Wandel der Militaria des römischen Legionärs von der Königszeit bis zur Spätantike

Anhand von Funden aus Vindonissa und Augusta Raurica und weiteren


Hausarbeit, 2020

111 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung- Bedeutung der Bewaffnung für das Imperium

Hauptteil
Römische Militaria – eine Definition
Forschungsstand und -lücken
Uniformität
Grundbewaffnung
Entwicklungsperioden der römischen Militärgeschichte und ihre Einflüsse auf die Militaria
Militaria der Königszeit
Militaria der Republikzeit
Militaria der frühen Kaiserzeit
Militaria der mittleren Kaiserzeit 1
Militaria der mittleren Kaiserzeit 2
Militaria der mittleren Kaiserzeit 3
Militaria der Spätantike
Gründe für den Wandel und Unterschiede im Erscheinungsbild der Militaria

Exkurs– «Römischer Lederrumpfpanzer»

Schluss Nutzen des Wandels – «Haben sich die Militaria und ihre Modifikationen bewährt?»

Abbildungen

Abkürzungsverzeichnis und Quellennachweis

Abkürzungsverzeichnis und Literaturnachweis

Abbildungsnachweis

Anhang – Quick Guide «Römische Militaria » Anhang I – Entwicklungsperioden und Terminologie
Anhang II – Schutzbewaffnung
Anhang IIa – Schutzbewaffnung Segmentpanzer Kalkriese/Corbridge
Anhang IIb – Schutzbewaffnung Segmentpanzer Newstead
Anhang III – Angriffsbewaffnung
Grundlegende Bestandteile von römischen Schwertern und Scheiden
Museen
Re-Enactment-Gruppen
Re-Enactment-Veranstaltungen

Bedeutung der Bewaffnung für das Imperium

Kaum etwas nahm bei den Römern einen höheren Stellenwert ein als die bestmögliche Bewaffnung ihrer Stammeskrieger (Königszeit) und Miliz- (Republikzeit) und Berufssoldaten (Kaiserzeit) mit Schutz- und Angriffswaffen. Das ist kein Zufall. Denn die römische Gesellschaft war – ähnlich wie die der Spartaner – von Anfang an durch kriegerische Auseinandersetzungen geprägt und baute zu einem Grossteil auf einem immer professioneller werdenden Militärwesen auf. Während der Königs- und frühen Republikzeit führte Rom regelmässig Krieg mit den nicht weniger kriegerischen italischen, etruskischen und samnitischen Nachbarstadtstaaten.1 Zu dieser Zeit bestand das römische Heer noch aus Stammeskriegern bzw. semiprofessionellen Milizsoldaten, die ihre Ausrüstung (Schutz- und Angriffswaffen) selbst zu stellen und zu bezahlen hatten. Je nach Vermögensstand war die Ausrüstung daher von schlechterer oder besserer Qualität. Die oft mangelhafte und unvollständige Ausrüstung der ärmeren Bevölkerungsschichten fiel aber nicht so stark ins Gewicht, denn die Feldzüge waren meist geographisch und zeitlich begrenzt und konzentrierten sich noch auf Mittelitalien. Bei Verlusten konnten schnell neue Kämpfer herangeführt werden.2

Erst die Punischen Kriege (264-146 v. Chr.) und die damit verbundenen immensen Verluste sowie die zunehmende Expansion des römischen Imperiums erforderten es, dass der Staat für die ärmeren Soldaten die Kosten der Ausrüstung übernahm. Gegen Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. schrieb Konsul Gaius Marius diese Tendenz in seiner Heeresreform fest und leitete erste Schritte zu einem stehenden, semiprofessionellen Berufsheer ein.3 Die Römer erkannten nun, wie wichtig es für den Fortbestand ihres Imperiums war, möglichst alle Soldaten – ungeachtet ihres Vermögens – einheitlich mit Schutz- und Angriffswaffen auszustatten. Ärmere Soldaten bekamen ihre Ausrüstung jetzt vom Staat gestellt. Dadurch war es möglich, Verluste rasch und in hoher Quantität auszugleichen, weil dafür auch auf finanziell weniger gut gestellte Bevölkerungsschichten zurückgegriffen werden konnte. Das war sehr wichtig, denn diese zahlmässig starken Schichten bildeten den Kern des römischen Heeres, die schwere Infanterie.4 Mit dem Aufkommen des stehenden, professionellen Berufsheeres unter Kaiser Augustus und während der gesamten nachfolgenden Kaiserzeit war die bestmögliche Ausrüstung jedes einzelnen Berufssoldaten dann Standard. Die Soldaten, die sich keine Ausrüstung leisten konnten, bekamen die Kosten dafür vom Sold abgezogen.5 Das zeigt, dass es erst durch ein stehendes Heer mit festen regelmässigen Soldzahlungen möglich war, Truppen mehr oder weniger einheitlich mit Schutz- und Angriffswaffen auszustatten.6

