Trakl, Georg - Sommersneige - Vergleich mit Joseph von Eichendorff - Im Walde


Referat / Aufsatz (Schule), 2000

15 Seiten


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Joseph von Eichendorff, Im Walde - Georg Trakl, Somersneige

Gedichtvergleich

Die Gedichte ,,Im Walde" von Joseph von Eichendorff und ,,Sommersneige" von Georg Trakl unterscheiden sich durch rund vierzig Jahren zwischen ihrer Entstehung. ,,Sommersneige" ist das Werk eines expressionistischen Dichters, erschienen nach dem Tod seines Autors, der Teilhaber und Geschändeter des ersten Weltkriegs war."Im Walde" entstand 1836; Eichendorff sollte nach Vollendung des Gedichtes noch fünfzig Jahre leben. Eichendorff war zur Entstehungszeit als Mitarbeiter im Kultusministerium in Berlin tätig - Trakl diente im Sanitätskorps der österreichischen Armee an der Front.

Doch zeigen beide Gedichte zwei verwandte Thematiken, das ist zum einen die Neige, der Fall, der Untergang. Das zweite Thema ist der Wald, die natürlichen Gefilde die mit diesem Begriff assoziiert sind und in beiden Gedichten vom lyrischen Ich, das mit einer zentrale Perspektive, sinnend, inmitten dieser mit ähnlichen Worten aber aus zwei völlig differierenden Gemütszuständen betrachteten Landschaft steht, die das lyrische Ich zu einem Emotionsausbruch bringt. Um diese beiden seelischen Zustände und Änderungen des Ichs zu illustrieren, das ,,Im Walde" vom sensorischen Ereignis in ein Emotion eintaucht, die aus Furcht, spiritueller Freiheit und instinkthafter Natürlichkeit komponiert ist, und in ,,Sommersneige", dessen depressive, weitschauende Haltung von einer apokalyptischen Atmosphäre geprägt ist, werden die beiden Autoren im Hinblick auf diese Situation des lyrischen Ichs betrachtet.

Georg Trakl wurde am 3. Februar 1887 als fünftes Kind des Eisenhändlers Tobias Trakl und seiner Frau Maria, geborene Halik, im Wohnhaus der Familie in Salzburg geboren. Fünf Tage später wurde er evangelisch auf den Namen Georg getauft. Die Familie Trakl gelangte schnell zu Wohlstand und Ansehen. In der komfortablen Wohnung gingen Dienstboten, Ammen und Gouvernanten ein und aus. Der Vater galt als liberaler und toleranter Mann, der seinen Kindern einen starken Halt gab. Beide Eltern wandten sich weitaus mehr ihrem Geschäft zu, als der Erziehung ihrer Kinder. Die Mutter wird als kühle, eigenwillige und undurchsichtige Frau geschildert. Probleme scheint es in der Kindheit mit den Eltern nicht gegeben zu haben, Trakl wird als gesundes und lebhaftes Kind bezeichnet.

Mit fünf Jahren hingegen wird ein erster Selbstmordversuch durch Ertränken als ,,Geistesabwesenheit" bezeichnet, ebenso wie Trakls Versuch Pferde durch das spontane Hinwerfen vor denselben zum Stillstand zu bewegen.1 )

Mit einundzwanzig Jahren sollte Trakl sagen: ,, Ich glaube, es müßte furchtbar sein, immer so zu leben, im Vollgefühl all der animalischen Triebe, die das Leben durch die Zeiten wälzen. Ich habe die fürchterlichsten Möglichkeiten in mir gefühlt, gerochen, getastet und im Blute die Dämonen heulen hören, die tausend Teufel mit ihren Stacheln, die das Fleisch wahnsinnig machen."2 )

Ab 1892 besuchte er erst eine katholische Übungsschule, dann ein humanistisches Gymnasium. Unter den Mitschülern gewann er einen engen Freundeskreis, die ihm auch nach der Schulzeit verbunden blieben. Trakl erbrachte nur mäßige Leistungen. Das Gymnasium verließ er 1905, eine nicht bestandene Prüfung verarbeitete er dadurch, daß er ,,leider wieder zum Chloroform gegriffen habe", wie er in einem Brief mitteilt.

In seiner Pubertät wandelte sich Trakl von dem freundlichen, offenen Kind, das er war, zu seinem Gegenteil. Trakl fing an mit den verschiedensten Drogen zu experimentieren, ein inzestuöses Verhältnis zu seiner Schwester Margarete hat zur gleichen Zeit eine Verstärkung erfahren. Seine literarische Arbeit begann sich während einer Arbeit in einer Apotheke zu festigen. Trakl war fasziniert vom Werk Friedrich Nietzsches, das er mit Begeisterung las. Trakl wurde Mitglied in zahlreichen literarischen Kreisen, deren Kennzeichen Antibürgerlichkeit und eine unkonventionelle Lebensart waren. Er veröffentlichte seinen ersten Gedichtband (,,Traumland. Eine Episode"), Prosastücke (,,Verlassenheit" u.a.) und einige Dramen (,,Totentag", ,,Fata Morgana" u.a.)1 ). Während seiner Studienzeit (Studienfach Pharmazie) in Wien, das er 1910 beendet hatte, begann auch seine Schwester wohl auf Trakls Wirken hin Drogen zu nehmen, sie blieb für ihr Leben lang abhängig. Für Trakl kam ein weiteres Schuldgefühl neben dem wahrscheinlichen Inzest hinzu, das er auch in seinen Gedichten thematisiert wie z.Bsp. in ,,Blutschuld": ,,[...] Aus verwesender Bläue trat die bleiche Gestalt der Schwester und also sprach ihr blutender Mund: Stich schwarzer Dorn [...]"3 ). Nach einem einjährigen Militärdienst begann er sich um zahlreichen Arbeiten zu bewerben, die er nach kurzer Zeit wieder aufgab. Er schloß sich wieder Literaturgesellschaften an, die allerdings, wie der ,,Pan", meist reaktionär waren. Gleichzeitig existierte für ihn eine Welt exzessiven Sex und Drogengenußes, was ihn veranlaßte zu sagen: ,, Ich wünschte, ein paar Tage in Ruhe zu verbringen, es täte mir wahrhaftig not. Aber ich weißschon: ich werde wieder Wein trinken! Amen!"1 )

