Peter M. Blaus "Exkurs über die Liebe". Eine kritische Betrachtung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Was ist Liebe?

Dynamik der Liebesbeziehung

Verhaltensmuster in Liebesbeziehungen

Literaturangaben:

Einleitung

Liebe. Viel ist über dieses Thema gesprochen, gedacht und geschrieben worden. Ein Thema, so alt wie die Menschheit an sich, dreht es sich doch um eine elementare und ursprüngliche menschliche Empfindung.

Was Liebe ist, kann einem keiner genau und doch jeder auf seine Art sagen. Ob wissenschaftlich gefärbte Erklärungsansätze, prosaische oder lyrische Schriften, oder auch in einem einfachen Gespräch – überall lässt sich eines feststellen. Die Liebe an sich ist nicht in Worte zu fassen.

Man kann die Facetten der Emotion Liebe beschreiben, ihr nachspüren und Teile von ihr in fassen. Doch nie wird es gelingen, eine allgemeine Arbeit über das Wesen der Liebe an sich zu fertigen.

„Die Liebe Erschließt sich uns über das Erlebnis. Erlebnisse lassen sich nicht im Labor mit Instrumenten messen – man kann über sie aber beschreibend berichten. Diese Beschreibungen sind selbstverständlich immer subjektiv.“1

Besteht überhaupt die Notwendigkeit einer gültigen Definition des Wesens der Liebe? Ist Liebe nicht vielmehr etwas, was sich in jedem Menschen befindet und deshalb millionenfach einzigartig ist.

Einer der vielen, die versucht haben, Liebe zu beschreiben, ist der Soziologe Peter M. Blau. Er schafft Definitionen und beschreibt für ihn liebestypische Prozesse. Ebenso scheint es, als ob er eine Art Verhaltensanweisung an Liebende bzw. über den Umgang zwischen den Geschlechtern, geben will.

Dies und scheinbare Polarisierungen erscheinen mir schwierig, wenn man sich dem Thema der Liebe zuwendet. Selbst der geschichtliche Entstehungshintergrund seiner Ansichten, das prüde Amerika der 50er Jahre, kann hierfür nicht als „Entschuldigung“ genügen. Ein Mensch, der sich der Aufgabe zuwendet, die Liebe anderen Menschen zu beschreiben, muss in der Lage sein, Abstand zu seinem Umfeld zu gewinnen und in sein Inneres und das seiner Mitmenschen genauer schauen.

Was ist Liebe?

Für Peter M. Blau ist Liebe die „(…) höchste Steigerung einer inneren Bindung.“2

Liebe ist folglich objektgebunden und demnach gerichtet. Das Gefühl der Liebe nicht allgemein und unbestimmt vorhanden. Diese Bindung ist nicht objektiv feststellbar in Form einer sichtbaren Verbindung. Hierin lässt sich der Grund für den Ringtausch bei dem Hochzeitsritus vermuten.

Liebe gilt bei Blau als höchste Steigerung. Somit steht das Gefühl der Liebe am Ende der Klaviatur der Gefühle von Zuneigung. Liebe ist das Höchste der Gefühle. Quasi das Superlativ der bindungsschaffenden Gefühle, die anderen Menschen gegenüber gebracht werden können.

Das Gefühl der Liebe entsteht in einem Menschen. Ein Teilen in gleichen Verhältnissen entsteht nicht zeitgleich. Liebe kann auch ohne Erwiderung bzw. Bestätigung und somit Förderung existieren.

Stellt sich die Frage, wie aus der empfundenen Liebe einem anderen gegenüber eine erwiderte Liebe werden kann.

Dies ist nicht mit der Frage, wie aus „Verliebtsein“ Liebe entsteht gleichzusetzen.

Blau beschreibt das Liebesverhältnis zweier Personen als „(…) Ergebnis einer zunehmenden gegenseitigen Attraktion von zwei unabhängigen Individuen (…).“3

Die Entwicklung der Liebesbeziehung zweier Menschen ist ein Prozess. Da Blau von einem „Ergebnis“ spricht, scheint er das Liebesverhältnis als einen abgeschlossenen Prozess zu sehen. Ein Abschluss ermöglicht jedoch keine Weiterentwicklung. Dies steht jedoch im Widerspruch zu Blau’ s weiteren Ausführungen.

Ebenso erscheint mir der Aspekt, dass ein Liebesverhältnis nur zwischen unabhängigen Individuen entstehen könne, als problematisch. Sind nicht auch andere Formen eines Liebesverhältnisses möglich? Hier zeigt sich bereits ganz deutlich, dass Blau eine Liebesbeziehung gleichzeitig mit einer sexuell geprägten Beziehung gleichsetzt.

