Judith Butler und die Konstruktion des Geschlechts. Geschlecht und Rassismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

16 Seiten, Note: 1.00


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. SEX UND GENDER
2.1 Sozialkonstruktivismus
2.2 Gender Studies
2.3 Naturvom Körper
2.4 Diskurs und Macht

3. RASSISMUS
3.1 Geschichte des Rassenbegriffs
3.2 Geschichte des Rassismus
3.3 Rassismus heute

4 RACE TROUBLE

5. KONKLUSION

6. LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

«Wenn Menschen mich mögen, sagen sie, sietun estrotz meiner Farbe. Wenn Menschen mich nicht mögen, sagen sie, sie tun es nicht wegen meiner Farbe.» So beschreibt der Schriftsteller Frantz Fanon um 1952 den Rassismus in der französischen Kolonie Martinique. Leider hat das Thema keinesfalls an Aktualität verloren. Rassismus, eine Ideologie, die schon seit je her zu existieren scheint. Wir schreiben ihm eine unendliche Existenz zu und vergessen dabei, dass Geschichte bereits vor ihm begonnen hat und dass die Idee der Unterscheidung verschiedener Menschen aufgrund ihrer äusserlichen Merkmale nicht von Natur aus gegeben ist. Die historische Entwicklung des Rassismus beweist genau das. Es gab eine Zeit ohne Furcht vor dem Fremden, ohne Angst um das Eigene. Doch seit der Entwicklung des Rassenbegriffs und seiner Anwendung auf den Menschen ist der Rassismus in stetiger Veränderung und ein Ende scheint ungreifbar. Doch woher kommt die heute wohl wirkungsmächtigste Ideologie, die wir kennen? Wie konnte sich eine Idee so in die Köpfe der Menschheit einbrennen und die Vernichtung und Unterdrückung Millionen Menschenleben verantworten? In einer entwickelten Welt wie der unseren nimmt der Gedanke an eineTrennung von Rassen noch immer so viel Platz ein, dass man sich doch fragen muss, worauf dieser Gedanke eigentlich basiert und warum er trotz wissenschaftlichen Widerlegungen von Rassen, trotz der Ablehnung von Rassen im wissenschaftlichen Feld, noch immer so präsent ist.

Auf der Suche nach Ursprüngen war auch die amerikanische Philosophin Judith Butler. In ihrer Schrift «Das Unbehagen der Geschlechter» setzt sie sich mit den Geschlechtskategorien «Mann» und «Frau» auseinander und versucht die soziale Konstruktion dieses binären Kategoriensystems aufzuzeigen. Judith Butler hat mit ihren Texten nicht nur ein neues, transdisziplinäres Feld etabliert (Queer-Studies), sondern auch viele verwurzelte Grundannahmen infrage gestellt und angeregt, dies auch auf andere Disziplinen zu übertragen. Alles was Geschichte hat, ist sozial konstruiert und somit auch veränderbar.

In dieser Proseminararbeit soll die Theorie, die Judith Butler im Bereich der Gender Studies erschaffen hat, erläutert und aufden Bereich des Rassismus übertragen werden. Die Frage, warum Rassismus nur ein weiteres Konstrukt ist, woher es kommt und wieso man sich diesem so schwer entziehen kann, will ich mit Hilfe von Judith Butler zu beantworten versuchen.

2. Sex und Gender

2.1 Sozialkonstruktivismus

Der Begriff der sozialen Konstruktion spielt eine Schlüsslerolle bei den Gender Studies Der Konstruktivismus geht davon aus, dass alles immer schon sprachlich vermittelt ist (Hof 2008: 337). Essentialismus steht im Gegensatz dazu und gilt als die stärkste Version der Unvermeidlichkeit der Dinge, bekräftigt also, dass alles eine Essenz hat (Hacking 2000: 16). Somit werden die Dinge erst vom Betrachter selbst durch den Vorgang der Erkennung und Benennung dieser erschaffen oder eben: konstruiert. Sozialkonstruktivismus ist eine an den Konstruktivismus angelehnte Theorie, die von Berger und Luckmann erstmals beschrieben wurde. Es geht dabei um die Habitualisierung, Objektivierung und Internalisierung gesellschaftlicher Phänomene. Menschengemachte Phänomene werden erzeugt, institutionalisiert und an nächste Generationen weitergegeben, für die diese Phänomene als etwas «objektiv» vorhandenes erscheinen. Es wird also ein Prozess von der ursprünglichen Intersubjektivität zur Objektivität beschrieben, der die soziale Wirklichkeit und einzelne soziale Phänomene als sozial konstruiert erklärt (Luckmann 1992: 131ff.).

