Bedeutung der Schulprogramme für die Schulentwicklung - Dargestellt am Beispiel der Grundschulen


Examensarbeit, 2000
101 Seiten

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1. 1 Einleitung
1. 2 Vorgehensweise
1. 3 Klärung wichtiger Begriffe
1. 3. 1 Schulprogramm
1. 3. 2 Schulprofil
1. 3. 3 Organisationsentwicklung
1. 3. 4 Leitbild
1. 3. 5 Lernkultur
1. 3. 6 Evaluation
1. 3. 7 Innere Schulentwicklung

2. Literaturstudie
2. 1 Historische Entwicklung in der Literatur
2. 2 Schulentwicklung
2. 2. 1 Geschichte der Schulentwicklung
2. 2. 2 Gründe für Schulentwicklung
2. 2. 3 Was ist Schulentwicklung?
2. 2. 3. 1 Personalentwicklung
2. 2. 3. 2 Unterrichtsentwicklung
2. 2. 3. 3 Organisationsentwicklung
2. 3 Schulprogramm
2. 3. 1 Vergleich verschiedener Standpunkte
2. 3. 1. 1 Einleitung
2. 3. 1. 2 Die Notwendigkeit des Schulprogramms für die
Schulentwicklung
2. 3. 1. 3 Der Erarbeitungsprozeß
2. 4 Die Geschichte des Schulprogramms
2. 5 Funktionen, Aufgaben und Zielsetzungen eines Schulprogramms
2. 5. 1 Funktionen
2. 5. 2 Aufgaben
2. 5. 3 Zielsetzungen
2. 6 Der Entwicklungsprozeß bei der Schulprogrammarbeit
2. 6. 1 Einleitung
2. 6. 2 Initiierung
2. 6. 2. 1 Die Steuergruppe
2. 6. 2. 2 Die Bestandsaufnahme
2. 6. 3 Die Diagnosekonferenz
2. 6. 3. 1 Gemeinsame Diagnose – Tag 1
2. 6. 3. 2 Gemeinsame Visionen und Textarbeit – Tag 2
2. 6. 3. 3 Entwicklungsschwerpunkte setzen – Tag 3
2. 6. 4 Die Verabschiedung
2. 6. 5 Evaluation
2. 7 Kritik am Konzept „Schulprogramm“ in der Literatur

3. Empirische Untersuchung
3. 1 Einleitung
3. 2 Auswahl der Schulen
3. 3 Beschreibung der Grundschulen
3. 3. 1 Die Wilhelmschule in Gladbeck
3. 3. 2 Die Pestalozzi – Schule in Gladbeck
3. 4 Auswahl und Anwendung methodischer Instrumente
3. 4. 1 Interviews
3. 5 Untersuchungsergebnisse
3. 5. 1 Interviews
3. 5. 2 Darstellung des Prozesses der Schulprogrammerarbeitung
3. 5. 2. 1 Anlaß/ Initiierung
3. 5. 2. 2 Bestandsaufnahme/ Zielklärung
3. 5. 2. 3 Arbeitsplanung
3. 5. 2. 4 Externe Beratung
3. 5. 2. 5 Kritik der Schulleitungen am Schulprogrammkonzept
3. 5. 3 Umsetzung eines Projektes
3. 6 Beurteilung von Schulprogrammen
3. 6. 1 Indikatoren für Schulprogramme
3. 6. 2 Analyse der vorläufigen Schulprogramme
3. 6. 2. 1 Didaktische Orientierung/ Leistungsbewertung
3. 6. 2. 2 Schulgestaltung
3. 6. 2. 3 Schulöffnung
3. 6. 2. 4 Elternarbeit
3. 6. 2. 5 Tabelle mit den vorläufigen Schulprogrammen
3. 7 Zusammenfassung der Ergebnisse

4. Resümee

Anhang

Literaturverzeichnis

Erklärung

1. 1 Einleitung

Die Schulen in NRW erhalten immer mehr Freiraum in der Gestaltung ihrer Arbeit. Dies hängt damit zusammen, daß die besonderen Merkmale der einzelnen Schulen immer mehr die Qualität ihrer Arbeit ausmachen. Daher ist es wichtig, daß der Schule als pädagogische Handlungseinheit neue Gestaltungsräume und mehr Handlungsfreiheit zugesichert werden müssen.

In diesem Zusammenhang wird eine gezielte Schulentwicklung immer wichtiger. Diese Entwicklung muß systematisch vorangetrieben werden, und die Schulen müssen dabei bestimmte Ziele vor Augen haben, die sie mit ihrer Weiterentwicklung erreichen wollen. Nur so kann die Qualität der schulischen Arbeit gesichert werden.1

Ein wichtiger Bestandteil der Schulentwicklung ist das Schulprogramm, dessen Erarbeitung seit 1997 in NRW an allen Schulformen verbindlich gefordert wird. Mit einem Schulprogramm muß die einzelne Schule ein Konzept aufstellen, in dem sie zu ihrer pädagogischen Zielvorstellung in Unterricht und Erziehung, aber auch zu organisatorischen, finanziellen und personellen Fragen Stellung nimmt und diese Fragen für sich beantwortet. Das Schulprogramm soll auch aufzeigen, auf welche Weise die Entwicklungsziele erreicht werden sollen. Ebenfalls wichtig ist der Aspekt, daß durch die Arbeit an einem Schulprogramm alle an einer Schule beteiligten Personen und Organisationen zusammengeführt werden, um Schulentwicklung gemeinsam anzutreiben.2

Die Schulen sind durch den „Zwang zum Programm“ teilweise überrascht worden, und die Begeisterung über die Mehrarbeit, welche die Arbeit an einem Programm mit sich bringt, hält sich in Grenzen. Aber ein pädagogischer Grundkonsens über die Arbeit an einer Schule ist unerläßlich für guten Unterricht und ein gutes Schulklima. Wenn alle Schulen ihr Programm im Sommer dieses Jahres abgegeben haben, wird sich im Laufe der nächsten Jahre zeigen, ob alle Schulen sich an ihr schriftliches Programm halten und wie effektiv ihre Arbeit damit sein wird.