Spätestens jetzt hatten die Römer erkannt, dass die Sicherung der Grenzen, der Erfolg neuer Eroberungen, der Fortbestand des inneren Friedens (Pax Romana) sowie der Schutz römischer Kultur gegen äussere Feinde nebst guter Ausbildung und Disziplin ganz erheblich auf der professionellen Ausrüstung des Heeres beruhte. «Es ist nämlich nichts sicherer, erfolgreicher und ruhmvoller als ein Staat, in dem es reichlich wohlausgebildete Soldaten gibt. Denn nicht der Glanz der Kleider oder Reichtum an Gold und Silber und Edelsteinen beugen die Feinde zur Achtung und zur Rücksicht gegen uns, sondern allein durch schreckliche Macht der Waffen werden sie unterworfen.»7 «Es ist also ausgemacht, daß die Rekruten auszubilden und zu schützen sind mit jeder Kampfestechnik und mit jeder Art der alten Waffen. Denn notwendigerweise gewinnt derjenige hitzigeren Kampfesmut, welcher mit geschütztem Kopf und Leib keine Verwundung zu befürchten braucht.»8

Die hohe Bedeutung des gut gerüsteten Militärs zeigen auch die Kosten, die Rom bereit war, für sein Berufsheer zu zahlen. 75-80% des Staatshaushalts flossen während der gesamten Kaiserzeit in das Militärwesen.9 Selbst wenn die meisten Ausrüstungsteile vom Soldaten selbst bezahlt wurden, kam der Staat dennoch für «Verbrauchswaffen» (Wurfspeere, Schleuderbleie, Pfeile, Katapultkugeln und -bolzen) auf.10

Von Anfang an übernahmen die Römer fremde, oft bessere Waffentechnologien anderer Völker, entwickelten sie weiter, verbesserten sie und passten sie immer wieder der vorherrschenden Kampftaktik an.11 Im Folgenden soll dieser Wandel der Bewaffnung aufgezeigt werden.

Römische Militaria– eine Definition

Unter römischen Militaria werden in der provinzialrömischen Archäologie nicht nur Schutz- und Angriffswaffen verstanden, sondern streng genommen auch alle anderen Fundobjekte in militärischen Kontexten12, wie Pferdegeschirr, Signalinstrumente (Standarten, militärische Blasinstrumente), Schanzwerkzeuge, Marschgepäck und Gürtelteile. E. Deschler-Erb teilt die römischen Militaria in fünf Kategorien ein: Angriffswaffen (Geschossbolzen, Pilum, Speer, Pfeil, Bogen, Schwert, Dolch), Schutzwaffen (Helm, Schild, Segment-, Schuppen- und Kettenpanzer, Gürtelteile und Schurz), Pferdegeschirr (Anhänger, Zaumzeug, Sattelteile), Signalinstrumente (Instrumenten-, Signum -Teile), weitere Ausrüstung (Schnallbügel, Riementeile, Knöpfe, Objekte mit vermutetem militärischen Zusammenhang).13 Römische Militaria umfassen streng genommen nicht nur Objekte aus Metall (häufigste Fundgruppe), sondern auch alle anderen Objekte aus organischen Materialien (nur bei günstigen Erhaltungsbedingungen: z. B. Moore, feuchter Abfallhügel des Legionslagers Vindonissa, trockener Wüstenboden der Stadt Dura Europos), mit denen ein Legionär in Berührung kam.14 Militaria aus organischem Material sind z. B. Lederschildhüllen, -zelte, -militärstiefel, Holzschilde, -speerschäfte.

