Qualitätsmanagement in der Luftfahrtindustrie

Methoden, Grundlagen und Normrevisionen


Bachelorarbeit, 2019

27 Seiten, Note: 1

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Einführung in das Qualitätsmanagementsystem nach EN 9100
2.1 Grundlagen der Europäischen Norm 9100
2.2 Veränderungen durch die Normrevision
2.3 Charakteristische Unterschiede innerhalb der EN 9100-Reihe
2.4 FMEA - eine wesentliche Qualitätsmethode in der Luftfahrtindustrie

3 Anforderungen der DIN EN 9100
3.1 Kontext der Organisation
3.2 Führung
3.3 Planung
3.4 Unterstützung
3.5 Betrieb
3.6 Bewertung und Verbesserung des QM-Systems

4 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang

Kurzfassung

Die vorliegende Arbeit behandelt die Normanforderungen, welche zur Implementierung der DIN EN 9100 unerlässlich sind. Qualität ist ein wesentlicher Faktor für den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens. Speziell in der Luftfahrtindustrie ist Qualität gleichbedeutend mit Sicherheit. Um diesen hohen Standards gerecht zu werden, gibt die Norm in zehn Kapiteln einen Rahmen für die Umsetzung vor. Für die Implementierung der DIN EN 9100 wird in einem ersten Schritt der Kontext der Organisation bestimmt, indem sich das Unternehmen seiner Position und seinem Umfeld bewusst wird. Weiters muss die Geschäftsführung dafür Sorge tragen, dass das QM-Bewusstsein auf jeder Ebene des Unternehmens verstanden und gelebt wird. Bei der Planung eines Qualitätsmanagementsystems müssen die Betriebe ihre Risiken und Chancen identifizieren sowie angemessene Maßnahmen setzten. Die Effektivität dieser Maßnahmen soll auch entsprechend von den Unternehmen bewertet werden. In einem nächsten Schritt hat die Geschäftsführung sicherzustellen, dass alle notwendigen Ressourcen für die Implementierung und Aufrechterhaltung des QM-Systems zur Verfügung stehen. Zudem muss die Organisation ihre Prozesse planen, steuern und mögliche Probleme abschätzen. Um die Qualität der Leistungserbringung zu gewährleisten, ist die Messung, Analyse und Bewertung der Prozesse unumgänglich. Als letztes fordert die Norm für die Implementierung eine fortlaufende Verbesserung des QM-System sowie aller wertschöpfenden Prozesse. Aus dem Ergebnis dieser Arbeit wird deutlich, dass die Norm lediglich Rahmenbedingungen zur Umsetzung vorgibt, aber eine erfolgreiche Implementierung sowie eine dauerhafte Aufrechterhaltung eines Qualitätsmanagementsystems fordert vor allem ein bewusstes Leben des Qualitätsgedanken im gesamten Unternehmen.

Abstract

The present work deals with the quality requirements that are essential for the implementation of DIN EN 9100. Quality is an essential factor for the economic success of a company. Quality is synonymous with safety, especially in the aviation industry. In order to meet these high- quality standards, the standard provides a framework for implementation in ten chapters. For the implementation of DIN EN 9100, the first step is to determine the context of the organization, as the company becomes aware of its position and its environment. Furthermore, the management must ensure that the QM awareness is understood and lived at every level of the company. When planning a quality management system, companies must identify their risks and opportunities and take appropriate action. The effectiveness of these measures must also be assessed accordingly by the companies. In a next step, the management must ensure that all necessary resources are available for the implementation and maintenance of the QM system. In addition, the organization must plan its processes, steer and estimate potential problems. In order to guarantee the quality of the service provision, the measurement, analysis and evaluation of the processes is unavoidable. Finally, the implementation standard requires continuous improvement of the QM system and all value-adding processes.

Danksagung

In erster Linie möchte ich mich bei meiner ganzen Familie bedanken, für den Halt und die Unterstützung, die sie mir gegeben haben. Insbesondere geht ein großer Dank an meine Mutter und an meine steirische Oma, da sie mir während des Studiums sehr viel Kraft und somit auch Durchhaltevermögen gegeben haben.

Weiters möchte ich mich bei all meinen Freunden bedanken, welche mir sehr viel Verständnis entgegenbracht haben, trotz der wenigen Zeit, die ich für sie hatte. Einen besonderen Dank geht an Suzana, da sie mir mit Rat und Tat zur Seite stand und sie mir stets eine große Hilfe war.

