Die Anomietheorie nach Èmile Durkheim und Robert Merton. Eine kritische Betrachtung


Hausarbeit, 2006

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition abweichenden Verhaltens
2.1 Reaktionen auf abweichendes Verhalten
2.2 Eufunktion und Dysfunktion abweichenden Verhaltens

3. Theorien abweichendes Verhalten
3.1 Èmile Durkheim und seine Ansätze der Anomietheorie
3.1.1 Das Leben des Soziologen Èmile Durkheim
3.1.2 Die Gedanken der Anomietheorie von Èmile Durkheim
3.2 Präzisierung der Anomietheorie durch Robert Merton
3.2.1 Kulturelle Struktur
3.2.2 Die Sozialstruktur
3.3 Anpassungstypen von Robert Merton
3.3.1 Innovation
3.3.2 Ritualismus
3.3.3 Rückzug
3.3.4 Rebellion
3.4 Kritisierungen an der Theorie von Merton
3.5. Kritisierungen an die Anomietheorie im Allgemeinen

4. Anomietheorie heute- ihr Stellenwert im 21. Jahrhundert

5. Fazit der Studentin

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Thema meiner Hausarbeit ist „ Die Anomietheorie von Èmile Durkheim und Robert Merton“.

Zu Beginn meiner Arbeit werde ich eine Definition von abweichendem Verhalten vorstellen sowie auf die Reaktionen der Gesellschaft bezüglich Devianz eingehen, um einen kleinen Einblick von Devianz zu bekommen. Danach stelle ich die Eufunktionen und Dysfunktionen von abweichendem Verhalten vor. Um auf die Vielfalt der unterschiedlichen Theorien abweichenden Verhaltens aufmerksam zu machen, werde ich einige kurz ansprechen und mich dann auf die Anomietheorie von Èmile Durkheim konzentrieren. Da Èmile Durkheim, als Begründer der Anomietheorie, eine große Rolle in meiner Hausarbeit spielt, werde ich eine biographische Darstellung seines Lebens in meine Arbeit einfließen lassen. Weiterhin gehe ich auf die Präzisierung der Anomietheorie durch Robert Merton ein und stelle in diesem Zusammenhang die individuellen Formen der Anpassung vor. Danach wird die Anomietheorie von Merton einer kritischen Beurteilung unterzogen. Hierbei werde ich die Kritik von außen, dass heißt durch Vertreter konkurrierender Theorien, darstellen. Im nachfolgenden Kapitel meiner Arbeit, möchte ich noch einmal auf die allgemeine Kritik der Anomietheorie eingehen, um einige Defizite zu beleuchten. Danach werde ich auf den Stellenwert der Anomietheorie und auf die modernen Konstellationen von Anomie im 21. Jahrhundert eingehen. Zum Schluss wird unter Berücksichtigung der in der Arbeit gewonnenen Erkenntnisse, ein abschließendes Fazit zur Anomietheorie gezogen.

2. Definition abweichenden Verhaltens

Abweichendes Verhalten wird auch als Devianz bezeichnet. Die Literatur liefert eine Fülle von Definitionen abweichenden Verhaltens die je nach Interessensschwerpunkten der Forscher unterschiedlich sind. Eine der gängigsten und einfachsten Definitionen stellt die juristische Definition, die von den Soziologen Sutherland und Cressey eingeführt wurde, dar. Demnach ist abweichendes Verhalten ein Verhalten, welches gegen die im Strafgesetz festgesetzten Normen verstößt.1 Diese Definition hat sich auch für soziologische Untersuchungen als sinnvoll erwiesen, da sich die meisten Untersuchungen abweichenden Verhaltens auf Kriminalität beziehen. Der Soziologe Durkheim, auf den ich im Laufe meiner Arbeit expliziter eingehen werde, bezeichnet abweichendes Verhalten als eine „ Verletzung von Kollektivgefühlen“.2 Abweichendes Verhalten ist zentral definiert eine Verhaltensweise, die gegen die in der Gesellschaft vorhandenen Regeln und Normen verstößt. Abweichendes Verhalten tritt überall dort auf, wo Regeln und Normen existieren. Es gibt keine Gesellschaft, die von abweichendem Verhalten befreit ist. Soziologen haben sich vor allem mit Abweichung von gesellschaftlichen Normen und Werten beschäftigt. In erster Linie gelten Kriminalität, Prostitution, illegaler Drogenkonsum sowie Suizid als abweichendes Verhalten. Abweichendes Verhalten kann aber zum Beispiel auch der Betrug bei der Einkommensteuererklärung oder die Missachtung von Verkehrsordnungen darstellen.3