Unverständlich in diesem Zusammenhang bleibt, dass E. Deschler-Erb Gürtelteile und Schurz in seinen Militaria -Kategorien der Kategorie «Verteidigungswaffen» zuordnet und nicht seiner Kategorie «Weitere Ausrüstung».15 An anderer Stelle rechtfertigt er diesen Umstand, indem er die «symbolische» Schutzfunktion des Militärgürtels unbelegt hervorhebt.16 Dieser Gürtel (cingulum militare) und der daran angebrachte Schurz (pteruges) haben aber keinerlei Schutzfunktion.17 Vielmehr erfüllt der Gürtel, insbesondere der Schurz, einen modischen und repräsentativen Zweck. Ein vermögender Legionär stellte seinen Reichtum durch teure Gürtelbeschläge aus versilbertem Buntmetall zur Schau. Der Gürtel diente auch dazu, den Legionär als solchen kenntlich zu machen, wenn er im kleinen Dienstanzug (ohne Rüstung und Helm und nur in Tunika) im Zivilleben auftrat. Der Gürtel wurde nämlich sowohl zur Rüstung als auch zur «Ausgehtracht» getragen (Abb. 1).18 Insbesondere in Rom, wo das Tragen und das Zurschaustellen von Angriffs- und Schutzwaffen innerhalb des Pomerium (Heiliger Stadtbezirk Roms) verboten war, ist der Legionär ausschliesslich am Cingulum militare zu erkennen. Dass der Gürtel innerhalb des Pomerium weiterhin getragen werden durfte, zeigt eindeutig, dass er nicht als Bestandteil der Rüstung angesehen wurde, sondern als ein Teil der Tracht. Er war also ein Kleidungsstück.19 Dies gilt auch für Triumphzüge, die – entgegen gängiger Hollywood-Klischees – ohne Waffen und nur im kleinen Dienstanzug mit angelegtem Gürtel stattfanden.20

Der Schurz hingegen ist eine modische Erscheinung während des 1. und des frühen 2. Jahrhunderts n. Chr. und verschwindet danach wieder.21 Allenfalls könnte man den Militärgürtel mit Schurz der von E. Deschler-Erb konzipierten Kategorie «Angriffswaffen» zuordnen (natürlich auch mit gewissen Vorbehalten), da daran während des frühen 1. Jahrhunderts n. Chr. Schwert und Dolch aufgehängt waren, später dann nur noch der Dolch.22

Diese Arbeit beschränkt sich auf Militaria, die der kampfbereite Legionär (miles expeditus)23 (Abb. 2) am Mann trug, nämlich Schutz- und Angriffswaffen sowie Militärgürtel und Wehrgehänge. Pferdegeschirr, Gepäck des Legionärs auf dem Marsch (miles impeditus)24 (Abb. 3) sowie Zelte, Schildhüllen, Signalinstrumente und Signa werden hier nicht behandelt. Auch die Textilbekleidung des Legionärs sowie das Schuhwerk werden – mit Ausnahme des Halstuchs – hier nicht näher beleuchtet. Auxiliar- (inkl. Reiter), Unteroffiziers-, Stabs-/Offiziers-, und Legionsreiter- Militaria sind ebenfalls nicht Gegenstand dieser Arbeit.

Das die Militaria näher bestimmende Adjektiv «römisch» kann hier übrigens recht irreführend sein. Es meint, dass bestimmte Militaria zwar von den Römern benutzt wurden und daher als «römisch» bezeichnet werden. Es bedeutet jedoch nicht, dass diese Militaria vom Ursprung her tatsächlich römisch sein müssen. Dieser Umstand war schon den Römern selbst bekannt.25 Vielmehr übernahmen sie Schwert, Dolch, Helm, Ketten- und Schuppenpanzer, Schild und Pilum von anderen Völkern, wie z. B. Griechen, Persern, Kelten und Keltiberern.26 Die einzige Ausnahme bleibt der Segmentpanzer, dessen Ursprung tatsächlich römisch ist.27 Richtiger wäre es daher wohl, von fremdländischen Militaria in römischem Gebrauch zu sprechen, es sei denn, es handelt sich tatsächlich um genuin römische Militaria, wie der erwähnte Segmentpanzer.

