Jüdische Kontingentflüchtlinge in Deutschland ab 1990. "Privilegierte Einwanderer" aus der Sowjetunion


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung Seite

1. Juden im Zarenreich und in der Sowjetunion Seite

2. Die Einwanderung nach Deutschland Seite

3. Die Situation der Juden in Deutschland 2020 Seite

Fazit Seite

Anhang

Einleitung

„Deutschland ist kein Einwanderungsland. Es sind daher alle humanitär vertretbaren Maßnahmen zu ergreifen, um den Zuzug von Ausländern zu unterbinden." (Koalitionsvereinbarung 1982, S.6).

Ungeachtet dieses Vorsatzes der Regierungsparteien CDU/CSU und FDP mit dem neuen Bundeskanzler Helmut Kohl an der Spitze verringerte sich der Ausländeranteil in der BRD seitdem nicht, sondern stieg ab 1990 sogar sprunghaft an. Heute hat ein Viertel der Bevölkerung Deutschlands einen Migrationshintergrund (Statistisches Bundesamt 2020), wobei nur diejenigen mitzählen, die entweder selbst oder deren Eltern eingewandert sind, während aber vielfach auch Nachkommen dritter und vierter Generation noch als Nicht-Deutsche wahrgenommen werden.

Einen recht hohen Migrantenanteil stellen die russlanddeutschen Aussiedler, die nach der Öffnung des Ostblocks 1988 in großer Zahl eintrafen. Gleichzeitig mit ihnen kam ab 1990 eine weitere Migrantengruppe aus der Ex-Sowjetunion, die von der Bundesregierung explizit eingeladen wurde: Juden, welche die überalterten jüdischen Gemeinden füllten und damit das Judentum in Deutschland wieder zum Aufleben brachten.

In der deutschen Gesellschaft wurden die sowjetischen Juden zunächst vor allem als Russen wahrgenommen. Viele von ihnen hatten kaum Bezug zurjüdischen Kultur und Religion, was sich bei einem Teil aber in Deutschland änderte.

Wie es zu ihrer Einwanderung gekommen ist, wie diese verlaufen ist und die Situation der jüdischen Migranten in der deutschen Gesellschaft heute wird in dieser Arbeit behandelt. Neben einschlägiger Sekundärliteratur wurden auch Beiträge in sozialen Medien, öffentlichen Medien und persönlichen Befragungen benutzt. Letztere sind im Anhang aufgeführt.

1. Juden im Zarenreich und in der Sowjetunion

Um sich mit der Einwanderung der Juden und ihrer Stellung in der deutschen Gesellschaft befassen zu können, muss zuerst ein Blick in die jüdische Geschichte auf russischem Boden geworfen werden.

1.1 Juden im Zarenreich

Während es im Mittelalter keine nennenswerten jüdischen Siedlungen auf damaligem russischem Gebiet gab, kamen durch die Teilungen Polens 1772-1795 und den Anschluss der Krim 1783 Gebiete mit hohem jüdischen Bevölkerungsanteil zum Zarenreich hinzu. Katharina II. wies ihnen einen „Ansiedlungsrayon" zu, in dem sie unter zahlreichen Einschränkungen leben durften: 15 Gouvernements, die heutigen West-Ukraine, Weißrussland, Ost-Polen und Baltikum. (Siehe Kleinmann 2010). Mit der Eingliederung der asiatischen Gebiete ins russische Reiche kamen weitere jüdische Bevölkerungsgruppen dazu, z.B. die Bucharischen Juden 1880 lebten in Russland 70% der Juden weltweit. Bei der Volkszählung 1897 zählten sie über fünf Millionen (davon 3,6 im „Ansiedlungsrayon" und 1,3 im Königreich Polen).1 Sie konzentrierten sich in Städten, da ihnen die Ansiedlung in ländlichen Gebieten untersagt war.2 Größtenteils waren sie nicht assimiliert: 1,4% der Personen jüdischen Glaubens gaben Russisch als Muttersprache an, 97,9% Jiddisch. Nur 24,6% konnten sich auf Russisch verständigen. (Troinicki et al, 1905.)