Im April 1912 begann seine Dienstzeit im Garnisionspital von Innsbruck. Bereits am zweiten Tag schilderte er seinen Aufenthalt in der Stadt als unerträglich, in seinen eigenen Worten: ,, Und wenn ich denke, daßmich ein fremder Wille vielleicht ein Jahrzehnt hier leiden lassen wird, kann ich in einen Tränenkopf trostlosester Hoffnungslosigkeit verfallen." Trakl lernt den Zeitungsherausgeber Ludwig von Ficker (1880-1967) kennen, der sein Freund und Mäzen wird. Themen der Metaphysik, der Mystik und Theosophie beginnen ihn zu begeistern. Nach dem Ende seiner zweiten Militärzeit, nach vergeblichen Versuchen in der bürgerlichen Welt Fuß zu fassen, war er im Zeitraum 1913-1914 durch seine Lebensweise soweit zerstört, daß er immer mehr auf die Hilfe seiner Freunde angewiesen war. Psychische Krankheiten zeigten sich in Form von Verfolgungswahn, Halluzinationen und Angstzuständen, sowie der immer wieder kehrende Traum vom Selbstmord. Franz Zeis, ein Wiener Freund Trakls schreibt: ,,Er ist ein lieber Mensch, schweigsam, [...] hat Hallucinationen, spinnt. [...] Er verträgt das vis-à-vis eines Menschen nicht. Er steht, und wenn er stundenlang fährt (im Zug) - auch in der Nacht - immer im Gang."1 )

Sein Selbstporträt entstand nach dem Bild, das er von sich selbst hatte, nachdem er aus einem Angstraum aufgesprungen war: ,, eine Maske mit drei Löchern: Augen und Mund." Gleichzeitig hielt er Vorlesungen seiner Werke. Kurz nach Kriegsausbruch meldete er sich freiwillig zur Armee. Er wurde an die Ostfront in Galizien als Militärapotheker geschickt. In der brutalen Schlacht um Grodek wurde er zum ersten Mal eingesetzt. Wenige Tage später, während des österreichischen Rückzuges, hielten Kameraden ihn gerade noch vom Selbstmord ab. Nach mehreren freiwilligen Versetzungen an die Front und einem Fluchtversuch wurde Georg Trakl schließlich in die Militärpsychatrie von Krakau eingeliefert, in der er auch weiterhin Gedichte schrieb, darunter ,,Grodek", ,,Klage" und ,,Im Osten". Die Erfahrungen im galizischen Grodek radikalisierten Trakls Dichtung und trieben sie in die schwärzeste Verzweiflung. Trakl, der nur einfacher Militärapotheker war, war nach der Schlacht beauftragt worden, neunzig Schwerverwundete in einer Scheune zu betreuen. In seiner Gegenwart erschießt sich einer der Verwundeten. An den Bäumen vor der Scheune hängen hingerichtete Deserteure. Am 3. November 1914 starb Trakl an den Folgen einer Überdosis Kokain, die nach den furchtbaren Erfahrungen als selbstgewollt erscheint.7 ) Am 21. November 1917, also drei Jahre später, nahm sich auch seine Schwester das Leben. ,, Alle Straßen münden in schwarze Verwesung".

,,Sebastian im Traum", den Namen eines Einzelgedichtes, wählte er zum Gesamttitel seines zweiten Gedichtbandes. Er enthält Gedichte und Prosadichtungen, die im Zeitraum von 1913 bis 1914 entstanden sind.

Trakl änderte selbst die Anordnung, Gedichte werden durch Prosastücke geordnet. Mehrere Gedichte, darunter auch ,,Sommersneige", nahm er zurück und ersetzte sie. 1919 erschien die erste Gesamtausgabe. ,,Sommersneige" erschien wie alle anderen zurückgenommen Gedichte in der Zeitung ,,Brenner" in der dem Buchtitel im Namen gleiche Reihe ,,Sebastian im Traum".1 )

Trakl entwirft auch in ,,Sommersneige" eine herbstliche Landschaft. Das Gedicht ruft eine Traurigkeit hervor, die durch die Position des lyrischen Ichs verstärkt wird. Es scheint an sich selbst aus der umgebenden Landschaft herausgelöst und wird nie selbst angesprochen, sondern spricht nur an und teilt Empfindungen und Anschauung auf unpersönliche Art und Weise mit.

,,Sommersneige" besteht aus siebzehn Versen, die in vier Vierzeiler und einen Endzeiler eingeteilt sind und wird mit einem Ausrufezeichen beendet. Das Metrum ist weitgehend der Jambus. Parallele Strukturen in den Strophen, ,,Der grüne Sommer ist so leise/ Geworden" wird sogar zweimal als Strophenanfang gebraucht, und das durchgehaltene monotone Versmaß korrespondiert mit der traurigen Monotonie des Gedichtes. Durch Enjambements in allen Strophen ergeben sich zwei unbetonte Silben (... leise/Geworden ...). Diese metrische Umsetzung des Kontextes hat den gleichen Effekt wie mehrere simple Anaphern und der einfache Satzbau, die eine karge Statik der Impressionen erzeugt. Charakteristisch ist auch eine gewisse Lautmalerei. So findet man verstärkt -s- Laute (Sommer ist so leise geworden) oder -f- Laute (Vergebliche Hoffnung) und andere.