Ein Paradebeispiel für die Unterscheidung von Konstruktivismus und Essentialismus beschreibt Renate Hof: Für die Konstruktivisten sind die Geschlechtsunterschiede kulturell konstruiert und somit veränderbar, während die Essentialisten an einem prä-diskursiven Körper festhalten, also behaupten, es gäbe ein ursprüngliches Geschlecht (Hof 2008: 337).

2.2 Gender Studies

Geschlechterforschung hat seine Ursprünge in Amerika. Die Women's Studies erforschten Geschlech- terdiffernzen mit dem Ziel der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau (Hof 2008: 330). Mit der Forderung nach Gleichstellung wurde bisher vernachlässigtes Wissen über Frauen aufgeholt (ebd.: 330f.). Es ging nicht darum, die typischen Bilder von Mann und Frau zu revidieren, sondern sie als Konzepte eines gesellschaftlichen Ordnungsmuster zu erkennen und in einen umfassenden Kontext zu setzen (ebd.: 331). Bei diesen Forschungen sollte verständlich gemacht werden, dass die Hierarchie der Geschlechter historisch bedingt und nicht naturgegeben ist (ebd.). Die Anthropologin Gayle Rubin erstellte dazu das sex-gender-system als neues Ordnungsmuster (ebd.). Neben dem biologischen Geschlecht (sex) wurde auch die Geschlechtsidentität (gender) erstmals anerkannt und be- forscht, was der Anfang der Gender Studies bildete (ebd.: 332). Ihre Forschungsansätze reduzierten die Geschlechtskategorien nicht auf ihre biologische Bestimmbarkeit, sondern untersuchten ihre Existenz und die gesellschaftlichen Funktionen (ebd.). Eine der ersten Frauen, die sich zum Thema des Geschlechts äusserte, war Simone de Beauvoir. Mit dem berühmten Satz «Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es» (de Beauvoir 1992: 334), definierte sie unbeabsichtigt als erste Frau den Genderbegriff. Sie deklarierte in ihrem Buch «Das andere Geschlecht» die Unterlegenheit der Frau als Mythos und verfocht die These, dass ohne die Geschichte nur die Biologie zur Erklärung der Asymmetrievon Mann und Frau blieb.

Die von Simone de Beauvoir formulierte These konstituierte den Ansatzpunkt für Judith Butler, die grundlegenden Theorie der Gender Studies weiterzuführen und zu hinterfragen. Waren diese bisher immer von einerTrennung von Natur und Kultur ausgegangen, behauptete Judith Butler nun, dass selbst der Begriff «sex» und das Verständnis des geschlechtlichen Körpers kulturell vermittelt sei und macht «gender» und «sex» damit konform (Villa 2012: 59). Für Butler ist «gender», also die Geschlechterrolle, nur ein Mechanismus durch genau diesen die Vorstellung von Männlichkeit und Weiblichkeit sowohl produziert als auch naturalisiert wird. Konkret bedeutet dies, dass durch die Trennung von «sex» und «gender» und der damit verbundenen Festschreibung eines natürlichen biologischen Geschlechts eben dieses hergestellt wird (Butler 2009: 74). «Gender» wird so zum Produktionsapperat, durch den ein «natürliches Geschlecht» als der Kultur vorgelagert, hergestellt und etabliert wird (Butler 1991: 24). Butler sieht die Differenz zwischen «sex» und «gender» selbst als einen kulturellen Effekt, der durch die diskursive Ordnung hervorgebracht wird (ebd.)