Infolge der judenfeindlichen Politik und der zahlreichen Pogrome 1881-1906 wanderten um die Jahrhundertwende über zwei Millionen Juden aus, hauptsächlich in die USA, teilweise nach Palästina oder Argentinien. Ein Großteil der verbleibenden Juden zeigte sich offen für die revolutionären Bestrebungen im Land, so dass sich 1905-1917 viele den revolutionären Parteien (SR und RSDRP) anschlossen.

Während des 1. Weltkriegs wurden 250-350 Tausend Juden aus dem Ansiedlungsrayon in die inneren Gouvernements des Zarenreiches deportiert und damit auch die nachfolgenden Pogrome über die Grenzen des Ansiedlungsrayons hinaus bis nach Sibirien getragen (Polân, 2001).

1.2 Juden in der Sowjetunion

Bei der Revolution 1917 wurden formal alle Einschränkungen nach Klasse, Nationalität und Religion aufgehoben, Juden konnten zum ersten Mal ihren Ansiedlungsort frei wählen und Posten in Verwaltung und Regierung einnehmen. Viele von ihnen waren intellektuell und gebildet und strebten nach höherem Einfluss. Bald stellten sie einen hohen Anteil der kommunistischen Organisationen und waren aktiv im Kampf gegen alles Religiöse im Land - einschließlich des Judentums. 1918 begann die Anti-Judaismus-Kampagne des Jüdischen Kommissariats. Hebräische Sprache und religiöse Bezüge wurden aus den Jüdischen Schulen verbannt, nur noch Jiddisch durfte unterrichtet werden. Ab 1920 wurden die jüdischen Schulen endgültig liquidiert und Schauprozesse gegen Judaismus und religiöse Kindererziehung organisiert.

Der hohe Anteil von Juden in der neuen Sowjetregierung bestärkte ihre Gegner in der Theorie vom „Jüdischen Bolschewismus" und einer jüdischen Weltverschwörung. Gleichzeitig litten die jüdischen Ansiedlungsgebiete stark unter dem Bürgerkrieg und den Überfällen derverschiedenen Armeen und unabhängigen Banden. Die Zahl der Getöteten bei den Judenpogromen wird laut Budnickij (2005) auf etwa 150.000 geschätzt.

Zu den 1,5 Millionen Juden, die bis 1939 in der Sowjetunion lebten, kamen eine weitere halbe Million in den 1939-40 an die Sowjetunion angeschlossenen Gebieten dazu. (Gitelman 1993, S.3)

Beim Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion im Sommer 1941 gerieten die Gebiete des früheren „Ansiedlungsrayons" unter deutsche Besatzung. Einem kleinen Teil der dort lebenden Juden gelang die Flucht in den Osten, während der überwiegendeTeil (1,5-2 Millionen) dem Holocaust zum Opfer fiel. Gleichzeitig kämpften eine halbe Million Juden in der Roten Armee, rund 200.000 fielen. Auf diese Weise wurde durch den Krieg fast die Hälfte der Sowjetjuden im ehemaligen „Ansiedlungsrayon" vernichtet. Die überlebenden strömten in die Großstädte und taten alles dazu, sich in der russischen Bevölkerung zu assimilieren. Nur ein geringer Anteil sprach weiterhin Jiddisch oder besuchte die Synagogen.

Während es zwar in der Sowjetunion immer Juden in Regierungspositionen und als führende Köpfe in Wirtschaft und Wissenschaft gab, blieb der unterschwellige und zeitweise offen ausgelebte Antisemitismus bestehen. Man konnte seine jüdische Identität nicht verheimlichen. Der sogenannte „Fünfte Punkt" des Personalausweises lautete „Nationalität", und wer jüdische Eltern hatte, hatte hier ebenfalls „Jude" eingetragen.

So waren die Opfer der Anti-Kosmopoliten-Kampagne 1948-1953 größtenteils Juden. Im ganzen Land wurden jüdische Organisationen bekämpft und Kultureinrichtungen geschlossen.

