Die Debatte um die Menschenwürde in der Philosophie des 20. und 21. Jahrhunderts. Eine allgemeine Darstellung


Hausarbeit, 2012

16 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Ein Wort zum Geleit: Die Würde des Menschen

1. Historischer Exkurs: Die Ideengeschichte der Menschenwürde
1.1 In der Antike

2. Begriffserklärung

3. Kantische Diskussion zum Thema „Menschenwürde“

4. Menschenwürde im 20. Jahrhundert: Moderne Theorien/ Zeitgeist der Menschenwürde im 20. Jahrhundert
4.1 Body Politics: Debra Bergoffen
4.2 Dialogisches Prinzip: Philosophie
4.3 Diskursethik: J. Habermas

5. Resümee

Literaturverzeichnis

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ (Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes).

„Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“ (Artikel 1 der von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verkündeten allgemeinen Erklärung der Menschenrechte)

Ein Wort zum Geleit: Die Würde des Menschen

Der Begriff der Menschenwürde ist ein in der Ethik viel diskutierter und ebenso vielschichtiger Begriff. Wie die vorangestellten Worte zeigen, beweist diesen Stellenwert auch sein Platz an der Spitze der rechtlichen Normenpyramide in Artikel 1 des Grundgesetzes. Was versteht man überhaupt unter „Menschenwürde“? Im Allgemeinen bezeichnet „Würde“ einen relativ schwer erfassbaren Komplex zwischen Werten, Wertebewusstsein und den damit verbundenen Erwartungen an ein Verhalten. Die nachfolgenden Ausführungen sollen daher zumindest einen Überblick auf dem Weg zu einem Begriff der Menschenwürde geben.

Im modernen Sinne versteht man darunter, dass alle Menschen unabhängig von ihrer Herkunft oder anderer Merkmale wie Geschlecht, Alter oder Zustand denselben Wert haben, da sie sich alle durch ein dem Menschen einzig gegebenes schützenswertes Merkmal auszeichnen, die Würde. Würde bedeutet im weitläufigen Sinne Wertigkeit, Erhabenheit. Mit der Menschenwürde meint man, dass jeder Mensch einen bestimmten Wert allein durch seine Existenz besitzt und er daher nicht wie eine Sache behandelt werden darf. Aufgrund dieses Wertes darf mit ihm nicht unmenschlich oder erniedrigend umgegangen werden, genauso wenig wie er ein lebensunwertes Leben aufgrund äußerer Einflüsse führen darf. Dadurch erhält der Mensch auch natürliche Menschenrechte, unabhängig von seiner Stellung in Staat, Gesellschaft, Beruf, Religion, Geschlecht, Kultur und Familie.

Ohne Mühe lässt sich unter dem Begriff „Menschenwürde“ ein Menschenbild entdecken: Das aus der griechisch-römischen Antike stammende Bild des Menschen als zoon logon echon (Alkmaion), als animal rationale, als vernunftbegabtes Lebewesen, das das abendländische Denken über Jahrhunderte geprägt hat: Menschen sind vor allem Vernunftwesen; sie haben ein Gewissen und sind somit zu moralischen Urteilen und einem dementsprechenden Handeln befähigt. Das zeichnet sie aus, unterscheidet sie von Tieren.

In dieser Hausarbeit geht es, um die modernen Perspektiven des Begriffs Menschenwürde in der Philosophie zu erfassen. Im Rahmen des Seminars „Wohlverstandenes Eigeninteresse“ bei Prof. Dr. Alberto Jori sollte durch die Beschäftigung mit einer Auswahl aus den soziologischen, philosophischen und kulturphilosophischen Schriften zum Thema „Menschenwürde“ nachgegangen werden. Dabei zeigte sich immer wieder, wie nachhaltig der Begriff „Menschenwürde“ unser modernes Verständnis geprägt hat.

Die vorliegende Arbeit umfasst zunächst einen historischen Grundriss aus dem Thema „Menschenwürde. Ziel ist es, einige wichtige Aspekte der Menschenwürde-Thematik aus ihrem antik-philosophischen und neuzeitlichen Gebrauch herauszufiltern und auf diese näher einzugehen. Dies bildet den ersten Teil der Arbeit. Um überhaupt von dem Begriff Menschenwürde sprechen zu können, muss zunächst eine Begriffsklärung erfolgen. Dies bildet den zweiten Teil dieser Arbeit. Zur neuzeitlichen Verwendungsweise der Menschenwürde nähert sich die Arbeit im dritten Teil nämlich mit der Diskussion der Kantischen Position zur Menschenwürde. Im Hauptteil der Arbeit werden die modernen Theorien der Menschenwürde betrachtet. In diesem Teil werden drei wichtige Aspekte zum Thema Menschenwürde berücksichtigt.

