Psychosoziale Aspekte der Tumorkrankheit


Hausarbeit, 2000

8 Seiten


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INHALTSVERZEICHNIS

PROBLEMBEWÄLTIGUNGSSTRATEGIEN
Verleugendes Verhalten
Verdrängung
Kompensation
Projektion
Aggressives Verhalten
Depression
Abkapselung
Ichbezogenes Verhalten

PERSPEKTIVE

Problembewältigungsstrategien

lm Vergleich zu anderen Erkrankungen, hat das Vorhandensein einer Tumorkrankheit einen anderen Stellenwert bzgl. der psychischen Verarbeitung der neuen Situation. Begründet werden kann diese andere Verarbeitung durch ein zunächst mehr unbemerktes, schmerzfreies Wachstum der Geschwulst. Die plötzliche Konfrontation mit der Krankheit, deren einschneidende Behandlung sowie die Ungewißheit, ob sich der Tumor unbemerkt weiterhin ausbreitet und tödlich endet, löst unbeschreibliche Angst aus.

Zur Verarbeitung dieser Ängste und Konflikte zeigen sich psychische Abwehrmechanismen in unterschiedlichster Form, mit dem Ziel der Problemverkleinerung. Zunächst soll durch die Abwehrmechanismen das Problem ins Unterbewußtsein verdrängt werden, um es schließlich schrittweise zurück zu transferieren und zu verarbeiten. (Leider findet dieser aktive Rücktransport der verdrängten Gedanken nicht bei allen Patienten statt, so daß in diesen Fällen die Abwehrmechanismen bis zuletzt auftreten und ein Annehmen der Diagnose nicht geschieht.)

Diese verschiedenen Reaktionen der psychischen Abwehr sind dem Pflegepersonal häufig nicht bekannt, wodurch Mißverständnisse und Klonfliktsituationen entstehen. Bei falscher Reaktion auf das Verhalten des Kranken entsteht eine Mauer des Mißtrauens und nicht, wie eigentlich dringend erforderlich, Vertrauen und menschliches Verständnis. Eine solche positive Basis wird vom Patienten zur Problemverarbeitung dringend benötigt.

So ist für das Pflegepersonal auch deshalb das Verstehen der möglichen Verarbeitungsmuster von großer Bedeutung, da eine ständig gespannte Krisensituation zwischen ihm und dem Patienten zumBurn-out-Syndromführen kann.

Nachfolgend werden die verschiedenen Abwehrmechanismen, die zur Bewältigung von psychischen Problemen eingesetzt werden können, kurz beschrieben. Eine Abfolge oder eine nach der Wichtigkeit gegliederte Ordnung gibt es hier nicht. Individuell unterschiedlich und je nach Situation kann der Patient mit der einen oder anderen Verhaltensweise reagieren.

Verleugendes Verhalten

Als müßte der Patient Zeit zur Verarbeitung seiner neuen Situation gewinnen, kommt es angesichts der lebensbedrohlichen Erkrankung zur Verleugnung des Krankheitsgeschehens. Die Gedanken an die Krankheit werden in ihrem Ausmaß und mit der Tragweite der daraus resultierenden Konsequenzen verleugnet, d. h. sie werden nicht im erforderlichen Umfang wahrgenommen oder mit permanenter unlogischer Diskussion oder Argumentation abgeschwächt, abgeschoben »Ich weiß gar nicht, wozu ich hier im Krankenhaus liege, das bißchen Husten kann so schlimm nicht sein.« (Patientenaussage, die sich im Rahmen dieses Abwehrmechanismus häufig zeigt.)

Verhaltensregeln für den Pflegenden

Hilfe bedeutet für den Patienten, seine »Unwissenheit« nicht als Dummheit zu sehen, sondern ihm seine Diagnose immer wieder in kleinen zu verarbeitenden Schritten zu erklären (ärztliche Aufgabe), damit das Problem nicht so groß wird, daß es ins Unterbewußtsein abgeschoben wird.

Verdrängung

Hierbei handelt es sich im Gegensatz zur Verleugnung um das Verschieben der belastenden Gedanken ins Unterbewußtsein. Somit ist das mit dem normalen Leben nicht zu vereinbarende Wissen um die lebensbedrohliche Krankheit zwar nicht bewußt, unterbewußt belastet es den Menschen jedoch weiterhin. Immer wieder können körperliche Symptome (Psychosomatische Reaktionen wie Kopfschmerzen oder häufig auftretende Übelkeit), neurotische (zwanghaftes Verhalten wie Ordnungsneurosen) oder seelische Gesundheitsstörungen (z. B. Angst, Depressionen, übertriebene Euphorie o. a.) sowie Verhaltensstörungen (z. B. Angst vor Kontakten) bemerkbar machen.