Ich möchte mich auch bei meinem Firmenbetreuer Arnd bedanken, für das Wissen, welches ich im Rahmen meines Praxissemesters erwerben konnte und wodurch meine Bachelorarbeit bereichert wurde.

Einen besonderen Dank geht an Dipl.-Ing. Wolfram Irsa, CIRM, CFPIM, welcher mir wegweisend zur Seite stand, indem er mit viel Engagement meine Fragen beantwortete und mir viele hilfreiche Impulse gegeben hat. Für seine Hilfestellungen und für die Begutachtung der Arbeit möchte ich mich herzlich bedanken.

Gendererklärung

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in dieser Bachelorarbeit die Sprachform des generischen Maskulinums angewendet. Es wird an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die ausschließliche Verwendung der männlichen Form geschlechtsunabhängig verstanden werden soll.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Umsatzwachstum in der A&D Branche in den Jahren 2013 bis 2017

Abbildung 2: PDCA-Zyklus nach Deming

Abbildung 3: "best practice" Reihenfolge FMEA

Abbildung 4: Struktur einer Risikomatrix

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Veränderung der Basisstruktur

Tabelle 2: Neu hinzugefügte Kapitel

Tabelle 3: Die drei Arten der FMEA

Tabelle 4: Bewertungsmatrix der RPZ

Tabelle 5: FMEA-Formblatt nach VDA

Tabelle 6: Beispiele von internen/externen Themen

1 Einleitung

Qualität ist ein bezeichnender Faktor für den ökonomischen Erfolg eines Unternehmens. Um im wirtschaftlichen Geschehen dauerhaft und erfolgreich bestehen zu können, ist es notwendig, dass Unternehmen der Qualität die erforderliche Bedeutsamkeit beimessen. Sie ist nicht nur ein Bestandteil, sondern die Basis für das Qualitätsmanagement. Qualität repräsentiert die Kongruenz zwischen der Beschaffenheit von Produkten, Dienstleistungen und den Ansprüchen der Kunden. Die Bewertung durch den Kunden erfolgt in der Regel in der Gegenüberstellung mit den konkurrierenden Produkten als auch Dienstleistungen. Diese Bewertungen bestimmen den Wettbewerb unter den Unternehmen maßgeblich. Für ein zukunftsorientiertes Qualitätsmanagement ist die ausschließliche Fehlervermeidung nicht ausreichend, sondern es ist notwendig auch den technologischen Fortschritt einzukalkulieren. Das schließt auch die Qualifikationen der Arbeitnehmer ein. Qualität ist somit eine Größe von hoher Komplexität und lässt sich nicht mit einer simplen Kennzahl erheben wie andere Größen, beispielsweise Kosten oder Zeit.1

In bestimmten Branchen wie zum Beispiel der Luftfahrtindustrie bedeutet Qualität aber vor allem auch Sicherheit. Daher richten sich weltweit alle Betriebe der Luftfahrtindustrie nach der nationalen Luftfahrtgesetzgebung. Sie werden parallel dazu durch die zuständige Luftaufsichtsbehörde überwacht. Daher ist es nicht verwunderlich, dass luftfahrttechnische Unternehmen gerne auch als Hochleistungsorganisationen betitelt werden.2

Zudem weist keine andere Branche vergleichbare Wachstumsraten auf. Laut Prognosen der IATA wird die Luftfahrt gleichermaßen weiterhin enorm an Bedeutung gewinnen.3 Auch die steigenden Einnahmen der letzten Jahre in der globalen A&D Branche spiegeln diesen Trend wider.4

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Umsatzwachstum in der A&D Branche in den Jahren 2013 bis 2017 5

Die Umsatzsteigerung im gesamten Zeitraum von 2013 bis 2017 betrug durchschnittlich 2,8 Prozent. Im Jahr 2017 stiegen die Einnahmen der weltweiten A&D Branche um 2,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Dies ist hauptsächlich auf ein robustes Wachstum im Verteidigungssektor zurückzuführen. Insgesamt konnte im Jahr 2017 ein Anstieg an Auslieferungen um 3,1 Prozent auf ein Rekordhoch von 1481 Flugzeugen in den USA verzeichnet werden. Während Boeing im gleichen Jahr einen leichten Umsatzrückgang verbuchte, kontierte Airbus einen gemäßigten Anstieg.6

