Die Demaskierung eines dämonischen Intriganten. Die Figur des "Armeniers" in Schillers "Geisterseher"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

27 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

Einleitung

Die Intrige und ihre Varianten

Das gespannte Netz der Intrige im „Geisterseher“

Das Opfer: Ein Prinz auf Abwegen

Das Mittel zum Zweck: Die schöne Griechin

Die rechte Hand des Dämonen

Der „Geisterseher“ und die „X-Files“: Eine klare Rezeption?

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Schiller verknüpft in seinem Fragment „Der Geisterseher“, welches eine politische Verschwörung thematisiert, verschiedene Elemente miteinander. Er greift hier auf Erzählstrukturen eines Abenteuerromans zurück, und taucht ebenfalls partiell in den Bereich der Psychologie und ihrer Studien ein.

Im Zentrum des „Geistersehers“ steht ein Prinz, dessen gesellschaftliche Position von der katholischen Kirche missbraucht werden soll um die Macht über eine der einflussreichsten Dynastien zu erlangen. Der Prinz verirrt sich in einer dicht gestrickten Intrige, die von einem mysteriösen Fremden, genannt der „Armenier“, inszeniert wurde.

Es ist eindeutig, dass Schiller an verschiedenen Stellen im „Geisterseher“ auf die realen Vorgänge innerhalb der Gesellschaft, die ihn umgab, eingeht. Er spiegelt die Angst vor Verschwörungen wieder und zeigt das Misstrauen gegenüber der Magie und ihren Auswirkungen. Seine mysteriöse Figur des „Armeniers“ verkörpert beide Gesichtspunkte: Die Maske, die er trägt, lässt ihn als magische Figur erscheinen, seine intriganten Schachzüge machen ihn zu einem ernst zu nehmenden politischen Gegner.

Folgend soll nun zum einen die Intrige und ihre Struktur analysiert werden, sowie ein Blick auf ihren Initiator geworfen werden. Dabei soll auch die Rolle seiner Helfer erörtert werden.

Zum Schluss wird auf eine Diskussion eingegangen, die sich mit dem Einfluss des „Geistersehers“ auf die nachfolgenden Schauerromane und auf aktuelle Mystery-Serien befasst. Dabei soll auch an dieser Stelle der dämonische Charakter im Zentrum der Betrachtung liegen.

Die Intrige und ihre Varianten

Bevor genau auf die Intrige des „Armeniers“ im „Geisterseher“ eingegangen wird, soll das Wesen der Intrige an sich erklärt werden. Gustav Adolf Pourroy unterscheidet in seinem Werk folgende drei Grundformen der Intrige: den Billardstoß, den Achillesschuss und das Komplott. Bei dem Billardstoß gehe der Intrigant folgendermaßen vor:

„Der Intrigant selbst bleibt in der Tarnung. Er manipuliert die Öffentlichkeit von der Deckung aus und zieht mit der erregten Schadenfreude die Lacher auf seine Seite.“[1]

Dagegen seien bei der Variante des Achillesschusses die Handlungen des Intriganten nicht verdeckt, aber die Absicht, die dahinter stecke, könne nicht eindeutig enttarnt werden. Der Intrigant decke hier die Schuld des Opfers auf, Voraussetzung sei hier natürlich, das Opfer habe sich etwas zu schulden kommen lassen.

Bei der dritten Variante, dem Komplott, würden sich häufig mehrere Parteien zusammenschließen, welche dann gemeinsam gegen ein Opfer agieren:

„Das in der Regel geheime Bündnis ist eine starke Waffe in der intriganten Konfliktaustragung. Das Opfer ahnt noch nichts, und doch ist die Taktik des verderblichen Spiels bereits beschlossen. (...) Sicher, der erfahrene Intrigant muß darauf achten, daß sein Vasall das Wissen um den Plan nicht ausnutzt und ihm als Überläufer schadet oder daß er aussteigt. Hier liegt die eigentliche Schwäche dieser an sich starken Grundart der Intrigen; (...).“[2]

In Schillers „Geisterseher“ bedient sich der Intrigant – im folgenden der „Armenier“ genannt - einer Mischform der Intrige, bestehend aus dem Billardstoß und dem Komplott. Dabei ist zu beachten, dass die an der hier beschriebenen Intrige beteiligten Menschen dem Armenier nicht gleichgestellt sind. Dieser ist das mächtigste Glied in der Gruppe, er agiert aus dem Hinterhalt und zieht als Initiator die Fäden. Doch seine Macht wäre nicht so groß, wenn er nicht Verbündete hätte, die nach seinen Vorstellungen handeln würden.