Jede Strophe wird durch einen Satz eingeleitet, der die ,,Vergebliche Hoffnung" in Beobachtungen der Umgebung einfängt, die ,,vergebliche Hoffnung des Lebens" ist eine Analyse des lyrischen Ich, das die zweite Strophe einleitet. Diese Sätze kontrastieren mit dem folgenden; die photographischen, augenblicklichen Sinneseindrücke (,,Stille der Dörfer") werden ins Gegenteil abgeleitet (,,tönen rings die verlassenen Wälder"). Das erzeugt mit dem Jambus zusammen eine hin- und herschwingende Stimmung aus fragmentarischen Impressionen, zwischen Stille und Geräusch, Aufbruch und Verzweiflung. Die Thematik der Neige, des Verfalls und des Untergangs, das sich auch in vielen anderen Gedichten Trakls zeigt, thematisiert sich in den Strophen (,,sterben die Blumen", ,,Sonne versinkt", ,,Neige dich"). Es ist eine ultimative Endzeitpoesie, die durch das Vogelthema (,,Amselruf" und ,,Zur Reise sich die Schwalbe") spiritualisiert wird. Ein Vergleich mit anderen Gedichten Trakls (so z.Bsp. ,,An den Knaben Elis") zeigt, daß diese augurenhafte Naturbeobachtung keine spezifische Bedeutung hat. In fast allen Gedichten Trakls sind Vögel Thema. Sie fassen den prophetischen, spirituellen Gehalt der Gedichte. Sie sind aber auch Sinnbilder für den Drang des Umherziehen, der Brutalität der Natur und der Freiheit.

Der Vergleich mit anderen Gedichten beleuchtet auch den zahlreichen Gebrauch von Farben in ,,Sommersneige". Allgemein gesehen läßt sich behaupten, daß Farben bei Trakl Empfindungen gegensätzlicher Art ausdrücken wie erzeugen: Weiß ist die Farbe des Schnees, auch die des Verschimmelns, Gelb die des Goldhaften, aber auch des Kotigen, die Farbe Grün in ,,Der grüne Sommer" ist zum einen die Farbe des Mailaubs, aber auch die Farbe der Verwesung, aber auch, abstrakt gesehen, Farbe der Hoffnung und der Angst.6 ) Das ,,blaue Wild" erscheint paradox, erinnert zwangsläufig an den ,,blauen Reiter". Blau jedoch scheint bei Trakl Sinnfarbe eines harmonischen Einklangs mit Natur und dem Göttlichen zu sein.4 ) ,,Deine Lippen trinken die Kühle des blauen Felsquells"

,,Und du regst die Arme schöner in Blau"

,,Und in heiliger Bläue läuten leuchtende Schritte fort"

,,Ein blauer Augenblick ist nur mehr Seele. / Am Waldsaum zeigt sich ein scheues Wild" Diese vier Verse entstammen den Gedichten ,,Kindheit" und ,,An den Knaben Elis". Die Konsistenz der rhetorischen Arbeitsmittels Trakls und seines Vokabulars lassen es zu, eine Analogie zu dem ,,blauen Wild" zu ziehen. Blau wird mit Wasser, Ästhetik, Heiligkeit und der Seele assoziiert. Schünemanns Interpretation des Blaus in Trakls Dichtung als Metapher mütterlicher Wärme läßt sich hinzufügen.

Weitere Fabatrribute kommen hinzu. ,,Des Fremdlings durch die silberne Nacht" attribuiert die eingebrochene Nacht, die ,,zur Sternenreise winkt". Das silberne Glänzen steht vielleicht für das unwirkliche Scheinen der Sterne, ein diffuses Licht, welches eine unnatürliche, ungewohnte Umgebung erschafft. Diese Welt, die die Sinne in höchstem Maße anspricht, wie jede klare Sternennacht, mag etwas von silbriger Erhabenheit haben. In Trakls Gedicht ,,Abendland" allerdings steht

,,Silbern weint ein Krankes / Am Abendweiher".5 ) Hier wird die Farbe Silbern mit den Vorstellungen von Krankheit und Tod verknüpft. Beide Deutungen kombiniert ergeben, daß ,,Silbern" mit den Begriffen der Wahrheit und Klarheit verbunden zu sein scheint. ,,Sommersneige" geht weit über die Darstellung der Vernichtung und des Todes in der Natur hinweg, sie bezeichnet den endgültigen Untergang der gesamten humanen Idee. Sinnbildlich sterben alle Quellen menschlichen Denkens, die Sinneseindrücke. Mit der Vernichtung des Lebens (,,der grüne Sommer") werden alle Töne und Laute ausgelöscht (,,ist so leise geworden"). Die Farben, das Sehen, symbolisieren die gestorbenen Blumen. Der Amselruf ist die letzte Mahnung, Bitte, Klage des freien Wesens, das zwar zuletzt, aber dafür um so bewußter stirbt. Der Mensch inmitten der sterbenden Landschaft kann gleich dem Vogel dem Tode entkommen, doch was ist wenn alles Vorstellbare dem Tode geweiht ist? ,,Am Abend versinkt ein Glockenspiel, das nicht mehr tönt, Verfallen die schwarzen Mauern am Platz, Ruft der tote Soldat zum Gebet."6 )

Diese zweite Strophe des Gedichtes ,,Helian" von Trakl, erzeugt mit anderen Worten und in gleicher Form die gleiche Stimmung der ersten Strophe der Sommersneige. Es zeigt sich eine Sequenz Untergang, Lautlosigkeit, Verfall, Klage. Das Trakl die Form der Klage diesmal vom naturmystischen Amselruf zum Gebet ändert, zeigt in Verbindung mit der christlichen Thematik der Apokalypse, den Einfluß religiöser Motivation und Gedanken. Die letzte Strophe in ,,Sommersneige" beinhaltet ebenso ein christliches Thema, und zwar der uralte Gedanke von Erlösung, das menschliche Sehnen nach dem Messias.

