Der Aufstieg des Fernsehens zum neuen Massen- und Leitmedium in den fünfziger und sechziger Jahren in der Bundesrepublik Deutschland


Seminararbeit, 2000

21 Seiten, Note: 2


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Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Die technische Entwicklung

1.1. Von den Anfängen bis zum Ende des Dritten Reiches
1.2. Die fünfziger Jahre
1.3. Die sechziger Jahre

II. Der Aufstieg des Fernsehens zum neuen Massenmedium III. Das neue Freizeitmedium: Fernsehen der fünfziger Jahre IV. Das Fernsehen im öffentlichen Diskurs der sechziger Jahre

Medium - Massenmedium - Leitmedium

Abkürzungsverzeichnis

Literaturverzeichnis

Einleitung

In diesem Jahr wird das Fernsehen in Deutschland 115 Jahre alt. Der weitaus wichtigere Geburtstag, der in diesem Jahr gefeiert wird, ist der 50. Jahrestag der Arbeitsgemeinschaft der öffentlich - rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD). Diese Ereignisse sind Anlass für die Geschichtswissenschaft sich mit dem Themenbereich Medien verstärkt zu befassen. Mediengeschichte wird erst seit wenigen Jahren von den Historikern betrieben. Um historische Mediengeschichte zu betreiben ist es wichtig, sich die Geschichte des Fernsehens in der Bundesrepublik Deutschland genauer zu betrachten. Bis zum Beginn der Siebziger erfolgt die Geschichte des Fernsehens in Deutschland in drei Schritten. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges sind vor allem die technische Entwicklungen und Verbesserungen wichtig. In den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, mit der Gründung der ARD am 10. Juni 1950, avanciert das Fernsehen zu einem neuen Massenmedium in der Bundesrepublik Deutschland. In den sechziger Jahren ist die ,,Industrialisierung" des Fernsehens weitgehend abgeschlossen und man erkennt die machtvolle Wirkung des neuen Mediums auf die Gesellschaft. Das Fernsehen wird zum neuen Leitmedium.

Die vorliegende Arbeit gibt einen Überblick über die technische Genese des Fernsehens bis 1945, zeigt die Transformation zum neuen Massenmedium in der Wiederaufbauphase der Bundesrepublik Deutschland und stellt die Entwicklung zum neuen Leitmedium in den sechziger Jahren dar.

Eine umfassende Darstellung der deutschen Fernsehgeschichte gibt uns Knut Hickethier mit seiner Ausgabe ,,Die Geschichte des deutschen Fernsehens"1. Er fasst hierbei alle mit dem Fernsehen verbundenen Bereiche (technische Entwicklung, Programmentwicklung und soziale und gesellschaftliche Implikationen) aus historischer Sicht zusammen. Die Publizisten liefern uns eine gute Vorarbeit von wissenschaftlichen Abhandlungen über Mediengeschichte, lassen aber die allgemeine Geschichte, die politische und gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland, hierbei im Hintergrund.

I. Die technische Entwicklung

Im folgenden Kapitel stelle ich die technische Genese des Fernsehens in Deutschland von den Anfängen bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts dar. Für die Zeit bis 1945 gibt Hickethier2 einen guten Überblick. Für die fünfziger und sechziger Jahre stütze ich mich neben Hickethier auch auf Wilkes3,,Mediengeschichte der Bundesrepublik".

1.1. Von den Anfängen bis zum Ende des Dritten Reiches

Ein Berliner Student der Naturwissenschaften meldete 1885 ein Patent an. Es begann mit den Worten: ,,Der hier zu beschreibende Apparat hat den Zweck, ein am Ort A befindliches Object an einem beliebigen Orte B sichtbar zu machen; [...]" 4 . Jener Student, Paul Nipkow, gilt als einer der Wegbereiter des Fernsehens. In der Literatur wird er als Erfinder des Fernsehens beschrieben. Dies ist fraglich. Einerseits hatte er seine Erfindung nur theoretisch festgehalten und seine Umsetzung in die Praxis fehlte und andererseits gab es Wissenschaftler aus anderen Bereichen (Physik, Chemie, Fotografie), die eine Vorarbeit geleistet haben, um das Fernsehen zu ermöglichen. Die Erfindung Nipkows bis in die dreißiger Jahre bestimmte dennoch die technische Entwicklung des zunächst mechanischen Fernsehens, das einzelne stehende Bilder übertrug.

In Deutschland nahm die staatliche Post, die für die Weiterentwicklung und Übertragung des Fernsehens verantwortlich war5, einen Versuchsbetrieb auf. Das Fernsehen war zunächst etwas für Bastler und Techniker. Die Bevölkerung nahm die technische Entwicklung zur Kenntnisse, nicht zu letzt auch durch die seit 1924 alljährlich stattfindenden Funkausstellung in Berlin, die sich als eines der Foren zur Verbreitung der neueren technischen Entwicklungen im Bereich des Rundfunks6 unter den Bastlern und Technikinteressierten verstand. In den zwanziger und dreißiger Jahren bestimmte das Radio die deutsche Medienlandschaft. Es hatte sich als Massenmedium durchgesetzt. Da die technische Entwicklung des Fernsehens sehr langsam voranschritt, hatte das Radio das Fernsehen nicht als Konkurrent angesehen. So zum Beispiel entwickelte der Physiker Ferdinand Braun um 1920 die nach ihm benannte Röhre, die den Weg vom mechanischen zum elektronischen Fernsehen ebnen sollte. Die deutsche Post hielt jedoch in den nächsten Jahren am mechanischen Fernsehen fest, obwohl schon auf der Funkausstellung 1932 erste Empfangsgeräte mit der Braunschen Röhre vorgestellt wurden.

Mit der Machübernahme Adolf Hitlers am 31. Januar 1933 bekamen die Medien in Deutschland eine zentrale Rolle. Die Medien waren ein Mittel zum Zweck. Mit einer Verordnung vom 30. Juni 1933 wurden die regionalen Rundfunkanstalten aufgelöst und der Reichs-Rundfunkgesellschaft angegliedert. Diese Gesellschaft wurde dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unter der Leitung Joseph Goebbels unterstellt.

Die Zuständigkeit für das Fernsehen blieb jedoch auch in den folgenden Jahren ungeklärt.

Dadurch stagnierte die technische Genese des Fernsehens. Die führenden Machtinhaber sahen das Fernsehen als technisch unausgereift an, so dass es für den Zweck der Propagandaarbeit nicht geeignet schien.7 Demgegenüber war das Radio ein besseres Medium die Reden Adolf Hitlers schnell und weit zu verbreiten. Dieses hatte sich als Massenmedium bereits durchgesetzt und die Nationalsozialisten trieben die Verbreitung, durch eine Anordnung an die Industrie, die den preiswerten ,,Volksempfänger" produzieren sollte, noch weiter voran. Neben dem Radio war auch die ,,Wochenschau" im Kino ein wichtiges Medium um die Bevölkerung mit den neusten Nachrichten aus Politik und Gesellschaft und später vom Kriegsberichterstattung zu versorgen.

