Das "Trompe-l'oeil" (täuschende Auge). Bildwirklichkeit in der niederländischen Malerei am Beispiel von Hoogstraten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Hinführung und Forschungsstand

II. Realität, Bildwirklichkeit und Wahrheit in der Malerei

III. Trompe-l`oeil

IV. Die Malerei von Samuel van Hoogstraten

IV. II Grundsätze der Hohen Schule der Malkunst

V. Fazit

Literaturverzeichnis

Eigenständigkeitserklärung

I. Hinführung und Forschungsstand

[Für Hoogstraten] war ein vollkommenes Gemälde wie ein Spiegel der Natur.” 1

Die Entwicklung einer illusionistischen Kunst erlebte in der Frühen Neuzeit in der niederländischen Malerei einen Aufschwung. Kennzeichnend ist eine Bildwirklichkeit, die die Elemente der Realität so kopiert, dass das Auge des Betrachters so zu täuschen vermag, dass es eine Unterscheidung zwischen Gemalten und der Realität kaum vorzunehmen ist. Der niederländische Maler Samuel van Hoogstraten zählt zu den bekanntesten Vertretern dieses Realismus. So soll in der vorliegenden Arbeit folgende Frage im Fokus stehen: Wie wird die Bildwirklichkeit des Trompe-l`oeil bei Samuel van Hoogstraaten erzeugt?

Bildwirklichkeit und Realität werden dazu im folgenden Kapitel der Arbeit definiert und deren Bedeutung für die Malerei so von Grund auf aufgeschlüsselt. Illusion wird hierbei als das Ergebnis einer Verknüpfung zwischen beiden Aspekten aufgefasst und in die definitorischen Grenzen mit eingebaut. Der Betrachter unterliegt dieser illusionistischen Wahrnehmung und ist der Empfänger der Illusion, der die Wahrheit, die durch die Realität dargestellt wird, durch einen Erkenntnisprozess aufschlüsseln kann.

Das dritte Kapitel beschreibt darauf aufbauend die Grundzüge des Trompe-l`oeil. Der Einbezug der Realität und auf welche Weise dies geschieht, steht im Fokus dieser Überlegungen. Malerische Elemente, die den Raum optisch und motivisch öffnen, wie Fenster und Türen sind bekannte Stilmittel der niederländischen Malerei des Trompe-l`oeil. Werke von Hoogstraten werden dabei beispielhaft angeführt, der in seiner Malerei den „ Spiegel der Natur” wiedergeben möchte. 2

Die Malerei von Hoogstraten wird im vierten Kapitel unter dem leitenden Prinzip der Wahrheit beleuchtet, welches dieser in seinen Werken als oberste Regel der Darstellung umsetzt. Diese Regeln hält er in seinem Traktat „ Einführung in die Hohe Schule der Malkunst oder die sichtbare Welt” fest. Deren Allgemeingültigkeit für alle Künstler bekommen eine zentrale Rolle zugeschrieben: Die Richtlinien beschreiben neben dem allgemeinen Prinzip der Darstellung der Wahrheit in der Malerei die grundlegenden

Prinzipien der Ordnung im Bild. Die Wahrheit wird demnach durch die korrekte und naturgetreue Wiedergabe von Natur, Personen und Geschehnisse dargestellt. Die Wahrheit findet sich demnach in der Realität und die Realität soll wahrheitsgetreu wiedergegeben werden. Dies gelte insbesondere für die Historienmalerei, die eine herausragende Stellung in der Frühen Neuzeit erhielt und mit der historische Geschehnisse mit der Welt kommuniziert und festgehalten wurden.

Die Bildwirklichkeit steht häufig in der Debatte in der Forschungsliteratur, wobei vor allem die Literatur zu Trompe l´oeil allgemein sehr gut abgedeckt ist und die Auswahl zu Texten über illusionistische Kunst sehr breit gefächert ist. So hat der Kunsthistoriker Matthias Weiß „ [d]as Verhältnis von Wirklichkeit und Bildwirklichkeit in den Trompe l´oeil-Stilleben von Samuel van Hoogstraten” in seiner Dissertation thematisiert. Neben dem Trompe l´oeil als 3 Stilelement geht er auf die Aspekte von Bildlichkeit als Sinnträger ein und schreibt der strukturellen Bildorganisation eine zentrale Rolle zu. Das Karlsruher Streckbrett wird dabei beispielhaft angeführt.