Das Bild vom Fremdling in kalter Nacht, der nach Hause zurückkehrt, das unstetige Suchen in der kalten Nacht, auch der akustische Eindruck, die läutenden Schritte, inmitten vollkommener Stille, erzeugt eine Manifestation der Inharmonik inmitten der harmonischen Natürlichkeit. Das ,,blaue Wild" ist wie bereits gesagt, ein Symbol des Göttlichen. Der Gebrauch des Konjunktivs (,,Gedächte"), macht die Unmöglichkeit der Einkehr, der Vereinigung des Fremden, des inharmonischen mit dem Harmonischen, die Auflösung der Gegensätzlichkeiten, undenkbar. Dabei scheint der Fremde bereit zu sein für die Aufnahme in das Göttliche, denn er befindet sich in den ,,geistlichen Jahren", die überaus wohl klingen. Doch klingen sie harmonisch? Sie müßten in der Stille der Nacht aufgehen, die geistlichen, also nach Trakls Farbschemata, ,,goldenen" Jahre, kontrastieren mit der silbernen Nacht. Der menschliche Fluch, das fünfte Element, das Chaos im Inneren, die Unmöglichkeit des Aufgehens im Geordneten steckt hinter dem Thema der Heimkehr, die Tonwelt der Schritte streuen sich gleichzeitig mit dem melodischen Jambus.

Tonverwandschaft beweisen die Schritte auch mit dem Herzen der zweiten Strophe. Das stetige Schlagen des Herzens ist gleichermaßen Metapher der Schritte des lebenslang nach Einkehr suchenden Fremdlings in seiner Umgebung. Da es in der dritten Strophe angesprochen wird (,,Herz, neige dich nun liebender"), liegt es nahe, die zweite direkte Ansprache des lyrischen Ichs in ,,Sommersneige" (,,dein kristallnes Antlitz") ebenso dem Herzen zuzuordnen. Das Herz als Ausdruck des emotionalen Ichs (,,Das Herz ist mir bedrückt, und sehnlich / Gedenke ich der alten Zeit", Heine, Gedicht IX) ist ein Kristall, zerbrechlich und undurchsichtig, er strahlt außerhalb des Körpers, ermöglicht erst geistige Erleuchtung. Ein kristallenes Herz ist rein und edel, was mit dem ,,Wohllaut der geistlichen Jahre" korrespondierte. Ein distanziertes Weltgewissen, rein und kristallen in der Nacht, ist der Mond. Diese Interpretation würde die dritte Strophe erklären. Das Herz, der Mond, neigt sich über die untergegangene Sonne, die Schläferin, die bei Tage erwacht. Damit wäre auch der starken Rolle, die die Sonne in Trakls Dichtung spielt, gerecht geworden. Dadurch entsteht aber ein Vakuum. Die Anrede ,,dein kristallenes" Antlitz kann dann nicht an den Mond gerichtet werden, denn dieser ist bis dahin noch nicht aufgegangen. Es bleibt die Möglichkeit, daß ein menschliches Wesen Teil des Gedichtes ist. Die Schwester Trakls wird häufig zum Thema seiner Gedichte. Ist es der ,,Schwester Schatten" (,,Grodek"), ihr ,,kristallnes Antlitz", ist sie gar die ,,Schläferin".

Ein weiteres Mal zitiere ich Trakls letztes Gedicht ,,Klage":

[...] Schwester stürmischer Schwermut / Sieh ein ängstlicher Kahn versinkt / Unter Sternen, / Dem schweigenden Antlitz der Nacht."

Das ,,Antlitz" ruft in der ,,Klage" nun mehr die Sternenreise hervor, der Sternenhimmel ist die Verbindungslinie der Schwester und des Bruders. Unter dem Sternenhimmel sind beide allein. Er übernimmt eine Geborgenheitsfunktion. Der ,,ängstliche Kahn" ist Trakl, das Gedicht wie der Titel (,,Klage") ein letzter ,,Amselruf".

In seiner Dichtung stellt sich Georg Trakl dem ,,gottlosen, verfluchten Jahrhundert" (vgl. Nietzsche). Sein Medium war die subjektiv gebundene Erfahrung von Verzweiflung, Schuld und Leid, die er im Gedicht objektiviert. Zwischen seinem Bewußtsein von der Geborgenheit in Gott, das zeigt das hier abermalig auftretende religiöse Motiv, und seiner persönlichen Verzweiflung muß seine Lyrik als Versuch der Sühne verstanden werden. Es seien Zweifel angebracht, ob Trakls Werk überhaupt diskursiv verstanden sein will noch verstanden werden kann. Bisweilen muß man seinen Gedichten Hermetik attestieren. Ebenso ist auch die Zuordnung zu einer literaturgeschichtlichen Epoche bei Trakl mehr als riskant. Weder dem Impressionismus noch dem Expressionismus läßt sich sein Werk zuordnen, auch in das Raster des Symbolismus will sein Werk nicht passen. Guido Brandt nennt Trakl gar einen ,,neuromantischen Chaotiker". 1 )

Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff hingegen gilt als einer der großen Romantiker und war Sinn- und Formgeber dieser Epoche. Er wurde am 10. März 1788 auf Schloß Lubowitz bei Ratibor in Oberschlesien als zweiter Sohn seiner Eltern geboren. Die Eltern gehörten einer katholischen Landadelsfamilie an, die aus Bayern stammte. Die schlesische Landschaft war gekennzeichnet von einer feudalen Koexistenz der Einwohner polnischer, deutscher oder tschechischer Sprache und Kulturzugehörigkeit. Auch Eichendorff lernte bereits in seiner Kindheit polnisch. Von seiner Umgebung wurde der landadlige junge Eichendorff zwar liberal, doch nach den Gepflogenheiten des Adels erzogen. Sein Tagebuch, das er im Alter von zwölf Jahren, am 14.11.1800 beginnt zu schreiben und mit manchen Lücken einen Zeitraum von zwölf Jahren umfaßt, als er am 5.3.1812 aufhört seine Tagebuchnotizen zu machen, macht er später zu einem Teil seiner Memoiren, ein kulturgeschichtliches Bilderbuch, das weit über die persönlichen Memoiren Eichendorffs hinweggeht. Eichendorff schildert nicht nur, sondern reflektiert auch die in einem oftmals im heiteren Beschreibungsstil zu Papier gebrachten Beobachtungen in diesem isolierten, natürlichen aber auch rückständigen Ort der Kindheit und Jugend. ,, Die fernen blauen Bergeüber den Waldesgipfeln waren damals wirklich noch ein unerreichbarer Gegenstand der Sehnsucht und Neugier. Das Leben der großen Welt, von der wohl zuweilen Zeitungen Nachricht brachten, erschien wie ein wunderbares Märchen. Die große Einförmigkeit wurde nur durch häufige Jagden, die gewöhnlich mit ungeheurem Lärm, Freudenschüssen und abenteuerlichen Jägerlügen entledigten, sowie durch die unvermeidlichen Fahrten zum Jahrmarkt der nächsten Landstadt unterbrochen."9 ) Die einsame Trostlosigkeit wird auch in Eichendorffs Gedicht ,,Im Walde" thematisiert. Das lyrische Ich befindet sich inzwischen, das Präteritum verschafft dem Vergangenen, der Sehnsucht Platz, an einem distanzierten Ort. Es berichtet in einem objektiven Stil, und war nie Teil des in der ersten Strophe geschilderten Geschehen. Ein Beobachter; das Präteritum unterstützt die Distanz auch zeitlich. Das maßgebliche, in der Überschrift gefaßte Motiv des Gedichtes ist der Wald, der bei Eichendorff, dem eine ebenso kontinuierliche Formelsprache zu eigen ist, allgegenwärtig ist. Der dunkle Wald Schlesiens, die Kindheit in der natürlichen, schwermütigen Landschaft, verbunden mit einer naiven ländlichen Religiosität, offenbart sich. Eichendorffs Verständnis des Waldes zeigt viele Parallelen mit dem seiner Romanfigur Leontin im letzten Kapitel von ,,Ahnung und Gegenwart".

Die ,, uralte, lebendige Freiheit, die uns in großen Wäldern wie mit wehmütigen Erinnerungen anweht"10 ), scheint das starke Wirken des Waldes zu erklären. Der Wald an sich, birgt aber noch mehr. Sieht man Eichendorffs Loreleidichtungen (,,Waldgespräch"), eröffnet sich ein Verständnis des Waldes als Ort der freien Liebe, unbekümmerter Natürlichkeit, die Vorstellung vom Wald als Lebensraum zahlreicher Fabelwesen, wie Nymphen und Einhörnern. Der Wald ist ein Ort der Stille und der Kälte, der menschlichen Furcht angesichts

Reizüberflutung und Verlorensein inmitten eines lebendigen Waldes. (vgl. ,, Blair Witch Project")

Der ,,freie Wald" hat noch einen sozialen Hintergrund. Das den Bauern bis ins 19.

Jahrhundert zugestandene Holz- und Wildrecht, ließen den Wald als Ort kollektiver Freiheit erscheinen. Er später wird der Wald zum Rechtsraum, und privatisierbar. Unweigerlich verbunden mit der Dichtung der Romantik und dem Begriff des Waldes steht auch eine nationale, mystische Deutung. Der Wald wird als heilig begriffen, die germanische Naturreligion wurde an heiligen Hainen ausgeübt, Quellen, heilige Bäume, Quellen und Steine. Diese Verständnis von Natur zeigt sich auch in ländlichen Gegenden weiterhin, insbesondere im Verband mit dem Katholizismus. Eichendorff ist in selbiger Umgebung aufgewachsen, und auch mehrere Wandertouren als Jugendlicher und Student zeigen die enge Verknüpfung. Die Vorstellung von der ,,Göttin Natur", deutet auf ein neues religiöses Verständnis hin. Im Bezug auf die Poesie der Romantik schreibt Eichendorff: ,, ... nur von Wenigen innerlichst vernommen; [...] apellierte [ sie ] an ein katholisches Bewußtsein, das noch kaum erwacht und nirgends reif war."

Der Naturraum Wald schafft räumliche Abgeschlossenheit, die er dem Ich gewährt.

,,Im Walde" besteht aus zwei Strophen zu je vier Versen, die sich im Kreuzreim reimen. Die Verse sind im vierhebigen Jambus gehalten. Auch dieses Gedicht hat Volksliedform.

,,Im Walde" ist eine Erfahrung auditiver Natur, Eichendorff benutzt auch in diesem Gedicht fast nur Verben aus dem Bereich des Hörens (,,hörte die Vögel schlagen", ,,Waldhorn klang", ,,rauschet der Wald"). Akustische Signale haben den Effekt einer sehr unbestimmten individuellen Phantasie, sie lösen im Kontext des Gedichts eine ,,frei flottierende Sehnsucht"

Strophe endet mit einer Emotion, die abschließende Sentenz dieses Gedichtes reicht über zwei Verse mit einem Enjambement Es löst den langsamen, durch Kommas nach jedem Vers evozierten, Duktus auf. Das Gefühl des Schauderns, (,,und mich schaudert im Herzensgrunde") das schnell und emotional stark über den Menschen hereinbricht, wird dadurch zur Geltung gebracht. Und der Mensch ,,im Walde", der sich selbst allein überlassen wurde, reduziert die Sinneseindrücke nur noch auf sich selbst, das ferne Rauschen von den Bergen ist die letzte Rettung vor vollkommener Stille und dem Selbst des lyrischen Ichs.

