Bei vielen Untersuchungen ist in der letzten Zeit erkannt worden, dass der klassische analytische Literaturunterricht vielen Schülern nicht gerecht wird. Die Schüler empfinden den Unterricht als langweilig und die Literatur als wenig ansprechend.
„Sie empfinden die herkömmliche schulische Beschäftigung als ein Zerreden der Texte, das ihnen jede Lust am Lesen nimmt. Vor allem die langsamen Lerner (die von der rein auf kognitive Ziele ausgerichteten Schule rasch als ‘schwach’ und ‘unbegabt’ abqualifiziert werden) und die mehr praktisch als intellektuell Begabten verlieren meist schon in der Primarstufe den Anschluß an den unterrichtlichen Diskurs. Man kann die Augen nicht davor verschließen, daß der Literaturunterricht bei vielen Kindern und Jugendlichen genau das Gegenteil dessen bewirkt, was er erreichen will: Statt die Heranwachsenden zu Lesern zu machen, schafft er Antipathie gegenüber dem geschriebenen Wort“ (Haas/ Menzel/ Spinner 1994, S. 17).
Genau bei diesem Problem setzt der handlungs- und produktionsorientierte Literaturunterricht an. Er will Schüler durch Ansprechen von Emotionalität und Kreativität wieder dazu bringen, sich gern und erfolgreich mit Literatur zu beschäftigen.
Die vorliegende Arbeit setzt sich mit diesem Ansatz auseinander. Dazu werden im theoretischen Teil die Entwicklung des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterricht nachgezeichnet und seine heutigen Ziele herausgearbeitet.
Außerdem erfolgt eine Vorstellung der didaktischen Diskussion um diese Methode durch die Darstellung der Konzepte einiger wichtiger Vertreter (Haas, Waldmann, Fingerhut, Spinner, Müller-Michaels und Rupp) und des schärfsten Gegners (Kügler), denn der handlungs- und produktionsorientierte Literaturunterricht ist Gegenstand vieler Kontroversen, und auch seine Verfechter setzen zum Teil ganz unterschiedliche Schwerpunkte.
Um sich ein besseres Bild machen zu können, wessen Argumente und Vorstellungen stichhaltig sind, werden im praktischen Teil einige Beispiele für produktionsorientierte Aufgaben und Ergebnisse von Schülern dargestellt. Um diese Beispiele überschaubar zu halten, werden nur Aufgaben aus dem Bereich Lyrik vorgestellt, dafür aber aus verschiedenen Klassenstufen und mit verschiedenen Arbeitstechniken.
Abschließend erfolgt eine Bewertung des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts auf der Grundlage der didaktischen Diskussion und der konkreten Beispiele.
Inhaltsverzeichnis
1. Handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterricht theoretisch
1.1 Geschichtlicher Abriss
1.2 Theorie und Ziele
1.2.1 Begriffe
1.2.2 Ziele
1.3 Vertreter des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts
1.3.1 Gerhard Haas
1.3.2 Günter Waldmann
1.3.3 Karlheinz Fingerhut
1.3.4 Kaspar H. Spinner
1.3.5 Harro Müller-Michaels
1.3.6 Gerhard Rupp
1.4 Kritik an handlungs- und produktionsorientiertem Literaturunterricht
2. Handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterricht praktisch
2.1 ‘ottos mops’ (Herstellung eines Vokalgedichts)
2.2 ‘Die Lokomotiven tönen’ (Zeilenkombination)
2.3 ‘Reiterlied’ (Collage)
3. Bewertung des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts
Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Ansatz des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts als Alternative zum klassischen, analytischen Literaturunterricht. Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, wie durch kreative Methoden die Lust am Lesen gefördert und ein intensiveres Textverständnis bei Schülern verschiedener Altersstufen erreicht werden kann, ohne dabei die Textautonomie zu verletzen.
- Theoretische Grundlagen und geschichtliche Entwicklung des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts.
- Darstellung der Konzepte bedeutender Fachdidaktiker wie Haas, Waldmann und Spinner.
- Kritische Auseinandersetzung mit Gegenpositionen, insbesondere der Kritik von Hans Kügler.
