Ertragslage europäischer Kreditinstitute im Niedrigzinsumfeld. Reaktion der Banken und Sparer in Deutschland und Italien


Studienarbeit, 2020

41 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Niedrigzinsumfeld
2.1 Entwicklung der EZB Zinssätze seit 2008
2.2 Anleihekaufprogramme der EZB

3. Bankenregulatorik

4. Entwicklung der Ertragslage europäischer Kreditinstitute
4.1 Profitabilitätsentwicklung
4.2 Ertragsentwicklung
4.2.1 Erträge aus dem Kreditgeschäft
4.2.2 Erträge aus dem Geschäft mit Gebühren und Provisionen
4.3 Kostenentwicklung

5. Sparer im Niedrigzinsumfeld

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

APP Asset Purchase Programme

BaFin Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht

BIP Bruttoinlandsprodukt

CIR Cost-Income Ratio

CRD IV Capital Requirement Directive IV, Richtlinie 2013/36/EU, idF 09.07.2018, 02013L0036

CRR Capital Requirement Regulation, Verordnung (EU) Nr. 575/2013, idF v 26.06.2013, L176/1

EK Eigenkapital

EZB Europäische Zentralbank

NFC Non-Financial Coporation

NSQ Nettosparquote

PEPP Pandemic Emergency Purchase Programme

PSPP Public Sector Purchase Programme

RoE Return on Equity

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: EZB-Zinssätze und Inflation im Euroraum seit 2008

Abb. 2: Rendite zehnjähriger, staatlicher Schuldverschreibungen im Zeitraum Jan. 2009 – Jun. 2020 in Deutschland, Italien und der Eurozone (jeweils geltende EUR-Währungszone)

Abb. 3: Entwicklung der Eigenkapitalrentabilität 2009-2019 von Kreditinstituten in Deutschland, Italien und der Eurozone

Abb. 4: Veränderung des absoluten Nettogeschäftsertrages und des Verhältnisses vom Geschäftsertrag zur Bilanzsumme von 2009 bis 2019

Abb. 5: Absolute Entwicklung des Nettozinsertrages und relative im Verhältnis zum operativen Gesamtertrag für Deutschland, Italien und die Eurozone im Zehn-Jahres-Vergleich ab 2009

Abb. 6: Absolutes Wachstum von Krediten an Non-Financial Corporations (NFC) und private Haushalte in Deutschland, Italien und der Eurozone von 2009 bis 2019

Abb. 7: Straffung bzw. Lockerung der Kreditvergabestandards für Kredite an Unternehmen bzw. Privatpersonen für Immobilienerwerb in Deutschland und Italien von 2010 bis 2019

Abb. 8: (Netto-)Erträge mit Gebühren und Provisionen und deren Anteil am Gesamtertrag in Deutschland, Italien und der Eurozone von 2009 bis 2019

Abb. 9: CIR in Deutschland, Italien und der Eurozone sowie Entwicklung des Gesamtaufwandes von 2009 bis 2019

Abb. 10: Gesamtanzahl aller Kreditinstitute in Italien sowie Deutschland und der Eurozone von 2009 bis 2019

Abb. 11: Geldvermögen deutscher, privater Haushalte 2009 - 2019

Abb. 12: Geldvermögen privater Haushalte in Italien 2009 bis 2019

1. Einleitung

Bereits vor der Corona-Krise wurde die Ertragskraft v.a. deutscher Kreditinstitute moniert. Der Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), Felix Hufeld, hält die Ertragslage für nicht zufriedenstellend und betont, die Kosten seien zu hoch. Anlässlich dieser Äußerung wird die Ertragslage europäischer Banken im Niedrigzinsumfeld untersucht. Dabei werden Ertragsdaten aller Institute der Eurozone unabhängig von der Größe mit den deutschen und italienischen von 2009 bis 2019 verglichen. Zuzüglich werden die Auswirkungen der Anpassung des Bankengeschäftes im Zuge des Niedrigzinsumfeldes auf die Verteilung des Geldvermögens privater Anleger in Deutschland und Italien untersucht. Diese Arbeit geht der Frage nach, wie Banken und Sparer auf das Niedrigzinsumfeld reagieren.1