Auch Susanne Schwertfeger widmete ihre Dissertation dem „ niederländische[n] Trompe l´oeil im 17. Jahrhundert”. Der Schwerpunkt liegt bei einer allgemeinen Analyse des 4 Trompe l´oeil, dessen Entwicklung und einer motivischen Untersuchung in den Werken. Auch die malerischen Grundlagen für die Erzeugung einer optischen Täuschung finden ihre Aufmerksamkeit.

Motive wie die Tür als Stilmittel werden auch bei Daniela Hammer-Tugendhat thematisiert und der Betrachter als Beobachter und Getäuschter in den Mittelpunkt gerückt. Die 5 Wahrnehmung von Sichtbarem und Unsichtbarem und deren Umsetzung in der bildlichen Gestaltung steht hier im Vordergrund, wobei diese Thematik sich durch die ganze Literatur über Trompe-l`oeil und Hoogstraten als zentrale Eigenschaft seiner Malerei zieht.

Thijs Weststeijn liefert in seiner Forschung viele Verknüpfungspunkte zwischen Hoogstraten und dem Trompe-l`oeil. Philosophische Theorien unterstützen seine Thesen zur sichtbaren Welt und bezeichnet in einem kurzen Exkurskapitel die Malerei sogar als „ sister of philosophy”. Demnach ist die Darstellung von Sichtbarem und Unsichtbarem und deren 6 Beziehung zueinander die Aufgabe der Kunsttheorie, die dann die Darstellung in der Malerei ermöglichen. In einem weiteren seiner Werke hat Weststeijn zudem Hoogstratens Leben 7 portratiert, seine Beziehung zu Rembrandt analysiert und ist zudem auf seine kunsttheoretischen Überlegungen seiner Traktate eingegangen.8

In dieser Arbeit werden die benötigten Aspekte aus der Fachliteratur herausgearbeitet und in Bezug zur Illusion, Realität und Bildwirklichkeit in Hoogstratens Kunst an beispielhaften Werken aufgearbeitet; dabei wird eine schlussfolgernde Methode angewandt und auf die Analysepunkte bezogen. Basis sollen die folgenden definitorischen Eingrenzungen sein, die das komplexe Verhältnis von Welt, Wahrnehmung und Betrachter näher bringen sollen.

II. Realität, Bildwirklichkeit und Wahrheit in der Malerei

„Die perfekte Illusion sprengt den Rahmen der Kunst, indem sie mit der Wirklichkeit konkurriert.”9

Die als illusionistisch bezeichnete Kunst bedient sich den Elementen von Licht, Schatten und Motiven, welche die Illusion als Nachahmung der Realität bezwecken. Um zu verstehen, welches Konzept sich hinter Trompe-l`oeil verbirgt, muss die Bedeutung der Realität und Bildwirklichkeit und deren Illusion verstanden und definitorisch eingegrenzt werden. Vor allem philosophische Ansätze in Kombination mit kunsttheoretischen Auffassungen liefern Antwort darauf.

Zwischen Realität und Wirklichkeit bestehen unterschiedliche Auffassungen: Realität ist das physisch Wahrnehmbare, das, was das Subjekt mit seinen Sinnen wahrnehmen kann. Es ist die äußere Welt, die objektiv tatsächlich vorhanden ist und so Einstimmigkeit zwischen den Subjekten über deren Existenz herrscht. Dieses physisch Wahrnehmbare ist jedoch zugleich 10 Teil einer eigenen Wirklichkeit; die Welt wird von jedem durch einen subjektiven Filter wahrgenommen. Die Kunst, zumindest die Malerei, verlässt sich zunächst auf ein 11 funktionierendes Wahrnehmungsorgan (das Auge), um es dann letztlich im Falle der Illusionskunst zu täuschen. Dabei ist nicht nur die Täuschung das Ziel des Künstlers, sondern vor allem die Aufdeckung der Täuschung, weil nur so sein Handwerk geschätzt und bewundert werden kann.12

Die Wirklichkeit ist demnach etwas, was jeder Mensch subjektiv formt: Jeder Mensch besitzt eine andere Wirklichkeit. Sie ist gewissermaßen der innere Zustand, die innere (emotionale und gedankliche) imaginierte Welt. Die Wahrnehmung der Realität wird also durch den Wirklichkeitsfilter eines Menschen geschleust und variiert dementsprechend auch nach der aktuellen Lage des Menschen. Die Bildwirklichkeit ist also die Wirklichkeit, die im Bild durch den Künstler erzeugt wird; sie ist gewissermaßen die Wirklichkeit des Künstlers und zugleich diejenige, die vom Betrachter erzeugt wird. Dabei ist die Trennung der Realität und der Bildwirklichkeit Teil des Erkenntnisprozesses, den der Betrachter beim Aufdecken des Betrugs durchläuft. Die Grenzen, die normalerweise vorhanden sind, werden in der Kunst 13 des Trompe-l`oeil folglich verwischt.14

