Grundlagen der Bindungstheorie und Auswirkungen der Bindungspersonen auf das Bindungsverhalten des Kindes


Hausarbeit, 2020

17 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Grundlagen der Bindungstheorie nach John Bowlby
2.1 Definition des Bindungsbegriffs
2.2 Bindungsverhalten / Explorationsverhalten des Kindes
2.3 Die Bindungsphasen

3. Die 4 Bindungstypen
3.1 Unsicher-vermeidende Bindungsqualität (A)
3.2 Sichere Bindungsqualität (B)
3.3 Unsicher-ambivalente Bindungsqualität (C)
3.4 Desorganisierte Bindungsqualität (D)

4. Bindungsbeziehungen
4.1. Sichere Basis
4.2 Die Bindungspersonen
4.3 Tages- und Fremdbetreuung

5. Zusammenfassung und Ausblick

Fazit

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Für einen Säugling gehört neben den Grundbedürfnissen von Nahrung, Schutz vor Gewalt und der gesundheitlichen Fürsorge auch eine langfristige und liebevolle Beziehung der Bezugspersonen dazu, denn der Säugling kommt von der Natur aus als soziales Wesen auf die Welt und dem angeborenen Bedürfnis nach sozialem Kontakt. Ein sicheres Bindungsverhalten stellt eine gesunde Basis für die frühkindliche Entwicklung bei Kindern dar, denn Kinder haben ein grundlegendes Bedürfnis nach emotionaler Nähe und Geborgenheit. Dies bedeutet, dass es für Kinder wichtig ist, eine Bindungsperson (zum Beispiel die Mutter) zu haben, der sie vertrauen können und die ihnen einen sicheren Rückzugsort bietet.Gleichzeitig benötigen Kinder aber auchviel Freiraum, um die Lebenswelt entdecken zu können.Dies gelingt nur, wenn sich Kinder durch eine Bezugsperson sicher fühlen und sich dadurch trauen, ihr Umfeld zu erkunden. Das Bindungsverhalten bedingt letztlich das Explorationsverhalten des Kindes. Hierbei stellt sich die Frage, wie die Erziehungspersonen das Bindungsverhalten der Kinder stärken können. Mit welchen Handlungstheorien gelingt eine sichere Bindung, und was bedeutet diese in der Praxis überhaupt? Welche Rolle spielt die Bindung in der frühkindlichen Entwicklung genau und wie lässt sich in Bindung zu den Kindern in der Tagesbetreuung aufbauen?

Die vorliegende wissenschaftliche Arbeit soll sich mit den Antworten auf die oben genannten Fragen beschäftigen und Lösungen geben. Als erstes werden die Grundzüge der Bindungstheorie von John Bowlby erläutert, um einen ersten Einblick in das Thema zu bekommen. Hierzu gehört auch die Definition des Bindungsbegriffes, um zu verstehen, was genau Bindung eigentlich bedeutet.

Im nächsten Teil folgt eine Erläuterung des Bindungs- und Explorationsverhalten des Kindes, denn diese stehen immer im Zusammenhang. Im nächsten Teil werden 4 verschiedene Bindungsphasen vorgestellt, die jedes Kind durchläuft. Darauf folgt das Kapitel 3, indem 4 verschiedene Bindungstypen vorgestellt werden, um zu verdeutlichen, dass Bindung zu einer Person nicht immer sicher und gebunden sein muss.

Im vierten Kapitel wird nochmal auf die verschiedenen Bindungspersonen eingegangen, denn es ist wichtig zu sagen, dass diese nicht immer nur die Mutter und der Vater sein müssen. Es ist auch möglich, dass das Kind durch eine Tages- und Fremdbetreuung betreut wird. Hierbei stellt sich die Frage, wie pädagogische Fachkräfte im Alltag handeln sollten, um eine Bindungsbeziehung aufzubauen. Hierfür werden Beispiele und Erläuterungen gemacht, wie pädagogisch gehandelt werden muss, um eine gute Bindung zu dem Kind zu erlangen. Der Schlussteil stellt ein abschließendes Fazit dar und fasst den Inhalt der Arbeit nochmal in Kürze zusammen.

Ziel dieser wissenschaftlichen Arbeit ist es aufzuzeigen, warum ein sicheres Bindungsverhalten im frühkindlichen Alter von großer Bedeutung ist und wie die verschiedenen Erziehungspersonen dementsprechend handeln können, um die Bindung bestmöglich zu unterstützen.