Butler geht aber noch weiter. Für Sie gilt nicht nur das biologische Geschlecht als diskursiv produziert, sondern auch die sexuelle Orientierung. Sie beschreibt in diesem Zusammenhang eine Matrix der lllegibilität, die heterosexuelle Matrix, die den diskursiven Rahmen für unsere Entscheidungen vorgibt (Meissner 2012: 39). Entscheidungen, die Sexualität, Geschlecht und Begehren betreffen, sind nicht frei, sondern gezwungen in diesem diskursiven Rahmen zu bleiben. So entsteht eine Zwangsheterosexualität1, da das Begehren durch ein Regulierungsverfahren gesteuert wird. Diese Zwangssexualität begründet sich auf dem «natürlichen» Ziel der Reproduktion (ebd. 41). Für Butler ist jedoch genau dieses Argument der Reproduktion eine diskursive Strategie zur binären Regulierung der Sexualität (Villa 2012: 70). In diesem Zusammenhang stellt Butler klar, dass auch die angeblich natürlichen Sachverhalte des Geschlechts wie Begehren diskursiv produziert sind (Butler 1991: 23).

Im binären Diskursrahmen hat man also nur die Wahl, sich zwischen zwei vorgegebenen Geschlechtern einzuordnen.

Damit verbunden ist der Begriff der Performanz. Aus der Perspektive der Performativität wird das «autonome Subjekt» nicht mehr vorausgesetzt, vielmehr liegt der Schwerpunkt auf der Herstellung von Identität als Prozess. Dieser Prozess besteht aus dem Zitieren von Konventionen und Normen, gemäss diskursiver Regeln. Diese Praxis von sich wiederholenden Befolgung von Normen, die aus Tabus, Sanktionen, Einschärfungen, Verboten und performativen Sprechakten bestehen, erzeugt die Wirkung, die sie benennt (Butler 1995: 154). Durch die Verkörperung von Normen, welche durch performative Akte zum «natürlichen» Zwang werden, wird eine Natur produziert, wobei die performativen Akte vorgeben, diese nur zum Ausdruck zu bringen (Butler 1991: 74). Es gibt keinen Ursprung und kein Original des Gender, denn jede Geschlechtsidentität besteht aus wiederholten Darbietungen (Butler 1991: 206).

2.3 Natur vom Körper

Judith Butler wird oft vorgeworfen, die Realitäten des Körpers zu vernachlässigen. Damit sind die unübersehbaren Differenzen zwischen Frau und Mann gemeint, welche von Geburt an gegeben sind. Diese Kritiker missverstehen Judith Butler aber in ihrem Anliegen. Sie ignoriert diese Merkmale nicht, behauptet jedoch, dass selbst das biologische Geschlecht bereits durch die Identität des Geschlechts kulturell konstruiert ist (Butler 1995: 16). Es geht nicht darum die körperlichen Differenzen zwischen Mann und Frau zu ignorieren, vielmehr möchte sie den Körper als Potenzialität, als Ort der Möglichkeit zu denken lernen (Villa 2012: 83). Damit will sie die «Biologie als Schicksal», den Zwang, dem man von Geburt an ausgesetzt ist, überwinden (Butler 1995: 10). Butlers Argument gegen die Kritiker besagt also, dass die «natürlichen», biologischen Tatsachen immer schon als etwas gesehen werden, bereits diskursiv geprägt sind und es somit keine Bezugnahme auf den reinen Körper gibt (Butler 1995: 33)2. Von der Natur vom Körper lässt sich nur innerhalb einer symbolischen Ordnung sprechen und so ist auch das Bild einer unabhängigen Natur ein kulturell erzeugtes Denkmuster (Hof 2008: 336). Der Zugang zur Welt ist immer sprachlich, also sozial konstruiert. So ist der Baum von uns konstruiert, denn wir unterscheiden ihn von einem Stein oder einem Strauch. Dies gilt ebenso für den Körper. Der «eigentliche» Körper gibt es nicht, denn wir formieren ihn währendem wir ihn aussprechen (Butler 1995: 33). Judith Butler sieht jedoch immer eine Differenz zwischen Sprache und Materialität, die beiden sind nie komplett identisch (ebd.: 100).

