefgreifende Fehler, die in der Erziehung von Terry gemacht wurden, dass sie als Produkt ihrer Kindheit gar nicht anders handeln kann, wie sie es tut. Für die Mutter gilt letztlich dasselbe, denn sie hat wahrscheinlich von Lieschen nicht die Liebe erfahren und kann sie somit auch nicht weitergeben. Es herrscht auf allen Seiten ein Chaos nicht erwiderter , missverstandener und teilweise nicht aufgebrachter Gefühle, die das Zusammenleben aller Beteiligten sehr diffizil macht.

Terrys Außenseiterposition innerhalb der Familie spricht dafür, dass die Mutter es zum Beispiel nicht geschafft hat, ein Vertrauensverhältnis -laut Rosenmann - zu ihrer Tochter aufzubauen. Es stört sie ja nicht, wie bereits angesprochen, dass Terry nicht mit der Familie die Mahlzeiten einnimmt. Man könnte vermuten, dass sie damit auch völlig überfordert ist, denn dächte sie darüber nach, müsste sie sich mit ihrer Tochter - und auch sich selbst - auseinander setzen.

Diese Vermutung erhärtet sich noch, wenn man sich das Gespräch zwischen Terry und der Großmutter vor Augen hält, die Terry von der Mutter zur Zeit der Scheidung berichtet. ,, Zuerst war sie eifersüchtig, und dann wollte sie einfach die ganze Sache vergessen. Nach der Scheidung. Aber du hast sie ständig daran erinnert. Weil du anders bist als sie. Das heißt manchmal bist du wie sie, und manchmal bist du anders. Sie kann das alles nicht ausstehen, (...)"31 Die Mutter verdrängt lieber und ziert sich mit vielen Luxusartikeln und denkt nicht großartig über sich nach, falls doch, lässt sie dabei ihre Tochter außer Acht. Es bedarf keiner großen Phantasie, sich auszumalen, wie ein Mädchen wie Terry fühlen muss. Wie abgelehnt sie sich vorkommen muss. Es erscheint auch nun ein klareres Bild, weshalb Terry instinktiv ihre Mutter so sehr ablehnt. Sie fühlt sich als C.W. Burgers Spiegelbild, dass sie selber liebt und das ihre Mutter verachtet. Terry beginnt mit dreizehn Jahren zu Rauchen. Sie weiß, das ihr das schadet, aber sie stört sich nicht daran, solange sie die Mutter damit verärgern kann. ,,(...) Terrys Mutter hatte ein Verbot ausgesprochen, aber Terry hatte nur gelacht. (...) Terry hatte nun versucht, ihre tägliche Ration zu verdoppeln. (...) Sie paffte die Wohnung so voll, (...) und die Mutter kriegte abends, (...), Atemnot und riß das Fenster auf, wo sie dann stand und selber eine Zigarette nach der anderen nervös rauchte(..) Terry konnte das Rauchen längst nicht mehr ausstehen, aber sie machte weiter, damit die Mutter nicht auf die Idee kam, Terry würde auch nur ein Quentchen auf ihre Worte geben."32 Terry ist so neugierig, dass sie die Beruhigungstabletten, die ihre Mutter nimmt, selber ausprobiert. Als sie hingegen feststellt, dass sie sich wie ihre Mutter benimmt, hört sie schlagartig sowohl mit dem Rauchen, als auch mit den Tabletten nehmen auf. Wie ihre Mutter zu sein, ist für Terry der Horror.

Man sollte doch erwarten, dass die Mutter, als ältere der beiden, den ersten Schritt tut, um eine Veränderung herzustellen. Aber selbst nachdem sie mit Terry bei einer Psychologin war, ist sie nicht wachgerüttelt. Sie wird ihrer Tochter gegenüber passiver und zieht sich zurück. Man könnte vermuten, dass sie dies aus einem schlechten Gewissen ihrer Tochter gegenüber tut, lieber verdrängt und sich deshalb nur noch auf sich selbst konzentriert. Sie erfüllt allenfalls nur das Mindestmaß an Zuwendung, indem sie Terry ausreichend Geld zur Eigenversorgung gibt. (Ob die Mutter doch mehr Versuche zur Beseitigung des Konfliktes getan hat, wird leider nicht deutlich, da die Geschichte sehr aus Terrys Sicht geschrieben ist.)

Terrys Verhalten ist allerdings überaus verständlich, sowohl die Ablehnung ihrer Mutter gegenüber, das äußere Erscheinungsbild, welches zur Abgrenzung dienen mag, die ,,coole" Verhaltensweise Gleichaltrigen gegenüber, als auch die häufige Unehrlichkeit sich selbst gegenüber. Terry ist quasi allein, ohne Zuwendung und eine richtige Bezugsperson aufgewachsen. Kein Wunder, dass sie sich wie beschrieben verhält.

