Sozialer Konstruktivismus und der kausale Status von strukturellen Konzepten in der Persönlichkeitspsychologie


Seminararbeit, 1999

20 Seiten, Note: Grade A


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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Persönlichkeitspsychologie zwischen Realismus und Konstruktivismus

3. Das Problem der Kausalität in den empirischen Wissenschaften
3.1. Kausalität am Beispiel unterschiedlicher Datenauswertungsmethoden: `Mehr Kausalität' durch Zeitreihen-Verfahren?
3.2. Positionen in der Wissenschaftstheorie
3.3. Positionen in der (Persönlichkeits-)Psychologie
3.3.1. Die "dispositionelle Erklärung" von W. Mischel
3.3.2. Das Kausalkonzept der "INUS-Conditions"

4. Strukturelle Konzepte als Wahrscheinlichkeitsursachen
4.1. Die kanonische Form der kausalen Erklärung nach Humphreys
4.2. Das interaktionistische Verhaltenskonzept von Magnusson

5. Schlußfolgerungen

Literatur

1. Einleitung

Der Soziale Konstruktivismus kann als "kritische Denkweise" in der Wissenschaft, als Abgrenzung von (v.a. aus den Naturwissenschaften) bekannten Wissenschafts- und Erkenntnistheorien verstanden werden. Er kann selbst als eine wissenschaftstheoretische Grundposition bezeichnet und so anderen Wissenschaftstheorien vergleichend gegenüber gestellt werden. Ein beispielhafter Vergleich zwischen dem Sozialen Konstruktivismus und dem Realismus - immer bezogen auf persönlichkeitstheoretische Fragestellungen - wird in Kapitel 2 ("Persönlichkeitspsychologie zwischen Realismus und Konstruktivismus") als Einleitung in diese Arbeit erfolgen.

Da eine angewandte Wissenschaft wie die Psychologie immer eine wissenschaftstheoretische Verankerung benötigt, um z.B. Daten erheben oder Ergebnisse bewerten zu können, bedeutet der Soziale Konstruktivismus für die Psychologie eine Herausforderung auf vielen - wenn nicht allen - Teilgebieten. Mit der konstruktivistischen Denkweise müssen Theorien eventuell neu formuliert, empirische Ergebnisse eventuell neu bewertet und Methoden kritisch überprüft werden hinsichtlich ihrer Aussagekraft und ihrer Inhalte, die sie beschreiben sowie ihrem Verhältnis zu einer "äußeren Bewertungsinstanz", da die Instanz "Realität" in ihrer traditionellen Form mit einem konstruktivistischen Hintergrund nicht mehr verwendet werden kann.

Diese Arbeit untersucht vor allem die Konsequenzen konstruktivistischen Denkens auf den Teilbereich der Persönlichkeitspsychologie. Da dieser Bereich selbst ein sehr weitverzweigtes Gebiet ist, soll nach einigen allgemeinen Konsequenzen für die Persönlichkeitspsychologie durch den Sozialen Konstruktivismus (Kapitel 2) auf die Frage fokussiert werden, ob strukturelle Konzepte in der Persönlichkeitspsychologie als kausale Faktoren angesehen werden können (Kapitel 3 und 4). Dazu wird zunächst auf das Kausalitätsproblem in der Wissenschaft allgemein Bezug genommen (Kapitel 3 "Das Problem der Kausalität in den Wissenschaften"), wobei schon hier immer eine Schwerpunktsetzung auf die Psychologie erfolgen wird - vor allem bei den angeführten Beispielen. Es wird dann analysiert, inwieweit strukturelle (Persönlichkeits-)Konzepte in der Persönlichkeitspsychologie als kausale Faktoren betrachtet werden können (Kapitel 4 "Strukturelle Konzepte als Wahrscheinlichkeitsursachen"). Abschließend werden die Konsequenzen einer konstruktivistischen Grundhaltung für die Persönlichkeitspsychologie noch einmal zusammenfassend kritisch gewürdigt (Kapitel 5 "Schlußfolgerungen").

Eine allgemeine Einführung in die Ideen des Sozialen Konstruktivismus kann an dieser Stelle jedoch nicht erfolgen.1 Die grundlegenden Ideen des Sozialen Konstruktivismus werden bei dieser Arbeit als bekannt vorausgesetzt, da sie bereits Inhalt anderer Referate und Hausarbeiten sind. Ebenso würde eine Darstellung der Persönlichkeitstheorie den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Als "strukturelle Konzepte" in der Persönlichkeitspsychologie werden Begriffe wie traits, factors, motives, tendencies, dispositions, needs oder personal constructs in Ansätzen von u.a. Freud, Jung, Erikson, Rogers, Cattell, Allport oder Kelly angesehen und wie die Grundannahmen des Sozialen Konstruktivismus als bekannt vorausgesetzt.2

2. Persönlichkeitspsychologie zwischen Realismus und Konstruktivismus

Das grundlegende Konzept in der Persönlichkeitspsychologie, die "Persönlichkeit" bzw. "Persönlichkeitseigenschaft" oder "Disposition", kann je nach wissenschaftstheoretischer Position sehr unterschiedlich bewertet werden. Bei Orientierung am "Realismus" (metaphysischer oder wissenschaftlicher Realismus, hier nach Putnam 88) kann die Existenz von Persönlichkeit/Persönlichkeitseigenschaften vorausgesetzt und der Wissenschaftler als "Entdecker" der unabhängig und real existierenden Persönlichkeitsdispositionen betrachtet werden. Die sozial- konstruktivistische Denkweise (hier nach Scarr 85) macht dagegen deutlich, dass man keinesfalls von einer feststehenden, eindeutigen Existenz einer Persönlichkeit sprechen kann, sondern dass solche Begriffe lediglich raum-zeitlich zu relativierende Konstruktionen von Wissenschaftlern sind. Dabei verneint der Soziale Konstruktivismus allerdings nicht die Existenz einer Realität (solche extremen Ansichten finden sich in einer anderen Spielart der konstruktivistischen Ansätze, dem "Radikalen Konstruktivismus"). Er versucht lediglich zu verdeutlichen, wie stark der Anteil der menschlichen Konstruktion am wissenschaftlichen Ergebnis ist. Über die Existenz oder Nicht-Existenz einer äußeren Realität macht der Soziale Konstruktivismus selbst keine Aussagen.