Wenn wir uns ein Bild von unserem Selbst, von unserem Körper machen, dann ist dieses Bild von projektiven Idealisierungen geprägt. Das Bild von uns selbst existiert nur durch die Fantasie und bereits die Umrisse des Körpers sind teilweise das Ergebnis einer externalisierten Identifizierung (ebd.: 125). Wir nehmen ihn nicht als etwas Eigenes, Inkommensurables an, sondern definieren ihn durch Vergleiche und Unterscheidungen (ebd.). Genau das will Butler problematisieren und anregen, das Konzept des Natürlichen zu überdenken, denn auch die Natur hat eine Geschichte (ebd.: 25). Gegen diesen Dualismus zwischen Natur und Kultur will Judith Butler Vorgehen, denn genau diesem liegt auch die Unterscheidung von «sex» und «gender» zugrunde (Villa 2012: 96). Sie will den Essenzialis- mus, der die Essenz des biologischen Geschlechts behauptet, widerlegen, sich dabei aber nicht der konstruktivistischen Theorie anschliessen, dass Natur durch das Diskursive determiniert sei (Butler 1995: 26). Vielmehr ist die Sprache so realitätsmächtig, dass sie durch die Beschreibung der Natur Naturalisierungseffekte erwirkt, Natur erzeugt (ebd.: 306).

2.4 Diskurs und Macht

Die Veränderung der Gender Studies durch Judith Butlers besteht in ihrem Kern aus der Konzentration auf Sprache bzw. Diskurs als Ort der Konstruktion sozialer Wirklichkeit (Villa 2012: 19). Um dies zu begreifen, sind jedoch Klärung von Begrifflichkeiten, wie sie Judith Butler zu verstehen weiss, unabdingbar. Dabei fangen wir mit der These an, unser Handeln sei nur im Kontext von Normen verständlich (Meissner 2012: 13). Erst die Unterwerfung unter Normen macht uns zu handlungsfähigen Subjekten, wir erlangen unseren Subjektstatus erst in Bezug auf Normen selbst (ebd.). Dies ist an einem Beispiel verständlich zu machen: Der Begriff der Norm bezieht sich auf symbolische Kategorien wie Mann und Frau, die die Weltfür uns annehmbar und verständlich machen. Das Menschliche ist nur unter diesen Normen denkbar (ebd.).

Diesem Konzept liegt die produktive Wirkung der Sprache zugrunde. Sprache ist jedoch nicht einfach als die Bezeichnung von Dingen zu verstehen, vielmehr interessiert sie Butler als bedeutungsstiftendes Regelsystem, als Diskurs (ebd. 14). Butler greift dabei Ferdinand de Saussures Zeichensystem auf. Saussure nimmt an, dass die Bedeutung eines Objekts nicht aus diesem hervorgeht, sondern seine Bedeutung innerhalb des Systems der Sprache selbst entsteht (ebd. 15). So ergibt sich der Sinn des «Berges» beispielsweise erst in Relation und Differenz zu der Bedeutung «Tal». Die Beziehung von dem Bezeichnenden (Signifikant) und dem Bezeichnetem (Signifikat) sind arbiträr und doch ist dieses arbiträre Verhältnis in einem geregelten System. Die Grundannahme von de Saussure ist also, dass Bedeutung nicht in der Welt liegt und von Sprache repräsentiert wird, sondern eben gerade in dem System der Sprache erst entsteht (ebd. 16). Diesen Ansatz greift Judith Butler auf, wobei sie einwendet, dass das Verhältnis von Signifikant zu Signifikat niemals zu einer stabilen Bedeutung führen kann. Für Butler können Bedeutungen variieren und sich anpassen, sie sind nicht unveränderlich (ebd.).