1. Historischer Exkurs: Die Ideengeschichte der Menschenwürde

Bevor wir uns zum Kernpunkt des Themas der Menschenwürde, nämlich zu den modernen Theorien der Menschenwürde nähern, wird zunächst die Ideengeschichte der Menschenwürde aufgezeigt. Dank der Vielfalt in der Diskussion der Menschenwürde muss der geschichtliche Prozess der Menschenwürde in dieser Arbeit mit den antikischen Perspektiven und danach einem Versuch der Etymologie des Begriffs und endlich der Kantischen Diskussion begrenzt werden.

Die Würde des Menschen ist ein dynamischer Begriff, weil sie fast in jedem Jahrhundert immer wieder neu definiert worden ist. Sie hat tief reichende historische Wurzeln, von der Antike bis zur Gegenwart. Grundsätzlich ist es auch heute noch nicht gelungen, den Rechtsbegriff der Menschenwürde allgemeingültig zu definieren. Der Begriff der Menschenwürde ist seit Jahrhunderten immer wieder versuchsweise neu definiert worden, ohne dass sich dabei jemals eine eindeutige, zufriedenstellende Antwort ergeben hätte. Eine allgemeine und auch anwendbare Konzeption des Begriffs der Menschenwürde steht noch aus oder ist vielleicht sogar unmöglich. Die Normierung der Menschenwürde in Art. 1 I GG ist allein von der Ideengeschichte der Menschenwürde in den verschiedenen Zeitaltern und deren kultureller Entwicklung abhängig. Daneben gibt es aber auch unterschiedlichen Begründungsversuche der Menschenwürde. Auf der anderen Seite muss man auch betonen, dass das Thema „Menschenwürde“ nicht nur in der Philosophie ein viel diskutiertes Thema ist, sondern auch in Bereichen wie Politik, Recht, Medizin, insbesondere Biomedizin, Neurowissenschaften, Interkulturalität usw. Wenn wir von der Menschenwürde sprechen, handelt es sich also vorrangig um einen philosophischen Begriff. Um nun den Gehalt der heutigen Menschenwürdegarantie genauer herauszuarbeiten, müssen wir ihre ideengeschichtliche Tradition ins Auge fassen.

Spräche man im 21. Jahrhundert von der Menschenwürde und käme schließlich zu der Aussage, dass der Inhalt des Themas in den letzten Jahren lebhaft in die Diskussion geraten ist, würde man unzweifelhaft in Floskeln sprechen, denn die Diskussion der Menschenwürde hat eine bis in die Antike zurückreichende Geschichte im philosophischen Denken. Diesbezüglich wurde der Gedankeninhalt in der Philosophiegeschichte von verschiedenen ethisch-, politisch- und ontologischen Perspektiven betrachtet. Am Rande bemerkt werden soll, dass die Kategorie der Menschenwürde eine sehr kurze Tradition als Verfassungsbegriff hat, während die historische und philosophische Tradition des Begriffs bis in die Antike zurückreicht. Der Gedanke von einer Würde des Menschen hat einen langen geschichtlichen Prozess von der Antike bis zur Gegenwart.

1.1 In der Antike

Auch in der Antike wurde bereits von Würde gesprochen. Man kann zwar den Begriff der Menschenwürde in der Antike in drei Kategorien differenzieren: Frühantike, Stoa und Cicero und als letztes Spätantike, hier fasse ich aber die allgemeinen Eigenschaften der Antike zusammen.

Wenn man die Menschenwürde in der antiken Philosophie im Allgemeinen betrachtet, wird die Würde in zwei recht unterschiedlichen Kontexten gebraucht, die beide heute noch spürbar sind:

1. Gesellschaftlicher Umfang
2. Als Kraft des Menschseins

Zum einen ist mit Würde die Bezeichnung einer sozialen Position innerhalb der Gesellschaft gemeint. Hierin ist ein Gestaltungsauftrag zu sehen, demzufolge es hauptsächlich von dem Menschen selbst, der Lebensweise und den Umgangsformen abhängt, ob und inwiefern man Würde besitzt. Je nach Rang in der Gesellschaft hatten die Menschen unterschiedlich viel von dieser Würde.

Würde war zum anderen auch schon in der Antike das, was allen Menschen gleichermaßen zukommt und sie gegenüber Tieren auszeichnet. Es stellt somit eine Bezeichnung einer angeborenen Eigenschaft dar, welche auch Wesensmerkmal genannt wird. Hiernach besitzt jeder schon Kraft seines Menschseins eine besondere Würde. Die Menschen an der Spitze der Gesellschaft wurden als Würdenträger bezeichnet und wurden sowohl an ihrer Kleidung als auch an gebräuchlichen Symbolen der Macht erkannt.

2. Begriffserklärung

Die Würde des Menschen taucht schon im antiken Rom auf: Als ‚Dignitas’ (lat. Würde) stand sie im Zentrum der römischen Kultur, nicht zuletzt deswegen, weil sie - anstatt sich nur auf die soziale Stellung oder die Macht zu beziehen - die Tugend vorrangig stellte und somit die Römer zur Selbstdisziplin zwang.