Verhaltensregeln für den Pflegenden

Hilfe bedeutet hier, den Patienten. vorsichtig an die verdrängten Gedanken heranzuführen und sie zusammen mit ihm anzugehen. Diese Möglichkeit sollte jedoch möglichst speziell geschultem Personal sowie Psychologen vorbehalten bleiben. Die Gesprächsmethode das »Spiegelns« (patientenzentrierte Gesprächsführung) kann aber auch dem Pflegepersonal dabei helfen, herauszufinden, inwieweit der Kranke die Situation der Erkrankung bislang angenommen, verarbeitet und nicht verdrängt hat

Kompensation

Symptome werden verharmlost oder ganz verschwiegen. Die Behandlung wird in den meisten Fällen abgelehnt oder bereits nach kurzer Zeit wieder abgebrochen. Das Problem, welches die Diagnose Krebs für den Patienten bedeutet, also die Krankheit selbst, soll verkleinert werden. Aussagen wie: »bis auf meine Erkrankung bin ich vollkommen gesund « und »ich liege zwar im Krankenhaus, doch im Sommer bin ich wieder vollkommen hergestellt . . .« sind bei onkologischen Patienten nicht selten.

Verhaltensregeln für den Pflegenden

Auch hier ist die langsame aber wiederholte Aufklärung und das gemeinsame Erarbeiten von Problemlösungsvorschlägen für das Verarbeiten der Situation erforderlich. Die »spiegelnde Gesprächsführung« ist hier eine hilfreiche Methode, die Einstellung des Patienten festzustellen und ihm beim Erkennen der Realität zu helfen.

Regression

Es kommt zu einem Zurückschreiten auf eine andere Entwicklungsstufe, d. h. aus dem aktiven Erwachsenenleben mit der Vielfalt der geleisteten Eigenaktivitäten und -leistungen verfällt der Patient in eine Entwicklungsstufe z. B, der Kindheit, mit den typischen Reaktionen dieser Zeit. Die selbständige Versorgung durch den Patienten selbst ist nicht mehr im vollen Umfang gewährleistet, so daß diese Aufgaben von einer anderen Person übernommen werden müssen - z. B. das Waschen und Ankleiden.

Verhaltensregeln für den Pflegenden

Hier lautet der Grundsatz : Soviel Pflege wie nötig aber so wenig wie möglich. Ständig muß der Kranke zur Selbsthilfe angeregt werden. Hilfeleistungen sollen den Patienten lediglich in seiner Eigenleistung unterstützen und ihm seine Selbständigkeit erhalten, damit nicht unnötige Verluste des aktiven selbständigen Lebens entstehen, die der Kranke dann als belastenden und einschränkenden Verlust empfinden würde. Dabei ist jedoch zu beachten, daß der Patient nicht durch das Drängen nach Eigenleistung überfordert wird, denn das Ziel der Regression ist es, Freiräume zu schaffen, für die psychische Verarbeitung von Problemen durch Aufgabe von für den Patienten unnötigen Tätigkeiten. Hier gilt es einen geeigneten Mittelweg zu suchen.

Projektion

Hierbei handelt es sich um eine Problemübertragung auf einen anderen Menschen. Der Patient ist nicht in der Lage, über sein Problem in der eigenen Person zu sprechen, und setzt daher einen anderen Menschen als Medium ein. Bsp. »Meine Frau/Mein Mann hat solche Angst, seit ich hier im Krankenhaus liege. Sie/Er weiß gar nicht wie sie/er das Alleinsein aushalten soll«. Diese Aussage könnte Ausdruck seiner eigenen Angst sein. Männer neigen eher zu diesem Verhaltensmuster als Frauen, da in ihrer Erzihung oft propagiert wurde, daß ein Mann keine Angst zu zeigen hat.

Verhaltensregeln für den Pflegenden

Hier soll zunächst versucht werden, mit dem/der Kranken über die Probleme seiner Frau/ihres Mannes zu sprechen, um dann auf seine/ihre eigenen Sorgen überzugehen. Die patientenzentrierte Gesprächsführung ist ein geeignetes Verfahren dazu.