Die Staatsgründung Israels 1948 und der Sechstagekrieg 1967 riefen bei den Sowjetjuden ein neues Nationalbewusstsein hervor. Zwischen 1969 und 1975 wanderten rund 100.000 nach Israel aus. Diese Rückkehrwelle in das Land der Vorfahren ebbte in den 1980er Jahren ab, weil sich die Auswanderungspolitik wieder verschärfte und gleichzeitig die USA als Einwanderungsland für Juden attraktiver wurde. (Siehe Éttingersowie Éngel.)

Während der Perestrojka wuchs das Nationalbewusstsein aller nationalen Minderheiten der Sowjetunion. Vermehrte Gerüchte über antijüdische Pogrome führten zu einem erhöhten Interesse an dem Repatriierungsprogramm Israels, an dem 1989-2004 über eine Million Juden mit ihren Angehörigen teilnahmen. Nach dem Wegfall der Ausreiseeinschränkungen durch den Zusammenbruch der Sowjetunion wählten Auswanderungswillige auch andere Zielländer wie die USA oder Deutschland. Allein im Jahr 1989 reisten mindestens 50.000 Juden aus der Sowjetunion aus. (Belkin, o.J.) Auch in den folgenden Jahren blieb der Anteil der jüdischstämmigen Auswanderer hoch. Bei der Volkszählung 2010 stellten die Juden nur 0,11% der Gesamtbevölkerung Russlands dar.

2. Die Einwanderung nach Deutschland

2.1 Das deutsche Judentum um 1990

Diejüdischen Gemeinden in Deutschland zählten Ende der 1980er knapp 30.000 Mitglieder (Körber 2016). Für Holocaust-Überlebenden und aus den Ostgebieten geflüchtete Juden war Deutschland größtenteils nur Zwischenstation für eine weitere Auswanderung gewesen. Nach der Staatsgründung Israels hatten die meisten Deutschland verlassen, lediglich 10.000-15.000 waren geblieben. (Brenner 1999, S. 35).

Der israelische Konsul Yachil ging davon aus, dass sich diejüdischen Gemeinden und Organisationen innerhalb der folgenden Jahre selbst auflösen würden und schloss 1953 das Konsulat in München. Damals entstand der Ausdruck, die Juden in Deutschland würden „auf gepackten Koffern sitzen". (Knobloch 2000)

Im Grundgesetz der BRD war 1949 die gesetzliche Grundlage dafür geschaffen, dass frühere deutsche Staatsangehörige, „denen zwischen dem 30. Januar 1933 und dem 8. Mai 1945 die Staatsangehörigkeit aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen entzogen worden ist, und ihre Abkömmlinge" auf Antrag wieder einzubürgern waren." (GG §116) Während die Holocaust­Überlebenden selbst kaum Gebrauch davon machten, nutzten ihre Kinder und Enkel aus Israel dies um 2000 wieder verstärkt. (Aderet, 2007). Doch das Wiederaufleben des Judentums in Deutschland ist hauptsächlich der Einwanderung von Juden aus den ehemaligen Sowjetstaaten zu verdanken, von denen ab 1990 über 200.000 in die Bundesrepublik einreisten.

2.2 Jüdische Kontingentflüchtlinge

Die erste Einladung an Juden aus der Sowjetunion erfolgte aus der noch existierenden DDR, die sich bislang nicht als Nachfolgestaat des Nazireiches gesehen und deshalb nicht an Wiedergutmachungsleistungen teilgenommen hatte. Die Regierung Modrow / de Maiziere sprach sich am 11. Juli 1990 dafür aus, Mitverantwortung für den Holocaust zu übernehmen und als Wiedergutmachung „jüdischen Bürgern, denen Verfolgung oder Diskriminierung droht", im Sinne des „Asyls für Ausländer" aus „humanitären Gründen" zu gewähren. (Berger 2010, S. 57).

Diese Einladung war eine Antwort auf die Forderung des Jüdischen Kulturvereins Berlin vom 9. Februar 1990 am Zentralen Runden Tisch der DDR, „angesichts der krisenhaften, von antisemitischen Ausfällen begleiteten Situation in der UdSSR von der amtierenden Regierung, jenen sowjetischen Juden, die es wünschten, den Daueraufenthalt in der DDR zu ermöglichen." (Runge 1995, S. 77) Unmittelbar kamen die ersten jüdischen Ankömmlinge aus der Sowjetunion nach Ost-Berlin, darunter beispielsweise der heute bekannte deutsche Schriftsteller Wladimir Karniner, der seine Einwanderung nach Deutschland in dem autobiographischen Erzählband „Russendisko" beschreibt.