Forschungsstand und -lücken

Erste Militaria -Forschungen begannen 1852 mit der Gründung der deutschen Reichslimeskommission zur Erforschung des Limes Imperii Romani. 28 Einer ihrer Mitglieder war L. Lindenschmit der Ältere. Sein Werk «Tracht und Bewaffnung des römischen Heeres während der Kaiserzeit» von 1882 gilt gemäß E. Künzel als Startschuss der Militaria -Forschung im 19. Jahrhundert.29 Bereits vor der Gründung dieser Kommission und seit dem Beginn der Erforschung römischer Geschichte waren Militaria ein wichtiger Forschungsgegenstand. Anfangs stützten sich die Wissenschaftler dabei auf das reichhaltige Repertoire von antiken Schrift- und Bildquellen (darunter von Anfang an die Traian- und Marcussäule in Rom).30 Durch das Mainzer Zentralmuseum und L. Lindenschmit kam dann im späten 19. Jahrhundert die «Neue Anschaulichkeit» auf, welche den MuseumsbesucherInnen und der Fachwelt mit Rekonstruktionszeichnungen und lebensgrossen Puppen („Mainzer Römer“) (Abb. 4) ein anschauliches Bild des Legionärs vermitteln sollte.31 Erstmals wurde damals der Versuch unternommen, realistische Rekonstruktionen anhand von Funden anzufertigen, aufgrund des damaligen Kenntnisstandes jedoch oft noch teils aus Leder und nicht chronologisch.32

Einer der wichtigsten Militaria -Forscher aus dem angelsächsischen Raum ist H. R. Robinson. Er griff die Idee der «Anschaulichkeit» in seinem Buch «The Armour of Imperial Rome» wieder auf. Seine Erkenntnisse entsprechen zum grössten Teil noch dem heutigen Forschungsstand. Er arbeitete mit dem Zeichner und Experimentalarchäologen P. Conolly zusammen, dessen fundbasierte Rekonstruktionszeichnungen wichtige Stützen auch für die heutige Forschungsarbeit sind.33 Der derzeitige Forschungsstand bei den Schriftquellen ist weitgehend unverändert geblieben, während die Zahl der epigraphischen Quellen und der Bodenfunde weiterhin zunimmt.34 Zudem kommt es derzeit zu einer immer grösseren Auffächerung und Spezialisierung. Das Forschungsgebiet « Militaria » zerfällt dabei in Teildisziplinen, wie Fluss- und Seeflotte, Lagerbauten, Schwerter, Helme, Reiter. Hinzu kommt ein immer grösseres Spektrum an Fachliteratur.35 Auch weiterhin stützt sich der heutige Forschungsstand nebst Bildmonumenten zu einem Grossteil auf die reichhaltigen Militaria -Funde. Die wichtigsten Fundgattungen sind dabei Wasser- und Hortfunde, Waffengräber und Heiligtümer.36 Schlachtfelder liefern für die Forschung oft nur bruchstückhafte Funde, weil die Gegner der Römer meist systematisch plünderten. Gewässer und Flüsse hingegen bleiben weiterhin die Hauptfundorte.

Die derzeit wichtigsten Fundplätze sind in der Schweiz die Militärlager Vindonissa sowie Augusta Raurica und in Deutschland die Pfalz, der Niederrhein um Xanten und in Frankreich das Saone-Tal. Wichtige Hortfund-Gebiete sind Britannien, die Rhein-Donau-Grenze und Palästina.37 Neue Erkenntnisse konnten durch B. A. N. Burandt und H. Ratsdorf bei den Helmen und Schilden der römischen Infanterie gewonnen werden.