Die hereingebrochene Nacht (,,Die Nacht bedecket die Runde") ist unzweifelhaft Todessymbol. Die zur Ruhe gekommene Natur stirbt, um am nächsten Tag wieder zum Leben erweckt zu werden. Die Verwendung der Metapher ,,bedecken" zeigt anschaulich den wiederkehrenden Schlaf. Der Nebeneffekt ist die Reduktion des Ichs eines Menschen auf sich selbst, die Nacht bringt eine meditative Stimmung, in der das Ich über sich selbst nachdenkt. So ist das ,,Schaudern" als eine ,,Verschmelzung" der ,,Stimmung" der Natur und des Ichs zu sehen. Das Subjekt und die Natur werden zu einer harmonischen Einheit. Auch hier ist also eine gewisse Auferstehungsthematik versteckt.

Das Gedicht wird also von zwei Hauptinhalten bestimmt. Die Perspektive des lyrischen Ichs und dem jeweils durch eine Strophe gewidmetem Befinden desselben im Zustand der Sehnsucht, oder in dessen Gegenteil. Man kann den Blick auf die Sinneseindrücke der ersten Strophe als Blick auf mehr sehen, auf die unendlichen Formen des Wahrnehmens, die Unendlichkeit. Doch die Vorstellungswelt zerfällt, und der Einzelne bleibt zurück. Ihm verbleibt das Gefühl der Sehnsucht und der Melancholie, es ,,schaudert" ihn, wenn er wieder von der Beschränkung durch die endliche Existenz erfährt.

Das Gedicht entstand 1836, Eichendorff war zu dieser Zeit 48 Jahre alt. Aus seiner Biographie läßt sich eine Motivation für den Inhalt von ,,Im Walde" lesen. Eichendorff befand sich als katholischer Beamteter im vorwiegend protestantischen Staatsdienst. Er wurde zu dieser Zeit von den einzelnen Ministerien herumgereicht, fand als Staatsdiener, der er 1821 geworden war und erstmals seiner Familie mit vier Kindern ein auskömmliches Gehalt garantierte, keine Ruhe. Er arbeitete in Berlin. Nach dem Tode seiner Mutter, waren die Güter in Oberschlesien endgültig verloren.

Neben diesem Verlust der möglichen Heimkehr, befand sich Eichendorff gleichzeitig in einer psychischen Krise. Im Zeitraum von 1816 bis 1855 sind kaum persönliche Dokumente Eichendorffs erhalten. Er selbst lebte inkognito, benutzte andere Namen. Gedichte wie ,,Der Einsiedler" und auch ,,Im Walde" entstehen. Immer wieder versucht er den Beruf zu wechseln, so ist ein Brief erhalten, in dem er um ein Universitätslehramt in Geschichte bittet. Der Romanheld einer seiner zu dieser Zeit entstandenen Romane heißt ausgerechnet ,,Unstern", unter dem falschen Stern steht Eichendorff wie sein Romanheld. Eichendorff verbannt sein Selbst in sich, lebt nach außen ein unauffälliges Leben. Das macht er so geschickt, daß oftmals vergessen wird, daß er noch in der Stadt wohne, so Zeitgenossen.9 ) Um diese Zeit ist aber auch die Ära der Romantik schon längst vorbei. Eichendorffs romantische ,,Märchenwelten" haben keinen Untergrund mehr (Verlust der heimatlichen Güter) und das Sehnen nach Erlösung und Einsamkeit wird immer stärker. In diesem Kontext zeichnet ,,Im Walde" keine natürliche Landschaft, sondern eine aus Symbolen gefügte Seelenlandschaft, die die Emotionen den Weltschmerz des in sich selbst eingesperrten Individuums nachzeichnet.

Das Eichendorffs Sprache als Symbolsprache, seine Lyrik als Abbild seiner Seele, seines psychischen Zustandes gesehen werden muß, ist in vielen Gedichten, die zur gleichen Zeit wie ,,Im Walde" entstanden sind, eindeutig: So z.Bsp. ,,Sehnsucht" (vgl. Bettina Schäfers Aufsatz) oder auch ,,Zwielicht". Hier wird die Metaphorik Eichendorffs deutlicher. ,, Dämmrung will die Flügel spreiten, / Schaurig rühren sich die Bäume, / Wolken ziehen wie schwere Träume - / Was soll dieses Graun bedeuten?11 )

Es stehen also zwei Gedichte zum Vergleich, die beide zwar die Illusion einer (herbstlichen) Landschaft erzeugen, dahinter aber eine Welt von Symboliken fassen. Auch Georg Trakls Gedicht wird und kann nur als ,,Seelenlandschaft" gedeutet werden. Die Ähnlichkeit der Gedichte läßt sich an der Thematik der Herbstlandschaft festmachen. Die verwendeten Begriffe produzieren gleiche Bilder (,,der grüne Sommer" und ,,Im Walde", ,,Amselruf" und ,,Vögel").

Rein formal unterscheiden sich die Gedicht allein durch die Form eines kurzen Volkslieds und einem ungereimten in der Form freien lyrischen Inhalts.

Die Position des lyrischen Ichs differiert in den Gedichten stark. Durch die Verwendung des Präsens und der Unpersönlichkeit des lyrischen Ichs in ,,Sommersneige" entfaltet sich dessen Wirkung viel näher am Leser als ,,Im Walde", wo das durch die Verwendung des Präteritums und die Nennung des ,,Ichs" ein Distanz hergestellt wird.