Am 9. Januar 1991 beschloss die Ministerpräsidentenkonferenz des wiedervereinigten Deutschlands die Zuwanderung sowjetischer Juden zu erlauben. Aus Mangel an einer eindeutigen gesetzlichen Grundlage wurde das Kontingentflüchtlingsgesetz auf diese Einwanderung angewandt. Die Juden aus der Sowjetunion waren im Gegensatz zu anderen Kontingentflüchtlingen nicht zum Nachweis der Verfolgung verpflichtet, bekamen sofort den Stempel „unbefristet" und durften arbeiten.

Bei der Entscheidung, wer bei der Einwanderungserlaubnis als Jude zu gelten habe, wich die Definition der Bundesbehörde vom jüdischen Religionsgesetz (Halacha) ab, das die Zugehörigkeit zum Judentum matrilinear definiert. Für eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland durfte jedes Kind oder Enkelkind eines jüdischen Eltern- oder Großelternteils seine Zugehörigkeit zum jüdischen Volk geltend machen. Als Begründung führte Bundeskanzler Kohl an, die Nationalsozialisten hätten bei ihrer Verfolgung auch nicht nach mütterlicherseits oder väterlicherseits abstammenden Juden unterschieden. (Belkin 2017, S. 17).

Seit dem neuen Zuwanderungsgesetz 2005 können Juden nicht mehr als „Kontingentflüchtlinge" nach Deutschland einreisen, sondern nach einem Punktesystem, bei dem es um Deutschkenntnisse, Integrationsprognose und Mitgliedschaft in einer jüdischen Gemeinde geht. (Belkin, o.J.)

2.3 Warum Deutschland? - Gründe für die Umsiedlung

Als „Paradox" bewertet der Historiker und Publizist Dmitrij Belkin, der 1993 als jüdischer Kontingentflüchtling aus der Ukraine kam, dass die sowjetischen Juden ausgerechnet nach Deutschland kamen, indem sie „gewissermaßen vor dem 20. Jahrhundert geflohen waren. In ein Land, das fast bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts die Auslöschung der Juden besiegen wollte." (2017, S. 35) Er führt allerdings aus, dass viele Juden hier vor allem die Chance auf ein wirtschaftlich, kulturell und bildungsmäßig besseres Leben sahen:

„Ich wollte frei sein, [...] in Europa Geisteswissenschaften studieren, [...] dieWelt kennenlernen, die jenseits des [...] eisernen Vorhangs lockte. [...] Es gab da diesen vielversprechenden Wind der Veränderung, der in den Neunzigerjahren einen unheimlichen Sog entwickelte, dem auch ich mich nicht entziehen konnte: Es zog förmlich nach Europa, das sich bald vom Atlantik bis zum Ural erstrecken sollte, die Türen schlugen auf und zu. Man witterte eine Chance, ohne diese rational definieren zu können - oder an die Folgen dieser Chance zu denken." (S. 13-14)

Die NS-Vergangenheit Deutschlands spielte für Belkin keine bedeutende Rolle, wie er weiterhin direkt sagt, was allerdings nicht allen seinen Altersgenossen so ging, wie der Bericht einer jungen Frau zeigt, die Deutschland nicht als ihre Heimat akzeptieren konnte, weil sie „seit langem das Heilige Land vergöttert und seine Bewohner bewundert und beneidet" hatte. Sie bewertet die Entscheidung ihrer Eltern für Deutschland als großen Fehler und erlebt das Gefühl, eine Außenseiterin zu sein, als tödlich. (Blank 2001, S.108-109).

Die Sicherstellung der materiellen Lage überwog aber offensichtlich die ideologischen Überlegungen, wie beispielsweise auch Person 2 im Interview berichtet:

„Ich hatte vorher noch nie von diesem Land gehört, kannte aus dem Fernsehen nur USA und Frankreich. Daher träumte ich von einem dieser Länder, wobei ich immer in die USA wollte. Und dann waren wir in einem Land namens Deutschland' gelandet. Keiner von uns wollte im Grunde hierhin. Meine Eltern sahen zur damaligen Zeit aber keinen anderen Ausweg im Hinblick auf die, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, in der Ukraine fatale wirtschaftliche Lage." (Siehe Anhang).

