Die Grundebene dieser Arbeit bildet die Frage, wie Sebald die Erinnerung in seinen Werken konstituierte. Welche literarischen Methoden der Erinnerung, welche Strategien nutzte Sebald und welche Wirkung wollte, beziehungsweise hat er jeweils mit seiner Auswahl spezifischer Mittel hervorgerufen? Um sich einer Beantwortung dieser Fragen annähern zu können, wird im Folgenden ein Kapitel aus Sebalds Werk „Die Ausgewanderten. Vier lange Erzählungen“ exemplarisch untersucht werden. In einem ersten Schritt wird der Autor selbst vorgestellt sowie sein 1992 veröffentlichtes Werk kurz umrissen werden. Zur Analyse wird lediglich die darin enthaltene Erzählung „Paul Bereyter“ herangezogen. Ihr Inhalt wird daher vorbereitend zusammengefasst dargestellt werden. Anschließend, im Kernkapitel dieser Arbeit, wird der Primärtext zunächst bezüglich der vom Autor gewählten Erzählperspektive analysiert. Es folgt eine Untersuchung des Sprachstils sowie der zur sprachlichen Gestaltung verwendeten Mittel. Im Weiteren wird die Verwendung von Fotografien und Bildern durchleuchtet, wozu exemplarisch zwei der in der Erzählung abgedruckten Abbildungen klassifiziert und hinsichtlich ihrer Qualität, des Dargestellten und ihres Montageortes betrachtet werden. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Der Autor W. G. Sebald
2.1 Kurze Vorstellung des Werks „Die Ausgewanderten. Vier lange Erzählungen“
2.2 Kurze Vorstellung der Erzählung „Paul Bereyter“
3 Analyse des Primärtextes „Paul Bereyter“
3.1 Zur Erzählperspektive
3.2 Zum Sprachstil
3.3 Zur Verwendung von Fotografien und Bildern
3.3.1 Schienen oder der letzte Blick?
3.3.2 Tafelbild oder Sinnbild eines Plans?
3.4 Zur Transtextualität
4 Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die literarischen Methoden und Strategien der Erinnerungskonstruktion in W. G. Sebalds Erzählung "Paul Bereyter". Im Fokus steht dabei die Frage, wie der Autor durch spezifische erzählerische Mittel, den Einsatz von Fotografien und transtextuelle Bezüge das kollektive Gedächtnis an die Shoa thematisiert und beim Leser eine affektive Auseinandersetzung provoziert.
- Analyse der homodiegetischen Erzählperspektive und ihrer Authentizität.
- Untersuchung des melancholischen Sprachstils und der bewussten Verwendung antiquierter Sprache.
- Klassifizierung und Interpretation der ikonotextuellen Funktion von Fotografien im Narrativ.
- Deutung der transtextuellen Verweise auf Autoren wie Jean Paul, Hebels und Nabokov.
- Reflexion über die "Bricolage"-Methode als Verfahren zur Erinnerungserhaltung.
Auszug aus dem Buch
Zur Erzählperspektive
Der bereits erwähnte Ich-Erzähler tritt bereits zu Beginn als Figur in der erzählten Welt auf und ist, im Sinne Gérard Genettes, als homodiegetisch zu bezeichnen. Beginnend mit dem Erhalt der Todesanzeige, deren Absender unerwähnt bleibt, schildert er, ähnlich einem Chronisten, das von ihm beobachtete respektive erfahrene weitere Geschehen. Er fungiert zudem selbst als Zeuge, wenn er von eigenen Erfahrungen als Schüler Paul Bereyters berichtet. Das Erzählte ist bereits geschehen. Der Ich-Erzähler rekonstruiert den Lebensverlauf seines ehemaligen Volksschullehrers. Dabei ist er um Objektivität bemüht und drückt dies explizit aus.
„Solche Versuche der Vergegenwärtigung brachten mich jedoch, wie ich mir eingestehen mußte, dem Paul nicht näher, höchstens augenblicksweise, in gewissen Ausuferungen des Gefühls, wie sie mir unzulässig erscheinen und zu deren Vermeidung ich jetzt aufgeschrieben habe, was ich von Paul Bereyter weiß und im Verlauf meiner Erkundigungen über ihn in Erfahrung bringen konnte.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Bedeutung der Vergangenheitsaufarbeitung in der deutschen Gesellschaft ein und formuliert das Forschungsziel, die literarischen Erinnerungsmethoden in Sebalds Werk zu analysieren.
2 Der Autor W. G. Sebald: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über das Leben und Werk Sebalds und stellt die Erzählung "Paul Bereyter" als zentralen Analysegegenstand vor.
3 Analyse des Primärtextes „Paul Bereyter“: Im Hauptteil wird der Primärtext tiefgehend untersucht, wobei der Fokus auf Erzählperspektive, Sprachstil, dem Einsatz von Fotografien und transtextuellen Bezügen liegt.
4 Zusammenfassung und Fazit: Das abschließende Kapitel resümiert, dass Sebald durch ein komplexes Zusammenspiel verschiedener literarischer Mittel eine affektive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und dem kollektiven Gedächtnis ermöglicht.
Schlüsselwörter
W. G. Sebald, Paul Bereyter, Erinnerungskultur, kollektives Gedächtnis, Shoa, Erzählperspektive, Melancholie, Bricolage, Ikonotext, Transtextualität, Identität, Heimatverlust, Nationalsozialismus, Literaturwissenschaft, Fotografie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die literarischen Strategien, mit denen W. G. Sebald in der Erzählung "Paul Bereyter" Erinnerung und das kollektive Gedächtnis an die Zeit des Nationalsozialismus konstruiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Themenbereiche Vergangenheitsbewältigung, das Erzählen von Geschichte zwischen Fakt und Fiktion sowie die Rolle von Heimatverlust und Empathie.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Sebald durch spezifische literarische Mittel – wie die Einbindung von Bildern und transtextuellen Verweisen – das kollektive Gedächtnis an die Shoa für den Leser affektiv erfahrbar macht.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt literaturwissenschaftliche Analyseverfahren, insbesondere narratologische Ansätze und die Untersuchung transtextueller Bezüge, zusammengefasst unter dem Begriff der "Bricolage".
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Erzählperspektive, eine Untersuchung des Sprachstils, eine Deutung der integrierten Fotografien und eine Analyse transtextueller Referenzen.
Welche Keywords charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Erinnerungskultur, Shoa, Melancholie, Ikonotextualität, Bricolage und die erzähltheoretische Auseinandersetzung mit Identität und Historie.
Welche Rolle spielen die im Text erwähnten Fotografien?
Die Fotografien fungieren nicht als bloße Illustrationen, sondern treten in eine stete Interaktion mit dem Text, um Irritation beim Leser zu erzeugen und ihn zur aktiven Sinnstiftung und Erinnerungsarbeit aufzufordern.
Wie bewertet die Autorin die Rolle des Erzählers?
Die Arbeit interpretiert den Ich-Erzähler als eine Figur, die eine "vage" autobiographische Verbindung zum Autor herstellt, dabei jedoch eine eigenständige, chronistische Rolle in der Rekonstruktion der Lebensgeschichte Bereyters einnimmt.
- Arbeit zitieren
- B. A. Sylvia Ellert (Autor:in), 2017, Literarische Methoden der Erinnerung in W. G. Sebalds Erzählung "Paul Bereyter" aus "Die Ausgewanderten. Vier lange Erzählungen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/980882