Pourroy gibt an, dass eine gezielt geplante Intrige meistens aus einer Verkettung einzelner Intrigen bestehe, dies beziehe sich auf alle drei Varianten der Intrige. Einen wesentlichen Punkt der Intrige mache die Tarnung des Intriganten aus. Diese erhalte er zum Beispiel dadurch, dass er eine weitere Person in den Plan einweihe, welche die Rolle des Agierenden übernehme, und so dem Intriganten seine Deckung gewähre.

Denn ein Intrigant, der seinen Hinterhalt selbst ausführe, anstatt andere die „schmutzige Arbeit“ machen zu lassen, hinterlasse Spuren, und könne gegebenenfalls leicht enttarnt werden.

„Nun kann man in Fällen von Dummheit, Arglosigkeit und Schwäche des Angriffszieles nicht einfach davon sprechen, daß das dem Intriganten ein Alibi gibt. Vielmehr ist es hier so, daß er durch Tarnung der Absicht sein Gesicht zu wahren sucht. Er stellt die Falle heimlich auf, das Opfer läuft selbst hinein.“[3]

Der mysteriöse Gegenspieler verbindet generell diverse intrigante Aktionen zu einer großen Intrige. Denn mit einem „intriganten Stoß“[4] gelange er meistens nicht ans Ziel. So binde er verschiedene Wege zusammen um die Intrige zu vollenden. Er bediene sich dem entsprechend an allen drei Grundformen der Intrige.

Um vor bösartigen Intrigen gefeit zu sein, sollte ein Mensch potentiellen Intriganten, Pourroy geht dabei von „Konfliktgegnern“[5] aus, mit einer gewissen Vorsicht begegnen, insbesondere, wenn er von Geschehnissen erfahre, die gegen seine Interessen verstoßen würden.

Es sei ungewöhnlich, dass bei einer geschickt platzierten Intrige ein einheitliches Bild selbiger vermittelt werde, vielmehr seien die äußerst präsenten Eindrücke nicht unbedingt die, welche eine nahende Intrige ankündigen würden.

Oft könne man die Beziehung zwischen Konfliktgegner und einer von ihm eingesetzten Person gar nicht erkennen. Es gebe also keine Sicherheit, dass sich eine Intrige von vornherein abwenden ließe.

Folgend soll nun die vom „Armenier“ initiierte Intrige und ihre Struktur untersucht werden.

Das gespannte Netz der Intrige im „Geisterseher“

Die Person, um die sich die gesamte Intrige rankt, ist ein Prinz, welcher ein Anwärter auf einen deutschen Fürstenthron ist. Das Ziel dieser groß angelegten Intrige - so lässt es sich aus der Geschichte schließen - ist es, den Prinzen in die mächtigen Arme der katholischen Kirche zu treiben, welche die Macht über besagten Thron zu erlangen sucht.

Der Initiator der Intrige, ein durchaus dämonischer Gegenspieler, trägt bei der ersten Begegnung mit dem Prinzen in Venedig die Maske eines Armeniers. Fortan wird diese zwielichtige Person als der „Armenier“ betitelt, denn seine wahre Identität wird nicht aufgedeckt.

