Das gesellschaftliche Rollenbild der Frau und dessen Durchbrechung in "Les Liaisons dangereuses" von Choderlos de Laclos

Ein Vergleich des Briefromans mit Roger Kumbles Film "Eiskalte Engel"


Hausarbeit, 2020

15 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Der Umgang der Marquise de Merteuil mit dem auf sie projizierten Rollenbild der Frau in Laclos Les Liaisons dangereuses
2.1 Das Ausbrechen der Marquise der Merteuil aus dem gesellschaftlichen Rollenbild
2.2 Der Verlust des gesellschaftlichen Ansehens der Marquise de Merteuil

3 Kathryn Merteuils Umgang mit dem auf sie projizierten Rollenbild der Frau in Kumbles Eiskalte Engel.
3.1 Das Ausbrechen der Kathryn Merteuil aus dem gesellschaftlichen Rollenbild
3.2 Der Verlust des gesellschaftlichen Ansehens der Kathryn Merteuil

4 Vergleich der beiden Werke
4.1 Genereller Vergleich
4.2 Vergleich in Bezug auf das Rollenbild und dem Ausbrechen aus diesem

5 Fazit

6 Bibliographie

1 Einleitung

Die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern sind heutzutage mehr denn je ein Thema, welches zur Diskussion anregt. Ob es jemals eine vollständige Gleichberechtigung geben wird ist fraglich, vor allem da viele Menschen die Meinung vertreten, dass diese bereits eingetreten wäre oder die Frau zumindest nicht mehr so unterdrückt würde, dass ein großer kultureller Umschwung diesbezüglich notwendig wäre. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass es bisweilen große Fortschritte in dieser Hinsicht gegeben hat und die Frau heutzutage sehr viel freier ist als noch vor einigen Jahren. Allerdings gibt es auch heute noch große Disparitäten zwischen dem Stand der Geschlechter wie beispielsweise beim deutlich geringeren Gehalt oder bei der leider immer noch geläufigen sexuellen Belästigung, die einem zu Augen führen, dass eine vollkommene Gleichberechtigung keineswegs vorhanden ist. Dass den jeweiligen Geschlechtern in unserer Gesellschaft schon immer ein bestimmtes Rollenbild zugesprochen wurde und dass vor allem dieses Rollenbild der Frau ein sehr starkes und einschränkendes war und auch heute noch teilweise ist, steht außer Frage. Wenn sich eine Frau den typischen gesellschaftlichen Erwartungen an sie wiedersetzte, hatte das meist sehr negative Folgen für sie wie beispielsweise den Ausstoß aus der Gesellschaft und finanzielle Mittellosigkeit, da sie in den allermeisten Fällen von den Männern in ihrem Leben finanziell abhängig war und kein eigenes Geld verdienen konnte. Heutzutage sind die Konsequenzen zwar keineswegs so dramatisch, jedoch werden Frauen immer noch dafür verurteilt, wenn sie dem für sie vorbestimmten Rollenbild nicht nachgehen. Die gesellschaftlichen Erwartungen an Frauen aufgrund ihres Geschlechts und die Folgen des sich ihnen Widersetzens sind ein bedeutendes Thema im 17821 veröffentlichten Briefroman Les Liaisons dangereuses von Pierre- Ambroise-Frangois Choderlos de Laclos und ebenso in dessen modernen Filmadaption Eiskalte Engel von Roger Kumble aus dem Jahr 19992. Die zentrale weibliche Figur, die Marquise de Merteuil bzw. Kathryn Merteuil, wie sie im Film genannt wird, beschäftigt sich mit den gesellschaftlichen Erwartungen an sie, die aufgrund ihres Geschlechts an sie gerichtet sind und kämpft dagegen an. Sie macht sich so unabhängig wie es unter ihren Umständen möglich ist und manipuliert andere Menschen um selbst an Macht zu gewinnen. Dennoch findet sie weder im Briefroman, noch im Film ein gutes Ende.

