Jüdische Verleger in Deutschland von 1933 bis 1994


Ausarbeitung, 2000
11 Seiten

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Gliederung

1) Die Gleichschaltung des jüdischen Buchhandels und der Verlage 1933 bis 1937

2) Der jüdische Ghettobuchhandel 1937 bis 1939

3) Der jüdische Kulturbund 1939 bis 1942

4) Die ,,Arisierung" großer Verlage: Beispiele

5) Jüdische Presse: Central-Verein-Zeitung und Jüdische Rundschau

6) Exkurs: Jüdischer Widerstand durch illegale Schriften

7) Literaturangaben

8) Anhang: NS-Abkürzungen und Sigel

1) Die Ausschaltung des jüdischen Buchhandels und der Verlage 1933 bis 1937

Sofort nach der Machtergreifung Adolf Hitlers kommt es im Frühjahr 1933 zu den ersten Übergriffen gegen jüdische Verleger und Buchhändler: So erwirkt beispielsweise beim Ullstein-Verlag die ,,NS-Betriebszelle" die Entlassung und teilweise auch Verhaftung von allen jüdischen Chefredakteuren und einem Großteil der restlichen jüdischen Redakteure. Nicht gesichert ist jedoch die verallgemeinernde Annahme, daß bereits zu diesem Zeitpunkt alle jüdische Buchgeschäfte geschlossen wurden. Da es keine Erhebungen darüber gibt, kann auch keine genaue Anzahl der Sortimentsbuchhandlungen ausgemacht werden, die durch Repressalien und illegale Konfiszierungen ihrer Buchbestände zur Geschäftsaufgabe gezwungen werden.1 Es finden mehrere Boykottkampagnen nicht nur von staatlicher Seite statt, darunter auch Aktionen wie die des Eher-Verlags, des NSDAP-Zentralverlags: Er ruft im Buchhändler-Börsenblatt auf, ,,nicht nur die deutschen Sortimenter, sondern auch die deutschen Verleger das Judentum `restlos` aus dem Vertrieb ihrer Verlagswerke auszuschalten."2 Dies zählt zu einer Reihe von Einzelaktionen mit der Absicht, zunächst nur die jüdische Wirtschaft zu schwächen. Bei kleineren Firmen ist diese Strategie auch erfolgreich, aber noch lange nicht bei den großen Verlagen, wie Gottfried Bermann Fischer, Leiter des S. Fischer-Verlags im Rückblick feststellt: ,,In den Jahren 1933 und 1934 war die Verlagsproduktion besonders reich und bunt...Der Verlag arbeitet nahezu ungestört weiter. Ob man uns in Ruhe ließ, um vor dem Ausland zu demonstrieren, wie `liberal` man war?"3 Die erste Ausschaltungswelle bis Anfang 1936 beginnt langsam mit dem Ausschluß des Börsenvereins der deutschen Buchhändler (BdB) aus der Reichsschrifttumskammer (RSK). Der Verein organisiert seit 1825 den Buchhandel in Deutschland und wird seit dem 22. September `33 durch das ,,Reichskulturkammergesetz" der neu gegründeten Reichskulturkammer kontrolliert. Wer publizieren will, muß nun dieser Kammer angehören. Der BdB wird zwangsweise durch den Bund Reichsdeutscher Buchhändler (BRB) ersetzt, dem alle selbständigen Buchhändler und alle im Buchhandel tätigen Personen beitreten sollen. 1935 sind BRB insgesamt 25 000 Mitglieder beigetreten, wohingegen im BdB nur noch 7 700 Personen sind. Unter Druck tritt der Vorstand des BdB Kurt Vowinckel zurück, und Wilhelm Baur, der Leiter des BRB, wird zum Vorstand von beiden Vereinen gewählt und begründet damit eine Personalunion mit gemeinsamen Geschäftsführer und Schatzmeister. Der BRB soll künftig die Aufgaben der ,,Standes-Organisation" erfüllen, welche allerdings noch nicht genauer ausgearbeitet sind. Ein erklärtes Ziel ist aber die Lenkung und Überwachung des Buchhandels durch den BRB über die RSK und das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (RMfVuP). Nachdem auch der BdB unter nationalsozialistischer Führung ist, gibt es keine Kulturselbstverwaltung mehr. Im Januar 1935 beginnt der Kammerausschluß von jüdischen Autoren aus der RSK, der bereits im Mai fast abgewickelt ist. Ein Ausschluß bedeutet gleichzeitig seit dem 7. Februar 1935, daß die Person nicht mehr verlegerisch tätig sein darf und der Betrieb geschlossen und liquidiert werden muß. Allerdings verhält sich die RSK von Fall zu Fall unterschiedlich, da es keine einheitlichen Richtlinien gibt. Sie geht zuerst gegen den jüdischen Kleinhandel, also Ladenbuchhandlungen vor und behelligt die großen Verlagshäuser aus wirtschaftlichen Gründen vorerst noch nicht. Die Veränderungen sollen schrittweise stattfinden und schleichend weniger bemerkbar sein. Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, hatte angekündigt, daß falls sich bei einem Kammerausschluß ,,schwerwiegende künstlerische, innenpolitische, außenpolitische oder wirtschaftliche Nachteile...auf das öffentliche Leben auswirken, so ist in jedem Fall eingehend darüber zu berichten", denn unter keinen Umständen sollten ,,volkswirtschaftliche Werte in großem Umfang verlorengehen und ein Wegfall von Arbeitsplätzen so weit wie möglich vermieden."4