- Praktische Erprobung und Analyse von Unterrichtsbeispielen aus dem Bereich der Lyrik.
- Bewertung der Methode hinsichtlich ihrer Wirksamkeit zur Förderung von Leselust und Textverständnis.
Auszug aus dem Buch
2.1 ‘ottos mops’ (Herstellung eines Vokalgedichts)
Dieser und andere Vorschläge aus dem Sonderheft von „Praxis Deutsch“ sollen Schüler am Entstehen von Texten beteiligen. Im vorliegenden Beispiel geht es darum, nach einer Gestaltungsvorlage einen eigenen Text herzustellen. Dadurch sollen die Schüler nachempfinden, wie Gedichte hergestellt werden. Durch diese Vorgehensweise wird „Lyrik als Gestaltungsarbeit [...] besser begreifbar, als wenn man es immer nur mit dem schon fertigen Gedicht zu tun hat“ (ebd., S. 39). Wichtig ist dabei, sowohl die Schüler zu motivieren und zu loben als auch die Einzigartigkeit des Dichtertextes herauszustellen. Es kommt keinesfalls darauf an, sich selbst als Dichter zu verstehen, sondern aktiv am Prozess des Dichtens teilzuhaben und ihn so besser zu verstehen.
Gerade diese Zielsetzung und das Beispiel ‘ottos mops’ zeigen eindeutig, dass es nicht wie von Kügler kritisiert um eine Deformierung des Textes und die Erhebung von Schülern zu Autoren geht, sondern um das Sammeln neuer Erfahrungen, Anregungen und Arbeitstechniken und die Freude an der Literatur. Die Arbeitsaufträge zu dem Gedicht von Ernst Jandl unterstreichen das: Hier wird keineswegs in den Text eingegriffen, sondern er soll zunächst einmal gründlich gelesen werden, bevor es dann an die Gestaltung eigener, ähnlicher Gedichte geht, bei denen auch immer nur ein Vokal verwendet werden darf.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterricht theoretisch: Dieses Kapitel erläutert die historische Herleitung des Ansatzes und definiert zentrale Begriffe und Zielsetzungen der handlungs- und produktionsorientierten Didaktik.
1.1 Geschichtlicher Abriss: Hier wird die Entwicklung von den Gelehrtenschulen bis zur modernen Reformpädagogik nachgezeichnet und die Rückbesinnung auf aktive, produktive Lernformen beschrieben.
1.2 Theorie und Ziele: Dieses Kapitel systematisiert die verschiedenen Komponenten des Ansatzes wie Produktionsorientierung, Handlungsorientierung und Kreatives Schreiben.
1.2.1 Begriffe: Eine Differenzierung der verschiedenen Formen produktiven Textumgangs und deren jeweilige Schwerpunkte wird hier vorgenommen.
1.2.2 Ziele: Hier wird dargelegt, dass affektive Lernziele, wie die Steigerung der Leselust, im Zentrum stehen und Erkenntnisprozesse den Unterricht begleiten.
1.3 Vertreter des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts: Die zentralen didaktischen Konzepte von Haas, Waldmann, Fingerhut, Spinner, Müller-Michaels und Rupp werden hier detailliert gegenübergestellt.
1.3.1 Gerhard Haas: Der Fokus liegt auf der Ermöglichung eines persönlichen Zugangs zur Literatur für alle Schüler durch aktives Handeln.
1.3.2 Günter Waldmann: Das Konzept betont die Bedeutung von 'sozialer Phantasie' und die Notwendigkeit, Lesen als produktive Handlung zu begreifen.
1.3.3 Karlheinz Fingerhut: Er mahnt zur Vorsicht bei übersteigerten Kreativitätsansprüchen und unterstreicht die Notwendigkeit einer vorherigen analytischen Erschließung.
1.3.4 Kaspar H. Spinner: Spinner sieht in handlungsorientierten Verfahren eine Chance zur Entfaltung der Phantasie und zum sozialen Lernen durch Perspektivwechsel.
