Krisenjahr 1923


Seminararbeit, 2000

23 Seiten, Note: 3


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Inhaltsverzeichnis

1. Themenwahl / Begründung

2. Klassenwahl

3. Rahmenrichtlinien
3.1 Aufbau eines Unterrichtsentwurfs im Geschichtsunterricht
3.1.1 Stellung und Funktion der Stunde
3.1.2 Angaben zum Thema
3.1.3 Didaktische Vorüberlegungen
3.1.4 Methodik
3.2 Sachanalyse, Einordnung in die Unterrichtseinheit
3.3 Didaktische Überlegungen

4. Der zeitgeschichtliche Einordnung
4.1 Versailler Vertrag

5. Die Chronologie des Kriesenjahrs 1923
5.1 Die Ruhrbesetzung
5.2 Die Cuno Ansprache
5.2.1 Note Frankreichs und Belgiens
5.3 Beendigung des Ruhrkampfes

Literaturverzeichnis

1. Themenwahl / Begründung

Das Kriesenjahr 1923 bietet eine ungeheure Fülle von Ereignissen. Selten in der Deutschen Geschichte gibt es so viele politische Ereignisse wie in ´23. Man kann sagen, daß das Jahr ´23 vielleicht das Bedeutendste mit 1990 in der Deutschen Geschichte ist. Für den Unterricht kommen viele verschiedene Möglichkeiten / Themen unter der Überschrift ,,Weimarer Republik" in Frage. Im folgenden möchte ich vor allem auf den Ruhrkampf eingehen, da er im Besonderen die Last der deutschen Bevölkerung und die Auswirkungen des Versailler Vertrages unmittelbar verdeutlicht.

2. Klassenwahl

Meine Klasse ist eine 10. des Graf-Stauffenberg-Gymnasiums in Osnabrück / Niedersachsen mit zwei Unterrichtsstunden pro Woche. Die Klassenstärke beträgt 25 Schüler und Schülerinnen.

3. Rahmenrichtlinien

Es gibt Rahmenrichtlinien für den Geschichtsunterricht (von 1983) in dem u.a. auch das

Thema des Kriesenjahres 1923 mit enthalten ist. Insgesamt werden 15 Stunden eingeplant. Der Rahmenrichtlinienplan, kurz RRL genannt, für die 10. Klasse Gymnasium (vgl. Seiten 33, 34) sieht folgendes vor:

15. Parlamentarische Demokratie in Deutschland: die Weimarer Republik

15.1 Die Revolution von 1918 und die Demokratisierung des Staates (5 Std.) Lernziele:

1) Die Ursachen der militärischen Niederlage und ihre unmittelbaren Folgen kennen
2) Die Auseinandersetzung um die politische und soziale Neugestaltung kennen
3) Die wichtigsten Bestimmungen der Weimarer Verfassung kennen und mit denen des Grundgesetzes vergleichen
4) Die sozialpolitischen Errungenschaften kennen und beurteilen

Unterrichtsinhalte:

1) Militärischer Zusammenbruch, Meutereien, Revolution; Waffenstillstand; Dolchstoßlegende
2) Bündnis Ebert - Oberste Heeresleitung; Rat der Volksbeauftragen; Rätesystem oder parlamentarische Demokratie; Nationalversammlung; Parteien; Frauenwahlrecht
3) Grundrechte; Präsident, Parlament, Regierung; Notstandsrecht
4) Verbindlichkeit von Tarifverträgen, 8-Stunden-Tag, Betriebsräte, Arbeitslosenunterstützung

15.2 Belastung und Stabilisierung der Republik (5 Std.) Lernziele:

1) Die Belastungen des Staates durch Folgewirkungen des Krieges und durch innere Gegner erkennen
2) Die Auswirkungen der Inflation besonders auf den Mittelstand erkennen und beurteilen
3) Ansätze wirtschaftlicher Stabilisierung erkennen und den Zusammenhang von wirtschaftlicher und politischer Entwicklung verfolgen
4) Den Versuch deutscher Verständigungspolitik kennen und Widerstände dagegen aufzeigen

Unterrichtsinhalte:

1) Versailler Vertrag, Reparationen; kommunistische Aufstände, Kapp-Putsch; Ruhrkampf, Hitlerputsch
2) Verfall der Währung; Vermögensumschichtung, soziale Deklassierung
3) Rentenmark, Dawes- und Youngplan; Wahlergebnisse 1924 - 30
4) Stresemann; Locarno, Eintritt in den Völkerbund; Opposition von rechts und links

15.3 Die wirtschaftliche und politische Krise seit 1929 (4 Std.) Lernziele:

1) Wichtige Ursachen der Weltwirtschaftskrise kennen und ihre Auswirkungen auf Deutschland verfolgen
2) Erkennen, daß die Auswirkungen der Wirtschaftskrise zu einer Staatskrise führten
3) Die Umstände der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler kennen und beurteilen
4) Verschiedene Ursachen für das Scheitern der Weimarer Republik aufzeigen und beurteilen

Unterrichtsinhalte:

1) Überproduktion und Bankenkrach in den USA, Abzug der Anleihen; Arbeitslosigkeit und Schwächung der Arbeiterbewegung; Radikalisierung; KPD, NSDAP, Ende der Reparationen
2) Versagen der den Staat tragenden Parteien; Präsidialregierungen, Brüning
3) Entlassung Brünings, Haltung von Reichswehr und Großindustrie, ,,Einrahmung" Hitlers
4) Niederlage 1918, fehlender Minimalkonsens, Strukturfehler des Regierungssystems, Versagen der Parteien, Defizit demokratischer Traditionen in Reichswehr und Beamtenschaft, Wirtschaftskrisen

Für Wiederholung und Übung steht 1 Stunde zur Verfügung Die neusten RRL für Gymnasien von 1996, erschienen im Schroedel Verlag in Hannover, sehen ähnliche Themen sowie mögliche Inhalte (Pkt. 3.4, Themenbereich 11, Seiten 48ff) wie in den RRL von 1983 vor, nur sind sie globaler gefaßt.

3.1 Aufbau eines Unterrichtsentwurfs im Geschichtsunterricht

3.1.1 Stellung und Funktion der Stunde im Rahmen der Unterrichtseinheit

Bezugnehmend auf den Versailler Vertrag, der schon einige Stunden vorher besprochen worden ist, soll nun der ,,Ruhrkampf" eingeleitet werden. Die Klasse erkennt die Last für Deutschland durch den Versailler Vertrag. Ferner soll die Funktion dieser Stunde innerhalb der Unterrichtseinheit erkennbar werden.

3.1.2 Angaben zum Thema

Sachanalyse (didaktische Reduktion), Bedeutung, Stellung und Funktion des Themas zur sachlichen Begründung der didaktischen Reduktion.