Zuerst wird das Niedrigzinsumfeld erklärt, indem der Einfluss der Leitzinsen und Anleihekaufprogramme auf die Marktzinsen dargestellt wird. Danach wird auf die Bankenregulatorik eingegangen, um dessen Einfluss auf die Kapitalquoten nachvollziehen zu können. Als nächstes wird die Veränderung der Ertragslage europäischer Kreditinstitute im Rahmen des Niedrigzinsumfeldes beschrieben. Dazu werden die Profitabilitäts-, Ertrags- und Kostenentwicklung analysiert. Bei der Profitabilitätsentwicklung wird die Entwicklung des Return on Equity für die Kreditinstitute Deutschlands, Italiens und der Eurozone im Zeitraum von 2009 bis 2019 im Rahmen der Bankenregulatorik beschrieben. Bei der Ertragsentwicklung werden die Erträge aus dem Kreditgeschäft sowie die Erträge aus dem Geschäft mit Gebühren und Provisionen separat voneinander betrachtet. Die Erträge aus dem Kreditgeschäft werden anhand der Entwicklung des Nettozinsertrages und dessen Verhältnis zum Gesamtertrag analysiert, um Abhängigkeiten zum Kreditgeschäft zu erkennen. Darüber hinaus werden die Geschäftsvolumina der Kredite näher betrachtet, um einen Fokus auf Kundengruppen erkennen zu können. Anhand der Bank Lending Survey wird zuzüglich die Entwicklung der Kreditvergabestandards untersucht, um Risikotoleranzen der Institute festzustellen. Bei den Erträgen aus dem Geschäft mit Gebühren und Provisionen werden zunächst gebühr- bzw. provisionspflichtige Bankdienstleistungen beispielhaft genannt. Danach folgt eine Darstellung der Volumina der Erträge sowie deren Verhältnis zum Gesamtertrag. Die Kostenentwicklung wird im Einklang mit der Veränderung der Cost-Income Ratio für die Kreditinstitute beschrieben. Das Sparverhalten von privaten Haushalten in Deutschland und Italien wird anhand einer Asset Allocation des Geldvermögens beschrieben. Abschließend erfolgt im Fazit die Beantwortung der o.g. Frage mit einem Ausblick auf die künftige Entwicklung.

2. Niedrigzinsumfeld

2.1 Entwicklung der EZB Zinssätze seit 2008

Die Europäische Zentralbank (EZB)2 verfolgt das Ziel der Preisstabilität für das Eurosystem. Das bedeutet, eine Inflationsrate bzw. einen harmonisierten Verbraucherpreisindex von knapp unter 2% p.a. für die Eurozone zu erreichen. Die Inflation im Euroraum wird über die Offenmarktgeschäfte und die ständigen Fazilitäten beeinflusst, die die Geldmenge steuern.3

Zu den Offenmarktgeschäften gehören u.a. die Hauptrefinanzierungsgeschäfte, die auch als Haupttender bezeichnet werden. Der Haupttender wird im Auftrag der EZB über die nationalen Zentralbanken wöchentlich abgewickelt. Dabei wird eine von der EZB vorgegebene Menge an Liquidität in Form eines Standardtenders zugewiesen. Der Standardtender erfolgt in Form eines Mengentenders. Dabei gibt die EZB einen festen Zinssatz (Hauptrefinanzierungsfazilität) vor, zu dem Kredite von den Geschäftsbanken bei der EZB aufgenommen werden können. Die Geschäftsbanken geben im Anschluss Gebote ab, wie viel Liquidität sie zum vorgegebenen Zinssatz aufnehmen wollen. Sofern das Bietungsaufkommen größer ist als das von der EZB vorgegebene zuzuteilende Liquiditätsmaximum, werden die Gebote anteilig im Verhältnis des vorgesehenen Zuteilungsbetrages zum Gesamtbietungsaufkommen zugeteilt.4