Im Beschluß des BRB, RMfVuP und RSK vom 18. Mai 1935 wird ein Fragebogen an alle Buchhändler beschlossen, der deren jüdische Abstammung klären soll und ein Schreiben mit der Mitteilung des Ausschlusses von jüdischen Buchhändlern aus der RSK. ,,Die Nichtarier sollen wissen, daß sie im Buchhandel nichts mehr zu suchen haben"5, bemerkt dazu Wilhelm Baur, der Leiter des BRB. In dem Schreiben, das am 30. Dezember 1935 schließlich versandt wird, ist auch die Aufforderung zur Liquidation oder Übertragung des Buchhandels oder Verlags enthalten. Parallel zu diesen Vorgängen werden als Folge der Nürnberger Rassegesetze vom 16. September 1935 alle jüdischen Künstler aus der Reichskammer der bildenden Künste ausgeschlossen. Bis zum 31. Januar 1936 sind nach Unterlagen der RSK 466 Buchhändler, Verleger und Angestellte aus der Kammer ausgeschieden, weitere 244 ,,Nichtarier" und ,,Jüdisch-Versippte" noch Mitglieder. Unter ihnen befinden sich Verleger für speziell jüdisches Schrifttum wie Salman Schocken, Sigmund Kaznelson (Jüdischer Verlag), Betty Frankenstein (Geschäftsführerin des Verlags der Jüdischen Rundschau), Erich Reiss, Abraham Silbermann (Hebräischer Verlag/Menorah) und Felix Kauffmann. Alle Inhaber von Leihbüchereien sind genausowenig ausgeschlossen wie auch einige Verleger von besonderer Bedeutung für die Nazis, die noch geschont werden: Gottfried Bermann Fischer, Bruno Cassierer, Robert Freund (Piper-Gesellschafter), Viktor Goldschmidt (Grieben), Heinz Karger, Theodor Marcus und Adolf Neumann (Rütten&Loening). Bis Ende Dezember 1936 befinden sich noch 18 ,,Nichtarier" in der RSK, bei den Ausgeschlossenen wurde entweder die Firma eingestellt oder vom nicht-jüdischen Ehepartner die Scheidung eingereicht.