Tabelle 1 zeigt die wichtigsten Unterschiede zwischen den Positionen in Kurzform:

Tabelle 1: Wissenschaftstheoretische Positionen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Diese Gegenüberstellung ist scheinbar ein Vergleich wissenschaftstheoretischer Gedanken. An anderer Stelle wird bei Scarr jedoch deutlich, dass diese Überlegungen auch für die psychologische Praxis und Therapie konkrete Konsequenzen beinhalten: "Eine konstruktivistische Sichtweise impliziert, dass Diagnosen von Problemen und Interventionsstrategien in gleicher Weise raum-zeitlich zu relativierende Produkte sind wie beliebige andere Konstruktionen der Realität." (Scarr 85, S. 511).

Die Persönlichkeitspsychologie ist heute geprägt von einem Nebeneinander vieler unterschiedlicher Persönlichkeitskonzepte und Forschungsansätze. Für den "Realisten" ist dies ein untragbarer Zustand, der schnellstens beendet werden muss, da es "nur eine wahre Beschreibung der Realität" geben kann. Für den Konstruktivisten ist dieser Zustand jedoch kein Problem, sondern eher Normalität, wie man mit den vier Konsequenzen der konstruktivistischen Sichtweise für die Persönlichkeitspsychologie nach Westmeyer zeigen kann:

"1. Es ist sinnlos, von dem Wesen oder der Natur der Persönlichkeit zu sprechen. Es gibt keine Natur der Persönlichkeit, die es zu entdecken gäbe.

Dieser Jargon der Eigentlichkeit ist unangebracht. Derartige Ausdrücke haben bestenfalls eine rhetorische Funktion und sollen den eigenen Konstruktionen von Persönlichkeit gegenüber anderen größere Überzeugungskraft verleihen.

2. Beliebte Aussprüche wie "Don't worry, traits exist! They are alive and well." verlieren ihre ursprünglich gemeinte Bedeutung und sind statt dessen so zu lesen: "Don't worry, traitists exist! They are alive and well."

3. Die zu beobachtende Vielfalt unterschiedlichster Ansätze in der Persönlichkeitspsychologie stellt kein Problem dar, das überwunden werden müßte. Die Möglichkeit, Realität und Wissenschaft unterschiedlich zu konstruieren, ist immer gegeben und wird auch weiterhin genutzt.

4. Eine Reduktion dieser Vielfalt durch Übereinkunft innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft ist möglich, aber in einer demokratisch verfaßten Gesellschaft, die die Wissenschaftsfreiheit ausdrücklich garantiert, eher unwahrscheinlich. Vereinheitlichungen in Teilen der scientific community sind damit natürlich nicht ausgeschlossen, wie das Beispiel der Fünf-Faktoren- Konzeption der Persönlichkeit zeigt." (Westmeyer 95, S. 752).

Nach Westmeyer erwächst ein angemessenes Verständnis der Persönlichkeitspsychologie daher am ehesten aus einer sozial-konstruktivistischen Perspektive.

Auch eine elementare Frage innerhalb der Persönlichkeitspsychologie erfährt durch die sozial-konstruktivistische Position eine neue Antwort: Sind Persönlichkeitsdispositionen eines Menschen als Ursache für sein Erleben und/oder Verhalten anzusehen? Ist zur Erklärung von verschiedenen psychologischen Phänomenen (z.B. Wahrnehmung, Gefühle, Verhalten) ein Modell angemessen, bei dem als unabhängige Variablen Persönlichkeitseigenschaften verwendet werden und auf der Seite der abhängigen Variablen die zu erklärenden Phänomene stehen (also je nach Untersuchungsziel Wahrnehmung, Gefühle/innere Zustände oder Verhalten)? Zur Klärung dieser Frage muss erst über das generelle Problem der Kausalität in der Wissenschaft nachgedacht werden.

3. Das Problem der Kausalität in den empirischen Wissenschaften

"Das Problem der Kausalität ist so alt wie die (abendländische) Wissenschaft, und wie viele wichtige wissenschaftliche (wissenschaftstheoretische) Probleme ist es bis heute nicht `gelöst'" (Kirchgäßner 1981, S. 9).

Auch an dieser Stelle kann keine Lösung des wissenschaftstheoretischen Problems mit dem Kausalitätsbegriff erfolgen. Es werden nur einige zentrale Gedanken zum Verhältnis von `Kausalität' und empirischen Umsetzungen (wie z.B. der `Korrelation') dargestellt.

`Kausalität' wurde in der Wissenschaftsgeschichte gelegentlich auf

`Prognostizierbarkeit' reduziert (vgl. ebenda). Oder das Kausalitätskonzept (Ursache- Wirkung) wurde aufgrund der Definitionsschwierigkeiten völlig aus dem wissenschaftlichen Diskurs getilgt und man kümmerte sich nicht mehr darum, "ob ein `Zusammenhang' zwischen Variablen kausal interpretiert werden kann oder nicht" (Thome 1988, S. 93).

"Dennoch kann die Forschung in den empirischen Wissenschaften (und auch die ganze Geschichte der empirischen Wissenschaften) als eine beständige Suche nach kausalen Zusammenhängen betrachtet werden" (Kirchgäßner 1981, S. 9).