Ein wichtiges Standbein der heutigen Forschung zur Rekonstruktion und Erprobung von Militaria bleibt die experimentelle Archäologie (z. B. von M. Junkelmann oder Re-Enactment-Gruppen). In dieser Teildisziplin besteht jedoch Steigerungsbedarf, weil immer noch in der Forschung vernachlässigt.38

Der heutige Forschungsstand wird allerdings auch von einer immer grösser werdenden mythenbildenden Subkultur überlagert; Kino, Comics, Graphic Novels, Belletristik, Computerspiele und Dokumentarfilme sorgen nach wie vor für ein falsches Bild des Legionärs in der Öffentlichkeit.39 Teilweise dringen diese falschen Vorstellungen in akademische Kreise vor und sorgen auch in Museen für eine verfälschte Darstellung des aktuellen Forschungsstandes.40

Lücken bestehen für die Zeit vor dem 2. Jahrhundert v. Chr., da die gefundenen Militaria nicht eindeutig römischen Nutzern zugeordnet werden können.41 Das Problem besteht auch für die zeitliche Bandbreite um das Jahr 150 n. Chr., weil es aus diesem Zeitraum weder Ganzkörperdarstellungen von Legionären noch präzise datierbare Militaria -Funde gibt.42 Bis vor Kurzem existierte beim Segmentpanzer vom Typ Kalkriese eine Lücke, da dieser Typ als Fund bisher nur fragmentarisch vorlag und der Segmentpanzer als solcher in Schriftquellen gar nicht erwähnt wird.43 Diese Lücke konnte mittlerweile geschlossen werden (s. S. 17). Auch das Aussehen des spätantiken Schuppen- und Kettenpanzers lässt sich aufgrund der fragmentarischen Fundlage nicht genau rekonstruieren.44

Uniformität

Bevor ich mich mit der Grundbewaffnung des römischen Legionärs beschäftige, möchte ich der Frage nachgehen, ob es eine Uniformität in der römischen Armee gab. Sie ist nicht leicht zu beantworten, denn es sprechen sowohl gewisse Erwägungen für Uniformität als auch gewisse dagegen. Und auch die jeweilige Entwicklungsperiode ist entscheidend. Was sich mit Sicherheit sagen lässt ist, dass es zu keiner Zeit eine Uniformität nach heutigen Massstäben gab (Jeder Soldat sieht exakt so aus wie sein Nebenmann, trägt exakt die gleiche Ausrüstung ohne die geringste Abweichung und streng nach Vorschrift.).45 Von diesem Bild der Gleichheit ging man fälschlicherweise lange in der Forschung aus. Einen gewissen Einfluss hatte dabei die Traiansäule (Abb. 5, 6), auf der die Legionäre aus Gründen der künstlerischen Vereinfachung und der Begreifbarmachung (optische Veranschaulichung der Unterschiede zwischen Auxiliaren [ peregrini stets «uniform» im Kettenhemd] und römischen Bürgern [Legionäre stets «uniform» im Segmentpanzer]) alle einheitlich uniform dargestellt werden. Mittlerweile weiss man jedoch – nicht zuletzt durch Vergleiche mit Bodenfunden und weiteren Staatsmonumenten (z. B. Marcussäule: heterogene Darstellung der Bewaffnung) (Abb. 7) –, dass diese künstlerische Freiheit nicht der Realität entspricht (Abb. 8, 9).46 So konnten ältere Ausrüstungsteile neben neueren getragen werden, es existierten zeitlich parallel verschiedene Helmtypen und Rumpfpanzer, und auch modische Accessoires, wie Militärgürtel, konnten – je nach Vermögen des Soldaten – unterschiedlich ausfallen (Abb. 124).47 Auch der Stationierungsort der jeweiligen Truppeneinheiten spielte eine Rolle. Es lassen sich beispielsweise unterschiedliche lokale Einflüsse (Abb. 10, 11, 12) auf die Bewaffnung im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. bei den Rhein- und Donaulegionen gegenüber den Truppen in Britannien erkennen.48 Natürlich konnte wegen der regionalen Unterschiede auch die Qualität erheblich schwanken.49 Dies alles soll nun aber nicht heissen, es habe überhaupt keine Tendenzen zur Vereinheitlichung gegeben. Ganz im Gegenteil. Während der Königs- und Republikzeit, in der die Soldaten ihre Ausrüstung noch selbst zu bezahlen hatten, fiel das Erscheinungsbild der einzelnen Kämpfer – je nach Finanzkraft – unterschiedlich aus. Aber durch die Heeresreform des Marius gegen Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. und die Schaffung eines endgültigen stehenden Heeres in der Kaiserzeit änderte sich dies ganz erheblich. Nun standen Mittel und Institutionen zur Verfügung, alle Soldaten einheitlich auszustaffieren – wenn auch nicht nach heutigen Uniformitätsmassstäben. Funde der Kaiserzeit – besonders des 1. Jahrhunderts n. Chr. – weisen dann eine gewisse Einheitlichkeit bei der Formgebung von Waffen, Rüstungen, Tuniken, Mänteln und Schuhen auf, die sich auch mit den Abbildungen auf Soldatengrabstelen decken. M. Junkelmann und R. Cowan sowie A. McBride gehen in diesem Zusammenhang von der Existenz gewisser Richtlinien aus und schliessen auch Musterbücher als Vorlagen zur einheitlichen Fertigung von Militaria nicht aus.50 T. Fischer hingegen geht nicht von Richtlinien, sondern von einer lokalen Nachahmung vorschriftsmässiger Bewaffnung aus.51