Die oben genannten Zahlen sind nicht vollständig, da innerhalb der Behörden unterschiedliche Angaben gemacht werden und vor allem sind diejenigen Buchhändler und Verleger nicht darin erfasst, die vor 1935 emigrierten und somit ,,freiwillig" aus der RSK ausschieden. Es darf davon ausgegangen werden, daß sehr viel mehr als nur insgesamt 685 Juden aus dem deutschen Buchhandel verdrängt wurden. 1935 waren sie jedoch noch lange nicht völlig ausgeschlossen: Das neu gegründete Sonderreferat der RMfVuP unter Hans Hinkel bietet jüdischen Verlegern in einem Rundschreiben vom 29. Februar 1936 an, sich dem neuen Reichsverband der Jüdischen Kulturbünde (RJK) oder dem Paulusbund anzuschließen, um innerhalb dieser Verbände ihre Tätigkeiten weiter auszuführen. Bis Ende 1936 bleiben direkte Aktionen und Vertiebsbeschränkungen gegen Kleinverlage aus, vorläufig dürfen ,,arische" Buchhandlungen mit jüdischer Literatur beliefert werden. Insgesamt beläuft sich 1935 die jüdische Buchproduktion auf ungefähr 400 000 gedruckte Exemplare und spielt mit dieser Auflage eine wichtige Rolle im kulturellen jüdischen Leben dar. Paucker6 warnt jedoch davor, die Bedeutung und Wirksamkeit des jüdischen Buches im Dritten Reich zu überschätzen: Zu dieser Zeit leben etwa 100 000 jüdischen Familien in Deutschland, die normale Auflage von jüdischen Büchern liegt bei 3 000 bis 5 000 Stück. Als Ausnahme verkauft der Philo-Verlag in der Regel 30 000 Exemplare und bedient aber trotzdem eher die jüdischen Gemeinden. Bis 1933 war der Verlag als Abteilung des Central- Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens auf ,,Abwehrliteratur" spezialisiert gewesen, also auf Bücher gegen den Judenhass. Seit der Machtübernahme Hitlers verlegt er mehr Bücher, die die Deutschen über den ,,wahren Charakter" des Judentums aufklären sollen. Seine Lexika von 1934 bis 1937 werden zu jüdischen ,,Hausbüchern" und zählen zu den erfolgreichsten jüdischen Büchern der NS-Zeit - bei ,,Nichtariern". Ebenso der Schocken- Verlag, dessen Auflage bei durchschnittlich 6 000 bis 40 000 Exemplaren liegt. Sein Almanach mit seltenen Schriftproben ist meistens vergriffen.

In der zweiten Ausschaltungswelle von Ende 1936 bis 1937 werden die Maßnahmen gegen jüdische Buchhändler und Verlage zunehmend radikaler: Alle Personen, die zum Jahreswechsel 35/36 aus der Kammer entfernt worden waren, erhalten einen Liquidationsbefehl. In einer Unterredung zwischen Hans Hinkel, Wilhelm Baur und von Loebell, Hinkels Referent, wird sich zum Ziel gesetzt, den deutschen Buchhandel bis Ende 1938 ,,judenrein" zu halten; was auch erreicht wird.