Diese Hausarbeit beschäftigt sich zuerst mit dem gesellschaftlichen Rollenbild, dem die Marquise der Merteuil in Laclos Briefroman Les Liaisons dangereuses ausgesetzt ist und wie sie damit umgeht, sowie ihrem später folgenden gesellschaftlichen Untergang. Danach wird das gesellschaftliche Rollenbild, dem Kathryn Merteuil in Kumbles Film Eiskalte Engel ausgesetzt ist und ihr Umgang mit diesem thematisiert. Anschließend liegt der Fokus auf ihrem daraus resultierenden gesellschaftlichen Abstieg. Zuletzt werden beide Darstellungen zuerst allgemein und dann in Bezug auf die gesellschaftlichen Rollenbilder und deren Durchbrechung miteinander verglichen.

2 Der Umgang der Marquise de Merteuil mit dem auf sie projizierten Rollenbild der Frau in Laclos Les Liaisons dangereuses

2.1 Das Ausbrechen der Marquise der Merteuil aus dem gesellschaftlichen Rollenbild

Im Briefroman Les Liaisons dangereuses von Choderlos de Laclos befasst sich die Marquise de Merteuil bereits in einer frühen Phase ihres Lebens mit dem Rollenbild, das ihr aufgrund ihres Geschlechts von der Gesellschaft auferlegt wird und wie sie dagegen ankämpfen kann. Dies wird besonders im 81. Brief thematisiert, indem sie über eben dieses weibliche Rollenbild spricht und sich gegenüber dem Vicomte de Valmont rechtfertigt. Zu Beginn des Briefs stellt sie direkt dar, dass sie sich gegenüber dem Vicomte de Valmont überlegen fühlt, sie nichts von ihm lernen kann und dass er niemals auch nur annährend an sie rankommen wird.3 Bei der Marquise de Merteuil handelt es sich um eine sehr hochmütige Frau, die auf Männer und vor allem auf den Vicomte de Valmont herabschaut. Mit eben diesem Bedürfnis der Marquise de Merteuil, sich über andere Menschen und insbesondere über andere Männer zu stellen, befasst sich Brigitte E. Humbert in ihrem Artikel. „En effet, pour ne pas se retrouver soumise a la condition commune de son sexe, la marquise doit constamment prouver sa supériorité non seulement sur les autres femmes, mais aussi sur le sexe masculin qu'elle se croit faite pour “maitriser” (LXXXI).”4 Die Marquise de Merteuil fügt sich nicht in die Rolle der unterwürfigen Frau und möchte sich von anderen Menschen differenzieren und abheben. Sie will dem Bild des schwächeren und ohnmächtigen Geschlechts, dass die Gesellschaft für sie vorgesehen hat, nicht entsprechen und sich nicht gefügig machen.

Im weiteren Verlauf des Briefs prahlt die Marquise de Merteuil damit, wie sie mithilfe ihrer eigenen Mittel Männer ausnutzt, manipuliert und mit ihnen spielt.5 Sie fühlt sich dazu geboren, ihr Leben lang das Ziel zu verfolgen, ihr eigenes Geschlecht zu rächen und das Männliche zu unterwerfen.6 Diese Manipulation bewältigt sie insgeheim, ohne dabei große Aufmerksamkeit aus sich zu ziehen oder jemals ihren guten Ruf zu verlieren.7

Weiterhin beschreibt die Marquise de Merteuil in diesem Brief, wie ihr bereits als Mädchen stark aufgefallen ist, wie groß der Umfang der Erwartungen ist, die die Gesellschaft gegenüber dem weiblichen Geschlecht besitzt und dass diese ein sehr passives Frauenbild vorgeben, welches sehr still und für sich ist.8 Jedoch wurde der Marquise de Merteuil bewusst, dass in dieser aufgezwungenen Passivität ein großer Vorteil liegt.9 Durch sie, hat sie gelernt zu beobachten und ihren Verstand zum Nachdenken zu gebrauchen.10 Außerdem erläutert die Marquise de Merteuil, wie sie ebenfalls früh zu der Erkenntnis gekommen ist, wie wichtig ihre eigenen Gedanken sind und dass sie nur wirklich über diese verfügt.11 Es missfällt ihr, dass andere Menschen Einfluss auf sie nehmen und sie gar manipulieren könnten.12 Diese Erkenntnis resultiert jedoch auch darin, dass sie großen Spaß daran hat, diese Art der Macht für sich zu nutzen und Einfluss gegenüber den Menschen in ihrem Umfeld auszuüben, indem sie sich gerade so zeigt, wie sie von den jeweiligen Menschen gesehen werden möchte.13 So kommt sie auch zur Entscheidung, ihre Gedanken gänzlich für sich zu behalten und den Menschen ausschließlich einen Einblick in sie zu gewähren, wenn dies auch einen Nutzen für sie mit sich brächte.14 Damit möchte die Marquise de Merteuil bezwecken, dass nur sie selbst Macht über ihre Gedanken und in Folge dessen auch über ihre Handlungen hat und somit insgesamt an Unabhängigkeit gewinnt. Somit belässt sie es nicht dabei, nur sich selbst zu kontrollieren, sondern beginnt auch damit, andere Menschen und besonders Männer zu beeinflussen und zu manipulieren. Sie benutzt insbesondere diese Männer, um ihren Willen zu bekommen, sowie darum mächtig und unbesiegbar zu wirken und es zum Teil auch zu sein.15 Durch den niederen, gesellschaftlichen Stand der Frau in dieser Zeit verfügt diese über sehr wenig bis keine Macht und Freiheit. Die gezielte Manipulation vom mächtigeren Geschlecht hat den Effekt, dass die Marquise de Merteuil selbst Macht ergreift und sich dadurch selbstbestimmter und freier fühlt.