Aggressives Verhalten

Unbekannte und ungewisse Situationen lösen in den meisten Menschen Gefühle der Unsicherheit und Angst aus. In dieser Unsicherheit reagiert der Mensch manchmal durch Flucht nach vorne, das heißt, mit aggressivem Verhalten. Dieses Verhalten, welches sich meistens durch unbegründetes Nörgeln, Schimpfen oder scheinbar unangemessenen Beschwerden äußert, kann jedoch Ausdruck der menschlichen Auflehnung gegen eine weitgehend erfolgte Entmündigung des Patienten sein (z. B. wenn Untersuchungen ständig ohne seine Zustimmung angeordnet und durchgeführt werden oder wenn von ihm ein regressives, passives dem Krankenhausalltag angepaßtes Verhalten erwartet wird).

Der Umgang mit aggressiven Patienten ist sehr problematisch für das Pflegepersonal, da deren Angriffe häufig auf die eigene Person gerichtet empfunden und mit entsprechenden Gegenreaktionen beantwortet werden.

Verhaltensregeln für den Pflegenden

Bei diesem Verhalten sollten Beschwerden in jedem Fall zunächst geprüft werden, ehe eine Gegenreaktion erfolgt.

Dieser Abwehrmechanismus des Patienten ist immer auch als Hilferuf zu deuten, mit dem er ausdrückt : »Ich befinde mich in einer Situation, gegen die ich mich nicht wehren kann und aus der ich alleine nicht herausfinde. Ich bin auf Eure Hilfe angewiesen.«

Ein sachliches, ruhiges und verstehendes Eingehen auf die Reaktionen des Patienten bedeutet für diesen Zuwendung und Verständnis für seine Lage. Worte wie : »Ich kann Sie sehr gut verstehen, auch ich wäre in Ihrer Situation ärgerlich und könnte nicht immer freundlich sein.« lassen die aggressive Stimmung häufig abklingen und leiten ein offenes Gespräch über die eigentliche Problematik ein.

Depression

Traurigkeit und Verbitterung über die durch die Erkrankung gegebenen Veränderungen sind die führenden Symptome einer Depression. Die Auswirkungen dieser psychischen Verhaltensweise können sein

- Schlaflosigkeit oder im Gegensatz dazu ständige Unruhegefühle;
- permanente Müdigkeit und Antriebsschwäche;
- funktionelle vegetative Störungen wie z. B. Angstzustände, Herzrasen, Obstipation ;
- persistierende Weinanfälle.

In jedem Fall drehen sich die Gedanken des Patienten im Kreise und werden dadurch ineffektiv. Die Unfähigkeit, die eine gegen eine andere Möglichkeit abzuwägen und eine Entscheidung zu treffen, führen zur Manifestation der gegebenen Problemsituation, da der Kranke keinen Lösungsweg findet. In vielen Fällen kann er sich aus diesem Teufelskreis nicht selbständig befreien.

Beachtet man die nachfolgend aufgeführten ursächlichen Faktoren, die bei Auftreten einer Tumorerkrankung zur Depression führen können, wird die Häufigkeit des Auftretens dieses

Verhaltens verständlich. Auch lassen sich möglicherweise eher Problemlösungschritte einleiten.

Im einzelnen können ursächlich beteiligt sein

- Verluste von
- Lebensfreude und Lebenshoffnung; -
- gewohnten Lebensräumen und -bedingungen bei häufigeren oder längeren Krankenhausaufenthalten ;
- Freunden und Bekannten, da sich diese häufig vom Kranken zurückziehen, aus Angst sich in der neuen Situation falsch zu verhalten.
- Angst vor
- dem eigenen Versagen in der neuen Situation;
- der Zukunft (ist eine Heilung möglich?) ;
- Diagnose- und Behandlungsverfahren ;
- neuen »Schreckensnachrichten« bei Visiten;
- Schmerzen ;
- Selbstvorwürfe z. B. bei Rauchern durch den Nikotingenuß am Bronchialkarzinom oder bei starkem Alkoholgenuß an der Entstehung eines Leberzellkarzinoms beteiligt zu sein.