Die Einlagenfazilität ist das wichtigste Instrument der ständigen Fazilitäten. Mit dieser Fazilität können Kreditinstitute überschüssige Liquidität über Nacht bei ihrer nationalen Zentralbank festverzinslich anlegen. Die Einlagenfazilität bildet die Untergrenze des Tagesgeldzinssatzes. Seit Okt. 2019 gilt für alle Kreditinstitute, die eine Mindestreserve bei der EZB vorhalten müssen, das Zweisäulensystem bei der Einlagenfazilität. Diese betrifft die Überschussliquidität der Kreditinstitute. Dabei wird in der ersten Säule ein Teil der Überschussreserve von der Einlagenfazilität befreit und stattdessen zu 0% p.a. verzinst. Dieser Teil ermittelt sich aus der erforderlichen Mindestreserve des jeweiligen Kreditinstituts multipliziert mit einem festen Faktor, den die EZB allen Kreditinstituten gleich vorgibt. Dieser Faktor gleicht somit auch einem Instrument zur Beeinflussung der Geldmenge im Eurosystem. In der zweiten Säule wird die restliche Überschussliquidität in Höhe der Einlagenfazilität verzinst.5

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: EZB-Zinssätze und Inflation im Euroraum seit 2008 (x-Achse Jahre, y-Achse in % p.a.) Quelle: Eigene Darstellung nach ECB (Hrsg.) (2019b), Key ECB interest rates; ebenda (2020), Inflation rate (HCIP).

Abbildung 1 zeigt die Entwicklung der Leitzinsen und der Inflation im Euroraum. Zu Beginn des Jahres 2008 war die Inflation im Euroraum bei über 3% p.a.. Der Hauptrefinanzierungssatz betrug im Jahr 2008 ca. 4% p.a., was die Versorgung mit Zentralbankliquidität für Kreditinstitute verteuerte. Die Hinterlegung von Liquidität auf dem Zentralbankkonto wurde im Jahr 2008 seitens der EZB mit einem Zinssatz von ca. 3% p.a. angeregt. Im Jahr 2008 war die Geldpolitik der EZB restriktiv geprägt.

Die Insolvenz der Lehman Brothers Holdings Inc. am 15.09.2008 gilt als Beginn der globalen Wirtschaftskrise. Diese initiierte die expansive Geldpolitik der EZB ab 2009 und damit das Niedrigzinsumfeld. In Abb. 1 ist im Jahr 2009 ein starker Abfall der Leitzinsen zu erkennen, der sich bis in das Jahr 2020 fortsetzt. Die Einlagenfazilität beträgt seit Sep. 2019 -0,5% p.a. und der Hauptrefinanzierungssatz ist seit Mrz. 2016 bei 0% p.a. Die Leitzinsen sollen bis zum Erreichen der angestrebten Inflation nicht angehoben werden.6

In Abb. 1 ist zu erkennen, dass sich die Inflation der Eurozone ab Ende 2016 2% p.a. annähert. Dieser Trend kehrt sich jedoch Ende 2018 um. Anfang 2020 beträgt die Inflation 0,1% p.a. Somit ist evident, dass die Leitzinspolitik der EZB allein nicht ausreicht, um die Inflation zu erhöhen. Das Instrument der Anleihekaufprogramme gewinnt bei anhaltend niedrigen Leitzinsen und gleichzeitig geringer Inflation mehr an Bedeutung7.

2.2 Anleihekaufprogramme der EZB

Mitte 2014 initiierte die EZB, die expansive Haltung unterstützend, das Asset Purchase Programme (APP). Das Public Sector Purchase Programme (PSPP) hat im Jun. 2020 ca. 73% des gesamten Umfangs der APP ausmacht, weswegen nur darauf näher eingegangen wird.8

Seit März 2015 kauft die EZB im Zuge dieses Programmes auf Euro lautende Staatsanleihen der EU-Staaten mit dem Rating Investment Grade. Die EZB erwirbt diese Anleihen am Sekundärmarkt von Geschäftsbanken. Demzufolge nimmt der Geldbestand dieser Kreditinstitute zu und die Möglichkeit, Kredite zu vergeben, wird somit bestärkt.9