Um nun zurück auf den Diskurs zu kommen, muss dieser erst verständlich gemacht werden: Diskurs ist nicht die Sprache selbst, sondern vielmehr die Bezeichnung für eine Ordnung, innerhalb derer bestimmte Aussagen möglich sind und andere nicht (ebd.).3 Der Diskurs hat eine produktive Wirkung, denn er strukturiert unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit und bringt sie so hervor (ebd. 17). Als Beispiel dafür dient die bereits erwähnte Ordnung der Zweigeschlechtlichkeit, die heterosexuelle Matrix. Dabei wird von einer sprachlichen Unterscheidung (Mann und Frau) ausgegangen, die auf den natürlichen, körperlichen Merkmalen beruht. Diskurstheoretisch gibt es aber keinen direkten Bezug auf eine vorsprachliche Natur, also ist auch die biologische Erklärung der Zweigeschlechtlichkeit bereits sprachlich vermittelt und sie auf die vorsprachliche Wirklichkeit zurückzuführen wird unmöglich, weshalb Judith Butler auch die Unterscheidung von «sex» und «gender» entschieden zurückweist (ebd. 17). Die Ordnung der Binarität der Geschlechter ist nicht stabil, sondern historisch hergestellt und prinzipiell veränderbar (ebd. 20).

Um diese Veränderbarkeit begreifbar zu machen schliesst Butler an Foucaults Macht-Diskurs System an. Für Foucault gibt es nicht die Macht. Vielmehr konzentriert er sich auf den relationalen Charakter der Machtverhältnisse (Lavagno: 52). «Jede Macht erzeugt eine Gegenmacht» (Foucault 1977: 116). Macht wird also als Wirkung von sozialen Elementen auf andere soziale Elemente verstanden. Dabei bringt Foucault sie nicht wie viele andere mit Unterdrückung in Zusammenhang, sondern schätz ihre produktive Wirkung (Meissner 2012: 26). Darum ist für Foucault ein Leben ohne Macht ausgeschlossen, denn die Befreiung von Macht ist unmöglich, da jeder Widerstand gegen Macht genau diese erzeugt (Lavagno: 52). Daran schliesstJudith Butler mit Machteffekten an: Die heterosexuelle Form des Begehrens als Normalität erzeugt andere Formen des Begehrens (wie inzestuöses Begehren). Diese anderen Formen erscheinen nur als «Abweichung» zur Normalität, durch welche sie erzeugt wurden (Meissner 2012: 28).

Um auf die am Anfang angesprochenen Normen, die unser subjektives Selbst ermöglichen zurückzukommen; Normen sind historisch kontingent, was nicht bedeutet, dass sie beliebig sind. Jedoch erscheinen bestimmte Normen in historischen Konstellationen als Notwendigkeit und entfalten dabei ihre Machtwirkungen und Naturalisierungseffekte (ebd. 28f.).

3. Rassismus

3.1 Geschichte des Rassenbegriffs

Aus Erfahrungen jüngster Geschichte wird oft gemeint, der Begriff der Rasse sei eine Deutsche Erfindung. Der Rassenbegriff wurde aber weder von den Nationalsozialisten entdeckt, noch ist er eine moderne Erfindung. Vielmehr wurde er erstmals von den Nazis mit so gründlicher Konsequenz durchgesetzt (Arendt 1986: 267). Doch woher kommt der Begriff der Rasse?