Wichtig ist, dass würde - Dignitas et excellentia–damals nicht als angeborene Eigenschaft, sondern allein als das Ergebnis individueller Leistung und sozialer Anerkennung galt. Es ist wichtig zu verstehen, dass genau das Gegenteil der Menschenwürdekonzeption von ihrem modernen Gebrauch behauptet wird. Daneben ging es also nicht um ein universales Prinzip der Menschenwürde.

Zum Inhalt des Wortes „Dignitas“:in deutscher Sprache “Dignität“ im Sinne von der Hoheit, Majestät und Würde. Lateinisch Dignitas zu: dignus = würdig.

So hat Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.) bereits versucht, Unterschiede zwischen dem Menschsein und den nicht menschlichen Lebewesen herauszuarbeiten. Cicero verwendet den Begriff „Dignitas“ in seiner Schrift „De Officiis“ (lat. vom pflichtgemäßen Handeln) das erste Mal in Bezug auf den Menschen. Hier spricht er von der Würde, die einem Menschen durch sein alleiniges Menschsein, also durch seine Existenz zukommt.

Von der Menschenwürde ist schon vor mehr als dreieinhalb tausend Jahren die Rede. Es ist in einem altbabylonischen Weisheitstext im Rat des Schuruppag, zu lesen:

„Überprüft sei deine Rede, diszipliniert dein Sprechen, das ist die Würde eines Mannes“. (Römer/Soden, Hgg., 1990)

Diese Art Würde ist allerdings im Sinne einer moralischen Leistung der Rechtschaffenheit zu verstehen. Hier ist nicht von der angeborenen Mitgiftwürde, sondern von der Verantwortungswürde die Rede. Gemeint ist die moralische Leistung, die einige vollbringen, viele aber nicht.

Im China des 4. Jh. v. Chr. lehrt Meng Zi, der zweitwichtigste Klassiker des Konfuzianismus:

„Jeder einzelne Mensch hat eine ihm angeborene Würde in sich selbst“. Sie ist den Menschen als angeborene Mitgift vom Himmel her verliehen. Hier ist es wichtig zu unterscheiden, dass Meng Zi nicht nur die absolute Würde des Menschen anerkennt, sondern sie auch als universale Mitgiftwürde versteht. Diese Würde muss gesellschaftlich anerkannt sein, durch eine Rechtsordnung gesichert werden und kann von daher durch keine Herrschaft weggenommen oder angetastet werden.

Diese Unterscheidung gilt ebenso für den heutigen demokratischen Gesetzgeber. Im Abendland findet sich ein erster Beleg für die Menschenwürde in der zweiten Phase der Stoa (200-50 v. Chr.).

Im Gegensatz zur historischen Bedeutung erfährt der Begriff der Würde umgangssprachlich unterschiedliche Verwendungen. Einige Beispiele mögen dies verdeutlichen bei denen (a) für äußerlich, (i) für innerlich und (g) für gesellschaftlich stehen.

- Eine würdige Feier (a),
- ein ehrwürdiger Ort (a),
- eine würdevolle Handlung (a),
- die Würde des Amtes (g),
- ein hoher Würdenträger (g),
- ein würdiger Nachfolger (g),
- sein Schicksal mit Würde tragen (i),
- das ist unter meiner Würde (i),
- da wird die Würde mit Füßen getreten (i),
- Ein würdeloses Verhalten (g),
- einer Sache würdig / unwürdig sein (g),
- eine Würdigung der Verdienste (g)

Wie gesehen wird, wird der Würdebegriff im alltäglichen Gebrauch meist im Zusammenhang mit einer Bewertung (Aufwertung = würdevoll oder Abwertung = würdelos) verwendet und bezieht sich nicht immer nur auf den Menschen, sondern auch auf z. B. Rituale, Orte oder gesellschaftliche Stellungen. Von daher gesehen ist Würde im alltäglichen Gebrauch kein unantastbarer Wert, der jedem Menschen gleich zukommt, sondern ein besonderer Wertmaßstab zur gesellschaftlichen Beurteilung einer Person, einer Handlung oder einer Sache und kann zu- oder aberkannt werden.

Das bedeutet, im Alltag ist die Würde im Gegensatz zum Grundgesetz durchaus antastbar durch ihre mehrfache Verwendbarkeit. Um überhaupt diesen Konflikt zu lösen, beschäftigt sich werden muss mit der philosophischen Begründung der Menschenwürde. Zunächst soll Kantische Begründungstheorie betrachtet werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Debatte um die Menschenwürde in der Philosophie des 20. und 21. Jahrhunderts. Eine allgemeine Darstellung
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1
Autor
Jahr
2012
Seiten
16
Katalognummer
V980155
ISBN (eBook)
9783346331304
ISBN (Buch)
9783346331311
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Menschenwürde, Würde, Dignitas
Arbeit zitieren
Hasret Okurlu (Autor:in), 2012, Die Debatte um die Menschenwürde in der Philosophie des 20. und 21. Jahrhunderts. Eine allgemeine Darstellung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/980155

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