2) Der jüdische Ghettobuchhandel 1937 bis 1939

Ende 1936 war die geplante Abtrennung des jüdischen Buchhandels und Verlagswesens vom allgemeinen deutschen Buchhandel ein weiterer Schritt der ,,völkischen" Kulturpolitik des RMfVuP - Leiters Hinkel: ,,Jüdische Buchverleger und Buchverkäufer dürfen ihr Gewerbe im Reichsgebiet zukünftig nur unter Beschränkung ihrer Tätigkeit auf `jüdisches` Schrifttum und auf einen ausschließlich `jüdischen Abnehmerkreis` ausüben..."7 In jüdischen Gemeinden sollten Spezialbuchhandlungen entstehen. Jüdische Verlage war darüber die Möglichkeit gegeben, ihr Sortiment auf jüdisches Schrifttum umzustellen, um weiterhin bestehen zu können. Die Anzahl der zugelassenen Buchhandlungen sollte sich nach der Größe der Gemeinden richten. Am 30. März 1937 ordnet Hinkel an, daß jüdische Verleger und Buchhändler nur noch innerhalb der Gemeinden jüdisches Schrifttum herstellen und vertreiben dürfen. Bereits am 6. Juli gibt die RSK eine Liste der im Ghetto zugelassenen Firmen heraus. Von den ursprünglich geplanten 50 Buchhandlungen sind es nun 80, davon 27 Verlage. Am 30. Juli erhält jeder Buchhändler ein Rundschreiben mit den genauen Anweisungen über den Verkauf im Ghetto: Jüdisches Schrifttum ist die Bezeichnung für Literatur eines jüdischen Autors. Dafür muß dieser seine Abstammung nachweisen. Alle Publikationen werden ab sofort von Hinkel vorzensiert, jedes Werk braucht vor dem Druck eine Genehmigung. Möchte jemand ein solches Buch erwerben, muß er sich als Jude ausweisen und schriftlich zusichern, daß er das Buch nicht an ,,Arier" weitergibt. Die Verlage und Vertriebe führen von nun an in ihrem Firmennamen den Zusatz ,,Jüdischer Buchverlag" oder ,,Jüdischer Buchvertrieb". In einem Rundschreiben vom 24. September 1937 wird erlaubt, daß der allgemeine deutsche Buchhandel und im Reich lebende Ausländer bei den Spezialläden jüdische Werke zu wissenschaftlichen oder dienstlichen Zwecken bestellen dürfen. Auch ins Ausland ist der Export gestattet, dies ist aber in erster Linie für ,,arische" Exporteure jüdischer Bücher gedacht und natürlich für die deutsche Devisenwirtschaft. Zwar sind jüdische Verlage von ,,exportfördernden" Maßnahmen wie Subventionen ausgeschlossen. Jedoch sind Verlage, die einen Großteil ihrer Produktion nach Palästina und in andere Länder ausführen für die deutsche Devisenwirtschaft wichtig und werden deshalb nicht schlechter behandelt als ,,arische" Verlage mit einer für die Regierung zweifelhaften kulturpolitischen Produktion. Insgesamt bestehen 1937 mehr jüdische Spezialbuchhandlungen als in den Jahren vorher, wenn nicht sogar mehr, als es überhaupt jemals vorher gab. Mit der Reichskristallnacht am 9. November 1938 beginnt aber das Ende des jüdischen Ghettobuchhandels: Herrmann Göring verordnet am 12. November die ,,Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben". Durch eine Verordnung vom 3. Dezember soll ein Drittel des noch bestehenden jüdischen Einzelhandels, des Handwerks und des Versands ,,arisiert", der Rest fristgerecht zur Liquidation gezwungen werden. Bis zum 31. Dezember werden alle restlichen Buchhandlungen und Verlage geschlossen und die Liquidationsbilanzen und die Verzeichnisse der Inventurbestände angefordert. RMfVuP- Leiter Hinkel möchte jedoch auch weiterhin die jüdische Bevölkerung mit Büchern versorgen. Daher plant er, die bis Dezember existierenden Buchhandlungen und Verlage einem jüdischen Kulturbund zu unterstellen. Aus den Einzelverbänden des RSK wird jetzt der ,,Jüdische Kulturbund in Deutschland e. V." mit Zweigstellen, der durch seine Zentralisierung besser zu Überwachen und zu Lenken ist. Aus dem ehemaligen Verlag der Jüdischen Rundschau wird am 1. Januar 1939 der Verlag Jüdischer Kulturbund, der alle jüdischen Publikationen sowie Zeitungen herausgibt und vertreibt.