Heute wird der Rassenbegriff vor allem zur Beschreibung von Tierarten verwendet (Geulen 2014: 13). Der Begriff ist aber weder zoologischer noch biologischer Abstammung. Er wurde nicht vom Tier auf den Menschen übertragen, sondern gerade umgekehrt (ebd.). Arabisch «raz» (Kopf, Anführer, Ursprung) wurde der Begriff der Rasse im 15. Jahrhundert für die Beschreibung und Abhebung von adligen Familien von den unteren Schichten gebraucht. Dabei bezog er sich auf die Eigenschaften, die diese Familien ausmachten (ebd.: 14). In einem anderen, heute bekannteren Zusammenhang wurde der Begriff während des 15. Jahrhunderts in Spanien zur Aufspürung zu bekehrender Gruppen verwendet (ebd.: 35). Von Spanien verbreitete sich die Verwendung des Rassenbegriffs über ganz Europa. Wurde er anfangs nur zur Beschreibung von Juden und Mauren verwendet, diente er im 16. und 17. Jahrhundert zur Bezeichnung von so gut wie jeder Art von Kollektiv (ebd.: 36). Er stand für das, was dem Auge verborgen blieb: das im Blut liegende, in den Tiefen der Herkunft liegende (ebd.: 38). Erst ab dem späteren 18. Jahrhundert wurde der Begriff als eine naturwissenschaftliche Kategorie zur Unterscheidung äusserlicher Merkmale zwischen Menschen verwendet (ebd. 36). Man könnte meinen, die Gedanken der Aufklärung von Gleichheit und Brüderlichkeit wären gute Voraussetzungen für die Gleichstellung von Menschen, von ihrem äusseren Erscheinungsbild abgesehen. Doch die Suche nach wissenschaftlichen Beweisen für die Ungleichheit der Rassen und die Ursprünge des Rassenbegriffs wie er im heutigen Verständnis gebraucht wird, liegt historisch gesprochen im Anfang des achtzehnten Jahrhunderts (Arendt 1986: 267). Und die Idee verschiedener Rassen war eine der erfolgreichsten ihrer Zeit (Geulen 2014: 14). Der Begriff konnte universell und für die unterschiedlichsten Arten von Gruppen verwendet werden. Für die Abgrenzung zu Juden, Schwarzen oder Homosexuellen. Dies machte den Begriff auch so erfolgreich: Jede und jeder gehörte einer Rasse an, ob gewollt oder nicht (ebd.: 15). Das Spektrum und der Spielraum, welcher der Begriff der Rasse öffnete, ist gefährlich gross und vor seiner Bezeichnung bleibt niemand verschont. Auch wenn nicht immer von «Rasse» die Rede ist, Rassismus kommt heute ohne expliziten Rassenbegriff, oder vielleicht gerade deswegen sehr gut aus (ebd.: 16). Der Begriff der Rasse muss jedoch klar von dem des Rassismus abgegrenzt werden. Die Einführung des Rassenbegriffs hat zum heutigen Verständnis von Rassismus beigetragen, konstituierte aber nicht den Rassismus selbst.

3.2 Geschichte des Rassismus

Ist der Begriff der der Rasse in der heutigen Zeit und insbesondere in der abendländischen Gesellschaft weitgehend geächtet, erlebt seine soziale Realität noch immer ein Aufblühen und ist kaum wegzudenken (Wernsing 2018: 7). Ein Phänomen, über welche sich viele einig sind, dass ohne eben dieses die Welt ein besserer Ort wäre und dem trotzdem noch immer eine solche Wichtigkeit zugetragen wird. Der Ursprung des Rassismus muss schon weit zurück liegen, so weit, dass man vergessen hat, dass auch rassistische Ideen irgendwann entstanden sind und somit gemacht wurden und nicht aus der Natur selbst entsprangen.

Rassistische Muster, so wie sie im heutigen Verständnis interpretiert werden, gab es auch schon zu Beginn der Antike und während des Mittelalters. Lebten zu Beginn der Antike viele, sich in Religion und Kultur unterscheidende Gruppen, gemeinsam in einem Reich, gab es doch die Abgrenzung von den Griechen zu den Barbaren (Geulen 2014: 18). Diese waren, wie Aristoteles sie beschrieb, von Natur aus einem Tier gleich und somit die geborenen Sklaven (ebd. 20). Auch wenn dies im heutigen Verständnis nach Rassismus tönt, gehörten die Barbaren und Sklaven zum griechischen, sowie römischen Weltbild und niemand hätte jemals daran gedacht, dass eine Welt ohne sie eine bessere wäre (ebd.: 21). Der Gedanke einer Gefahr durch eine fremdkulturelle Gemeinschaft sowie die Existenz eines «Volkes», geschweige denn einer Rasse war in der frühen Antiken fremd (ebd.: 18-23).