Für den wirtschaftlichen Erfolg luftfahrttechnischer Unternehmen ist die Gewährleistung der Sicherheit unabdingbar.7 Daher weisen diese Betriebe signifikant weniger Störungen oder Unfälle auf als damit statistisch zu rechnen wäre. Diese Tatsache lässt sich auf ein ausgefeiltes Qualitätsmanagement zurückführen, welches durch kontinuierliche Entwicklungsprozesse optimiert wurde und schlussendlich das heutige Niveau erreichte.8

Die staatlich vorgeschriebenen Qualitätsanforderungen legen den Fokus vor allem auf die Aspekte der Sicherheit und Rückverfolgung, während der Anspruch der großen Betriebe der Luftfahrtindustrie weit darüber hinaus gehen. Daher gehen viele dieser Industrieunternehmen eine selbstgewählte Verpflichtung durch die Einführung der Normreihe EN 9100 ein.9

Aufgrund eben genannter Tatsachen wird nachstehende wissenschaftliche Fragestellung formuliert: Welche Zertifizierungen existieren in der Luftfahrtbranche und wie können sie im Unternehmen implementiert werden? Zur Beantwortung dieser Frage wird die Arbeit in fünf Kapitel unterteilt. Auf die Einleitung folgen in Kapitel zwei die Grundlagen der Normierung, die Einführung in die EN 9100, sowie die charakteristischen Unterschiede innerhalb der Normreihe. Zudem wird in Kapitel zwei auf die Veränderungen durch die Normrevisionen, die Vorgehensweise eines Zertifizierungsaudits und auf die Qualitätsmethoden eingegangen. Kapitel drei umfasst die Festlegung der Qualitätspolitik als auch die Planung von Qualitätszielen. Darauf folgt in Kapitel vier die Messung und Analyse von Prozessen als auch die daraus resultierenden Verbesserungen des Qualitätsmanagementsystems. Abschließend werden die Erkenntnisse über die existierenden Zertifizierungen in der Luftfahrtindustrie, die Qualitätsmethoden und Normrevisionen in Kapitel zehn zusammengefasst.

2 Einführung in das Qualitätsmanagementsystem nach EN 9100

Dieser Abschnitt beinhaltet eine Einführung in das Qualitätsmanagementsystems nach der Europäischen Norm 9100. Zuerst werden die relevanten Grundlagen der DIN EN 9100 näher erläutert. Für die korrekte Anwendung der EN 9100 ist es notwendig zwischen den unterschiedlichen Standards innerhalb der EN 9100-Normreihe zu unterscheiden. Anschließend werden die inhaltlichen Veränderungen der EN 9100 durch die 2016er-Normrevision betrachtet. Zuletzt folgt eine Deskription elementarer Qualitätsmethoden in der Luftfahrtindustrie. Dieser Passus dient einerseits der Einführung in das Thema und andererseits dem Verständnis für die nachfolgenden Kapiteln.

2.1 Grundlagen der Europäischen Norm 9100

Grundsätzlich handelt es sich bei einer Normierung um eine systematische Vereinheitlichung von Prozessen, Strukturen und Bezeichnungen. Sinn und Zweck einer Norm ist die Definition eines einheitlichen Standards, der es ermöglicht Qualität zu messen und in weiterer Folge zu vergleichen.10 Der überwiegende Teil der Normen üben einen selbst auferlegten Zwang aus und zeigen eine stärkere Wirkung als Gesetze, denn wer sie nicht einhält, den straft der Markt. Ein bekannter Vertreter einer solchen Norm ist die ISO 9001, welche bereits viele Firmen von ihren Zulieferern einfordern.11 Auf der Grundlage der ISO 9001 entwickelten sich eine Reihe branchenspezifischer Normen (z.B. DIN EN 9100), welche erweiterte Anforderungen in Bezug auf die jeweiligen Industrien beinhalten.12 Einige maßgebliche Ergänzungen der Luftfahrtnorm gegenüber der ISO 9001 sind unter anderem der Anspruch an Produktsicherheit und den Umgang mit gefälschten Bestandteilen sowie umfangreiche Anforderungen in Bezug auf Lieferantenüberwachung.13

Neben der Zertifizierung nach ISO 9001 fordern große Firmen wie etwa Airbus auch den Nachweis einer EN-Zertifizierung von ihren Lieferanten ein. Dieser Zertifizierungszwang bringt die Zulieferer dazu ihre Qualitätsfähigkeit in eigener Verantwortung nachzuweisen und ihre Normkonformität in regelmäßigen Abständen von unabhängigen Zertifizierungsinstituten überprüfen und belegen zu lassen.14