Depressionen können jedoch auch als indirekte Reaktion gesehen werden, wenn der Patient z.B. aggressives Verhalten niemals gelernt hat oder dieses ständig unterdrückt. In diesem Fall müssen sich seine psychischen Probleme eher über einen Depressionszustand äußern. Auch die Erfahrung, daß bei Weinen oftmals eher Zuspruch und Trost erfolgt, als bei aggressiven auflehnenden Reaktionen, kann das Auftreten einer Depression fördern.

Verhaltensregeln für den Pflegenden

Hilfe bedeutet für den Patienten, ihm jetzt das Gefühl zu geben, nicht alleine in seiner Situation zu stehen, den traurigen Gefühlen des Kranken freien Lauf zu lassen und ihm zu zeigen, daß man seine Reaktionen akzeptiert und versteht.

Worte wie : »Ich kann es gut verstehen, daß Ihnen zum Weinen zumute ist, ich wäre in Ihrer Lage auch traurig...« können Ausdruck dafür sein, daß sein Verhalten nicht abgelehnt und verurteilt wird.

Weiterhin ist es sinnvoll, Problemlösungswege mit dem Patienten zusammen zu suchen, da er wie eingangs beschrieben durch seine kreisenden Gedanken alleine keinen Ausweg findet.

Hier ist jedoch spezielle psychologische Hilfe erforderlich.

Abkapselung

Alle zusätzlichen Reibungsflächen oder Konflikte mit der Umwelt sollen für den Patienten vermieden oder wenigstens auf ein Minimum reduziert werden. Dies geschieht, indem der Kranke sich vollkommen von der Umwelt zurückzieht.

Die Problemlösung benötigt seine gesamte Kraft und Zeit. In diesem Stadium verlangt der Patient nach Ruhe. Häufig lehnt er auch jegliche Aktivitäten ab.

Verhaltensregeln für den Pflegenden

Das Pflegepersonal soll ihm in dieser Phase oft Kontakt anbieten, ihn jedoch nicht zu Gesprächen oder Aktivitäten drängen. Irgendwann einmal wird der Patient auf das Kommunikationsangebot zurückgreifen. Das Gefühl, daß jemand da ist, auf den er sich verlassen kann, bietet dem Kranken ein Gefühl der Sicherheit.

Ichbezogenes Verhalten

Im Mittelpunkt seiner Gedanken steht der Patient selbst. Er verlangt, daß sich alles nur um ihn dreht und beansprucht das gesamte Pflegepersonal für sich alleine, ohne Rücksicht auf Mitpatienten.

Wenn seine permanenten Wünsche nicht ständig erfüllt werden, reagiert er mit Aggressionen.

Verhaltensregeln für den Pflegenden

Auf seinen Wunsch nach Zuwendung sollte eingegangen werden, es müssen ihm aber auch wenn nötig, Grenzen gesetzt werden. Der Patient selbst ist nicht in der Lage, sein egozentrisches Verhalten zu erkennen.

Perspektive

Alle diese Verhaltensmuster zeigen dieunbeschreibliche Angst der onkologischen Patienten. Oft erfordert es viel Geduld und Verständnis, zu jeder Zeit auf die Bedürfnisse des Kranken einzugehen.

Ihn nicht durch eigene Interpretationen oder Fragen beim Gespräch in eine andere Richtung zu bringen, ihn ernstzunehmen und ihn als Menschen zu behandeln, wird der Kranke dankbar wahrnehmen mit dem Gefühl des Verstandenwerdens. Das Ziel des onkologischen Pflegepersonals ist es, ein Stück des Weges mit dem Patienten gemeinsam zu gehen und ihm zu helfen bei der Annahme und Verarbeitung seiner neuen Situation. Erst nach Annahme seiner Diagnose kann er seine Kräfte aktiv zur Bewältigung der Krankheitssituation einsetzen und helfen, den Kampf gegen den Krebs zu gewinnen. Sollte eine Heilung nicht möglich sein, kann er nach dem Akzeptieren dieser Situation die ihm verbleibende Zeit sinnvoll nutzen.

8 von 8 Seiten

Details

Titel
Psychosoziale Aspekte der Tumorkrankheit
Autor
Jahr
2000
Seiten
8
Katalognummer
V98218
ISBN (eBook)
9783638966696
Dateigröße
412 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychosoziale, Aspekte, Tumorkrankheit
Arbeit zitieren
Martina Jäger (Autor:in), 2000, Psychosoziale Aspekte der Tumorkrankheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98218

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