Bei dieser ersten Begegnung prophezeit der Armenier dem Prinzen die genaue Todeszeit dessen Cousins. Erstaunt muss dieser wenig später feststellen, dass diese Prophezeiung der Wahrheit entsprochen hat, mit der Folge, dass der Prinz seiner Thronbesteigung ein wenig näher gerückt ist. Indem Schiller unter anderem diese Prophezeiung in den Verlauf der Handlung einbindet, bedient er sich an dieser Stelle deutlich einer okkulten Erscheinung, wie auch an weiteren Stellen des Romans. Beachtlich ist dabei, wie detailliert Schiller diese okkulten Ereignisse beschreibt, seine Faszination für Phänomene dieser Art wird sehr deutlich.

Das böse Spiel, in dem der Armenier die Fäden zieht, findet auf verschiedenen Ebenen statt, genau wie das Prinzip Intrige eingeordnet wird.[6] Immer wieder erfährt der Prinz von - teilweise zeitlich weit zurückliegenden - Begebenheiten, die den Mythos des Armeniers formen. Ob diese Geschichten, die sich um diesen Menschen ranken, wirklich der Wahrheit entsprechen, ist sekundär, und kann nicht entlarvt werden.

Dieser fast göttliche Mythos, der den Armenier umgibt, basiert nicht auf Tatsachen, sondern entsteht durch Mutmaßungen innerhalb einer Gesellschaft, auf deren Mitglieder der Prinz hin und wieder trifft. So greift der Sizilianer, den der Prinz und sein Begleiter, der Graf von O**, in einem venezianischen Gefängnis aufsuchen, auf Informationen zurück, die über Jahre hinweg immer weitervermittelt worden sind.[7]

In der Zeit, in der Schillers „Geisterseher“ angesiedelt ist, herrscht, aufgrund des Einflusses mächtiger Geheimorganisationen, eine große Furcht vor Verschwörungen innerhalb der Gesellschaft.[8] Die Individuen versuchen ihre Position innerhalb der Gesellschaft zu stärken und sich vor Hinterhalten der erwähnten Geheimorganisationen zu schützen. Es herrscht dem entsprechend ein großes Mißtrauen gegenüber mystisch erscheinenden Wesen, in diesem Fall wird der faszinierende Armenier von einigen Seiten durchaus mit Argwohn betrachtet, ohne dass dieses ihn umgebende Geheimnis aufgelöst werden könnte.

Peter André Alt schildert in seiner Schiller Biographie[9] den dämonischen Gegenspieler als eine zwiespältige Person, die zum einen das Kunstwerk der Maskerade verstehe, und damit dem Reich der Magie zugeordnet werden könne, sowie als Repräsentant der mysteriösen Geheimbünde und -organisationen diene, dadurch, dass er in den Prinzen in eine politische Intrige zu verwickeln versuche. Denn dies scheint ganz und gar in dem Interesse besagter politischer und gläubiger Kontrahenten des Prinzen zu liegen. Es ist wahrscheinlich, dass der Armenier im Auftrag eines Geheimbundes handelt, welcher eine Beziehung zu der katholischen Kirche pflegt.

Die Person und ihr Handeln sind undurchschaubar, von dem sich stetig aufbauenden Mythos des Armeniers wird das Interesse des Prinzen für diesen geweckt:

„Eine höhere Gewalt verfolgt mich. Allwissenheit schwebt um mich. Ein unsichtbares Wesen, dem ich nicht entfliehen kann, bewacht alle meine Schritte. Ich muß den Armenier aufsuchen und muß Licht von ihm haben.“[10]

Nicht durch Fakten, vielmehr durch Gerüchte würde sich im Kopf des Prinzen ein facettenreiches Bild über den Armenier bilden, so erklärt es Matthias Hurst in seinem Werk[11]. So erfahre man weder die Herkunft dieser mysteriösen Gestalt, noch ließe sich sein Charakter einordnen. Der aufgebaute Mythos des Armeniers basiere auf Erzählungen, eventuell sogar auf Halbwahrheiten, dennoch scheine sein Wesen, wie bereits erwähnt, ein dämonisches Bild zu vermitteln, gepaart mit einer geradezu göttlichen Ausstrahlung. Er sei durchaus in der Lage seine Mitmenschen zu manipulieren.