2.2 Veränderungen durch die Normrevision

Im Jahr 2016 kam es zu einer Normrevision der EN 9100. Anlass dafür war die erhebliche Neuausrichtung und Überarbeitung der ISO 9001:2015, welche als inhaltliche Basis der EN 9100 dient und somit im EN 9100 Zertifikat eingebettet ist. 15 Sinn und Zweck der ISO 9001er- Revision war die Einführung des sogenannten „High Level Structure“, welche einen einheitlichen Aufbau der Abschnitte in allen Systemnormen schafft.16 Diese Grundstruktur für alle Managementsystemnormen basiert auf zehn Abschnitten. Die nachfolgende Tabelle zeigt eine Gegenüberstellung der alten und der neuen Basisstruktur und schafft somit einen Überblick über die Veränderungen durch die Normrevision. 17 18 19

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Veränderung der Basisstruktur

Neben den in Tabelle 1 ersichtlichen Veränderungen wurde die Normenstruktur um einige gänzlich neue Kapitel erweitert, welche in Tabelle 2 detailliert aufgelistet sind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2: Neu hinzugefügte Kapitel

Die Erweiterung der Basisstruktur mit den in Tabelle 2 ersichtlichen Kapiteln bezieht sich sowohl auf die EN 9100 als auch auf die ISO 9001, ausschließlich die kursiv formatierten Kapitel 8.1.3 und Kapitel 8.1.4 wurden für die EN 9100 zusätzlich eingeführt.20

Durch die Normrevision wird im Qualitätsmanagement nun ein prozessorientierter Ansatz verfolgt.21 Das bedeutet, ein Unternehmen muss seine Prozesse kennen um sie planen und überwachen zu können. In weiterer Folge ist es möglich jeden Prozess weiterzuentwickeln und somit eine funktionierende Wertschöpfung zu generieren.22 Der Prozessorientierte Ansatz fördert zudem das Verständnis der Mitarbeiter in den jeweiligen Prozessen und macht die Ablaufstrukturen insgesamt übersichtlicher und nachvollziehbarer. Die Luftfahrtnorm EN 9100:2016 gibt für die Umsetzung als Prozessmodell den Deming‘schen PDCA-Zyklus vor.23 Die Schritte zur Verbesserung von Prozessen folgen stets demselben Prinzip. Zuerst geht es darum Ziele zu setzten und zu planen (P lan). Danach soll der erarbeitete Entwurf umgesetzt werden (D o). Anschließend wird eruiert, inwiefern der Prozess zum angestrebten Erfolg führt (C heck). Dabei werden von Unternehmen häufig Kennzahlen eingesetzt. Sollte die Messung ein positives Ergebnis liefern, wird die Vorgehensweise umgesetzt (A ct). Stellt sich jedoch heraus, dass der Prozess nicht erfolgreich war, dann wird der Entwurf überarbeitet und der Kreislauf beginnt erneut (P lan).25

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: PDCA-Zyklus nach Deming24

2.3 Charakteristische Unterschiede innerhalb der EN 9100-Reihe

Für die korrekte Implementierung der zutreffenden Luftfahrtnorm ist ein Verständnis für die Unterschiede innerhalb der EN 9100-Reihe von großer Bedeutung.

Das besondere an der EN 9100ff ist, dass die Normreihe sowohl auf die Fertigungsindustrie in der Luftfahrt als auch auf die gesamte Versorgungskette in der Luft- und Raumfahrtindustrie anwendbar ist. Dazu zählen unter anderem die Herstellung, der Flughafenbetrieb, der Betrieb von Fluglinien, ebenso die Wartung von Ersatzteilen.26 Somit ergibt sich folgende Zuordnung der Normen zu den betreffenden Organisationstypen:

- EN 9100: Produktionsorganisationen, Organisationen für Entwicklung, Konstruktion, Wartung und Montage
- EN 9110: Wartungsorganisationen
- EN 9120: Lagerhalter und Händler27

Die Norm EN 9110 gilt für Instandhaltungsorganisationen, die ihre Dienstleistungen im Rahmen der Instandhaltung und Reparatur von Produkten anbieten. Die Norm gilt vor allem auch für Organisationen, die ein Zertifikat für Reparaturwerkstätten der NAA (National Aeronautic Association) erworben haben.28