3.1.3 Didaktische Vorüberlegungen

- Legitimation des Unterrichtsvorhabens (Rahmenrichtlinienbezug)
- Reduktion, Akzentuierung auf den Verlauf des Ruhrkampfes
- Strukturierung in chronologischer Abfolge

3.1.4 Methodik

Impulsgebung des Lehrers als Unterrichtseinstieg mit dem Text 195 (s. Pkt.3.3) und der Cuno Ansprache im Reichstag (siehe Pkt. 5.2), sowie der Note Frankreichs und Belgiens über die Besetzung des Ruhrgebietes (siehe Pkt. 5.2.1). Zwei Gruppen bieten sich an. Eine Gruppe beschäftigt sich anstelle der Ansprache im Reichstag mit der Sicht Frankreichs. Beide Gruppen lesen aber den Cuno-Text. Die Schüler sollen sich zu Beginn ihre Texte durchlesen. Zwei Fragen bieten sich dazu an.

1. Was ist passiert?
2. Welche Auswirkungen kann dieser Aufruf haben? / Was kann passieren?

Mit den Aussagen der beiden Gruppen sollen die unterschiedlichen Standpunkte verdeutlicht werden. Anhand der 2. Frage soll ein Verlaufsszenario erstellt werden.

Nach Besprechung der Fragen erzählt der Lehrer über den Verlauf des Ruhrkampfes. Zum Abschluß der Unterrichtseinheit soll mittels Quellentext Nr. 205 (siehe Pkt. 5.3) der Frage nachgegangen werden, warum es zum Abbruch des passiven Widerstandes kam.

Der Einsatz von Quellen, hier vier, als den fachspezifischsten Medien im Geschichtsunterricht hat folgende positive Funktionen:

,,- Die Schüler werden in die Lage versetzt, sich auf direktem Wege mit geschichtlichen Tatsachen und Zusammenhängen vertraut zu machen.

- Durch die weitgehend authentische Begegnung mit der Vergangenheit kommt eine dem Lerngegenstand möglichst nahe Wissensaneignung und Meinungsbildung zustande. Wenn auch nicht alle, so wird doch ein guter Teil Fremdbestimmung im Unterricht abgebaut und Mündigkeit als Ziel der Erziehung insofern ernst genommen, als der Spielraum für selbständige Denkoperationen erweitert wird.

- Die Schüler lernen Geschichte und ihre Rekonstruktion als Prozeß kennen, der mancherlei Bedingtheiten unterworfen ist (Interessenabhängigkeit und Standortgebundenheit der Überlieferung, die ihrerseits aber unabdingbare Voraussetzung jeglicher Geschichtsdarstellung überhaupt ist).

- Analytischer und kritischer Umgang mit historischen Quellen fördert die Fähigkeit zur Verarbeitung von Quellen des gegenwärtigen politischen Lebens: Zeitungsmeldungen, Rundfunksendungen, Fernsehübertragungen." (Historisches Lernen II, S. 156)

3.2 Sachanalyse, Einordnung in die Unterrichtseinheit

Die innenpolitische Situation in Deutschland verschlechterte sich rapide durch die Festsetzung der Reparationen auf 132 Mrd. Goldmark, während der Londoner Konferenz und durch die ultimative Erzwingung dieser Summe durch die Alliierten. Die ohnehin schon vergiftete Atmosphäre verschlechterte sich mit dem Amtsantritt der Regierung Cuno (parteilos) noch weiter. Cuno leitete, unterstützt von der DNVP, eine Abkehr von der ,,Erfüllungspolitik" ein. Sein Ziel war es, einen Zahlungsaufschub zu erreichen. Der französische Ministerpräsident Poincare beantwortete diese Politik mit der Drohung, ,,produktive Pfänder" (z.B. Bergwerke, Industrieanlagen etc.) zu nehmen. Die englische Haltung war abwartend, die USA hatten sich zu diesem Zeitpunkt in Europa so gut wie nicht engagiert.

Frankreich drängte auf die Besetzung des Ruhrgebiets, was Großbritannien als ungerechtfertigt ablehnte. Einen minimalen Rückstand bei der Lieferung von Telegraphenmasten nahm Frankreich zum Anlaß, die alliierte Reparationskommission einzuschalten. Diese verurteilte auf Betreiben Frankreichs den Rückstand als Verstoß gegen den Versailler Vertrag. Als auch noch geringfügige Fehlbeträge an Kohlelieferungen entdeckt wurden, konnte Frankreich mit einer gewissen formalistischen Berechtigung die Besetzung des Ruhrgebiets fordern. An dieser Stelle soll nun der eigentliche Unterricht mit der Auseinandersetzung des Ruhrkampfes mittels eines Quellentextes zum Einstieg aus dem BLV-Verlag erfolgen.

3.3 Didaktische Überlegungen

Text 195

Aufruf der Reichsregierung vom 11.1.1923 bei Beginn des Ruhrkampfes

Schultheß, 1923, S. 8 f.

,,An das deutsche Volk!

Ein neuer Gewaltstreich ist auf Deutschland herniedergegangen. Mit wohlberechneter Wucht trifft der Schlag der französischen Faust den ungeschützten Lebenspunkt der deutschen Wirtschaft... Hat wirklich der Glaube geherrscht, daß den französischen Nöten durch die Zerstörung des deutschen Arbeitszentrums abzuhelfen war, so muß die schwerste Enttäuschung folgen. Gegen den Rat der Fachmänner aller Welt will Frankreich die Probe wagen. Daß es bei dem Versuch scheitern muß, ist unsere Überzeugung. Doch uns fehlt die Macht, diese Tat der Verblendung, die sich gegen Deutschland wie gegen die gesamte Wirtschaft richtet, aus eigener Kraft zu verhindern. Vermehrte Not für unser sorgengedrängtes Volk muß der Einbruch in die Hauptstätten unserer Arbeit im Gefolge haben."

4. Die zeitgeschichtliche Einordnung

Nach den revolutionären Unruhen, die das Deutsche Reich in den ersten Monaten nach Beendigung des Ersten Weltkrieges und der Ausrufung der Republik erschütterten, wurde am 28. Juni 1919 der Friedensvertrag von Versailles unterzeichnet. Sechs Wochen später, am 11. August, trat die neue Reichsverfassung, die mit 262 zu 75 Stimmen von der Nationalversammlung verabschiedet worden war, in Kraft. Bei den folgenden Reichstagswahlen, die als "Abmachung" zur Beendigung des Kapp-Lüttwitz-Putsches zum 6. Juni 1920 anberaumt wurden, verloren die Weimarer Koalitionsparteien (SPD, Zentrum, DDP) ihre bisherige Mehrheit. Dies war ein deutliches Zeichen für die Unzufriedenheit weiter Kreise der Bevölkerung mit der jungen parlamentarischen Demokratie. Geradezu als Inkarnation aller Fehler und Schwächen von Republik und Demokratie galt Matthias Erzberger. Als er am 26. August 1921 von ehemaligen Freikorpsangehörigen ermordet wurde, fand diese Tat im rechtsextremen Lager ein erschreckend positives Echo. Knapp ein Jahr später fiel Reichsaußenminister Walther Rathenau, nicht zuletzt wegen seiner jüdischen Abstammung und wegen des Rapallo-Vertrags mit Sowjetrußland, einem Anschlag desselben Täterkreises zum Opfer. Hunderttausende demonstrierten nach der Ermordung Rathenaus zwar für Republik und Demokratie, doch gegen den manifesten Antisemitismus des völkischen Lagers sowie gegen die republik- und demokratiefeindlichen Strömungen vermochten Demonstrationen allein nur wenig auszurichten.