Andererseits bemühten sich auch andere Persönlichkeiten in der Medienlandschaft, wie zum Beispiel Eugen Hadamowsky, Reichssendeleiter in Berlin, um eine technische Weiterentwicklung des Fernsehens. Ihr Ziel war der Welt die Potenz des NS-Staates zu präsentieren und Wege zu finden, die Ideologien besser und effektiver zu verbreiten. Diese Entwicklungen wurden jedoch nicht von der Regierung unterstützt.

Eine wichtige technische Weiterentwicklung benutzen die Nationalsozialisten dann aber 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin. Erstmals wurden diese, wenn auch unter hohen Aufwand, im Fernsehen übertragen. Man bediente sich hierbei der ,,Telefunkenkanone", die sich im Stadion befand und die Bilder aufzeichnete. Diese Aufnahmen wurden in einem Übertragungswagen entwickelt und konnten dann binnen kurzer Zeit an die Endgeräte, die in Fernsehstuben standen, übertragen werden.

In den Folgejahren versuchte man die technische Entwicklung voranzutreiben und unternahm erste Programmversuche. Dennoch setzte sich das Fernsehen als neues Medium im Dritten Reich nicht durch. Einerseits bedingt durch den 1939 beginnenden Zweiten Weltkrieg und andererseits, so führt es Hickethier aus, fehlte eine Diskussion und Auseinandersetzung mit der Aufgabe und dem Zweck des neuen Mediums innerhalb der Gesellschaft.8

1.2. Die fünfziger Jahre

Zur Zeit des Nationalsozialismus entwickelte sich das Fernsehen nicht zu einem Massenmedium. Dies änderte sich in den kommenden Jahrzehnten. Zum Ende des Krieges im Mai 1945 war das Radio, weiterhin das dominante Medium in der deutschen Medienlandschaft gewesen. In den folgenden Jahren wurde das neue Medium, Television, von der Bevölkerung zunächst als etwas ,,amerikanisches" erfasst. In den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) begann das Fernsehen 1946 und in Großbritannien 1947. Mit einer Zeitverschiebung von sechs Jahren9 startete das deutsche Fernsehen offiziell am 25. Dezember 1952.

Doch zunächst bedurfte es hierbei einiger Vorarbeiten beim Nordwest Deutschen Rundfunk (NWDR). 1947/ 1948 beschloß der NWDR, mit Zustimmung der britischen Militärregierung, mit den Vorbereitungen für den Wiederaufbau des deutschen Fernsehens zu beginnen. Die sich am 03. April 1950 zu einer konstituierenden Sitzung treffenden verschiedenen Rundfunkanstalten (BR, HR, NWDR, RB, SDR, SWF), legten die Richtlinien für die am 10. Juni desselben Jahres gegründeten Arbeitsgemeinschaft der öffentlich - rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD) fest.10 Bereits einen Monat später, am 12. Juli, wird das erste Testbild vom NWDR gesendet. Am 27. November beginnt ein Versuchsprogramm aus Hamburg Heiligengeistfeld, das dreimal je Woche ausgestrahlt wurde. Der Wiederbeginn des Fernsehens wurde unter anderem von ehemaligen Mitarbeitern des NS-Fernsehens unterstützt. Sie brachten zum einen das Wissen und zum anderen das Equipment mit. Hans Joachim Hessling, der die Reichspost-Fernseh-Gesellschaft vorbereitet hatte, brachte beispielsweise einige Fernsehapparaturen, darunter zwei Kameras, nach Hamburg mit.11

Der NWDR teilt sich in zwei Sender auf. In Hamburg hatte der NWDR seinen Hauptsitz, da dieses Gebiet im Frequenzbereich die beste Empfangsmöglichkeiten aufwies. Einen zweiten, vom NWDR finanziell unterstützten Sender gab es in Berlin (West). Der Westberliner Sender galt als ,,Schaufenster des Westens" 12 um seine Fernsehpräsenz gegenüber der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) zu forcieren. So konnte man auch die technische Entwicklung des DDR-Fernsehens in Berlin-Adlershof verfolgen.13 Im Bereich des Hörfunks bildeten sich immer mehr Regionalsender heraus. Diese Hörfunksender begannen später auch eigene Fernsehsender, die sogenannten Dritten Programme, zu bilden.

Den ersten Anstoss hierfür gab Berlin (West) 1952. So entschied das Bundesland mit Gesetz vom 5. November 1953 die Gründung des Sender Freies Berlin (SFB) am 01. Juni 1954. Im gleichen Jahr, am 12. Mai 1954, wurde per Gesetz die Gründung des Westdeutschen Rundfunks (WDR) beschlossen. Mit Wirkung vom 01. Januar 1956 teilte sich der NWDR in WDR und Norddeutschen Rundfunk (NDR).

Ab dem 01. November 1954 sendete die ARD, als ,,Erstes Deutsches Fernsehen" ein Gemeinschaftsprogramm. Diese Gemeinschaft bestand aus Bayrischer Rundfunk (BR), Hessischer Rundfunk (HR), NWDR, Saarländischer Rundfunk (SR), Südwestfunk (SWF), SFB.

Ein weiterer Meilenstein um das neue Medium als Massenmedium zu forcieren, war die Ausweitung der Richtfunkstrecken. So baute man die wichtigste Richtfunkstrecke Hamburg - Köln - Frankfurt/ Main - München 1954 aus. Dies wurde in den sechziger Jahren kontinuierlich fortgesetzt.

1.3. Die sechziger Jahre

Neben dem Ausbau der Richtfunkstrecken und der damit weiteren Versorgung der Bevölkerung mit Fernsehempfang, sind für die sechziger die Bildung der Dritten Programme und die Gründung des Zweites Deutsches Fernsehen (ZDF) wichtig.

Als erstes Drittes Programm strahlte der BR ab 22. September 1964 sein Programm aus. Ihm folgten der HR am 5. Oktober 1964, der NDR in Zusammenarbeit mit dem SFB und Radio Bremen (RB) am 20. September 1965 und der WDR am 17. Dezember 1965. Das letzte dritte Programm nimmt am 5. April 1969 seinen Betrieb auf. Der Fernsehsender Südwest 3 bildete sich aus dem SR, SDR und SWR. Diese Sender strahlten vor allem ein Regionalprogramm aus und produzierten Sendungen für das Erste Deutsche Fernsehen.