Beiden gleich ist das Motiv des Untergangs. Das zeigt sich durch die tageszeitliche Umsetzung (in beiden Gedichten wird es plötzlich Nacht). Das geschieht bei beiden Gedichten in der Mitte, so daß sich die eine Hälfte den Eindrücken am ,,Tag" und die andere Hälfte der ,,Nacht" widmet.

Diese auch weiterhin verwendete Thematik des ,,rise and fall", ein Grundmuster der Natur, setzt sich fort, so ist in beiden Gedichten die Auferstehung, der Messias enthalten. Bevor aber die religiöse Motivierung der beiden Dichter zur Sprache kommt, soll zuerst das atmosphärische Thema des Untergangs, das beiden Gedichten eigen ist, näher betrachtet werden.

Zweifelhaft muß in die Intensivität der Gefühlsregungen, die beide Gedichte stimmhaft erzeugen, unterschieden werden. Steht das lyrische Ich in ,,Sommersneige" vor dem Untergang des menschlichen Gesamten, am Scheideweg von der humanen zur pervertierten Idee. Zur Entstehungszeit stand der erste Weltkrieg bevor. Das ,,Schaudern" im Walde hingegen ist die Folge des Bewußtwerden des eigenen Subjekts. Dadurch läßt sich an beiden Gedichten anknüpfen. Die Anonymität des Waldes gibt dem lyrischen Ich Freiheit und zwar in Bezug auf die Handlungen der bekannten Persönlichkeit, als auch in Bezug auf das Unbewußte. Die durch das alltägliche Leben überdeckte unbewußte Persönlichkeit konfrontiert sich im Zustand des Alleinseins mit dem Schein nach Außen. Ein innerseelischer Konflikt, die Offenbarung des Chaos als Wesen des Menschen (vgl. Ovid). In ,,Sommersneige" ist der ruhelose Geist des Wanderers, der einen geistigen Konflikt austragen muß. Er befindet sich aufgrund seiner Menschlichkeit im Zwiespalt mit dem Göttlichen, übertragen gesehen mit dem natürlichen.

Ich komme nun zur religiösen Motivierung der Dichter bzw. der religiösen Motive. Beide Gedichten bewegen sich um den Drang nach Erlösung und Heimkehr. Bei Eichendorff jedoch geht es vielmehr um ein positives religiöses Verständnis, das seinen Ausdruck besonders in der Natur, aber in der umfassenden Realität wurzelt. Zum Vergleich als paralleles Beispiel ein anderes Gedicht von Eichendorff:

Morgengebet

O wunderbares, tiefes Schweigen

Wie einsam ist´s noch auf der Welt! Die Wälder nur sich leise neigen, Als ging der Herr durchs stille Feld. [...]

Und buhlt mein Lied auf Weltgunst lauernd, Um schnöden Sold der Eitelkeit:

Zerschlag mein Saitenspiel, und schauernd

Schweig` ich vor Dir in Ewigkeit.

Diesem Gedicht ist ebenso der charakteristische Umbruch inne, der auch bei ,,Im Walde" stattfindet. Die ersten Strophen beziehen sich auf eine unpersönliche fromme Naturschilderung um dann in die Stimmungslage des lyrischen Subjekts zu wechseln. Auch hier erstarrt das Ich vor der ewigen Gottheit. Kurt Binneberg schreibt in12 ): ,, Die Zeitbedingtheit des Irdischen und die Ewigkeit des Göttlichen bilden den wesentlichen Gegensatz zwischen den beiden Welten. Er wird dann aufgehoben sein, wenn der Mensch das ewige Leben gewonnen hat, und darin liegt für den romantischen Dichter der Sinn des menschlichen Daseins." Das Religionsverständnis ist für die Epoche der Romantik typisch. Religion ist mehr als nur die durch Konfession und Dogma christliche Religion an sich, sondern vielmehr eine Vermengung mit biographischen Momenten, und einer aus der Natur resultierenden seelischer Erhabenheit (,,Im Walde"), es kommt zu einer Vermengung vor allem der ureigensten persönlichen Erfahrung mit Gott.

In Trakls ,,Sommersneige" ist das Religiöse keineswegs so schnell greifbar wie bei Eichendorff. Zwar entsteht auch hier eine tiefe Erfahrung. Sie ist aber nur vordergründig religiös.

Es besteht ein schizophrene Verhältnis Trakls zwischen seiner unspezifischen Religiosität und dem Bewußtsein von dem nahegekommenen Ende des Humanen. Die Sühnehaftigkeit Trakls Lyrik mag Sigmund Freud erläutern, wenn er erklärt, wie der unreligiöse Mensch ohne Trost und Sühne leben kann. ,,Vielleicht braucht der, der nicht an der Neurose leidet, auch keine Intoxikation, um sie zu betäuben. Gewißwird der Mensch sich dann in einer schwierigen Situation befinden, er wird sich seine ganze Hilflosigkeit, seine Geringfügigkeit im Getriebe der Welt eingestehen müssen [...] Der Mensch kann nicht ewig Kind bleiben, er mußendlich hinaus, ins ,,feindliche Leben". Man darf das die ,,Erziehung zur Realität heißen" ..."13 ) Georg Trakl ist hinaus gegangen ins feindliche Leben, ,,Sommersneige" ist ein Produkt dieses Versuches. ,,Sommersneige" als neurotische Zwangshandlung zu sehen, geht aber jedenfalls mir zu weit. ,,Sommersneige" mag ebenso wie Georg Trakls Existenz eine reiche Landschaft tiefenpsychologischer Prozesse sein.

Meiner Meinung ist ,,Sommersneige" nicht nur mehr als die Summe von Traklscher Biographie, eines zutiefst erschütterten und zerstörten Menschen. ,,Sommersneige" birgt Wahrheitsanspruch, es zeigt die ganze Fülle der ungeschminkten, uns unbewußten Realität.