In eine nahezu ausweglose Krise geriet die Weimarer Republik, als nach einer geringfügigen Verzögerung der deutschen Reparationsleistungen französische und belgische Truppen am 11. Januar 1923 das Ruhrgebiet besetzten. Daraufhin proklamierte die Reichsregierung den "passiven Widerstand" und pumpte immense Geldmengen als Kompensation für die Einstellung der Arbeit ins besetzte Gebiet. Die seit 1914 spürbare Inflation geriet nun völlig außer Kontrolle, Sparguthaben verloren ebenso ihren Wert wie die bis kurz vor Kriegsende gezeichneten Kriegsanleihen. Vor diesem Hintergrund wuchs die Putsch- und Aufstandsbereitschaft bei den Rechten wie bei den Linken. Während ein linker Aufstandsversuch "nach russischem Vorbild" jedoch im Oktober relativ sang- und klanglos in sich zusammenbrach und nur in Hamburg zu bewaffneten Auseinandersetzungen führte, waren Staatsstreichpläne der bayerischen Rechten bedrohlicher. Sie sahen in einer "legalen" Diktatur den einzigen Ausweg aus der - nach ihrer Meinung - vom "parlamentarischen System" verursachten Krise und wollten die politischen Verhältnisse der "Ordnungszelle" Bayern auf das Reich übertragen. An den Planungen zum "Marsch nach Berlin" wirkte auch Adolf Hitler mit, Führer des Deutschen Kampfbundes, eines Bündnisses von bayerischen Einwohnerwehren und SA. Als Hitler erkannte, daß der Kampf um die Diktatur ohne ihn und seine SA stattfinden sollte, nutzte er am 8. November 1923 eine "nationale Veranstaltung" des bayerischen Generalstaatskommissars im Münchener Bürgerbräukeller als Forum für seinen Putschversuch, der jedoch bereits am folgenden Tag niedergeschlagen wurde. Damit war die schwerste Gefahr für die Republik abgewendet. Die Stabilisierung der Währung durch die Einführung der Rentenmark trug das ihre zur innenpolitischen Beruhigung bei. Oberflächlich betrachtet waren die ersten Jahre, die auf das katastrophale Jahr 1923 folgten, für die Weimarer Republik eine Zeit der relativen innenpolitischen Windstille und kultureller Blüte; unter den bürgerlichen Reichskanzlern Wilhelm Marx und Hans Luther amtierten bürgerliche Kabinette, die zwar gelegentlich auseinanderbrachen, sich aber alsbald wieder zusammenfanden. Eine Zeitlang konnte es sogar scheinen, als habe sich selbst der monarchische Konservatismus mit der neuen Realität abgefunden. Ironischerweise zeigte sich das, als nach dem Tod des ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert mit knapper Mehrheit der einstige königlich-preußische Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg 1925 zum Reichspräsidenten gewählt wurde. Zur großen Überraschung seiner Umgebung dachte aber Hindenburg nicht daran, die monarchistische Wende zu vollziehen, die seine Hintermänner erhofften; statt dessen war er entschlossen, dieser Republik ein guter Präsident zu sein.

Mit der Unterzeichnung des Vertrages von Locarno Mitte Oktober 1925 hatte Deutschland seine internationale Isolation überwunden und erhielt einen Sitz im Völkerbund. Trotz der bewußt offengehaltenen Frage der deutsch-polnischen Grenze stellten das Dawes-Abkommen und der Locarno-Vertrag die Weichen für den 1929 ausgearbeiteten Young-Plan, der die deutschen Reparationslasten endgültig festlegen sollte: Die jährlichen Zahlungen sollten sich nun zwar bis 1988 erstrecken, aber gleichzeitig verpflichtete sich Frankreich, das Rheinland fünf Jahre vor dem ursprünglich vorgesehenen Termin zu räumen. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise wurden die deutschen Reparationsverpflichtungen auf der Konferenz von Lausanne im Sommer 1932 gegen eine Abfindungssumme von drei Milliarden Reichsmark endgültig gestrichen. Obwohl die auf den Einsatz wirtschaftlicher Mittel bauende Revisionspolitik Stresemanns durchaus erfolgreich war, rief die seit Oktober 1928 von Alfred Hugenberg geführte DNVP mit dem Stahlhelm und der Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) ein Volksbegehren gegen die Unterzeichnung des Young-Plans ins Leben und forderte im anschließenden Volksentscheid die auf Landesverrat stehende Zuchthausstrafe für jeden Unterzeichner derartiger Verträge. Zwar stimmten im Dezember 1929 nur knapp 14 Prozent der Wahlberechtigten diesem "Freiheitsgesetz" zu, aber die Teilnahme der Nationalsozialisten am Volksbegehren hatte der NSDAP enorme Publizität und Reputation im "nationalen Lager" verschafft. Bei der "Septemberwahl" 1930 steigerte die NSDAP ihr Ergebnis um fast 800 Prozent gegenüber der letzten Reichstagswahl und zog mit 107 Abgeordneten als zweitstärkste Fraktion in den Reichstag ein. Wähler aus allen sozialen Schichten hatten für die Nationalsozialisten gestimmt. Trotz einer auffallenden Verankerung im Mittelstand hatte die NSDAP sich in der zerstrittenen Parteienlandschaft zur ersten "Volkspartei" Deutschlands entwickelt. Der für den Nationalsozialismus charakteristische Antisemitismus trat in der Propaganda nun nicht mehr so massiv in Erscheinung. Der Partei ging es jetzt vor allem um den Nachweis ihrer "Gesellschaftsfähigkeit". Gemeinsam mit dem Stahlhelm und der DNVP bildete die NSDAP im Oktober 1931 die "Harzburger Front", um der nationalistischen Opposition mehr Stoßkraft zu verleihen.

4.1 Versailler Vertrag

Als die Vorstellungen der Alliierten vom zukünftigen Friedensvertrag im Mai 1919 bekannt wurden, waren nicht nur die im Krieg auf territorialen Zugewinn eingestimmten "Annexionisten" schockiert. Statt der Ausdehnung bis nach Flandern und Nordfrankreich sowie der Einverleibung weiter Teile Nordosteuropas mußte Deutschland nun erhebliche Gebietsverluste hinnehmen: Elsaß-Lothringen ging im Westen verloren, im Osten fielen Posen und Westpreußen an Polen, und das Hultschiner Ländchen im Südosten kam zur Tschechoslowakei; das Memelgebiet geriet unter die Kontrolle der Alliierten, während Danzig dem Völkerbund unterstellt und dem polnischen Zollsystem eingegliedert wurde. In Eupen und Malmedy, in Moresnet, im Saargebiet, in weiten Teilen Oberschlesiens, in südlichen und westlichen Teilen Ostpreußens sowie in Nordschleswig sollten Volksabstimmungen über die staatliche Zugehörigkeit entscheiden. Außerdem mußte Deutschland seinen gesamten Kolonialbesitz abtreten.

