Ernst Cassierer: Versuch über den Menschen. Einführung in eine Philosophie der Kultur


Seminararbeit, 2000

11 Seiten


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Inhalt:

ZUR PERSON ERNST CASSIRERS

VON DER TIERISCHEN „REAKTION“ ZUR MENSCHLICHEN „ANTWORT“

SPRACHE UND INTERAKTION

LITERATUR

Zur Person Ernst Cassirers

Ernst Cassirer, am 28. Juli 1874 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Breslau geboren, studiert zunächst in Berlin Rechtswissenschaft, um dann jedoch an verschiedenen deutschen Universitäten das Studium der deutschen Literatur und Philosophie aufzunehmen. Ab 1896 wird er in Marburg zur Schule des Neukantismus gezählt, die als Reaktion auf das Ende des Idealismus eine auf den Naturwissenschaften basierende erkenntnistheoretische Philosophie pflegt. Geprägt und geleitet wurde er von seinem Mentor und späteren Freund Hermann Cohen, dessen Schriften über Kant ihn dazu provoziert hatten, sein Jurastudium abzubrechen. Im Zuge seiner Studien kritisiert und erweitert er die neukantianische „Kritik der Vernunft“ um eine „Kritik der Kultur“ mit der Begründung, daß die Naturwissenschaften für sich nicht in der Lage sind, die Wirklichkeit in ihrer Gänze zu erschliessen.

Cassirer promoviert 1899 über Descartes.

Von 1902 bis 1919 ist Cassirer als Privatdozent in Berlin tätig, wo er nicht nur seinen Ruf als führender Erkenntnistheoretiker festigt, sondern bereits schon erste Schriften zur kulturellen Moderne verfasst und veröffentlicht. 1906 habilitiert er mit der Studie „Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit", und 1910 veröffentlicht er das erkenntnis- theoretische Programm seines Lebenswerks, das Werk „Substanzbegriff und Funktionsbegriff“.

Von 1919 bis 1933 ist er als Professor für Philosophie an der neu gegründeten Universität in Hamburg beschäftigt und arbeitet in dieser Zeit an seinem dreibändigen kulturphilosophischen Hauptwerk „Philosophie der symbolischen Formen“. Hierin erweitert Cassirer seine erkenntnis- theoretische Methode von der Philosophie auf alle Bereiche, in denen sich der Geist „symbo- lisch“ darstellt, z.B. in der Schrift „Sprache und Mythos“ von 1925. Damit erweitert er die kanti- sche Kategorienlehre um weitere Kategoriensysteme, unter anderem um „Kunst“ und „Ge- schichte“.

1929 wird er zum ersten jüdischen Rektor einer deutschen Universität ernannt, obwohl ihm seine Frau von der Annahme des Amtes abrät. Im selben Jahr trifft Cassirer im Zuge der 2. Davoser Hochschulkurse auf Martin Heidegger. Diese Konfrontation hat sowohl bei ihm selbst als auch bei seinen Schülern einen tiefen Eindruck hinterlassen.

Hans-Georg Gadamer, einer seiner Hamburger Studenten dazu:

„Diese Konfrontation war natürlich vom äußeren Spektakel her gesehen grotesk. Dieser Welt- mann und dieser Bauernbub. Heidegger linkisch, schüchtern und dann, wie alle schüchternen Menschen, ein bißchen massiv. Wenn sie sich dann durchsetzen müssen, dann übertreiben sie es gleich. Cassirer hat sicherlich sehr leise Kritik geübt. Und ich kann mir denken, daß Heidegger wie Jupiter selber gedonnert hat.“1

Sein Kommilitone Raymond Klibansky sagt zu den philosophischen Differenzen zwischen bei- den:

„Diese Unsicherheit und der Zweifel an der Vernunft. Für Heidegger war es immer das Untergründige, der Mensch in seiner Angst. Cassirer leugnete nicht, daß es das alles gab. Aber das Ziel der Philosophie war die Erkenntnis und die Harmonie.“2

1933, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, leidet Cassirer, ein überzeugter Demo- krat und Verfechter der Weimarer Republik, unter Repressalien gegen ihn und seine Familie und emigriert nach England. Bis 1934 übt er eine Tätigkeit als Gastprofessor am All Souls Col- lege in Oxford aus, bevor er 1935 nach Göteborg übersiedelt und den dortigen Lehrstuhl für Philosophie übernimmt. 1939 nimmt er die schwedische Staatsbürgerschaft an, verlässt das Land allerdings schon 1941 wieder, geht in die USA und arbeitet als Gastprofessor an der Yale University in New Haven.

