Süskind, Patrick - Das Parfum. Die These vom Zeck Grenouille


Referat / Aufsatz (Schule), 1999

8 Seiten, Note: 2+


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Stilform: Literarische Erörterung Thema 1

In seinem ersten Roman ,,Das Parfum", datierend aus dem Jahr 1985, erzählt der Autor Patrick Süskind, die Geschichte eines Mörders, wie auch der Untertitel dieses Buches lautet. Dieser Mörder, gleichzeitig Geruchsgenie, Jean-Baptiste Grenouille wird im stinkenden Paris geboren und vom Leser in seinem 29 Jahre langen Leben, in dem er 26 Jungfrauen tötet, begleitet, bis er in seiner Heimatstadt ums Leben kommt. In dieser Zeitspanne wird er vom auktorialen Erzähler und seinen Kontaktpersonen mit unzähligen und unterschiedlichsten Metaphern charakterisiert wie z.B. ,,Kröte" (Parfum, S. 96.), ,,Teufel" (Parfum, S. 24.), ,,Rächer" (Parfum, S. 163.) oder ,,Animal" (Parfum, S. 24.). Das prägnanteste Bild von allen liefert jedoch die Tiermetapher vom ,,Zeck" (Parfum, S. 29.). Inwiefern ist dies in Bezug auf Wesen und Entwicklung der Hauptperson wirklich schlüssig?

Den größten Widerspruch hierzu bildet die Bezeichnung ,,ein olfaktorisches Genie" (Parfum, S. 99.), als das sich Grenouille selbst sieht, die aber auch sein Lehrmeister Baldini für ihn parat hat. Dieses Geniedasein wird dem Leser klar vor Augen gehalten, als sich die Hinrichtungsszene in eine Massenorgie verwandelt, in dessen Mittelpunkt ,,der Geliebt[e]", ,,Verehrt[e]", ,,Vergöttert[e]" (alle Parfum, S. 304.) ,,Große Grenouille" (Parfum, S. 305.) steht, allerdings völlig unbeteiligt. Grenouille erkennt, dass er sich in eine noch nie dagewesene Aura versetzt hat, die ihn über die Schöpfer Prometheus und den - für ihn nun lächerlichen - Gott der Kirche erhebt (vgl. Parfum, S. 304f.). In diesem Moment befindet er sich im ,,größten Triumph seines Lebens" (Parfum, S. 305.), auf den er jahrelang hingeplant hat.

Gerade solche komplexen Pläne widerlegen die These des einfach strukturierten Zecks.

Dieses Planen findet seinen Anfang als Grenouille nach dem ersten ungeplanten, aber genial ausgeübten Mord ,,zum ersten Mal" (Parfum, S. 37.) einen ,,Sinn und Zweck und höhere Bestimmung" (Parfum, S.37.) in seinem Leben sieht: Er will als ,,größter Parfumeur aller Zeiten" (Parfum, S. 58.) ,,die Welt der Düfte [...] revolutionieren" (Parfum, S. 57.). Hierauf arbeitet er hin, indem er sich seine ,Nahziele` erfüllt, nämlich möglichst schnell alle bekannten Techniken der Duftgewinnung perfekt zu beherrschen. Jene Perfektion stützt die These des Genies Grenouille. Dieser besitzt ,,ein System" (Parfum, S. 258.) für das Morden, das im Töten der Laure Richis gipfelt. Es ist erstaunlich mit welch ,,handwerklicher Präzision"1 der Mörder seine Tat vollzogen hat: Es gleicht einem ,,Ritual, das der Erzähler anerkennend als eine künstlerische Technik würdigt"2.

Ein weiteres Argument, das gegen die Tiermetapher des Parasiten spricht, sind die Schicksale von Grenouilles Kontaktpersonen und ihre Beziehungen zu ihm.