2.1. Reaktionen auf abweichendes Verhalten

Stellt die Gesellschaft abweichendes Verhalten fest, so werden die Betroffenen eventuell sanktioniert oder behandelt z.B. durch eine Therapie.4 Hierbei ist anzumerken, dass die Feststellung abweichenden Verhaltens, durch Normabweichung, nicht immer ganz einfach ist, da die Gesellschaft einem ständigen Wandel der Normen unterliegt. Wäre vor 30 Jahren jemand völlig deviant gewesen, wenn er einen gleichgeschlechtlichen Partner hätte heiraten wollen, so ist eine Hochzeit von homosexuellen Partnern in der heutigen Zeit zum größten Teil von der Gesellschaft anerkannt und legitimiert.

Einen weiteren Punkt stellt die Differenzierung der unterschiedlichen Kulturen dar. Somit ist es bei den Eskimos gang und gebe, dass Besuchern aus Gastfreundlichkeit regelmäßig die eigene Frau angeboten wird, was in unseren Kulturkreisen eindeutig als abweichendes Verhalten zu klassifizieren ist.5

2.2. Eufunktion und Dysfunktion von abweichendem Verhalten

Negative Funktionen ( Dysfunktion) von abweichendem Verhalten sind für jeden einleuchtend. Zu nennen sind: Belastungen der Opfer und die entstandenen Schäden. Stellt sich jedoch die Frage nach positiven Auswirkungen (Eufunktion) von abweichendem Verhalten, so werden die meisten Menschen dieser Frage skeptisch gegenüberstehen.

Èmile Durkheim ist da jedoch anderer Auffassung. Er führt an, dass abweichendes Verhalten zur Aufrechterhaltung des sozialen Systems beiträgt und „ nicht das Verbrechen überhaupt, sondern extreme Schwankungen seiner Häufigkeit (...) eine kranke Gesellschaft indizieren6 “. Durkheim sieht Devianz als sozialen Tatbestand an.7 Er sieht Kriminalität, als eine Form von Devianz, als etwas „normales“ an, da man dieses Phänomen in jeder Gesellschaft findet und mit den Existenzbedingungen der Gesellschaft verbunden ist. Es gibt keine Gesellschaft in der es keine Kriminalität gibt. Man kann dieses Phänomen laut Durkheim auch nicht vollkommen beseitigen, da hierzu alle Individuen ein gleichförmiges Bewusstsein haben müssten. Dies wiederum ist auf Grund der einzigartigen individuellen Erfahrungen gar nicht möglich.8 Ein weiterer Punkt der nennenswert ist, sind die verschiedenen Berufsgruppen zum Beispiel Polizisten, Richter sowie Hersteller von Alarmanlagen, für die ein Rückgang der Kriminalitätsrate negative Folgen hätte.9 Des Weiteren führt Durkheim an, dass verbrecherische Handlungen die Kollektivgefühle der Gesellschaft bewusst machen und eine Erstarrung des moralischen Bewusstseins verhindern. ( Funktion der Normverdeutlichung)10 Durkheim verweist auch darauf, dass grundlegende gesellschaftliche Veränderungen zwangsläufig mit Verstößen gegen Normen verbunden sind. So schreibt er:

„ Das Verbrechen ist oft bloß eine Antizipation der zukünftigen Moral, der erste Schritt zu dem, was sein wird.“11

3. Theorien abweichenden Verhaltens

Diesem Abschnitt möchte ich zunächst eine Erklärung von Theorien voranstellen.