Ab 1944 erhält er eine ordentliche Professur an der Columbia University in New York. In dieser Phase entdeckt er sein Interesse für die Anthropologie. Dies findet Ausdruck in dem Werk „An Essay on Man“, womit er seine schon umfassende Symboltheorie der menschlichen Kultur um eine anthropologische Basis erweitert und abrundet.

Am 13. April 1945 stirbt Ernst Cassirer in New York. Posthum werden 1946 seine sozialphilosophischen Reflexionen über den Nationalsozialismus, „The Myth of State“, veröffentlicht.

Von der tierischen „Reaktion“ zur menschlichen „Antwort“

Der Mensch ist ein „animal symbolicus“. Dieser von Cassirer benutzte Ausdruck hat zweierlei Inhalt: erstens ist der Mensch durchaus Teil des Tierreichs und in keiner grundlegenden Weise von diesem abgehoben, und zweitens ist das hervorstechende Merkmal des Menschen seine symbolische Form des Denkens und des Verhaltens, das in der Sprache seinen Ausdruck findet und die Grundlage der menschlichen Kultur bildet.

Die Grundfrage, der Cassirer sich stellt, unterscheidet sich von derjenigen anderer philosophi- scher und metaphysischer Theorien insofern, daß er sich darauf beschränkt, einen Vergleich der Haltung von Mensch und Tier zum Symbol an sich und der Anwendung desselben zu zie- hen und die Besonderheiten des menschlichen symbolischen Verhaltens zu beschreiben.

Symbolische Prozesse lassen sich auch im Tierreich in vielfältiger Form finden. Die "repräsen- tativen Reize"3 aus den Experimenten Pawlows, in denen durch Dressur und Gewöhnung ein bestimmter Reiz durch einen anderen ersetzt wird, sind dafür ein hervorstechendes Beispiel. Auch bei den Menschenaffen ist Ähnliches zu beobachten, zum Beispiel, wenn sie auf Zeichen genauso reagieren wie auf reelle Belohnungen. Robert M. Yerkes zieht daraus den Schluß, daß es sich in diesen Fällen um Vorläufer der symbolischen Prozesse beim Menschen handelt.

Cassirer benutzt als Ausgangspunkt seiner Betrachtungen diejenige Form der Kommunikation, in der sich symbolisches Verhalten und symbolisches Denken am ehesten manifestiert, die Sprache.

Jegliche Form der Kommunikation, und zwar sowohl die menschliche Sprache im engeren Sin- ne als auch die tierischen Ausdrucksmöglichkeiten, haben als wesentlichen Bestandteil eine "Sprache der Emotionen"4. In diesem Bereich finden sich vielfältige Analogien zwischen Mensch und Tier. Die zweite, darauf aufbauende Schicht ist jedoch nur dem Menschen eigen- tümlich und besteht nicht in einem Gefühlsausdruck, sondern in einer mehr oder weniger logi- schen Aussage mit einer syntaktischen Struktur. "Mehr oder weniger" deshalb, weil in kaum einem Fall die Verbindung zu der ersten, emotionalen Sprachschicht gänzlich verloren ist. In dieser zweiten Schicht, die Cassirer "propositionale (aussagende) Sprache" nennt, findet sich das Element, das für die menschliche Form des Sprachgebrauchs kennzeichnend ist: es wer- den Symbole benutzt, die eine objektive Bedeutung haben, die einen Teil der objektiv wahr- nehmbaren und subjektiv erlebbaren Wirklichkeit mit einer Bezeichnung versehen. An dieser Unterscheidung zwischen "emotionaler Sprache" und "propositionaler Sprache" siedelt Cassirer die Grenze zwischen Mensch und Tier an. Auch ist seiner Meinung nach mit diesem Schritt erst die Möglichkeit gegeben, eine Kultur im menschlichen Sinne zu entwickeln, ein Schritt, den kein Tier jemals auch nur ansatzweise getan hat.