1. 2 Vorgehensweise

Zu Beginn meiner Literaturstudie gehe ich zunächst auf die Schulentwicklung ein, deren Kernpunkt das Schulprogramm ist. Dazu beschreibe ich zuerst die Entwicklung, welche die Themen Schulentwicklung und Schulprogramm in der Literatur genommen haben und wie der augenblickliche Stand dort ist. Da die vermehrte Beschäftigung mit den beiden Themen recht neu ist, stützt auch meine Arbeit sich größtenteils auf Bücher und Aufsätze, die höchstens drei Jahre alt sind.

Wie sich die Schulentwicklung in der Vergangenheit bis heute „entwickelt“ hat, darauf werde ich danach eingehen. Anschließend werde ich begründen, warum Schulentwicklung unbedingt erforderlich ist und erklären, was Schulentwicklung heute an Schwerpunkten beinhaltet.

Auf dieser Grundlage beschäftige ich mich allgemein mit dem Schulprogramm. Zu Anfang möchte ich verschiedene Auffassungen über die Notwendigkeit und den Erarbeitungsprozeß eines Schulprogramms anführen, um zu zeigen, daß die Diskussion darüber noch nicht abgeschlossen ist. Anschließend werde ich die historische Entwicklung, die das Konzept Schulprogramm genommen hat, näher beschreiben. Danach soll erklärt werden, welche Funktionen, Aufgaben und Zielsetzungen das Schulprogramm heute hat. Den ( möglichen) Entwicklungsprozeß eines Programmes werde ich anhand von Erfahrungsberichten des Autorenpaares Philipp/ Rolff schildern. Zum Schluß der Literaturstudie werde ich einige kritische Stimmen zu diesem Thema zu Wort kommen lassen.

Im empirischen Teil werde ich die anhand zweier Gladbecker Grundschulen den Erarbeitungsprozesses ihrer Schulprogramme beschreiben. Da diese noch nicht beendet ist, muß ich mich bei der Beschreibung der Programme auf vorläufige beziehen, die ich aus Informationsbroschüren und Gesprächen herausgezogen habe. Anhand eines Projektes einer der beiden Schulen möchte ich anschließend zeigen, wie die erfolgreiche Umsetzung eines Schwerpunkts der Schulentwicklung an Grundschulen erfolgen kann.

Auch die Kritik der beiden Schulleiter am Konzept des verordneten Schulprogramms werde ich wiedergeben, da ich es wichtig finde, auch die Meinung der Betroffenen aufzunehmen. Anschließend möchte ich die vorläufigen Schulprogramme beschreiben und analysieren.

Im Resümee werde ich schließlich die Ergebnisse meiner Arbeit zusammenfassen und die Resultate meiner empirischen Arbeit mit der Literaturstudie vergleichen.

Zu Beginn meiner Arbeit werde ich einige Begriffe erläutern, die im Zusammenhang mit den Themen Schulentwicklung und Schulprogramm wichtig sind.

1. 3 Klärung wichtiger Begriffe

1. 3. 1 Schulprogramm

Laut der Richtlinien für die Grundschule in NRW soll sich jede Schule ihrer pädagogischen Zielsetzung bewußt werden und dabei nicht nur die Schule an sich, sondern auch ihr Umfeld und das der Schüler in den Unterricht mit einbeziehen. Jede Schule soll auf diese Weise ein ganz individuelles, auf sie zugeschnittenes Schulprogramm entwickeln, bei dem sich das Kollegium auf eine gemeinsame pädagogische Linie einigt und somit die gemeinsame Verantwortung von Lehrern, aber auch Eltern für die Schule deutlich macht.3

Herbert Mamat definierte 1989 das Schulprogramm einer Schule darauf aufbauend als „die in Praxis umgesetzte Summe aller Absprachen über das pädagogische Konzept einer Schule und über alle ihre Traditionen“. Während die Richtlinien das Schulprogramm eher als „was sein soll“ beschreiben, sagt Mamat, daß ein Schulprogramm erst dann eines ist, wenn es auch in die Praxis umgesetzt worden ist. Ein Schulprogramm soll unter anderem dazu beitragen, den Ruf einer Schule, und somit ihr Schulprofil zu verbessern. Die Leitlinien für die Umsetzung eines Schulprogrammes sind, um den Kreis zu schließen, laut Mamat in den Richtlinien zu finden.4

1. 3. 2 Schulprofil

Auf der Suche nach einer Definition oder Beschreibung des Begriffs „Schulprofil“ mußte ich feststellen, daß man sich in der Literatur nicht ganz einig ist, was ein Schulprofil einer Schule genau darstellt, daher habe ich bei meinem Beschreibungsversuch verschiedene Definitionen nebeneinander gestellt:

Erika Risse meint, daß ein Schulprofil erst dann zustande kommt, wenn die Situation einer Schule analysiert worden ist und pädagogische und fachliche Ziele und Orientierungspunkt geschaffen worden sind, die Schule also ein Schulprogramm entworfen und längere Zeit mit ihm als Grundlage gearbeitet hat.5 Gabriele Krüsmann dagegen setzt das Schulprofil vor das Schulprogramm. Nach ihrer Auffassung hat jede Schule bereits ein Profil, daß sich im Laufe der Zeit irgendwie entwickelt hat, ob sich die Schule nun dessen bewußt ist oder nicht. Dieses Schulprofil entsteht aus allen Aktivitäten und Bedingungen, die von der Schule ausgehen oder auf sie einwirken. Das geschieht unabhängig davon, ob diese Umstände geplant sind oder nicht. Um ein Schulprogramm zu entwickeln, muß laut Krüsmann erst das Schulprofil analysiert und daraufhin mit einer geplanten Entwicklung begonnen werden.6 Auch wenn sich die Autorinnen nicht einig sind, ob eine Schule ihr Profil nun vor oder nach der Erarbeitung eines Schulprogramms vorfindet, zusammenfassend kann man feststellen, daß zum Schulprofil all das gehört, was in und um die Schule herum vorgeht und wie die Schule somit nach außen wirkt.