Da der Versailler Vertrag zudem die alleinige Kriegsschuld Deutschlands festschrieb, wurde er von der äußersten Rechten bis hin zur Sozialdemokratie grundsätzlich als ein "Diktat-" und "Schandfrieden" abgelehnt. Doch angesichts der alliierten Interventionsdrohung gab es zur Vertragsunterzeichnung am 28. Juni 1919 keine politisch vertretbare Alternative.

5. Die Chronologie des Kriesenjahrs 1923

Januar

2. - 4. 1. Auf der Konferenz der Alliierten in Paris fordern Delegierte der britischen Regierung einen vierjährigen Zahlungsaufschub für das Deutsche Reich. Der französische Ministerpräsident Raymond Poincaré verlangt hingegen Zwangsmaßnahmen wie die Besetzung des Ruhrgebiets zur Sicherstellung der Reparationsleistungen. Die Gespräche werden wiederum ergebnislos abgebrochen.

3. 1. Der Wert des US-Dollars steigt auf 7.525 Mark.

4. 1. In einem Nachtrag zu seinem Testament empfiehlt der sowjetische

Regierungschef Wladimir I. Lenin der Kommunistischen Partei die Ablösung Josef W. Stalin als Generalsekretär. Der schwerkranke Lenin warnt vor Stalins Machtinteressen und Skrupellosigkeit.

9. 1. Gegen den Einspruch Großbritanniens stellt die alliierte Reparationskommission den Rückstand der deutschen Kohlelieferungen fest.

10. 1. Belgien und Frankreich informieren das Deutsche Reich offiziell von der beabsichtigten Ruhrbesetzung. Die Besetzung solle die Kohlelieferungen sichern und diene keinen militärischen Zwecken.

Besetzung des unter alliierter Verwaltung stehenden Memelgebiets durch litauische Truppen.

11. 1. Französische und belgische Truppen marschieren in das Ruhrgebiet ein.

Veröffentlichung des religionsphilosophischen Werks "Ich und Du" von Martin Buber in Leipzig.

12. 1. Die Reichsregierung stellt alle Reparationslieferungen und Sachlieferungen an Frankreich und Belgien ein.

13. 1. Reichskanzler Wilhelm Cuno verkündet im Reichstag den "passiven Widerstand" gegen die Besatzungstruppen im Ruhrgebiet. Dazu gehört die Verweigerung jeglicher Zusammenarbeit mit den Besatzern.

15. 1. Französische Truppen besetzen Bochum, Witten, Recklinghausen und Dortmund.

18. 1. Der Wert des US-Dollars erreicht einen Stand von 23.000 Mark.

24. 1. Wegen der Weigerung, Kohle zu liefern, werden der Zechenbesitzer Fritz

Thyssen und weitere Industrielle vom französischen Kriegsgericht in Mainz zu hohen Geldstrafen verurteilt.

26. 1. Das Londoner Ultimatum der alliierten Reparationskommission wird in Kraft gesetzt. Deutschland ist damit zu jährlichen Zahlungen in Höhe von 3,6 Milliarden Mark verpflichtet.

27. - 29. 1. Erster Parteitag der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) in München. Innerhalb eines Jahres ist die Mitgliederzahl der Partei von

6.000 auf 55.000 gestiegen.

Februar

4. 2. Die Franzosen dehnen das Besatzungsgebiet am Rhein weiter aus und besetzen die Städte Offenburg und Appenweier.

Abbruch der Friedenskonferenz zwischen den alliierten Staaten und der Türkei in Lausanne aufgrund griechisch-türkischer Spannungen und unterschiedlicher Wirtschaftsinteressen von Frankreich und Großbritannien.

6. 2. Die alliierten Staaten leisten der türkischen Aufforderung nach Abzug der alliierten Kriegsschiffe aus dem Hafen von Smyrna (heute: Izmir) Folge.

8. 2. Der nationalsozialistische "Völkische Beobachter" wird in eine Tageszeitung umgewandelt. Hauptschriftleiter ist Dietrich Eckart.

Der passive Widerstand heizt die Inflation stark an. Die Tagesproduktion der

deutschen Notenpresse soll von 45 Milliarden auf 75 Milliarden bis Ende des Monats gesteigert werden.

13. 2. Die deutsche Zollgrenze wird von der westlichen Reichsgrenze an die Ostgrenze des besetzten Ruhrgebiets verlegt.

16. 2. Die Botschafterkonferenz der alliierten Staaten stimmt der Übergabe des

Memelgebiets an Litauen zu.

20. 2. Der Oberbefehlshaber der französischen Besatzungstruppen im Ruhrgebiet erläßt ein Einreise- und Aufenthaltsverbot gegen alle deutschen Regierungsmitglieder.

März

1. 3. Die Besatzungsmächte im Ruhrgebiet drohen die Todesstrafe für Sabotageakte und passiven Widerstand im Eisenbahntransportwesen an.

3. 3. Die von Reichspräsident Friedrich Ebert erlassene Verordnung über Spionage stellt die Zusammenarbeit mit den französischen und belgischen Besatzungsbehörden unter hohe Zuchthausstrafe.

Französische Truppen besetzen die großen Eisenbahnwerkstätten von Darmstadt sowie die Karlsruher Hafenanlagen.

6. 3. Der amerikanische Sportler Johnny Weissmüller (1904-1984) schwimmt als erster Mensch die Strecke über 400 m Freistil unter fünf Minuten (4:57).

16. 3. Uraufführung des Stücks "Der Unbestechliche" von Hugo von Hofmannsthal.

20. 3. Das bayerische Innenministerium lehnt einen Antrag der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) und der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) auf Verbot der nationalsozialistischen Sturmabteilung (SA) ab. Diese hatte sich mit Mitgliedern anderer Parteien Schlägereien geliefert.

22. 3. Der preußische Innenminister Carl Severing (SPD) befürchtet einen

Putschversuch seitens der Deutschvölkischen Freiheitspartei (DVFP) und verfügt ein Verbot der Partei.

31. 3. Französische Soldaten erschießen im Essener Krupp-Werk dreizehn Arbeiter, die gegen die Beschlagnahmung von werkseigenen Personenkraftwagen demonstrieren.

April

7. 4. In Essen verhaftet die französische Militärpolizei den ehemaligen

Freikorpsoffizier Albert Leo Schlageter wegen mutmaßlicher Beteiligung an einem

Sprengstoffanschlag auf die Eisenbahnstrecke Dortmund-Duisburg. Schlageter ist seit 1922 Mitglied der NSDAP.