2. Die Grundlagen der Bindungstheorie nach John Bowlby

„Die Bindungstheorie beschreibt und erklärt wissenschaftlich, warum Menschen dazu tendieren, sich auf enge emotionale Beziehungen einlassen und inwieweit die psychische Gesundheit einer Person beeinflusst wird, wenn diese Beziehung beeinträchtigt, unterbrochen bzw. beendet werden“ (Leugning und Lüpschen, 2012, S. 9).

Die Grundzüge der Bindungstheorie stammen von dem britischen Psychoanalytiker John Bowlby (1907-1990). Nach seinem naturwissenschaftlichen Studium trat er eine Stelle an der „London Child Guidance Clinic“ an und fand bei seiner Arbeit dort heraus, „dass nicht – wie es bis dahin für die meisten Psychoanalytiker üblich war – die kindlichen Phantasien die stärkste Beachtung finden sollten, sondern Familienereignisse, die real stattgefunden hatten“ (ebd. S.10). Hierzu wurde die Wichtigkeit der Beziehung des Kindes zu den Eltern betont und die andauernden Folgen, die sich für Kinder bei der Trennung von ihren Eltern ergeben. Eine zentrale Erkenntnis dieser Theorie ist es, dass die biologischen Grundlagen der Bindung des Kindes an seine Mutter, sowohl positive als auch negative Konsequenzen haben können. Trennungen von der Mutter eines Kleinkindes werden demnach als Gefahr für körperliche und seelische Gesundheit gesehen (vgl. Bowlby, 2009, S. 5). Zusammen mit Mary Ainsworth gründete John Bowlby daraufhin eine Forschungsgruppe, die verschiedene Familienbeziehungen untersucht, um zu schauen, welche Beziehungen eine gesunde, oder eben auch gestörte kindliche Entwicklung beeinflussen können.

„Die Bindungstheorie nimmt an, dass sich im Verlauf der Evolution verschiedene Verhaltenssysteme herausgebildet haben, deren Aufgabe es ist, die Erfüllung der wichtigsten physiologischen und emotionalen Grundbedürfnisse sicherzustellen“ (Becker-Stoll et al., 2018, S. 21f.). Die Befriedigung der physiologischen Grundbedürfnisse nach Nahrung oder zum Beispiel Schlaf reichen alleine aber nicht aus, denn die Erfüllung der emotionalen Grundbedürfnisse, wie Bindung, Nähe und Schutz sind für die Entwicklung mindestens genauso wichtig (vgl. ebd.). „Zu der Zeit, als unser Bindungssystem entstanden ist, war die Umwelt voller lauernder Gefahren. Auch heute noch sind Bindung und Schutz für ein Baby überlebenswichtig“(ebd. S. 16).

Bowlby gründete seine Theorie teilweise auf die Erkenntnisse der Ethologie und als Naturforscher war er besonders beeindruckt von dem Phänomen des Nachfolgeverhaltens bei vielen Vogelarten, das von Lorenz (1952) beschrieben wurde. „Frisch geschlüpfte Gänschen folgen ihrer Mutter (oder einem Mutterersatz) und zeigen entsprechende Reaktionen der ‚Angst‘ (Piepsen, Suchen), wenn sie von ihr getrennt werden, obwohl sie sie nicht direkt mit Futter versorgt. Hier scheint die Bindung von der Fütterung losgelöst zu sein“ (Holmes, 2002, S. 84). Ein weiteres, umgekehrtes Beispiel stellen die Affenstudien von Harlow 1958 dar. Hier wurden bei der Geburt kleine Rhesusaffen von ihren Müttern getrennt und stattdessen von Ersatzmüttern aus ‚Draht‘ großgezogen, die die Affen mit Nahrung versorgte und von einer weiteren Ersatzmutter, die kein Fläschchen hatte, aber einen weichen Überzug aus Frottee. „Die Äffchen zeigten eine klare Präferenz für die ‚flauschige‘ Mutter, und verbrachten bis zu 18 Stunden am Tag damit, sich an sie anzuschmiegen (so, wie sie es bei ihren richtigen Müttern machen würden), und das, obwohl sie ausschließlich von der ‚stillenden‘ Drahtmutter gefüttert wurden. (…) Gänse demonstrieren Bindung ohne Füttern, Rhesusaffen zeigen Füttern ohne Bindung“ (ebd.). Somit war für Bowlby klar, dass die Fütterung von der Bindung unabhängig ist und er kritisierte Freuds Psychoanalyse, die besagt, dass Bindung nur aus triebtheoretischen Ansätzen (Hunger, Durst) geschieht. „Der biologische Zweck des Bindungssystems ist der Schutz vor Raubtieren, was unter den Umweltbedingungen, unter denen sich frühzeitliche Menschen entwickelt haben, lebensnotwendig gewesen wäre. Säuglinge und kleine Kinder müssen ständig in der Nähe ihrer Mütter bleiben und eine Trennung signalisieren, wenn sie vor Fressfeinden sicher bleiben wollen“ (Holmes, 2002, S. 85). Denn ohne den zuverlässigen Schutz und die Unterstützung einer Bindungsperson, könnten Babys und Kleinkinder in den ersten Jahren nicht überleben (vgl. Becker-Stoll et al., 2018, S. 16).