1. 3. 3 Organisationsentwicklung

Dieses Konzept stammt ursprünglich aus der Wirtschaft. Für die Schulen bedeutet es, daß das jeweilige Schulkollegium seine Schule durch offene, planmäßige, zielorientierte und langfristig angelegte Veränderungen verbessert. Das heißt unter anderem, daß viele Abstimmungen und Klärungsprozesse stattfinden müssen, damit die Erneuerung der Organisation Schule gelingt. Anlaß, eine Organisationsentwicklung zu starten, ist meist Druck von außen. Ihren Ausgangspunkt findet die Organisationsentwicklung dann in den alltäglichen Dingen, die sich in einer Schule abspielen. Durch sie wird versucht, vorhandene Übereinstimmungen zu finden und zu vergrößern. Konflikte sollen ebenfalls bewußt gemacht und überwunden werden.7

So soll es laut Knauf zu einer größeren Arbeitszufriedenheit und einer Verbesserung des Kooperationsklimas und somit zu mehr Effektivität im Handeln einer Schule kommen. Die Organisationsentwicklung muß letztendlich zur Selbstreflexion führen, damit die Schule das Lernen lernt und sich ständig selbst erneuern kann.8

1. 3. 4 Leitbild

Das Leitbild, auch Philosophie einer Schule genannt, entsteht, wenn eine Schule all das, was sie betrifft, zusammenfaßt, beschreibt und bewertet und schließlich Ideen und Ziele daraus ableitet. Das Leitbild, welches auf diese Weise entsteht, muß dann mit Inhalten versehen werden. Die Methoden und Konzepte, die aus diesen Überlegungen heraus entstehen, führen zum Schulprogramm.9

Das Leitbild einer Schule enthält die Ziele, zu deren Erreichung sich Lehrer und möglichst auch Schüler verpflichtet fühlen. Es soll als Orientierung für Schule und Öffentlichkeit dienen, so daß alle genau sehen können, wie die Schule arbeitet. Jedoch gibt es, wie zum Thema „Schulprofil“, auch hier wieder verschiedene Auffassungen, wann genau eine Schule nun ein Leitbild besitzt. Müller meint dazu, daß das Leitbild einer Schule nicht ihren Ist- Zustand, sondern lediglich einen Soll – Zustand darstellt, zu dem sie sich hin entwickeln soll. Dieser Soll – Zustand muß das pädagogische Selbstverständnis der Schule, ihr Bildungskonzept, ihr Schulprofil und auch Visionen, wie es an der Schule weitergehen soll, enthalten.10

1. 3. 5 Lernkultur

Laut Risse gehört es mit zum Schulprogramm, daß jede Schule ihre eigene Lernkultur entwickelt. Dies bedeutet, daß sich das Kollegium auf Ziele und Lernformen einigen muß, um den Schülern eine Mischung aus unterschiedlichen Arbeitsansätzen, Methoden und Medien bieten zu können. Für besonders wichtig hält Risse, daß die Kinder durch die Entwicklung einer Lernkultur an der Schule ihre eigene Lernkultur entwickeln, um dazu befähigt zu werden, lebenslang zu lernen. Die Schule muß sie dabei unterstützen, indem sie den Schülern zeigt, wie man in den verschiedenen Fächern sicher mit dem Lernstoff umgeht. Dazu müssen die Lehrer ihn verständlich und nachvollziehbar darbieten. Das kann allerdings nur dann erreicht werden, wenn Schüler und Eltern regelmäßig darüber Auskunft geben, ob und wie der Lernprozeß vorangeht, da nur so Probleme erkannt und beseitigt werden können.11

1. 3. 6 Evaluation

Laut Eikenbusch gehört Evaluation, sowohl intern als auch extern, zu den schwierigsten Angelegenheiten bei der Entwicklung von Schule. Seiner Meinung nach ist schulinterne Evaluation ein ständiger systematischer Lern- und Arbeitsprozeß, den eine Schule durchführt, um Informationen über Lernen, Unterricht und die Schule selbst zu erhalten. Aus diesen Informationen sollen dann Rückschlüsse gezogen werden, um die Arbeit an der Schule zu bewerten und eine Selbstreflexion über die Schulentwicklung und die Beteiligung aller durchführen zu können. Die Bewertung der Arbeit an der Schule soll auf der Basis von bestimmten Kriterien ( wie den Richtlinien oder dem Schulprogramm) erfolgen. An die Bewertung schließt sich dann eine weitere Analyse über Voraussetzungen, Planung und Durchführung der Arbeit an der Schule an. Ziel ist es letztendlich, die Arbeit an der Schule kontinuierlich zu verbessern.

Den Gegenpol zur schulinternen Evaluation bildet die schulexterne Evaluation, die durch schulexternes Personal durchgeführt wird. Dies können die Schulaufsicht, aber auch Lehrer anderer Schulen oder sogar Eltern sein.

Dabei werden die durch die Schule gesammelte Daten analysiert und bewertet, damit die Schulen ein Feedback über ihre erbrachten Leistungen erhalten, Vergleichbarkeit zu bekommen und ihre Anforderungen gesichert werden. Andere Gründe können auch eine Grundlage für die Bildungsberichterstattung oder eine Kontrolle der Schule sein.12

1. 3. 7 Innere Schulentwicklung

Schulentwicklung beinhaltet viele verschiedene Aspekte, denn es gibt unterschiedliche Entwicklungstypen. Entwicklung kann unterschiedlich weit gehen, so daß es nicht einfach ist, Schulentwicklung genau zu definieren. Zum einen gehören zur Schulentwicklung geplante ( zielbezogene Änderung innerhalb und Innovation außerhalb der Schule) und ungeplante ( persönliche Entwicklung innerhalb und Umfeldveränderungen außerhalb der Schule) Entwicklungstypen, die alle miteinander verbunden werden müssen, damit man von einem Schulentwicklungsprozeß sprechen kann. Zum anderen entscheidet die Größe des Entwicklungsschrittes über die Anerkennung als Schulentwicklung. So entstehen wieder verschiedene Nuancen ( Erziehungs - , Schulreform; Maßnahmen zur Steigerung der Qualität oder Effektivität des Lernens; Gestaltung der Schule als lernende Organisation; Veränderung von Organisationsstrukturen; Durchführung von Projekten zur Verbesserung des Unterrichts und vieles mehr) , die auch verschiedene Bereiche von Schule umfassen. Für Eikenbusch kommt Entwicklung erst dann zustande, wenn neue Eigenschaften entstehen, geschaffen oder einbezogen werden. Weiterhin muß die Schule ihre Fähigkeiten auch auf sozialer Ebene ändern. Das heißt, daß die Schulentwicklung einen Fortschritt für Schüler, Lehrer und die Gesellschaft, und somit für alle am Lernprozeß beteiligten bringen muß.13

2. 1 Entwicklung des Themas in der Literatur

Über Schulentwicklung wird geschrieben, seit es Schulen gibt. Für die frühen Schulleute war Schulentwicklung und speziell das Schulprogramm ein Mittel, ihre Professionalität unter Beweis zu stellen. In den Zeiten der Reformpädagogen ging es nicht mehr um die Etablierung von Schulen, sondern um die Entwicklung von alternativen Modellen. Dann wurde das Thema erst wieder in den 60er Jahren aufgegriffen infolge von Diskussionen über ungleiche Bildungschancen.