Durch einen deutschen Sabotageakt auf den Rhein-Herne-Kanal wird der Abtransport von größeren Kohlemengen beträchtlich erschwert.

10. 4. In Anwesenheit von Reichspräsident Ebert hält der Reichstag eine Trauerfeier

für die in Essen erschossenen Arbeiter ab.

16. 4. Die Reichsregierung signalisiert aufgrund der wirtschaftlichen Folgen der Ruhrbesetzung die Bereitschaft zur Wiederaufnahme der eingestellten Reparationsleistungen. Ihr Angebot einer Zahlung von insgesamt 30 Milliarden Goldmark wird als indiskutabel abgelehnt.

23. 4. Die am 4. Februar abgebrochene Konferenz von Lausanne zwischen den Alliierten und der Türkei wird fortgeführt.

25. 4. Das 1922 veröffentlichte satirische Mappenwerk "Ecce Homo" von George Grosz wird wegen "unzüchtiger Darstellungen" in Berlin beschlagnahmt.

29. 4. In Hessen wird die NSDAP wegen verfassungsfeindlicher Bestrebungen verboten.

30. 4. Eine französische Untersuchung des "Essener Blutbads" kommt zu dem

Ergebnis, daß sich die französischen Truppen im Zustand der Notwehr befunden hätten, als sie auf die streikenden Krupp-Arbeiter schossen.

Mai

1. 5. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Firma Krupp, Gustav Krupp zu Bohlen und

Halbach, wird im Zusammenhang mit dem Zwischenfall im Essener Krupp-Werk von den Franzosen verhaftet.

8. 5. Das französische Kriegsgericht in Düsseldorf verurteilt Gustav Krupp zu 15 Jahren Gefängnis und 100 Millionen Mark Geldstrafe.

11. 5. Der US-Dollar wird mit 40.500 Mark gehandelt.

13. 5. Der in anderen Ländern bereits etablierte Muttertag wird erstmals in Deutschland allgemein gefeiert.

15. 5. Französische Truppen besetzen die Badische Anilin- und Sodafabrik (BASF) in Ludwigshafen sowie die Farbwerke Hoechst.

18. 5. Der konservative britische Premierminister Andrew Bonar Law (1858-1923) tritt wegen einer schweren Kehlkopferkrankung zurück. Sein Nachfolger wird der bisherige Schatzkanzler Stanley Baldwin (1867-1947).

24.-26. 5. Gründung der Sozialistischen Jugendinternationale in Hamburg. Erster Sekretär wird Erich Ollenhauer.

26. 5. Der von einem französischen Kriegstribunal wegen Geheimbündelei und Spionage zum Tode verurteilte Schlageter wird hingerichtet. Dies löst in Deutschland zahlreiche Proteste aus. Da sich Kommunisten und Nationalsozialisten auch gemeinsam am Widerstand mit Sabotageakten beteiligen, wird in Teilen beider Parteien über eine Zusammenarbeit nachgedacht.

29. 5. Ein von Kommunisten initiierter Bergarbeiterstreik im besetzten Ruhrgebiet wird nach neun Tagen beendet. Hunderttausende von Arbeitern streikten erfolgreich für eine 50prozentige Lohnerhöhung als Inflationsausgleich

Juni

7. 6. In einer Denkschrift an die alliierten Staaten erklärt die Reichsregierung ihre

Bereitschaft zur Leistung der jährlichen Reparationszahlungen. Die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft soll von einem internationalen Gremium überprüft werden. Frankreich und Belgien fordern vorab die Einstellung des passiven Widerstands, was die Reichsregierung ablehnt.

10. 6. Die Überführung der Leiche Schlageters in seinen Geburtsort Schönau (Baden) nehmen die NSDAP und vaterländische Verbände zum Anlaß, Schlageter- Gedächtnisfeiern abzuhalten.

Neuer Deutscher Fußballmeister wird der Hamburger SV durch einen 3:0-Sieg über Union Oberschöneweide.

13. 6. Der US-Dollar erreicht einen Wechselkurs von 100.000 Mark.

19. 6. Die Kriegsschulden Großbritanniens an die USA werden auf 4,6 Milliarden Dollar festgelegt.

20. 6. In einer Rede vor der Kommunistischen Internationale (Komintern) in Moskau würdigt Karl Radek, sowjetisches Präsidiumsmitglied der Komintern, den hingerichteten Schlageter als "mutigen Konterrevolutionär". Er beabsichtigt einen Brückenschlag zum rechten Radikalismus.

27. 6. Papst Pius XI. (1857-1939) empfiehlt in einem Offenen Brief an die

Gläubigermächte eine Überprüfung der deutschen Reparationsverpflichtungen.

Juli

9. 7. In Lausanne einigen sich die alliierten Staaten und die Türkei über die Räumung der von britischen Truppen besetzten Stadt Konstantinopel (heute: Istanbul).

11. 7. Die Reichsregierung veröffentlicht eine Bilanz der Ruhrbesetzung: 80.000 französische und 7.000 belgische Soldaten sind stationiert, 17.000 Eisenbahner aus beiden Länder verrichten die Arbeit ihrer ausgewiesenen deutschen Kollegen, 92

Menschen wurden bisher getötet und über 70.000 ausgewiesen.

13. 7. Der wegen seiner Teilnahme am Putsch von Walther von Lüttwitz in

Untersuchungshaft einsitzende ehemalige Freikorpsführer Hermann Ehrhardt flieht aus dem Leipziger Untersuchungsgefängnis. Die Flucht Ehrhardts, der auch zu den Hintermännern der Morde an Matthias Erzberger und Walther Rathenau zählt, wird von der politischen Rechten begrüßt.

14. 7. Die NSDAP nutzt das 13. Deutsche Turnfest in München zu einer

Großkundgebung. Adolf Hitler fordert die Wiederherstellung der "deutschen Ehre und Freiheit" sowie die Außerkraftsetzung des Versailler Vertrags. Die anschließende Demonstration der NSDAP wird von der Polizei gesprengt.

18. 7. Die italienische Regierung legt ein Programm zur "Entnationalisierung" von Südtirol vor: Fast alle deutschen Ortsnamen werden durch italienische ersetzt, Amts- und Unterrichtssprache wird Italienisch. Deutsche und Österreicher erhalten nur noch eine dreimonatige Aufenthaltserlaubnis, während die Ansiedlung von Italienern gefördert wird.

30. 7. Der Wert des US-Dollar überschreitet die Eine-Million-Mark-Grenze.

August

8. - 10. 8. Während der Reichstagsdebatten fordern Sprecher der bürgerlichen Mitte einen Kurswechsel in der deutschen Ruhrpolitik.

8. 8. Reichskanzler Cuno bekennt sich trotz wachsender Kritik zum passiven Widerstand. Er macht die Fortführung seiner Regierung jedoch von einem Vertrauensvotum des Reichstags abhängig.