Am 01. Juli 1962 nahm das ZDF sein Programm auf. Die Gründung des ZDF hat eine längere Vorgeschichte. Zum einen hatte Konrad Adenauer, Bundeskanzler der fünfziger Jahren, erkannt, welche Wirkung das neue Medium auf die Gesellschaft und ihre politische Meinungsbildung hat. Andererseits war auch die deutsche Wirtschaft an dem neuen starken werbewirksamen Medium interessiert. Nachdem Adenauer mit der Gründung seiner privat finanzierten Freies Fernsehen GmbH (FFG) vor dem Bundesverfassungsgericht gescheitert war, beschlossen die Ministerpräsidenten der Länder mit dem ZDF-Staatsvertrag vom 06. Juni 1961 die Gründung eines zum Teil werbefinanzierten14 zweiten Fernsehprogramms. Zur technischen Weiterentwicklung in den sechziger Jahren ist, das auf der Deutschen Funkausstellung in Berlin (West) am 25. August 1967 vorgestellte erste deutsche Farbfernsehgerät, zu erwähnen.

Seit 1885 gibt es in Deutschland Fernsehen. Die erste Entwicklung erbrachte ein deutscher Student. Bis zum Beginn des Dritten Reiches interessierten sich vor allem Bastler und Techniker für das Fernsehen. Die Nationalsozialisten verpassten es, sich mit den Wirkungen des neuen Mediums auf die Gesellschaft intensiv auseinderzusetzen und es gelang ihnen nicht das Fernsehen zu einem neuen Massenmedium zu forcieren. In den fünfziger und sechziger Jahren war die Technik des Fernsehens stark verbessert und man arbeitete nun an den Ausbau

der Richtfunkstrecken um die gesamte Bevölkerung mit dem neuen Medium zu versorgen. Es bildeten sich erste eigenständige Fernsehsender heraus, die ein Programm vorzeigen konnten. Damit sei die technische Entwicklung des Fernsehens in seinen Grundzügen beschrieben. Die folgenden Kapitel befassen sich nun damit, wie sich das Fernsehen verbreitete und welche Wirkungen es in der Gesellschaft hervorrief.

II. Der Aufstieg des Fernsehen zum neuen Massenmedium

Die fünfziger Jahre in der Bundesrepublik sind geprägt durch das Wirtschaftswunder. Die Sozialgeschichte schreibt hierzu: Die Zeit sei ,,modern und restaurativ" 15 gewesen. Das Restaurativ-moderne bestand darin, dass sich die Bundesrepublik bis Anfang der sechziger Jahre zum stärksten Industrieland in Europa entwickelt hat. Gründe hierfür waren eine gesteigerte Inlandsnachfrage und eine zunehmende Auslands-Nachfrage, die die Wiedereingliederung in den Welthandel ausgelöst wurde. Die Arbeit in der Industrie nahm zu, dagegen in der landwirtschaftlichen Produktion ab. Obwohl die technische Industrie in den fünfziger Jahren an Bedeutung gewann, dauerte es in der Gesellschaft lange, bis die Bevölkerung wieder technikinteressiert wurde. Die Menschen erinnerten sich immer noch an die Entwicklung der Kriegstechnologien und ihren Folgen.16 Das Fernsehen galt hier als Vorbote.17

Die soziale Lage der Menschen, die nach der ,,Stunde Null" mit nichts lebten, verbesserte sich mit dem wirtschaftlichen Aufschwung. Arbeitslosigkeit gab es zu dieser Zeit kaum. Die Zahl der offenen Stellen überstieg 1956/ 1957 die Zahl der Arbeitslosen. Die Anzahl der durchschnittlichen Arbeitsstunden je Woche sank von 1952 bis 1963 bei den Männern von 48,5 auf 45,4 Stunden18 ; bei den Frauen von 44,7 auf 41,9 Stunden. Im gleichen Zeitraum stieg der Bruttomonatsverdienst bei Männern von ca. 332 DM auf 688 DM und bei Frauen von 191 DM auf 434 DM. Die Lebenshaltungskosten stiegen in dieser Zeit nur wenig. Ein Fernsehgerät kostet 1952 noch zwischen 1000 und 2000 DM, wohingegen der Preis bis 1963 auf unter 600 DM sank. Das heißt: Mit zunehmender Freizeit, mehr Einkommen und den sinkenden Preisen für ein Fernsehgerät, schuf die immer besser werdende soziale Lage der Gesellschaft Möglichkeiten sich ein Fernsehgerät anzuschaffen und forcierte das Fernsehen schnell zu einem Massenmedium und dessen Verbreitung.

In den fünfziger Jahren wird die Bundesrepublik, die 1955 ihre volle Souveränität zurückerhält, in den Westen, unter anderem mit dem Beitritt in die North Atlantic Treaty Organization (NATO) 1954/ 1955 oder dem Beitritt in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) 1951, integriert.

Um den Bekanntheitsgrad für das neue Medium zu steigern wurde in den Anfangsjahren der fünfziger Jahre Werbung gemacht. Hierbei spielen insbesondere sportliche und gesellschaftliche Großereignisse eine wichtige Rolle. Die erste Übertragung fand noch in der Versuchsphase des NWDR statt. Etwa 10.000 Menschen sahen in dessen Umkreis (hier waren die Empfangsmöglichkeiten von Beginn an am stärksten) die Olympischen Sommerspiele aus Helsinki 1952. Die Krönung der englischen Königin 1953 und das im gleichen Jahr stattfindende Fussball - Länderspiel Norwegen gegen Deutschland waren weitere Großereignisse. Schon 1954 sahen etwa 500.000 Menschen die Fussball - Weltmeisterschaft in der Schweiz.19 Jedoch schaute man noch nicht zu Hause fern. Das Medium Fernsehen hatte aufgrund der hohen Anschaffungskosten und des geringen Einkommens noch nicht Einzug in die Privathaushalte gefunden. Die Fernseher standen vornehmlich in gastronomischen Einrichtungen oder Schaufenster. Die Gastronomie erlebte einen Aufschwung. So liest man in der hausinternen Zeitschrift des NWDR ,,Die Ansage": ,,Dieser [Wirt = A.B.] hat eine Gastwirtschaft mit Kino am Stadtrand von Hamburg. Vor dem Lokal h ä lt alle 30 Minuten ein Omnibus. Mit ihm f ä hrt man auf einigen Umwegen nach Hamburg hinein. Die Gegend ist l ä ndlich, und von der Hauptstra ß e ab verlieren sich bis zum Horizont G ä rten und Siedlungsh ä user. Steht man vor dem Gasthaus, ist links herum der Eingang zum Kino. Rechts herum kommt man in die Gastr ä ume. Bis vor einem Jahr war das Kino die einzige Abwechslung am Ort. Der Programmwechsel - einmal in der Woche - wurde von vielen sehns ü chtig erwartet. Dann wurde eines Tages in England eine K ö nigin gekr ö nt, und die Siedler gingen nun nicht nur links, sondern auch rechts herum in ihr neues ,Vergn ü gungszentrum`. Sie wollten bei der Sensation nicht fehlen. Bei n ä chster Gelegenheit kamen sie wieder und brachten Freunde und Bekannte mit." 20 In den folgenden Jahren schafften sich immer mehr Institutionen, in denen sich das öffentliche Leben abspielte ein TV - Gerät an. Bei der Weltmeisterschaft 1954 wurden die Zuschauer mit Sonderbussen in die Städte gefahren, um sich die Spiele anzusehen. Schon drei Jahre nach dem offiziellen Beginn des Fernsehens kannten etwa zwei Drittel der bundesrepublikanischen Bevölkerung das neue Medium. Mehr als die Hälfte der zwei Drittel (47%) hatten bereits in Gaststätten fern gesehen. 22% kannten das Medium aus dem Schaufenster und 18% hatten es bei Bekannten und Verwandten kennengelernt.21 Etwa 28% hatten noch keine Erfahrungen mit dem Fernsehen gesammelt. Ab 1953/ 54 begann langsam der Einzug des Fernsehen in die privaten Haushalte. Die Gastwirte beklagten sich über einen stetigen Rückgang der Gästezahlen. Bei dem oben erwähnten Lokal sahen noch 300 Personen das Fussballspiel 1953, wohingegen bei