1985 wurde der Aspekt Schulprogramm offiziell in die Richtlinien für Grundschulen in NRW aufgenommen, allerdings ohne verbindlichen Rahmen. Nur vereinzelt gab es im Zeitraum von zehn Jahren Aufsätze zu diesem Thema

( z. B. Mamat 1989, Rolff 1993) bis 1995 die Bildungskommission NRW ihre Denkschrift „Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft“ herausbrachte , in der sie sich explizit mit Schulprogrammen befaßte und deren Verbindlichkeit forderte. Seitdem gab es schon zahlreichere Stellungnahmen und erste „Anleitungen“ zur Schulprogrammerstellung ( Dalin 1995, Keller 1997, Mauthe u. a. 1996, etc. )

Seit dem 25. 6. 1997, als das Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes NRW den Erlaß herausbrachte, daß bis zum Sommer 2000 alle Schulen ein Schulprogramm erstellen und verschriftlichen müssen, ist die Anzahl der Veröffentlichungen explosionsartig angestiegen. Allerdings handelt es sich noch größtenteils um theoretische Ansätze, die bei der Erarbeitung eines Programms helfen sollen, da Praxiserfahrungen noch nicht so häufig sind. ( Altrichter u. a. 1998, Eikenbusch 1998, Dalin 1999)

Dies wird sich mit Ablauf des nächsten Jahres mit Sicherheit ändern, wenn die Programme vorliegen und die Schulen eine Zeitlang damit und daran gearbeitet haben.

2. 2 Schulentwicklung

2. 2. 1 Geschichte der Schulentwicklung

Schulentwicklung gibt es, seit es Lehrer, Schüler und Schulen gibt, denn schon immer gab es Beteiligte am Schulgeschehen, die Schule verbessern wollten. Mitte des 19. Jhds. wurde Schulentwicklung verstanden als Aufbau- und Beweismittel für die Professionalität der Schulleute. Sie diente als eine Art Werbestrategie zur Gewinnung von Sponsoren und Kunden und auch als Etablierungsstrategie für Erziehung. Schulentwicklung war also ein

„pragmatisches und auch opportunistisches Theorie- und Praxiskonglomerat der Schulunternehmer im Kampf um die Etablierung der Schule sowie im Kampf um die

Schüler“14

Die Entwicklung eines Konzeptes für gute Erziehung oder autonome Schulen spielte dabei keine Rolle. Die verschiedenen Bestandteile der Konglomerate waren Ansätze zur Unterrichtsgestaltung, pädagogische Führungslehren, pädagogische Erkenntnisse, philosophische und theologische Exkurse und betriebswirtschaftliche Gewinnberechnungen.

Anfang des 20. Jhds. , als sich die öffentlichen Schulen etabliert hatten, wandelte sich die Bedeutung von Schulentwicklung. Die Reformpädagogik verstand darunter einen Gegenpol zu der Schule, mit der man unzufrieden war. Entwicklung von Schule wurde zu einer Kritikstrategie an der „alten“ Schule. In der Zeit der Weimarer Republik entwickelten Jugendverbände alternative Modelle von Schule als Auseinandersetzung mit der reaktionären Klassenschule. Die Modelle sollten ein Gegenmodell zur Staatsschule mit ihren verkrusteten Inhalten und Methoden darstellen. Dann geschah viele Jahre lang überhaupt nichts im Bereich der Schulentwicklung.

In den 60er Jahren, als Diskussionen über Bildungsungleichheit und deren Ursachen aufkamen, entdeckte man den Zusammenhang von Bildung und Marktwirtschaft, und somit wurde auch Schulentwicklung wieder zum Thema.

Die Reformpädagogik spielte dabei allerdings keine Rolle, sondern statt dessen wurden Konzepte zur Chancengleichheit, Individualisierung des Unterrichts und zur Wissenschaftsorientierung aufgestellt. Man versuchte, durch die Entwicklung von Lern- und Lehrmaterial und entsprechender Schulplanungen die Entwicklung von Schule durchzuführen. Aus vielfältigen Gründen heraus scheiterte dieses Konzept aber. Zu Beginn der 70er Jahre stagnierte die Schulentwicklung daher, allerdings entstanden an der Basis neue Ideen für eine Schul- und Unterrichtsreform. Dabei sollten die neuen Materialien nicht nur entwickelt, sondern auch wirklich umgesetzt werden. Dies blieb aber immer auf Teilbereiche von Schule beschränkt.

Zehn Jahre später, in der Mitte der 80er Jahre, ging man schließlich dazu über die gesamte Schule in den Entwicklungsprozeß einzubeziehen. Studien zum Schulleben und allgemeine Veränderungsprozesse an Schulen gaben hier den Anstoß. Schulentwicklung war jetzt nicht nur Verbesserung des Unterrichts, sondern sollte zu Veränderung der ganzen Schule und zur Organisationsentwicklung dienen. Allerdings schreckten die Studien auch ab, denn man stellte fest, daß Veränderungen zwar unbedingt nötig waren, die Umsetzung aber sehr schwierig war. Externe Berater wurden somit immer wichtiger. So war es auch kein Wunder, daß Schulentwicklung erst einmal nur für Schulpolitik, Schulaufsicht und Schulleitung interessant war. Schulen sollten durch eine Bildungsreform den veränderten Bedingungen angepaßt und zu einer effektiveren Organisation gemacht werden. Den Lehrern war dieser Vorstoß von „oben“ suspekt, und sie waren der Schulentwicklung gegenüber eher skeptisch eingestellt.

