Thema dieses Seminars, das in der vorliegenden Arbeit einen Abschluss finden soll, waren die Visionen der Benediktinernonne Elisabeth von Schönau. Sie kann wohl als eine der bedeutendsten Visionärinnen des Mittelalters gelten. Mit ihren in Ekstase erfahrenen Visionen und Erlebnissen der Glossalolie sowie der Auditionen gehört sie zu den Charismatikerinnen der mittelalterlichen Frauenmystik. Mittels dieser göttlichen Offenbarungen, die ihr ab ihrem dreiundzwanzigsten Lebensjahr zuteilwurden und deren Niederschrift durch ihren Bruder Ekbert, wurde sie zur Vermittlerin zwischen Mensch und Gott. Dabei half sie ebenso bei der Klärung theologischer Fragen, wie dabei, Lücken der Geschichtsschreibung zu füllen. Blieb sie zu ihren Lebzeiten eher im Bereich ihrer Diözese bekannt, scheint ihre Nachwirkung im Hoch- und Spätmittelalter umso bedeutender. Dies ist nicht zuletzt an der hohen Zahl der verbreiteten Handschriften und Übersetzungen zu erkennen.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 ELISABETH VON SCHÖNAU
3 HILDEGARD VON BINGEN
4 VERGLEICHENDE BETRACHTUNG
5 FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen des visionären Erlebens bei den mittelalterlichen Mystikerinnen Elisabeth von Schönau und Hildegard von Bingen. Ziel ist es, die Vielschichtigkeit ihrer Visionen unter Berücksichtigung von psychischen, physischen und theologischen Aspekten zu durchleuchten und durch einen direkten Vergleich ein differenzierteres Bild der visionären Offenbarung zu zeichnen.
- Analyse des ekstatischen vs. nicht-ekstatischen Visionsverständnisses
- Untersuchung des Einflusses männlicher Instanzen auf die Visionsliteratur
- Vergleich der autobiografischen Subjektivität mit systematischer Theologie
- Rolle von Identität, Geschlecht und Religiosität im 12. Jahrhundert
Auszug aus dem Buch
Elisabeth von Schönau
Im Folgenden soll Elisabeth von Schönau in ihrer Rolle als Visionärin sowie ausgewählte Inhalte und Form ihrer Visionen näher betrachtet werden.
Elisabeth empfing seit ihrem 23. Lebensjahr göttliche Offenbarungen, bei denen es sich zumeist um das Schauen eines Bildes oder einer Bilderabfolge handelte.7 Diese Bilder, dem Glauben der Nonne nach, göttlichen Ursprungs sind als Visionen anzusehen.
Elisabeths Visionen waren dabei von ekstatischer Natur. Der häufig erbrachte Hinweis in ihren Schriften auf den ekstatischen Zustand mittels unterschiedlicher Beschreibungen, machen die Relevanz der Ekstase für die Vision deutlich. Verschiedene Beispiele dieser Beschreibungen führt Schmitt an: „(...) sie (Elisabeth) ‚kommt’ (veni in extasim; ut venirem in mentis excessus) in Ekstase (extasis, mentis excessus, raptus), ‚fällt’ (incidi in extasim) oder wird ‚hingerissen’(raptasum in extasim).“ (Schmitt, Jean-Claude: Hildegard von Bingen oder die Zurückweisung des Traums, in: Alfred Haverkamp (Hrsg.): Hildegard von Bingen in ihrem historischen Umfeld. Internationaler wissenschaftlicher Kongreß zum 900jährigen Jubiläum, 13.-19. September 1998, Bingen am Rhein, Mainz 2000, hier: S. 353.).