3. Schlusswort

Ich habe ,,Lady Punk" sehr gern gelesen, weil ich mich einerseits durch die vorwitzige Art von Terry unterhalten fühlte, aber auch weil ich die Sichtweise einer ,,extremen Jugendlichen" besser verstehen gelernt habe. Ich habe als Lehrerin an einer Ballettschule täglich mit Jugendlichen - u.a. wie Terry - zu tun und konnte durch diese Lektüre noch einen besseren Einblick in die Gefühle und Gründe mancher Verhaltensweisen bekommen.

Ich erzählte meinen SchülerInnen von Lady Punk und war verwundert, dass doch einige der SchülerInnen das Buch kannten und sehr mochten. Dagmar Chidolue hat mit ihrem Buch wohl genau das, was ,,jugendliche Damen" denken, in Worte gekleidet und es bleibt zu hoffen, dass sich die Leserinnen Gedanken über diese Terry machen. Es wäre wünschenswert, wenn sie ihre eigene Familiensituation überdenken und vielleicht erkennen, dass zum Beispiel viele Konflikte zwischen Mutter und Tochter nie so ausarten sollten, wie das bei Terry der Fall ist; dass Kommunikation ein sehr wichtiges Mittel darstellt, um Probleme zu lösen und Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, der erste Schritt zum Erwachsenwerden ist.

Eine meiner SchülerInnen stammt aus ähnlichen Verhältnissen wie Terry und war hellauf begeistert von Lady Punk. Sie berichtete mir, dass sie sich von Terry verstanden fühlte. Sie hatte ebenfalls kaum Kontakt zu ihrem Vater, der wohl auch nicht bemerkt hatte, wie wichtig er für sie ist. Als ich mit ihr darüber redete, schlug ich ihr vor, ihm doch ehrlich von ihren Probleme zu erzählen, was sie auch tat. Seitdem hat sich einiges in der Beziehung getan. Die Schülerin ist glücklich über diesen mutigen Schritt.

Sicher ist dies ein Ausnahmefall, aber es gibt mir ein gutes Gefühl, wenn ich über die Beschäftigung mit diesem Buch hinaus, etwas bewegen konnte und würde mir wünschen, dass Lady Punk auch anderen Leserinnen Anstöße zu fruchtbaren Veränderungen geben würde.

Lady Punk ist kein typisches Mädchenbuch im Sinne von Malte Dahrendorf.

Aus heutiger Sicht, (Dahrendorfs Definitionen stammen aus dem Jahr 1978), kann man es nach den oben angesprochenen Erfahrungen, als ein modernes Mädchenbuch einordnen.

Es beschreibt den Typ Mädchen, wie er heutzutage vielfach gefunden werden kann. Mit dem Titel Lady Punk beschreibt Dagmar Chidolue Terry so treffend, dass ich mir keinen besseren Titel vorstellen könnte. Denn in Terry steckt schon eine Lady, die Manieren kennt, die sich durch den finanziellen Hintergrund teuere und wunderbare Dinge leisten kann. Aber sie ist auch eine Art Punk, denn sie lehnt sich stark gegen das ähnliche Verhalten der wohlhabenden Erwachsenen (speziell gegen das er Mutter) - mit Geld alles er kaufen zu können - auf. So verwischt die Grenze zwischen der natürlichen Abgrenzung, wie es Jugendlichen in dem Alter zu Eigen ist und dem nicht mehr als normal geltenden Verhalten, welches Terry an den Tag legt.

Terry ist leider kein Einzelfall mehr. Es laufen viele Mädchen durch die Straßen, die in vergleichbarer Weise, man kann fast sagen, verwahrlost sind.

Terrys Geschichte kann hier den Adressatinnen sicher helfen, wobei dies Buch auch für Erwachsene eine Lektüre ist, die sie über die eigenen Kinder nachdenken lassen sollte.

Literaturverzeichnis Seite

1. Dagmar Chidolue, Lady Punk, Beltz Verlag 1992, Weinheim und Basel 8, 9, 30, 13, 15, 16, 17, 18, 19, 20, 23
2. Malte Dahrendorf, Das Mädchenbuch und seine Leserin, Hrsg. Prof. Dr. Klaus Doderer, Beltz Verlag 1978, Weinheim Basel 4, 6, 10, 11, 16, 19
3. Manfred Marquardt, Einführung in die Kinder-und - Jugendliteratur 4
4. Eicke 1980, S.28 ff 4
5. Das Fremdwörterbuch, DUDEN, Dudenverlag 1990, Mannheim Leipzig Wien Zürich 5, 10
6. Das Große Lingen Universal Lexikon, Lingen Verlag 1983, Köln 5, 23
7. Hermann Rosemann, Arbeitshefte für Psychologie, Band 10, PolerzVerlag 1977, Bremen 21
8. Emmy von Rhoden, Trotzkopf, 1885 8
9. Lotte Schenk-Danziger, Entwicklungspsychologie,Österreichischer Bundesverlag, 14. Aufl., Wien 1980 S.338 ff 21

[...]