der Weltmeisterschaft, ein halbes Jahr später, nur noch 100 Gäste zu sahen.22 Das Fernsehen vor den Schaufenstern wurde verboten, da die Menschenmassen bis auf die Straße reichte und den Verkehr behinderten.

Für die rasante Verbreitung des Fernsehens gibt es noch mehrere Faktoren. Zum einen stieg die Produktion von Fernsehgeräten. Die Stückzahlen stiegen von 40.000 im Jahr 1953 auf 2.000.000 1960.23 Andererseits senkten die Herstellerfirmen nach und nach die Preise. So bot eine Markenfirma bereits im Februar 1954 ein TV - Gerät mit eine Bildschirmdiagonalen von 36 cm für 798 DM an. Sie begründete diese Preissenkung wie folgt: ,,[...] es komme jetzt darauf an, das Interesse breiter Schichten f ü r das Fernsehen durch volkst ü mliche Preise zu wecken." 24 Der Neckermann - Versand bot noch im Herbst desselben Jahres ein Gerät, das bereits ein Diagonale von 43 cm hatte, für 648 DM an. Ein dritter wichtiger Aspekt ist der zunehmende technische Standard. Zum einen wurde ab 1954 kontinuierlich am Ausbau der Richtfunkstrecken gearbeitet um die gesamte Bevölkerung mit dem Empfang zu versorgen. In den Anfangsjahren wurde auch die Gerätequalität stark verbessert. Während 1953 noch etwa ein Drittel aller Fernsehgeräte eine Bildschirmgröße von nur 36cm hatten, sank diese Zahl bereits ein Jahr später auf unter 10%.25

Die Anzahl der angemeldeten Geräte stieg und ab etwa 1957 rasant an. 1954 gab es etwa 11.500 angemeldete Geräte. Diese Zahl überschritt am 01. Oktober 1957 die Millionengrenze26 . Als das ZDF 1963 sein Programmbetrieb aufnahm gab es in der Bundesrepublik etwa 7.200.000 Fernsehteilnehmer. Damit gab es eine Fernsehdichte von etwa 35%.27 Die folgende Grafik stellt dies schematisch da.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Hickethier: Geschichte des Fernsehen, S. 112)

In dieser Statistik sind allerdings nur die angemeldeten Geräte verzeichnet. Mit der Einführung der Fernsehgebühr (der heutigen GEZ) am 01. Januar 1953, die für die

Finanzierung des staatlichen Rundfunks und Fernsehens bestimmt war, gab es zunehmend in

der Bundesrepublik die sogenannten ,,Schwarzseher". Trotz akribischer Suche nach

,,Schwarzsehern" durch Peiltrupps der Bundespost standen 1955 den 176.000 angemeldeten Geräten, nach geringen Schätzungen, etwa 70.000 bis 75.000 nicht angemeldete Geräte gegenüber. Das ist immerhin ein Anteil von etwa 50%. Zwei Jahre später hatte sich die Zahl der ,,Schwarzseher" verdoppelt, aber gegenüber den angemeldeten Geräten, lag die Schätzquote etwa zwischen 12% - 15%.28

Für das neue Medium wurde zu Beginn viel Werbung gemacht um den Bekanntheitsgrad in der Bevölkerung zu steigern. Zunächst schauten die Menschen dort fern, wo sich das öffentliche Leben konzentrierte. Die Bevölkerung stand dem neuen Medium und dessen Technik skeptisch gegenüber, aber durch den Ansteig des Einkommens, der zunehmenden Freizeit und den von der Wirtschaft angebotenen günstigeren Geräten, setzte sich das neue Medium schnell in den Haushalten durch. Mit dem Aufstieg des Fernsehens zum Massenmedium ändert sich das Freizeitverhalten der bundesrepublikanischen Bevölkerung.

III. Das neue Freizeitmedium: Fernsehen der fünfziger Jahre

Der Aufstieg des Fernsehens zum neuen Massenmedium in den fünfziger Jahren geht einher mit einer Veränderung des Freizeitverhaltens der Gesellschaft. Es kommt zu einer Verhäuslichung. Wichtig in diesem Zusammenhang ist die Frage zu stellen: Warum wollten die Leute ein Fernsehen zu Hause haben? Für die Anschaffung eines Gerätes gibt es mehrere Gründe. Erstens sank die Wochenarbeitszeit bei steigendem Nettohaushaltseinkommen. Die Menschen hatten mehr Freizeit und mehr Geld vom ,,Wirtschaftswunder" zu profitieren und dadurch ihre Freizeit mit den neuen technischen Errungenschaften zu gestalten. Zweitens setzten sich im Haushalt ,,die der Freizeitgestaltung und Kommunikation dienenden Ger ä te wie Radioger ä te, Schallplattenspieler, Tonbandger ä te, Telefon und [...] das Fernsehen durch." 29 Das Fernsehen setze sich also im Zuge anderer neuerer technischen Entwicklungen durch. Drittens sollte das Fernsehen den Feierabend und das Wochenende verschönern. In einer Umfrage die der NWDR 1953 unter seinen Zuschauern durchführte, gab es zwei Meinungen, die in den Ausführungen Schildts als repräsentativ gelten: ,,Wissen sie, ich halte eigentlich sehr viel vom Fernsehen. Radio f ä llt bei mir vollkommen ab. Und wenn ich noch etwas beichten darf, mir ist es heute unverst ä ndlich, wie ich die Abende ausf ü llen sollte, wenn ich das Fernsehger ä t nicht h ä tte. So hat man sich tats ä chlich schon umgestellt. Fernsehen ist f ü r eine Ehe wunderbar. Sonst kam man abends m ü de nach Hause, las die Zeitung, mochte

sich nicht mehr oder kaum unterhalten und ging meistens ins Bett. Nun gibt es immer einen geselligen, sch ö nen ausgef ü llten Abend." 30