Die Zeichenprozesse, die zum Beispiel beim Schimpansen vorkommen, sind mit dem menschlichen symbolischen Sprachgebrauch nicht zu vergleichen. Die Unterscheidung zwischen den Begriffen "Zeichen" und "Symbol" ist hier für Cassirer besonders wichtig, um überhaupt einen definitorischen Zugang zu dem Problem zu bekommen. Der Unterschied zwischen den tieri- schen Zeichen- und Signalprozessen und der typisch menschlichen Symbolik liegt darin, daß ein Zeichen immer einen physischen, konkreten Hintergrund hat - es steht für etwas Greifbares. Im Fall des Pawlowschen Hundes ist zum Beispiel die Glocke zu einem Zeichen für "Fressen" geworden. Im Gegensatz dazu hat das menschliche Symbol diesen Zusammenhang nicht mehr, es hat einen bloßen Funktionswert und kann damit eine reale oder auch irreale Situation durch einen gedachten Bedeutungszusammenhang ersetzen.

Mit dieser Unterscheidung ergibt sich auch eine neue Perspektive in Hinblick auf die Frage nach einer Definition von "Intelligenz". Auch höhere Tiere haben die Fähigkeit, nicht nur mechanisch und rein reaktional, sondern auch durch Versuch und Irrtum, also Lernen und Einsicht, Probleme zu lösen. Dies kommt dem allgemeinen Verständnis von Intelligenz schon recht nahe. Tiere können über Umwege zu adäquaten Reaktionen auf bestimmte Situationen kommen, sie sind in der Lage, sich an ihre unmittelbare Umgebung anzupassen und ebenso diese ihre Umwelt zu verändern. Man kann also sagen, daß das Tier über eine praktische, konstruktive Intelligenz verfügt, während allerdings der Mensch eine andere, weitreichendere Form entwickelt hat: eine symbolische Phantasie und symbolische Intelligenz.

Um diesen expliziten Unterschied deutlich zu machen, bringt Cassirer das Beispiel der beiden blind und taubstumm geborenen Mädchen Laura Bridgman und Helen Keller, die beide mit Hilfe besonderer Methoden sprechen lernten. Da ihnen die "normale" Form der Sprache verständli- cherweise nicht zugänglich war, erlernten sie eine taktile Form der Sprache, bei der ihnen ein- zelne Buchstaben in die Handflächen "getippt" wurden. Die Lehrer dieser Kinder beschreiben den Moment des "Erwachens des Geistes" als denjenigen, in dem sie entdecken, daß alle Din- ge Namen haben und daß man selbst als denkendes Wesen alle Dinge und nicht nur diese, sondern ebenso abstrakte Ideen und Vorstellungen mit Namen, also mit Symbolen versehen kann. In der vorherigen Phase waren ganz bestimmten konkreten, in ihrem Fall nur taktilen Ein- drücken bestimmte Zeichen ihres Fingeralphabets zugeordnet. In dem Augenblick, in dem sie entdecken, daß sich "die Symbolfunktion nicht auf bestimmte Fälle beschränkt, sondern ein universell anwendbares Prinzip ist und das gesamte Feld menschlichen Denkens umspannt"5, wird Sprache plötzlich zu einem, zu dem umfassenden Denkinstrument, das dem Kind eine ganz neue Möglichkeit eröffnet, die Welt zu begreifen. Dieses Beispiel zeigt eindringlich, daß die menschliche Art, die Welt zu begreifen und zu beschreiben, offensichtlich nicht von der Funktion bestimmter Sinne abhängig ist.

Bei Laura Bridgman war zudem noch eine andere Entwicklung zu beobachten: Bevor sie lernte, sich universell auszudrücken, hatte sie eine "Privatsprache" entwickelt, wie auch Kleinkinder sie gelegentlich zeigen. Lauras Sprache bestand aus Geräuschen, die einzelnen Personen zuge- ordnet waren und die sie auch nur in Anwesenheit dieser Personen von sich gab. Als sie die Bedeutung der Symbole begriffen hatte, wurden aus diesen Geräuschen wirkliche Namen, die bei Bedarf veränderbar und anpaßbar waren. So war für sie zum Beispiel nachvollziehbar, daß ihre Lehrerin nach ihrer Heirat einen anderen Namen hatte und dennoch dieselbe Person war.