Was zu einer Veränderung der Wahrnehmung kultureller Differenzen führte war die Religion (ebd.: 24). Im Mittelalter kam erstmals der Gedanke einer universalen Christenheit und darüber hinaus einer universalen Bruderschaft auf (ebd.: 29). Die Welt wurde durch eine Idee der Einteilung entzweit: Die Aufteilung in Heil und Verdammnis (ebd.: 30). Eine prägende Idee, dass ein Ausschluss eines immanenten Teiles des Ganzen zum Wohle der Gemeinschaft dienen könnte (ebd.). Die aus heutiger Sicht rassistischen Elemente der Antike und des Mittelalters waren jedoch weder von politischen Motiven noch von einer Ideologie verschiedener Rassen geprägt und können deshalb frei von Rassismus gesprochen werden (ebd.: 32). Die Neigung, «harmlose» Äusserungen und Handlungen aus der Vergangenheit zu überschätzen entspringt der Erfahrung und politischen Gegebenheiten, von denen zu Zeiten des Mittelalters noch nichts geahnt werden konnte (Vgl. Arendt 1986: 306).

Mit Beginn der Neuzeit und erstmaliger Verwendung des Rassenbegriffs dieser Epoche veränderte sich die Situation grundlegend. Die seit dem achten Jahrhundert muslimisch-arabisch dominierte Gesellschaft Spaniens erlebte im fünfzehnten Jahrhundert eine Rekatholisierung, die die Zwangsbekehrung aller Juden und die Vertreibung des Islams aus Spanien forderte (ebd.: 33). Ziel war die Wiederherstellung der Reinheit und Einheit Spaniens (ebd.: 34). Dies bedeutete, die Aufspürung und Bekehrung aller Juden, nicht nur äusserlich, sondern auch innerlich (ebd.). Was als eine Frage der Reinheit des Glaubens begann formte sich zu der Frage nach der Reinheit des Blutes (ebd.: 35). Zu dieser Zeit wurde erstmals die Verwendung des Begriffs «Race» zur Bezeichnung zu Bekehrender verwendet (ebd.). Mithilfe dieses Begriffs wurden neue, «natürliche» Kategorien erfunden, die der Beschreibung der Zugehörigkeit dienten (ebd.). Abstammung trat anstelle des Glaubensbekenntnisses als zentrales Merkmal der Zugehörigkeit (ebd.). Ziel und Zweck dieser Kategorien war es, die verschiedenen «Kulturen» zu ordnen und dann mithilfe der Zwangsbekehrung zu einigen (ebd.). Diese Entwicklung hatte mit Spanien selbst wenig zu tun, da sich in ganz Europa der Wille zu einer Neuordnung regte (ebd.). Die Begrifflichkeiten Rasse, Abstammung und Herkunft wurden alle praktisch identisch verwendet und sie alle lösten das bisher primäre Kriterium der Religion für Zugehörigkeit ab (ebd. 37). Rückblickend lässt sich sagen, dass mit der Vertreibung der Muslime und der Erfindung der jüdischen Rasse im Jahre 1492 der Beginn des neuzeitlichen Rassendiskurses geschaffen wurde (ebd.).

Die Entdeckung Amerikas im selben Jahr schaffte das erste globalisierte Wirtschaftssystem: Den Dreieckssklavenhandel zwischen Europa, Amerika und Afrika (ebd. 39). Bis ins 19. Jahrhundert wurden zwischen elf und fünfzehn Millionen Menschen zwangsdeponiert (ebd.). Die vernichtende Kolonisie- rungs- und Verdrängungspolitik wird im Nachhinein als Völkermord und rassistische Formen der Ausrottung fremder Kulturen betrachtet (ebd. 40). Doch die Handlungen, die zu diesen Massenmorden führten, wurden weder durch ein politisches Programm noch durch anfängliche rassistische Überlegenheitskonzepte legitimiert (ebd.). Die Versklavung der Negerstämme machten die sklavenhaltenden Völker nicht zu ideologischen Verfechtern von Rassendoktrinen (Arendt 1986: 295). Die koloniale Expansion, so schrecklich sie auch war, kann nicht Folge rassistischer Denkmuster sein, vielmehr gilt sie als langfristige Bedingung, die neuzeitlichen europäischen Rassismus überhaupt möglich machte (Geulen 2014: 41).