Die EN 9120 beinhaltet beispielsweise auch eine Lufttüchtigkeitsbestätigung, welches von einer zivilen oder militärischen Behörde ausgestellt wird. Dieses Dokument belegt, dass das zu beurteilende Teil nach den Anforderungen der Lufttüchtigkeitsvorschriften konstruiert und hergestellt wurde und somit auch flugtauglich ist. Ausschließlich nach einem erfolgreichen Abschluss der Qualitätsprüfung aller physikalischen und funktionalen Anforderungen werden die Flugzeugteile für lufttüchtig erklärt. Die Norm EN 9120 unterscheidet zudem zwischen gefälschten und nicht genehmigten Teilen innerhalb der Lieferkette. Gefälschte Teile werden definiert als betrügerische Nachahmungen bestehender Produkte, die nicht verwendet werden dürfen. Die Anforderungen der Norm EN 9120 gelten nur für Händlerorganisationen, wobei Hersteller, Organisation und Kunde die Lieferkette bilden.29

2.4 FMEA - eine wesentliche Qualitätsmethode in der Luftfahrtindustrie

Grundsätzlich gibt es im Qualitätsmanagement eine Reihe von wichtigen Methoden, die auch branchenunabhängig angewendet werden können. Qualitätsmethoden werden eingesetzt, um die Produkt- und Prozessbeschaffenheit in einer Organisation zu optimieren.30 Bestimmte Qualitätsmethoden können von einer Norm aber auch gefordert werden, beispielsweise die Fehler-Möglichkeits-Einfluss-Analyse (FMEA) die von der ISO 9001 bzw. der EN 9100 gefordert werden.31 Die FMEA ist eine wichtige Qualitätsmethode zur Fehlerfrüherkennung und folglich auch ein Schutz gegen mögliche Schadensansprüche. FMEA ist nicht nur einfach eine Methode, sie kann, speziell in der Luftfahrtindustrie, auch Menschenleben retten. Zu Beginn der 90er Jahre kam es zum Absturz zweier Boeing 737 der United Airlines. Nach längerer, erfolgloser Ursachenforschung wurde am Rudersteuerungsventil ein Kälteschocktest durchgeführt. Dadurch konnte belegt werden, dass warmes Öl am Rudersteuerungsventil in Kombination mit Temperaturen von -40°C eine Ruderumkehr auslösen kann. Kälte- oder auch Temperaturschocktests als Früherkennungsmaßnahmen sind mittlerweile Standard. Solche Tests werden auch in den FMEAs eingesetzt.32

Mit Hilfe der Fehlermöglichkeits- und Einflussanalyse können Risiken systematisch bewertet und daraus Maßnahmen zur Risiko-Senkung abgeleitet werden.33 Da es zahlreiche FMEA- Bezeichnungen gibt, sollte bei der Verwendung der Begriffe auf die Definitionen angesehener FMEA-Schriften wie beispielsweise DGQ (Deutsche Gesellschaft für Qualität) oder VDA (Verband der Automobilindustrie) zurückgegriffen werden.34 35 Einen Überblick über die anerkannten Begriffe zeigt nachfolgende Tabelle:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3: Die drei Arten der FMEA35

Je nach Untersuchungsgegenstand können drei Arten der FMEA unterschieden werden.36 Die Prozess-FMEA erfasst Prozesse wie etwa Herstellungs- oder Planungsprozesse. Bei der System-FMEA werden Teile, Teilsystem oder komplette Systeme betrachtet. Die Konstruktions-FMEA hingegen befasst sich ausschließlich mit Fehlern auf Bauteilebene. Es gibt 7 grundlegende Schritte zur Erstellung der Fehler-Möglichkeits-Einfluss-Analyse:

1. Sammlung von Daten wie beispielsweise Stücklisten, Lastenhefte, Benchmark­Ergebnisse
2. Genaue Definition der FMEA-Grenzen und der Betrachtungstiefe zum Beispiel mit Hilfe eines Blockdiagramms
3. Verknüpfung und Analyse von Funktionen
4. Strukturanalyse (Erfassung und Zuordnung der Elemente)
5. Fehleranalyse (Verknüpfung und Zuordnung von Fehlfunktionen)
6. Maßnahmenanalyse (Ist-Situation dokumentieren und bewerten)
7. Optimierungsmaßnahmen zur Risiko-Minimierung37

Die deutsche Gesellschaft für Qualität empfiehlt folgenden „best practice“ Aufbau:38 39 40

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: "best practice" Reihenfolge FMEA

Auch dieses „best practice“ Beispiel basiert auf den sieben bereits beschriebenen Schritten zur Erstellung der Fehlermöglichkeits- und Einflussanalyse.