Wie dem auch sei, es gab anscheinend einen gewissen Hang zur Vereinheitlichung und Uniformität. In der Praxis liess sich letztere aber nicht immer bis ins kleinste Detail umsetzen, da zentrale staatliche Manufakturen für Rüstungsteile in der frühen und mittleren Kaiserzeit noch fehlten und auch in der Spätantike nicht nach heutigen Massstäben zur Verfügung standen. Ein Grossteil der Bewaffnung stammte nämlich aus privaten Schmieden der Lagerdörfer (vici, canabae), die weniger nach Vorschrift, als nach eigenem Erfahrungsstand und Können arbeiteten.52 Es gab jedoch bei allen Armeeeinheiten in Bewaffnung und Ausrüstung einheitliche Mindeststandards, um den Erfolg im Gefecht zu garantieren.53 Über die Einhaltung dieser Standards wachte vermutlich der Centurio frumentarius (Qualitätsmanager für zugelieferte Waren). Er führte wahrscheinlich Qualitätskontrollen bei der Abnahme von Rüstungsteilen aus privater Fertigung durch.54 Über die Instandhaltung und Pflege der Waffen im Dienst wachte der Custos armorum (Waffenwart).55

Mit Sicherheit lässt sich jedoch sagen, dass die Art der Trageweise von Ausrüstungsteilen bei jedem Soldaten gleich war: Schwert, Dolch, Militärgürtel, Helm, Rumpfpanzer wurden von jedem Legionär an jeweils der gleichen Körperstelle getragen. Dies lässt sich an Soldatengrabstelen (Abb. 13, 14) besonders gut ablesen.56 Fakt ist auch, dass es zwei Arten von militärischer Kleidung gab: die in voller Rüstung für die Schlacht und die für die dienstfreie Zeit (Ausgehtracht) (Abb. 1). Bei beiden wird die Tunika – im Gegensatz zur zivilen Trageweise (bis unters Knie) – bis über die Knie gerafft und der Militärgürtel als Zeichen des Soldatenstandes angelegt. Es fand also eine gewisse Uniformierung statt, die den Soldaten durch seine Tracht klar vom Zivilisten abhob.57

Schliesslich lässt sich beobachten, dass die Vereinheitlichung innerhalb der Provinzarmeen, Schlachtformationen und Einheiten mit Bezug auf das Gesamtheer stets grösser war.58 Zur Kennzeichnung und Unterscheidung einzelner Einheiten (wie z. B. Kohorten) untereinander dienten vermutlich bestimmte uniforme Schildbemalungen und Embleme.59 Die Farbgebung der Textilbekleidung des Legionärs als mögliche Art der Uniformität ist nicht Gegenstand dieser Arbeit (Es gab sie vermutlich nicht.).

Abschliessend lässt sich also sagen, dass es einen Trend zur Vereinheitlichung und damit zu einer gewissen Uniformität gab, wenngleich nicht im heutigen Sinn, wohl aber mit modischen regionalen handwerklichen und zeitlichen Abweichung und Unterschieden. Ich würde die Uniformität im römischen Heer daher als standardisiert, aber nicht als uniform (im heutigen, engeren Sinn des Wortes) definieren (Abb. 124).

[...]


