In dieser Arbeit soll es darum gehen, einen Blick in die Frühphase der Herrschaftskritik zu werfen, um einen ersten Meilenstein ihrer ideengeschichtliche Entwicklung nachzuvollziehen. Die Forschungsfrage dieser Arbeit: Welches Herrschaftskonzept zeigt sich in Étienne de la Boëties Essay "Von der freiwilligen Knechtschaft"(1576)?
Das methodische Vorgehen dieser Arbeit beläuft sich auf die hermeneutische Untersuchung der deutschen Übersetzung des Discours de la Servitude volontaire. Für die Analyse werden drei zentrale Thesen zum Herrschaftskonzept La Boëties aufgestellt und beantwortet. Im Folgenden sollen zunächst der Autor und sein Werk vorgestellt und in den historischen Kontext der französischen Renaissance eingeordnet, wobei auch in aller Kürze der Staatstheoretiker Jean Bodin erwähnt wird. Anschließend werden anhand des politikwissenschaftlichen Herrschaftskonzepts drei Thesen aufgestellt, die im Ergebnisteil beantwortet werden sollen (Teil 4). Abschließend sollen die Ergebnisse im Fazit zusammengefasst, die Forschungsfrage beantwortet und im Ausblick anhand ausgewählter Erkenntnisse der heutigen psychologischen Forschung ein Aktualitätsbezug hergestellt werden.
Das Unverständnis über den blinden Gehorsam von Menschen, dem in diesem Zitat des Anarchisten Pjotr Alexejewitsch Kropotkin Ausdruck verliehen wird, teilt auch der französische Jurist Étienne de La Boëtie im 16. Jahrhundert. Warum unterwerfen sich Menschen freiwillig? Berühmte Intellektuelle wie David Hume, Leo Tolstoy, Henry David Thoreau, Wilhelm Reich, Hannah Arendt, Michel Foucault, Vaclav Havel und viele weitere stellten ebendiese Frage, um die es in La Boëties Essay Discours de la Servitude volontaire geh. La Boëtie als "[…] Zeuge eines der ersten großen Schübe in Richtung einer Stabilisierung der absolutistischen Monarchie" stellt sich entschieden allen Ausprägungen institutioneller Autorität entgegen und kann somit der Frühphase der anarchistischen Theorie zugerechnet werden. Heute ist eine Tendenz zu beobachten, dass neben anarchistischer Theorie auch weitere der herrschenden Ordnung entgegengesetzte politische Theorieansätze sich vom sozialdemokratischen Staat abwenden und statt fester staatlicher Strukturen mehr Autonomie einfordern.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Autor und sein Werk
2.1 Die französische Renaissance
3. Thesen
3.1 Machtausübung ohne Gehorsam?
3.2 Macht als Willensdurchsetzung
3.3 Freiwillige Unterwerfung oder Macht der Gewohnheit?
4. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht das Herrschaftskonzept im Essay „Discours de la Servitude volontaire“ von Étienne de La Boëtie. Ziel ist es, durch eine hermeneutische Analyse zu klären, warum sich Menschen freiwillig unterwerfen und welche Mechanismen der Machtausübung La Boëtie identifiziert.
- Frühphase der anarchistischen Theorie und Herrschaftskritik
- Analyse der Dynamik zwischen Gehorsam und Machtausübung
- Die Rolle der Gewohnheit und Erziehung bei der Knechtschaft
- Historischer Kontext der französischen Renaissance
Auszug aus dem Buch
3.3 Freiwillige Unterwerfung oder Macht der Gewohnheit?
Fest steht, dass die Untertanen eine zentrale Rolle in der Machtausübung des Herrschers einnehmen. Aber aus welchen Gründen unterwerfen sie sich, wenn der Herrscher sie derartig schlecht behandelt? Dieser Frage geht La Boëtie ausführlich auf den Grund.
Konstitutiv für Gehorsam ist für ihn unter anderem die „menschliche Schwäche“. Sie sei für den Umstand verantwortlich, dass Menschen sich einer Gewalt widerstandslos fügten, nicht jedoch, ohne die Hoffnung auf Veränderung zu bewahren (vgl. ebd.: 35).
Neben ihrer Schwäche zeichneten sich Menschen durch ihre „Gutherzigkeit“ aus. Sie mache es möglich, dass einer Person, die in anderen Positionen bisher keinen Schaden anrichtete, keine Böshaftigkeit zugetraut werde (vgl. ebd.: 35). Dem zukünftigen Herrscher, der in seiner vorherigen Stellung Gutes getan hat, verleihen Menschen also aktiv mehr Macht, die ihn dazu befähigt, seinen Untertanen Schaden zuzufügen.