Manchmal entsteht eine Art zwischenmenschlicher Symbiose, bisweilen bringt Jean-Baptiste dem jeweiligen Menschen aber auch Nutzen. So geschieht es beim Gerber Grimal, der noch nie ,,einen genügsameren und leistungsfähigeren Arbeiter als diesen Grenouille" (Parfum, S. 42.) besessen hat. Zu guter Letzt macht er mit dem zwölfjährigen Jungen noch ,,das beste Geschäft seines Lebens" (Parfum, S. 113.) als er ihn an Guiseppe Baldini verkauft. Bei diesem Parfumeur entsteht die oben erwähnte Symbiose: Während die Hauptperson in Süskinds Roman Baldinis Haus ,,zu nationalem, ja europäischem Ansehen" (Parfum, S. 114.) verhilft, indem er ihm die hervorragendsten Düfte der damaligen Zeit ermischt, erlernt er hierbei die ,,handwerklichen Verfahren, nach denen man Duftstoffe herstellte" (Parfum, S. 121.) und ,,alles, was Baldini ihm mit seinem großen überkommenen Wissen zu lehren hatte" (Parfum, S. 122.) Ähnlich verhält es sich auch in der Beziehung zum Marquis de la Taillade- Espinasse, der seine Theorie des ,,fluidum letale" (Parfum, S. 179.) durch Grenouille bestätigt sieht und im Gegenzug diesem ermöglicht, den Umgang in der Öffentlichkeit zu lernen und sich seinen eigenen ,,imitierten Menschenduft" zu kreieren, da Grenouille ja keinen eigenen Körpergeruch besitzt.

Bei diesem Wissenschaftler wird Jean-Baptiste Grenouille zu einem ,,begehrte[n] Gast"3, eine Tatsache, die in keiner Weise Ähnlichkeit zu der einsam lebenden Zecke aufweist. Als Präsentationsobjekt für den Marquis unentbehrlich, nimmt er zudem den Rang einer ,,wissenschaftliche[n] Sensation des Jahres " (Parfum, S. 181.) ein. Nun den gesellschaftlichen Umgang gewohnt, erzielt er Wirkung bei den Mitmenschen und macht sogar auf ,,manche Dame einen anrührenden Eindruck" (Parfum, S. 205.) Selbst als ihm die Morde an den Mädchen nachgewiesen sind, gelangt das Volk zu dem Glauben, dass ,,der kleine Mann [...] unmöglich ein Mörder sein" (Parfum, S. 299.) könne.

Doch Grenouille wird von dem Vater einer Getöteten, Antoine Richis, als Mörder ,,mit exquisitem Geschmack" (Parfum, S. 258.) beschrieben. Denn er wählt aus unzähligen Menschen die 25 hübschesten Jungfrauen als Opfer aus, eine dem Gedanken vom Zecken widersprechende Aussage, da dieser sich auf das nächstbeste Lebewesen, das sich ihm verheißungsvoll nähert, fallen lässt und es als Wirt benutzt.

Genauer betrachtet weist der ,Held` dieses Romans zweifelsfrei auch herausragende Gemeinsamkeiten zu dem kleinen Parasiten, dem Zeck, auf.

Wie sich diese Milbe über mehrere Entwicklungsstadien zum nahezu vollkommenen ,,Blutsauger"4 entwickelt, so perfektioniert auch Grenouille die Nutzung seines Geruchssinns und die Methoden der Duftgewinnung in verschiedenen Stadien. Das Stadium als Ei, das die blinde Zecke zu Beginn ihres Lebens durchläuft, ist vergleichbar mit Grenouilles ersten Lebensjahren. Er, dessen Augen anfänglich ,,noch nicht sehr gut zum Sehen geeignet sind" (Parfum, S. 22.), verbringt diesen Zeitraum in scheinbar völliger Passivität. Er ist zwar fähig Düfte zu riechen und sie in seinem Gedächtnis in ihre Urbestandteile aufzuspalten, herstellen und kategorisch ordnen kann er sie jedoch nicht (vgl. Parfum, S. 48f.).

Nach der instinktiven Witterung des Duftes des ,,Mädchens aus der Rue des Marais" (Parfum, S.58.), der für ihn - wie für die Zecke das Blut - einen ,,Kompaß [sic] für sein zukünftiges Leben" (Parfum, S. 57.) darstellt und ohne dessen Besitz ,,sein Leben keinen Sinn mehr" (Parfum, S. 55.) hat, ändert sich jene passive Haltung schnell. Dies kann man auch von der Verhaltensweise der aus dem Ei geschlüpften Larve sagen. Grenouille beginnt also in seinem Gedächtnis ,,eine systematische Ordnung" (Parfum, S. 58.) der ihm bekannten Geruchswelt zu erstellen und erlernt schon bald bei Baldini erste Methoden , die für die Herstellung eines Parfums vonnöten sind.