Die ältere Generation siedelte eher ihren Nachkommen zuliebe um:

„Mit Antisemitismus zu leben das waren wir schon gewohnt. [...] Dann haben wir von einer Bekannten erfahren, dass Deutschland Juden aufnimmt. Da hat meine Tochter gesagt:'[...] Wir werden zusammen versuchen, nach Deutschland zu fahren. Und dann werden wir sehen, wie es sein wird.' Für uns Ältere, die wir den Krieg noch erlebt haben, war eine Auswanderung nach Deutschland problematisch und mit Angst behaftet, aber für die jüngere Generation, die unsere Erinnerungen nur bedingt teilen kann, sind [...] im Grunde alle Nationen gleich. Und deshalb hatte meine Tochter auch keine solchen Ängste." (Blank 2001, S.33)

2.4 Neue Identitätsfindung in Deutschland

Die eingewanderten Juden entsprachen weitgehend nicht dem Stereotyp, das „aus Mangel an sinnlicher Erfahrung gemeinhin für,jüdisch' steht." Die meisten sprachen weder Jiddisch noch Hebräisch, sondern Russisch und „kleideten und verhielten sich, wie man es von sowjetischen Intellektuellen und Touristen erwartete." (Runge 1995, S. 78-79) Als „Missverständnis der Einladung von deutscher Seite" stellt es auch Belkin dar: man erwartete Juden, bekam aber Sowjetmenschen: „häufig atheistisch, arm, belesen und müde". Die Erziehung zum „Homo Sovieticus" hatte gefruchtet: „Wir hatten uns russifiziert: Viele Juden waren die größten Liebhaber der russischen Kultur. Sowjetisiert: Hunderttausende haben sich mit dem System identifiziert, ja dieses bewusst mitaufgebaut. Auch christianisiert: buchstäblich und injedem Fall intellektuell." (2017, S. 12-13)

Und dennoch war irgendwo ein gewissesjüdisches Selbstverständnis übriggeblieben und durch die Fremdzuschreibungen im Herkunftsland genährt worden: „Der staatliche und vor allem der Alltagsantisemitismus hielten uns zusammen und verbaten uns, unser tatsächliches oder imaginiertes jüdisches Naturell zu vergessen." (Belkin 2017, S. 12-13)

Immer wieder beschreiben sie - vor allem die jüngere Generation - den Konflikt zwischen dem jüdischen Erbe, das in der Familie vorhanden ist, und dem Mangel an eigenem Zugang dazu, wie z.B. Person 2 im Interview (siehe Anhang) sagt, dass weder Glaube noch Traditionen in ihrer Familie eine Rolle gespielt haben und auch die Familiengeschichte totgeschwiegen wurde. Und dennoch gab es ein jüdisches Selbstverständnis, aus dem heraus ihrer Eltern „meinen Bruder und mich in jüdische Schulen geschickt haben, weil sie meinten, sie müssten es so tun."

Anders war es bei den sephardischen Juden aus den asiatischen Teilen der Sowjetunion, die ihre religiösen Traditionen bewahrt hatten, u.a. weil sie im Gegensatz zu ihren aschkenaischen Volks- und Glaubensgenossen aus dem europäischen Teil Russlands weniger unter Verfolgung und Vernichtung zu leiden hatten. (Siehe Interview Person 1, außerdem persönliche Kommunikation am 25.11.2020.)

Für einen nicht geringen Teil der eingewanderten Juden war der Umzug nach Deutschland der Beginn einer neuen Auseinandersetzung mit ihrer jüdischen Identität. Für viele waren die jüdischen Gemeinden die ersten Institutionen, in denen sie Hilfe erfuhren und Zugehörigkeit fanden, und wo sie anfingen, diese Zugehörigkeit in der Religionsausübung zu suchen. In „Germanija. Wie ich in Deutschland jüdisch und erwachsen wurde" beschreibt Belkin diesen Prozess, wie er bei ihm - und nach ähnlichem Muster auch bei vielen verlief.

