Spätestens durch die arbeitsorganisatorischen Entwicklungen der 1980er Jahre vermehrt ins Zentrum von Gesprächen und besonders Forschung gerückt, ist das Konzept von Kompetenzen und deren Erwerb bzw. Entwicklung inzwischen nicht mehr aus dem deutschen Bildungssystem wegzudenken. Besonders im Bereich der beruflichen und Weiterbildung ist es zu einer der zentralen Kernstrukturen geworden. Doch auch auf allen anderen Bildungsebenen und auch in zahlreichen anderen Ländern war diese Entwicklung zu beobachten, was sich besonders in der Entstehung der vergleichenden internationalen Schulleistungsstudien wie PISA und TIMSS und internationaler Bildungsforschung bemerkbar macht. Der Ausdruck „Kompetenz“ findet sich heutzutage in allen Lebensbereichen, in Stellenausschreibungen genauso wie in Werbeanzeigen oder Schulcurricula. Weit entfernt jedoch von seiner ursprünglichen Bedeutung der „Zuständigkeit“, ist das Konzept inzwischen in unserer Gesellschaft omnipräsent und weckt dabei zahlreiche Assoziationen. Gleichzeitig ist es nur schwer zu fassen und noch schwerer theoretisch abzustecken und abzugrenzen von den in vielerlei Hinsicht ähnlichen Begriffen der Qualifikation im Allgemeinen und Schlüsselqualifikationen im Besonderen. Diese Arbeit soll eine mögliche Abgrenzung untersuchen und dabei auftretende Schwierigkeiten beleuchten. Zunächst werden hierzu die Kompetenzmodelle von John Erpenbeck und Franz E. Weinert vorgestellt und verglichen, bevor gängige Definitionen von Qualifikation und Schlüsselqualifikation untersucht werden. Im Anschluss sollen diese von den zuvor ausgearbeiteten Modellen abgegrenzt und dabei etwaige Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Kompetenz nach Erpenbeck
3 Kompetenz nach Weinert und Vergleich mit Erpenbecks Theorie
4 Vergleich von Qualifikation und Kompetenz
5 Vergleich von Schlüsselqualifikation und Kompetenz
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Konzept der Kompetenz im Vergleich zu den Begriffen Qualifikation und Schlüsselqualifikation. Ziel ist es, die theoretischen Modelle von John Erpenbeck und Franz E. Weinert kritisch zu beleuchten, Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede zu den verwandten Begriffen herauszuarbeiten und die Schwierigkeiten einer eindeutigen theoretischen Abgrenzung aufzuzeigen.
- Kompetenztheorien nach John Erpenbeck und Franz E. Weinert
- Kritische Analyse der Begriffe Qualifikation und Schlüsselqualifikation
- Vergleich der Konzepte hinsichtlich ihrer Ausrichtung und Messbarkeit
- Herausarbeitung der theoretischen Fundierung (oder deren Fehlen)
- Diskussion des Bildungsbegriffs im wirtschaftlichen Kontext
Auszug aus dem Buch
Vergleich von Qualifikation und Kompetenz
In seiner ursprünglichen Bedeutung aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts umschloss der Qualifikationsbegriff „jene Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten [...], die eine Person besitzen muss, um die fachlichen Anforderungen von Arbeit bewältigen zu können“ (Büchter, 2012, S. 47). Später wurden dieser Definition noch soziale und fachübergreifende Dimensionen hinzugefügt. Somit ist das Konzept der Qualifikationen eindeutig eingrenzbar, sie sind durch Zertifikate belegbar, der Verwertungsaspekt steht eindeutig im Mittelpunkt (ebd.).
Hier zeigt sich also ein großer Unterschied zum Kompetenzkonzept, das nicht klar zu definieren und vor allem nicht klar auf einen bestimmten Arbeitsaspekt zu beschränken ist, die Zertifizierung ist aufgrund der schwer messbaren Konstrukte ebenfalls kaum möglich. Bei Qualifikationen geht es um reine Befähigung zu erfolgreichem Ausführen bestimmter Aufgaben, während bei Kompetenzen der Begriff der Selbstständigkeit und Selbstverantwortlichkeit im Zentrum steht. Kompetenzen sollen eine Persönlichkeit hervorbringen, die selbstständig abwägen und sich anpassen kann, um verantwortungsvoll und reflektiert handeln zu können.