Am 12.09.2019 wurde eine Neuauflage des APP beschlossen, wonach seit Nov. 2019 monatlich in Höhe eines Volumens von 20 Mrd. EUR Wertpapiere gekauft werden. Dies soll durchgeführt werden, bis das erwähnte Inflationsziel erreicht wird. Die Zinserträge aus den gekauften Anleihen werden im Rahmen des APP reinvestiert. Der EZB-Rat hat zusätzlich im Mrz. 2020 das Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) initiiert. Dabei werden sämtliche Programme, die das APP umfasst, um insgesamt 600 Mrd. EUR erweitert. Das PEPP wurde am 04.06.2020 auf insgesamt 1.350 Mrd. EUR aufgestockt, um den wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie entgegenzuwirken. Das Programm soll mindestens bis Jun. 2021 laufen.10

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Rendite zehnjähriger, staatlicher Schuldverschreibungen im Zeitraum Jan. 2009 – Jun. 2020 in Deutschland, Italien und der Eurozone (x-Achse in Jahren, y-Achse % p.a.) Quelle: Eigene Darstellung nach ECB (Hrsg.) (2020c), Interest rate statistics.

Abb. 2 zeigt von der Finanzkrise 2009 bis zur anschließenden Staatsschuldenkrise 2011/12 für Italien einen Anstieg der Rendite auf. Im Jahr 2012 erreicht die Rendite einer neu ausgegebenen Staatsanleihe einen Höhepunkt von 6,81% p.a. Die Rendite nahm zu, da sich der italienische Staat immer stärker verschuldet hatte. Die Staatsverschuldung in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg von 2008 bis 2012 um ca. 20% auf etwa 126%, was die höchste Staatsverschuldung seit Eintritt in die Eurozone bis dato war.11

Im Gegensatz dazu ist zu sehen, dass die Rendite deutscher Bundesanleihen bis 2011 stagniert und danach abfällt. Im Jahr 2012 beträgt die durchschnittliche Verzinsung zehnjähriger Bundesanleihen 1,85% p.a. Die positive Entwicklung ist darauf zurückzuführen, dass Deutschland die Finanzkrise besser bewältigt hat als Italien und dementsprechend in keine Staatsschuldenkrise geglitten ist. Die Staatsverschuldung in Relation zum BIP betrug 2008 ca. 66% und im Jahr 2012 81%.12

In Abb. 2 ist nach dem Krisenjahr 2012 zu erkennen, dass sämtliche Renditen langsam sinken. Ab dem Jahr 2014 ist ein beschleunigter Verfall der Renditen zu verzeichnen, was mit der Ankündigung des APP zusammenhängt. Der Verfall der Renditen setzt sich für Deutschland und die Eurozone ungebremst fort und beschleunigt sich noch einmal 2019 mit der Aufstockung des APP. Für Italien ist ein Anstieg der Rendite zu verzeichnen, der mit gestiegenen Staatschulden und ab Ende 2019 mit der Corona-Krise zusammenhängt.

3. Bankenregulatorik

Im Zuge der Finanzkrise 2009 und der anschließenden Staatschuldenkrise wurden die regulatorischen Rahmenbedingungen für Banken überarbeitet – das Ergebnis war Basel III, das die regulatorischen Mängel der Vorgänger korrigierte.13 Im Folgenden wird auf die EU-Regelungen Capital Requirement Directive IV (CRD IV) und die Capital Requirement Regulation (CRR) eingegangen, die die Basel III Regulatorik beinhalten.

CRD IV muss per Gesetz in nationales Recht überführt werden. Durch CRR müssen sämtliche bestehende nationalen Gesetze, die mit der Regulierung konkurrieren bzw. der Verordnung entgegenstehen bereinigt werden.14

Artikel 73 CRD IV verpflichtet die Kreditinstitute, die Verteilung des internen Kapitals zur quantitativen und qualitativen Absicherung aktueller und künftiger Risiken ständig zu prüfen und auf einem ausreichend hohen Stand halten zu können.