1 Junkelmann 1996, 34.

2 Junkelmann 2015, 128 und 205.

3 Junkelmann 2015, 130.

4 Junkelmann 2015, 128 und 205.

5 Fischer 2012, 82.

6 Junkelmann 2015, 205.

7 Veg. mil. I, 13, 5.

8 Veg. mil. I, 20, 24 und 25.

9 Junkelmann 1996, 50.

10 Fischer 2012, 82.

11 Fischer 2012, 76.

12 Maspoli 2014, 8.

13 Deschler-Erb 1991, 12.

14 Maspoli 2014, 8.

15 Deschler-Erb 1991, 12.

16 Deschler-Erb 1991, 21.

17 Strassmeir/Gagelmann 2011, 29.

18 Burandt 2019, 16.

19 Junkelmann 2015, 147.

20 Pogorzelski 2015, 29.

21 Fischer 2012, 323-345.

22 Strassmeir/Gagelmann 2011, 24.

23 Junkelmann 2015, 293.

24 Junkelmann 2015, 293.

25 Arr. takt. 33, 2-3.

26 Fischer 2012, 76; Künzl 2008, 41.

27 Strassmeir/Gagelmann 2012, 46.

28 Künzel 2008, 3.

29 Künzel 2008, 3.

30 Fischer 2012, 12.

31 Künzel 2008, 3.

32 Junkelmann 2015, 28.

33 Künzel 2008, 5.

34 Fischer 2012, 12.

35 Fischer 2012, 12.

36 Künzel 2008, S. 5-8.

37 Künzel 2008, 6.

38 Junkelmann 2015, 17.

39 Fischer 2012, 12-13.

40 Junkelmann 2012, 21.

41 Fischer 2012, 319.

42 Ratsdorf 2009, 203-206.

43 Lindenschmit 1882, 7; Strassmeir/Gagelmann 2011, 46.

44 Fischer 2012, 349.

45 Fischer 2012, 77.

46 Fischer 2012, 77.

47 Junkelmann 2015, 207-208.

48 Fischer 2012, 77.

49 Junkelmann 2015, 207.

50 Junkelmann 2015, 205; Cowan/McBride 2007, 26.

51 Fischer 2012, 77.

52 Junkelmann 2015, 206.

53 Fischer 2012, 77.

54 Junkelmann 2015, 207.

55 Junkelmann 2015, 154.

56 Junkelmann 2015, 207.

57 Burandt 2019, 10.

58 Junkelmann 2015, 207.

59 Tac. hist. 3, 23, 3.

Ende der Leseprobe aus 111 Seiten

Details

Titel
Wandel der Militaria des römischen Legionärs von der Königszeit bis zur Spätantike
Untertitel
Anhand von Funden aus Vindonissa und Augusta Raurica und weiteren
Hochschule
Universität Basel  (Altertumswissenschaften)
Veranstaltung
Proseminar "Einführung in die provinzialrömische Archäologie"
Note
2,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
111
Katalognummer
V980874
ISBN (eBook)
9783346334091
ISBN (Buch)
9783346334107
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Legionär, Militaria, römischer Legionär, römische Legion, Legion, römische Armee, römische Königszeit, römische Republikzeit, römische Kaiserzeit, Spätantike, Imperium Romanum, römische Angriffswaffen, römische Schutzbewaffnung, römische Helme, römische Schwerter, römische Schilde, römische Militärgürtel, pilum, hasta, gladius, gladius hispaniensis, römische Dolche, römischer Segmentpanzer, römischer Schienenpanzer, römisches Kettenhemd, römischer Schuppenpanzer, lorica segmentata, lorica hamata, lorica squamata, scutum, clipeus, parma, galea, cassis, pugio, tunica, toga, Vindonissa, Augusta Raurica, Dura-Europos, Xanten, spiculum, plumbatae, balteus, pteruges, cingulum militare, subarmalis, Rüstwams, Lederrumpfpanzer, Sandalenfilme, Monumentalfilme, Lourens Alma Tadema, Jean-Léon Jérôme, Linden, Ludwig Lindenschmit der Ältere, Mainzer Römer, Reichs-Limeskommission, Kammhelme, Intercisa-Augst, Deurne-Berkasovo, Weisenau, Montefortino, Mannheim, Hagenau
Arbeit zitieren
Nicolas Ströhla (Autor:in), 2020, Wandel der Militaria des römischen Legionärs von der Königszeit bis zur Spätantike, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/980874

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