Auch Thome hält die `Vermeidungsstrategie', also den Kausalitätsbegriff ganz aus der Diskussion zu streichen, für die Sozialwissenschaften nicht für sinnvoll:

"Gewiß hat die Soziologie nicht nur die Aufgabe, Kausalwissen zu produzieren; aber gäbe sie den Anspruch auf, auch Theorien über planvoll änderbare soziale Wirklichkeit zu liefern, minderte sie ihre Legitimität. Auf diesen Bedarf an Handlungsorientierung ist das Kausalitätskonzept zugeschnitten, wie immer man es im einzelnen definieren mag" (Thome 1988, S. 93).

Diese Sichtweise für die Soziologie ist m.E. vollständig auf die Psychologie übertragbar. Auch sie benötigt z.B. für ihre Theorien über "planvoll änderbare" psychische/psychologische Zusammenhänge und für Handlungsanweisungen an Praktiker (Therapeuten) Wissen über die Kontingenzen psychischer und psychologischer Zusammenhänge ("Kausalwissen").

Es können an dieser Stelle nur einige wichtige Konzepte von Kausalität und ihre Konsequenzen dargestellt werden. Beginnen möchte ich mit einigen methodologischen Überlegungen. Das mag ungewöhnlich sein, aber das Nachdenken über den Prozeß der Datenerhebung und der anschließenden

Datenauswertungsstrategien macht von einer empirisch-praktischen Seite her deutlich, dass Kausalität kein klares, feststehendes Konzept ist, wie es aus der Alltagserfahrung der Fall zu sein scheint.

3.1. Kausalität am Beispiel unterschiedlicher Datenauswertungsmethoden: `Mehr Kausalität' durch Zeitreihen-Verfahren?

Daten für Forschungsprojekte in der Psychologie sind sehr oft Querschnittsdaten aus teil- oder vollstandardisierten Erhebungen. Sie werden meist per PC mit statistischen Auswertungsprogrammen (SPSS, SAS, etc.) analysiert und in Kausalmodellen (wie z.B. der Regression) dargestellt. Dabei wird v.a. von "Statistik-Laien" oft vergessen, dass die Kausalrichtung bei dieser Vorgehensweise nicht eine "natürliche" Richtung ist, die "aus den Daten" kommt oder von einer äußeren Instanz (oder gar dem Computer) vorgegeben wird. Die kausalen Zusammenhänge zwischen den Variablen werden im Modell festgelegt. Dieses Modell wird aber vom Forscher entworfen, man könnte auch sagen "konstruiert". Was Ursache und was Wirkung ist, wird also vom Wissenschaftler unterstellt, es ist keine objektive, unabhängige Wahrheit. Zwar ist der Wissenschaftler bei der Modellierung bzw. der Hypothesenbildung den wissenschaftlichen Anforderungen der Widerspruchsfreiheit und Plausibilität verpflichtet (sonst würde sein Hypothese oder sein Modell nicht akzeptiert und der Anteil menschlicher Konstruktion ganz offensichtlich werden), jedoch lassen sich fast immer mehrere unterschiedliche Hypothesen oder Modelle finden, die plausibel und widerspruchsfrei Zusammenhänge beschreiben, aber ganz unterschiedliche kausale Konstellationen unterstellen. Bei der Hypothesen- bzw. Modellbildung ist also die Kausalrichtung kein unabhängiges feststehendes Konzept, sondern wird konstruiert.

Wie steht es neben der Kausalrichtung mit den Implikationen von Kausalität. Wann kann man empirisch bei der Datenauswertung von Kausalität reden? Dazu läßt sich auf einen gemeinsamen Gedanken verschiedener Kausalitätsdefinitionen rekurrieren:

"Nicht in der universellen Koinzidenz zweier Phänomene X und Y ist das entscheidende Merkmal ihres kausalen Zusammenhangs zu sehen, sondern darin, das in Y eine Änderung herbeigeführt (oder unterdrückt) werden könnte, wenn man X änderte (oder eine Änderung in X unterdrückte)" (vgl. von Wright S. 1974, 72 ff.).

Statistisch bedeutet dies, daß einfache (zeitgleiche) Korrelationen keine Kausalität "beweisen". Diese altbekannte Aussage nennt Thome "ebenso wahr wie irreführend" (ebenda). Einerseits sei es richtig, daß Scheinkorrelationen (Korrelationen ohne Kausalbeziehung) nie gänzlich auszuschließen seien und die theoretische Behauptung einer Kausalbeziehung stets über Beobachtbares hinausgehe, andererseits könnten Kausalhypothesen ohne Korrelationen überhaupt nicht überprüft werden. Wenn man nun weitergeht und nicht in der "universellen Koinzidenz" (Korrelation) zweier Phänomene X und Y das entscheidende Merkmal ihres kausalen Zusammenhangs sieht, sondern darin, das in Y eine Änderung herbeigeführt werden kann, wenn man X ändert, so zeigt sich, daß diese Veränderung der Phänomene mit Querschnittsdaten nicht beobachtet werden kann. Bei Querschnittanalysen wird die Veränderung simuliert. Der Wert des Phänomens X ändert sich beim einzelnen Untersuchungsobjekt nicht - es existiert ja nur eine Messung pro Untersuchungsobjekt. Die Simulation erfolgt über die unterschiedlichen Werte für die einzelnen Variablen bei den verschiedenen Untersuchungsobjekten. Diese Interpretation der Daten benötigt aber zwei Voraussetzungen: Zum einen muß bei allen Untersuchungsobjekten der gleiche strukturelle Zusammenhang vorliegen. Dieses Problem kann innerhalb multivariater Verfahren durch entsprechende Modellspezifikation minimiert werden. Zum anderen ist eine Kausalinterpretation aber nur dann sinnvoll, wenn sich die Daten zum Zeitpunkt der Messung in "Ruhelage" ("Äquilibrium") befinden. Jede vor der Messung abgelaufene (aber nicht beobachtete) Änderung von X-Werten muß sich bereits voll auf Y ausgewirkt haben. Andernfalls ist mit einer Verzerrung der geschätzten Parameter zu rechnen (vgl. Thome 1992, S. 81f.). Thome sieht diese Gleichgewichtsvoraussetzung, die in Lehrbüchern und in der Forschungspraxis oft unterschlagen werde, in vielen Untersuchungen als nicht erfüllt.