Nach CRR bedeutet dies eine harte Kernkapitalquote von 4,5% (ausgedrückt als Prozentsatz des Gesamtforderungsbetrages15 ) und eine zusätzliche Kernkapitalquote von 1,5%. Zusammen ergibt das eine Kernkapitalquote von 6% für jedes Kreditinstitut. Darüber hinaus gilt eine Quote von 2% als Ergänzungskapital, was zusammen mit der Kernkapitalquote die Gesamtkapitalquote von 8% ausmacht.16

Die Gesamtkapitalquote wird seit 2019 um einen Kapitalerhaltungspuffer von 2,5% des Gesamtrisikobetrags aus hartem Kernkapital ergänzt. Zusätzlich gilt ein institusspezifischer antizyklischer Kapitalpuffer aus hartem Kernkapital. Weiterhin müssen die nationalen Aufsichtsbehörden die systemrelevanten Kreditinstitute ermitteln. Dafür sind die Größe der Gruppe, Verflechtung mit dem Finanzsystem, Ersetzbarkeit der erbrachten Dienstleistung/ zur Verfügung gestellten Finanzinfrastruktur, Komplexität der Gruppe sowie grenzüberschreitende Tätigkeit der Gruppe ausschlaggebend. Die ermittelten systemrelevanten Kreditinstitute sind verpflichtet, einen Systemrisikopuffer von etwa 2% des Gesamtrisikobetrages vorzuhalten, der ebenfalls aus hartem Kernkapital besteht.17

Das harte Kernkapital sind sämtliche Kapitalinstrumente, die direkt begeben und effektiv eingezahlt wurden. Sie werden als Eigenkapital bilanziert und sind in der Bilanz des Jahresabschlusses eindeutig und gesondert offengelegt. Die Kapitalinstrumente sind zeitlich unbefristet im Kreditinstitut. Sie dürfen nur verringert werden, sofern das Institut liquidiert wird. Im Falle einer Liquidation müssen diese Instrumente als nachrangig gegenüber allen anderen Ansprüchen gelten. Beispiele für hartes Kernkapital sind einbehaltene Gewinne, sofern sie dem Institut uneingeschränkt und unmittelbar zur sofortigen Deckung von Risiken zur Verfügung stehen.18

4. Entwicklung der Ertragslage europäischer Kreditinstitute

4.1 Profitabilitätsentwicklung

Die wichtigste Kennzahl zur Bestimmung der Profitabilität eines Unternehmens ist das Return on Equity (ROE). ROE wird auch als Eigenkapitalrentabilität bezeichnet. Als Eigenkapital werden sämtliche einem Unternehmen unbefristet zur Verfügung gestellten Mittel bezeichnet, die unbeschränkt haften. Eigenkapital liegt nicht nur in ausschließlich monetärer Form vor. Eigenkapital ist z.B. das Geld, das Banken von Aktionären erhalten. Die Eigenkapitalrentabilität ist die durchschnittliche Verzinsung des Eigenkapitals. Die Eigenkapitalrentabilität in % p.a. ergibt sich aus dem Jahresüberschuss geteilt durch das Eigenkapital multipliziert mit 100. Der Jahresüberschuss ist die Differenz aller Erträge und Aufwendungen einer Rechnungsperiode.19

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Entwicklung der Eigenkapitalrentabilität 2009-2019 von Kreditinstituten in Deutschland, der Eurozone (linke y-Achse) und Italien (rechte y-Achse) (x-Achse in Jahren, y-Achse in % p.a.) Quelle: Eigene Darstellung nach ECB (Hrsg.) (2020d), Return on equity.

In Abb. 3 ist zu erkennen, dass sich nach dem Krisenjahr 2009 das ROE für deutsche Kreditinstitute erholt und bis 2017 etwa auf dem gleichen Stand von ca. 2,3% p.a. bleibt. Nach 2017 kehrt sich der Trend um und das ROE sinkt Ende 2019 auf 1,73% p.a. In diesem Zeitraum ist bei deutschen Kreditinstituten ein starker Abfall der Total Assets zu beobachten. 2009 hielten deutsche Institute etwa 7.767 Mrd. EUR an Aktiva, wohingegen es 2019 ca. 6.000 Mrd. EUR waren. Zugleich hat sich das Eigenkapital (EK) erhöht von 2009 325 Mrd. EUR auf 2019 knapp 507 Mrd. EUR. Somit hat sich die Eigenkapitalquote von 2009 bis 2019 von 4,18% auf 8,4% erhöht. Die über die Jahre gestiegene Eigenkapitalquote sorgt dafür, dass die Eigenkapitalrentabilität über die Jahre sinkt, da die Jahresüberschüsse nicht im selben Maß wachsen wie das Eigenkapital.20