Als ,,Spezialist auf dem Gebiet des Destillierens" (Parfum, S. 128.) verlässt er Paris und begibt sich in eine Höhle in dem Vulkan ,,Plomb du Cantal" (Parfum, S. 153.). Dieser Aufstieg auf den zweitausend Meter hohen Berg ist vergleichbar mit dem, der achtbeinigen Nymphe, dem nächsten Entwicklungsschritt der Zecke, auf zehn Zentimeter hohe Pflanzen. Dort bleibt die Nymphe ,,in vollkommener Bewegungslosigkeit" (Parfum, S. 157.) ,,hocken und lebt und wartet" (Parfum , S. 29.). So verfährt auch Grenouille, gibt aber schließlich ,,seine Zurückhaltung" (Parfum, S. 29.) auf und gelangt, nachdem er sich beim oben erwähnten Marquis seinen ersten eigenen Menschenduft erstellt hat, nach Grasse. Hier erlernt er im ,,kleinen Parfumeuratelier" (Parfum, S. 219.) der Madame Arnulfi die Methoden der ,,Mazaration" (Parfum, S. 222.) und der ,,kalten Enfleurage" (Parfum, S. 228.), die es ihm ermöglichen, allen Gegenständen einen ,Geruchstropfen auszusaugen`. Diese neuen Möglichkeiten der Duftgewinnung entsprechen der ,,letzten Häutung"5 der Nymphe, durch die sie das Endstadium der eigentlichen Zecke erreicht und nun ein perfekter Blutsauger ist. Ebenso hat sich die Hauptfigur von Süskinds Roman nun zum Räuber der Körpergerüche von Lebewesen, einem ,Duftaussauger` entwickelt. (vgl. Parfum, S. 237.). Grenouille ist nun fähig sich auf seine Opfer zu stürzen, die er nach eigener Aussage ,,[braucht]" (Parfum, S. 290.) um das ,Parfum der Welt`, sein Wirtsblut, zu erhalten.

Aber nicht nur in seiner Entwicklung, sondern auch in seinem äußerlichen Erscheinungsbild gleicht er dem Zeck.

Der Erzähler beschreibt den jungen Grenouille folgendermaßen:

,,Er war, als er heranwuchs, nicht besonders groß, nicht stark, zwar häßlich, aber nicht so extrem häßlich, daß [sic] man vor ihm hätte erschrecken müssen. Er war nicht aggressiv, nicht link, nicht hinterhältig, er provozierte nicht. Er hielt sich lieber abseits." (Parfum, S. 31.)

Dieses unscheinbare Wesen erscheint Guiseppe Baldini ,,mit ängstlich lauernden Augen" und ,,geduckt[em]" (Parfum, S. 87.) Körper. Diese animalische Haltung in ,,bewegungslos lauernd[er]" (Parfum, S. 96.) ,,Gespanntheit" (Parfum, S. 92.) strahlt ,,etwas Unheimliches aus"6 und erinnert den Leser an ein Raubtier, das seinem Opfer auflauert. Der Erzähler konkretisiert die Vorstellung: ,,Der Zeck hatte Blut gewittert." (Parfum, S. 90.). Dass dieser ,, Gnom"7,dieses ,,Häuflein" (Parfum, S. 288.) genauso unbemerkt dem Marquis aus Montpellier entkommen kann, wie der Zeck seinen Wirt befällt, stützt Süskinds häufigen Gebrauch des Bildes vom Zeck.

Eine Assoziation zu dieser ,,Riesenmilbe"8 lässt sich für den Leser auch herstellen, da diese als ,Überlebenskünstler` bekannt ist und besonders anpassungsfähig ist; eine Eigenschaft, die auch Grenouille an den Tag legt. Beim Gerber Grimal verbringt er ,,auf zeckenhafte Manier", nämlich ,,zäh, genügsam, unauffällig" (beide Parfum, S. 41.), ein Leben in einer ,,mehr tierischen als menschlichen Existenz." (Parfum, S. 42.). Doch obwohl er ,,nach menschlichem Ermessen keine Überlebenschance" (Parfum, S. 38.) in dieser Werkstatt besitzt, übersteht er sogar ,,den Milzbrand, eine gefürchtete Gerberkrankheit, die üblicherweise tödlich verläuft." (Parfum, S. 42.).