,,Ja wissen Sie, ich hab immer so vor meinem Radio gesesse und konnte all die Leute nie sehen, und da hab ich mir gedacht, wenn du die doch sehen k ö nntest! Ja, und nun hev ich se binnen. Das ist ja ne teure Sache, Ick har mi ein paar Groschen sport, und man kann nie wissen, was mal kommt. Ich jedenfalls habe mein Geld gut untergebracht." 31 Das Fernsehen wurde als ein Medium angesehen, dass die Aufgabe des Radios visuell erweitern sollte. Der Fernseher stellte zunächst in der Freizeitgestaltung ein neues Unterhaltungsmedium dar. Die Gründe, warum sich die Leute ein Gerät anschaffen wollten zeigt das Ergebnis einer Umfrage des Instituts für Demoskopie, Allensbach im Gebiet des SDR von 1955, das in der folgenden Tabelle dargestellt ist:

Umfrage des Allensbacher Instituts 1955 im Gebiet des SDR

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Schildt: Moderne Zeiten, S. 277; * Mehrfachnennungen waren möglich)

Aus diesem Ergebnis geht eindeutig hervor, dass Fernsehen zunächst als

Unterhaltungsmedium eingesetzt wurde. Es ist wahrscheinlich auch nicht verwunderlich, dass die Mehrheit der Bevölkerung das Medium nicht dazu nutzte um sich über Politik und Nachrichten zu informieren. Die Menschen dachten dabei noch immer an den ,,Volksempfänger" und die damit verbundene Propaganda- und Ideologieverbreitung der Nationalsozialisten. Hierzu führe ich im folgenden Kapitel aus.

Ein weiterer Grund, der für eine Anschaffung eines Fernsehers sprach, war Prestige. Schildt beschreibt es eher als einen ,,sozialer Druck" 32 . Menschen tauchten ihre Erfahrungen über das neue Medium aus. Wenn sie noch kein Gerät zu Hause hatten, konnten sie sich oft nicht an den Gesprächen mit ihren Mitmenschen beteiligen. Je mehr die Fernsehdichte in einem Gebiet zunahm, desto höher wurde der soziale Druck sich ein Gerät anzuschaffen. Oftmals waren es auch die Kinder, die auf eine Anschaffung drängten.

Der NWDR fand in seiner oben erwähnten Umfrage auch heraus, dass das neue Medium familienbindend sei. Von allen Befragten gaben 68% an, sie seien ,,durch das Fernsehen mehr an die Wohnung gebunden" 33 als früher. Hier waren es vor allem die Männer (72%), die diese Angabe machten.

Der Aufstieg des Fernsehens zum neuen Massenmedium in den fünfziger Jahren und die damit einhergehende Verhäuslichung hatten auch negative Folgen. Die gastronomischen Einrichtungen (Lokale, Discos, etc.), die zu Beginn hohe Gästezahlen, aufgrund eines in ihrem Lokal aufgestellten Fernsehers, aufweisen konnten, beklagten sich über einen Rückgang ihres Umsatzes, da die Menschen nun zu Hause ihren eigenen Fernseher besaßen. Schließlich war der Vergnügungsabend zu Hause preiswerter als in den Gaststätten.34 In vielen Teilen der Bevölkerung hatte das Fernsehen eine Freizeit - Monopolstellung eingenommen. Insbesonders in Gegenden, wo die Freizeitmöglichkeiten sowieso eher gering waren, bei Arbeitern oder bei Menschen mit geringer Schulbildung. Hinzu kommt, dass der sozial schlechter gestellte Bevölkerungsteil, für den die Anschaffung eines Gerätes mit enormen Verzicht von anderen Konsumgütern und unter großem finanziellen Aufwand einherging, den Neuerwerb dann auch ausnutzen wollten.

Mit dem Aufsteig des Fernsehens zum Massenmedium wurde die wirtschaftliche Krise des Kinos eingeleitet.35 Viele Menschen wandten sich nun vom ,,Filmpalast" zum ,,Pantoffelkino". Besonders deutlich wurden erstmals die Auswirkungen des neuen Massenmediums und der damit verbundene Niedergang des ausserhäuslichen Lebens bei der Übertragung des Fußball - Länderspiels Deutschland gegen Polen 1959. Es wurden weit weniger Karten verkauft, da die Leute sich die Übertragung zu Hause im Fernsehen ansahen. Andere Bereiche wie das Theater, Konzerthallen und Volkshochschulen beklagten sich demgegenüber jedoch nicht über einen Rückgang der Besucherzahlen. Ende der fünfziger Jahre hatte das Fernsehen den Status des Massenmediums erreicht. Das Radio wurde zurückgedrängt. Wann immer Sendungen im TV liefen schalteten die Leute das Radio aus.36 Wochentags schauten in der Zeit von 20:00 bis 21:30 etwa 70% fern. Am Sonntag steigt die Zahl zur selben Zeit immerhin auf etwa 85%. Das Radio bot Ersatz für die Zeiten, wo kein Programm ausgestrahlt wurde.

Sobald die Menschen sich ein Fernsehgerät angeschafft hatten, übernahm es in den Haushalten eine Monopolstellung. Andere Freizeitbereiche, wie das Kino oder gastronomische Einrichtungen, waren dann weniger attraktiv. Es setzte eine Verhäuslichung ein. Durch das neue Medium konnten die Leute zu Hause unterhalten werden. Die Unterhaltung stand an erster Stelle. Erst mit Beginn der sechziger Jahre, wurde das Fernsehen zu einem neuen Leitmedium und man diskutierte öffentlich die Wirkung auf die Gesellschaft.