Insgesamt ist die Profitabilität deutscher Kreditinstitute verglichen mit der Eurozone unterdurchschnittlich, obwohl diese verhältnismäßig von einem gesteigerten Leverage-Effekt durch eine höhere Fremdkapitalquote profitieren. Es fällt allerdings auf, dass deutsche Kreditinstitute krisenfester sind als andere Kreditinstitute innerhalb des Eurowährungsgebietes, da in der Staatsschuldenkrise ab 2010 kein Einbruch der Profitabilität zu erkennen ist.

Die italienischen Kreditinstitute haben im Jahr 2009 einen ROE von 3,7% p.a. Sie waren erst später von der Finanzkrise und der anschließenden Staatschuldenkrise betroffen. Die Eigenkapitalrentabilität gleitet bis 2013 auf -12,79% p.a., was bedeutet, dass italienische Banken auf 100 EUR EK durchschnittlich 12,79 EUR Verlust haben. Insgesamt erholt sich der italienischen Bankensektor erst 2017 mit einem ROE von ca. 7% p.a. Es ist allerdings bis 2019 eine fallende Tendenz zu beobachten. Der ROE betrug 2019 ca. 5% p.a. Die Total Assets betrugen 2009 etwa 2.475 Mrd. EUR und stiegen bis 2019 leicht auf 2.679 Mrd. EUR. Das EK stieg ebenfalls an von 2009 200 Mrd. EUR auf 2019 206 Mrd. EUR. Die Eigenkapitalquote lag in diesem Zeitraum bei durchschnittlich 7,44%.21

Insgesamt ist in der gesamten Eurozone ein starker Anstieg der EK-Quote zu beobachten. Während 2009 ein durchschnittliches Kreditinstitut der Eurozone eine Eigenkapitalquote von 5,1% vorweist, macht das Eigenkapital 2019 7,21% der Bilanzsumme aus. Grund dafür sind die gestiegenen Eigenkapitalanforderungen nach CRR und CRD IV und ein Abbau der Total Assets. Trotz der bis 2016 unterdurchschnittlichen EK-Quote deutscher Kreditinstitute sind diese krisenfester als italienische Kreditinstitute, die bis 2017 eine höhere EK-Quote vorweisen. Dieser Umstand ist ein Indiz dafür, dass italienische Kreditinstitute mehr Risiken eingehen und höhere Risikokosten in Form von Eigenkapital haben. Dadurch weisen diese Institute zwar eine höhere Eigenkapitalrentabilität auf, sind aber dafür in Krisen stärker betroffen.22

4.2 Ertragsentwicklung

Im Folgenden wird ein Überblick über die Ertragsentwicklung der deutschen und italienischen Kreditinstitute gegeben. Dabei wird der Bankensektor der gesamten Eurozone vergleichsweise hinzugezogen. In den Unterkapiteln wird auf die einzelnen Bestandteile des Geschäftsertrages näher eingegangen.23

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Veränderung des absoluten Nettogeschäftsertrages (rechte y-Achse in Mio. EUR) und des Verhältnisses vom Geschäftsertrag zur Bilanzsumme (linke y-Achse in % der Total Assets) von 2009 bis 2019 (x-Achse) Quelle: Eigene Darstellung nach ECB (2020f), Net operating income.

Abb. 4 zeigt, dass die Relation des operativen Ertrages zur Bilanzsumme in der Eurozone etwa gleich bleibt, aber die Erträge sinken von 561 Mrd. EUR 2009 auf 542 Mrd. in 2019.24

In Italien ist der absolute Nettogeschäftsertrag gesunken von 2009 76 Mrd. EUR auf etwa 70 Mrd. EUR in 2019. Demnach sinkt das Verhältnis vom Geschäftsertrag zur Bilanzsumme. Dies wird durch den bereits erwähnten Anstieg der Total Assets beschleunigt wird.