Heute wird versucht, dem entgegenzuwirken und Schulentwicklung für Lehrer und Schüler durch Lehrer und Schüler selbst zu betreiben.15

2. 2. 2 Gründe für Schulentwicklung

Schulentwicklung ist gesetzlich vorgeschrieben. Städte und Gemeinden haben nun die Möglichkeit, bildungspolitische Zielsetzungen und auch die Rahmenvorgaben umzusetzen, indem sie die Bedingungen vor Ort beachten. Die Länder haben aber trotzdem die Möglichkeit zum Eingriff und zur Steuerung des Prozesses. Ihre Hauptaufgabe ist es schließlich, Standort- und Versorgungsplanung zu betreiben, um gleichmäßige und qualifizierte Bildungsangebote zu gewährleisten. Schulgesetze und Rechtsverordnungen bestimmen die inhaltlichen Grundsätze der Entwicklung. NRW schreibt z. B. einen mittelfristigen Planungszeitraum von fünf Jahren vor, nach dieser Zeit muß die Entwicklung überprüft und auf weitere fünf Jahre fortgeschrieben werden.16

Schulen müssen sich auch deshalb entwickeln, da Schüler sich verändert haben und Eltern, Betriebe und Bildungsverwaltungen neue und immer Ansprüche stellen. Da die Probleme, die in Schule und Unterricht immer vielfältiger werden, müssen neue Perspektiven und neue Handlungsfelder geschaffen werden. Dies erfordert aber den Willen und die Kompetenz zur Gestaltung eines Entwicklungsprozesses, und gerade an letzterem hapert es oft. Durch Vereinfachung der komplexen Abläufe an Schulen, durch externe Beratung und Qualifizierungsmaßnahmen sollen die Kompetenzen der Lehrer gestärkt werden.

Im folgenden werde ich nun beschreiben, was Entwicklung von Schulen ist und durch welche Methoden die Entwicklung betrieben werden soll.17

2. 2. 3 Was ist Schulentwicklung?

Mit dem Begriff der Schulentwicklung ist heute die systematische, andauernde Weiterentwicklung von Schule gemeint. Schulentwicklung ist vor allem die Entwicklung der Einzelschule, und zwar der ganzen Schule einschließlich der Gebäude. Die einzelne Schule wird zum Mittelpunkt pädagogischer Reformen. Es soll nun nicht mehr das Unterrichtskonzept des einzelnen Lehrers, sondern die gesamte Schule entwickelt werden, denn Lehren und Lernen findet nicht nur im Unterricht, sondern auch im Gebäude, im Klassenzimmer, mit den Mitschülern und den Lehrern statt. Somit müssen sich alle am Schulleben beteiligten gemeinsam ihren Problemen stellen und sie lösen. Die Problemlösung soll ( natürlich innerhalb der Richtlinien) von der Schule autonom erfolgen. Lindau – Bank nennt Schulentwicklung den Weg zur „guten Schule“, der sich vor allem auf den Unterricht bezieht. Schulentwicklung dient zur Entfaltung von Lehrern und Schülern und soll helfen, daß diese sich mit ihrer Schule identifizieren können.

Zur Schulentwicklung gehören seiner Meinung nach die drei Aspekte Personalentwicklung, Unterrichtsentwicklung und Organisationsentwicklung, denn Schulentwicklung geschieht in der Schule nur dann, wenn sich in ihren einzelnen Bestandteilen etwas verändert. Diese Veränderungen sind sehr komplex, da ein Teil von Schule auch immer die anderen Teile beeinflußt und mit verändert. Das bedeutet auch, daß Schulen ständigen Veränderungen unterzogen sind und sich immer neuen Bedingungen anpassen müssen. Um die gesamte Organisation Schule neu zu entwickeln, müssen Anpassungen und Veränderungen auf individueller Ebene ( Bewußtmachung von Werten, Normen, Wissen des Einzelnen) , auf der Unterrichtsebene ( Umsetzung der Normen etc. in Handlungen) und auf der Organisationsebene ( Schaffung von festen Strukturen zur Ermöglichung von Handlungen) passieren.

2. 2. 3. 1 Personalentwicklung

Wichtig für die personelle Entwicklung an den Schulen ist, daß sich auch die Lehrer als Lernende verstehen. Dieser Sicht ordnet Lindau – Bank vier Punkte zu:

- Zum einen brauchen Lehrer ein fachlich – didaktisches Handlungsrepertoir. Dies und auch die Sicherheit im Unterricht wachsen zwar im Laufe der Lebensarbeitszeit, es besteht aber immer die Gefahr von Routinebildungen. Lehrer brauchen also immer neue Impulse, um ihren Unterricht zu gestalten.
- Lehrer müssen immer daran arbeiten, trotz veränderter Schülerschaft eine Gemeinschaft in ihrer Klasse zu schaffen. Nur so kann eigenständiges Lernen ermöglicht und Unruhe auf ein Mindestmaß reduziert werden. Hierzu müssen Lehrer aber auch Unterstützung von externer Seite bekommen.
- Der nächste Punkt betrifft Forschung und Selbstbeurteilung. Dafür brauchen Lehrer Methoden, die sie dabei unterstützen. Zur Selbstbeurteilung gehört, daß Lehrer ihre Ziele mit denen der Schule und der Schüler abstimmen, damit effektiverer Unterricht möglich ist.
- Dazu gehört auch der Aspekt der Reflexion und des Feedbacks. Ohne konstruktive Rückmeldungen kann kein erfolgreiches Handeln stattfinden. Lehrer müssen sich untereinander austauschen, um ihre Arbeit verbessern zu können. Zusammenarbeit und Arbeitsteilung im Kollegium ist auch wichtig, um durch gegenseitige Hilfe und Unterstützung Stress und Angst abbauen und neue Energien zu schöpfen für den Unterricht.18

Man muß allerdings beachten, daß die strikte Personenorientierung auch ihre Grenzen hat. Hat ein Kollegium mehr als dreißig Mitglieder, wird es schwierig, alle mit ihrer Person einzubringen, da dies zu unübersichtlich und zu arbeitsintensiv wird. Weiterhin muß beachtet werden, daß nicht der einzelne Lehrer, sondern Teams die Voraussetzung für eine erfolgreiche Schulentwicklung sind. Die größten Aufgaben der Personalentwicklung sind daher Teambildung, Teamstärkung und die Förderung des selbständigen Arbeitens der Teams.19