2.1 Definition des Bindungsbegriffs

„Bindung bezeichnet eine enge emotionale, länger andauernde Beziehung zu bestimmten Menschen, die nach Möglichkeit sowohl Schutz bieten als auch unterstützend wirken, z.B. wenn ein Kind verunsichert oder traurig ist und sie dem Kind helfen, seine Emotionen zu regulieren“ (Leugning und Lüpschen, 2011, S. 11).

Die Bindung bei Kleinkindern bezieht sich in den meisten Fällen auf die Eltern, wenn diese diejenigen sind, die das Kind am häufigsten betreuen. Denn Bindung entsteht dann, wenn die sogenannte Bindungspersonen häufig mit dem Kind agieren und so eine enge Beziehung zueinander aufbauen. Von dieser Person wird dann vom Kind Schutz, Sicherheit und Unterstützung erwartet (vgl. Schleiffer, 2014, S. 30f.). „ Bindung ist ein allgemeiner Begriff, der sich auf den Zustand und die Qualität der individuellen Bindungen bezieht. Diese können in sichere und unsichere unterteilt werde“ (Holmes, 2002, S. 88). Die Bindung, die ein Kind zu einer bestimmten Person hat, unterscheidet sich also immer von der Bindung zu einer anderen Person.

Folgende 5 Grundthesen stellte John Bowlby zum Begriff Bindung auf:

1. Bei der Bindung handelt es sich um ein wesentliches Merkmal der Eltern-Kind-Beziehung.
2. Die Bindungsbeziehung ist zu unterscheiden von Abhängigkeit.
3. Bindung ist biologisch fundiert.
4. Die Erfahrungen des Kindes mit seinen Bindungspersonen finden ihren Niederschlag in psychischen Repräsentationen.
5. Bestimmte Repräsentationen von früheren Bindungserfahrungen weisen einen Zusammenhang auf mit späterer psychopathologischer Auffälligkeit. (Schleiffer, 2014, S. 29)

2.2 Bindungsverhalten / Explorationsverhalten des Kindes

„Unter Bindungsverhalten wird, kurz gesagt, jede Form des Verhaltens verstanden, dass dazu führt, dass eine Person die Nähe eines anderen differenzierten und bevorzugten Individuums, das gewöhnlich als stärker und/oder klüger empfunden wird, aufsucht oder beizubehalten versucht. Wenngleich das Bindungsverhalten während der Kindheit besonders deutlich sichtbar ist, wird angenommen, dass es für den Menschen von der Wiege bis zum Grab charakteristisch ist“ (Schleiffer 2014, zit. n. Bowlby 1982, S. 159f.). Dieses Verhalten wird also von einer drohenden Trennung von der Bindungsperson ausgelöst und wiederum durch die Nähe gelindert oder gar beendet. „Das Bindungssystem wird durch inneren oder äußeren Stress aktiviert, zum Beispiel durch Fremdheit, Hunger, Müdigkeit und alles, was Angst und Unwohlsein auslöst“ (Becker-Stoll et al., 2018, S. 22f.). Wann das Bindungssystem wieder deaktiviert wird, hängt immer von der Art der Bedrohung ab, ob ein Sichtkontakt zu der Bindungsperson genügt, oder ob es einer körperlichen Nähe mit engen Umarmungen braucht (vgl. Holmes, 2002, S.88). Beispiele für Bindungsverhaltensweisen können sein: Rufen nach der Bindungsperson, Festhalten, Weinen, oder auch der Protest, wenn das Kind abgesetzt wird und die Person sich entfernt. Also alle Verhaltensweisen „die darauf abzielen, die physische oder psychische Nähe zu Bindungspersonen herzustellen, bzw. aufrecht zu erhalten“ (vgl. Leugning und Lüpschen, 2011, S. 13).