10. 8. Reichspräsident Ebert erläßt eine Notverordnung zum Schutz der öffentlichen Ordnung, die den Reichsinnenminister ermächtigt, verfassungsfeindliche Druckschriften zu verbieten.

11. 8. In einer Note an Frankreich und Belgien verurteilt Großbritannien die Ruhrbesetzung als rechtswidrig.

12. 8. Reichskanzler Cuno verliert die parlamentarische Unterstützung für seine Politik und tritt zurück.

13. 8. Gustav Stresemann wird als neuer Reichskanzler und Außenminister vereidigt. Er bildet eine Große Koalition von DVP, DDP, Zentrum und SPD.

September

7. 9. In New York wird der US-Dollar mit 53 Millionen Mark gehandelt.

16. 9. In Köln-Müngersdorff wird das bislang größte Stadion Europas eingeweiht. Es faßt 80.000 Zuschauer.

17. 9. Der US-Dollar steht bei 200 Millionen Mark.

21. 9. Im besetzten Rheinland beginnt die Rheinlandkommission mit der Ausgabe von Notgeld.

24. 9. Angesichts der finanziellen Misere stimmen mit Ausnahme der

Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) alle großen Parteien dem Vorschlag Reichskanzler Stresemanns über die Beendigung des passiven Widerstands im Rheinland zu.

26. 9. In Berlin kostet ein Laib Brot 10,37 Millionen Mark; ein Kilo Rindfleisch wird für 76 Millionen Mark verkauft.

Reichskanzler Stresemann gibt den Abbruch des passiven Widerstands und die Wiederaufnahme von Reparationslieferungen bekannt.

In Bayern reagiert die Regierung auf Gerüchte über einen bevorstehenden Putsch mit der Verhängung des Ausnahmezustands. Der republikfeindlich eingestellte Gustav Ritter von Kahr wird zum bayerischen Generalstaatskommissar ernannt und erhält diktatorische Vollmachten. Daraufhin befürchtet die Reichsregierung einen bayerischen Rechtsputsch gegen Berlin. Reichspräsident Ebert verhängt den Ausnahmezustand über das gesamte Deutsche Reich.

28. 9. Reichswehrminister Otto Geßler verbietet Druck und Vertrieb des "Völkischen Beobachters" wegen eines Reichskanzler Stresemann verunglimpfenden Artikels.

Oktober

1. 10. Reichskanzler Stresemann fordert zur Überwindung der Wirtschaftskrise ein Ermächtigungsgesetz zur Beschleunigung von Gesetzgebungsverfahren. Da die SPD ihre Zustimmung verweigert, kommt es zur Regierungskrise.

2. 10. Für einen US-Dollar werden 242 Millionen Mark gezahlt.

3. 10. Rücktritt der Regierung. Stresemann wird erneut mit der Regierungsbildung betraut.

6. 10. Die SPD lenkt in der Frage des Ermächtigungsgesetzes ein. Die neue

Reichsregierung der bisherigen Koalitionsparteien SPD, DDP, DVP und Zentrum wird

vereidigt. Hans Luther (parteilos) löst als neuer Finanzminister Rudolf Hilferding

(SPD) ab.

8. 10. Eröffnung des neuen Flughafens auf der Tempelhofer Feld in Berlin.

9. 10. Gründung der Preußischen Bergwerks- und Hütten-AG (Preussag AG).

10. 10. Der Wert des US-Dollars springt auf 2,9 Milliarden Mark.

In Sachsen wird eine Koalitionsregierung aus SPD und KPD gebildet. Die

Reichsregierung sieht sich nun auch von einem kommunistischen Umsturzversuch bedroht.

11. 10. Reichswehrminister Geßler verbietet das kommunistische Zentralorgan "Die Rote Fahne", weil sie zur Vorbereitung eines Generalstreiks aufgerufen hat.

13. 10. Der Reichstag verabschiedet das Ermächtigungsgesetz.

Der Reichswehrbefehlshaber in Sachsen verbietet die proletarischen Kampfverbände (Proletarische Hundertschaften). Der kommunistische Finanzminister ruft zur Bewaffnung der Proletarischen Hundertschaften auf.

16. 10. Die Reichsregierung gibt die Errichtung der Deutschen Rentenbank bekannt. Damit sind die Voraussetzungen für den Übergang zur Rentenmark geschaffen. Ebenso wie in Sachsen wird in Thüringen eine Koalitionsregierung von SPD und KPD gebildet.

18. 10. Die rechtsgerichtete bayerische Regierung bricht die Beziehungen zur sächsischen Regierung ab.

19. 10. Der US-Dollar kostet 12 Milliarden Mark.

20. 10. Der bayerische Reichswehrkommandeur, General Otto von Lossow (1863- 1938), weigert sich, das Verbot des "Völkischen Beobachters" auszuführen und wird von Reichspräsident Ebert seines Amtes enthoben. Die bayerische Staatsregierung hält die Amtsenthebung für rechtswidrig und unwirksam.

21. 10. In Aachen rufen Separatisten eine unabhängige Rheinische Republik aus. Vier Tage später proklamieren Separatistenführer die Errichtung der Unabhängigen Rheinischen Republik. Ihr Vorhaben scheitert am 16. November am Widerstand der Bevölkerung und der Regierung.

22. 10. Auf Weisung von Reichswehrminister Geßler rücken Reichswehrtruppen in Sachsen ein. Die KPD hatte gemeinsam mit den linksgerichteten SPD- Landesverbänden den Widerstand gegen die Reichsregierung proklamiert.

23. 10. In Hamburg wird ein Aufstand der Kommunisten unter Führung von Ernst Thälmann durch die Polizei blutig niedergeschlagen.

24. 10. General Lossow, Kommandeur der 7. bayerischen Reichswehrdivision,

unterbreitet hohen bayerischen Militärs seine gegen Berlin gerichteten Putsch- und Diktaturpläne. - In Berlin wird der erste Tonfilm in Deutschland vorgeführt: "Das Leben auf dem Dorfe" ist wochenlang ausverkauft.

29. 10. Reichspräsident Ebert ermächtigt die Reichsregierung zur Reichsexekutive gegen Sachsen. Die sächsische SPD/KPD-Regierung wird abgesetzt. - Erste deutsche Radiosendung in Berlin.

November

1. 11. Die SPD verlangt ein schärferes Vorgehen der Reichsregierung gegen Bayern sowie die Einstellung der Maßnahmen gegen Sachsen.

2. 11. Da Reichskanzler Stresemann die Forderungen der SPD nicht akzeptiert, kommt es zum Bruch der Koalition. Die SPD-Minister treten zurück. Die Minister der übrigen Parteien bleiben als Rumpfkabinett im Amt.

5. 11. Reichswehrtruppen rücken in Thüringen ein. Wie in Sachsen hatte die KPD zum Widerstand gegen die Reichsregierung aufgerufen.

8./9. 11. Hitler-Putsch:Adolf Hitler verkündet im Münchener Bürgerbräukeller die

"nationale Revolution", erklärt die bayerische Regierung für abgesetzt und proklamiert den "Marsch auf Berlin". Die Landespolizei schlägt an der Münchener Feldherrnhalle den Putsch gewaltsam nieder. Die NSDAP wird verboten.