Welche Bedeutung das für die illusionistische Kunst hat zeigt sich folgendermaßen: Die Kunst ist von Wahrnehmung des Menschen geprägt und wird neben dem Geschmack durch das physisch wahrnehmbare, durch das Auge, gesehen und verarbeitet. Eine Illusion erschafft demnach eine nahezu perfekte abgebildete Realität, die physisch angeblich zu sehen ist und mit der inneren Welt des Menschen spielt. Dem Menschen ist es zunächst nicht möglich, 15 eine Unterscheidung zu treffen zwischen dem, was er sieht und dem, was nur eine Wiedergabe von dem ist, was er zu sehen glaubt. Er hat keine andere Wahl, als das, was er sieht zu hinterfragen und so der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Er ist zugleich „ im Bild 16 und außerhalb des Bildes.” Die Trennung des abgebildeten Raumes von der realen Welt, die 17 normalerweise durch die Wahrnehmung eines Bildes automatisch vorgenommen wird, wird bei der Illusionskunst aufgehoben und erfordert deswegen eine Beschäftigung mit dem Bild.18 Ist die Wahrheit dann diejenige, die der Mensch als seine Wirklichkeit empfindet, oder die, die tatsächlich das physisch Wahrnehmbare in der Realtität wiedergibt? Diese Frage man sich in einer Auseinandersetzung mit Trompe-l`oeil stellen. Auch Hoogstraten hat sich mit diesen Fragen auseinandergesetzt und liefert in seinem Traktat Antworten auf die Fragen, die zumindest seine Kunst betreffen.

Auch wenn die Auffassungen der Aspekte in der Literatur sehr komplex dargestellt sind und häufig varrieren, soll sich in der folgenden Ausarbeitung der Thematik von Hoogstratens Traktat und Kunst auf die genannten Definitionen geeinigt werden. Beispiel ist das oben genannte Zitat, welches hier von einer Wirklichkeit spricht und damit die Realität meint, die hier in der Arbeit so bezeichnet werden.

Eine Entzerrung der beiden Aspekte ist deswegen so schwierig, weil sie definitorisch gesehen durch die Verschränkung der inneren und äußeren Welt eigentlich zusammengefasst werden müssen; beide gehen so fließend ineinander über, dass nicht möglich ist zu sagen, wann die äußeren und wo die innere Wahrnehmung beginnt. Sie bedingen sich gegenseitig. Eine genaue Ausarbeitung verdient im Zuge der Komplexität eine eigene Forschungsarbeit, die dann im Detail die definitorischen Abgrenzungen vornehmen könnte. Für das Verstehen des Trompe-l`oeil reichen diese jedoch so wie vorgenommen aus.

III. Trompe-l`oeil

Die Täuschung ist der Umweg, der zur Wahrheit führt. 19

Das „ täuschende Auge”, genannt Trompe-l`oeil, versucht den Betrachter durch seine Werke einen Teil der Realität vorzugaukeln, die physisch eigentlich nicht vorhanden ist, aber diesen Eindruck erweckt. Illusion ist das entscheidende Arbeitsmittel der Trompe-l`oeil-Kunst. Werke aus dem Genre versuchten sich zu diesem Zweck an einer verstärkt dreidimensionalen und realistischen Malerei. Es wurde sich dazu Elementen bedient, die dementsprechend auch in der Realität zu finden sind. Der Alltag spielte dabei eine wesentliche Rolle: Die Steckbretter von Samuel van Hoogstraaten sind ein bekanntes Beispiel dafür. Die Darstellung von eher als wertlos betrachteten Gegenständen rückt bewusst in den Fokus.20

Elemente, die in der niederländischen Malerei besonders häufig dazu gezogen worden sind, sind unterschiedliche Öffnungsmöglichkeiten eines Raumes, wie Türen, Vorhänge und Fenster. Durch sie kann der Raum malerisch geöffnet werden und stellt durch ihre Ikonographie Bezüge zur Realität her, in dem der Bruch zwischen Bildwirklichkeit und Realität begangen wird. Durch sie ist es möglich, mehrdimensionale Bildebenen zu erzeugen und die Wirkung der Dreidimensionalität zu verstärken.