Mit der operationalen Definition von Ursache und Wirkung in der empirischen Forschung hat der Kausalitätsbegriff eine "Renaissance" erlebt, die vor allem auf die Arbeiten von Granger (1969) zurückgeht. Aus dem Konzept der "Granger-Kausalität" sind statistische Tests abgeleitet worden, die als Datenbasis multivariate Zeitreihen voraussetzen (vgl. siehe Kirchgäßner 1983, S. 229ff., Schmitz 1989, S. 164). Im Gegensatz zu Querschnittanalysen, die, wie hier gezeigt, selbst den grundlegenden Gedanken von Kausalität (Änderung eines Phänomens bewirkt Änderung eines anderen Phänomens) nicht statistisch adäquat abbilden können (Veränderung der Variable X bewirkt Veränderung in Variable Y), können mit zeitreihenanalytischen Verfahren Implikationen kausaltheoretischer Modelle überprüft werden, die bislang ungetestet blieben. Es geht dabei nicht um den `Beweis von Kausalität'. Diese Leistung bleibt immer noch dem Experiment mit randomisierten Gruppen vorbehalten. Aber mit Zeitreihen-Verfahren ist es möglich, Voraussetzungen für Kausalinterpretationen zu überprüfen, die von Querschnittanalysen nicht überprüft werden können. Deshalb können mit dynamischen Analysen kausale Zusammenhänge `besser' überprüft und unterstützt werden, als dies mit statischen Verfahren der Fall ist. Brosius/Esser stellen die Vorteile von Zeitreihenanalysen in ihrer Studie "Eskalation durch Berichterstattung? Massenmedien und fremdenfeindliche Gewalt" folgendermaßen dar:

"Auch wenn man also mit Zeitreihendaten Kausalität im experimentellen Sinne nicht nachweisen kann, bieten sich doch statistische Verfahren an, mit denen man zwei wichtige Voraussetzungen für eine kausale Interpretation überprüfen kann. Die erste Voraussetzung betrifft die zeitliche Dynamik der unabhängigen und abhängigen Zeitreihen. Nach dem allgemeinen Verständnis liegt die Ursache eines Phänomens zeitlich vor einer möglichen Wirkung... Die zweite Voraussetzung betrifft den Einfluß von Drittvariablen, bzw. die Vermeidung von ScheinzusammenhÄngen" (Brosius/Esser 1995, 132).

Mit Hilfe dieses Beispiels sollte deutlich gemacht werden, dass Kausalität ein Konzept ist, dass auf der empirischen, operationalen Ebene in der Praxis ganz unterschiedlich definiert und benutzt wird, ohne dass die Konsequenzen dieser unterschiedlichen Kausalbegriffe ausreichend reflektiert werden und manchmal vielleicht nicht einmal bekannt sind. Das folgende Kapitel beschreibt unterschiedliche Kausalitätskonzepte in der Wissenschaftstheorie.

3.2. Positionen in der Wissenschaftstheorie

Die Spannbreite unterschiedliche Kausalitätskonzepte läßt sich gut durch zwei Extrempositionen darstellen (vgl. Westmeyer 1998, S. 17f.). Die eine Position, deren prominenter Vertreter Bunge ist, unterscheidet auf metatheoretischer Ebene zwischen "events" und "states", also zwischen "Ereignissen" und "Zuständen".3 Einen kausalen Status haben bei dieser Einteilung aber nur die "events", wohingegen den "states" Kausalität generell abgesporchen wird:

- Der Zustand eines materiellen Systems ist ein System von beschreibenden Quantitäten und kein Ereignis oder eine Ereigniskette.
- Zustände sind das Resultat einer Serie von Einflüssen, sie entstehen aus dem Zusammenspiel von internen Prozessen und externen Einflüssen.
- Ein Zustand eines Systems kann nicht selbst einen anderen determinieren. Zustände sind nicht Ursachen, sondern nur Vorgänger anderer späterer Zustände (vgl. ebenda, S.17).

"States" sind demnach also niemals Ursachen, sondern nur Vorgänger anderer späterer "states". Die Ansicht aus dem vorangehenden Kapitel, wonach eine Implikation von Kausalität die zeitliche Folge sei, wird dadurch nicht verneint, sondern nur genauer ausgelegt: Die zeitliche Abfolge ist keine hinreichende Bedingung für kausäle Zusammenhänge (ob sie eine notwendige Bedingung ist, müßte näher untersucht werden; es sind eventuell auch kausale Effekte ohne klare zeitliche Abfolgen denkbar, z.B. durch Erwartungen, Feed-back-Schleifen, dynamisch-transaktionale Zusammenhänge oder in kybernetischen Systemen). Die Konsequenz aus dieser Defintion von Kausalität ist für die Persönlichkeitspsychologie extrem: Die strukturellen Konzepte in der Psychologie können nicht als Ursache für Verhalten von Personen oder Unterschiede im Verhalten von Personen herangezogen werden, sei es im strikt-idiographischen, aggregierend-nomothetischen oder normativ- nomothetischen Forschungsparadigma (vgl. Westmeyer 1998, S. 18). Aber auch die extreme Gegenposition, nach der fast allen strukturellen Konzepten in der Persönlichkeitspsychologie ein kausaler Status zugeschrieben werden kann, läßt sich in der Wissenschaftstheorie finden. Nach Feigl (1953) ist Kausalität nämlich die Vorhersagbarkeit nach einer Regel, einem Gesetz bzw. einem Set von Gesetzmäßigkeiten (vgl. Westmeyer 1998, S. 18). Nach dieser - der empirischen Praxis oft entsprechenden - Konzeption von Kausalität besitzen also fast alle strukturellen Konzepte kausalen Status, v.a. da Feigl auch alle verschiedenen Formen von gesetzmäßigen Zusammenhänge erlaubt (deterministisch/statistisch, qualitativ/topologisch/metrisch, sequentiell/simultan, molar/molekular).