Eine weitere Art der Machtgewinnung, die die Madame de Merteuil gebraucht, ist es sich durch ausgiebige Auseinandersetzung mit dem Thema erstmals während ihrer Ehe zu M. de Merteuil, in sexueller Hinsicht zumindest innerlich vom Objekt zum Subjekt zu entwickeln.16 In gesellschaftlicher Hinsicht wird der Mann meist als Subjekt und somit als dominant gesehen, während die Frau im Gegenzug häufig als Objekt und folglich als eher unterwürfig angesehen wird. Die Marquise de Merteuil bricht diese Konvention, indem sie selbst ihre Sexualität für sich auslebt, selbst wenn sie das nach außen nicht offen zeigt und sich gleichgültig und kalt gibt.17 Diese Problematik wird von Anne Brüske in ihrem Buch thematisiert. „In der gesellschaftlichen Ungleichheit hinsichtlich der weiblichen und der männlichen Rechte auf freie sexuelle Entfaltung liegt das Problem, das die Marquise de Merteuil erkannt hat und bekämpft.”18 Die Marquise de Merteuil möchte sich mehr Freiheit und mehr Macht aneignen, handelt dazu allerdings völlig anders als das männliche Geschlecht. Paul Hoffmann behandelt in seinem Artikel die Moral der Marquise de Merteuil, die der Männlichen keineswegs gleicht, sondern vollständig ihre eigene ist.

La morale de la marquise n'est pas une simple copie du modèle masculin du libertinage ; elle se pratique dans la dissidence. Il n'y a pas de liberté pour la femme dans l'état de société, sinon dans la clandestinité. L'on voit bien que ses combats, la femme aura â les livrer contre la société, contre l'homme, contre toutes les formes lâches et serviles de son plaisir.19

Sie hat erkannt, dass sie als Frau in der Gesellschaft nicht offen und selbstbestimmt ihren Zielen nachgehen kann, da dies schnell auf Widerstand treffen und sie in Folge dessen nichts erreichen würde. Stattdessen muss sie im Versteckten agieren und sich langsam und durch gezielte Manipulation ihren Zielen näherbringen. Sie hebt sich vom männlichen Geschlecht ab, indem sie sich intelligent verhält und Menschen manipuliert, anstatt sich wie das männliche Geschlecht, auf physische Kraft und generelle Dominanz zu verlassen. Durch dieses Verhalten, sind ihre Bestrebungen und wie sie ihnen näher kommt nicht für alle sichtbar und sie kann in Ruhe allein an deren Verfolgung arbeiten. Somit ist das tatsächliche Erreichen dieser Bestrebungen auch weitaus wahrscheinlicher, als wenn sie sie jedem offenbaren würde.