Wesentlich dabei sind der Einsatz von Licht und Schatten, um die Bildelemente aus dem Bild hervortreten zu lassen. Meist sind es Personen, die hinter oder vor einem Vorhang stehen, und den Vorhang bildlich „öffneten” und so aus dem erzeugten malerischen Raum herauszutreten scheinen. „ Der Alte Mann am Fenster” (1653) von Hoogstraaten soll hierfür als Beispiel herangezogen werden: Unterschiedliche Bildebenen werden erzeugt, indem das Gitter des Fensterglases den Kopf des Mannes einschließt, von der äußeren Welt abzuschirmen versucht, dieser jedoch seinen Kopf aus dem Gebäude herausstreckt und damit die erste Ebene durchbricht. Was sich dahinter verbirgt, kann man nur verschwommen durch die Glasfront ahnen; der Pinselstrich deutet auf einen tiefergehenden verdunkelten Raum hin, die Farbe ähnelt der Kleidung des Mannes dort, wo man seinen Körper durch das Glas anatomisch vermuten würde. Der Mann scheint aus dem Fenster tatsächlich herauszutreten. Diese Bildwirklichkeit wird verstärkt durch die dritte Ebene, das vorderste Gemäuer, in das das Fenster eingelassen ist. Durch die Zentralisierung des Fensters und den nach hinten laufenden Linien im Fensterrahmen wird der Eindruck erzeugt, eine tiefere Ebene mit den Augen zu erreichen. Der Kopf des Mannes durchbricht gewissermaßen Ebenen und streckt sich nach vorne in Richtung des Gemäuers; er ist nicht mehr Teil der hintersten Ebene, die hinter dem Fensterglas angedeutet wird, sondern bricht nach vorne in die mittlere Ebene hinein. Dieser Bruch der Ebenen in Kombination mit dem Gemäuer als Rahmen der Szenerie verstärken den Eindruck einer Verschmelzung von Bild und Realität. Noch realitätsnäher kann dies wirken, wenn das dargestellte Mauerwerk dem des Ausstellungsraums des Gemäldes entspricht; dann wird der Betrachter vollständig in die Täuschung hineingezogen.

Das führt uns zu einigen wichtigen Konzepten der Malerei von Hoogstraten: Seine Malerei soll beispielhaft die Entwicklung der Bildwirklichkeit in der Malerei der Frühen Neuzeit zeigen und helfen, im Hintergrund liegende Theorien dazu aufzudecken.

[...]


1 Michael Phillip in: Pohle 2010.

2 Ebd.

3 Weiß 1997, Titelseite.

4 Schwertfeger 2004, Titelseite.

5 Vgl. Hammer-Tugendhat 2009, S. 291.

6 Weststeijn 2008, S.329.

7 Weststeijn 2008, S.330.

8 Vgl. Weststeijn 2013.

9 Pohle 2010.

10 Vgl. Schwertfeger 2004, S.17.

11 Vgl. Collin et al. 2012, S.114: „ Wir wissen nicht, wie die Dinge „an sich” sind, sondern nur, wie sie „für uns” sind, sprich: wie sie uns erscheinen.

12 Vgl. Schwertfeger 2004, S.18.

13 Vgl. Weiß 1997, S.47.

14 Ebd., S.7.

15 Vgl. Pohle 2010: „ Die perfekte Illusion sprengt den Rahmen der Kunst, indem sie mit der Wirklichkeit konkurriert.

16 Vgl. Bärbel Hedinger in: Pohle 2010: „Die Täuschung ist der Umweg, der zur Wahrheit führt.”

17 Hammer-Tugendhat 2009, S.291.

18 Vgl. Schwertfeger 2004, S.12.

19 Bärbel Hedinger in: Pohle 2010.

20 Vgl. Museum im Schafstall 2017.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Das "Trompe-l'oeil" (täuschende Auge). Bildwirklichkeit in der niederländischen Malerei am Beispiel von Hoogstraten
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Kunstgeschichte)
Veranstaltung
"Grau ist alle Theorie". Die Kunsttheorie der frühen Neuzeit.
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
16
Katalognummer
V979550
ISBN (eBook)
9783346330239
ISBN (Buch)
9783346330246
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kunstgeschichte, Kunsttheorie, Frühe Neuzeit, Neuzeit, Hoogstraaten, Niederländische Malerei, Holländische Malerei
Arbeit zitieren
Sanja Belic (Autor), 2019, Das "Trompe-l'oeil" (täuschende Auge). Bildwirklichkeit in der niederländischen Malerei am Beispiel von Hoogstraten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/979550

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