IV. Das Fernsehen im öffentlichen Diskurs der sechziger Jahre

Die sechziger Jahre sind vor allem durch innenpolitische Probleme geprägt. Eines der Verlust der absoluten Mehrheit der CDU/CSU im deutschen Bundestag. Nach dem Verlust der absoluten Mehrheit im Bundestag der CDU/ CSU bei der Bundestagswahl 196137 und dem Rücktritt Konrad Adenauers 1963. Danach verliert die bundesdeutsche Bevölkerung auch das Vertrauen in die Große Koalition. Auch Ludwig Erhard schaffte es nur noch einmal nach der Bundestagswahl 196538 eine Große Koalition zu bilden. Bei der Bundestagswahl 196939 bildet dann die SPD mit der FDP die erste sozial - liberale Koalition in der Geschichte des Bundesrepublik Deutschland.

Ein weiteres Problem war die erneute Verhärtung des Ost - West - Konflikts. Mit dem Beginn des Mauerbaus am 13. August 1961 ist die Spaltung Deutschlands vollzogen. Die Aussicht auf eine baldige Wiedervereinigung existiert nicht mehr. Der Gedanke eine Politik der Annäherung zu betreiben, bestimmt in den kommenden Jahren die deutsche Ostpolitik. Die Studentenunruhen 1967/ 1968, ausgelöst durch den Tod des in Berlin demonstrierenden Studenten Benno Ohnesorg, anläßlich des Staatsbesuch des persischen Schahs Reza Pahlewi, zeugen von einer neuen Aufbruchstimmung in der Gesellschaft und dem Ende des CDU - Staates.

Des Weiteren endet in den sechziger Jahren das Wirtschaftswachstum und es kommt zu einem ersten Anstieg der Arbeitslosigkeit. 1967 kommt es dann zu der ersten größeren Rezession, bei der es zu umfangreichen Betriebsschließungen und Entlassungen kommt. Dies bestimmt die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Stimmung in der Bundesrepublik.

Das Fernsehen hatte sich bis zum Programmbeginn des ZDF als neues Massenmedium in der Bundesrepublik durchgesetzt, die ,,Industrialisierung des Fernsehens", wie es Hickethier nennt,40 war abgeschlossen. Es begann die Phase der Professionalisierung der Fernseharbeit. Bis 1969 stieg die Zahl der angemeldeten Fernsehgeräte, jährlich um circa 1.300.000, so dass 1969 eine Fernsehdichte von 84% und 1973 eine Flächendeckung von 93% erreicht wurde.41

Mittlerweile wurde auch ein Sättigungsgrad in der ländlichen Bevölkerung erreicht.

Fernsehen war nicht mehr nur ein städtisches Medium, sondern war innerhalb der gesamten Bevölkerung weit verbreitet.

So wie sich das neue Medium in den fünfziger Jahren zum Massenmedium herausbildete, wurde das Fernsehen nun zum neuen Leitmedium der Gesellschaft, die dadurch in ihrer politischen Meinungsbildung beeinflußt werden konnte. Die Zuschauer nahmen nun mehr teil an den politischen Krisen der sechziger. Das Fernsehen sah sich als einen ,,Ort der Kontroversen um die neue Politik" 42 , es thematisierte den Ost - West - Konflikt und zeigte in Dokumentationen Visionen eines Neubeginns. Die Gesellschaft, die sich in einer Aufbruchstimmung befand, und nun nicht mehr technikdesinteressiert war, zeigte hierbei ein reges Interesse. Sie stand dem neuen Medium aufgeschlossen gegenüber. Die zentralen Aufgaben des Fernsehens lagen in der Abwechslung des Programmes43 und in der Festigung der Institution Fernsehen.

Die schon in den fünfziger Jahren begonnene Verhäuslichung nahm in den sechziger Jahren weiter zu. Der Fernseher war ein selbstverständlicher Einrichtungsgegenstand. Das Fernsehen übernahm eine soziale Rolle. Es spielte eine Rolle in der gesellschaftlichen Kommunikation und es bot dem Menschen eine Art von Gemeinschaftsgefühl. Ein Gefühl mit Millionen von anderen Menschen die selbe Sendung zur gleichen Zeit zu sehen, zeigt welche kraftvolle Wirkung das neue Medium auf die Gesellschaft ausübte. Die Bündelung von Millionen Menschen vor dem Fernsehgerät hatten Kritiker auch negativ bewertet.44 Sie fragten vor allem nach der Verantwortung des Fernsehens gegenüber seinen Zuschauern. Es führte unweigerlich zu der Diskussion, welche Wirkung das neue Medium auf die Menschen hat und welches es haben sollte. Seine Aufgaben sollten in der politischen Aufklärung, politischen Meinungsbildung und zur Bildung und Förderung eines staatsbürgerlichen Bewußtseins liegen. Seine Nebenwirkungen lagen in der Konsumorientierung und der Verhaltens- anpassung.

Neben der ,,Tagesschau", die, seit dem der Fernsehbetrieb begonnen hatte, ausgestrahlt wurde, kam nun am 04.06.1961 ein weiteres politisches Magazin hinzu. ,,Panorama" hieß das erste Magazin, mit einem durchgehend politischen Charakter. Obwohl es im Vorfeld schon andere Magazin gab, die sich mit gesellschaftlichen- und kulturkritischen Themen befassten45 , kann man bei ,,Panorama" vom ersten politischen Magazin sprechen, welches versuchte keine Fernsehsendung im Sinne der offiziellen Regierungspolitik zu sein, sondern es wagte, diese offen und deutlich zu kritisieren. Die Bundesregierung nahm dies nicht als ein Beweis einer funktionierenden demokratischen Öffentlichkeit, sondern warf dem Magazin politische Einseitigkeit, sogar Manipulation und teilweise auch Staatsgefährdung vor. Den Höhepunkt fand die ,,Panorama"-Diskussion mit der ,,Spiegel"-Affäre46 . ,,Panorama" berichtete in zwei Sendungen ausführlich über diesen Skandal. Aufgrund dieser Berichterstattung führte die ,,Spiegel"-Affäre zu einer Regierungskrise, in deren Verlauf Franz Josef Strauß zurücktreten musste.

Dieses Ereignis hatte hier als ein neues Instrument der Öffentlichkeit plötzlich neue Wirkungen hervorgerufen. Das Fernsehen avancierte zu einer Institution, die in das politische Geschehen eingreifen konnte. Fernsehen hatte nun eine neue Dimension erreicht und die Berichterstattung änderte sich im Laufe der sechziger Jahre grund-legend. Die sechziger Jahre gehen einher mit einer Politisierung des Fernsehens. Ihre zentrale Aufgabe bestand darin den Ost - West - Konflikt und die inneren Probleme der Bundesrepublik zu thematisieren. Eine weitere Aufgabe bestand darin, dafür zu sorgen, dass sich die politikdesinteressierte Bevölkerung mit der Vergangenheit auseinandersetzte und sie bewältigte. Mit einer vierzehnteiligen Reihe unter dem Titel ,,Das Dritte Reich" 1960/ 1961 trug die ARD dazu bei, dass sich in den folgenden Jahren eine neue Haltung der Bevölkerung zur nationalsozialistischen Vergangenheit durchzusetzen begann.