Diese Extrempositionen in der Wissenschaftstheorie zeigen deutlich, dass Kausalität ein metatheoretisches Konzept ist, das definiert werden muss, bevor man darüber diskutieren kann, ob etwas eine Ursache ist oder nicht. Denn je nach Definition fallen auch die Aussagen zum kausalen Status von strukturellen Konzepten in der Persönlichkeitspsychologie stark unterschiedlich aus. Diese "Definitionsnotwendigkeit" läßt sich am besten mit Hilfe des Sozialen Konstruktivismus erklären, da z.B. ein Realist kaum argumentieren kann, warum ein elementarer Begriff in den Wissenschaften wie die Kausalität zuerst definiert werden muss und auch noch unterschiedlich definiert werden kann. Für den Konstruktivisten stellt dieser Zustand aber wieder einen Normalzustand dar: Kausalität ist wie die strukturellen Konzepte in der Persönlichkeitspsychologie ein (metatheoretisches) Konstrukt und wird als solches konstruiert.

3.3. Positionen in der (Persönlichkeits-)Psychologie

Die Auswirkungen unterschiedlicher Kausalitätsdefinitionen auf die Persönlichkeitspsychologie macht ein Beispiel von Zuckermann (1991) deutlich. Er definiert Traits auf zwei unterschiedlichen Arten:

- Systeme oder Dispositionen (in) einer Person, die sie dazu prädisponieren, Situationen in bestimmter Art wahrzunehmen und in konsistenter Weise über Situationen hinweg zu reagieren;
- Zusammenfassung der Häufigkeit und Intensität von Reaktionen (sowohl interne Zustände als auch offenes Verhalten) auf Situationen.

Die Konsequenzen dieser Definitionen sind offensichtlich. Im ersten Fall sind Traits ein dynamisch-kausales Konzept (wobei ihre Quelle unberücksichtigt bleibt), im zweiten lediglich ein zusammenfassendes Label, eine Etikette für Reaktionen, die bei Personen beobachtet wurden. Dabei beschreibt die zweite Definition das Verfahren, mit dem gewöhnlich Traits in der Persönlichkeitspsychologie ermittelt werden. Dadurch wird deutlich, dass solcher Art gemessene Traits ein Konstrukt darstellen, konstruiert von Psychologen um Beobachtungen früheren Verhaltens zu klassifizieren (vgl. Zuckermann 1991, S.46, hier nach Westmeyer 1998, S. 19). Westmeyer weist nun daraufhin, dass die Unterschiede in den trait-Defenitionen gar nicht so klar sind, wie sie scheinen. Aus Sicht des Sozialen Konstruktivisten sind beide Arten von Traits Konstrukte und als solche konstruiert von Personen und nicht Entdeckungen von Inhalten einer unabhängigen Realität (vgl. Westmeyer 1998, S. 19). Das folgende Kapitel untermauert diese Ansicht mit Hilfe eines weiteren Beispiels.

3.3.1. Die "dispositionelle Erklärung" von W. Mischel

Wenn Traits nur aus dem Verhalten von Personen abgeleitet werden (über Fragebogen oder direkte Verhaltensbeobachtung), scheint die Behauptung, sie wären die Ursache von Verhalten, auf den ersten Blick unsinnig. Wenn Traits erst aus dem Verhalten einer Person abgeleitet werden und dann behauptet wird, sie erklären dieses Verhalten, argumentiert man scheinbar tautologisch. Eine nachträglich aus den Zusammenhängen in den Daten gewonnene Hypothese wird immer von diesen Daten bestätigt, da sie ja aus ihnen gewonnen wurde. Dieses "Zirkularitätsproblem" geben auch Magnusson/Törestadt (1992) zu bedenken. Außerdem ist es ein Standard-Argument von Skinner gegen nicht-behavioristische Ansätze (vgl. Westmeyer 1998, S. 19). Westmeyer bezweifelt jedoch, ob das Argument wirklich so überzeugend ist, wie es scheint und zeigt, dass dispositionelle Konstrukte so konstruiert werden können, dass sie in angemessenen "dispositionellen Erklärungen" verwendet werden können, ohne dass Zirkularität ein Problem ist. Als Beispiel läßt ich Mischel anführen, dessen Vorstellungen Westmeyer folgendermaßen präzisiert (vgl. Westmeyer 1994, S. 273f.):

Def. PD

D ist ein dispositionelles Persönlichkeitskonstrukt (eine Persönlichkeitsdisposition) genau dann, wenn es B, C und F gibt derart, dass gilt:

(a) B ist eine Menge von Verhaltensweisen und C eine Menge von Bedingungen,

(b) Pot(B) und Pot(C) sind die Potenzmengen von B und C,

(c) F ist eine (bedingte) Wahrscheinlichkeitsfunktion mit dem Mengenprodukt Pot(B) x Pot(C) als Argumentbereich und der Menge der reellen Zahlen im Intervall von 0 bis 1 als Wertebereich,

(d) D ist eine Teilmenge von F.