9. 11. Reichspräsident Ebert überträgt General Hans von Seeckt die vollziehende Gewalt. Der deutsche Rundfunk sendet erstmals politische Nachrichten.

11. 11. Hitler wird verhaftet.

Der US-Dollar steht bei 631 Milliarden Mark.

12. 11. In Thüringen veranlaßt die Landesregierung den Rücktritt der beiden kommunistischen Minister. Mit der Preisgabe der am 16. Oktober gebildeten Koalition von SPD und KPD wird die drohende Absetzung der Landesregierung verhindert. Reichspräsident Ebert ernennt den Bankier Hjalmar Schacht zum Reichswährungskommissar.

14. 11. Mit einem neuen Wahlgesetz sichern sich die italienischen Faschisten die notwendige Mehrheit für Verfassungsänderungen im Parlament: Die stärkste der Parteien mit mehr als 25 Prozent der Stimmen soll zwei Drittel der Mandate erhalten.

16. 11. Die Deutsche Rentenbank beginnt mit der Ausgabe der neuen Rentenmark. Für eine Billion Mark wird eine Rentenmark ausgezahlt.

20. 11. Für alle Börsen wird ein Kurs von 4,2 Rentenmark für einen US-Dollar festgelegt.

23. 11. Im Reichstag bringt die SPD wegen des unterschiedlichen Verhaltens der Reichsregierung gegen Bayern und Sachsen ein Mißtrauensvotum ein. Die DNVP spricht ein eigenes Mißtrauensvotum aus. Stresemann stellt die Vertrauensfrage und unterliegt. Er tritt zurück.

General von Seeckt erläßt ein reichsweites Verbot der NSDAP, der DVFP und der KPD.

28. 11. Wilhelm Marx (Zentrum) bildet die neue Regierung als bürgerliches

Minderheitskabinett von Zentrum, DVP und DDP. Stresemann bleibt Außenminister.

30. 11. Einberufung eines internationalen Sachverständigenausschusses zur Untersuchung der deutschen Zahlungsfähigkeit unter dem Vorsitz des amerikanischen Finanzfachmanns Charles G. Dawes.

Dezember

4. 12. Reichskanzler Marx fordert zur Behebung der katastrophalen wirtschaftlichen Lage ein Ermächtigungsgesetz und die Übertragung der gesetzgebenden Gewalt vom Reichstag auf die Reichsregierung.

8. 12. Reichskanzler Marx fordert das Ermächtigungsgesetz vehement und droht mit einer Reichstagsauflösung. Mit Unterstützung der SPD verabschiedet der Reichstag das Ermächtigungsgesetz.

22. 12. Der Reichskommissar für Währungsangelegenheiten Schacht wird zum Nachfolger des verstorbenen Reichsbankpräsidenten Rudolf Havenstein (1857-1923) ernannt.

23. 12. Durch die von Reichsarbeitsminister Heinrich Brauns erlassene Verordnung zur Arbeitszeit wird der Achtstundenarbeitstag faktisch außer Kraft gesetzt. Durch zahlreiche Ausnahmebestimmungen zur Verlängerung der Arbeitszeit soll die wirtschaftliche Krise überwunden werden.

5.1 Die Ruhrbesetzung

Die Reparationskommission stellte Ende Dezember 1922 einen geringfügigen Rückstand bei den deutschen Holz- und Kohlelieferungen fest; dies bot im Januar 1923 den Vorwand für den Einmarsch am 11. Januar 1923 von fünf französischen Divisionen und einigen belgischen Einheiten ins Ruhrgebiet. Mit diesem Einmarsch in das Zentrum der deutschen Schwerindustrie wollte der französische Ministerpräsident Raymond Poincaré den Versailler Vertrag zugunsten Frankreichs revidieren und die deutsche Westgrenze nach Osten verschieben. In Deutschland löste der Einmarsch einen Sturm der Entrüstung aus. Die Regierung Cuno protestierte feierlich vor der ganzen Welt und stellte alle Geld- und Sachlieferungen an die besetzenden Länder ein. Außerdem propagierte sie unter dem Beifall aller Deutschen den passiven Widerstand, der von allen Kreisen und Schichten der Bevölkerung befolgt wurde. Nationalisten und Kommunisten verübten gemeinsam Sabotage- und Sprengstoffanschläge gegen die feindlichen Besatzer. Das harte Vorgehen der französischen Besatzungstruppen bekräftigte die Deutschen in ihrem Kampf gegen die verhaßte Besatzungsmacht. Die Bevölkerung im Ruhrgebiet folgte dem Aufruf der Reichsregierung zum passiven Widerstand in beeindruckender Geschlossenheit (vgl. auch den Quellentext). Daraufhin ordneten die Besatzungsbehörden die Ausweisung von 145.000 Beamten und Politikern ins "unbesetzte" Deutschland an. Weitere Maßnahmen wurden angeordnet. Reichsbankfilialen und andere öffentliche Kassen werden beschlagnahmt, ebenso manche private Konten. Der Paßzwang wird eingeführt, eine Zollgrenze zum restlichen Deutschland wird eingerichtet. Die Reichsbahn im Ruhrgebiet wird durch Frankreich übernommen und es entsteht ein Einreiseverbot für deutsche Minister.

Diese Maßnahmen wurden sofort mit Gegenmaßnahmen beantwortet, die in Aggressivität und Gewalt eskalierten. Es wurden viele Zusammenstöße zwischen Einheimischen und Besatzern gemeldet, die ohne Billigung der Regierung stattfand. Seinen Höhepunkt fand der Ruhrkampf in der Hinrichtung des ehemaligen Freikorpsmitglied und jetzigen Nationalsozialisten Albert Schlageter. Damit war ein Martyrer geschaffen für alle am Ruhrkampf direkt oder indirekt Beteiligten, von der KPD bis zur NSDAP.

Die Ikonographie, mit der man auf deutscher Seite gegen die fremden Besatzer mobil machte, unterschied sich nur wenig von der haßverzerrten Agitation und Symbolik der Nationalsozialisten gegen die "jüdisch-bolschewistischen Untermenschen". Auch auf der Schießscheibe wird Deutschland von einem "Ungeheuer" bedroht. Angesichts der massiven Wirtschafts- und Ernährungsprobleme sowie der rasenden Hyperinflation stürzte die Regierung Cuno. Gustav Stresemann als neuer Reichskanzler, der sich auf eine große Koalition aus SPD, DDP, Z und DVP stützen konnte, beendete aus finanziellen Gründen den passiven Widerstand, den Ruhrkampf, am 23. September 1923.

5.2 Die Cuno Ansprache

Ansprache des Reichskanzlers Wilhelm Cuno anläßlich der Besetzung des Ruhrgebiets durch französische und belgische Truppen

Reichstag, 13. Januar 1923 (286. Sitzung)

"Geehrte Damen und Herren!