Bei deutschen Kreditinstituten fällt der Rückgang des operativen Gesamtertrages stärker aus. 2009 wurde im deutschen Bankensektor netto ein Geschäftsertrag von ca. 123 Mrd. EUR erzielt. 2019 konnten 114 Mrd. EUR erwirtschaftet werden, was einem Abfall von 7,3% gleichkommt. Das Verhältnis von Geschäftsertrag zu Bilanzsumme ist leicht gestiegen von 2019 1,59% auf 2019 1,89%. Der Anstieg hängt mit dem starken Abfall der Total Assets zusammen.

4.2.1 Erträge aus dem Kreditgeschäft

Zur Beurteilung der Entwicklung der Erträge aus dem Kreditgeschäft wird der Nettozinsertrag hinzugezogen. Diese Kennzahl gibt Auskunft über die Profitabilität im Kreditgeschäft. Der Nettozinsertrag ergibt sich aus dem Zinsertrag abzüglich Zinsaufwand.25

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Absolute Entwicklung des Nettozinsertrages (rechte y-Achse in Mio. EUR) und relative im Verhältnis zum operativen Gesamtertrag (linke y-Achse in %) für Deutschland, Italien und die Eurozone von 2009-2019 Quelle: Eigene Darstellung nach ECB (Hrsg.) (2020g), Net interest income.

In Abb. 5 ist zu erkennen, dass der Nettozinsertrag für die gesamte Eurozone zurückgeht. 2009 betrug dieser 344 Mrd. EUR, während 2019 ca. 319 Mrd. EUR netto im Kreditgeschäft erwirtschaftet wurden.

Die expansive Geldpolitik der EZB ist die Hauptursache der gesunkenen Nettozinserträge. Die Leitzinssenkungen verstärkten auf dem Geldmarkt eine günstigere kurzfristige Eindeckung mit Liquidität zwischen Banken. Die Anleihekaufprogramme der EZB haben diesen Trend zusätzlich auf langfristige Finanzierungen ausgedehnt. Somit ist der Zinsaufwand in der Eurozone von 2009 bis 2019 um durchschnittlich 70% auf 1,13% der Bilanzsumme gesunken. Die Leitzinssenkungen und Anleihekaufprogramme haben die Verzinsung von Krediten an Haushalte und Unternehmen gedämpft. Ein neu abgeschlossener Unternehmenskredit bei einem Kreditinstitut der Eurozone mit einer Laufzeit von bis zu einem Jahr und einem Volumen von bis zu 1 Mio. EUR war im Jan. 2009 mit durchschnittlich 4,73% p.a. verzinst. Während im Mai 2020 ein Kredit mit den gleichen Konditionen eine Verzinsung von durchschnittlich 1,42% p.a. vorweist. Ein Konsumkredit eines privaten Haushaltes mit einer Laufzeit von bis zu einem Jahr war im Jan. 2009 mit 8,61% p.a. verzinst. Im Mai 2020 wäre derselbe Kredit mit 4,22% p.a. verzinst worden.26

Der Zinsaufwand wird in der nächsten Zeit nicht wesentlich weiter sinken. Die Verzinsung von Sichteinlagen für Unternehmen der Eurozone ist von Jan. 2009 bis Mai 2020 von 2,25% p.a. auf -0,13% p.a. gefallen. Das Sichtguthaben von privaten Haushalten in der Eurozone wurde Jan. 2009 mit 2,96% p.a. verzinst, was allerdings bis Mai 2020 auf 0,35% p.a. gefallen ist. Der Rückgang der Verzinsung für beide Kundensegmente hat seit ca. 2016 an Geschwindigkeit verloren. Im Corporate Banking sind Banken dazu übergegangen, negative Zinsen einzuführen, aber bei privaten Haushalten wird noch gezögert aus Angst, Kunden an Direktbanken zu verlieren, die wegen des fehlenden Filialnetzes eine günstigere Kostenstruktur vorweisen und damit tendenziell höhere Zinsen an ihren Kundenstamm weitergeben können.27

[...]


1 Vgl. Osman / Kröner (2020), Bafin-Präsident: „Nicht alle haben den Schuss gehört“.

2 Über die Spitzenrefinanzierungsfazilität der ständigen Fazilitäten können sich Kreditinstitute Übernachtliquidität bei der EZB beschaffen. Auf diese wird nicht näher eingegangen. Diese beträgt derzeit 0,25 % p.a.