Die Visionen waren außerdem „(...) äußerst anstrengend (...)“ (Dinzelbacher, Peter: Die Offenbarungen der Elisabeth von Schönau: Bildwelt, Erlebnisweise und Zeittypisches, in: Peter Dinzelbacher (Hrsg.): Mittelalterliche Frauenmystik, 1993 Paderborn u.a., S. 78-101, hier: S. 83.) für die ohnehin körperlich schwache und von Depressionen heimgesuchte Visionärin. Die von ihrem Neffen als „Gottesjoch“ bezeichnete Gabe war durchaus eine Bürde für die Nonne in Form „(...) häufige(r) Krankheit und schmerzliche(r) Anfälle vor den Entraffungen (...)“ (Dinzelbacher, Peter: Die Offenbarungen der Elisabeth von Schönau: Bildwelt, Erlebnisweise und Zeittypisches, in: Peter Dinzelbacher (Hrsg.): Mittelalterliche Frauenmystik, 1993 Paderborn u.a., S. 78-101, hier: S. 83.).
Zusammenfassung der Kapitel
EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die Thematik der mittelalterlichen Frauenmystik ein und stellt die beiden zentralen Visionärinnen Elisabeth von Schönau und Hildegard von Bingen sowie die methodische Herangehensweise vor.
ELISABETH VON SCHÖNAU: Dieses Kapitel behandelt das von ekstatischen Zuständen und körperlicher Anstrengung geprägte visionäre Erleben der Elisabeth von Schönau sowie den Einfluss ihres Bruders Ekbert auf die Verschriftlichung ihrer Visionen.
HILDEGARD VON BINGEN: Hier wird das visionäre Schaffen Hildegards untersucht, das sich durch einen bewussten Wachzustand und eine systematische, theologische Formgebung auszeichnet.
VERGLEICHENDE BETRACHTUNG: In diesem Kapitel werden die Gemeinsamkeiten und gravierenden Unterschiede im visionären Erleben sowie in der schriftstellerischen Verarbeitung der beiden Charismatikerinnen gegenübergestellt.
FAZIT: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und hebt hervor, dass trotz unterschiedlicher Formen der Visionen das gemeinsame Streben nach Autorität und die Einbettung in religiöse Diskursen die Arbeit der beiden Frauen eint.
Schlüsselwörter
Elisabeth von Schönau, Hildegard von Bingen, Frauenmystik, Vision, Ekstase, Mittelalter, Theologie, Visionsliteratur, Gotteserfahrung, Ekbert von Schönau, Religionspsychologie, Offenbarung, Autorschaft, Religiöse Erfahrung, Visionsforschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht das visionäre Erleben der mittelalterlichen Nonnen Elisabeth von Schönau und Hildegard von Bingen unter religionsgeschichtlichen Aspekten.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die physische und psychische Natur von Visionen, der Einfluss von Geschlechterrollen sowie die Autorschaft und Interpretation göttlicher Offenbarungen.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, ein tieferes Verständnis für das Phänomen der mittelalterlichen Vision zu erlangen, indem die individuellen Erfahrungen der beiden Nonnen methodisch verglichen werden.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine vergleichende Analyse der historischen Quellen (Visionsbücher) und der Forschungsliteratur, insbesondere mit Fokus auf Peter Dinzelbacher und Anne Clark, angewandt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Visionen der beiden Frauen hinsichtlich ihrer physischen Erscheinung, der Rolle von Bewusstsein und Ekstase sowie der redaktionellen Bearbeitung durch Dritte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die zentralen Schlagworte umfassen Frauenmystik, Vision, Ekstase, theologische Offenbarung und die spezifische mediale Rolle der Visionärinnen im 12. Jahrhundert.
Warum war der Bruder von Elisabeth von Schönau für ihre Aufzeichnungen so entscheidend?
Ekbert von Schönau fungierte als Aufzeichner und Redakteur; er beeinflusste die Inhalte gezielt durch theologische Fragestellungen und übte eine zensorische Kontrolle aus, was die Authentizität des Originalerlebens komplex macht.
Unterscheidet sich der Schreibstil der beiden Mystikerinnen maßgeblich?
Ja, während Elisabeths Aufzeichnungen sehr subjektiv, tagebuchartig und körperbetont sind, erscheinen Hildegards Werke als systematisch strukturierte, visionstheologische Traktate.
- Arbeit zitieren
- Charlotte Steinhauer (Autor:in), 2016, Elisabeth von Schönau und ihre Rolle in der mittelalterlichen Mystik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/979792