Eine dispositionelle Erklärung kann dann wie folgt beschrieben werden:

"Bei einer dispositionellen Erklärung für ein Verhalten ... wird der betreffenden Person ein Persönlichkeitskonstrukt D im Sinne von Def. PD zugeschrieben. Damit ist eine Klasse von Wahrscheinlichkeitsbeziehungen aus F zwischen Mengen von Bedingungen aus C und Mengen von Verhaltensweisen aus B gegeben. Die Situation, in der das fragliche Verhalten aufgetreten ist, wird durch eine bestimmte Teilmenge von C charakterisiert, und das Verhalten selbst ist als bestimmte Teilmenge von B zu konzipieren. Der Wert, den die Funktion F (bzw. D) unter den gegebenen situativen Bedingungen dem aufgetretenen Verhalten zuweist, bringt zum Ausdruck, in welchem Maße gerade dieses Verhalten unter diesen Umständen zu erwarten war." (Westmeyer 1994, S. 274)

Verhaltensursachen sind also nicht in kontextfreien und situationsunspezifischen Personeneigenschaften zu sehen, sondern in von vornherein situationsbezogen angelegten Persönlichkeitskonstrukten, die probabilistische Zusammenhänge zwischen den situativen Bedingungen und Verhaltensweisen zum Ausdruck bringen. Zu diesen "strukturellen" Ursachen muß das Vorliegen einer bestimmten Situation, die zu den Manifestationsbedingungen der Disposition gehört, als notwendiger Bestandteil dieser Art der Verhaltenserklärung hinzukommen (vgl. ebenda).

Das Verhältnis von notwendigen und hinreichenden Bedinungen bei einem Kausalkonzept beschreibt das im folgenden Kapitel vorgestellte INUS-System.

4.3.2. Das Kausalkonzept der "INUS-Conditions"

Mackie (1974) hat mit der Definition der "INUS-Bedingung" (insufficient but necessary, unnecessary but sufficient) ein in der Wissenschaftstheorie viel beachtetes Konzept von Kausalität aufgestellt. Folgende Definition, Folgerungen und Beschreibung geben eine Kurzdarstellung dieses Konzeptes (vgl. Mackie 1974, hier nach Westmeyer 1998, S. 21):

Definition

A ist eine INUS-Bedingung (a cause) von B (im kausalen Feld F) dann und nur dann, wenn es X und Y gibt, so dass:

(1) ((A und X) oder Y) ist eine notwendige und hinreichende Bedingung für B;

(2) A ist nicht eine hinreichende Bedingung für B;

(3) X ist nicht eine hinreichende Bedingung für B.

Folgerungen (Consequences)

(C1) (A und X) ist eine hinreichende Bedingung für B.

(C2) Y ist eine hinreichende Bedingung für B.

(C3) A ist der notwendige Teil einer hinreichenden Bedingung für B.

(C4) (A und X) ist nicht eine notwendige Bedingung für B.

Beschreibung

A ist ein nicht hinreichender aber notwendiger Teil eine nicht notwendigen aber hinreichender Bedingung von B (insufficient but necessary, unnecessary but sufficient · "INUS").

Ein trait (A) kann danach als eine INUS-Bedingung, also eine Ursache für B bezeichnet werden, auch wenn die Identifikation der Komponenten von X, die bestimmt werden müssen, damit die Verbindung von A und X eine hinreichende Bedingung für B darstellt, noch problematisch ist und der weiteren Forschung überlassen werden muss (vgl. Westmeyer 1998, S. 21).

Die bis zu diesem Punkt angeführten Beispiele zeigen, dass die Betrachtung strukturelle Konzepte in der Persönlichkeitspsychologie als probabilistische Ursachen wohl die angemessenste Sichtweise ist. Die folgenden zwei abschließenden Beispiel für Kausalitätskonzepte verdeutlichen dies.

4. Strukturelle Konzepte als Wahrscheinlichkeitsursachen

4.1. Die kanonische Form der kausalen Erklärung nach Humphreys

Das Konzept von Humphreys (1989) ist nicht explizit beschränkt auf Ereignisse im Sinne von Bunge, so dass auch strukturelle Konstrukte der Persönlichkeitspsychologie wie z.B. Traits mit dieser Definition als (probabilistische) Ursachen bezeichnet werden können. Bei Humphreys werden Ursachen generell als probabilistisch angesehen (es ist also keine absolute Determination des zu erklärenden Phänomens durch einen kausalen Faktor nötig) und kausale Erklärungen werden auch generell nicht als vollständig betrachtet. Es wird der aus der Forschungspraxis altbekannten Erkenntnis Rechnung getragen, dass ein Modell kaum - m.E. in der Psychologie niemals - alle erklärenden Faktoren berücksichtigen kann, weil sie entweder nicht messbar oder (noch) gar nicht bekannt sind.

Humphreys unterscheidet in seinem Konzept zwei Arten von Ursachen. Die einen Ursachen tragen zum Auftreten von Y (der Wirkung) bei (contributing causes), die anderen stehen dem Auftreten von Y entgegen (counteracting causes). Diese Arten von Ursachen lassen sich in der Forschungspraxis wiederfinden. In Regressionsgleichungen zur Erklärung von inneren Zuständen oder offenem Verhalten - wie sie z.B. Cattell zur Erklärung des Allgemeinen Neurotischen Syndroms verwendet - bezeichnen die contributing causes die unabhängigen Variablen mit positivem Vorzeichen und die counteracting causes die unabhängigen Variablen mit negativem Vorzeichen. Beide Formen tragen zu Erklärung bei (Anteil erklärter Varianz in der Regressionsgleichung, R2 ), sie wirken jedoch in unterschiedliche Richtungen in Bezug auf Y (vgl. Westmeyer 1998, S. 21). Folgende Auflistung zeigt das Konzept von Humphreys in Kurzform (vgl. ebenda, S. 22):

Anforderung einer Erklärung

Was ist die Erklärung von Y in S zum Zeitpunkt t?

Angemessene Erklärung

Y in S zum Zeitpunkt t [tritt auf, war gegenwärtig] wegen F trotz I.

Bemerkungen

"Y" bezieht sich auf eine Eigenschaft (property) oder deren Veränderung. "S" bezieht sich auf ein System.

"t" bezieht sich auf einen Zeitpunkt.

"F" ist eine (nicht leere) Liste von Ursachen, die zum Auftreten von Y beitragen.

