“Schlagt die Germanistik tot - färbt die blaue Blume rot”. Was macht diesen Satz so interessant für uns, daß wir für einen Moment im Lesen innehalten, vielleicht schmunzelnd, vielleicht zusammenzuckend? Wollen wir das ergründen, so müssen wir uns mit einem Phänomen beschäftigen, das Germanisten auf den Namen Intertextualität getauft haben. Im weitesten Sinne versteht man darunter den Bezug von Texten auf Texte. Es spiegelt sich in diesem einfachen Satz vielfältig wider, wird von ihm zurückgeworfen wie das Echo in einem langen Tal, dessen ursprüngliche Quelle im Spiel von Hall und Widerhall schließlich nicht mehr auszumachen ist. Dieser Satz fand sich einst, zur Zeit der Studentenbewegung in Deutschland, auf Spruchbänder geschrieben - dies ist der erste intertextuelle Bezug. Die Studenten wendeten sich damit gegen die bestehende, in ihren Augen reaktionäre und muffige Germanistik. Diese wurde für sie versinnbildlicht durch das Symbol der Blauen Blume, die in ihren besten Tagen überhaupt nicht reaktionär und muffig war, sondern eine Fahne, unter der sich eine junge, stürmische, alle Höhen und Tiefen des menschlichen Daseins auskosten wollende Bewegung formierte: die Romantik. Soweit der zweite intertextuelle Bezug. An die Stelle der überkommenen, reaktionären Art Germanistik zu treiben, sollte aus der Sicht der Studenten von damals eine neue treten, die nicht mehr das Steckenpferd alternder Schöngeister sein sollte, sondern ein Mittel des Klassenkampfes. Ob man das Wort “rot” in diesem Zusammenhang als einen dritten intertextuellen Bezug sehen will, oder als bloße Anspielung, hängt unter anderem davon, ab, was man als Bezugstext anerkennt.
Welche Versuche die Germanistik, die, wie wir heute wissen, die damaligen Angriffe überstanden, vielleicht durch sie sogar noch einige interessante Facetten hinzugewonnen hat, unternahm, den Begriff der Intertextualität genauer zu fassen, welche Gründe Autoren haben, Intertextualitäten bewußt zu verwenden, und warum es von Vorteil sein kann, als Leser darüber Bescheid zu wissen, damit setzt sich diese Arbeit auseinander.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Langweilige und interessante Definitionen des Begriffes Intertextualität
Die langweilige Definition
Die interessante Definition
Die Grauzone
Ein mittlerer Weg?
Intertextualität und Anspielung
Der Wink mit dem Zaunpfahl
Möglichkeiten der Markierung von Intertextualität
Fünf gute Gründe für die Verwendung von Intertextualitäten
Geballte Kommunikation
Ausgrenzung
Stiftung von Identität und Abgrenzung von anderen
Das Erregen von Aufmerksamkeit
Manipulation
Ein Leben ohne Intertextualität?
Ein kurzer Sommer der Anarchie - DADA 1916, Aufbegehren gegen das Nachreden
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Intertextualität, hinterfragt gängige Definitionen und entwickelt einen eigenen, umfassenderen Ansatz. Ziel ist es, die Beweggründe für den Einsatz intertextueller Bezüge in Texten aufzudecken und deren Funktion sowie potenzielle Manipulationsgefahren, insbesondere in modernen Massenmedien, kritisch zu beleuchten.
- Theoretische Grundlagen und Definitionen von Intertextualität
- Differenzierung zwischen Intertextualität und Anspielung
- Markierungsformen intertextueller Bezüge in Texten
- Intentionen und Funktionen der Nutzung von Intertextualität
- Intertextualität als Mittel der Ausgrenzung und Manipulation
Auszug aus dem Buch
Fünf gute Gründe für die Verwendung von Intertextualitäten
Mit Intertextualität, die, wie wir eben gesehen haben, auf ganz unterschiedliche Art und Weise markiert werden kann, hat der Autor ein ungemein flexibles sprachliches Werkzeug in der Hand. Es ist aber nicht nur flexibel in Bezug auf die Art und Weise, in der es eingesetzt werden kann; es läßt sich auch mit ganz verschiedenen Intentionen einsetzen.
Geballte Kommunikation
Intertextuelle Bezüge machen es einem Autor möglich mit Hilfe eines einzigen oder nur ganz weniger Worte, auf ein kulturelles Vorwissen Bezug zu nehmen, das Bände füllt. Ein Gedicht von Gottfried Benn lautet beispielsweise:
“HENRI MATISSE: ‘ASPHODÈLES’
‘Sträuße - doch die Blätter fehlen,
Krüge - doch wie Urnen breit,
- Asphodelen,
der Proserpina geweiht -.’”