1 Manfred Marquardt; Einführung in die Kinder- und Jugendliteratur; ...

2 Eicke 1980, S. 287 ff

3 vgl. Malte Dahrendorf, Das Mädchenbuch und ihre Leserin, Hrsg. Prof. Dr. Klaus Doderer, Beltz Verlag 1978, Weinheim Basel S. 20

4 Das Fremdwörterbuch, DUDEN, Duden Band 5, Dudenverlag, 1990, Mannheim Wien Leipzig, S. 649

5 Das Große Lingen Universal Lexikon, Lingen Verlag 1984, Köln, Band 9,

S. 2747

6 Malte Dahrendorf, Das Mädchenbuch und seine Leserin, Hrsg. Prof. Dr. Klaus Doderer, Beltz Verlag 1978, Weinheim Basel, vgl. S. 49

7 Dagmar Chidolue, Lady Punk, Beltz Verlag 1992, Weinheim Basel, S. 44

8 Emmy von Rhoden, 1885

9 vgl. Lady Punk, S. 94-95

10 vgl. Malte Dahrendorf, Das Mädchenbuch und seine Leserin, S. 58

11 vgl. Das Fremdwörterbuch, DUDEN, 1990; Nirwana: u.a. im Buddhismus die völlige, selige Ruhe als erhoffter Endzustand

12 vgl. Malte Dahrendorf, Das Mädchenbuch und seine Leserin, S.63

13 vgl. Lady Punk, S. 30

14 vgl. Lady Punk, S.43 15

16 vgl. Lady Punk, S.173-174

17 vgl. Malte Dahrendorf, Das Mädchenbuch und seine Leserin, S.78

18 vgl. Lady Punk, S.19

19 vgl, Lady Punk, S.166

20 vgl. Lady Punk, S.44

21 vgl. Lady Punk, S. 59-60

22 vgl. Lady Punk, S. 131

19

23 vgl. Malte Dahrendorf, Das Mädchenbuch und seine Leserin, S.79

24 vgl. Lady Punk, S.154-155

25 vgl. Lady Punk, S.44

26 vgl. Lady Punk, S.57

27 vgl. Lady Punk, S.155

28 vgl. Lady Punk, S.156

29 Hermann Rosemann, Arbeitshefte für Sozialpsychologie, Band 10, Polerz Verlag, 1977, S.111

30 Das große Lingen Universallexikon, Lingen Verlag, 1984, Band 12, S. 3694 Extrakomplex:

,,Kennzeichnung der frühkindlichen Beziehung zu den Eltern, in der es durch Dauerfixierung zu einer Liebesbeziehung zum anders geschlechtl. Elternteil kommt, (...), wobei durch die Bewusstwerdung des eigenen Geschlechts der gleichgeschlechtl. Elternteil zum Konkurrenten wird."

31 vgl. Lady Punk, S.161

32 vgl. Lady Punk, S14

18 von 19 Seiten

Details

Titel
Analyse des Buches "Lady Punk" von Dagmar Chidolue, Ein typisches Mädchenbuch?
Note
2
Autor
Jahr
1992
Seiten
19
Katalognummer
V97952
Dateigröße
391 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Analyse, Buches, Lady, Punk, Dagmar, Chidolue, Mädchenbuch
Arbeit zitieren
Yvonne Laudon (Autor), 1992, Analyse des Buches "Lady Punk" von Dagmar Chidolue, Ein typisches Mädchenbuch?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97952

Kommentare

  • Gast am 22.4.2002

    Lady Punk.

    Finde ich nicht schön, das Buch

  • Gast am 20.5.2002

    help me !!.

    can someone please send me a summary of the book?? please !! :(

  • Gast am 19.7.2005

    des buch war gar net gut.

    also ich habe das buch in der schule mit meiner klasse gelesen und niemand fand es gut und ich auch net. man wartet immer darauf das etwas spannendes passiert z.B. in Italien dass sie mal mit marcel poppt oder so. aber neeeee sie verrät ihm ja dass sie erst 15 ist. ja und der schluss der war ja die härte... der war ja so langweilig und irgendwie gefällt mir des buch gar net und das werde ich auch morgen in meinem referat sagen. das ist halt meine ehrlich antwort.sooooooooooorryyyyyyyyyy!!! und über die dagmart steht auch net viel im internet deswegen hab ich nur ganz wenig über die für mein referat gefunden. sie könnte mal ein bisschen mehr über sich ins internet stellen. also wirklich....... ja aber ganz gut an dem buch war........(mal überlegen).....mhhhh.................................der EINBAND. MEINE EHRLICHE ANTWORT

  • Gast am 7.1.2014

    ja aber echt wir haben es auch gelesen, es ist so langweilig man muss sich ja scho sorgen machen ob der autor bei dem verfassen eingepennt is und nimmer aufgewacht ist, kp ob ich damit smb. beleidige aber iwie is da niiiiix passiert, schon der klappentext, da regt man sich mehr auf als wenn mein kleiner bruder mit 2 mw2 spielt uns snipet...

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