„ Theorien sind in Sätzen formulierte Aussagen mit Informationsgehalt“ 1 - 2 Sie dienen zur wissenschaftlichen Begründung bestimmter Tatsachen oder Erscheinungen. 12 13

Theorien abweichenden Verhaltens versuchen eine Erklärung dafür zu finden, warum sich jemand deviant verhält. Sie forschen dementsprechend nach den Ursachen von Devianz. Die meisten Theorien abweichenden Verhaltens setzen ihren Schwerpunkt auf die Untersuchung von kriminellen (delinquenten) Verhaltensweisen. Obwohl in Punkt 2 deutlich wurde, dass Devianz in ganz unterschiedlichen Bereichen festgestellt werden kann und nicht immer in Verbindung mit Kriminalität gebracht werden muss, ist dieser der meist untersuchte Bereich abweichenden Verhaltens. Dies liegt vor allem an dem hohen Stellenwert den die Kriminalität in unserer Gesellschaft einnimmt.14

Es gibt eine Vielfalt unterschiedlicher Theorien, so ist zum Beispiel in der Mitte des 18. Jahrhunderts die klassische Schule der Kriminologie entstanden. Ende des 19. Jahrhunderts die biologischen Theorien, die die individuell-biologischen Bedürfnisse für das Auftreten von Devianz verantwortlich machen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden die soziologischen Theorien, welche psychologische und vor allem biologische Ansätze relativ zurücktreten lassen haben und sozialstrukturelle Bedingungen in die Erklärung abweichenden Verhaltens einbezogen haben. Dazu parallel entstanden die psychologischen Theorien, wonach abweichendes Verhalten auf psychische Störungen zurückzuführen ist. In der Zeit des ersten Weltkrieges entstanden Mehrfaktorenansätze, die sich bemüht haben eine Fülle von Faktoren in die Erklärung abweichenden Verhaltens einzubeziehen.15 Jede dieser genannten Theorien einzeln vorzustellen und präzise zu erläutern, würde den Rahmen dieser Arbeit enorm sprengen, demzufolge habe ich auf eine der soziologischen Theorien, der Anomietheorie von Èmile Durkheim und Robert Merton, konzentriert.

3.1 Èmile Durkheim und seine Ansätze der Anomietheorie

Èmile Durkheim ist der Gründer der Anomietheorie. Er hat 1893 als erster den Begriff der Anomie eingeführt. Zur Erklärung abweichenden Verhaltes hat er sich von den psychologischen und individualistischen Faktoren abgewandt und soziale Sachverhalte als Faktoren für die Entstehung von Devianz einbezogen.16

Um einen ersten Einblick in das Leben des Soziologen zu bekommen, möchte ich zunächst eine kurze Biographie in meine Arbeit einfließen lassen.

3.1.1 Das Leben des Soziologen Èmile Durkheim

Èmile Durkheim wurde am 15. April 1858 als Sohn von Moise Durkheim, Rabbiner, in Èpinal (Frankreich) geboren. Er wurde streng orthodox- paritanisch- jüdisch erzogen, was ein gewisses Pflichtbewusstsein in seinem Leben erzeugte. Entgegen der Familientradition Rabbiner zu werden, entschloss er sich 1877 die „ Ècole Normal Supérieure“ zu besuchen. Nachdem er zwei vergebliche Versuche zur Zulassung an die Eliteschule hinnehmen musste, konnte er 1879 ein Studium der Philosophie an der nennenswerten Universität in Paris aufnehmen. Seine kühle und zurückgezogene Art ließen ihn nur wenige Freunde gewinnen, darunter der spätere Sozialistenführer Jean Jaurés durch den er sich allmählich dem Sozialismus näherte. Nach abgeschlossenem Studium 1882 nahm er verschiedene Lehrtätigkeiten als Professor zunächst am Lycée in Sensyonne anschließend in Saint-Quentin, Aise und zuletzt in Troyes, Aube auf. 1885­1886 unterbrach er kurzfristig seinen Schuldienst für einen sechs monatigen Aufenthalt in Deutschland. Dort hatte er Kontakt zu bekannten Akademikern wie den Kathedersozialisten Gustav Schmoller und Adolf Wagner. Des Weiteren studierte er Rechtslehre, Organismus und Psychologie. Nach seiner Rückkehr nach Frankreich im Jahre 1887 verfasste er einen Artikel über seine Studienerfahrungen in Deutschland. Der größte Teil seiner Werke entstand in Paris. So veröffentlichte er im Jahr 1893 eines seiner ersten Hauptwerke „ Über die Teilung der sozialen Arbeit“ in dem es ihm vordergründig um die Erkenntnis der Veränderungen der Menschen als Folge der sozialen Arbeitsteilung ging. Als Ergebnis fasste er zusammen, dass die Teilung der Arbeit die Menschen individueller sein lies und sich dadurch das Kollektivbewusstsein der Gesellschaftsmitglieder untereinander verschlechterte. Er beschrieb eine neue Gesellschaftsform nämlich die organische Solidarität im Gegensatz zur mechanischen Solidarität, in der die Menschen zum größten Teil alle gleich waren. In diesem Zusammenhang führte er zugleich den Begriff der Anomie ein. 1895 veröffentlichte er sein Werk „ Die Regeln der soziologischen Methode“ in dem er die Absicht hatte, eine Theorie der Soziologie zu begründen. Er führte an, dass soziale Tatsachen lediglich durch Soziales erklärbar zu sein schienen. 1896 bekam er einen extra für ihn geschaffenen Lehrauftrag als Professor der Sozialwissenschaften an der Universität in Bordeux. 1897 veröffentlichte er sein Werk „ Der Selbstmord“ in dem er das Thema der Beziehung zwischen Gesellschaft und Individuum erneut vertiefte. 1898 gründete er die Zeitschrift „L' Anée Sociologique'“und baute eine eigene Schule namens „ l'équipe durkheimienne“ auf. 1902 wurde er als erster Lehrbeauftragter für Pädagogik und Soziologie an die Sorbonne berufen. 1912 folgte ein weiteres Werk „ Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ in dem er von einer universellen Präsenz religiöser Überzeugungen ausging und der Auffassung war, dass die Religion dem Leben einen Sinn und ein Ziel darstellte. Im Jahre 1915 erschien dann sein Werk „ Deutschland über alles: Die deutsche Gesinnung und der Krieg“. Einen tiefen Einschnitt in sein Leben stellte der erste Weltkrieg in dem er 1916 seinen Sohn verlor, dar. Dies traf ihn so sehr, dass er seine akademischen Arbeiten zunächst einstellte und im Jahr 1917 im Alter von 59 Jahren starb.17

