Zur Rezeption von Max Frischs Andorra - eine Darstellung wesentlicher Kritikpunkte aus der Rezension


Hausarbeit (Hauptseminar), 1995

16 Seiten, Note: 1,4


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Kritik aus der Rezension von Max Frischs „Andorra“
2.1. Antisemitismus - geeignetes Thema für Max Frischs Modell?
2.2. Der Vorwurf des Antisemitismus gegen Max Frisch
2.3. Das Verhältnis von „Andorra“ zum Dritten Reich - ein lückenhaftes Modell
2.4. „Andorra“ - ein „unverbindliches Bewältigungsdrama“

3. Stellungnahmen aus der Rezension zu den genannten Kritikpunkten

4. Fazit - persönliche Stellungnahme

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Das Bühnenstück „Andorra“ von Max Frisch hat seit seiner Uraufführung in Zürich am 2., 3. und 4. November 1961 sehr unterschiedliche Reaktionen in der Presse hervorgerufen. „Andorra“ wird größtenteils bis heute als eines der wichtigsten deutschsprachigen Theaterstücke gefeiert:

„Das Stück erlebte einen beispiellosen Siegeszug über mehr als 50 deutsche Bühnen [...].“1

Neben den überaus positiven Äußerungen existieren jedoch auch weitaus kritischere Standpunkte, die über den Vorwurf, mit „Andorra“ ein unverbindliches Bewältigungsdrama geliefert zu haben2, bis hin zur Anklage Max Frischs als Antisemiten reichen.

„An einigen Stellen kommt es zu dem gewiß unbeabsichtigten Eindruck, als gäbe Frisch dem Vorurteil gegen die Juden recht.“3

Die hier vorliegende Arbeit kann die Rezeption zu „Andorra“ nicht vollständig wiedergeben. Als Arbeitsgrundlage standen mir Kritiken aus der Presse in so großem Umfang zur Verfügung, daß zunächst sorgfältig ausgewählt werden mußte. Ich habe mich in der Auswahl der Artikel auf die größeren Zeitungen beschränkt, hier waren wiederum die kritischen Standpunkte der Journalisten geeigneter zur Diskussion als die Glückwünsche derer, die in „Andorra“ ein einwandfrei gelungenes Modell sahen. Besonders markante Beispiele stammen teilweise aus kleineren Redaktionen, da deren Formulierungen oftmals extremere Standpunkte vermuten lassen.

In den Kapiteln 2.1. bis 2.4. sollen die wesentlichen Einwände gegen „Andorra“ erarbeitet und anhand von Zitaten belegt werden. In Kapitel 3 werden Stellungnahmen zu den vorgebrachten Kritikpunkten kurz dargelegt. Kapitel 4 stellt mit der Darlegung meiner eigenen Meinung das Fazit der Arbeit dar.

2. Kritik aus der Rezension an Max Frischs „Andorra“

2.1. Antisemitismus - geeignetes Thema für Max Frischs Modell?

Max Frisch hat mit Andorra ein Modell entworfen, das anhand des Antisemitismus das Wesen jeglichen Vorurteils entlarvt. Der Antisemitismus soll hierbei nicht das zentrale Thema des Stückes, sondern nur ein Beispiel sein, anhand dessen die Probleme, die sich mit dem Phänomen des Vorurteils verbinden lassen, besonders deutlich werden. So schreibt Curt Riess über ein Gespräch mit Max Frisch:

„‘Eigentlich handelt das Stück gar nicht von Antisemitismus’, meinte Frisch, als ich mich vor einigen Monaten mit ihm darüber in Rom unterhielt. ‘Der Antisemitismus ist nur ein Beispiel.’“4

Ob Max Frisch die Wahl des Themas und dessen konkrete Darstellung gelungen ist, wird in der Theater- und Literaturkritik kontrovers diskutiert. Mit dem Begriff „Antisemitismus“ verbindet man, vor allem in Deutschland, konkrete Ereignisse aus den Geschehnissen des zweiten Weltkrieges: Die Judendeportationen und massenhaften Hinrichtungen in deutschen Konzentrationslagern. Einige Kritiker vertreten die Ansicht, diese Ereignisse seien nur schwer aus ihrem historischen Rahmen zu lösen und auf eine allgemeingültige Ebene zu stellen.