Die Bildungskommission NRW sieht den erhöhten Arbeitsaufwand für die Lehrerschaft allerdings sehr kritisch. Ihrer Meinung nach wird die hohe Motivation, welche die Lehrer für die Personalentwicklung brauchen, durch das jetzige Laufbahnsystem in den Schulen überhaupt nicht erreicht. Lehrer haben, vor allem im Grundschulbereich, kaum Möglichkeiten zur Beförderung oder zur Ausübung anderer Tätigkeiten in ihrem Berufsfeld, es sei denn, sie würden Schulleiter. Leistung wird nicht extra anerkannt oder gar honoriert, so daß Lehrer kaum bereit sind, höhere Belastungen auf sich zu nehmen. Im Besoldungs- und Beförderungssystem müßte sich ebenfalls etwas ändern, um die Chancen einer kontinuierlichen, engagierten Schulentwicklungsarbeit zu erhöhen.20

2. 2. 3. 2 Unterrichtsentwicklung

Der Unterricht ist der Kernbereich der Schulentwicklung, hier wird pädagogisches Handeln zum Thema. Initiativen zur Veränderung des Unterrichts müssen von den Lehrern selbst ausgehen. Diese Initiativen betreffen vor allem den unterrichtlichen Alltag. Dazu gehören z. B. Projektunterricht, Wochenplan, fächerübergreifendes Lernen oder die Öffnung von Schule.

Entwicklung von Unterricht und Unterrichtsformen wird praktiziert, seit es neuzeitliche Schulen gibt. Allerdings wird sie meist von einzelnen Lehrern oder einzelnen Gruppen innerhalb einer Schule durchgeführt. Diese Einzelinitiativen müssen auf das gesamte Kollegium ausgeweitet und organisatorisch und institutionell abgesichert werden. Dies geschieht durch die Organisationsentwicklung, die ich später noch näher erläutern werde.

Die Richtung der Initiativen bleibt den Schulen überlassen, sie sollte sich aber laut Lindau – Bank an fünf Punkten orientieren, die guten Unterricht absichern:

- Schülerorientierung
- Feedback an die Schüler über ihren Lernprozeß
- Strukturierter Lehr- und Lernprozeß
- Optimale Zeitnutzung
- Überblick über das Geschehen in der Klasse

( Diese Punkte werden teilweise auch in der Personalentwicklung berücksichtigt. ) Weiterhin sollte der differenzierende Unterricht dem traditionellen Unterricht vorgezogen werden. Individualisierendes und zielerreichendes Lernen und offener Unterricht haben vor allem im emotionalen und affektiven Bereich, also durch vermehrte Selbständigkeit und Eigenverantwortlichkeit der Schüler Vorteile. Diese Lernformen erfordern allerdings auch eine komplexere Unterrichtsorganisation und erhöhte Aufmerksamkeit seitens des Lehrers. Die methodische Vielfalt, die durch die freieren Arbeitsweisen von den Lehrern verlangt wird, erfordert ein erhöhtes Maß an Fortbildung und Zusammenarbeit im Kollegium.

Die Basis hierzu wird durch die Organisationsentwicklung gelegt.21

2. 2. 3. 3 Organisationsentwicklung

Organisationsentwicklung ist das Schlagwort, bei dem jeder sofort beim Thema Schulentwicklung denkt. Organisationsentwicklung will das Erziehungskonzept der Organisation Schule verbessern und die Schule zu einer Lernorganisation weiterentwickeln. Die Mitglieder des IFS ( Institut für Schulentwicklungsforschung) verstehen unter Organisationsentwicklung folgendes:

Eine Organisation soll entwickelt werden. Dies geschieht meist auf äußeren Druck.22 Mögliche Anlässe können aber auch der Wunsch des Kollegiums oder der Schulleitung nach Entwicklung sein.23

Bei der Organisationsentwicklung sollen durch offenes, geplantes, zielorientiertes und langfristiges Vorgehen Veränderungen im sozialen System durchgeführt werden. Technische und menschliche Aspekte sollen dabei mit ihren je eigenen Gesetzmäßigkeiten durchgeführt werden.

Begonnen wird, wie bereits erwähnt, im Alltag der Beteiligten. Konsens wird unterstützt, aber auch Konflikte werden bewußt gemacht, um sie zu lösen. Integriert werden auch Analyse-, Entscheidungs-, psycho – soziale und inhaltliche Lernprozesse. Inhalt und Verfahren sollen dabei eine Einheit bilden. Ziel ist schließlich die Selbstentwicklung der Organisation und ihrer Mitglieder, d. h. , durch Orientierung auf die beteiligten Personen soll die Organisation von innen heraus entwickelt werden,24 damit

„ die Lehrkräfte in professioneller Weise ihre eigene Schule gestalten und ihre eigene Autonomie wie die ihrer Institution zur Schulentwicklung nutzen, um die Bedingungen ihrer Arbeit zu verbessern.“25

Zu den verbesserten Arbeitsbedingungen zählen eine verbesserte Kommunikation und Kooperation, eine erfolgreiche Regelung von Konflikten, eine effektivere Arbeitsplanung und –durchführung, eine erhöhte Identifikation mit der Schule und eine größere Aufgeschlossenheit gegenüber Neuerungen im Schulbereich.26

Entstehung von Organisationsentwicklung

Organisationsentwicklung entstand gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in den USA. Man sah sich damals genötigt, die Wirtschaft und den Alltag neu zu gestalten zur Sicherung der Demokratie. Die Theorie der Organisationsentwicklung entsprang aus zwei Quellen, einer industriesoziologischen und einer pädagogisch – sozialpsychologischen. Auf der industriesoziologischen Seite entstanden dabei Management- und Führungskonzepte, und man erkannte die Wichtigkeit eines guten Betriebsklimas, wozu unter anderem die Personalentwicklung gehört. Auf der pädagogisch – sozialpsychologischen Seite stellte man heraus, daß demokratisches Verhalten nur durch Einsicht, nicht durch Zwang erreicht werden kann. Kurt Lewin war ein wichtiger Vertreter der pädagogisch – sozialpsychologischen Richtung, der wissenschaftliche Grundlagen und anwendungsorientierte Konzepte dafür entwickelte. Dazu gehören die Feldtheorie

( der Einzelne steht im untrennbaren Zusammenhang mit der Organisation), die Gruppendynamik, eine Phasentheorie von Veränderungsprozessen und die Aktionsforschung ( die Erforschten sind an der Forschung beteiligt und erhalten ein Feedback über die Ergebnisse) . In der Praxis setzte sich Organisationsentwicklung erst einmal in der Wirtschaft durch.27

Erst Mitte der 60er Jahre ging Organisationsentwicklung auch auf die Schulentwicklung über. Pionier war in den USA Richard Schmuck, der versuchte, Schulen zur Selbsterneuerung zu bewegen.