1.3.5 Harro Müller-Michaels: Das Kapitel erläutert sein systematisches Modell der drei Phasen des Textverstehens (Wahrnehmung, Auslegung, Anwendung).
1.3.6 Gerhard Rupp: Rupps Ansatz fokussiert auf die Verfremdung von Texten, um wirkliche Reaktionen und ein intensiveres Verstehen zu ermöglichen.
1.4 Kritik an handlungs- und produktionsorientiertem Literaturunterricht: Die kritische Position von Hans Kügler, der eine 'Deformierung' der Literatur durch diese Didaktik befürchtet, wird hier umfassend dargestellt.
2. Handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterricht praktisch: Dieses Kapitel leitet zur praktischen Anwendung über und betont die Notwendigkeit, die theoretischen Ansätze an konkreten Beispielen zu prüfen.
2.1 ‘ottos mops’ (Herstellung eines Vokalgedichts): Das Beispiel zeigt, wie spielerische Produktionsaufgaben den Zugang zur Machart von Lyrik erleichtern.
2.2 ‘Die Lokomotiven tönen’ (Zeilenkombination): Hier wird die Methode der Zeilenkombination vorgestellt, um das Verständnis für thematische Zusammenhänge zu schärfen.
2.3 ‘Reiterlied’ (Collage): Dieses Kapitel verdeutlicht, wie durch Text-Bild-Collagen tiefergehende Interpretationsleistungen erzielt werden können.
3. Bewertung des handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts: Das Kapitel resümiert die Vorteile der Methode, diskutiert ihre Grenzen und ordnet sie als sinnvolle Ergänzung zum analytischen Unterricht ein.
Fazit: Eine abschließende Synthese, die betont, dass bei guter Vorbereitung keine Deformierung der Literatur zu befürchten ist, sondern eine Bereicherung des Lernalltags stattfindet.
Schlüsselwörter
Literaturunterricht, Handlungs- und produktionsorientierter Unterricht, Kreatives Schreiben, Textverstehen, Lyrik, Didaktik, Gerhard Haas, Günter Waldmann, Kaspar H. Spinner, Hans Kügler, Leselust, Produktive Textrezeption, Literaturdidaktik, Kreativität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit den theoretischen Grundlagen und der praktischen Anwendung eines handlungs- und produktionsorientierten Literaturunterrichts an Schulen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung von Lesemotivation, der Abgrenzung zu klassischen analytischen Methoden und der didaktischen Debatte zwischen Befürwortern und Gegnern dieses Ansatzes.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu belegen, dass handlungs- und produktionsorientierte Methoden eine wertvolle Ergänzung zum klassischen Literaturunterricht darstellen und diesen nicht ersetzen, sondern durch kreative Zugänge bereichern sollen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse bestehender fachdidaktischer Konzepte sowie auf die qualitative Auswertung und Diskussion konkreter Unterrichtsbeispiele aus dem Bereich der Lyrik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Erörterung der Positionen verschiedener Fachdidaktiker, die Gegenüberstellung der Kritik durch Hans Kügler und die praktische Erprobung anhand von drei Lyrik-Beispielen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind neben der Handlungs- und Produktionsorientierung vor allem die Begriffe Textverständnis, Leselust, Kreativität sowie die Namen der zitierten Didaktiker wie Haas, Waldmann und Spinner.
Was ist der Kern der Kritik von Hans Kügler am produktionsorientierten Ansatz?
Kügler kritisiert, dass durch den aktiven Eingriff der Schüler in den Text eine Deformierung des Kunstwerks stattfinde und der eigentliche Verstehensanspruch der Literatur zugunsten eines spielerischen Selbstzwecks umgangen werde.
Wie reagieren die Vertreter des handlungs- und produktionsorientierten Unterrichts auf diese Vorwürfe?
Sie betonen, dass es nie um die Abschaffung der Analyse, sondern um deren Ergänzung gehe und dass der Fokus auf dem individuellen Zugang der Schüler liege, um gerade auch literaturferne Jugendliche für das Lesen zu gewinnen.
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- Mirja Schnoor (Author), 2002, Handlungs- und produktionsorientierter Literaturunterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9809