„Will aber der Verfasser sein Thema in allen den eingangs angedeuteten Ausweitungen erfaßt wissen [...], dann ist zu sagen, daß die antisemitische Problemschicht nicht die entsprechenden Öffnungen hat. Man kommt über die peinliche Judenschau schwer von den sich aufdrängenden Bildern eines vergangenen Dritten Reiches auf eine allgemeingültige Ebene hinauf.“5

Ob solche Ereignisse auf der Bühne überhaupt darstellbar sind und ob das Theater der geeignete Rahmen für die Aufarbeitung der Judenverfolgung im Nazi- Deutschland ist, scheint fraglich. So formuliert Peter Pütz zusammenfassend:

„Andere zeigten sich empört; denn sie vermißten in dem Stück eine angemessene Darstellung und Verarbeitung des unsagbaren Grauens, fragten aber in den seltensten Fällen, ob dieses als historische Realität auch nur annähernd literarisch darzustellen und zu verarbeiten ist.“6

Ein Problem ergibt sich in der konkreten Darstellung der Charaktere, die den Typus des Antisemiten auf der Bühne überzeugend greifbar machen sollen. Einige Autoren äußern sich dahingehend kritisch, daß die Judenfeindlichkeit den Figuren aufgezwungen und somit wenig glaubhaft wirkt.

„[Die Fragestellung Frischs:] Welche Typen verhalten sich und in welcher Weise (indessen nicht: warum eigentlich? [...] ) antisemitisch? Das geht etwas gewaltsam vor sich, förmlich demonstrativ, im Galopp [...], wie auf Bestellung des Dichters [...].“7

Eine weitere Schwierigkeit im Hinblick auf das Darstellen modellhafter Charaktere liegt in der realen Erscheinung der Schauspieler. Die Figuren des Stückes sollen zugleich konkrete Persönlichkeiten und modellhafte, das heißt übertragbare Eigenschaften in sich vereinen. Johannes Jacobi spricht von der Gefahr der „Übertypisierung“8,die das „Gleichgewicht zwischen Abstraktion und Realismus“9 stört.

Zusammengenommen betrachtet weisen die genannten Kritikpunkte auf das zentrale Problem des Stückes hin:

Wenn Andorra tatsächlich den Anspruch des Modellhaften erhebt, so muß es auch in der Übertragung auf die Ereignisse im Dritten Reich bestand haben.

2.2. Der Vorwurf des Antisemitismus gegen Max Frisch

Wie in 2.1. bereits angedeutet, soll „Andorra“ das Wesen des Vorurteils entlarven. Max Frisch verwendet hierzu ein anschauliches Beispiel. Er beschreibt die Entstehung des Vorurteils und dessen fatale Folgen anhand der Biographie des „Juden“ Andri, der kein Jude ist, sondern als solcher nur von seinem Vater vor den Andorranern ausgegeben worden war, um ein Verhältnis mit einer Dame, der Mutter Andris, aus dem feindlichen Nachbarland der „Schwarzen“ zu verheimlichen.

An der Figur des nur vermeintlichen Juden erhalten die Folgen der andorranischen Vorurteile eine besonders tragische Komponente. Andri, der die eigene Identität gezwungenermaßen aufgibt, nimmt die „jüdischen“ Eigenschaften an, wie sie ihm von den Andorranern angedichtet werden. Andri identifiziert sich mit diesen Eigenschaften und schlüpft somit in eine neue Figur - er ist jetzt „wirklich“ Jude und kann bis zur Hinrichtung diese neue Identität nicht mehr leugnen.

Einige Kritiker verurteilen diese Darstellung eines Juden, dessen Identität sich nur aus den Vorurteilen anderer zusammensetzt, aufs schärfste.

„Dem Zuschauer wird suggeriert, [...] daß Judesein nichts anderes bedeutet als den fixen Vorstellungen unterworfen zu sein, die die anderen von den Juden haben oder von der Propaganda übernehmen.“10

Damit ist die Frage nach der Identität des „Juden schlechthin“ gestellt. Sicherlich will Max Frisch damit, daß Andri nicht tatsächlich Jude ist, das Vorurteil um so drastischer deutlich machen und verurteilen. Karl August Horst stellt sich jedoch folgende Frage:

„Aber heißt es diesem Vorurteil wirksam begegnen, wenn man unterstellt, daß es den Juden sozusagen überhaupt nicht gibt?“11

Die Vorwürfe gegen Max Frisch in dieser Hinsicht reichen teilweise noch weiter. Der Vollständigkeit halber sei hier erwähnt, daß sogar behauptet wird, Max Frisch entlarve sich selbst unbewußt mit der Infragestellung der jüdischen Identität als Antisemit.