Die Rolle der Marquise de Merteuil in Laclos Briefroman Les Liaisons dangereuses wird häufig diskutiert und eine immer wiederkehrende These lautet die, dass es sich bei ihr um eine Heldin des Feminismus handelt. Dies wird von Pierre-Étienne Pagès in seinem Artikel aufgegriffen. „Que de thèses incongrues n'a-t-on développées au sujet des Liaisons... Madame de Merteuil serait, avant l'heure, une héroi'ne du féminisme : assurer l'indépendance et la supériorité de la femme.”20 Dieser These ist nicht zuzustimmen, da das zentrale Ziel des Feminismus daraus besteht, eine Gleichberechtigung der Geschlechter zu erzielen und nicht die Überlegenheit der Frau zu etablieren. Jenem Motiv geht die Marquise de Merteuil nicht nach. Sie möchte mit allen Mitteln über das männliche Geschlecht dominieren und zögert auch nicht anderen Frauen zu schaden, um dieses Ziel zu erreichen. Dies wird bereits am Anfang des Briefromans deutlich, wenn sie ihre Pläne für Cecile Volanges schmiedet.21 Sie sieht die Ungerechtigkeit und die Unterdrückung, die von Männern ausgeht und möchte dieses Machtverhältnis umkehren, anstatt eine Gleichberechtigung zu erreichen. Diese extreme Haltung ist nicht als Feminismus zu deklarieren.

[...]


1 Vgl. Pierre-Ambroise-Frangois Choderlos de Laclos, Les Liaisons dangereuses, Paris : Gallimard, 1972, S. 472.

2 Vgl. IMDb, Eiskalte Engel, URL: https://www.imdb.com/title/tt0139134/7ref =nv sr srsg 0 (Zuletzt aufgerufen am 28.09.2020).

3 Vgl. Pierre-Ambroise-FranQois Choderlos de Laclos, Les Liaisons dangereuses, Paris : Gallimard, 1972, S. 213.

4 Brigitte E. Humbert, “La Religieuse de Diderot et la marquise de Laclos”, in: The French Review, vol. 75, no. 6 (2002), S. 1205. JSTOR, www.jstor.org/stable/3132943 (Zuletzt aufgerufen am 25. Sept. 2020).

5 Vgl. Pierre-Ambroise-Fran^ois Choderlos de Laclos, Les Liaisons dangereuses, Paris : Gallimard, 1972, S. 215-216.

6 Vgl. Ebd. S. 215-216.

7 Vgl. Ebd. S. 215-216.

8 Vgl. Ebd. S. 217.

9 Vgl. Ebd. S. 217.

10 Vgl. Ebd. S. 217.

11 Vgl. Ebd. S. 217.

12 Vgl. Ebd. S. 217.

13 Vgl. Ebd. S. 217.

14 Vgl. Ebd. S. 217.

15 Vgl. Ebd. S. 221.

16 Vgl. Ebd. S. 219.

17 Vgl. Ebd. S. 219.

18 Anne Brüske , Das weibliche Subjekt in der Krise: anthropologische Semantik in Laclos' Liaisons dangereuses, Heidelberg: Winter, 2010, S. 174.

19 Paul Hoffmann, “SUR LE THÈME DE LA RÉVOLTE DE LA FEMME DANS QUELQUES ROMANS DU XVIIIe SIÈCLE FRANQAIS”, in: Romanische Forschungen, vol. 99, no. 1 (1987), S. 32. JSTOR, www.jstor.org/stable/27939636 (Zuletzt aufgerufen am 25. Sept. 2020).

20 PIERRE-ÉTIENNE PAGÈS, “PENSER LE MONSTRE,” in: Revue Des DeuxMondes (2003), S. 34. JSTOR, www.jstor.org/stable/44190027 (Zuletzt aufgerufen am 25. Sept. 2020).

21 Vgl. Pierre-Ambroise-Fran^ois Choderlos de Laclos, Les Liaisons dangereuses, Paris : Gallimard, 1972, S. 34.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das gesellschaftliche Rollenbild der Frau und dessen Durchbrechung in "Les Liaisons dangereuses" von Choderlos de Laclos
Untertitel
Ein Vergleich des Briefromans mit Roger Kumbles Film "Eiskalte Engel"
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Romanische Philologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
15
Katalognummer
V980907
ISBN (eBook)
9783346332714
ISBN (Buch)
9783346332721
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gefährliche Liebschaften, Liaisons dangereuses, Mme de Merteuil, Frauenbilder in der Literatur, Eiskalte Engel, Kathryn Merteuil
Arbeit zitieren
Xenia-Luisa Meining (Autor), 2020, Das gesellschaftliche Rollenbild der Frau und dessen Durchbrechung in "Les Liaisons dangereuses" von Choderlos de Laclos, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/980907

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