Als weiteres Beispiel dafür, wie essentiell die Sprache für den Geist und sogar den Charakter eines Menschen ist, ist der Fall eines Menschen, der aufgrund eines Unfalls Schädigungen am Hirn, besonders am Sprachzentrum erlitten hat. Es kann sein, daß man einem solchen Menschen seine Schädigung im Alltag gar nicht anmerkt, zumindest nicht, solange es sich um die Bewältigung von konkreten Situationen handelt. Sobald allerdings ein Problem ein bestimmtes theoretisches oder abstraktes Verständnis voraussetzt, zeigt sich, daß er diesem nicht mehr gewachsen ist - allgemeine Begriffe haben keinerlei Sinn mehr für ihn.

An diesen Beispielen werden die verschiedenen Merkmale der menschlichen Symbolik deutlich. Zum Einen ist diese Sprache universell anwendbar - sie kann jedes und alles nur Denkbare bezeichnen.

Zum Zweiten ist sie aber auch sehr variabel. Ein Symbol oder Signal, wie es in der tierischen Kommunikation vorkommt, ist immer mit dem Ding, auf das es sich bezieht, fest und eindeutig verbunden. Als Beispiel kann auch hier wieder die Glocke in den Pawlowschen Experimenten dienen. Nur diese Glocke steht für "Fressen", und mit dieser Glocke wird auch nichts anderes als "Fressen" assoziiert. Für das menschliche Symbol ist dagegen kennzeichnend, daß es ver- änderlich und austauschbar ist - ein Ding oder ein Gedanke kann mit vielen verschiedenen Ausdrücken bezeichnet werden, ebenso wie ein bestimmter Ausdruck auf verschiedene Weise interpretiert werden oder verschiedene Bedeutungen annehmen kann. Zu dieser Variabilität gibt es in der Tierwelt offensichtlich keine Parallele, die Fähigkeit zu abstraktem Denken ist an die symbolhafte Sprache gebunden.

Das dritte Merkmal der menschlichen Symbolik ist die Abhängigkeit des "relationalen Denkens" vom "symbolischen Denken". Eine Form von Denken, die Dinge in Beziehung zueinander setzt, findet sich auch im Tierreich - die bewußte Wahrnehmung vor allem von optischen und akusti- schen Strukturmustern ist schon für relativ einfache Wahrnehmungsakte notwendig, zum Bei- spiel zur Orientierung im Raum. Kein Tier könnte ohne diese Fähigkeit überleben, und sie ist auch experimentell bewiesen. Der Mensch hat diese Fähigkeit allerdings dahingehend weiter- entwickelt, daß er zur Betrachtung dieser Beziehungen nicht mehr auf konkrete visuelle oder akustische Eindrücke angewiesen ist, sondern er ist in der Lage, sie aus ihrem konkreten Zu- sammenhang oder aus der Masse von einströmenden Sinneseindrücken zu isolieren und sie "an sich" zu betrachten, die Aufmerksamkeit auf sie zu lenken. Das klassische Beispiel für diese Denkart ist die Geometrie. Diese "Isolation von Wahrnehmungsfaktoren" ist bei Tieren nur sehr rudimentär ausgeprägt und höchstens bei Menschenaffen gelegentlich zu beobachten.

Der erste Philosoph, der diese Zusammenhänge zumindest ansatzweise erkannt hat, war Her- der, der bereits die Reflexivität im Denken des Menschen beschrieben hat. Seiner Meinung ist die Sprache also kein physisches Ding, nach dessen (natürlicher oder übernatürlicher) Ursache man fragen kann, sondern eine Funktion des Verstandes, und zwar des spezifisch menschli- chen Verstandes. Allerdings macht er die Einschränkung, daß die spezifisch menschliche Spra- che und die Formen der Kommunikation zwischen Menschen (in der Regel) kein Kunstprodukt, keine willentliche Schöpfung des Verstandes sind, sondern daß diese Symbolhaftigkeit des Ausdrucks aus der Fähigkeit rührt, durch Reflexion seine Umwelt zu strukturieren. Wäre der Mensch ein Tier, wäre er in dieser Umwelt völlig überfordert - dadurch, daß er die Fähigkeit besitzt, bestimmte Aspekte seiner Umwelt für wichtig zu erachten und andere für eher marginal, ist er in der Lage, dieses reduzierte Konstrukt zu benennen. Allerdings resultiert die Sprache aus der Reduktion der Sinneseindrücke und nicht umgekehrt.