Die Anzahl der Mitglieder derjüdischen Gemeinden verdoppelte sich in den Jahren 2002 bis 2005 auf 108.289 (Zentralrat & ZWST 2020), sodass die Palette ihrer Veranstaltungen sich um eine große Bandbreite an russischsprachigen Kultur- und Informationsveranstaltungen erweiterte.

3. Die Situation der Juden in Deutschland 2020

3.1 Wirtschaftliche Situation

Ein Großteil der eingewanderten Juden kam aus der gebildeten Mittelschicht, die in der Sowjetunion gut situiert war und für deren ältere Generation die Umsiedlung häufig einen sozialen Abstieg mit sich brachte. (Siehe z.B. Zingher 2019). Da es keine Sozialversicherungsabkommen mit den Nachfolgestaaten der Sowjetunion gibt und das Fremdrentengesetz für die Juden (im Gegensatz zu den Spätaussiedlern) nicht greift, ist die ältere Generation derjüdischen Einwanderer von Altersarmut bedroht. Im April 2018 erfolgte deshalb ein Aufruf von Beck, Brumlik und Lagodinsky: „Gerechtigkeit fürjüdische Zuwanderer im Rentenrecht". Im Februar 2019 stellten FDP, Linke und Grüne einen Antrag auf Verbesserung der Alterssicherung jüdischer Kontingentflüchtlinge, der im Bundestag debattiert, aber abgelehnt wurde. (Bundestagsdebatte, 21.02.2019)

Die jüngere Generation dagegen hatte es weitgehend nicht schwer, sich sozial in der deutschen Gesellschaft zu integrieren. Dmitrij Belkin, der mit 22 nach Deutschland kam, ist z.B. wissenschaftlicher Mitarbeiter einiger Institute und Universitäten, Wladimir Karniner als deutscher Schriftsteller bekannt und beliebt, Gabriel Goldberg jugendreferent des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein und freiberuflicher Journalist - die Liste könnte fortgesetzt werden.

3.2 Erlebter Antisemitismus

Laut einer Studie 2018/19 haben nur etwa 6% der Befragten „klassisch" antisemitische Einstellungen, während dem israelbezogenen Antisemitismus etwa 25% der Befragten zustimmten. (Zick, Küpper & Berghan 2019) Das deckt sich mit vielen Erfahrungsberichten von Juden in Deutschland, die antisemitisch beschimpft und häufig bezüglich der israelischen Politik angefeindet werden, darunter z.B. die jüdischen Jugendlichen, die Jan Tenhaven für den Dokumentarfilm „Hey, ich bin Jude" (ZDF 2020) befragte, oder die beiden russischsprachigen Rabbiner Surovtsev (Potsdam) und Jakubov (Berlin) im Interview für die Sendung „Strana i ludi. Zhizn Jevrejev v Germanii" (Ost-West TV 2018).

Gabriel Goldberg berichtet von Diskriminierungen in seiner eigenen Schulzeit, von Kindern, die ihr Jüdischsein verheimlichen, Begrüßungen mit dem Hitlergruß und Sprüchen wie „Jude, Jude - feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein" oder „Stoppt den Judenterror" als Reaktion auf politische Operationen Israels wie „Protective Edge" 2014. (2015, S. 3-4).

Auslöser für verstärkte antisemitische Anfeindungen waren öffentliche Diskussionen wie die „Beschneidungsdebatte" 2012, die aber letztendlich zu einer gesetzlichen Regelung der Beschneidung von Jungen in den jüdischen Glaubensgemeinden führte (§1631d BGB).

Durch den Zuwachs an muslimischen Bewohnern im Zusammenhang mit der Flüchtlingswelle ab 2015 wurden die Ängste vor antisemitischen Anschlägen unter den Juden Deutschlands geschürt. Medienwirksam waren Vorfälle wie das antisemitische Mobbing eines Schülers der Friedenauer Gemeinschaftsschule in Berlin, was vielfach u.a. auf den hohen Anteil an Muslimen in der Schule zurückgeführt wurde. (Tagesspiegel Berlin 2017).