Der wichtigste Bestandteil der menschlichen Natur ist nach La Boëtie wohl die „gewaltig[e]“ und „herrlich[e]“ Freiheit, ohne die „[…] selbst das Gute, was noch bliebe, [..] völlig den Geschmack und Reiz [verliert], verrottet durch die Knechtschaft […]“ (vgl. ebd.: 42). Sie kann jedoch verlernt werden, denn die Erziehung durch ein politisches System könne auch entgegen der Natur erfolgen (vgl. ebd.: 55). Übrig bliebe nach dem Freiheitsverlust eine sich mit der Zeit verfestigende „Knechtsgesinnung“ (vgl. ebd.: 45).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Hier wird das Thema der freiwilligen Knechtschaft eingeführt, der Forschungsstand eingeordnet und die Forschungsfrage sowie die methodische Vorgehensweise dargelegt.
2. Der Autor und sein Werk: Dieses Kapitel beleuchtet die Biografie von Étienne de La Boëtie und ordnet sein Wirken sowie den historischen Kontext der französischen Renaissance wissenschaftlich ein.
2.1 Die französische Renaissance: Der Abschnitt erläutert die geistesgeschichtliche Epoche, den Einfluss des Humanismus und die gesellschaftlichen Spannungsfelder des 16. Jahrhunderts in Frankreich.
3. Thesen: Hier werden die zentralen Begriffe Macht, Herrschaft und Legitimität definiert und die drei Arbeitsthesen entwickelt.
3.1 Machtausübung ohne Gehorsam?: Dieses Kapitel untersucht die Involviertheit der Untertanen und die Angst des Herrschers vor dem Verlust seiner Machtbasis.
3.2 Macht als Willensdurchsetzung: Der Fokus liegt hier auf der Fähigkeit des Herrschers, durch einen hierarchischen Exekutivapparat seinen Willen gegen Widerstände durchzusetzen.
3.3 Freiwillige Unterwerfung oder Macht der Gewohnheit?: Hier wird analysiert, wie durch Erziehung und die Macht der Gewohnheit ein Prozess in Gang gesetzt wird, der zur freiwilligen Akzeptanz der Unterdrückung führt.
4. Fazit und Ausblick: Die Ergebnisse der Untersuchung werden zusammengeführt, die Forschungsfrage beantwortet und die Aktualität der Thematik in der heutigen Psychologie diskutiert.
Schlüsselwörter
Étienne de La Boëtie, Discours de la Servitude volontaire, freiwillige Knechtschaft, Herrschaftskritik, Machtausübung, Gehorsam, französische Renaissance, Humanismus, Willensdurchsetzung, Macht der Gewohnheit, politische Theorie, Anarchismus, Untertanen, Legitimität, politische Psychologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Herrschaftskonzept von Étienne de La Boëtie, wie es in seinem Werk „Discours de la Servitude volontaire“ dargelegt wird, insbesondere die Frage der freiwilligen Unterwerfung.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit behandelt die Frühphase der anarchistischen Theorie, das Verhältnis von Macht und Gehorsam, die Rolle von Erziehung und Gewohnheit sowie den historischen Kontext des 16. Jahrhunderts.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, das Herrschaftskonzept La Boëties zu ergründen und zu klären, warum Menschen sich trotz der damit verbundenen Nachteile einer tyrannischen Herrschaft fügen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Autorin nutzt die hermeneutische Untersuchung der deutschen Übersetzung des „Discours de la Servitude volontaire“ zur Analyse von drei zentralen Thesen.
Welche Inhalte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil umfasst die Einordnung des Autors in seinen historischen Kontext, die Definition relevanter politikwissenschaftlicher Begriffe und die detaillierte Prüfung von drei Thesen zu Macht und Unterwerfung.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind Freiwillige Knechtschaft, Machtausübung, Herrschaftskritik, Étienne de La Boëtie, politischer Gehorsam und die Macht der Gewohnheit.
Warum spielt die „Macht der Gewohnheit“ eine so zentrale Rolle bei La Boëtie?
Laut La Boëtie führt die Gewohnheit dazu, dass Menschen die Freiheit vergessen, ihre Unterdrückung nicht mehr als bitter empfinden und die Knechtschaft schließlich als naturgegeben akzeptieren.
Wie unterscheidet sich La Boëties Sichtweise auf die Herrschaft von der Jean Bodins?
Während Bodin den Krieg als das größte Übel betrachtet und die Monarchie zur Friedensstiftung befürwortet, lehnt La Boëtie das Prinzip der Herrschaft grundlegend ab und sieht in der Knechtschaft das größte Übel.
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- Kaya Olshausen (Author), 2020, Zum Herrschaftskonzept Étienne de La Boëties im "Discours de la Servitude volontaire". "Überlegenheit, die ihr [dem Tyrann] zu eurem Verderben verleiht", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/980753