"I" ist eine (evtl. leere) Liste von Ursachen, die dem Auftreten von Y entgegenstehen.

Bezugsrahmen

- Damit etwas eine Ursache sein kann, muss es invariant seine Effekte produzieren
- Probabilistische Ursachen verändern den Wert der Auftrittswahrscheinlichkeit des Effekts: eine Ursache, die zum Auftreten von Y beiträgt, bewirkt eine Erhöhung der Auftrittswahrscheinlichkeit von Y, eine Ursache, die dem Auftreten von Y entgegensteht, bewirkt eine Verringerung der Auftrittswahrscheinlichkeit von Y.
- Wenn F eine echte Teilmenge von F' und I=I' ist, dann ist die Erklärung von Y durch F' überlegen gegenüber der gegebenen Erklärung von F. Wenn F=F' und I ist eine echte Teilmenge von I', dann ist F' wieder eine überlegene Erklärung in dem Sinne, dass sie eine umfassendere Erklärung ist ("more complete").

Das letzte Beispiel dieser Arbeit verdeutlicht die Angemessenheit solcher Kausalitätskonzeptionen für die psychologische Forschungspraxis.

4.2. Das interaktionistische Verhaltenskonzept von Magnusson

Das interaktionistische Verhaltenskonzept von Magnusson (1980) bildet die Grundlage für die neueren interaktionistischen Ansätze in der Persönlichkeitspsychologie. Er geht von einer z.T. personenspezifischen Population möglicher Verhaltensweisen aus, deren Auftrittswahrscheinlichkeit durch den situationalen Bezugsrahmen ("intersituationale Faktoren") und die sich laufend ändernden situativen Bedingungen ("intrasituationale Faktoren") bedingt ist. Sein Konzept läßt sich mit folgenden vier Annahmen beschreiben (vgl. Magnusson 1980, S20f., hier nach Westmeyer 1994, S. 284)

(M1) Für jede Person gibt es eine bestimmte Population möglicher Verhaltensweisen.

Diese Populationen sind bis zu einem gewissen Grade personspezifisch.

(M2) Die Wahrscheinlichkeit für ein bestimmtes Verhalten ist eine bedingte und determiniert durch den situativen Kontext, d.h. (a) durch den situationalen Bezugsrahmen (die intersituationalen Faktoren) und (b) durch die sich fortlaufend ändernden situativen Bedingungen, die der Ursprung jeder spezifischen Verhaltensweise sind (die intrasituationalen Faktoren).

(M3) Mit einer bestimmten Situation, in der sich eine Person befindet, ist zweierlei vorgegeben: (a) eine umgrenzte Stichprobe möglichen und wahrscheinlichen Verhaltens, die situationsspezifisch ist, und (b) - bis zu einem gewissen Grade - die Wahrscheinlichkeit für einzelne Verhaltensweisen.

(M4) Innerhalb des durch eine bestimmte Situation vorgegebenen Bezugsrahmens ändern sich die Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Verhaltensweisen in Abhängigkeit von Änderungen der intrasituationalen Faktoren. Als intrasituationale Faktoren kommen physikalische Bedingungen, Verhalten anderer Personen, eigenes Verhalten der Person oder Kombinationen mehrerer dieser Faktoren in Frage. Strukturelle Konzepte der Persönlichkeitspsychologie sind in der Terminologie Magnussons "intersituationale Faktoren" ("between situation factors"). Wie in Annahme M3 deutlich wird, bedingen also Traits - als Vertreter von intersituationalen Faktoren - bis zu einem gewissen Grad - also probabilistisch - einzelne Verhaltensweisen einer Person. Genau diese Zusammenhänge erfüllen jedoch die Anforderungen von Humphreys, um ein Konzept eine probabilistische Ursache zu nennen. Nach dieser Kausaldefinition können strukturellen Konzepten in der Persönlichkeitspsychologie also ein kausaler Status zugeschrieben werden (vgl. Westmeyer 1998, S. 24).

5. Schlußfolgerungen

Der Soziale Konstruktivismus ist keine eigenständige psychologische Theorie und kein eigenständiger Ansatz, der die sich von anderen Ansätzen abgrenzen oder die Psychologie in "richtige" (angemessene) und "falsche" (unangemessene) Forschung aufteilen will. Die sozial-konstruktivistische Sichtweise ist eine metatheoretische Rahmenkonzeption, innerhalb derer jegliche Art von Forschung - auch traditionelle psychologische Forschung - möglich ist. Es handelt sich um eine Art "subversive Kraft", die für alle Bereiche der Psychologie interessant ist und diese nicht "unterwandern" oder angreifen will, sondern sich um ein besseres Verständnis von dem, was in der Psychologie tatsächlich vor sich geht, bemüht. Der Soziale Konstruktivismus macht aufmerksam gegenüber den Anteilen menschlicher Konstruktion innerhalb sozialer Definitionen, Konventionen und Entscheidungen. Er bewirkt, dass kritisch über die Auswirkungen der vielfältigen Konstruktionen die bei jedweder Forschung stattfinden, reflektiert wird. So haben Konstruktionen z.B. selbst auf den empirischen Gehalt theoretischer Konzepte eine Wirkung. Dabei ist nicht gemeint, dass der empirische Gehalt per Definition zugeschrieben werden kann. Aber die Einbettung theoretischer Begriffe (Konstruktionen) wirken sich unmittelbar oder mittelbar auf den empirischen Gehalt von Theorien und Hypothesen aus. Zudem erwächst aus dem Sozialen Konstruktivismus ein sehr viel besseres Verständnis für die in der Forschung so vielfältig existierenden unterschiedlichen Ansätze.

Die sozial-konstruktivistische Sichtweise macht m.E. keine Verengung auf bestimmter Ansätze oder Methoden notwendig. Diese Beschränkung würde das Potential sozial- konstruktivistischer Ideen ganz unnötig verringern. Die Hinterfragung wissenschaftlicher Rituale, die der Soziale Konstruktivismus für mich vornehmlich bedeutet, ist eine für alle Bereiche der Psychologie (und der Forschung allgemein) sinnvolle kritische Denkart.