Dieser unbedingte Überlebenswille Grenouilles zieht sich wie ein roter Faden durch sein ganzes Leben. Angefangen, als Grenouille ,,sich durch einen gezielten Akt der Selbsterhaltung"9, nämlich durch einen Schrei, für ,,den Umweg über das Leben" (Parfum, S. 28.) entscheidet, spinnt er sich weiter zu seinen Aufenthalt bei der Amme Madame Gaillard. Dort übersteht Grenouille mehrere Tötungsversuche seiner kindlichen Wohnungsgenossen, bis diese schließlich erkennen, ,,daß [sic] er nicht zu vernichten" (Parfum, S. 30.) ist. So verläuft dieser Faden weiter und passiert Grenouilles Lebensstationen bei Grimal, am Plomb du Cantal, wo sich Jean-Baptiste ,,sieben ganze Jahre lang" (Parfum, S. 169.) in seiner vollkommen dunklen Höhle von Wurzeln, Kleingetier und Aas ernährt, und läuft sogar an seiner geplanten Hinrichtung in Grasse vorbei, bis er schließlich in Paris abreißt.

Das Bild Grenouilles als zeckengleicher Jäger scheint das wichtigste Argument zu sein, das für die Metapher vom Zeck spricht.

Der Jäger bringt seinen Opfern Unglück, meistens sogar den Tod und dieser, oft ein sehr unglücklicher, ereilt beinahe alle Personen, die zu Grenouille näheren und längeren Kontakt haben. Sieht man von den 26 Jungfrauen ab, an deren Ableben die Hauptfigur dieses Romans direkte Schuld trägt, so erleiden die anderen schicksalhafte und mysteriöse Unglücke, an denen Jean-Baptiste nur indirekt beteiligt ist. Pater Terrier ,,[entschläft]" (Parfum, S. 25.) nach seiner ersten Begegnung mit dem ,,Teufel" (Parfum, S. 24.). Nachdem ihm Grenouille für eine großzügige Summe abgekauft wird, betrinkt sich der Gerber Grimal derart exzessiv, dass auch er in der Seine den Tod findet. (vgl. Parfum, S. 113.). Grenouilles Mutter wird auf Grund eines Schreis ihres Sohnes hingerichtet, was auch de schuldlosen Gesellen Druot widerfährt, dem die 25 Morde in der Umgebung von Grasse zur Last gelegt werden. Zeckenbefall kann in der Realität für den Menschen ,,unangenehme Folgen haben"10, die in Extremfällen als ,,Nervenerkrankung[en]"11 und als tödliche ,,Lähmungen"12 auftreten können. Zudem erregt ein Zeckenbiss manchmal verschiedene Arten von Fieber und ist mitunter Ursache von Hirnhauterkrankungen. Die Amme Bussie, die Grenouille bezüglich ihrer Muttermilch ,,leergepumpt hat" (Parfum, S. 11.) ist die einzige Person, die einigermaßen unbeschadet aus der Begegnung mit ihm hervorkommt, da sie seinen nicht vorhandenen Körpergeruch erkennt (vgl. Parfum, S. 14f.)

Der Geruchssinn spielt in diesem Roman eine sehr bedeutende Rolle. Denn bei der Hauptperson Jean-Baptiste Grenouille ist dieser Sinn auf eine solche Art und Weise ausgeprägt, dass die Nase ihm - wie auch dem Zeck - als Jagd- und Leitorgan dient.