Offensichtlich, da ausdrücklich im Titel genannt, ist hier der intertextuelle Bezug auf ein Stilleben des Malers Henri Matisse mit dem Titel “Asphodéles”. Für uns an dieser Stelle interessanter ist jedoch der Bezug auf Proserpina. Proserpina oder griechisch Persephone, die Tochter von Demeter, der Göttin der Fruchtbarkeit, wird von Hades in die Unterwelt entführt und zur Gemahlin genommen. Durch die Trauer der Demeter um ihre Tochter verödet die Erde und nichts wächst mehr. Deshalb schickt Zeus schließlich Hermes aus, um Persephone aus der Unterwelt zurückholen zu lassen. Persephone verbringt von da an zwei Drittel des Jahres bei ihrer Mutter im Olymp und ein Drittel des Jahres bei Hades in der Unterwelt, wodurch nach diesem Mythos das Aufblühen und Vergehen der Natur im Laufe der Jahreszeiten zustande kommt. Dieses ganze Vorwissen kann der Dichter mit dem einen Wort “Proserpina” aktivieren. Bezieht man sich in dieser Weise auf einen oder mehrere Vortexte, so ist es möglich, Texte von außerordentlicher inhaltlicher Dichte zu erstellen. Der Leser wird solchen Bezüge natürlich nur dann verstehen, wenn er über das entsprechende Vorwissen verfügt. Besitzt er dieses Vorwissen nicht, so ist er aus dem Kommunikationsprozess ausgeschlossen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Der Autor führt in das Phänomen der Intertextualität anhand des Slogans "Schlagt die Germanistik tot - färbt die blaue Blume rot" ein und skizziert die Fragestellung der Arbeit.
Langweilige und interessante Definitionen des Begriffes Intertextualität: Es werden zwei gegensätzliche Ansätze zur Definition von Intertextualität diskutiert und kritisch hinterfragt.
Der Wink mit dem Zaunpfahl: Dieses Kapitel behandelt die verschiedenen methodischen Möglichkeiten, wie Intertextualität innerhalb eines Textes explizit oder implizit markiert werden kann.
Fünf gute Gründe für die Verwendung von Intertextualitäten: Die verschiedenen Intentionen hinter der Nutzung intertextueller Bezüge werden analysiert, darunter Kommunikationseffizienz, Ausgrenzung und Manipulation.
Ein Leben ohne Intertextualität?: Der Autor hinterfragt, ob eine Sprache ohne intertextuelle Bezüge denkbar wäre, und illustriert dies am Beispiel der DADA-Bewegung um Hugo Ball.
Schlüsselwörter
Intertextualität, Anspielung, Literaturwissenschaft, Kommunikation, Markierung, Vortext, Prätext, Sprachgebrauch, Konstruktivismus, Metaphern, Gruppensprache, Ausgrenzung, Manipulation, Massenmedien, DADA
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem sprachlichen Phänomen der Intertextualität, also der Bezugnahme von Texten auf andere Texte, und untersucht deren Funktionsweise und Wirkung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Definition von Intertextualität, Methoden ihrer Markierung, die verschiedenen Intentionen von Autoren bei deren Verwendung sowie die soziokulturellen Auswirkungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, einen eigenen, umfassenden Definitionsansatz für Intertextualität zu formulieren, der sowohl subjektive als auch objektive Kriterien vermeidet, und die Verwendungsmöglichkeiten dieses Phänomens aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literatur- und sprachwissenschaftliche Analyse durchgeführt, wobei bestehende Theorien diskutiert, konstruktivistisch ergänzt und durch praktische Beispiele illustriert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Abgrenzung zu Anspielungen, den verschiedenen Formen der Markierung, den Intentionen (wie Identitätsstiftung oder Aufmerksamkeit) sowie der kritischen Auseinandersetzung mit manipulativer Intertextualität in den Medien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Intertextualität, Anspielung, Markierung, Kommunikation, Ausgrenzung, Manipulation und Konstruktivismus.
Inwiefern spielt die DADA-Bewegung eine Rolle?
Die DADA-Bewegung und insbesondere die Lautgedichte von Hugo Ball dienen als Fallbeispiel für den Versuch, eine Sprache völlig frei von "Nachrednerschaft" und intertextuellen Bezügen zu schaffen.
Welche Gefahr sieht der Autor in der Intertextualität bei Fernsehnachrichten?
Der Autor warnt vor der manipulativen Kraft der Intertextualität in Nachrichtensendungen, da Fragmente verschiedener Realitäten montiert werden und der Zuschauer die Quellen sowie die Autorenschaft nicht mehr nachvollziehen kann.
- Quote paper
- Jörg Dieter (Author), 1998, Schlagt die Germanistik tot - färbt die blaue Blume rot, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9812