Das Explorationsverhalten bei Kindern setzt also voraus, dass die Bindungsperson in der Nähe des Kindes ist, oder das Kind weiß, wo sie sich befindet, damit es sie schnellstmöglich erreichen kann, sobald es ein Ereignis gibt, welches das Bindungssystem des Kindes aktiviert. Nur so kann das Kind sich der Umwelt zuwenden, Dinge ausprobieren und Neues entdecken (vgl. Becker-Stoll et al., 2018, S. 23).

„Bindungs- und Explorationsverhalten stehen in einer wechselseitigen Beziehung zueinander. Fühlt sich ein Kind sicher und wohl, kann es seine Umwelt frei explorieren. Erfährt es jedoch Unsicherheit, wird das Explorationsverhalten eingestellt und das Kind zeigt vermehrtes Bindungsverhalten“ (Leugning und Lüpschen, 2011, S. 14).

Die Bindung und das Explorationsverhalten sind also keine Gegensätze, sondern viel mehr ein Zusammenspiel und demnach untrennbar, denn „eine sichere Basis fördert in jedem Alter auch die Unabhängigkeit, das Selbstvertrauen und damit auch das Lernen des Kindes“ (Becker-Stoll et al. 2018, S. 23).

2.3 Die Bindungsphasen

Die Bindungsentwicklung lässt sich nach Ainsworth (1978) in vier Bindungsphasen einteilen. Bei den Zeitangaben und den unterschiedlichen Entwicklungsschritten in den jeweiligen Phasen handelt es sich hierbei um Richtwerte.

Die erste Phase, die ein Säugling in den ersten sechs Lebenswochen durchläuft, nennt sich Vor-Bindungsphase. In dieser Zeit hat das Kind noch keine Bindung entwickelt und kann auch bei anderen, für ihn unbekannten Erwachsenen bleiben. Durch seine angeborenen Signale, wie weinen, oder Augenkontakt tritt es mit anderen Menschen in Kontakt. Die Phase der beginnenden Bindung vollzieht sich bis zu einem Alter von acht Monaten. Hier kann das Baby bereits zwischen Familienmitgliedern und anderen Personen unterscheiden und sogar die einzelnen Familienmitglieder differenzieren. Das aktive Bindungsverhalten des Kindes steigt stark an und bereits in dieser Phase kann das Kind als gebunden betrachtet werden, da das Kind seine Bindungspersonen im Gegensatz zu anderen Menschen bevorzugt. Die dritte Phase ist die eigentliche Bindungsphase, in der das Kind bis zum zweiten oder dritten Lebensjahr die Fähigkeit entwickelt, sich fortzubewegen. Somit kann das Kind der bevorzugten Person folgen und somit aktiv deren Nähe suchen. Zusätzlich beginnt sich die Sprachentwicklung auszubauen, damit sich das Kind zielorientiert Verhalten kann. In dieser Phase nutzt das Kind die Bindungsperson als sichere Basis, um die Umwelt erkunden zu können. Die letzte Phase ist die zielkorrigierte Partnerschaft, in der sich eine reziproke Beziehung zwischen Kind und der Bindungsperson bildet. Die egozentrische Sichtweise des Kindes nimmt ab, wodurch es ihnen möglich ist, auch den Blickwinkel der Bindungsperson zu sehen. Hierdurch verstehen sie mögliche Gefühle oder Motive, die einem Verhalten zugrunde liegen können. (vgl. Lengning und Lüpschen, 2012, S. 14f.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Grundlagen der Bindungstheorie und Auswirkungen der Bindungspersonen auf das Bindungsverhalten des Kindes
Hochschule
Fliedner Fachhochschule Düsseldorf
Note
2,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
17
Katalognummer
V979966
ISBN (eBook)
9783346330284
ISBN (Buch)
9783346330291
Sprache
Deutsch
Schlagworte
grundlagen, bindungstheorie, auswirkungen, bindungspersonen, bindungsverhalten, kindes
Arbeit zitieren
Sina Schumacher (Autor), 2020, Grundlagen der Bindungstheorie und Auswirkungen der Bindungspersonen auf das Bindungsverhalten des Kindes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/979966

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