Wie entwickelt sich das Gefühl der Liebe?

Das Gefühl der Liebe entsteht aus dem Gefühl des Verliebtsein. Einen Punkt des Übergangs kann man hierbei nicht festlegen. Vielmehr ist dies ein fließender Prozess, wie auch die Liebe an sich ein sich ständig verändernder Prozess ist.

Blau beschreibt das Verlieben als „Entzünden der Liebe“ an der „unvergleichbar“ begehrenswert erscheinenden attraktiven Frau, die nicht zu leicht erobert werden kann und dennoch Interesse signalisiert. Die Frau als Objekt der Liebe wird von Blau als „äußerst begehrenswerter Liebesbesitz“ dargestellt. Diese Attribute reizen den Mann zur Eroberung der Frau.

Die Zuneigung der Frau gilt als für den Mann wichtige Belohnung für sein Bemühen um sie. Der Versuch des Mannes, die Aufmerksamkeit der Frau zu erlangen, geschieht über Mechanismen des Beeindruckens sowie des Weckens von Gefallen. Wie genau sich dies vollzieht beschreib Blau nicht direkt.

Blau sieht eine Art Abhängigkeit des Mannes von der Frau, welche mit der zu erwartenden Belohnung seitens der Frau in Zusammenhang steht.

Der am Anfang der Kontaktaufnahme zwischen Mann und Frau stehende Flirt wird als „Kampf der Liebenden“ tituliert. Die Nomenklatur Kampf birgt immer das Moment der Rohheit, also der Natürlichkeit in sich. Durchaus soziobiologisch zu betrachten, scheint also Liebe auch eine biologisch zu erklärende Verhaltensäußerung zu sein. Lieben liegt im Wesen des Menschen.

Blau definiert das Flirten als „(…) Ausdruck der Zuneigung in einer halbernsten oder stereotypisierten Form, das im anderen gewisse Bande anknüpfen soll, bevor man sich selber ernsthaft bindet.“4

Flirten als Kontaktaufnahme mit einem interessant erscheinenden Gegenüber läuft meist nach bestimmten Schemata ab. Diese lassen jedoch in verschiedene Kategoriensysteme unterteilen. Wovon diese abhängig sind, lässt sich nicht eindeutig bestimmen. Jedoch scheinen Geschlechtsspezifik, Herkunft, Schicht und der Status der Person das Flirtverhalten stark zu beeinflussen.

Das „Ziel“ des Flirtens liegt darin, auf sich Aufmerksam zu machen, seine Zuneigung auszudrücken und Sympathie bei dem Gegenüber zu erzeugen. All dies soll die Basis für das Gefühl der Verbundenheit schaffen bzw. sein. Ebenso stellt der Versuch, Zuneigung bei dem begehrten Objekt zu erzeugen, sicher, dass die eigenen Gefühle und Versuche der Kontaktaufnahme nicht vergebliche „Liebesmüh’“ sind. Der Kontaktwunsch soll nicht einseitig bleiben. Dies scheint Blau zu meinen, wenn er von Bande knüpfen, bevor man es selber also stark tut, spricht.

Blau versucht das Wesen des Flirtens zu fassen und stellt fest, dass Flirten anfangs durch ein Zurückhalten der Gefühle geprägt ist. Dieses Zurückhalten kann quasi inter- und intrapersonal sowie bewusst und unbewusst geschehen. Die Gefühle werden vor dem anderem und/oder vor sich selbst aus Angst vor Zurückweisung oder Abhängigkeit zurückgehalten. Als Resultat dieser Verhaltensstrategien sieht Blau eine wachsende Anziehung zwischen den potentiellen Partner.

Als übergeordnetes Ziel weiteren Flirtens sieht Blau die Ermittlung des Interesses des anderen an der Fortsetzung der sich entwickelnden Beziehung sowie das Bekunden des eigenen Interesses daran.

Blau trennt Flirten vom Dating.

Dies liegt vielleicht daran, dass Flirten ein längerer, sich zufällig entwickelnder Prozess ist. Dahingegen ist das Dating eine geplante und somit zielgerichtete, zeitlich terminierte Aktion.

Blau definiert das „Dating“ als zwangloses Zusammentreffen um den „(…) Marktwert seiner Attraktivität (…)“5 zu erkunden. Dies sei wichtig für das Selbstbild. Da er das Ziel des Kennenlernens des anderen nicht benennt, gehe ich davon aus, dass Blau den Vorgang des Datings dem Prozess des Flirtens inhärent wähnt.

Allerdings scheint mir die egozentristisch geprägte Betrachtungsweise des „Datings“ zu einseitig, da viele weitere Ziele bzw. Aspekte nicht betrachtet und benannt werden.