Er wollte die Veränderung der Kommunikation und Kooperation in den Lehrerkollegien durch eine zurückhaltende Prozeßberatung fördern. John Goodlad ist ein weiterer Vertreter dieser Richtung. Er stellte durch Studien fest, daß die Schulreformen, die in den 50er und 60er Jahren in den USA durchgeführt worden waren, deshalb nicht erfolgreich waren, weil sie nicht in das Schulprogramm, und somit in das pädagogische Konzept der Schulen aufgenommen worden waren. In Europa wurde Mitte der 70er Jahre in Norwegen durch Per Dalin die Organisationsentwicklung an Schulen eingeführt. In Deutschland begann Hans – Günter Rolff Mitte der 80er Jahre zusammen mit Dalin und dem Landesinstitut für Schule und Weiterbildung des Landes NRW Organisationsentwicklung als offizielle Grundlage für die Schulentwicklung zu erproben und durchzusetzen. Durch die bisherige Praxiserfahrung stellte sich allerdings heraus, daß das aus der Wirtschaft übernommene System nicht problemlos auf Schulen übertragen werden kann. Ein auf die Schulen zugeschnittenes Konzept zur Weiterentwicklung kann aber sehr wohl positive Auswirkungen auf die Schularbeit haben.28

Ablauf von Organisationsentwicklung

Die Organisationsentwicklung beruht auf dem humanistischen Menschenbild, daß dem arbeitenden Menschen ermöglichen möchte, Sinn in seiner Arbeit zu finden. Er soll seine Fähigkeiten entfalten, aber auch für das Ganze Verantwortung übernehmen können. Die Mitarbeiter einer Organisation arbeiten also aktiv an deren Veränderung und Verbesserung mit, Hauptanliegen der Organisationsentwicklung ist somit die gemeinsame Arbeit an den Veränderungen, deren Vorantreiben und Aufrechterhaltung.29

Die Beschreibung des Prozesses bei der Organisationsentwicklung ist laut Dalin nicht einfach, er versucht daher, den Ablauf in drei Teile zu zerlegen:

Der erste Schritt besteht in der Motivation der Beteiligten. Dabei soll geklärt werden, was die Situation und die Schule kennzeichnet, in der Organisationsentwicklung hilfreich sein soll. Die meisten Programme werden von der Schulleitung oder Schulaufsicht initiiert, weil es in der Schule Probleme ( Kommunikationsschwierigkeiten, erschwerte Entscheidungsprozesse ) gibt, und weil die Organisationsentwicklung für die Schulentwicklung ein erfolgreiches Verfahren zu sein scheint. Allerdings muß darauf geachtet werden, daß von Beginn an alle Beteiligten mitwirken und nicht nur Entscheidungen von „oben“ mitgeteilt bekommen.

In der Startphase müssen die Probleme am Anfang der Organisationsentwicklung geklärt werden. Man muß sich darüber klar werden, welchen Zweck und welche Folgen die Organisationsentwicklung für alle Beteiligten hat. Außerdem muß bekannt gemacht werden, wie man an einer Organisationsentwicklung arbeitet. Die Werte des Organisationsentwicklungsprojekts und die der Schule müssen übereinstimmen, und alle Beteiligten müssen dem Prozeß offen gegenüberstehen. Die Teilnehmer des Projekts sollen in der Startphase ein konkretes Ziel in Aussicht haben, daß möglichst bald erreicht werden kann. Organisationsentwicklung muß auf jeden Fall in kleinen Schritten angegangen werden, damit die Motivation erhalten bleibt.

Die Durchführung der Organisationsentwicklung dauert zwischen drei und zehn Jahren, je nachdem, wie umfangreich die Projekte sind. Gearbeitet wird mit Techniken zur Bearbeitung von Konflikten, Kooperationstraining oder Zielsteuerungsübungen. Die Arbeitstechniken müssen gemeinsam für ein übergeordnetes Ziel eingesetzt werden. Interne und externe Berater sollen den Prozeß unterstützen, im großen und ganzen soll die Entwicklung aber von „innen“ betrieben werden.30

Mögliche Probleme der Organisationsentwicklung

Laut Rolff gibt es mögliche Problemfelder, welche die Schule beachten muß, wenn sie Organisationsentwicklung durchführen will: Zum einen muß sie sich genaue Gedanken über den Umfang der Entwicklungen machen, die sie durchführen möchte, ob die gesamte Schule, ein Schulprogramm oder nur einzelne Projekte das Entwicklungsziel sein sollen. Das Prinzip „Weniger ist mehr“ ist für den Beginn der Entwicklung das sinnvollste, denn dieses wenige kann später ausgeweitet werden. So ist die Belastung des Kollegiums auch nicht gleich so groß, daß alle sofort das Handtuch werfen. Zu diesem Prinzip gehört es auch, daß sich eine Schule nicht zu viele künstliche Probleme selbst macht. Es kann besser sein, einen guten Arbeitsablauf innerhalb des Kollegiums aufrechtzuerhalten, statt ihn der Entwicklung zu opfern und wieder durcheinander zu bringen.31

Klippert fügt dem noch hinzu, daß Organisationsentwicklung vorerst auf drei Bereiche beschränkt bleiben sollte: Zum einen sollten die Schulen ihre Arbeit auf den Unterricht, den Kern der Entwicklungsarbeit konzentrieren. Weiterhin sollten Such-, Reflexion- und Entscheidungsprozesse zu Beginn konkret abgeklärt werden. Die Organisationsentwicklung muß außerdem viele Qualifizierungsangebote beinhalten, damit Lehrer durch diese „Hilfe zur Selbsthilfe“ befähigt werden, Innovationen an ihrer Schule erfolgreich durchzuführen.32

Auch Eikenbusch hat einige Kritikpunkte an der Organisationsentwicklung.