3 Vgl. Int-Veen u.a. (2018), S.42; Mallien / Blume (2019): EZB-Chef Draghi erwägt neue Konjunktur-Impulse – Trump zetert; Albers / Albers-Wodsak (2015), S. 314.

4 Vgl. Albers / Albers-Wodsak (2015), S. 315-318.

5 Vgl. ECB (Hrsg.) (2019a), ECB introduces two-tier system for remunerating excess liquidity holdings; Deutsche Bundesbank (Hrsg.) (2017), S. 205f.

6 Vgl. Deutsche Bundesbank (Hrsg.) (2017), S.107-109; Lagarde (2020), Press Conference.

7 Vgl. Deutsche Bundesbank (Hrsg.) (2017), 214f.

8 Vgl. ECB (Hrsg.) (2020a), Asset purchase programmes; Deutsche Bundesbank (Hrsg.) (2017), S.216.

9 Vgl. ECB (Hrsg.) (2020a), Asset purchase programmes.

10 Vgl. Draghi (2019), Press Conference 12 September 2019; EZB (Hrsg.) (2020b), Pandemic emergency purchase programme (PEPP).

11 Vgl. IMF (Hrsg.) (2020), Gross debt position.

12 Vgl. IMF (Hrsg.) (2020), Gross debt position.

13 Es wird nicht auf die Vorgänger Basel I und II eingegangen. Darüber hinaus werden nur regulatorische Aspekte aufgegriffen, die relevant sind für die Risikokosten bzw. Eigenmittelhinterlegung von Kreditinstituten.

14 Vgl. BaFin (Hrsg.) (2013), Nationale Umsetzung.

15 Die Berechnung des Gesamtforderungsbetrages ist in Artikel 92 Abs. 3 a-f CRR geregelt.

16 Vgl. Artikel 92 Abs. 1 a-c CRR.

17 Vgl. Artikel 129 Abs. 1 CRD IV; Artikel 130 Abs. 1 CRD IV; Artikel 131 Abs. 1 CRD IV; Artikel 131 Abs. 2a-e CRD IV.

18 Vgl. Artikel 26 Abs. 1 a-f CRR; Artikel 28 Abs. 1 CRR.

19 Vgl. Weber u.a. (2018), S. 471; ebenda, S. 282.

20 Vgl. ECB (Hrsg.) (2020e), Total Assets; ebenda, Total Equity.

21 Vgl. ebenda.

22 Vgl. ECB (Hrsg.) (2020e), Total Assets; ebenda, Total Equity.

23 Auf die Erträge aus dem Wertpapierhandelsgeschäft wird wegen des geringen Anteils am Gesamtertrag nicht eingegangen. (siehe Dateianhang)

24 Vgl. ECB (Hrsg.) (2020o), Total operating income.

25 Vgl. ECB (Hrsg.) (2017), CBD Annual – Profitability and efficiency.

26 Vgl. ECB (Hrsg.) (2020h), Euro area (changing composition), Up to 1 year, Up to and including EUR 1 million; ebenda (2020i), Euro area (changing composition), Loans for consumption.

27 Vgl. ECB (Hrsg.) (2020j), Deposits redeemable at notice; ebenda (2020k), Deposits with agreed maturity.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Ertragslage europäischer Kreditinstitute im Niedrigzinsumfeld. Reaktion der Banken und Sparer in Deutschland und Italien
Hochschule
Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
41
Katalognummer
V979758
ISBN (eBook)
9783346332387
ISBN (Buch)
9783346332394
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ertragslage, Niedrigzinsumfeld, EZB, Deutschland, Italien, Banken, Sparer, Asset Allocation, Kredite, Zinspolitik, Provisionsgeschäft, Bankenregulatorik, CRR, CRD, Anleihekaufprogramm EZB, Kreditinstitute
Arbeit zitieren
David Jonathan Hoppmann (Autor:in), 2020, Ertragslage europäischer Kreditinstitute im Niedrigzinsumfeld. Reaktion der Banken und Sparer in Deutschland und Italien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/979758

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