Vorgestern, am 11. Januar 1923, drangen französische und belgische Truppen in zwei Hauptkolonnen in freies deutsches Gebiet ein,

(Pfuirufe) überschritten die Grenzen, die nach Artikel 428 des Vertrages von Versailles der

Besetzung durch die Truppen der alliierten und assoziierten Mächte gezogen sind, ja sogar die vorgesehenen Grenze des Gebiets, das im Widerspruch mit den Bestimmungen unter dem Namen der Sanktionen seit März 1921 in die Besetzung einbezogen worden ist. Die Truppen waren kriegsmäßig ausgerüstet (Hört! Hört!)..."

5.2.1 Note Frankreichs und Belgiens

Text 194: Note Frankreichs und Belgiens über die Besetzung des Ruhrgebietes vom 10.1.1923

Schultheß, 1923, S. 5 f.

,,Auf Grund der von der Reparationskommission festgestellten, von Deutschland begangenen Nichterfüllung in der Ausführung der Programme der Reparationskommission hinsichtlich der Lieferung von Holz und Kohle an Frankreich... hat die französische Regierung beschlossen, eine aus Ingenieuren bestehende und mit den erforderlichen Vollmachten zur Beaufsichtigung der Tätigkeit des Kohlensyndikats versehene Kontrollkommission ins Ruhrgebiet zu entsenden, um... alle für die Bezahlung der Reparationen erforderlichen Maßregeln zu ergreifen... Die italienische Regierung hat gleichfalls beschlossen, die ital. Ingenieure an dieser Mission teilnehmen zu lassen.

Die franz. Regierung legt Wert darauf, zu erklären, daß sie gegenwärtig nicht daran denkt, zu einer militärischen Operation oder zu einer Besetzung politischer Art zu schreiten. Sie entsendet ins Ruhrgebiet einfach eine Mission von Ingenieuren und Beamten, deren Ziel deutlich umschrieben ist. Sie muß dafür sorgen, daß Deutschland die im Vertrag von

Versailles enthaltenen Verpflichtungen achtet. Sie entläßt ins Ruhrgebiet nur die zum Schutze der Mission und zur Sicherstellung der Ausführung ihres Auftrages erforderliche Truppen einrücken...

Sollten die Maßregeln der Beamten der Mission und die Unterbringung der sie begleitenden Truppen durch irgendein Manöver behindert oder in Frage gestellt werden und sollten die örtlichen Behörden durch ihre Tätigkeit oder durch ihre Untätigkeit irgendwelche Verwirrung im materiellen Leben oder in der Wirtschaft des Gebietes herbeiführen, so würden alle für erforderlich erachteten Zwangs- u. Strafmaßregeln unverzüglich ergriffen werden..."

5.3. Beendigung des Ruhrkampfes

Text 205

Aufruf der Regierung Stresemann zur Aufgabe des passiven Widerstandes im Ruhrkampf vom 23. 9.1923

Hohlfeld, Bd. III, Nr.22 c, S. 131

,,Am 11. Januar haben französische und belgische Truppen wider Recht und Vertrag das

deutsche Ruhrgebiet besetzt. Seit dieser Zeit hatten Ruhrgebiet und Rheinland schwerste

Bedrängnis zu erleiden. Über 180000 deutsche Männer, Frauen, Greise und Kinder sind von Haus und Hof vertrieben worden. Für Millionen Deutsche gibt es den Begriff der persönlichen Freiheit nicht mehr. Gewalttaten ohne Zahl haben den Weg der Okkupation begleitet, mehr als 100 Volksgenossen haben ihr Leben dahin geben müssen, Hunderte schmachten noch in Gefängnissen. Gegen die Unrechtmäßigkeit des Einbruchs erhob sich Rechtsgefühl und vaterländische Gesinnung. Die Bevölkerung weigert sich unter fremden Bajonetten zu arbeiten. Für diese, dem Deutschen Reich in schwerster Zeit bewiesene Treue und Standhaftigkeit dankt das ganze deutsche Volk. Die Reichsregierung hatte es übernommen, nach ihren Kräften für die leidenden Volksgenossen zu sorgen. In immer steigendem Maße sind die Mittel des Reiches dadurch in Anspruch genommen worden. In der abgelaufenen Woche erreichten die Unterstützungen für Rhein und Ruhr die Summe von 3500 Billionen Mark, in der laufenden Woche ist mindestens die Verdoppelung dieser Summe zu erwarten. Die einstige Produktion des Rheinlandes und des Ruhrgebiets hat aufgehört. Das Wirtschaftsleben im besetzten und unbesetzten Deutschland ist zerrüttet. Mit furchtbarem Ernst droht die Gefahr, daß bei Festhalten an dem bisherigen Verfahren die Schaffung einer geordneten Währung, die Aufrechterhaltung des Wirtschaftslebens und damit die Sicherung der nackten Existenz für unser Volk unmöglich wird.

Diese Gefahr muß im Interesse der Zukunft Deutschlands ebenso wie im Interesse von Rhein und Ruhr abgewendet werden. Um das Leben von Volk und Staat zu erhalten, stehen wir heute vor der bitteren Notwendigkeit, den Kampf abzubrechen..."

Literaturverzeichnis

Jung, Horst-W. /Staehr von, Gerda: Historisches LernenII - Methodik der Geschichte-, PahlRugenstein 1985

Rahmenrichtlinien für die Gymnasien Kl. 7-10 Geschichte, Berenberg´sche Druckerei, Nr. 606, Hannover 6.´83, aus UB OS, IATM 4374-621 1

Quellensammlungen, BLV Verlag, München

23 von 23 Seiten

Details

Titel
Krisenjahr 1923
Hochschule
Universität Osnabrück
Veranstaltung
Semesterthema: Der 1. deutsche Demokratieversuch -didaktische Untersuchungen u. Reflexionen zur Weimarer Republik
Note
3
Autor
Jahr
2000
Seiten
23
Katalognummer
V98013
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Krisenjahr, Semesterthema, Demokratieversuch, Untersuchungen, Reflexionen, Weimarer, Republik
Arbeit zitieren
Harry Brinkmeyer (Autor), 2000, Krisenjahr 1923, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98013

Kommentare

  • Gast am 1.11.2001

    Gut gelungen.

    Dieses Dokument über das Krisenjahr 1923 ist meiner Meinung nach sehr gut gelungen.Es ist sehr aufschlussreich!
    Also großes Lob an Herrn Harry Brinkmeyer.

  • Gast am 27.11.2001

    Super!.

    Dieser Aufsatz ist reichlich bepackt mit allem was man wissen muss!

  • Gast am 10.2.2003

    Einfach genial!.

    Diese Texte sind einfach super! Ich konnte mir alles heraus suchen, was ich brauchte! Das hat mir echt geholfen!

  • Gast am 18.3.2003

    Sehr Gut.

    super ausgearbeitet. hat mir geholfen.
    Danke

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Titel: Krisenjahr 1923



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