Wäre sein Wesen dagegen durchschaubar, so wäre auch sein Handeln kalkulierbar. Seine Unnahrbarkeit gebe ihm die Möglichkeit sich hinter einem rätselhaften Charakter zu verstecken, schließlich herrsche ihm gegenüber eine besondere Art von Respekt.

Hurst beschreibt dies mit einer sogenannten „Sprachlosigkeit“[12] seiner Erscheinung gegenüber. Obwohl der Armenier selten persönlich auftrete, sei doch seine Macht, welche sich dadurch zeige, dass er diverse Vorgänge lenke und kontrolliere, stets präsent.

Ebenso scheint er auch die Kontrolle über das Handeln des Prinzen erlangt zu haben. Wie eine Marionette an durchsichtigen Fäden lässt sich der Prinz von dem Armenier leiten, obwohl er sich dieser gefährlichen Situation bewusst zu sein scheint.

[...]


[1] aus: Gustav Adolf Pourroy „Das Prinzip Intrige: Über die gesellschaftliche Funktion eines Übels“, Verlag A. Fromm, Osnabrück, 1986, S.

[2] aus: Gustav Adolf Pourroy „Das Prinzip Intrige: Über die gesellschaftliche Funktion eines Übels“, Verlag A. Fromm, Osnabrück, 1986, S.

[3] aus: Gustav Adolf Pourroy „Das Prinzip Intrige: Über die gesellschaftliche Funktion eines Übels“, Verlag A. Fromm, Osnabrück, 1986, S.

[4] aus: Gustav Adolf Pourroy „Das Prinzip Intrige: Über die gesellschaftliche Funktion eines Übels“, Verlag A. Fromm, Osnabrück, 1986, S.

[5] aus: Gustav Adolf Pourroy „Das Prinzip Intrige: Über die gesellschaftliche Funktion eines Übels“, Verlag A. Fromm, Osnabrück, 1986, S.

58

[6] dieser Punkt wurde bereits im vorherigen Kapitel erörtert

[7] aus: Schiller „Der Geisterseher und andere Erzählungen. Mit einer Einleitung von Emil Staiger.“, Insel Verlag, Frankfurt am Main, 1997,

S. 109f.

[8] dieser Punkt wurde bereits in der Einleitung erörtert

[9] aus: Peter André Alt „Schiller: Leben – Werk – Zeit (eine Biographie)“, Beck, München, 2000, S. 571

[10] aus: Schiller „Der Geisterseher und andere Erzählungen. Mit einer Einleitung von Emil Staiger.“, Insel Verlag, Frankfurt am Main, 1997,

[11] aus: Matthias Hurst „Im Spannungsfeld der Aufklärung: von Schillers „Geisterseher“ zur TV-Serie „The X-Files“, Habilitationsschrift,

Heidelberg, 2001, S. 150

[12] aus: Matthias Hurst „Im Spannungsfeld der Aufklärung: von Schillers „Geisterseher“ zur TV-Serie „The X-Files“, Habilitationsschrift,

Heidelberg, 2001, S. 151

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Die Demaskierung eines dämonischen Intriganten. Die Figur des "Armeniers" in Schillers "Geisterseher"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Germanistische Institute / Neuere deutsche Literatur)
Veranstaltung
Der Erzähler Schiller
Note
1,7
Autor
Jahr
2003
Seiten
27
Katalognummer
V9813
ISBN (eBook)
9783638164245
ISBN (Buch)
9783638641289
Dateigröße
675 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Intrige Armenier Schiller
Arbeit zitieren
M. A. Alexandra Mohr (Autor), 2003, Die Demaskierung eines dämonischen Intriganten. Die Figur des "Armeniers" in Schillers "Geisterseher", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/9813

Kommentare

  • Gast am 9.9.2004

    Die Deamskierung eines dämonischen Intriganten.

    Alexandra Mohr, eine schöne Arbeit.

    Finde ich richtig gut.

    Senden Sie mir Ihre Email-Adresse , dann sende ich die neuen Kapitel in der 3. Auflage.

    Beste Grüsse und weiter viel Erfolg

    Gustav Adolf Pourroy

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