Durch die Eroberung der «neuen Welt» sahen sich vor allem Geistliche mit der potentiellen Erweiterung des Christentums konfrontiert (ebd.: 45). Sie waren die ersten, die begannen die verschiedenen Völker körperlich und moralisch zu kategorisieren (ebd.). Ab dem siebzehnten Jahrhundert taten es ihnen Ärzte, Philosophen, Naturkundler gleich und es wurden viele wirre Theorien aufgestellt, nach denen sich die verschiedenen Völker unterschieden sollten (ebd.). Der Menschheitsbegriff der Aufklärung beschrieb einen Wendepunkt war bisher von asymmetrischen Gegenbegriffspaaren wie Römer vs. Barbaren oder Christ vs. Heide die Rede, etablierte sich nun eine neue Form des Universalismus (ebd.). Diese beschrieb die Menschheit als einzige Zugehörigkeit, es gab keinen Gegenbegriff (ebd.: 50f.). Die Aufklärer sahen sich vor der Aufgabe die kulturellen Differenzen mit dem Konzept der einen Menschheit zu verstehen (ebd.: 51). Der aristotelische Gedanke der Klimadifferenzen zur Erklärung kultureller Differenzen wurde dabei erneut aufgenommen (ebd.). «Kalte Luft strafft, warme Luft erschlafft», so formulierte es Montesquieu (ebd.). Bei dieser Klima- Theorie war natürlich Europa das perfekte und unhinterfragte Mittel (ebd.). Entscheidender als diese Ursprungsdebatten waren die neuen Verhältnisse von Partikularismus und Universalismus, die zu einer bisher unbekannten Gemeinschaftsbildung führten: die Nation (ebd.: 52). Dass der Begriffdes Nationalismus im heutigen Gebrauch vielfach mit dem des Rassismus vermischt wird, liegt vor allem am Nationalsozialismus, der das Konzept der Nation für Propaganda benutzt hat. Doch die Rassenideologie des zweiten Weltkrieges war im Kern nicht patriotisch, dem Nazismus fehlte es nicht an Bereitschaft, das eigene Volkfür höhere Interessen der arischen Rasse zu opfern (Arendt 1986: 290). Die Nation wurde ursprünglich als Stück der Menschheit, welches sich zu einer politischen Gemeinschaft zusammengeschlossen hat, verstanden (Geulen 2014: 52). Wenn die universale Menschheit mit einer bestimmten Nation gleichgesetzt wurde, so tendierte die Wahrnehmung der Nicht-Zugehörigen zur schlussendlichen Entmenschlichung (ebd.). Für diese Fälle schuf der Mensch einen Gegenbegriff zum Menschlichen (ebd. 53). Es soll dieses paradoxe Konzept des Unmenschen sein, welches letztendlich zur Legitimierung der Vernichtung ganzer Völker führte (ebd.).

[...]


1 Vgl. Foucault Sexualität und Wahrheit 1994

2 Vgl. Foucault 1974: 86: «Es gibt kein eigentliches Wesen, weil alles schon Interpretation ist.»

3 Vgl. zu dieser Thematik Foucault 1981: 74: Diskursanalyse

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Judith Butler und die Konstruktion des Geschlechts. Geschlecht und Rassismus
Hochschule
Universität Luzern
Note
1.00
Autor
Jahr
2020
Seiten
16
Katalognummer
V983250
ISBN (eBook)
9783346338235
ISBN (Buch)
9783346338242
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Judith Butler, Sozialkonstruktivismus, Rassismus
Arbeit zitieren
Lisa Thomann (Autor:in), 2020, Judith Butler und die Konstruktion des Geschlechts. Geschlecht und Rassismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/983250

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