Er sagt: "Der Mensch beweist Reflexion, wenn die Kraft seiner Seele so frei wirket, daß sie in dem ganzen Ozean seiner Empfindungen, der sie durch alle Sinnen durchrauschet, eine Welle, wenn ich sagen darf, absondern, sie anhalten, die Aufmarksamkeit auf sie richten, und sich bewußt sein kann, daß sie aufmerke."6

Allerdings ist die Grundlage seiner Theorie weder empirische Beobachtung noch eine allgemei- ne Erkenntnistheorie, sondern hat ihren Ursprung eher in seiner allgemeinen Weltsicht und sei- nem Humanitätskonzept. Dennoch enthält seine Analyse der menschlichen Sprache in Verbin- dung mit Reflexion Elemente, die von der modernen Psychologie und Biologie gestützt werden.

Sprache und Interaktion

Cassirer geht weitgehend konform mit der Theorie des symbolischen Interaktionismus, wonach sich die Bedeutung eines Objektes aus dem Verhältnis des Wahrnehmenden und Handelnden zu diesem Objekt ergibt. Nach G. H. Mead ist Bedeutung „gleich der Summe der vergangenen und als zukünftig möglich gedachten Handlungen der Person, die sich auf das Objekt (das e- benfalls eine Person sein kann) beziehen. Bedeutung ist, so gesehen, Handeln durch Raum und Zeit hindurch“.7

Auch Mead legt grossen Wert auf den Begriff des „Symbols“, allerdings werden sowohl bei ihm als auch bei seinem Schüler Blumer die Bedeutungen bestimmter Symbole „anerzogen“. Abhängig von der Gesellschaft, in der ein Mensch aufwächst, entstehen nach Blumer durch die Wiederholung und positive bzw. negative Sanktionierung von Interaktion sogenannte „soziale Institutionen“; die Bedeutung von Dingen ist also das Ergebnis von Erfahrungen.

Cassirer legt den Fokus seiner Betrachtung im Gegensatz dazu eher auf die Freiheit des Men- schen, seine Umwelt zu benennen, also mit Symbolen zu versehen und dadurch so zu struktu- rieren, daß sie für ihn erfaßbar wird. Während Mead und auch Blumer die soziale Rolle des Menschen in der Gesellschaft betonen, die nicht unwesentlich durch diese deterministische Sozialisation in Bezug auf die Symbolhaftigkeit des zwischenmenschlichen Kommunikation ge- prägt wird, legt Cassirer Wert darauf festzustellen, daß die menschliche Sprache zunächst ein- mal wertfrei und objektiv ist und ihre Bedeutung zumindest teilweise vom Menschen selbst durch die rationale Auseinandersetzung mit der jeweiligen Umwelt geprägt werden kann. Jeder Mensch hat dadurch sozusagen die Möglichkeit, sich in bestimmten Grenzen seine eigene Rea- lität zu erschaffen. „Die Welt der Sprache umfangt den Menschen, in dem Augenblick, in dem er zuerst seinen Blick auf sie richtet, in derselben Bestimmtheit und Notwendigkeit und in der glei- chen "Objektivität", mit der ihm die Welt der Dinge gegenübertritt.“8

Auch diese Objektivität der Umwelt gegenüber ist eins der Unterscheidungsmerkmale, die den Menschen vom Tier trennen - nicht nur, daß er in der Lage ist, seine Umwelt symbolhaft und abstrakt zu begreifen, er ist ebenso in der Lage, die seine Umwelt nicht nur direkt, sondern e- benso durch seine Wahrnehmung objektiv und subjektiv an seine Bedürfnisse anzupassen.