In den folgenden Jahren etablierten sich mehrere Politmagazine. Die ARD nahm neben ,,Panaroma"47 , den ,,Bericht aus Bonn"48 und ,,Monitor" ins Programm. Das ZDF begann mit der Ausstrahlung des ,,ZDF-Magazins". Durch die zunehmende Politisierung des Fernsehens wandelte sich das Unterhaltungsfernsehen der fünfziger Jahre zu einem Gesellschaftsfernsehen in den sechziger Jahren.

Das Fernsehen hatte in den sechziger Jahre seine machtvolle Wirkung erkannt und formulierte in einem öffentlichen Diskurs seine Aufgaben gegenüber der Gesellschaft. Diese neuen Aufgaben und die zunehmende Politisierung im Fernsehen hatten zur Folge: Das Fernsehen war nicht länger mehr ein Unterhaltungsmedium. Die Gesellschaft nahm am politischen Zeitgeschehen teil. Sie wandelte sich von einer apolitischen zu einer leicht politikinteressierten Gesellschaft. Das Fernsehen beeinflusste nicht nur das Freizeitverhalten, sondern auch, durch sein kritisches Auftreten, die politische Meinungsbildung der Menschen. Sicherlich begann in den sechziger Jahren dadurch der Aufstieg des Fernsehens zum neuen Leitmedium, aber diese fand in diesem Jahrzehnt nicht seinen Abschluss.

Medium - Massenmedium - Leitmedium

Den ersten Anstoß für jenes Medium, welches heute in Deutschland am meisten verbreitet ist und uns in der Gestaltung der Freizeit und der politischen Meinungsbildung am stärksten beeinflusst, gab ein deutscher Student 1885. Mit seiner Patentanmeldung zur Übertragung von Bildern beginnt die Geschichte des deutschen Fernsehens.

Seitdem verläuft die Entwicklung in drei Phasen ab: Das Fernsehen wird nach dem es einen minimalen technischen Standard, erreichte aber spätestens mit dem Beginn der jährlich stattfindenden Funkausstellung zu einem Medium. Zunächst stagniert jedoch seine technische Weiterentwicklung in Deutschland, zum einen durch die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wechselnden politischen Gegebenheiten und den beiden Weltkriegen und zum anderen durch das Festhalten an Traditionellem (mechanisches Fernsehen). Zwar gelang es den Nationalsozialisten die Technik etwas weiter zu verbessern, aber durch das Ausbleiben eines öffentlichen Diskurses über die Wirkung des neuen Mediums stagniert auch in dieser Zeit die Entwicklung.

Erst in den fünfziger Jahren setzt die zweite Phase ein. Mit amerikanischer Geschwindigkeit entwickelt sich das Fernsehen in Deutschland schnell zu einem neuen Massenmedium. Es führt zu einer Veränderung des Freizeitverhaltens, das mit einer Verhäuslichung der Gesellschaft einhergeht. Zunächst ist die Unterhaltung der eher apolitischen Bevölkerung der dominierende Zweck.

Die dritte Stufe setzt mit Beginn der sechziger Jahre ein. Man wurde sich der machtvollen Wirkung des neuen Mediums bewusst und führte dies zu einer öffentlichen Diskussion innerhalb der Gesellschaft, bei der die Aufgaben des Fernsehens festgelegt und die Institution Fernsehen gefestigt wurde. Das Fernsehen beginnt die Bevölkerung in seiner politischen Meinungsbildung zu beeinflussen und zu einem Leitmedium zu werden. Das Fernsehen ist nicht mehr länger Unterhaltungsfernsehen sondern Gesellschaftsfernsehen.

Abkürzungsverzeichnis

ARD Arbeitsgemeinschaft der öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland

BR Bayrischer Rundfunk

CDU Christlich-Demokratische Union CSU Christlich-Soziale Union

DDR Deutsche Demokratische Republik DM Deutsche Mark

EWG Europäische Wirtschaftsgemeinschaft

FDP Freie Demokratische Partei (Deutschlands)

FFG Freies Fernsehen GmbH

HR Hessischer Rundfunk

NATO National Atlantic Treaty Organization = Nordatlantikpakt NDR Norddeutscher Rundfunk

NWDR Nordwest Deutscher Rundfunk RB Radio Bremen

SFB Sender Freies Berlin

SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands SR Saarländischer Rundfunk

SWF Südwestfunk

USA United States of America = Vereinigte Staaten von Amerika WDR Westdeutscher Rundfunk

ZDF Zweites Deutsches Fernsehen

Literaturverzeichnis

Ambrosius, Gerold: Wirtschaftlicher Strukturwandel und Technikentwicklung, in: Schild, Axel u. Sywottek, Arnold (Hg.): Modernisierung im Wiederaufbau. Die westdeutsche Gesellschaft der 50er Jahre, Bonn 1993, S. 107-128

Conze, Werner u. Hentschel, Volker (Hg.): Ploetz. Deutsche Geschichte. Epochen und Daten, Freiburg u. Würzburg 1991

Hickethier, Knut: Die Geschichte des deutschen Fernsehens, Stuttgart u. Weimar 1998

Ludes, Peter: Programmgeschichte des Fernsehens, in: Wilke, Jürgen (Hrsg.): Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 1999, S. 255-276

Radkau, Joachim: ,,Wirtschaftswunder" ohne technologische Innovation?, in: Schild, Axel u. Sywottek, Arnold (Hg.): Modernisierung im Wiederaufbau. Die westdeutsche Gesellschaft der 50er Jahre, Bonn 1993, S. 129-154

Schildt, Axel: Der Beginn des Fernsehzeitalters: Ein neues Massenmedium setzt sich durch, in: Schild, Axel u. Sywottek, Arnold (Hg.): Modernisierung im Wiederaufbau. Die westdeutsche Gesellschaft der 50er Jahre, Bonn 1993, S. 262-300

Schildt, Axel: Moderne Zeiten. Freizeit, Massenmedien und ,,Zeitgeist" in der

Bundesrepublik der fünfziger Jahre, Hamburg 1995

Wilke, Jürgen (Hrsg.): Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 1999

[...]