3) Der jüdische Kulturbund 1939 bis 1942

Anfang Januar 1939 eröffnet der Jüdische Kulturbund seine ersten Filialen aus umgewandelten, ehemals privaten jüdischen Buchhandlungen in Berlin, Hamburg, Breslau, Frankfurt und Leipzig. Seine Tolerierung durch die Nationalsozialisten dient nur außenpolitischen Zwecken, denn seit der Reichskristallnacht war statt der vorher langsamen Ausschaltung der Juden aus dem öffentlichen Leben direkte Gewaltanwendung durch den Staat angesagt. Wie Dahm8 vermutet, wird der Kulturbund aufrechterhalten, um die jüdische Bevölkerung auch in den jüdischen Theater- und Kinovorführungen zu überwachen. Gleichzeitig sollen sie durch die eigenen Vorstellungen vom Besuch ,,arischer" abgehalten werden, die für sie ab 1939 verboten sind. Der Kulturbund kann jedoch ebenso als Daseinsberechtigung und Aufrechterhaltung des RMfVuP herhalten, der vielleicht auch die Einnahmen des Kulturbundes für sich beanspruchen wollte. Auf jeden Fall wird der Kulturbund eingesetzt, die enteigneten Buchbestände, darunter die Bibliotheken von Emigranten, im Ausland zu Niedrigpreisen anzubieten. Er wird schließlich durch die Gestapo am 11. September 1942 aufgelöst, Verlag und Vertrieb bestehen innerhalb der Vereinigung der Juden in Deutschland weiter. Die Vereinigung ist die Nachfolgeorganisation der Reichsvertretung der Juden, in der seit Juli 1939 alle deutschen Juden erfasst werden. Ab Mitte des Jahres 1941 dürfen Juden nicht mehr Bücher verleihen, Ende 1941 ergeht ein generelles Verbot des Verkaufs jüdischer Bücher. Im Januar 1943 sind mehr 51 257 Juden in Deutschland registriert, im Juni wird dann die Reichsvertretung aufgelöst.

4) Die ,,Arisierung" großer Verlage: Beispiele

In einem Bericht des MinisterialRats Dr. Heinrich Wismann des RMfVuP vom 28. Mai 1935 an Joseph Goebbels ist von 200 Verlagen die Rede, die noch existieren und bei denen eine ,,Kapitalverschiebung" zu ,,arischem" Geld angewendet werden soll. Jedoch ist die absolute Zahl dieser Art der Umwandlung jüdischer Verlage nicht feststellbar. Dahm9 schätzt, daß bei dieser Zahlenangabe die Kleinverlage mit inbegriffen sind, bei denen wegen ihrer geringen Wirtschaftlichkeit wesentlich drastischere Maßnahmen und Druckmittel angewendet wurden.

S. Fischer

1935 versucht Gottfried Bermann Fischer, dem RMfVuP die Produktion deutscher Bücher zu abzutreten, um sich im Gegenzug das Recht für den Verkauf von ,,nichtarischen" Autoren ins Ausland zu sichern. Die Kammer stimmt zu, gleichzeitig kauft der Tabak-Konzern Phillip Reemtsma den Verlag und ernennt Peter Suhrkamp zum Vorstandsmitglied der umgewandelten Aktiengesellschaft. Damit sind die ,,unerwünschten" Bücher jüdischer Autoren zum Export ins Ausland freigegeben und das Verlagskapital ,,arisiert". Am 16. April 1936 tritt Fischer zurück, sein Stimmrecht und seine Aktien werden auf Suhrkamp und den Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. Sarre übertragen.

Ullstein

Der Verlag war gleich nach der Machtübernahme 1933 durch die "NS-Betriebszelle" ,,entjudet" worden. Allerdings fehlt noch die ,,Arisierung" des Kapitals, um den jüdischen Einfluß auf die Verlagsleitung zu unterbinden. Nach Anweisung von Rudolf Hess, dem Stellvertreter Adolf Hitlers, muss die Umwandlung des Kapitals binnen zwei Wochen durchgeführt sein. So wird der Verlag am 7. Juni 1934 für nur 12 Millionen Reichsmark an die von Nationalsozialisten geleitete Cautio GmbH verkauft, obwohl er noch 1927 einen Aktienwert von 60 Millionen Reichsmark besessen hatte. Im November 1934 wird Ullstein in die Deutsche Verlag A. G. umbenannt.