Aus diesem Unterschied ergibt sich ein weiterer Gegensatz zwischen der Betrachtungsweise Cassirers und der Theorie des symbolischen Interaktionismus:

Nach Blumer dient die typisch menschliche Bildung von Begriffen/Symbolen der Kompensation eines Wahrnehmungsmangels. Wahrnehmung kann nicht nur soziales Handeln erst ermögli- chen und fördern, sondern auch der Interaktion hinderlich sein. Da der Mensch nicht in der La- ge ist, seine Umwelt als Ganzes objektiv wahrzunehmen, sondern er sie immer durch Symbole abstrahiert betrachtet, gestatten es ihm diese Begriffe, einen gedanklichen Zugang und eine bewusste Orientierung zu seinen Problemen zu finden. Umgekehrt beeinflusst diese Begriffsbil- dung wiederum die Wahrnehmung.

Bei Cassirer ist im Gegensatz dazu die Symbolhaftigkeit der menschlichen Sprache eine unabdingbare Voraussetzung für die bewusste Wahrnehmung der Welt. Dies belegt er mit dem Beispiel der beiden blinden und taubstummen Mädchen, die erst nach Entdeckung, daß sie die Möglichkeit haben, Dinge auch unabhängig von ihrer konkreten, anfaßbaren Existenz zu be- nennen, einen bewussten Zugang zu ihrer Umwelt und auch zu den eher abstrakten Dimensionen der Realität bekommen haben.

Literatur

Cassirer, Ernst: Versuch über den Menschen - Einführung in eine Philosophie der Kultur Felix Meiner Verlag, Hamburg 1996 daraus: Von der tierischen "Reaktion" zur menschlichen "Antwort", S. 52-71

Reinhold, Gerd (Hrsg.): Soziologie-Lexikon R. Oldenbourg Verlag, München 1997

Online-Rechercheergebnisse:

Online-Philosophie-Lexikon http://www.philo.de/Philosophie-Seiten/personen/cassirer.shtml

Interview mit Zeitzeugen von Patrick Conley, Sendemanuskript, erstmalig ausgestrahlt am 30.4.1996, SFB3 http://amor.rz.hu-berlin.de/~h0444wga/cassirer_text.html

Internationale Ernst Cassirer Gesellschaft http://www.cassirer.org/index_gr.shtml

Biographie http://www.dhm.de/lemo/html/biografien/CassirerErnst/

Mauthner-Gesellschaft, Thema: erkenntnisorientierte Sprachkritik http://weltkreis.com/mauthner/

Ernst Cassirer: Symbolische Formen http://weltkreis.com/mauthner/cass1.html

Ernst Cassirer: Die Sprache http://weltkreis.com/mauthner/tex/cass3.html

Referatszusammenfassung „symbolischer Interaktionismus“ http://infosoc.uni-koeln.de/fs-soziologie/Karteikarten/Mikro/K_Blumer_Symbolischer%20IA_1.html http://infosoc.uni-koeln.de/fs-soziologie/Karteikarten/Mikro/K_Blumer_Symbolischer%20IA_2.html http://infosoc.uni-koeln.de/fs-soziologie/Karteikarten/Mikro/K_Blumer_Symbolischer%20IA_3.html

Theorie des Symbolischen Interaktionismus im Vergleich Psychologie - Soziologie http://arb1.psychologie.hu-berlin.de/orgpsy/lehre/haupt/fv/FV-5.htm

[...]


1 Interview mit Zeitzeugen

2 ebd.

3 Cassirer 1996 S. 53

4 ebd. S. 55

5 Cassirer 1996, S. 62

6 Cassirer 1996, S. 69

7 Reinhold S. 665

8 http://weltkreis.com/mauthner/cass1.html (Cassirer: Symbolische Formen)

11 von 11 Seiten

Details

Titel
Ernst Cassierer: Versuch über den Menschen. Einführung in eine Philosophie der Kultur
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Veranstaltung
Soziologie und Anthropologie, Vertiefungsseminar
Autor
Jahr
2000
Seiten
11
Katalognummer
V97978
Dateigröße
392 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ernst, Cassierer, Versuch, Menschen, Einführung, Philosophie, Kultur, Soziologie, Anthropologie, Vertiefungsseminar
Arbeit zitieren
Nantke Griess (Autor), 2000, Ernst Cassierer: Versuch über den Menschen. Einführung in eine Philosophie der Kultur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97978

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