Seiner Meinung nach wird durch Organisationsentwicklung zu viel Energie auf diejenigen verwandt, die Schulentwicklung eigentlich nicht wollen, statt durch kontinuierliche Arbeit an der Entwicklung einer Schule die Kritiker zu überzeugen.

Weiterhin wird zu stark auf Entwicklungsprozesse eingegangen, die geplant sind, statt auf gewachsenen Strukturen aufzubauen. Eikenbusch meint, daß Schulentwicklung bei Möglichkeiten und nicht bei Unmöglichkeiten beginnen sollte. Außerdem hält er es für fraglich, daß Schulentwicklung aufgezwungen werden kann. Sie soll nicht dazu da sein, Kollegien zur gemeinsamen Arbeit zu zwingen, sondern durch positive Wirkungen überzeugen.33

[...]


1 Vgl. Schulprogramm – eine Handreichung. Veränderter Nachdruck 2000. Hg. v. Ministerium für Schule und Weiterbildung, Wissenschaft und Forschung des Landes NRW. Frechen: Ritterbach 1998. S. 10

2 Vgl. Schulprogramm und Schulentwicklung. Hg. v. Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes NRW. Frechen: Ritterbach 1997. S. 3

3 Vgl. Richtlinien und Lehrpläne für die Grundschule in NRW. Hg. v. Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes NRW. Frechen: Ritterbach 1985. S. 17.

4 Vgl. Mamat, Herbert: Schulen brauchen ein Programm – und jede Schule braucht ihr eigenes Programm. Heinsberg: Dieck 1989. S. 11f

5 Vgl. Risse, Erika: Schulprogramm und Schulprofil: Selbstverständlichkeit, Aufgabe und Herausforderung. In: Pädagogische Führung 8, 1997. S. 116

6 Vgl. Krüsmann, Gabriele: Das Schulprogramm. Mosaik individueller Arbeitsschwerpunkte. In: Die Deutsche Schule 19, 1995. S. 18f

7 Vgl. Rolff, Hans – Günter: Die Schule als Organisation erzieht. In: Pädagogik 2, 1995. S. 17f

8 Vgl. Knauf, Tassilo: Schule entwickeln wollen und wissen wie. In: Deutsche Lehrerzeitung Spezial 37-38, 1997. S. 17

9 Vgl. Risse, Schulprogramm und Schulprofil, S. 116

10 Vgl. Rolff, Hans – Günter/ Buhren, Claus/ Lindau – Bank, Detlev/ Müller, Sabine: Manual Schulentwicklung. Weinheim: Beltz 1998. S. 111f

11 Vgl. Risse, Schulprogramm und Schulprofil, S. 117

12 Vgl. Eikenbusch, Gerhard: Praxishandbuch Schulentwicklung. Berlin: Cornelsen 1998. S. 154ff

13 Vgl. ebd. S. 17 - 20

14 Zitiert nach Eikenbusch, Praxishandbuch Schulentwicklung, S. 22

15 Vgl. Eikenbusch, Praxishandbuch Schulentwicklung, S. 22 - 25

16 Vgl. Mauthe, Anne/ Pfeiffer, Hermann/ Rösner, Ernst: Ratgeber Schulentwicklungsplanung. Stuttgart: Raabe 1996. S. 13 - 15

17 Vgl. Klippert, Heinz: Schule entwickeln- Unterricht neu gestalten. In: Pädagogik 1997, Heft 2, S. 12

18 Vgl. Rolff u. a., Manual Schulentwicklung, S. 15 - 20

19 Vgl. Rolff, Die Schule als Organisation erzieht, S. 20

20 Vgl. Bildungskommission NRW: Zukunft der Bildung – Schule der Zukunft. Berlin: Luchterhand 1995. S. 321 - 322

21 Vgl. Rolff u. a. , Manual Schulentwicklung, S. 20 - 22

22 Vgl. Rolff, Die Schule als Organisation erzieht, S.17

23 Vgl. Keller, Gustav: Wir entwickeln unsere Schule weiter. Donauwörth: Auer 1997. S. 10

24 Vgl. Rolff, Die Schule als Organisation erzieht, S. 17 - 18

25 Zitiert nach ebd. , S. 20

26 Vgl. Keller, Wir entwickeln unsere Schule weiter, S.. 10

27 Vgl. Rolff, Die Schule als Organisation erzieht, S. 18

28 Vgl. Keller, Wir entwickeln unsere Schule weiter, S. 11 - 12

29 Vgl. ebd. S. 9

30 Vgl. Dalin, Per: Theorie und Praxis der Schulentwicklung. Neuwied: Luchterhand 1999. S. 402 - 417

31 Vgl. Rolff, Die Schule als Organisation erzieht, S. 21

32 Vgl. Klippert, Schule entwickeln – Unterricht neu gestalten, S. 13

33 Vgl. Eikenbusch, Praxishandbuch Schulentwicklung, S. 42

101 von 101 Seiten

Details

Titel
Bedeutung der Schulprogramme für die Schulentwicklung - Dargestellt am Beispiel der Grundschulen
Autor
Jahr
2000
Seiten
101
Katalognummer
V97973
Dateigröße
714 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Fehler bei der Seitennummerierung
Schlagworte
Bedeutung, Schulprogramme, Schulentwicklung, Dargestellt, Beispiel, Grundschulen
Arbeit zitieren
Stephanie Borchardt (Autor), 2000, Bedeutung der Schulprogramme für die Schulentwicklung - Dargestellt am Beispiel der Grundschulen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97973

Kommentare

  • Gast am 30.1.2001

    Wichtige Fragen.

    Hallo Stephanie!
    Ich habe deine Examensarbeit sehr interessiert gelesen und fand sie ziemlich gut!!! Besonders dein empirischer Teil hat mir sehr gut gefallen. Ich schreibe momentan bei dem selben Prof.(Knauf)eine ähnliche Examensarbeit! Wenn es dir nichts ausmacht würden ich gerne erfahren was für eine Beurteilung er dir gegeben hat und mit welcher Begründung? Was fand er gut und was nicht so? Welche Note hat er dir gegeben?
    Ich hab vorher keine Hausarbeit bei ihm geschrieben, so dass ich nicht genau weiß was er will und aufgrund welchen Kriterien er beurteilt. Es wäre sehr lieb, wenn du mir antworten würdest!
    Bis dann Claudia

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