Und zu diesen hinterfragten "wissenschaftlichen Ritualen" läßt sich auch die Zuschreibung von Kausalität rechnen. In wissenschaftlichen Publikationen wird oft nicht genau dargelegt, wie ein Ursache-Wirkungs-Verhältnis definiert ist, wahrscheinlich weil ein Alltagsverständnis vorausgesetzt wird, dass alle teilen. Wie unterschiedlich Kausalität jedoch definiert werden kann, hat diese Arbeit an vielen Beispielen gezeigt.

Ein übereinstimmenden Verständnis von Kausalität kann nicht einmal innerhalb der scientific community vorausgesetzt werden. Ob also strukturelle Konzepte in der Persönlichkeitspsychologie einen kausalen Status haben oder nicht, läßt sich aus sozial-konstruktivistischer Sicht nicht mit "Ja" oder "Nein" beantworten. Strukturelle Konzepte in der Persönlichkeitspsychologie sind Konstrukte, die v.a. von Persönlichkeitspsychologen konstruiert werden und nicht die Entdeckungen objektiver Inhalte einer unabhängigen Realität sind. Aber metatheoretische Konzepte wie z.B. Kausalität sind ebenfalls Konstrukte und konstruiert, v.a. von

Wissenschaftstheoretikern. Je nach Konstruktion von Kausalität fällt auch die Antwort nach dem kausalen Status struktureller Konzepte in der Persönlichkeitspsychologie unterschiedlich aus (vgl. Westmeyer 1998, S. 24).

Es bleibt also nur die Möglichkeit, mit der Zuschreibung von Kausalität auch immer gleich die verwendete Definition von Kausalität mitzuliefern. Diese Vorgehensweise scheint wissenschaftliche Ergebnisse zu relativieren, da nun die Ergebnisse nicht mehr nur von Operationalisierungen, Datenerhebungsmethoden, Auswertungsstrategien und vielen anderen Faktoren abhängen, die allein schon viel Anlass für Kritik und Diskussion jedes wissenschaftlichen Ergebnisses bieten. Nun scheint also auch noch das letzte bißchen an Sicherheit angegriffen zu werden: Wenn selbst metatheoretische Konzepte wie Kausalität nicht mehr unabhängige und objektive Gebilde, sondern Konstruktionen von Wissenschaftlern sind, woran kann man dann in der Wissenschaft noch "glauben"? Diese Angst ist m.E. jedoch unbegründet und beruht auf einem falschen Verständnis von Wissenschaft. In methodologischen Diskussionen ist der Begriff "Objektivität" schon vor längerer Zeit durch "intersubjektive Nachvollziehbarkeit" ersetzt worden. Der Soziale Konstruktivismus führt nun auch auf der theoretischen und metatheoretischen Ebene zu dieser notwendigen Reflexion über das eigene Konstruieren innerhalb der eigenen wissenschaftlichen Arbeit. Die beschriebene "Möglichkeit", seine verwendeten Konstruktionen - inklusive der verwendeten metatheoretischen Konstruktion von Kausalität - zu reflektieren und offenzulegen, halte ich in wissenschaftlichen Arbeiten nicht nur für eine Möglichkeit, sondern generell für eine Pflicht.

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[...]


1 Für eine Einführung in die Grundannahmen des Sozialen Konstruktivismus siehe American Psychologist (1985, Nr. 40) mit den Beiträgen von Gergen, K.J.: The social constructionist movement in modern psychology, und Scarr, S.: Constructing psychology: Making facts and fables for our times.

2 Für eine Einführung in die Persönlichkeitspsychologie stehen viele Lehrbücher zur Verfügung. Empfehlenswert ist die Einführung von W. Mischel (Introduction to personality), die gerade in einer neuen Auflage erschienen ist.

3 Dabei wird der Begriff "states" als ein allgemeiner Oberbegriff verwendet, der alle strukturellen Konzepte in der Persönlichkeitspsychologie - wie z.B. traits, factors, motives, tendencies, dispositions, needs, personal constructs und states im engeren psychologischen Sinne - umfasst.

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Details

Titel
Sozialer Konstruktivismus und der kausale Status von strukturellen Konzepten in der Persönlichkeitspsychologie
Note
Grade A
Autor
Jahr
1999
Seiten
20
Katalognummer
V97996
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialer, Konstruktivismus, Status, Konzepten, Persönlichkeitspsychologie
Arbeit zitieren
Andreas Dams (Autor), 1999, Sozialer Konstruktivismus und der kausale Status von strukturellen Konzepten in der Persönlichkeitspsychologie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/97996

Kommentare

  • Gast am 6.6.2001

    Interessant aber ungenau von der theoretischen Basis.

    Ein interessantes Thema.Leider finden sich in der Arbeit einige Ungenauigkeiten. Der Autor vermischt Social Constructionism (SC) und Sozialen Konstruktivismus und schmeißt beide in einen Topf. Kenneth Gergen grenzt seinen SC aber eindeutig von unterschiedlichen Konstruktivismen ab, genauso wie von soziologischen Konstruktionismen. Hier finden sich auch unterschiedliche Ansatzpunkte zur Erklärung von Welt. Der SC beschränkt seine Sichtweise ganz allein auf den sozialen Diskurs. Allerdings finden sich ähnliche Ungenauigkeiten auch in vielen konstruktivistischen Büchern, was vor allem auch durch die ungünstige deutsche Übersetzung von SC mit sozialem Konstruktivismus bei einigen Autoren bedingt ist, andererseits finden sich auch einige Autoren, die versuchen beide Ansätze, Konstruktivismen und SC, mit einander zu verbinden.
    Alles in allem, dennoch eine sicher interessante Arbeit.

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