5) Jüdische Presse: Central-Verein-Zeitung und Jüdische Rundschau

Auch nach der Machtergreifung Hitlers 1933 ist die jüdische Presse noch lange Zeit vielfältig und differenziert. So liegt etwa die Auflage an jüdischen Tages-, Wochen- und Monatszeitungen 1935 bei 1 134 000 Exemplaren, wobei neben den deutschsprachigen Periodika auch die in jidisch inbegriffen sind. Die zwei größten Zeitungen, die Central- Verein-Zeitung und Jüdische Rundschau waren beide 1895 gegründet worden und zählen zur Main-Stream-Presse, zu den ,,assimilatorischen" Printerzeugnissen. Die Central-Verein- Zeitung ist das Organ des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, der sich dem Zionismus verschrieben hat. Die liberale Zeitung beschäftigt sich mit nationalen Nachrichten, ihr Auftrag ist die ,,Abwehr des Antisemitismus und Erziehung zur Staatstreue, aber auch Stärkung des jüdischen Bewußtseins und Kampf für die Gleichheit einer ihrer Identität sicheren jüdischen Gruppe."10

Die Jüdische Rundschau dagegen ist noch ihrem Denken aus der Vorkriegszeit des ersten Weltkriegs verhaftet, sich befasst sich hauptsächlich mit Auslandsnachrichten wie Progrome in Osteuropa, Ereignisse in Palästina und internationale Konferenzen und allem, was jüdische Interessen berührt, besonders zionistische Politik. Politik in Europa wird vernachlässigt. Aufsehen erregt sie mit dem Leitartikel ihres Herausgebers Robert Weltsch zur Machtübernahme vom 4. April 1933. Sein Titel lautet ,,Tragt ihn mit Stolz, den gelben Fleck" und richtet sich gegen die diffuse Angst und den Konkurrenzneid der Nazis gegen den assimilierten liberalen Juden.

1926 liegt die Auflage der CV-Zeitung bei 73 000, die der Jüdischen Rundschau bei 10 000, ab 1933 sind die Auflagen gegenläufig und 1938 hat die CV-Zeitung nur noch 39 5000 verkaufte Exemplare und die Jüdische Rundschau 25 300. Beide Zeitungen werden samt ihrer Abonnenten in das Jüdische Nachrichtenblatt des Jüdischen Kulturbunds zwangsfusioniert.

6) Exkurs: Jüdischer Widerstand durch illegale Schriften -

Die Gruppe Baum

In den Berliner Arbeitervierteln bilden sich von 1933 bis 1942 viele kleine Widerstandszellen wie die Gruppe Joachim oder die Gruppe Franke. Alle Gruppen haben Kontakt mit Herbert Baum, der weniger deren Leiter ist, als eher Inspiration für die vielen Gruppen ist, die sich vor 1933 in den sozialistischen, jüdischen und kommunistischen Jugendbünden formiert haben. Nach der Machtergreifung Hitlers richtet Baum seine Energie darauf, aus dem noch legalen Bund Deutsch- Jüdischer Jugend ein Widerstandsnetz zu knüpfen. Ihre Aktivität begreifen sie selbst als antifaschistischen Widerstand und kommunistische Politik und konzentrieren sich darauf, jüdische Frauen und Männer politisch zu erziehen, zu organisieren und schließlich in den aktiven Widerstand einzubeziehen. Ihre Aktivitäten zeigen sich in Sabotageakten und in Druck und Verbreitung illegaler Schriften. Mit letzterem als Form von ,,Massenpropaganda" sind sie nicht allein: Zwischen 1934 und 1936 registriert die Gestapo über 1,5 Millionen gedruckte Flugblätter und Anschläge mit Kampfschriften und Pamphleten. Die genauen Auflagen, die Verfasser und die weiteren Ermittlungen der Polizei dazu sind allerdings meistens unbekannt. Ganz unterschiedlich sind ihre Erscheinungsformen: Angefangen von Kampfschriften, die nach Deutschland eingeschmuggelt werden, über Flugblätter, die sich mit dem Antisemitismus auseinandersetzen, werden nach Ausbruch des Kriegs und den Deportationen bis 1944 immer wieder ,,Hetzschriften" und ,,Hetzparolen" in Umlauf gebracht. Sie alle kennzeichnet, daß sie keine Hinweise auf die jüdischen Identität der Verfasser geben und ein gemeinsames Ziel: Die Mobilisierung der deutschen Bevölkerung, dabei richten sich die Schreiben neben Juden auch gezielt an bestimmte andere Personenkreise.