Die Zurückhaltung seitens des Mädchens/Frau erhöht die „Spannung der Jagd“ für den Jungen/Mann.

Blau sieht die weibliche Verhaltensstrategie der Zurückhaltung als „(…) Forderung auf ein Minimum von Verpflichtung als Bedingung für den Erweis seiner Zuneigung (…).“6 Mit solch einem Vorgehen, ob bewusst oder unbewusst sei dahingestellt, soll eine tiefere Bindung des anderen an einen selbst erreichen. Mit Erreichen dessen sei die Phase des Datings zu überwinden. Somit wird dann eine höhere Stufe bzw. weitere Phase der Beziehungsentwicklung erreicht.

Dynamik der Liebesbeziehung

Blau ist der Meinung, dass Liebe den Menschen selbstlos mache. Diese selbstlose Hingabe resultiere aus dem Interesse, sich die Liebe des anderen zu erhalten.

Jedoch lässt Blau aus den Augen, dass jede Gabe auch gleichzeitig eine Gegengabe bedeutet. Auch wenn es sich lediglich um die Befriedigung des Gebens handeln sollte.

Bei genauer Betrachtung von Blau’ s These fällt ein Widerspruch in sich auf. Wie kann Blau von Selbstlosigkeit sprechen, wenn diese Selbstlosigkeit aus der Intention des Erhalts der Liebe des anderen resultiert?

In jeder Liebesbeziehung finden Austauschprozesse statt. Die Dynamik der Beziehung beruht auf dem Austausch spezieller Belohnungen. Diese Belohnungen fasst Blau als Mittel, um „(…)seine eigenen Verpflichtungen zum Ausdruck zu bringen und zu bekräftigen (…).“7 Dadurch werde die zunehmende innere Bindung des anderen an die „beiderseitige Vereinigung“ gestärkt.

Ferner erwähnt Blau den Vorgang des Opferbringens. Dieser disharmonische Austausch in der Beziehung, bei dem einer weit mehr Einsatz für die Beziehung und den Partner zeigt als der andere, kann das Resultat verschiedener Vorgänge sein.

Zum einen kann der selbstlose Einsatz für die Beziehung aus der Identifikation mit dem anderen resultieren. Dies würde bedeuten, dass die „opferbereite“ Person alles was sie für den Partner tut im gewissen Sinne auf sich selbst zurückkommen sieht.

Diese Auffassung ähnelt der von Erich Fromm. Dieser betrachtet die Liebe weder als Zustand noch als einen Besitzstand. Liebe wird von Fromm als Prozess verstanden, bei und in dem sich die Partner ständig erneuern und vervollkommnen können und auch müssen. Somit ist diese Auffassung der Liebe als ein Prozess der fortlaufenden Selbstverwirklichung in dem anderen zu sehen.

Bei Blau kann das „Opfern“ ebenso als symbolischer Ausdruck der Hingabe an den Partner gesehen werden. Hier liegt die Metapher des Opferlammes nahe.

Die Opferbereitschaft eines Partners in der Beziehung kann ebenso aus der Verstärkerfunktion resultieren. Diese Verstärkung resultiert wiederum aus den Belohnungen für die Bindung des anderen an einen selbst.

Die „umgekehrte sekundäre Verstärkung“ geht mit der Erfahrung der verstärkten Zuneigung einher. Das „Freudeschenken“ wird deshalb als eine innere Befriedigung betrachtet. Diese kann wiederum eine Art Rückkopplungseffekt bewirken. Dieser äußert sich darin, dass der andere animiert wird, Präsente zu geben bzw. Dinge für den Partner zu tun, um seine Liebe zu beweisen.

[...]


1 Lauster, Peter (1982): Die Liebe – Psychologie eines Phänomens. S. 11

2 Blau, Peter M.: Exkurs über die Liebe. S. 110

3 ebenso

4 Blau, Peter M.: Exkurs über die Liebe. S. 111

5 Blau, Peter M.: Exkurs über die Liebe. S. 115

6 Blau, Peter M.: Exkurs über die Liebe. S. 116

7 Blau, Peter M.: Exkurs über die Liebe. S. 110

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Peter M. Blaus "Exkurs über die Liebe". Eine kritische Betrachtung
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Erziehungswissenschaften)
Veranstaltung
HS Freundschaft, Partnerschaft, Ehe
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
15
Katalognummer
V980636
ISBN (eBook)
9783346332462
ISBN (Buch)
9783346332479
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Liebe Partnerschaft Beziehung
Arbeit zitieren
Dr. phil. Andrea Ehrhardt (Autor:in), 2005, Peter M. Blaus "Exkurs über die Liebe". Eine kritische Betrachtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/980636

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