Weinert und Erpenbeck sind sich einig, dass Qualifikationen ganz klar ein Teil von Kompetenzen sind (vgl. Weinert, 2001b; Erpenbeck, 2002). Kompetenzen schließen zwar Fertigkeiten, Wissen und Qualifikationen mit ein, lassen sich aber nicht darauf reduzieren (Erpenbeck, 2002, S. 4). Erpenbeck führt selbst eine Unterscheidung zwischen Kompetenzen und Qualifikationen nach Rolf Arnold auf (ebd., S. 5): Demnach sind Qualifikationen klar umgrenzte Konzepte, die „fremdorganisiert“, „auf die Erfüllung vorgegebener Zwecke gerichtet“ und eindeutig zertifizierbar sind (ebd.). Sie beziehen sich auf klar erfüllbare Aufgaben, und zwar auf ganz konkrete, auf eine bestimmte Problemstellung bezogene Kenntnisse und Fähigkeiten, und sind also „objektbezogen“ (ebd.). Bei Qualifikationen steht ganz klar der Verwertungsaspekt im Vordergrund.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in das omnipräsente Kompetenzkonzept ein und benennt die Schwierigkeit der Abgrenzung gegenüber den Begriffen Qualifikation und Schlüsselqualifikation als zentrales Anliegen der Arbeit.
2 Kompetenz nach Erpenbeck: Dieses Kapitel erläutert Erpenbecks Definition von Kompetenz als Fähigkeit zum selbstorganisierten Handeln und kritisiert die ökonomische Ausrichtung sowie die mangelnde akademische Fundierung seines Modells.
3 Kompetenz nach Weinert und Vergleich mit Erpenbecks Theorie: Weinerts Theorie wird im Kontext internationaler Schulleistungsstudien analysiert und mit Erpenbecks Ansatz verglichen, wobei insbesondere die Problematik der Messbarkeit von Kompetenzen hervorgehoben wird.
4 Vergleich von Qualifikation und Kompetenz: Hier werden die wesentlichen Unterschiede zwischen dem zertifizierbaren, objektbezogenen Qualifikationsbegriff und dem subjektbezogenen, ganzheitlichen Kompetenzansatz herausgearbeitet.
5 Vergleich von Schlüsselqualifikation und Kompetenz: Das Kapitel untersucht die synonyme Verwendung von Schlüsselqualifikationen und Kompetenzen in der Literatur und zeigt auf, dass beide Konzepte aus einer ähnlichen Sorge um das Bildungssystem in einer sich wandelnden Wirtschaft entstanden sind.
6 Fazit: Das Fazit stellt fest, dass die Konzepte eng miteinander verwoben sind und bis auf neue Begrifflichkeiten kaum substanzielle Unterschiede aufweisen, was weiteren Forschungsbedarf zur Messbarkeit und Vermittelbarkeit von Kompetenzen begründet.
Schlüsselwörter
Kompetenz, Qualifikation, Schlüsselqualifikation, John Erpenbeck, Franz E. Weinert, Selbstorganisation, Kompetenzmessung, Bildungsstandard, Handlungsfähigkeit, berufliche Bildung, Bildungsbegriff, Theorievergleich, Performanz, Arbeitsmarkt, Fachkompetenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der theoretischen Abgrenzung des Kompetenzbegriffs von den Begriffen Qualifikation und Schlüsselqualifikation im deutschen Bildungsdiskurs.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentral sind die Kompetenztheorien von John Erpenbeck und Franz E. Weinert sowie die historische und inhaltliche Einordnung von Qualifikations- und Schlüsselqualifikationsbegriffen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, zu prüfen, ob eine scharfe theoretische Trennung zwischen diesen Begriffen möglich ist oder ob es sich primär um synonyme Konzepte mit unterschiedlicher Wortwahl handelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Literaturanalyse, bei der bestehende Modelle und Definitionen gegenübergestellt und kritisch auf ihre Konsistenz sowie ihre Entstehungshintergründe untersucht werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der Modelle von Erpenbeck und Weinert, deren Vergleich untereinander sowie die anschließende Gegenüberstellung mit den Konzepten der Qualifikation und Schlüsselqualifikation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Kompetenzorientierung, Selbstorganisation, Bildungsstandards, ökonomische Zwecksetzung und theoretische Konsistenz charakterisiert.
Wie bewertet der Autor die Messbarkeit von Kompetenzen?
Der Autor stellt die Messbarkeit aufgrund der subjektiven Natur von Kompetenzkonstrukten kritisch infrage und betont die Schwierigkeit, von beobachtbarem Verhalten direkt auf eine dahinterliegende Kompetenz zu schließen.
Inwieweit sieht der Autor eine Übereinstimmung mit dem Humboldtschen Bildungsideal?
Der Autor bemerkt, dass sowohl bei Erpenbeck als auch bei Weinert Anleihen am Humboldtschen Bildungsideal erkennbar sind, bewertet diese jedoch als eine teilweise "ökonomisierte" Umdeutung, die eher wirtschaftlichen Interessen als einer ganzheitlichen Bildung dient.
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- Anonym (Author), 2020, Vergleich der Kompetenztheorien von John Erpenbeck und Franz E. Weinert. Die Abgrenzung von den Begriffen Qualifikation und Schlüsselqualifikation, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/981254