3.1.2 Die Gedanken der Anomietheorie von Èmile Durkheim

Im folgenden Abschnitt werde ich die Ansätze der Anomietheorie von Èmile Durkheim erläutern. Zuerst werde ich jedoch den Begriff der Anomie definieren, da ich dies für das weitere Verständnis für Wichtig halte.

Der Begriff Anomie stammt aus dem griechisch- neulateinischen und bedeutet so viel wie „Gesetzeslosigkeit“. Anomie ist ein Zustand mangelnder sozialer Ordnung.18

Lamnek definiert Anomie als einen Zustand der Regel- und Normlosigkeit der von Durkheim zur Erklärung sozialer Desintegrationserscheinungen als Folge der sozialen Arbeitsteilung eingeführt wurde.19

[...]


1 Lamnek 2001 zit. nach Sutherland/ Cressey 1955: S. 4

2 Vgl. Durkheim 1973: S. 111ff.

3 Vgl. Korte/ Schäfer 2002: S. 106

4 Vgl. Korte/ Schäfer 2002: S. 106

5 Vgl. Lamneck 2001: S. 31

6 Lamnek 2001 S. 113

7 Vgl. Lamnek 2001: S. 113

8 Vgl. Korte/ Schäfers 2002: S. 108-109

9 Vgl. Korte / Schäfers 2002: S. 109

10 Vgl. Lamnek 2001: S. 113

11 Lamnek 2001 zit. nach Durkheim 1961: S. 160

12 Lamnek 2001: S. 11

13 Vgl. Dr. Scholze-Stubenrecht 1997: S. 809

14 Vgl. Korte/ Schäfers 2002: S. 109

15 Vgl. Lamnek 2001: S.57-61

16 Vgl. Lamnek 2001: S. 97

17 Vgl. Wikibooks.org

18 Vgl. Dr. Scholze-Stubenrecht 1997, S. 66

19 Vgl. Lamnek 2001: S. 108

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Anomietheorie nach Èmile Durkheim und Robert Merton. Eine kritische Betrachtung
Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V980769
ISBN (eBook)
9783346333032
ISBN (Buch)
9783346333049
Sprache
Deutsch
Schlagworte
anomietheorie, emile, durkheim, robert, merton, eine, betrachtung
Arbeit zitieren
Jasmin Geisler geb. Schnell (Autor:in), 2006, Die Anomietheorie nach Èmile Durkheim und Robert Merton. Eine kritische Betrachtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/980769

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