Das allgegenwärtige Sterben (,,Am Abendweiher starben die Blumen") in der Lyrik Trakls ist real, es sind 40.000 an Hunger sterbende Kinder jeden Tag, es ist die Tierart, die jeden Tag an der Peripherie der Zivilisation für anonyme Auftraggeber ausstirbt. Es ist ein Versuch dem auf das Leben, dem an das Pluszeichen vor der Existenz gewohnte Mensch, unbewußtes zu artikulieren und zu verarbeiten.

Die durch ,,Drogen" veränderte Wahrnehmung zeigt Trakl die Relativität existentiell geglaubter Erfahrung, so z.Bsp. Farbe und Bewegung.

Dadurch ergibt sich meiner Meinung eine pseudoreligiös anmutende Offenbarung. Eine versteckte Wirkung, die an die Lyrik nach Ausschwitz erinnert. Das Finden eines neuen literarischen Verständnisses nach 1945, nach Vernichtungslagern und Gasduschen scheint Trakl vorweggegriffen zu haben. ,,Sommersneige" ist das Abbild einer verschwiegenen Realität. Es ist Ausdruck einer primär am Begriff der Wahrheit orientierten Lyrik.

Beide Gedichte zeigen keineswegs, dass Gott tot ist oder nicht, sie sagen mir aber, dass hinter der sogenannten Realität mehr ist, als es uns in der durchschnittlichen Minute unseres durch- schnittlichen Lebens durch uns selbst suggeriert wird. Die Isolation des Ichs, die Beschränkung der Existenz, die von jedem Menschen kaschiert und versteckt wird, schwelt in jedem Menschen, ob es ihr oder ihm bewußt oder unbewußt ist. Und auch nach dem das Ende der Romantik lange her ist, schaudert es den Menschen allein im Wald, wenn er ihn nur nicht wie die Blumen am Abendweiher sterben läßt und dort zu unchristlicher Zeit hingeht. Es ist gegen den Mangel an Bewußtsein in uns allen zu kämpfen, oder in zugegebenermaßen antiquierten Worten: ,, Was heut müd gehet unter, / Hebt sich morgen neugeboren. / Manches bleibt in Nacht verloren - / Hüte dich, bleib wach und munter!" (Eichendorff, ,,Zwielicht")

Björn Schneider

Zitierte und verwendete Literatur:

7 ) aus. Das mag daran liegen, daß vor allem die Distanz zum Gehörten sowie die Stärke des Sinneseindrucks dem Leser frei wählbar ist.

Das erzeugt zusammen mit der ebenfalls freien Position des lyrischen Ichs ein Wirkung, die die Einsamkeit, die Individualität verstärkt. ,,Im Walde" ist frei von Zielen und Gründen, so zieht die Hochzeit den Berg entlang, diese Unbestimmtheit ist Ausdruck des unendlichen Gefühls des lyrischen Ichs. Die erste Strophe vergegenwärtigt diese ferne, sinnesprächtige Welt, die dem Ich zu hören kommt, die zweite beginnt mit dem abrupten Ende dieser vergangenen Welt (,,eh ichs gedacht"). Das Präteritum macht dies auch deutlich. Die erste Strophe endet mit einer emotionalen Äußerung (,,Das war ein lustiges Jagen!"), das zeigt von Freude und Hingerissenheit, die Sinne sind ganz auf das Äußere gerichtet. Auch die letzte

Dieser Text ist nach den alten Rechtschreiberegeln ins Leben gesetzt worden und es tut auch.

[...]


1 ) Christa Saas, Georg Trakl, Realien zur Literatur,1974;

2 ) Peter Schünemann, Georg Trakl, Autorenbücher, 1988;

3 ) Franz Fühmann, Gedanken zu Georg Trakls Gedicht, 1985;

4 ) Hans Esselborn, Trakls Knabenmythos, in Reclam, Gedichte und Interpretationen 5, 1983;

5 ) Otto Knörrich, Lyrische Texte, Strukturanalyse und historische Interpretation, 1990;

6 ) Franz Fühmann, Der Sturz des Engels, Erfahrungen mit Dichtung, 1985;

7 ) Winfried Freund, Deutsche Lyrik, 1990;

8 ) Manfred Kux, ,,De profundis" - aus dem Abgrund, in Reclam, Gedichte und Interpretationen 5, 1983;

9 ) Paul Stöcklein, Eichendorff, 1988;

10 ) Alexander von Bormann, Das zertrümmerte Alte, in Reclam, Gedichte und Interpretationen 3, 1984;

11 ) Arbeitstexte für den Unterricht, Wie interpretiert man ein Gedicht?, Reclam, 1993;12 ) Kurt Binneberg, Lyrik der Romantik, Lektürehilfen, 1998

13 ) Sigmund Freud, Religion als Illusion, in konzepte 8 (Ethik Blätter zur Religionskritik)

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Trakl, Georg - Sommersneige - Vergleich mit Joseph von Eichendorff - Im Walde
Autor
Jahr
2000
Seiten
15
Katalognummer
V98051
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Trakl, Georg, Sommersneige, Vergleich, Joseph, Eichendorff, Walde
Arbeit zitieren
Björn Schneider (Autor), 2000, Trakl, Georg - Sommersneige - Vergleich mit Joseph von Eichendorff - Im Walde, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98051

Kommentare

  • Gast am 18.4.2002

    StD.

    Der Text ist nie und nimmer ein "Schulaufsatz"! Seid also fair gegenüber den übrigen Schülern, die solche Niveaus kaum erreichen. Gebt an, wer -konkret - hinter der Interpretation steht!
    Im übrigen: Von einigen R-Fehlern abgesehen halte ich die Arbeit für eine beachtenswerte Angelegenheit! Über einzelne Punkte lehnt es sich wohl, noch ein wenig weiter zu "streiten"!
    Gruß
    Friedel Schardt

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