Die Bewertung einer FMEA erfolgt über die Risikoprioritätszahl (RPZ). Um diese berechnen zu können, wird das Produkt aus drei Faktoren gebildet (RPZ=A x B x E):

Abbildung 3: "best practice" Reihenfolge FMEA

Tabelle 4: Bewertungsmatrix der RPZ

Wird nun die maximale Punktezahl für jeden einzelnen Faktor mit 10 angesetzt, ergibt sich ein maximales Risiko von RPZ = 1000. Das minimalste Risiko liegt demnach bei 1.41 Zur Darstellung der FMEA werden Formblätter verwendet, welche sich an den Vorlagen der VDA oder AIGA (Automotive Industry Action Group) orientieren.42 Sinn und Zweck der Formblätter ist die Qualitätssicherung und die Risikovermeidung. Mithilfe dieser Formblätter können potentielle Fehler festgehalten, sowie deren Fehlerfolge und Fehlerart definiert werden. In der nachfolgenden Tabelle ist der formale Aufbau eines Formblattes nach VDA dargestellt:43

[...]


1 Vgl. Pfeifer/Schmitt 2014, S.4.

2 Vgl. Hinsch/Olthoff 2013, S.1.

3 Vgl. Wirtschaftskammer Österreich 02.07.2019, Abrufdatum: 28.06.2019.

4 Vgl. Lineberger/Hussain 2018, Abrufdatum: 28.06.2019.

5 In Anlehnung an Lineberger/Hussain 2018, Abrufdatum: 28.06.2019.

6 Vgl. Lineberger/Hussain 2018, Abrufdatum: 28.06.2019.

7 Vgl. Hegmann 17.03.2019, Abrufdatum: 04.07.2019.

8 Vgl. Hinsch/Olthoff 2013, S.1.

9 Vgl. Hinsch/Olthoff 2013, S.2.

10 Vgl. Hinsch 2016, S.1.

11 Vgl. Schneider, 01.02.2005, Abrufdatum: 17.08.2019.

12 Vgl. Hinsch 2016, S.3.

13 Vgl. AeroImpulse GmbH, 21.05.2018, Abrufdatum: 17.08.2019.

14 Vgl. Hinsch 2016, S.5.

15 Vgl. Hinsch 2016, S.7.

16 Vgl. Jahnes/Schüttenhelm, 11.11.2015, Abrufdatum: 18.08.2019.

17 Vgl. Hinsch 2016, S.9.

18 Entnommen aus Hinsch 2016, S.9.

19 Entnommen aus Hinsch 2016, S.9.

20 Vgl. Hinsch 2016, S.9.

21 Vgl. Hinsch 2016, S.21.

22 Vgl. Brugger-Gebhardt 2016, S.5.

23 Vgl. Hinsch, 2016, S.21-22.

24 In Anlehnung an Hinsch 2016, S.22.

25 Vgl. Brugger-Gebhardt 2016, S.18.

26 Vgl. Bureau Veritas, 2016, Abrufdatum: 24.08.2019.

27 Vgl. Aviation Coaching Consulting, 2018, Abrufdatum: 24.08.2019.

28 Vgl. Zarrath 2018, S.3.

29 Vgl. Thomas 2017, o.S.

30 Vgl. TQM, 2019, Abrufdatum: 30.08.2019.

31 Vgl. Zarrath 2018, S.190.

32 Vgl. Werdich 2012, o.S.

33 Vgl. Weghorn, 2012, S.150.

34 Vgl. Werdich 2012, o.S.

35 Entnommen aus Weghorn 2012, S.150.

36 Vgl. Weghorn, 2012. S.150.

37 Vgl. Werdich 2012, o.S.

38 Vgl. Werdich 2012, o.S.

39 In Anlehnung an Werdich 2012, o.S.

40 Entnommen aus Weghorn 2012, S.151.

41 Vgl. Weghorn 2012, S.151.

42 Vgl. QZ-online, 2013, Abrufdatum: 01.09.2019.

43 Vgl. hochleistungsorganisation, 2009, Abrufdatum: 01.09.2019.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Qualitätsmanagement in der Luftfahrtindustrie
Untertitel
Methoden, Grundlagen und Normrevisionen
Hochschule
FH Joanneum Graz
Note
1
Jahr
2019
Seiten
27
Katalognummer
V980831
ISBN (eBook)
9783346332851
ISBN (Buch)
9783346332868
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Luftfahrtindustrie, Qualitätsmanagement, Bachelorarbeit, Normrevision, Fachochschule, Normen, Methoden, Grundlagen
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Qualitätsmanagement in der Luftfahrtindustrie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/980831

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