Grenouille ist sich über sein ,,begnadetes Talent" (Parfum, S. 94.) im Klaren und behauptet daher ,,die beste Nase von Paris" (Parfum, S. 95.) zu besitzen. In der Tat kann er sich ausschließlich auf sein Geruchsorgan verlassen, das ihm in der Nacht im dunklen Paris die Orientierung verleiht und er somit sicher nach Hause gelangt. Diese Stadt dient Grenouille als ,,größte[s] Geruchsrevier der Welt", ein ,,Schlaraffenland" (beide Parfum, S. 43.) der unterschiedlichsten und vielfältigsten Düfte. Unzählige Male zieht er los, um dort neue Gerüche zu entdecken, sie mit einem Atemzug zu packen und dadurch ewig in seinem Gedächtnis zu speichern (vgl. Parfum, S. 44ff.). Diese Begabung, perfekt riechen zu können, ist für den Zeck von unschätzbarem Wert, um zu überleben bzw. um sein Ziel zu erreichen. In der Dunkelheit der Höhle auf dem Plomb du Cantal findet Grenouille sein Hauptnahrungsmittel, nämlich Reptilien, indem ,, er sie mit seiner Nase aufspür[t]" (Parfum, S. 157.). Gleichermaßen erschließt er auch in Baldinis finsterem Laden den Standort verschiedener Duftessenzen in den Regalen. Dies veranlasst den Parfumeur zu dem Fehlschluss, dass Grenouille ,, nicht nur die feinste Nase, sondern auch die schärfsten Augen von Paris" (Parfum, S. 98.) hat. Nachdem Laure Richis sein ,,Jagdgebiet" (Parfum, S. 47.) in Grasse verlassen hat, ,,witter[t]" (Parfum, S. 23.) er sofort, dass ,,der goldene Faden" ,,im Duftkleid der Stadt" (beide Parfum, S. 268.) fehlt. Daher ,riecht` er sich ihr hinterher, um sie dann nach zwei Jahren geduldigen Wartens umzubringen.

Gerade dieses Warten kennzeichnet die Zecke als beharrlichen Jäger des Wirtsbluts. Ein solcher ist der ,Held` Grenouille auch, der mit seiner Nase als Waffe nach etwas Vergleichbarem jagt: Dem ,,Besitz sämtlicher Essenzen für das beste Parfum der Welt" (Parfum, S. 268.), seine Überlebensflüssigkeit. Was Grenouille mit dem parasitischen Lebewesen gemeinsam hat ist die ,,Fähigkeit, einsam zu warten, bis er ein Opfer wittert"13. Mit ,,der Leidenschaft und Geduld eines Anglers" (Parfum, S. 45.) ausgestattet, verbringt der Jäger diese Zeitspanne, bis er sich ,,schlafwandlerisch zielsicher"14 auf sein gewittertes Opfern ,,fallen lässt, und dabei alles auf eine Karte setzen muss"15.

Der menschliche Jäger der Waldtiere verhält sich nicht anders. Er muss oft stundenlang auf eine Schusschance warten, diese, wenn sie sich bietet, instinktiv und entschieden nutzen und das Tier möglichst schmerzlos töten. Macht er jedoch auch nur ein verratendes Geräusch in diesem ,,lautlosen Geschäft" (Parfum, S. 275.), riskiert er - wie Grenouille - entdeckt zu werden und sein Plan bzw. Ziel wäre über den Haufen geworfen. Grenouille kann aber getrost als perfekter Jäger beschrieben werden. Zielsicher wartet er den rechten Zeitpunkt für die ,,Verwirklichung seiner Vorsätze"16 ab, sieht in seiner Tat nur den Zweck, nicht das Menschliche und bringt sein Opfer , das durch einen Keulenschlag sofort tot ist, um. Grenouille besitzt ein zeckenhaft geniales System.

Zusammenfassend kann man sagen, dass sich die Hauptfigur von Süskinds Roman in einem ständigen Wandel zwischen Zeck und Genie befindet. Der Leser lernt Grenouille auf der einen Seite als zähen, berechnenden Mörder kennen, als ,,feindseeliges Animal" (Parfum, S. 24.) und als ,,geschundenes, verrohtes Tier" (Parfum, S. 202.). Auf der anderen Seite begleitet er diesen dank des auktiorialen, allwissenden Erzählers in seinen Träumen vom ,,Große[n] Grenouille", vom ,,göttlichen" und ,,einzigartige[n]" (alle Parfum, S. 101.) ,,Weltenerzeuger" (Parfum, S. 103.). Als Grenouille sich durch die Wirkung seines entworfenen übermenschlichen Parfums selbst erkennt, wählt er den Freitod. Dieser Selbstmord hat nun weder etwas mit einem unsterblichen Schöpfer, noch etwas mit dem, vom unbändigen Überlebenswillen geprägten Zeck gemeinsam. So kann festgehalten werden: Keine der beiden Metaphern ist in sich hundertprozentig schlüssig, sie können allerdings zweifelsfrei nebeneinander stehen, um die Hauptfigur Jean-Baptiste Grenouille zu charakterisieren, wobei die Tiermetapher letztendlich die überzeugendere ist.