„An einigen Stellen kommt es zu dem gewiß unbeabsichtigten Eindruck, als gäbe Frisch dem Vorurteil gegen die Juden recht.“12

Sicherlich berechtigt scheint jedoch der Einwand gegen Max Frisch, mit der Figur des Andri als Opfer eines Irrtums ungewollt ein simples Alibi für die Andorraner geschaffen zu haben. Hans Rudolf Hilty folgert, die Verfolgung des Juden erscheine so allzuleicht als ein tragischer Irrtum.13

2.3. Das Verhältnis von „Andorra“ zum Dritten Reich - ein lückenhaftes Modell

„Das Andorra dieses Stückes hat nichts zu tun mit dem wirklichen Kleinstaat dieses Namens, gemeint ist auch nicht ein andrer wirklicher Kleinstaat; Andorra ist der Name für ein Modell.“14

Dieser Hinweis Max Frischs zu Beginn der gedruckten Ausgabe des Stückes löste unter den Kritikern sehr unterschiedliche Reaktionen aus. Eine der möglichen Deutungen, die sogenannte historische Übertragung, soll im Folgenden kurz dargestellt werden.

[...]


1 Wienert, Klaus: Wiedergutmachung nach jahrelanger Mißachtung. In: Süddeutsche Zeitung (13.5.1986). Nr 108.

2 vgl.: Schmidt- Brümmer, H.: Das Tabu der „Zeitlosigkeit“. Die Problematik von Frischs „Andorra“ kennzeichnet die deutsche Gegenwartsdramatik. In: Westdeutsches Tageblatt (26.4.1963). Nr 97.

3 Horst, Karl August: Andorra mit anderen Augen. In: Frischs Andorra. Hg. v. Walter Schmitz und Ernst Wendt. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1984. S. 110.

4 Riess, Curt: Mitschuldige sind überall. Eine Unterhaltung mit Max Frisch über sein neues Stück. Die Zeit (3.11.1961). Nr 45.

5 Dach, Charlotte von: Andorra. Uraufführung eines Schauspiels von Max Frisch. In: Frischs Andorra. Hg. v. Walter Schmitz und Ernst Wendt. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1984. S.187.

6 Pütz, Peter: Max Frischs Andorra - ein Modell der Mißverständnisse. In: Frischs Andorra. Hg. v. Walter Schmitz und Ernst Wendt. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1984. S. 122.

7 Niehoff, Karena: Berliner Beifall für „Andorra“. Fritz Kortner inszeniert Max Frischs Schauspiel bei Barlog. In: Stuttgarter Zeitung (26.3.1962). Nr 73.

8 Jacobi, Johannes: Fünf deutsche Bühnen im Spiegel von Max Frischs „Andorra“. Aufführungen in München, Frankfurt, Düsseldorf, Hamburg und Berlin. In: Die Zeit (30.3.1962). Nr 13.

9 Ebd.

10 Horst, Karl August: Andorra mit anderen Augen. In: Frischs Andorra. Hg. v. Walter Schmitz und Ernst Wendt. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1984. S. 110.

11 Ebd.

12 Ebd.

13 Hilty, Hans Rudolf: Tabu Andorra? In: Frischs Andorra. Hg. v. Walter Schmitz und Ernst Wendt. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1984. S. 117.

14 Frisch, Max: Andorra. Stück in zwölf Bildern. Frankfurt/ Main: Suhrkamp 1961.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Zur Rezeption von Max Frischs Andorra - eine Darstellung wesentlicher Kritikpunkte aus der Rezension
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Max Frisch
Note
1,4
Autor
Jahr
1995
Seiten
16
Katalognummer
V9807
ISBN (eBook)
9783638164184
ISBN (Buch)
9783640917006
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Max Frisch, Andorra, Rezension, Uraufführung, Presse, Kritik, Antisemitismus, Thema Andorra
Arbeit zitieren
Jens Hasekamp (Autor), 1995, Zur Rezeption von Max Frischs Andorra - eine Darstellung wesentlicher Kritikpunkte aus der Rezension, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9807

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