Die Gruppe Baum beginnt im Herbst 1941 mit der Verbreitung ihres ersten Flugblatts, einem ,,Kurzen Bericht zur Lage", im November folgt die Flugschrift ,,Der Weg zum Sieg" und ein Flugzettel mit der Aufforderung ,,Arbeite langsam!". Ihre Mittel zum Drucken sind begrenzt. Zwei ,,Arierinnen" erstellen die Matrizen für die Schriften auf ihren Schreibmaschinen am Arbeitsplatz, vervielfältigt werden die Blätter dann auf einem eigenen Apparat im Keller von Herbert Baum. Im Dezember 1941 gibt die Gruppe die Zeitung ,,Der Ausweg" heraus, die als ,,Frontausgabe" getarnt an deutsche Soldaten verschickt wird und zum Widerstand aufruft: ,,Soldaten! Laßt nicht Hitler den Zeitpunkt bestimmen, an dem ihr für eine aussichtslose Sache geopfert werdet...Der Krieg ist dann aus, wenn ihr euch mit den antifaschistischen Werktätigen darüber einig seid, wie ihr ihn beenden werdet: Durch de Sturz der Hitlerdiktatur!"11

Literatur:

Volker Dahm, Das jüdische Buch im Dritten Reich, Teil I, Ffm 1979

Wolfgang Benz (Hrg.), Die Juden in Deutschland 1933 - 1945, München 1996

Peter Freimark, Alice Jankowski, Ina Lorenz (Hrg), Juden in Deutschland: Emanzipation, Integration, Verfolgung und Vernichtung, Hamburg 1991

Arnold Paucker, Die Juden im Nationalsozialistischen Deutschland: The Jews in Nazi Germany 1933 - 45, Tübingen 1986

Konrad Kwiet, Helmut Eschwege, Selbstbehauptung und Widerstand: Deutsche Juden im Kampf um Existenz und Menschenwürde 1933 - 45, Hamburg 1984

Bernd Ogan (Hrg.), Literaturzensur in Deutschland, Stuttgart 1988

[...]


1 vgl. Volker Dahm, Das jüdische Buch im Dritten Reich, Teil I, Ffm 1979, S. 99

2 zitiert in: ebd., S. 100

3 zitiert in: Volker Dahm, Kulturelles und geistiges Leben, in: Wolfgang Benz (Hrg.), Die Juden in Deutschland 1933 - 1945, München 1996, S. 195

4 zituert in: ebd., S. 107

5 Dahm, a.a.O., S.112

6 vgl. Arnold Paucker, Die Juden im Nationalsozialistischen Deutschland: The Jews in Nazi Germany 1933 - 45, Tübingen 1986, S. 282

7 zitiert in: Benz, a.a.O., S.220

8 Dahm, a.a.O., S. 171

9 vgl. ebd., S. 111

10 zitiert in: Herbert A. Strauss, Zum zeitgeschichtlichen Hintergrund zionistischer Kulturkritik: Scholem, Weltsch und Jüdische Rundschau, in: Peter Freimark, Alice Jankowski, Ina Lorenz (Hrg), Juden in Deutschland: Emanzipation, Integration, Verfolgung und Vernichtung, Hamburg 1991, S. 378

11 zitiert in: Konrad Kwiet, Helmut Eschwege, Selbstbehauptung und Widerstand: Deutsche Juden im Kampf um Existenz und Menschenwürde 1933 - 45, Hamburg 1984, S. 123

10 von 11 Seiten

Details

Titel
Jüdische Verleger in Deutschland von 1933 bis 1994
Hochschule
Universität Lüneburg  (Sprache und Kommunikation)
Veranstaltung
Seminar: "Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten" - Viktor Klemperers Tagebücher 1933 - 1945 als literarisches Zeugnis der Judenverfolgung in Deutschland
Autor
Jahr
2000
Seiten
11
Katalognummer
V98135
Dateigröße
408 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Juden, jüdische Verlage, jüdische Presse, drittes Reich
Arbeit zitieren
Verena Dauerer (Autor), 2000, Jüdische Verleger in Deutschland von 1933 bis 1994, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98135

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