1 Hickethier, Knut: Die Geschichte des deutschen Fernsehens, Stuttgart/ Weimar, 1998

2 Hickethier: Geschichte des Fernsehens

3 Wilke, Jürgen (Hrsg.): Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 1999

4 aus: Hickethier: Geschichte des Fernsehens, S. 15

5 Das Deutsche Reich hatte sich bei der Gründung 1871 durch das deutsche Telegrafenrecht die Rechte auf Betreibung und Errichtung von telegrafischen Einrichtungen gesichert und an die Post übertragen.

6 Der Rundfunkbegriff in Deutschland umfasst traditionell Hörfunk und Fernsehen. vgl.: Hickethier: Geschichte des Fernsehens, S. 208

7 Als Beispiel führt Hickethier die verzerrte Darstellung von Nazi-Symbolen oder der Person Adolf Hitlers an. vgl.: Hickethier: Geschichte des Fernsehens, S. 37

8 Hickethier: Geschichte des Fernsehens, S. 59

9 Schildt, Axel: Moderne Zeiten. Freizeit, Massenmedien und ,,Zeitgeist" in der Bundesrepublik der fünfziger Jahre, Hamburg 1995

10 Ludes, Peter: Programmgeschichte des Fernsehens, in: Wilke: Mediengeschichte, S. 255

11 Hickethier: Geschichte des Fernsehens, S. 56

12 Hickethier: Geschichte des Fernsehens, S. 76

13 Die DDR beginnt am 21.Dezember 1952 mit einem Versuchsprogramm und nimmt drei Jahre später, am 21.Dezember 1955 den offiziellen Fernsehbetrieb auf., aus: Wilke: Mediengeschichte, S. 802

14 Das ZDF durfte täglich zwanzig Minuten in der Zeit von 18:00 bis 20:00 Werbung ausstrahlen.

15 Ambrosius, Gerold: Wirtschaftlicher Strukturwandel und Technikentwicklung, in Schildt, Axel u. Sywottek, Arnold (Hg.): Modernisierung im Wiederaufbau. Die westdeutsche Gesellschaft der 50er Jahre, Bonn 1993, S. 107

16 Radkau, Joachim: ,,Wirtschaftswunder" ohne technologische Innovation?, in: Schildt u.

Sywottek: Modernisierung, S. 114

17 Hickethier: Geschichte des Fernsehens, S. 111

18 Die folgenden Angaben stammen aus: Hickethier: Geschichte des Fernsehens, S. 112

19 Schildt: Moderne Zeiten, S. 263

20 aus: Schildt: Moderne Zeiten, S. 264

21 Schildt, Axel: Der Beginn des Fernsehzeitalters: Ein neues Massenmedium setzt sich durch, in: Ders./Sywottek: Modernisierung, S. 478

22 Schildt: Moderne Zeiten, S. 265

23 Schildt: Modernisierung, S. 479

24 Schildt: Modernisierung, S. 480

25 Schildt: Modernisierung, S. 479/ 480

26 Wilke: Mediengeschichte, S. 803

27 Hickethier: Geschichte des Fernsehens, S. 112

28 Schildt: Moderne Zeiten, S. 269

29 Hickethier: Geschichte des Fernsehens, S. 113

30 Schildt: Moderne Zeiten, S. 277

31 Schildt: Moderne Zeiten, S. 276 f.

32 Schildt: Moderne Zeiten, S. 277

33 Schildt: Moderne Zeiten, S. 278

34 Die Lokale hatten ab 1955 für ihre aufgestellten Geräte eine Vergnügungssteuer zu zahlen, welche Auswirkungen auf die Preisgestaltung hatte.

35 Schildt: Moderne Zeiten, S. 279

36 Die im Folgenden angegebenen Zahlen beziehen sich auf den SDR 1956. Zu dieser Zeit wurde wochentags von 16:30 bis 17:30 Uhr, von 19:00 bis 19:30 Uhr und von 20:00 bis 21:30 Uhr ein Programm ausgestrahlt. Am Wochenende strahlte man von 12:00 bis 12:30 Uhr, von 16:30 bis 18:00 Uhr und von 20:00 bis 01:00 Uhr ein Programm aus. aus: Schildt/Sywottek (Hrsg.): Modernisierung, S. 484 - 485

37 CDU/ CSU 45,4%, SPD 36,2%, FDP 12,8% aus: Conze, Werner u. Hentschel, Volker (Hrsg.): Ploetz. Deutsche Geschichte. Epochen und Daten, Freiburg u. Würzburg 1991, S. 305

38 CDU/ CSU 47,6%, SPD 39,3%, FDP 9,5% aus: Conze/ Hentschel: Ploetz, S. 305

39 CDU/ CSU 46,1%, SPD 42,7%, FDP 5,8% aus: Conze/ Hentschel: Ploetz, S. 306

40 Hickethier: Geschichte des Fernsehens, S. 199

41 Hickethier: Geschichte des Fernsehens, S. 200

42 Hickethier: Geschichte des Fernsehen, S. 199

43 Hickethier spricht hier von einer ,,Dynamik", aus: Ders., S. 199

44 Der SDR strahlte 1962 ein Krimimehrteiler ,,Das Halstuch" aus. Nach der Sendung gab es zwei Morde, wo ebenfalls ein Halstuch ein Rolle spielte. aus: Hicktehier: Geschichte des Fernsehens, S. 204

45 Beispiele hierfür wären: ,,Im Kreuzfeuer", ,,Das Filmstudio" etc.

46 Hintergrund der ,,Spiegel" - Affäre war die Durchsuchung der ,,Spiegel" - Redaktion und die Festnahmen des Herausgebers Rudolf Augstein und einige seiner Mitarbeiter. Grund für diese Durchsuchung war das Erscheinen einen Artikels über ein Bundeswehrmanöver. Franz Josef Strauß, Verteidungsminister, hatte dies angeordnet und fühlte sich im nach hinein nicht verantwortlich.

47 1962 als ,,Report" ergänzt

48 heutiger ,,Bericht aus Berlin"

21 von 21 Seiten

Details

Titel
Der Aufstieg des Fernsehens zum neuen Massen- und Leitmedium in den fünfziger und sechziger Jahren in der Bundesrepublik Deutschland
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Veranstaltung
"Auf dem Weg zur Mediendemokratie?" Politik und Massenmedien in der Bundesrepublik der fünfziger und sechziger Jahre
Note
2
Autor
Jahr
2000
Seiten
21
Katalognummer
V98305
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aufstieg, Fernsehens, Massen-, Leitmedium, Jahren, Bundesrepublik, Deutschland, Mediendemokratie, Politik, Massenmedien, Bundesrepublik, Jahre
Arbeit zitieren
Andreas Brömme (Autor), 2000, Der Aufstieg des Fernsehens zum neuen Massen- und Leitmedium in den fünfziger und sechziger Jahren in der Bundesrepublik Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/98305

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