Eine Befragung unter jüdischen Bewohnern Deutschlands (Zick, Hövermann, Jensen & Bernstein 2017) ergab u.a., dass 76% Antisemitismus in Deutschland heute als Problem sehen (S. 11-12.) und 70% Bedenken haben, dass der Antisemitismus in Deutschland durch die Einwanderung antisemitisch eingestellter Flüchtlinge zunehmen wird. (S. 36)

3.3 Die junge Generation

Neben der Zunahme an Angst vor Antisemitismus lässt sich in den letzten Jahren eine wachsende Präsenz der jungen Generation von Juden in der Öffentlichkeit, in den Medien und in sozialen Netzwerken feststellen, die sich ausdrücklich zum Judentum bekennen und den Wunsch äußern, dies ausleben und als „normal" wahrgenommen zu werden.

Ein Beispiel dafür istJan Feldman, geboren 1989 in Taschkent, Usbekistan, aufgewachsen in Hannover. Als Künstler präsentiert er unter anderem jüdische Themen wie z.B. das Projekt „Jewersity" aufder Plattform „Instagram", bei dem unterschiedliche Personen aus jüdischem Hintergrund in einem Kurzvideo sagen, was Jüdischsein für sie bedeutet. Er selbst sei in einer jüdischen Familie mit traditionellen jüdischen Werten geboren und fühle sich im Judentum sehr wohl, was für ihn „meine Leute, meine Religion, mein Glauben, meine Tradition" bedeute und ihm Wurzeln gebe. Er selbst fühlt keine aktiven Einschränkungen durch seine Angehörigkeit zum Judentum, sei aber ernüchtert dadurch, dass es im Jahre 2020 in Berlin normal ist, dass vor seiner Synagoge immer rund zehn Wachleute stehen und es eine Sicherheitsschleuse gibt, und dass er in der Öffentlichkeit seine Kippa bedecken müsse. Er wünscht sich viele Begegnungen zwischen Juden und Nichtjuden, den Abbau der Stereotype auf Regierungsebene und den Erhalt einer Erinnerungskultur an den Holocaust.

Um den Menschen in Deutschland dasjüdische Leben nahezubringen, wurden Initiativen wie„Meet a Jew" gegründet. Spielfilm-Komödien wie „Das Unwort" (2020) von dem 1973 in Moskau geborenen Leo Khasin oder „Masel Tov Cocktail" (2020) des russischen Juden Arkadij Khaet wollen zeigen, dass Juden die Opferrolle satthaben und sich nach Normalität sehnen. „Juden werden im deutschen Kino oder Fernsehen häufig in einer Opferrolle gezeigt. Da kommt dann immer noch sentimentale Klezmermusik im Hintergrund. Mich nervt das", sagt Khasin in einem TAZ-Interview (Zinger 2020). In dem begleitenden Dokumentarfilm „Hey, ich bin Jude" erklären jüdische Jugendliche, wie ihr Leben in Deutschland aussieht.

[...]


1 4,03% der Gesamtbevölkerung des europäischen Russlands, 10,8% der Bevölkerung im Ansiedlungsrayon und 14,01% der Bevölkerung des Königreiches Polen. (Fishberg 1911).

2 So waren 50% der Stadtbewohner Litauens und Weißrusslands und 30% der Stadtbewohner in der Ukraine Juden.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Jüdische Kontingentflüchtlinge in Deutschland ab 1990. "Privilegierte Einwanderer" aus der Sowjetunion
Hochschule
Hochschule der Wirtschaft für Management  (Soziale Arbeit Integrationsmanagement)
Veranstaltung
Sozialpolitik
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
21
Katalognummer
V980024
ISBN (eBook)
9783346332585
ISBN (Buch)
9783346332592
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jüdische Einwanderer, Kontingentflüchtlinge, Migranten in Deutschland, Ost-West-Beziehungen, Jüdisches Leben in Deutschland, Einwanderung in Deutschland, Einwanderung aus der Sowjetunion
Arbeit zitieren
Naemi Fast (Autor), 2020, Jüdische Kontingentflüchtlinge in Deutschland ab 1990. "Privilegierte Einwanderer" aus der Sowjetunion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/980024

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