Patrick Süskind ist mit seinem Roman ,,Das Parfum" ein ,,literarischer Welterfolg"17, eine ,,literarisch[e] Sensation"18 geglückt. In ,,über 20 Sprachen übersetzt, ist es eines der meistverkauften deutschen Bücher der Nachkriegszeit"19 und dies nicht zu unrecht. Denn der Einfall, den Geruchssinn in den Mittelpunkt eines Romans zu stellen, finde ich grandios, da dieser Sinn in unserer Gesellschaft wenig beachtet wird. Dies drückt sich auch im deutschen Wortschatz aus: Kann ein Mensch nicht sehen, ist er blind, kann er nicht hören und sprechen, bezeichnet man ihn als taubstumm, doch dafür, dass er nicht zu riechen vermag, gibt es keine Bezeichnung. Vielleicht sollte man daher ein neues Adjektiv einführen: Antigrenouillisch.

Anmerkungen:

Literaturverzeichnis

Primärliteratur:

Süskind, Patrick. Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders. Zürich: Diogenes. 1985. (zitiert als: Das Parfum)

Sekundärliteratur:

Reisner, Hanns-Peter. Lektürehilfen. Patrick Süskind. Das Parfum. Stuttgart: Ernst Klett Verlag. 1998. (zitiert als: Lektürehilfen)

Matthes, Dieter; Carla Matthes. Plagegeister des Menschen. Schmarotzer in und an uns.

Stuttgart: Franckh'sche Verlagshandlung, W. Keller & co..1974. (zitiert als: Plagegeister des Menschen)

Harenberg (Hg.). Harenberg Literaturlexikon. Autorenwerke und Epochen. Gattungen und Begriffe von A bis Z. Dortmund: Harenberg Verlagsgesellschaft. 1997. (zitiert als: Literaturlexikon)

[...]


1: Reisner, Hanns-Peter. Lektürehilfen. Patrick Süskind. Das Parfum. Stuttgart: Ernst Klett Verlag , 1998, Seite 38. (im Folgenden zitiert als: Lektürehilfen)

2: Ebda., Seite 21.

3: Ebda., Seite 16.

4: Matthes, Dieter; Carla Matthes. Plagegeister des Menschen. Schmarotzer in und an uns. Stuttgart: Franckh'sche Verlagshandlung, W. Keller & co..1974, Seite 62. (im Folgenden zitiert als: Plagegeister des Menschen )

5: Ebda., Seite 63.

6: Lektürehilfen, Seite 34. 7: Edba., Seite 10.

8: Plagegeister des Menschen, Seite 63. 9: Lektürehilfen, Seite 29.

10: Plagegeister des Menschen, Seite 63. 11: Edba..

12: Edba..

13: Lektürehilfen, Seite 30. 14: Ebda., Seite 9.

15: Ebda., Seite 34.

16: Ebda..

17: Harenberg (Hg.). Harenberg Literaturlexikon. Autorenwerke und Epochen. Gattungen und Begriffe von A bis Z. Dortmund: Harenberg Verlagsgesellschaft, 1997, Seite 784. (im Folgenden zitiert als: Literaturlexikon)

18: Ebda., Seite 979.

19: Edba..

8 von 8 Seiten

Details

Titel
Süskind, Patrick - Das Parfum. Die These vom Zeck Grenouille
Note
2+
Autor
Jahr
1999
Seiten
8
Katalognummer
V98227
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hausarbeit im Fach Deutsch, 11.Klasse, Bayern, Thema Das Parfum
Arbeit zitieren
Stefan Spatz (Autor), 1999, Süskind, Patrick - Das Parfum. Die These vom Zeck Grenouille, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98227

Kommentare

  • Gast am 11.4.2002

    Das Parfum.

    Gut gegliederte und schön mit textbelegen gespickte Interpretation!

  • Gast am 1.3.2007

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    Gut geschrieben und mit vielen Beispielen belegt,... Hat mir wirklich sehr viel weitergeholfen,... Danke !

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